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Epochentypische Gedichte. Naturalismus. Arno Holz: Ihr Dach stieß fast bis an die Sterne

Essay zum Thema Lebenseinstellung


von EkkehartMittelberg

Naturalismus
Im Folgenden wird der Naturalismus insoweit beschrieben, wie das für die Gedichtinterpretation aufschlussreich ist.

Dauer: Der Naturalismus als literarische Epoche dauerte von 1880-1900.

Naturwissenschaften als Grundlage des künstlerischen Schaffens:

Da die Literatur die Realität, das heißt Natur, Wahrheit und Leben, möglichst genau abbilden sollte, galt die exakte Beobachtung der Naturwissenschaften als Vorbild der Literaten des Naturalismus. Arno Holz fand dafür die Formel “Natur = Kunst –x“. Zwar sollte Kunst die Natur weitgehend wiedergeben, aber er war sich dessen bewusst, dass sie keine fotografische Spiegelung anstreben konnte. Das subjektive Moment im künstlerischen Schaffen bezeichnete er mit –x.
Der Mensch wurde als integraler Bestandteil der Natur gesehen, sollte also mit der für naturwissenschaftliche Beobachtungen erforderlichen Sachlichkeit gesehen werden.

Intention der Naturalisten

In seiner programmatischen Schrift „Die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Poesie“ formulierte der Literaturtheoretiker Wilhelm Bölsche diese so:
"Der Dichter [...] ist in seiner Weise ein Experimentator wie der Chemiker, der allerlei Stoffe mischt, in gewisse Temperaturgrade bringt und den Erfolg beobachtet. Natürlich: der Dichter hat Menschen vor sich, keine Chemikalien. Aber [...] auch diese Menschen fallen ins Gebiet der Naturwissenschaften. Ihre Leidenschaften, ihr Reagieren gegen äußere Umstände, das ganze Spiel ihrer Gedanken folgen gewissen Gesetzen, die der Forscher ergründet hat und die der Dichter bei dem freien Experimente so gut zu beachten hat wie der Chemiker, wenn er etwas Vernünftiges und keinen wertlosen Mischmasch herstellen will, die Kräfte und Wirkungen vorher berechnen muss, ehe er ans Werk geht und Stoffe kombiniert."
Der wichtigste Vordenker der Epoche war der Franzose Hippolyte Taine (1828-1893), der die Handlungsfreiheit des Menschen durch Vererbung, Milieu und historische Situation eingeschränkt sah.
Aus dieser Programmatik ergeben sich einige Forderungen für die künstlerische Darstellung im Einzelnen: rücksichtslose Darstellung der gesellschaftlichen Wirklichkeit, Vermeidung von Verklärung, schönem Schein und Idealisierung, genaue Erfassung der materiellen Grundlagen und Widerstände gegen eine freie Lebensführung. Wegen der Einsichten in die Determiniertheit menschlichen Lebens (siehe oben, Taine) war die Hoffnung der Naturalisten auf Veränderung gesellschaftlicher Wirklichkeit durch Kunst nicht ohne Skepsis.

Themen der Literatur

Die literarischen Themen der Epoche ergaben sich aus den Intentionen, zum Beispiel Darstellung sozialen Elends, besonders der Fabrikarbeiter in Großstädten,
Trunksucht, die man auch den Erbanlagen zuschrieb,
Krankheiten, die der sozialen Not geschuldet waren,
Prostitution als Ergebnis sozialer Verarmung,
das Schicksal sozialer Außenseiter.
Die Verarmung des Proletariats, die der Realismus noch weitgehend ausgespart hatte, also bisher verdrängte Themen, finden besondere Aufmerksamkeit.
Mit der genauen Schilderung solcher Themen musste dem Hässlichen Raum gegeben werden, dessen Darstellung von der Klassik bis zum Realismus verdrängt worden war.

Bürgerlich-intellektuelle Autoren

Der Naturalismus hatte die Kunst noch nicht als Waffe im Klassenkampf entdeckt. Das blieb dem sozialistischen Realismus (1932 – 1991) vorbehalten. Die Autoren des Naturalismus waren bürgerliche Intellektuelle, die ihr Mitleiden an den gesellschaftlichen Verhältnissen zum Ausdruck brachten, aber deren Veränderung noch nicht systematisch anstrebten.

Literarische Vorbilder

Ihre literarischen Vorbilder fanden die deutschen Naturalisten im Ausland, insbesondere in dem Franzosen Zola, der in seinem Roman „Germinal“ (1884) das soziale Elend von Bergarbeitern illusionslos schilderte, in dem Russen Dostojewski, dem Meister soziologischer und psychologischer Analysen, und in den Skandinaviern Strindberg und Ibsen, die die Fragwürdigkeit bürgerlicher Ethik aufdeckten.

Historischer und sozialer Hintergrund

Die deutsche Politik zur Zeit des Naturalismus mit den letzten Jahren des Kanzlers Bismarck (1871-1890) und der Regierung Wilhelms II. (1891-1918) war im Sinne des Imperialismus weit mehr an Machtausdehnung des Staates und Profitmaximierung der Wirtschaft im Zeichen des Manchesterliberalismus interessiert als an der Lösung der sozialen Probleme der Klassengesellschaft, die dem Naturalismus die Themen bot. Für diese Probleme hatte vor allem Karl Marx (1818-1883)das Bewusstsein geschaffen, der die Ausbeutung des Proletariats thematisiert hatte.

Das Lyrikkonzept von Arno Holz

Für das Verständnis des Gedichts „Aus: Phantasus“ ist Holz’ Vorstellung von Lyrik wichtig (Revolution der Lyrik, 1899), die er in „Ihr Dach stieß fast bis an die Sterne“, das im Erstdruck 1886 erschien, jedoch noch nicht verwirklicht hat. Später wollte Holz „jede Musik durch Worte als Selbstzweck“ vermeiden, also die Lyrik desillusionieren. Dazu wollte er auf Reim, Strophen und freie Rhythmen verzichten. Ihm schwebte ein notwendiger innerer Rhythmus vor, der sich je nach Auswahl des Stoffs der Prosa nähern sollte.

Arno Holz (1863-1929): Aus Phantasus: Ihr Dach stieß fast bis an die Sterne

Ihr Dach stieß fast bis an die Sterne,
vom Hof her stampfte die Fabrik,
es war die richtge Mietskaserne
mit Flur- und Leiermannsmusik!
Im Keller nistete die Ratte,
parterre gabs Branntwein, Grog und Bier,
und bis ins fünfte Stockwerk hatte
das Vorstadtelend sein Quartier.


Dort saß er nachts vor seinem Lichte
- duck nieder, nieder, wilder Hohn! -
und fieberte und schrieb Gedichte,
ein Träumer, ein verlorner Sohn!
Sein Stübchen konnte grade fassen
ein Tischchen und ein schmales Bett;
er war so arm und so verlassen,
wie jener Gott aus Nazareth!


Doch pfiff auch dreist die feile Dirne,
die Welt, ihn aus: Er ist verrückt!
ihm hatte leuchtend auf die Stirne
der Genius seinen Kuss gedrückt.
Und wenn vom holden Wahnsinn trunken
er zitternd Vers an Vers gereiht,
dann schien auf ewig ihm versunken
die Welt und ihre Nüchternheit.


In Fetzen hing ihm seine Bluse,
sein Nachbar lieh ihm trocknes Brot,
er aber stammelte: O Muse!
und wusste nichts von seiner Not.
Er saß nur still vor seinem Lichte,
allnächtlich, wenn der Tag entflohn,
und fieberte und schrieb Gedichte,
ein Träumer, ein verlorner Sohn!

Interpretation

Themen und Motiv:

Das Gedicht „Ihr Dach stieß fast bis an die Sterne“ liest sich, als hätte Arno Holz die Themen des sozialen Elends, die den Naturalismus beschäftigten, hier zusammenfassen wollen: die Mietskaserne neben der stampfenden Fabrik (es gab noch keine Lärmschutzbestimmungen), die auf das Proletariat abgestimmte Musik des Leiermanns (I,4), mangelnde Hygiene (Im Keller nistete die Ratte, I, 5), das Alkoholismus-Problem (parterre gabs Branntwein, Grog und Bier, (I,6), „Vorstadtelend“ (I,8) als zusammenfassender Begriff für alle anderen Themen, „die feile Dirne“ (III,1,) als Anspielung auf das Thema Prostitution, der verarmte Dichter, also der Außenseiter, als Hauptmotiv, die materielle Not, die sich in dürftigster Wohnung („Sein Stübchen konnte grade fassen/ein Tischchen und ein schmales Bett“, II,5,6), in erbärmlicher Kleidung („In Fetzen hing ihm seine Bluse“, IV,1), kärglicher Nahrung („sein Nachbar lieh ihm trocknes Brot“, IV,2) und niedriger Zivilisation zeigt („Er saß nur still vor seinem Lichte“, IV,5).
Doch bei aller genauen Beobachtung der Verelendung in der Mietskaserne gibt Holz dem –x aus seiner Formel “Natur = Kunst –x“ viel Raum. Er idealisiert den armen und verlassenen Dichter (II,7) mit religiösen Bezügen auf die Geschichte von dem verlorenen Sohn (II,4 und IV,8) und auf Jesus von Nazareth (II,8). Mit dem „wilden Hohn“ (II, 2) ist der Spott der Welt über den verrückten (III,2), weltfremden Außenseiter, den Träumer (II,4 und IV,8), den armen Poeten, gemeint. Holz verurteilt offensichtlich diese Verspottung des verträumten Dichters („- duck nieder, nieder, wilder Hohn! -“), den er für genial hält (III,3,4), dessen Wahnsinn er als hold bezeichnet (III,5) und dem die Not nichts anhaben kann (IV,4).
Dieser Musensohn ist es auch, der der Mietskaserne trotz der unübersehbaren Verelendung Glanz verleiht. Die Eingangszeile mit dem Dach, das fast bis an die Sterne stieß, hebt nämlich nicht auf die (1886 Gedicht erschienen) beachtliche Höhe des Gebäudes von fünf Stockwerken ab, sondern auf den Idealismus des im fünften Stock hausenden der Poesie hingegebenen Dichters, der unbekümmert um seine materielle Not ganz der Kunst lebt (IV).

Die Form des Gedichts als Ausdruck schönen Scheins

Holz ist insofern dem literaturtheoretischen Programm des Naturalismus verpflichtet, als er den schönen Schein thematisiert, indem er seinen weltfremden Dichter aus dem Blick der Welt als „verrückt“, als „Träumer“ und „verlorenen Sohn“ bezeichnet. Aber die idealisierende Tradition der Klassik wirkt bis in den Naturalismus nach. Das bezeugen das kritische Attribut „feile“ Dirne für die Welt, die Zurückweisung des „wilden Hohns“ und die Verklärung des genialen Musensohns: „ihm hatte leuchtend auf die Stirne
der Genius seinen Kuss gedrückt.
Und wenn vom holden Wahnsinn trunken …“(III,3-5)

Dem noch nicht überwundenen schönen Schein entsprechen die ironiefreien Kreuzreime, die regelmäßigen Jamben mit seltenen Daktylen zur Auflockerung des Rhythmus (I,6 und III,4) und die harmonisch wechselnden männlichen und weiblichen Versausgänge.


Ist das Gedicht epochenspezifisch? Es gibt also Widersprüche zwischen der Programmatik des Naturalismus und dem ausgewählten Gedicht. Zwar sind die Themen typisch für die Epoche, aber in die Nüchternheit naturwissenschaftlicher Beobachtung mischt sich Sympathie für den verträumten Poeten. Doch gerade diese Unentschiedenheit beim Umsetzen der Literaturtheorie in die Praxis ist typisch für zahlreiche Gedichte der deutschsprachigen Lyrik des Naturalismus, die ihre programmatischen Äußerungen nur teilweise eingelöst hat und sich von Relikten idealistischer Verklärung, wie sie in der Klassik, der Romantik und selbst noch im Realismus üblich war, nicht befreien konnte.

© Ekkehart Mittelberg, September 2013

 
 

Kommentare zu diesem Text


Kommentar von Nimbus (38) (24.09.2013)
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EkkehartMittelberg meinte dazu am 24.09.2013:
Merci, Heike. Sagen wir mal: Das Gedicht ist epochentypisch -X.
Ich bin nicht ganz sicher, ob der Dichter töricht ist. (wahrscheinlich hast du das auch mit einem Funken Ironie gemeint). Seine Ekstase lässt ihn die materielle Not vergessen.
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Nimbus (38) antwortete darauf am 24.09.2013:
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Kommentar von LancealostDream (49) (24.09.2013)
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EkkehartMittelberg schrieb daraufhin am 24.09.2013:
Graciasl Lance. Unter uns. Es fehlt uns der Idealismus. Wir sollten uns an diesen Träumer in dem Gedicht von Holz halten. Dann stößt auch unser Dach an die Sterne.
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LancealostDream (49) äußerte darauf am 24.09.2013:
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EkkehartMittelberg ergänzte dazu am 24.09.2013:
Gut, dass du mich daran erinnerst. Ich werde umgehend meine kapitalismuskritischen Oden löschen. ))
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Dieter Wal
Kommentar von Dieter Wal (24.09.2013)
Mag diese hervorragend geschriebene Wissenschaftsprosa. Du könntest locker für Kindlers Literaturlexikon schreiben.
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EkkehartMittelberg meinte dazu am 24.09.2013:
Dieses schöne Kompliment freut mich sehr, Dieter.
Vielen Dank.
LG
Ekki
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TrekanBelluvitsh
Kommentar von TrekanBelluvitsh (24.09.2013)
Sehr gut zu lesen, sehr informativ!
Gewünscht hätte ich mir noch eine kurze Erläuterung der Wirkung des Naturalismus nach 1900 und sein Zusammenwirken mit anderen Kunstformen.
(Ja, ich weiß, dann wäre der Essay länger geworden und kein KV-Schwein hätte ihn gelesen...).
Die Einordnung in den historischen Kontext hebt diesen Text weit über eine reine akademische Fingerübung hinaus.

Ich, der Nichtlyriker, fand das darum nicht nur gut zu lesen (s.o.), sondern habe es auch sehr gern gelesen, auch weil es ja, aus einem anderen Blickwinkel selbstverständlich, bestätigt, was ich in meinem Essay  "Der Erste Wltkrieg - Katasthrophe zweier Zeitalter" für die Zeit vor 1914 geschrieben habe, eben jene tiefe Spaltung der Gesellschaft.

Inhaltlich:
"(...)der die Handlungsfreiheit des Menschen durch Vererbung, Milieu und historische Situation eingeschränkt sah.
Aus dieser Programmatik ergeben sich einige Forderungen für die künstlerische Darstellung im Einzelnen: rücksichtslose Darstellung der gesellschaftlichen Wirklichkeit, Vermeidung von Verklärung, schönem Schein und Idealisierung, genaue Erfassung der materiellen Grundlagen und Widerstände gegen eine freie Lebensführung."

Natürlich ist es ein wenig ungerecht, sich damit auseinanderzusetzen, denn schließlich können die Vertreter sich nicht mehr äußern. Aber dennoch möchte ich anmerken, dass diese Schlussfolgerungen nicht im geringsten zwingend sind. Selbstverständlich kann man die Themen auch romantisierend behandeln. Ironie wäre dabei zwar hilfreich, jedoch nicht zwingend erforderlich, weil ein Gegensatz allein durch Form und Inhalt entstehen würde.
(...)war im Sinne des Imperialismus weit mehr an Machtausdehnung des Staates und Profitmaximierung der Wirtschaft im Zeichen des Manchesterliberalismus interessiert als an der Lösung der sozialen Probleme der Klassengesellschaft.

Eine sehr richtige und wichtige Beobachtung. Darum scheint mir der Naturalismus auch eine Art Hilfeschrei gegen die veröffentlichte Meinung der Zeit zu sein. In diesem Sinne scheint mir auch die Intention des Gedichts erkennbar, was ich darum auch eher darauf zurückführen würde, als auf "die idealisierende Tradition der Klassik". Der Protagonist des Gedichts scheint mir doch eher ein typischer Antiheld zu sein, auch wenn man dem Ganzen eine gewisse Melodramatik nicht absprechen kann.

In diesem Sinne frage ich mich auch nach kunstübergreifenden Zusammenhängen. Denn auch wenn "Der arme Poet" von Spitzweg von 1839 ist, scheint das Gedicht - das rein zufällig 60 Jahre später erschien? - eine Art modernisierte Fassung des Gemäldes zu sein.
(Kommentar korrigiert am 24.09.2013)
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EkkehartMittelberg meinte dazu am 24.09.2013:
Lieber Stefan, es freut mich natürlich, dass du den Beitrag für gut lesbar und informativ hältst.
Die Wirkung des Naturalismus nach 1900 und sein Zusammenwirken mit anderen Kunstformen: Ich will mich gar nicht auf die Länge meines Beitrags hinausreden, aber so etwas findet man zum Beispiel bei Google.
romantisierende Behandlung: Das kann man schon machen, aber man fiele in der literaturgeschichtlichen Entwicklung hinter seine Zeit zurück..
Ja, der Naturalismus ist ein Hilfeschrei gegen die veröffentlichte Meinung der Zeit. Aber obwohl der Protagonist des Gedichts ein typischer Antiheld ist, wirkt die Tradition der Klassik nach. Die Idealisierung eines Antihelden ist besonders attraktiv.
Ich habe an den armen Poeten von Spitzweg nicht gedacht. Aber deine Beobachtung, dass Holz ihn modernisiert hat (ob bewusst oder nicht, weiß ich nicht) ist zutreffend.
Grazie espesciale für deinen sorgfältigen Kommentar.
LG
Ekki
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AZU20
Kommentar von AZU20 (24.09.2013)
Und wieder eine Menge dazugelernt. Danke, Ekki. LG
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chichi† (80) meinte dazu am 24.09.2013:
Diese Kommentarantwort ist nur für eingeloggte Benutzer lesbar.
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EkkehartMittelberg meinte dazu am 24.09.2013:
Ich danke euch beiden. Man kann zeitgenössische Lyrik viel besser einschätzen, wenn man weiß, in welcher Tradition sie steht.
LG
Ekki
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wa Bash
Kommentar von wa Bash (24.09.2013)
wie immer, wunderbarst zu lesen und sehr interessant...im Grunde ähneln sich finde ich Naturalismus und Expressionismus sehr, wie ich gerade bei diesem Gedicht feststellen muss, ich denke es lohnt sich mal wieder durch die Epochen durchzulesen...
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EkkehartMittelberg meinte dazu am 24.09.2013:
Gracias, wa Bash. Ja, es gibt viele Übereinstimmungen zwischen Naturalismus und Expressionismus. I n einem unterscheiden sie sich freilich gründlich: Der Expressionismus billigt der Fiktion ihre eigene Wahrheit zu, der Naturalismus will diese in der möglichst getreuen Abbildung der Wirklichkeit finden.
LG
Ekki
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TassoTuwas
Kommentar von TassoTuwas (25.09.2013)
Hochinteressant und dabei kurzweilig.
Irgendwie sucht man sich darin selbst und entdeckt so manches Zipfelchen.
Ich hoffe auf Fortsetzungen.
LG TT
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EkkehartMittelberg meinte dazu am 25.09.2013:
Lieber Tasso,
es ist mir sehr wichtig, dass du als Meister literarischer Kurzweil die Interpretation nicht als zu trocken empfindest.
Eine Fortsetzung ist gelant.
Ich danke dir.
LG
Ekki
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irakulani
Kommentar von irakulani (26.09.2013)
Von Arno Holz kannte ich bisher nur ganz andere (sehr leidenschaftliche Liebesgedichte) Gedichte, aber auch die Darstellung einer eher traurigen Realität, auch die Tristesse einer Fabrik, von Tabak, Alkohol und der Begebnung mit einer Dirne - dies mit Worten so zu zeichnen, dass der Leser den Geruch des Stübchens in der Nase hat, das ist Kunst!

Trotz (oder gerade wegen?)der naturalistischen Beschreibung, die Holz hier anwendet, bleiben die unsichtbaren, aber deutlich spürbaren "inneren Prozesse", die täglich/nächtliche Qual des Schreibenden, der von allen als Träumer abgetan wird, bedrückend nah. Der Leser assoziert Unausgesprochenes, liest zwischen den Zeilen.

Danke, Ekki, für deine Anregungen!

L.G.
Ira
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EkkehartMittelberg meinte dazu am 26.09.2013:
Ich darf dir noch einmal für deine Empathie herzlich danken, Ira.
LG
Ekki
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Veröffentlicht am 24.09.2013, 1 mal überarbeitet (letzte Änderung am 22.12.2014). Textlänge: 1.439 Wörter; dieser Text wurde bereits 88.684 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 21.06.2021.
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