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Warum wir weiterkämpfen - ein Grund

Essay zum Thema Krieg/Krieger


von TrekanBelluvitsh

Bei der Beschäftigung mit dem Kriege ist es eines der größten Probleme herauszufinden, was die Menschen antreibt, sich in eine Situation zu begeben, in der ihr vorzeitiger Tod nicht unwahrscheinlich und eine Verwundung – die Kämpfer durch die Jahrhunderte oft noch mehr gefürchtet haben -  wahrscheinlich ist. Denker aus allen Bereichen des Lebens – Philosophen, Geistliche, Politiker, Historiker, Soziologen – versuchen bereits seit Jahrtausenden diesem Enigma auf die Spur zu kommen. Allein diese Tatsache zeigt, das wir es hier mit einem schwer entwirrbaren Konglomerat aus Gründen, Überzeugungen, Ansichten, Tatsachen und Notwendigkeiten zu tun haben und einfache Antworten sind bei diesem Fragenkomplex schon allein aus systemimmanenten Gründen abzulehnen. Allein über das, was wir heute politische Indoktrination nennen, müsste man, wenn man alle Facetten erfassen wollte, eine ganze Serie von Büchern schreiben und selbst wenn man sich über ihre Wirkmächtigkeit einigen könnte, hielte man doch nur ein Teil des Puzzles in der Hand.
  Darum soll hier also auch nicht zur Gänze ergründet werden, warum die Menschen immer wieder in Kriege gezogen sind und es immer wieder tun werden, warum der alte und immerwährende Wunsch der Friedensbewegung „Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin“ allzu illusorisch ist. Vielmehr ist die Annahme für die folgende Argumentation, dass ein Krieg bereits stattfindet und es soll an einem beispielhaftem Vergleich versucht werden zu zeigen, warum wir weiterkämpfen - ein Grund.



Verlieren verboten

„Wer kämpft kann verlieren, wer nicht kämpft hat bereits verloren.“

Den meisten wird diese Aussage nicht unbekannt sein. Es ist auch davon auszugehen, dass sie die Zustimmung vieler Zeitgenossen heute findet, gestern gefunden hat und auch morgen finden wird. Man braucht nur Interviews und Homepages diverser Leistungssportler heranzuziehen, um die Beliebtheit dieser Phrase zu konstatieren. Neben ihrer simplifizierenden Verallgemeinerung (wie: „Wer trinkt kann demnächst sterben, wer nicht trinkt wird demnächst sterben“) ist für ihr Verständnis von entscheidender Bedeutung, dass man sie nicht wortwörtlich auffassen darf, denn das würde ja bedeuten, dass bereits der engagierte Versuch Anerkennung verdient. Gerade dies ist jedoch nicht gemeint. Vielmehr ist es so, dass in der westlichen Kultur, die sich gerne (auch) leistungsorientiert darstellt, das Wort 'bemühen' schon auf den Status eines Schimpfwortes herabgesunken ist. Gemeint ist vielmehr, dass man es so lange zu versuchen hat, bis man erfolgreich ist, dass das Scheitern immer nur eine zeitweilige Erscheinung ist, ja, seien muss. Im Umkehrschluss wird aus der Phrase abgeleitet, dass Erfolglosigkeit stets die Folge von zu wenig Anstrengungen ist. Wenn man das Richtige tut, nicht nachlässt und kämpft, wird einem am Ende der Erfolg beschieden sein.
  Für dieses fanatische Glaubensbekenntnis der sich als Leistungsgesellschaft definierenden zivilen Ebene, gibt es auf der militärischen Ebene das Äquivalent der Tapferkeit, unter der man all diese Vorstellungen subsumieren kann. Tatsächlich ist die Tapferkeit das engste Band, das militärische Formationen durch die Zeiten hinweg zusammengehalten hat (zumeist in Verbindung mit der Kameradschaft, doch darauf soll an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden) und dies wird von der zivilen Ebene auch meistens unterstützt, eben weil die mit der Tapferkeit verbundenen Vorstellungen ihr nicht fremd sind.

Auch historisch wenig Interessierte haben zumeist eine Vorstellung von der Schlacht bei den Thermopylen (480 v. Chr.) und dem tapferen Opfergang der 300 Spartiaten unter ihrem König Leonidas. Noch Friedrich Schiller dichtete 1795: „Wanderer, kommst du nach Sparta, verkünde dorten, du habest uns hier liegen sehen, wie das Gesetz es befahl.“ Hier stahlt die Tapferkeit so hell, dass sie die historische Wirklichkeit überstrahlt, denn die verbündeten Griechen, die bei den Thermopylen den Großteil der Truppen stellten, finden selten Erwähnung, ebenso wie der Athener Themistokles, der nach dem Sieg über die Perser als Befreier Griechenlands gefeiert wurde, auch von Sparta.
  Ganz ähnlich verhält es sich mit Dschingis Khan. Die schwarze Standarte, sein Feldzeichen, wird noch heute von der mongolischen Armee gehütet und verehrt. Und noch immer darf in keinem Bericht über Dschingis Kahns Kriegszüge der todesmutige Furor seiner Truppen fehlen und immer wieder wird darauf verwiesen, das in seiner Armee, deren kleinste Einheit Gruppen von ungefähr 10 Mann waren, alle Männer einer Gruppe mit dem Tode bestraft wurden, sollte sich auch nur einer feige verhalten und das auch ungeachtet der Tatsache, was dies für ein Heer bedeuten würde, wenn es eine Schlacht verlöre. Die träumerische Vorstellung von Tapferkeit verstellt hier den Blick auf die Realität, da wir in der Auseinandersetzung Romantik versus Disziplinierung auch heute noch gern die Romantik wählen.

Als gegen Ende des Zweiten Weltkrieges von der Führung des Deutschen Reiches die Parole „Wir kapitulieren nie“ ausgegeben wurde, appellierte man weniger an die politische Einheit von Führer, Volk und Vaterland, als dass man die die Bevölkerung zur bedingungslosen Verteidigung der Heimat aufforderte. Mit großer  Tapferkeit sollte sich jeder den Feinden Deutschlands in den Weg stellen (ähnliches hatte die Sowjetunion im Jahre 1941 mit der Proklamierung des „Großen vaterländischen Krieges“ getan, als man bewusst auf das sozialistische Element verzichtete). Dieser Mobilisierung maß man derartige Bedeutung bei, dass man noch in den letzten Kriegsmonaten unter schwierigsten Bedingungen und mit einem geradezu phänomenal absurden Aufwand das verschrobene Historiendrama  'Kolberg' für die deutschen Kinos zu produzieren, um an die Tapferkeit der Volksgenossen zu appellieren. Im Ergebnis gelang es zwar die Wehrmacht im Osten für den Kampf gegen die Rote Armee bis zum letzten Tag zu motivieren, doch war das eher die Folge der deutschen Russenangst, deren Wurzeln bis weit in die Zeit vor dem 3. Reich zurückreichen.
  Im Westen hingegen verhallte dieser Appell in der Endphase des Zweiten Weltkrieges zuweilen ungehört. 1945 ergaben sich deutsche Truppenverbände des Öfteren sehr untapfer nach einem meist nur symbolischen Widerstand gegen die amerikanische und britische Armee, sobald sie die Chance dazu hatten.

Auch heute, in einer Zeit in der die westlichen Gesellschaften kaum noch militärische Auseinandersetzungen kennen oder schätzen, hat die Tapferkeit kaum etwas von ihrer Anziehungskraft eingebüßt. Hier sein nur an die Bewahrer des Wikingermythos erinnert, die jene Nordmänner zumeist darum verehren, weil sie sie für mutige und tapfere Krieger und Seefahrer halten. Ähnliche Vorstellungen gelten auch für Historiengruppen, deren Mitglieder gerne als römische Legionäre, keltische Krieger oder Landwehrsoldaten aus den Befreiungskriegen ihre Wochenenden verbringen. Natürlich darf dabei die den Menschen stets verlockende Freude an der Verkleidung nicht übersehen werden, allerdings wählen sie sich ihre historischen Verkleidungen auch darum aus, weil sie den römischen Legionären, den keltischen Kriegern oder den Landwehrsoldaten aus den Befreiungskriegen einen hohen Grad an Tapferkeit zusprechen.

Und da es im Westen heute an Kriegen mangelt, wurden für die zivile Ebene die Vorstellungen von Tapferkeit in das übertragen, was man unter Zivilcourage versteht.



Glaube

Wie hilft uns das Verständnis von Tapferkeit bzw. seine äquivalenten Vorstellungen auf der zivilen Ebene aber dabei zu begreifen, warum wir weiterkämpfen? Dazu soll nun der Erste und der Zweite Weltkrieg als historisches Beispiel herangezogen werden.

Tatsächlich ähneln sich die beiden Auseinandersetzungen in manchem, aber auch wenn in der einen die Voraussetzungen geschaffen wurden, die den folgenden ermöglichten, ist es jedoch unangebracht von einem neuen Dreißigjährigem Krieg zu sprechen, denn dafür unterscheiden sich Erster und Zweiter Weltkrieg zu sehr voneinander. Es wäre wegen der Fülle der Differenzen mühsam und an dieser Stelle unangebracht, auch nur einen Teil dieser aufzählen zu wollen, doch es sei auf eine Tatsache verwiesen, die oft unbeachtet bleibt, für die Argumentation, warum wir weiterkämpfen, jedoch von Bedeutung ist.



Im Ersten Weltkrieg gab es von Seiten der Soldaten Widerstand gegen die Kämpfe und das in so gut wie allen Armeen der beteiligten Länder.
  Die Rolle, welche die revoltierenden Matrosen in Kiel und die aufständischen Regimenter in Sankt Petersburg gegen Ende des Krieges gespielt haben, dürfen als allgemein bekannt vorausgesetzt werden und die Verbrüderung der Gegner an der Westfront zu Weihnachten 1914 sind inzwischen auch in Deutschland in den Fokus neuer Betrachtungen gerückt (in Großbritannien waren dies Episoden des Großen Krieges immer präsent). Gerade Letzteres zeigte das Vorhandensein eines gewissen Widerstandspotential, besonders wenn man berücksichtigt, das deutsche und britische hohe Offiziere alles in ihrer Macht stehende taten, um eine Wiederholung unmöglich zu machen, z.B. durch den Befehl zur vermehrten Spähtrupptätigkeit.
  Im April 1917 kam es nach den gescheiterten Nivelleoffensive (Robert Nivelle, 1856 - 1924, Dezember 1916 – Mai 1917 Oberbefehlshaber der französischen Heeres) zur sogenannten 'Meuterei von 1917' im französischen Heer – die von John Keagen (*1934, britischer Militärhistoriker) zurecht eher als ein militärischer Streik charakterisiert wurde – welche mit 54 Division knapp die Hälfte der Verbände ergriff. Als Folge führten französische Truppen von Juni 1917 bis Juli 1918 keine Großoffensiven mehr durch.
  Auch die Schlacht von Caporetto im Oktober 1917 sei erwähnt. Oft wird sie als Truppenversagen der italienischen Verbände charakterisiert und in der Tat konnte der deutsch-österreichische Angriff erst am Piave durch verbündete Divisionen, die in aller Eile von der Westfront abgezogen wurden, zum Stehen gebracht werden. Die Italiener verloren 300.000 Mann, davon waren 85% Gefangene, was für den Ersten Weltkrieg sehr außergewöhnlich war. Man kann daraus allerdings auch eine gewisse Verweigerungshaltung der Soldaten herauslesen, weil die italienischen Divisionen seit Mai 1915 in elf Isonzoschlachten ohne Ergebnis zerrieben worden waren.

Dies sind nur einige Beispiele die verdeutlichen, dass die Soldaten des Ersten Weltkriegs, mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln und zumeist auch ohne politische Motivation an sich, gegen das Diktat des Krieges und seine Wirklichkeit aufbegehrten.



Betrachtet man hingegen den Zweiten Weltkrieg, findet man ein solches Verhalten bis auf wenige untypische Einzelfälle – das oben genannte Nachlassen der Wehrmacht im Westen 1945 ist ein solcher Fall – so gut wie gar nicht. So war z.B. bei den französischen Soldaten im Jahre 1940 teilweise eine Friedenssehnsucht zu beobachten, sie ist als Grund für die Niederlage im Mai/Juni 1940, die, wie wir heute wissen, ursächlich auf die taktisch-operative und gedankliche Überlegenheit der deutschen Verbände und ihrer Führung zurückzuführen ist, jedoch lange Zeit überschätzt worden.
  Bei Stalingrad klammerten sich zunächst die Reste der sowjetischen 62. Armee an die Trümmer der einstigen Wolgametropole und dann rangen die Truppen der deutschen 6. Armee und ihre Verbündeten bis zu ihrem vollständigen Untergang mit dem Gegner, was um so erstaunlicher ist, wenn man bedenkt, das der Großteil der Männer nicht der kämpfenden Truppe angehörte.
  In der Normandie kam der deutsche Oberbefehlshaber West 1944 zu der Erkenntnis, dass eine Infanteriedivision nach zwei Wochen an der Front verbraucht war und dennoch benötigten die alliierten Truppen fast zwei Monate (6.6.44 – 30.7.44), um aus dem Brückenkopf auszubrechen.
  Drei Jahre zuvor hatten Commonwealthtruppen ab dem Juli 1941 selbstverständlich monatelang in der eingeschlossenen Festung Tobruk an der libyschen Küste ausgeharrt und keinerlei Auflösungserscheinungen gezeigt, bis sie entsetzt wurden.



Wieso diese Unterschiede? Wieso begehren die Soldaten, die im Sommer 1914 der Legende nach begeistert in den Krieg ziehen, bereits nach wenigen Monaten auf und noch nicht einmal eine Generation später kämpfen ihre Söhne und teilweise auch dieselben Männer bis zum letzten Blutstropfen, bis zur letzten Patrone, bis zum Ende ihres Lebens?

Natürlich gibt es auch auf diese Frage keine monokausale Antwort, man denke nur an das oben bereits angesprochene Thema der politischen Indoktrination. Es soll jedoch ein Punkt herausgearbeitet werden, der grundsätzlicher Natur ist und bei zu enger Betrachtung oft nicht die Aufmerksamkeit erhält, die ihm zusteht.

„Wer kämpft kann verlieren, wer nicht kämpft hat bereits verloren.“

Tapferkeit.


Wie bereits ausgeführt, charakterisiert das eine Vorstellung, die im westlichen Denken voll akzeptiert ist und unsere Herangehensweise an Probleme prägt. (Oder, um Clausewitz in meinem Sinne zu paraphrasieren: Die Krieg ist die Fortsetzung der Gesellschaft mit anderen Mittel.) Von Beginn an bekommen wir das in unserer Sozialisation vermittelt und dieser Glauben beherrscht darum sowohl die zivile als auch die militärische Ebene. Mutig, gut durchdacht und gut geplant muss ein Problem angegangen werden und auch wenn diesen drei Punkten von Fall zu Fall eine unterschiedliche Gewichtung zugesprochen wird, kann doch nur so einen Aufgabe erfolgreich gelöst werden. Die Soldaten in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs erleben allerdings genau das Gegenteil dieser Vorstellungen! Tag für Tag müssen sie am eigenen Leibe erfahren, dass es keine Rolle spielt, wie tapfer ein Mann ist, wie gut durchdacht die eigenen Aktionen sind oder wie gut die Angriffe geplant werden. Niemand erreicht etwas, keiner kann sich einen entscheidenden Vorteil sichern. Offensichtlich ist nur, dass der Tod an der Front wahllos zuschlägt. Sehr schnell wird auch der simpelsten Seele klar, dass es nicht süß und ehrenvoll ist, für das Vaterland zu sterben. Und all das steht im frappanten Gegensatz zu dem, was für sie – ob sie sich dessen bewusst sind oder nicht – von Beginn ihres Lebens an eine Selbstverständlichkeit war. Ein Ernst Jünger – von John Keagen als schon pathologisch tapfer charakterisiert – ist eben nicht typisch für den Frontsoldaten der Jahre 1914 bis 1918.

„Wer kämpft wird sterben, wer nicht kämpft kann sterben.“

Das ist der Schluss, den viele ziehen. Ihre Welt und damit ihre Anschauungen, Ideen und ihr Glaube bricht zusammen und nichts ist mehr von Wert und Bedeutung. Darum werden sich nach 1918 viele von ihnen, wenn das politische Gesamtklima entsprechend ist, radikalen Bewegungen zuwenden, die versprechen, den zerrütteten Existenzen wieder den abhandengekommen Sinn zu verleihen.



Der Zweite Weltkrieg hat einen anderen Charakter. Er ist ein Bewegungskrieg. Darum hat es hier den Anschein, als könne der Einzelne mit Hilfe seiner Tapferkeit noch etwas erreichen.
  Viele Polen fliehen nach der Katastrophe von 1939 auf oft abenteuerlichen Wegen nach England, um von dort aus weiter für die Befreiung ihres Landes zu kämpfen, eine Befreiung, von der wir heute wissen, dass sie 1945 nicht erreicht werden wird. Trotz allen mutigen Einsatzes dieser Männer wird Polen ein Spielball der Großmächte. Aber das persönliche Erleben dieser Polen im Kriege war, dass sie etwas sehr Sinnvolles taten. Sie saßen eben nicht nur in Schützengräben und warteten auf das Unausweichliche. Um so größer war die Enttäuschung vieler nach dem Kriegsende.
  Mit jedem Kilometer unter den Ketten wussten die deutschen Panzersoldaten 1940 in Frankreich und 1941 in der Sowjetunion, dass sie etwas bewegten, obwohl sich in Wahrheit doch nur ihr Panzer bewegte, zumindest so lange, bis er abgeschossen wurde.
  Als sich die deutschen Jagdflieger 1944 in die Luftschlacht über dem Deutschen Reich stürzten, war ihnen bewusste, dass sie nur ein Teil eines unmöglichen Unterfangen waren, so groß war die alliierte Überlegenheit in der Luft. Aber sie glaubten ihr Volk zu verteidigen. Jeder abgeschossene Bomber rettet Leben, davon waren sie überzeugt. So konnte man zumindest noch im Kleinen etwas bewegen.
  Die deutsche Kriegsmarine bewegte 1945 bis zum letzten Tag des Krieges etwas, indem sie Deutsche aus dem Osten nach dem Westen evakuierte.



Etwas bewegen

Noch weniger als die Menschen der zivilen Ebene erträgt es der Soldat, wenn sein Handeln keine greifbaren Ergebnisse hervorbringt. Dabei muss ein Ergebnis nicht unbedingt das sein, was man vordergründig einen Erfolg nennen würde. Auch mit den Halten einer Stellung für einen kurzen Zeitraum, dem zeitweiligen Stoppen des Gegners (wie es britische und französische Truppen vor Dünkirchen im Mai 1940 taten), was den Kameraden eventuell ermöglicht, sich zurückzuziehen, verschafft sich der Soldat Befriedigung und seine Taten werden sinnhaft, er erlebt eine persönliche Sinngebung. Es wurde etwas bewegt und das völlig unabhängig von der Gesamtkriegslage oder den politischen Absichten der jeweiligen Führung. Die taktisch-operative Lage verwehrte den Kriegern von 1914/18 in den Gräben bei Verdun, an der Somme und bei Ypern dieses Gefühl, diese Bestätigung, aber im Dezember des Jahres 1944 wollten die deutschen Soldaten mit der Ardennenoffensive die Heimat retten, obwohl durch diese Operation nur deutlich wurde, dass die Hybris der politischen Ebene des 3. Reichs nun auch vollends die militärische Ebene erreicht hatte. Das jeder einzelne Soldat damit die Ermordung der Juden und andere Opfer des NS-Staates weiter ermöglichte, haben viele Krieger bis zum Ende ihres Lebens nicht einsehen wollen. Sie waren von ihren Taten fest überzeugt. Sie haben etwas bewegt. Aber das ist nur ein Grund, warum wir weiterkämpfen.

 
 

Kommentare zu diesem Text


loslosch
Kommentar von loslosch (18.08.2013)
pindar wusste schon: dulce bellum inexpertis, expertus metuit. der lebte lange vor christus und sprach griechisch. unerfahrenen ist der krieg was schönes, wer ihn erlebt hat, fürchtet ihn.

die jungen riskieren kopf und kragen, die älteren stehen auf den feldherrnhügeln.

und jetzt schalten wir um nach ägypten ...
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TrekanBelluvitsh meinte dazu am 18.08.2013:
Ja, es gibt in der Tat einige herrliche Schlachten, von denen man so gerne liest...
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Kommentar von chichi† (80) (18.08.2013)
Dieser Kommentar ist nur für eingeloggte Benutzer lesbar.
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TrekanBelluvitsh antwortete darauf am 18.08.2013:
Ich denke halt, das sollte man (auch) wissen...
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EkkehartMittelberg
Kommentar von EkkehartMittelberg (18.08.2013)
Es ist prinzipiell bedauerlich, dass große, gründlich erarbeitete Essays wie dieser, in denen so viel Arbeit am Detail steckt, so wenig gelesen werden.
Ginge ich von meiner persönlichen Einstellung aus, hätte ich diesen Beitrag gar nicht gelesen, weil ich grundsätzlich etwas gegen Kriege als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln habe. Aber dann würde ich den Fehler der meisten Pazifisten machen, nämlich etwas aus einem Gutmensch-Gefühl heraus zu verurteilen, von dem ich kaum eine Ahnung habe. Deswegen begrüße ich deinen Artikel grundsätzlich, um mehr über das Wesen von Kriegen und die Gründe, weshalb etwas aus meiner Sicht Sinnloses fortgesetzt wird, zu erfahren.
LG
Ekki
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TrekanBelluvitsh schrieb daraufhin am 18.08.2013:
" Es ist prinzipiell bedauerlich, dass große, gründlich erarbeitete Essays wie dieser, in denen so viel Arbeit am Detail steckt, so wenig gelesen werden."

Ja... ich glaube ich habe mich daran ein wenig gewöhnt (bei Fiktion wie meinem 'Kobor' beobachte ich ja das selbe), was nicht heißt, dass er mir wirklich gefällt.
Und auch wenn das über 2.500 Worte sind, braucht man ja keine Stunden um da zu lesen...
" Aber dann würde ich den Fehler der meisten Pazifisten machen, nämlich etwas aus einem Gutmensch-Gefühl heraus zu verurteilen, von dem ich kaum eine Ahnung habe. (...) um mehr über das Wesen von Kriegen und die Gründe, (...) zu erfahren."

Genau das ist die Idee hinter den Texten in "Ares herrscht". Natürlich kann man sich den Krieg fortwünschen, aber wir alles wissen, dass er darum nicht verschwinden wird. Also muss man sich damit auseinandersetzen. Denn mit dem Krieg ist es wie mit jedem anderen Wissensgebiet: Um sich ein fundierte Meinung zu bilden, muss man wissen, worum es geht.

Das ich zum Thema Krieg auch eine ethisch-moralische Meinung habe, ist hoffentlich spätestens durch  Kampf mit der Kette deutlich geworden.

Danke für deine (auch) aufmunternden Worte. Ich werde an dem Thema dranbleiben...
(Antwort korrigiert am 18.08.2013)
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EkkehartMittelberg äußerte darauf am 18.08.2013:
Bleibe bitte dran und lasse dich nicht durch oberflächliche Reaktionen entmutigen.
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Dies ist ein Beitrag des mehrteiligen Textes Ares herrscht!.
Veröffentlicht am 18.08.2013, 1 mal überarbeitet (letzte Änderung am 31.01.2016). Dieser Text wurde bereits 1.263 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 12.12.2018.
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