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100 Jahre Erster Weltkrieg - Warum Auschwitz nicht in Sarajevo liegt

Essay zum Thema Krieg/Krieger


von TrekanBelluvitsh

Im August dieses Jahres jährt sich der Ausbruch des Ersten Weltkriegs zum einhundertsten Mal. Und während im  Vereinigten Königreich verschiedenen rechtskonservativen Politikern nach Feiern zumute ist oder  nationale Kreise in Serbien pilatusgleich ihre Hände in Unschuld waschen wollen - an gleich zwei verheerenden Kriegen in einem Jahrhundert will man nun wirklich nicht die (Mit-)Schuld tragen -, zeigt sich in Deutschland wieder jene unsägliche Tendenz, den Ersten Weltkrieg nur als Auftakt zum Zweiten und zum Holocaust zu sehen, auch wenn „Der Spiegel“ dieses Mal so schlau war, auf dem Cover einer Doku-DVD nicht Hitler und Hindenburg, sondern Hitler und Ludendorff abzubilden. Solche Konklusionen sind jedoch nicht nur zutiefst unhistorisch – Geschichte ist keine unabdingbare Folge sich stringent bedingender Zwangsläufigkeiten -, sie wird auch dem Ersten Weltkrieg als historisches Ereignis nicht gerecht. Während und nach dem großen Schlachten von 1914/1918 hatten die beteiligten Akteure immer die Möglichkeit, andere Entscheidungen zu treffen. Es führt kein direkter Weg vom Attentat auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger in die in Ostpolen gelegenen Vernichtungslager. Auschwitz liegt nicht in Sarajevo!


I. Der Feind:

„Serbien muss sterbien, jeder Schuss ein Russ, jeder tritt ein Brit, jeder Stoß ein Franzos!“

Dies ist das wohl bekanntesten und eingängigsten Erzeugnisse deutscher Propaganda aus dem Ersten Weltkrieg. Doch damit steht sie nicht allein. Die Schmähung des Feindes war kein deutsches Phänomen oder eine Erfindung Berlins. In allen beteiligten Ländern lief die Propagandamaschinen auf Hochtouren. Erinnert sei hier bloß an die britischen Anstrengungen in diese Richtung nach der Versenkung der ’Lusitania’.

Doch während in der Heimat jene schrillen Töne zu hören waren, sah es an der Front oft anders aus. Gerade außerhalb großer Schlachten und Offensiven kam es immer wieder zu stillschweigenden Nichtangriffspakten – der ’Weihnachtsfrieden von 1914’ ist mittlerweile auch in Deutschland einer größeren Öffentlichkeit bekannt geworden – und nicht selten wurde der von der Führung erwartete tägliche Feuerkampf durch ungezielte Schüsse in die Luft geführt. Jene Führung war sich auf allen Seiten dieses Fehlverhaltens der Soldaten sehr wohl bewusst, weshalb auch immer wieder Offiziere aus höheren Stäben in die Gräben geschickt wurden, um dem ein Ende zu bereiten. Darüber wusste schon Erich-Maria Remarque, dessen Episodenroman "Im Westen nichts Neues“ zu einem der aufwühlendsten Werke über den Alltag der Soldaten im Ersten Weltkrieg gehört, in seinen Erzählungen zu berichten. Und auch wenn die Industrialisierung des Tötens den Soldaten zum bloßen Vollstrecker eines nationalen Vernichtungswillen und gleichzeitig zu dessen schutzlosem Opfer machte, bleib bei den direkt an den Kämpfen Beteiligten oft der Respekt vor dem Feind als Mensch erhalten.

Besonders am Beispiel der Kriegsgefangenen wird dies deutlich. In allen beteiligten Ländern wurden sie – den Kriegsumständen entsprechend – korrekt behandelt. So überlebten von der Besatzung eines australischen U-Boots, das 1915 im Rahmen der Gallipolioperation aufgebracht wurde, alle Männer bis auf zwei, die an Krankheiten verstarben*, den Aufenthalt in osmanischer Kriegsgefangenschaft. Und wenn es Soldaten der Entente in deutscher Gefangenschaft zuweilen schwerer hatten als die Gefangenen der Mittelmächte, die ihren Feinden in die Hände gefallen waren, lag das in erster Linie an der alliierten Blockade, die sich auf alle Bereiche des Lebens in Deutschland auswirkte. Ähnliches galt auch für die Kriegsgefangenen Russlands. Ihre Leiden wurde eher durch die sich langsam auflösende Ordnung im Zarenreich verursacht.

Ganz anders sah die Sache hingegen im Zweiten Weltkrieg aus. Von den 3 Millionen Rotarmisten, die der Wehrmacht vom 22. Juni 1941 bis Anfang Dezember 1941 in die Hände fielen, erlebten 1,4 Millionen das Ende diese Jahres nicht mehr. Das war kein Zufall! Es ist nicht auf irgendwelche allgemeinen Umstände zurückzuführen, sondern war beabsichtigt. "Unter Berufung darauf, dass es für Deutschland keine Verpflichtung gäbe, die gefangenen Sowjetsoldaten nach völkerrechtlichen Maßstäben zu ernähren(sic!), legte man Rationen fest, die – selbst wenn sie in der Praxis erreicht wurden – zur Unterernährung führen mussten und daher kaum geeignet waren, die katastrophalen Verhältnisse in den Lagern zu verbessern.“** Und die ersten Menschen, die in den Gaskammern von Auschwitz ermordet wurden, waren Rotarmisten. Wer darauf eine Antwort sucht, wird im Ersten Weltkrieg an sich nicht fündig werden.


II. Hitler:

Adolf Hitler war ein Mann unter ca. 13 Millionen Soldaten, die von 1914 -1918 in der deutschen Armee dienten. Das er überlebte, war keine Selbstverständlichkeit, lag eher an seiner Tätigkeit als Meldegänger. Der Grabenalltag von Artilleriebeschuss, Gasattacke, Angriff und Verteidigung blieb ihm weitestgehend erspart. Die Männer, die in den Stellungen ihren Dienst verrichten mussten, fanden nur selten Zeit zu malen. Vielmehr zeigte sich bei diesen Frontschweinen recht bald eine ausgeprägte Abneigung auf die sogenannten Etappenhengste. Im weitesten Sinne gehörte Hitler zur letzteren Gruppe. Dennoch blieben die Ereignisse selbstverständlich nicht ohne Auswirkungen auf ihn, wenn auch nicht immer auf die Art und Weise, wie er es selbst später gerne darstellte. So geht die Forschung heute davon aus, dass seine zeitweilige Erblindung gegen Ende des Krieges nicht die Folge eines Gasangriffs, wie Hitler immer behauptete, sondern psychosomatischer Natur war.

Was wäre geschehen, wenn der junge Mann, der mit einem bayrischen Regiment in den Krieg zog, getötet oder schwer verwundet worden wäre? Nun, natürlich werden wir es nie erfahren, aber es ist absurd, in jenem jungen Österreicher, der 1914 für das Reich Kaiser Wilhelms II. marschierte, den Reichskanzler von 1933 zu sehen. Vielmehr stellt sich die Frage, wie jener kleiner Soldat dorthin gelangte. Zwar bezeichnete Hitler selbst den Ersten Weltkrieg immer als ein prägendes Erlebnis, doch es ist nicht zu leugnen, dass es in jenen Kriegsjahren zumeist glücklich und zufrieden war(sic!). Welch ein Unterschied zu seinem sonstigen Leben! Die Kränkungen und Herabsetzungen, die – psychologisch betrachtet – seinen zerstörerischen Charakter prägten, stammten aus den Jahren zuvor und der verfestigte sich weiter durch seine unkritische Selbsteinschätzung.

Doch all das hätte gar keine Rolle gespielt, wenn z.B. die bayrische Justiz nicht so nachsichtig mit dem Putschisten vom November 1923 umgegangen wäre. Doch da sind wir schon wieder jenseits des Ersten Weltkriegs.


III. Hindenburg

Paul von Hindenburg ist eine der erstaunlichsten Gestalten in der deutschen Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, vor allem weil ein großer Teil der ihm zugeschriebenen Taten, gar nicht auf ihn zurückgehen. So ist zwar bis heute nicht gesichert festzustellen, auf wen die Pläne für die Schlacht bei Tannenberg (August 1914) zurückgehen – den Stab der deutschen 8. Armee (hier besonders: Max Hoffmann) oder Erich von Ludendorff -, eines ist jedoch sicher: Hindenburg, der Sieger von Tannenberg, hatte nur wenig damit zu tun!

Die treibende Kraft in der sogenannten III. OHL***, die ab 1916 die deutschen Geschicke zu einem entscheidenden Teil bestimmte, war aus dem Duo Hindenburg-Ludendorff der energischere Ludendorff.

Der langanhaltenste Bestandteil des unausgewogenen ’Hindenburgprogramms’, das die deutsche Produktion im Sinne einer totalen Kriegswirtschaft ankurbeln sollte, war ironischerweise die Anerkennung der  Gewerkschaften als Sozialpartner. Das hatte dem kaisertreuen Feldmarschall bestimmt nicht vorgeschwebt.

Nach dem Ersten Weltkrieg, fiel Hindenburg nur noch zwei Mal auf. Zum einen wurde er ab 1925 der zweite Reichspräsident der Weimarer Republik und das auch nur, weil die deutschen Kommunisten sich nicht dazu durchringen konnten, den sozialdemokratischen Kandidaten zu unterstützen und statt dessen Ernst Thälmann nominierten. Sehr viel mehr als eine nationale Integrationsfigur jenseits der Demokratie war er jedoch nicht. Die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler kann ihm kaum zur Last gelegt werden. Dafür war vielmehr die nationalkonservative Clique um Franz von Papen verantwortlich.

Sehr viel enger ist sein Name allerdings mit der ’Dolchstoßlegende’ verbunden. Dies ist umso verwerflicher, da er die militärische Wirklichkeit des Jahres 1918 genau kannte. Er wusste, dass die Front im Westen aufgrund der alliierten Überlegenheit kurz vor dem Zusammenbruch stand. Von einem Erdolchen durch die Heimatfront konnte keine Rede sein.

Allgemein betrachtet scheint es unwahrscheinlich zu sein, dass die deutsche Geschichte ohne Hindenburg anders verlaufen wäre. Denn auch wenn man seine öffentliche Wirkung nicht unterschätzen darf, war seine direkte politische Einflussnahme doch eher gering. Ganz davon abgesehen, hat Paul von Hindenburg seine Prägung bestimmt nicht in den Jahren 1914-1918 erhalten.


IV. Sarajevo

Die Schüsse vom 28. Juni 1914, die den österreichisch-ungarischen Erzherzog Franz Ferdinand und seine Frau töteten, sind ohne Zweifel der Auslöser für den Ersten Weltkrieg. Die Gründe sind jedoch in dem in allen beteiligten Nationen vorherrschenden Imperialismus zu suchen. Er trieb den Thronfolger nach Sarajevo und ließ den Attentäter Gavrillo Princip abdrücken. Denn nicht nur Welt- und Großmächte wie Großbritannien, Frankreich, Russland oder Deutschland strebten ständig nach Höherem, nein, auch kleinere Staaten wie Italien, Serbien oder Japan sahen sich selbst doch zumindest als regional bestimmende Staaten und suchten ihren Platz an der Sonne. Mithin wurde ab 1914 also Krieg geführt, weil alle Mächte die gleiche Ideologie verfolgten. Und der Imperialismus sah eben eine Inklusion der beherrschten Bevölkerungen ein – auch wenn jede Nation über das wie seine ganz eigenen Vorstellungen hatte -, wobei diese nicht mit Gleichberechtigung oder Gleichstellung verwechselt werden darf. Vielmehr bedeutete sie für die betroffenen Völker nicht weniger als die vollkommene Unterwerfung. Natürlich führte dies zu blutigen Auseinandersetzungen mit genozidartigen Auswüchsen. Aber der Massenmord war noch kein integraler Bestandteil der politischen Herrschaftsideologie und daran ändert sich auch bis 1918 im Allgemeinen nichts. Der Genozid bleibt darum ein Bestandteil des Zweiten Weltkriegs, ebenso wie der weit verbreitete Rassenhass.


V. Faschismus:

Der Faschismus erhielt sein Gepräge durch den Ersten Weltkrieg, die von ihm propagierten Ideen stammten jedoch aus der Zeit von vor 1914. Und bei aller systemimmanenter Diskriminierung Andersdenkender ist ein exterminatorischer Judenhass nicht als ein allgemeines Kennzeichen dieser Ideologie anzusehen. Viel mehr war das ein Merkmal der deutschen Spielart – des Nationalsozialismus -, das von anderen vergleichbaren Bewegungen nur wenig bis gar nicht geteilt wurden. So verfolgte die rumänische ’Eiserne Garde’ nach Außen die für das Land allgemeingültige und von allen Parteien vertretene Erhaltung des Status quo – Rumänien zählte zu den Gewinnern des Ersten Weltkriegs – und nach Innen eine bäuerlich geprägte kulturelle Überhöhung der eigenen Sache.

Dem italienischen Faschismus unter Benito Mussolini war der Antisemitismus derart fremd, dass man judenfeindliche Gesetze nur auf deutschen Druck hin erließ und sich sogar standhaft weigerte, Juden aus Italien oder italienisch besetzten Gebieten (z.B. Balkan) an die Deutschen zu überstellen, weil man sich im Klaren darüber war, was diesen drohte. Offiziere der italienischen Armee, die in den Augen der SS als besonders judenfreundlich galten, bezahlten diese Einstellung nach dem Zerbrechen der Achse Berlin – Rom im Jahre 1943 oft mit dem Leben.


VI. Juden

Der Judenhass war in Europas vor 1914 ein weit verbreitetes Phänomen. Exemplarisch sei hier an die ’Dryfus-Affäre’ von 1894 in Frankreich oder die zu Anfang des 20. Jahrhunderts in Russland produzierten sogenannten ’Protokolle der Weisen von Zion’ erinnert. Langfristig betrachtet hatte er sich vom religiös motivierten Antijudaismus des Mittelalters und der Frühen Neuzeit zu der bis heute anhaltenden rassischen Variante – dem Antisemitismus – gewandelt. Allerdings darf man nicht den Fehler machen, die schon damals teilweise schrillen Töne einiger extremistischen Gruppen zu verallgemeinern. Von einer Ausgrenzung oder Entrechtung – von der Ermordung ganz zu schweigen – wie sie in Deutschland nach 1933 stattfand, konnte noch keine Rede sein. Natürlich blieben ihnen bestimmte Karrieren verwehrt. So durften z.B. Menschen jüdischen Glaubens in Deutschland keine Offiziere werden. Dabei muss jedoch bedacht werden, dass es für Nichtadelige in dieser Zeit ganz allgemein nahezu unmöglich war, im Heer einen Offiziersposten zu bekommen.

Erstaunlicherweise ließ sich der Antisemitismus in jener Zeit zuweilen noch von der Wirklichkeit stoppen. Die deutsche Armeeführung regte während des Ersten Weltkriegs eine Untersuchung an, um die Anzahl der jüdischen Soldaten zu ermitteln. Zum Erstaunen der Auftraggeber stellte man fest, dass diese ihrem Bevölkerungsanteil entsprach, man sie also aufgrund dessen kaum als ’vaterlandslose Gesellen’ hinstellen konnte. Von einer Veröffentlichung dieser Erhebung sah man ab.

Grundsätzlich gilt es festzustellen, dass die Juden in Deutschland im europäischen Vergleich besonders gut integriert waren. Mehr noch: Die meisten hätten sich wohl kaum als deutsche Juden bezeichnet, sondern eher als jüdische Deutsche. Oder einfach als Deutsche! Der Erste Weltkrieg änderte nichts daran. Es war noch ein langer Weg zu dem, was knapp 20 Jahre später geschah.


Fazit:

Auschwitz ist das Schlagwort der deutschen Geschichte des 20. Jahrhundert und Trauma zugleich. Ganz unabhängig davon, ob eine Überwindung überhaupt wünschenswert ist, ist es mit Sicherheit noch nicht bewältigt. Manch einer in Deutschland mag sich das wünschen, übersieht jedoch dabei, dass Auschwitz nicht allein ein deutsches Phänomen ist. Allein darum ist eine Pofallaisierung nicht möglich.

In diesem Land neigen wir dazu, alle Geschichte vor dem Massenmord als Weg zu ihm hin zu interpretieren. Dies ist jedoch nicht nur unhistorisch und simplifizierend, es wird auch den Menschen nicht gerecht. Theobald von Bethmann-Hollweg, der Reichskanzler, der im Jahre 1914 Deutschland mit einer Mischung aus Ignoranz, blindem Vertrauen auf die Vorhersagen des Militär, Großmachtträumen und pessimistischem Fatalismus so leichter Hand in den Ersten Weltkrieg führte, hat Schuld auf sich geladen, den Holocaust hat er jedoch auch nicht nur ein wenig zu verantworten – und das nicht nur, weil er bereits im Jahre 1921 verstorben ist!

Sicherlich ist es korrekt, den Ersten Weltkrieg als Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts zu bezeichnen. Doch dazu wird er erst in der Retrospektive. Gavrilo Princip öffnete in Sarajevo am 28. Juni 1914 keine Büchse der Pandora, aus der letztlich Auschwitz entsprang. Und auch nach dem Kriegsende am 11. November 1918 wäre vieles möglich gewesen. Der Erste Weltkrieg wurde zur Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, weil die Menschen in jenen Jahre und den Jahrzehnten danach ihn dazu machten! Ein wesentlicher Bestandteil dessen war auch eine ganz und gar unhistorische Erinnerungskultur. Gerade in diesem Jahr sollten wir uns vor Ähnlichem hüten. Denn genau genommen war der Erste Weltkrieg vor allem eines: Eine persönliche Katastrophe für die Menschen, die ihn erleben mussten. An Auschwitz dachte damals noch niemand von ihnen.

Anmerkung von TrekanBelluvitsh:

* = Die Verluste, die in Kriegen durch Krankheiten sowohl bei Soldaten als auch bei Zivilisten eintraten, wurden von jenen, deren Ursachen direkte Feindeinwirkung sind, erst im 20. Jahrhundert übertroffen.

** = Boog, Horst, Förster, Jürgen u.a.; Der Angriff auf die Sowjetunion; Stuttgart 1983, ND Frankfurt am Main 1991 (TB-Ausgabe von: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Bd. 4), S. 1195

*** = Oberste Heersleitung


 
 

Kommentare zu diesem Text


loslosch
Kommentar von loslosch (22.01.2014)
mein alter geschichtslehrer frischbier, jg. 1925, sagte etwa 1960: wenn hitler wenigstens einmal amerika (=USA) besucht hätte, hätte er den weltkrieg nicht begonnen. dann zählt er die hauptstädte auf, die hitler gesehen hat: rom, paris, warschau usw.

die deutsche sprache ist verführerisch! der krieg "bricht aus", als wärs ein natureignis.

es wäre gut, wenn die jüngeren kv-semester diesen text lesen würden.

ps: ein paar sprachl. schnitzer. ich empfehle den text gleichwohl.
(Kommentar korrigiert am 22.01.2014)
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loslosch meinte dazu am 22.01.2014:
der hinweis in der anm. ist treffend: verluste durch krankheit in relation zu tötungen. warum war napoleon im russland-feldzug gescheitert? durch seuchen. (naja, ohne die infektionen wäre er - ob der weite des landes - früher oder später ebenfalls gescheitert.)
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TrekanBelluvitsh antwortete darauf am 19.04.2014:
Na ja, die erste Hauptstadt, die Hitler besucht hat, war Wien und sein Aufenthalt dort hat seinen Hass nur angefacht. Menschen mit solchen Denkstrukturen sehen halt in allem die Schuld der anderen.
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AZU20
Kommentar von AZU20 (22.01.2014)
Hoffentlioch lesen das viele. LG
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TrekanBelluvitsh schrieb daraufhin am 19.04.2014:
Ich danke dir für diese Hoffnung.
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Dieter_Rotmund
Kommentar von Dieter_Rotmund (22.01.2014)
Mir, der ich schon viel und oft über den 1. Weltkrieg gelesen habe, hat der Text zu wenig Neues, Überraschendes, vielleicht wäre eine persönliche Note des Autors das nötige Salz in der Suppe.
Gerne gelesen, aber die heutige Projektion des 1. Weltkriegs einzig darin zu sehen, wie es der SPIEGEL, die Bildzeitung der Möchtegern-Intelektuellen, die Bibel der Empörungskultur und der Gutmenschenmafia, auffasst, halte ich für sehr einseitig. Es gibt noch mehr Zeitung und Zeitschriften neben diesem unsäglich moralinsauren Wochenwerk!
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TrekanBelluvitsh äußerte darauf am 19.04.2014:
Der Erste Weltkrieg wird nicht mehr so sehr als 'Vorläufer' des Zweiten Weltkriegs gesehen, wie och vor einigen Jahren, doch ist diese Tendenz immer noch vorhanden, was man an dem Versuch der Etablierung des Begriffs des "2. 30jährigen Krieges" erkennt. Und darum wollte ich mit diesem Beitrag zur Entkopplung der beiden großen kriege des 20. Jhd. beitragen.
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Songline
Kommentar von Songline (22.01.2014)
100 Jahre Erster Weltkrieg - und 100 Jahre nach dem Tod von Bertha von Suttner, die davor gewarnt hatte: „Der nächste Krieg wird von einer Furchtbarkeit sein wie noch keiner seiner Vorgänger.“
Sie behält bis heute recht.
Als meine Tochter ihre Facharbeit über den Weihnachtsfrieden 1914 schrieb, besuchte ich mit ihr Ypern und erlebte dort eine dem Ereignis gerechte Erinnerungskultur. Kein schuldhaft verschämtes Wegsehen und Vergessenwollen, sondern eine bewusste Auseinandersetzung mit dem Geschehen. Davon können wir lernen.

Zum Text: Eine gelungene Darstellung aus Sicht des Autors, die ich gerne gelesen habe.
Liebe Grüße
Song
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TrekanBelluvitsh ergänzte dazu am 19.04.2014:
Der "Weihnachtsfriede von 1914" ist ein sehr interessanter Aspekt des Ersten Weltkrieges, weil sich zu diesem Zeitpunkt die Soldaten versucht haben, gegen den Krieg zu wehren, etwas, dass man im gesamten Zweiten Weltkrieg in dieser Form nicht findet, womöglich aus  diesem Grund.

Hab Dank für deine interessierte Aufmerksamkeit.
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Kommentar von Graeculus (69) (22.01.2014)
Dieser Kommentar ist nur für eingeloggte Benutzer lesbar.
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TrekanBelluvitsh meinte dazu am 19.04.2014:
Dennoch würde ich die gefahren eines Infanteristen in der HKL (Hauptkampflinie) immer noch um ein vielfaches höher bewerten. Während des Einsatzes waren sie selbstverständlich hohen Gefahren ausgesetzt, doch sie waren z.B. bei den Stäben untergebracht, die in der Regel außerhalb der Reichweite der feindlichen Artillerie oder im "Feuerlee" von Hügel stationiert waren. Und der normale Infanterist hatte auch kaum Zeit und Möglichkeiten Bilder zu malen.

Die genaue Begründung für seine Auszeichnungen kenne ich nicht, doch es ist hohe Prozentsatz - gemessen an ihrer Anzahl - von Stäblern ( in Hitlers Fall: in der Umgebung von Stäblern Befindliche) an Auszeichnungen ist grundsätzlich auffallend, jedoch nicht erstaunlich, den die Vorschläge für Auszeichnungen kommen ja aus den Stäben.

Und was Hitlers Dienstrang angeht: Er galt damals schon seinen Kameraden als verschrobener Einzelgänger. Und ein höherer Dienstrang hätte ja auch mehr Verantwortung bedeutet, die man ihm - bezeichnenderweise - wohl einfach nicht zutraute.
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Kommentar von 9miles (49) (26.10.2014)
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Was wir von euch wollen - Teil 4: Das Wetter? Die Wikinger und der dritte GrundInhaltsverzeichnisSommer 1939: Keine Chance
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Veröffentlicht am 22.01.2014, 5 mal überarbeitet (letzte Änderung am 04.07.2016). Dieser Text wurde bereits 1.299 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 13.12.2018.
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