Heim-zahlen

Sonett zum Thema Einsamkeit

von  Irma

Die trübe Linse schwimmt im grauen Teller.
Mitunter scheint darin ein Rest Verstand
zu haften, blickt das Auge merklich heller
und leistet sich kurz Halt im fremden Land,

wo fremde Lippen löffelweise klagen:
„Du bisschen kosten. Kosten! Is‘ gesund.“
Zur Hose, aus der lila Stöcke ragen,
rinnt laufend Suppe aus dem müden Mund.

Im blinden Wasserglas verwelken leise
zwei Stiele violetter Gladiolen.
Der Greis - er würgt, erbricht die letzte Speise,

geht irgendwann nachts heimlich auf die Reise
zum Vater. Dann kommt wohl sein Sohn nach Polen:
Kommt, um den alten Mann doch heimzuholen.

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Kommentare zu diesem Text


 Isaban (05.08.13)
Pflegetourismus, es ist sehr viel billiger, seine Angehörigen im Ausland pflegen zu lassen - und(natürlich nicht nur in finanzieller Hinsicht) sehr viel schwerer zu ertragen, wenn man die häusliche Pflege selbst leisten muss. Wir schieben unsere Alten ab, neuerdings nicht nur ins Heim, sondern auch noch in fremde Länder, aus den Augen, aus dem Sinn - auch eine Form der Gesundheitsreform, bei der nicht mehr Menschlichkeit sondern Kostenersparnis das Kriterium ist.
Richtig böse ist da die Doppeldeutigkeit in S2, V2
„Du bisschen kosten. Kosten! Is‘ gesund.“

Ich hadere noch, ob mir das "er würgt" in S3, V3 gefällt, es ist so doppelt gemoppelt, es lässt den Lesefluss stocken, wirkt der Metrik, d.h. der Form geschuldet - aber das soll es wohl auch, denn genau das ist ja das Thema, diese Entsorgung unserer Alten, die Pflege, die nur noch der Form genügen muss, die nichts mehr mit dem zu tun hat, was richtig wäre, was sich richtig anfühlen würde. Hauptsache 11 Silben, Hauptsache ins Korsett gezwängt, es muss ja nicht schön aussehen, Hauptsache, alle Anforderungen sind so grade eben erfüllt. Doch, ja, hier ist das Würgen vor dem Erbrechen genau das richtige Stilmittel, um zu bebildern, wo es in unserer Gesellschaft hakt.

Ein grauenhaftes Sonett, wirklich gut gemacht, grauenhaft, weil man die Bilder nicht aus dem Kopf bekommt und weil sie genau dort treffen, wo sie treffen sollen.

Liebe Grfüße

Sabine

 Irma meinte dazu am 22.08.13:
Ich danke Dir herzlich für Deinen Kommentar und die Empfehlung. In diesem Fall freue ich mich wirklich sehr über die Betitelung "grauenhaftes Sonett"! Viele liebe Grüße, Irma

 Lluviagata (05.08.13)
Ich muss heulen.

 Irma antwortete darauf am 22.08.13:
Ach nö ...! (*Taschentuch reich*) Danke Dir herzlich. LG Irma
janna (66)
(05.08.13)
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 Irma schrieb daraufhin am 22.08.13:
Dankeschön! LG Irma

 susidie (05.08.13)
Diese Vorstellung ist grauenvoll, aber leider existent. Und keine Aussicht auf Besserung. Dieses berührende Thema toll beschrieben. Gruß von Su :)

 Irma äußerte darauf am 22.08.13:
Nein, es wird wahrscheinlich eher noch schlimmer ... Danke Dir herzlich. LG Irma
Steyk (61)
(05.08.13)
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 Irma ergänzte dazu am 22.08.13:
Ja, es ist wohl eher unwahrscheinlich, dass der alte Mann in der Heimaterde begraben wird. (Das habe ich versucht zu veranschaulichen, indem das "kommt" in den letzten beiden Zeilen unbetont bleibt.) Er muss erst um-kommen, bevor er heimkommt. Wenn überhaupt. Ich danke Dir herzlich für die Empfehlung. LG Irma
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