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Die Amerikanerin III.

Erzählung


von pentz

Zum Glück war sie noch so fit, dass sie sich körperlich in bester Verfassung wähnte. Ihre Schönheit war ihr noch immer anzusehen, wenn sie sich wie jetzt näher im Spiegel betrachtete. Die steinerne Ästhetik einer Marmorstatue. Allerdings ihr Konterfei, empfand sie, gleichfalls wie aus Marmor verhärtet, hatte durch das starre Gesicht eine steinerne Tonsur erhalten. Es war so angespannt, als hätte sie eine Schönheitsoperation hinter sich, weil sich kaum eine verräterische Falte zeigte. Auch ihr Körper - sie stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihren prallen Busen im Spiegel taxieren zu können - war objektiv gesehen noch recht anziehend, wenngleich ohne Leben, was nur sie wusste.
Diese Tatsache entrang ihr ein Seufzer, brachte sie dazu, das Interesse an ihrem Körper zu verlieren und der Absicht nachzugehen, dieses nutzloses Örtchen zu verlassen, wozu sie sich vom Spiegel abwandte, das Licht in dem kleinen Kabuff ihres Altenheimzimmers ausschaltete und vorerst zum letzen Mal diesen Uringeruch einatmen zu müssen. Denn manchmal war der Gestank aus den Abflussrohren unaushaltbar, die von der Kloschüssel hinunter durch die jahrhundertealte Leitungen bis zu den Ausgängen in den darunterhin träge dahinfließenden Strom führten und an manchen Tagen witterungsbedingt so penetrant rochen, dass es einer „alten Sau“ grausen konnte. Die Kanalisation wurde zwar regelmäßig alle paar Jahre, zumindest in jüngster Zeit, geputzt, geschruppt und gewartet, aber ganz schien der Urinstein doch nicht verschwunden und entfernt zu sein. Wenn das überhaupt gelang?
Bislang hatte sie auch keine Gesetzmäßigkeit entdeckt, an welchen Tagen es am furchtbarsten stank, aber es gab solche wiederkehrende Regelmäßigkeit. Vielleicht staute sich das Flusswasser gerade so ungünstig am Abflussrohr, mögen Zweige, Aste gemischt mit Entenfedern Ursache sein, dass es das Abflusswasser und die Fäkalien gleichfalls blockierte und so heraufstanken. Obwohl sie sich nicht vorstellen konnte, dass dies heutezutage noch erlaubt war, Abflussrohre, die direkt, ungefiltert und ungeklärt in einen Fluss führten. Aber Tatsache war doch, dass es manchmal ungeheuerlich penetrant roch, dass man es kaum mehr hier in ihrem Zimmer aushielt. An solchen Tage, was blieb ihr anderes übrig, floh sie oft nach draußen.

Als sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, um schließlich einen innehaltenden Blick über ihr Zimmer hinweg zu werfen, hing sie erneut den Gedanken über ihren letzten Mann nach.
Dieser hatte sie wegen einer Jüngeren verlassen, aber es war ihr ein Klacks gewesen, locker weggesteckt und kein bisschen aus der Bahn geworfen hatte es sie. Sie war ehrlich, sowohl sich selbst, soweit man das kann. als auch ihrer Umwelt gegenüber, der sie freimütig- offen verkündete, dass sie es leid sei, noch ständig so einen alten Bock in ihrem Bett abwehren zu müssen (so sprach sie freilich nur zu sich selbst), mit einem Wort, dass sie sich froh dünkte, da durch zu sein. (Sie durfte gar nicht an diese immerwährenden Umstände denken, wo sie sich diverse Öle und sonstige Gleitmittel in die Vagina rieb, um geschmeidig zu sein. Von wegen, Sex im Alter sei eine Sache der Attitüde, bei ihr war eindeutig der Ofen aus!) Dies zu begründen brauchte sie nicht, denn ihre Zuhörer waren in einem Alter, in dem sie das nur zu gut verstanden. Andere, glücklicherweise waren anständig genug, nicht nachzubohren, Sexualität hatte immer noch einen gewissen Status an Bigotterie inne.
Vor sich sagte sie sich: in meinem Leben waren alle Perioden einer menschlichen Station durch und durch erfüllt gewesen: als sie noch jung gewesen war, in dieser unbeschreiblichen Aufbruchsstimmung der deutschen Nation, ein Volk, ein Reich, ein Führer, einen heißbegehrten Offizier ergattern und geschwängert zu werden; in der mittleren Periode, schon fortgeschritteneren Alters, dann von einem hochangesehenen Intellektuellen amerikanischer Provienz erwählt worden zu sein., so dass sie stets Erfüllung in ihrem Leben gefunden, zur rechten Zeit am rechten Ort die richtigen Menschen getroffen hatte, somit stets im Mittelpunkt ihrer Umgebung, Zeitgenossen und Zeit gewesen, zudem auch nützlich in einem globaleren, menschheitsgeschichtlichem Sinne gewesen zu sein.
Man mag vielleicht denken, dass die in Deutschland Überlebenden sich gefragt haben, was hast du während der Nazizeit getan? Inwiefern bist du bekleckert mit Schuld? Nein, Schuldfragen wurden vom Schweigen übertüncht. Überleben ist einfach alles. Man hat sie einfach respektvoll angeblickt, zwei Töchter, einen Sohn, das ist ihre Lebensbilanz, was zählt. Wie die Millionäre, die man um ihr Geld beneidet, schließlich auch nicht danach fragt, auf welchen Wege sie zu ihrem Geld gekommen sind. Am Schluss zählt halt einfach nur das Ergebnis. Ergebnis ist die Quintessenz des Lebens.
Wie bei den Obstbauern, Pflanzern, Ernter – das was runterfällt, durchs Sieb gelangt, zählt! Man hatte sich ein großes Sieb vorzustellen, dass zwischen einer großen Brust gehalten und vor einem großen Bauch gehalten, geschüttelt und gerüttelt wird, bis das Unkraut heraus-, hinabfiel,  übrig blieb der vom Streu getrennte Weizen.
Ja, das Leben hatte es gut mit ihr gemeint, stets wurde sie nach oben gespült und schwamm oben auf.
Selbst als sich ihr letzter Mann von ihr getrennt hatte, hatte sie immer noch ihren Jungen, mit dem sie nach Deutschland umzog, wieder zurück nach Amerika, wie es die Umstände gerade bedurften und erforderten.
So sah sie es als ebenso schicksalhaft an, dass sie im Alter von dem Mann verstoßen worden war, was sollte sie diesem ja noch bieten können, sie, die die Menopause hinter sich hatte und wirklich kein sexuelles Bedürfnis in sich mehr verspürte, ganz im Gegenteil, ihrem Mann gegenüber, dessen Energiefluss stetig gleichmäßig strömte und bei ihr sein Ventil suchte, nur noch abwehrende Gefühle, die weit über den Überdruss gingen, empfunden musste.
„In jungen Jahren“, grübelte sie, „sind die Mädchen den Jungen voraus, im Alter, ausgleichende Gerechtigkeit, ist es der Mann, der der Frau dann voraus ist“, seufzte sie inbrünstig.
Sollte er sich an einer jüngeren Latino-Frau befriedigen, sie gönnte es ihm – sie empfand keinen Neid und keine Eifersucht. Im Kapitalismus oder in ihrer Welt vielleicht, so wie sie sie erlebt hatte und wo hinein sie geboren wurde, gesellschaftlich-privilegiert, körperlich-attraktiv und geistig-intellektuell ungemein rege, gehörte es dazu, dass man dem gesellschaftlichen Status entsprechend seinen ädaquaten Verwendungszweck zugewiesen bekam..
Also zurück zu ihr. Wie würde sie dastehen?
Wie hätte es auch anders sein können: sie war stark, sehr stark, das, was man als starke Frau bezeichnete. Beweis ihrer Stärke: Wie schon in ihrer letzten Beziehung mit dem jüdischen Diplomaten, war sie stets die Aktivere in ihrer Beziehung gewesen. Sie war es doch, die ihm nach Amerika hinterhergereist war, als er wieder zurück in die Staaten beordert worden war von seinem Auftraggeber und sie allein in der Nachkriegszeit in einem zerbombten hoffungslos dastehenden Deutschland zurückgelassen worden war und das, bedenke man, obwohl ihr zwei Bälger, ihre Töchter, am Hals hingen!; sie war es, die den Herrn Staatsdiener stets aus seiner Lethargie herausreißen musste, damit er etwas auf die Beine stellte, als er von seinem Auftraggeber, dem amerikanischen Staat, suspendiert worden war und sich nach einem neuen Tätigkeitsfeld umsehen musste – dies wahrscheinlich das erste Mal in seinem Leben, denn ursprünglich wird er bestimmt von seiner traditionellen Familie die Order erteilt gekriegt haben, in den Staatsdienst einzutreten und schwerlich aus freien Stücken dazu getrieben worden.
Nein, verletzt sich zu zeigen, das leistete sie sich keineswegs, wäre gegen das Selbstverständnis ihrer beiden Rollen gewesen, die sie zueinander hatten. Genauso wenig ihrem Sohn gegenüber natürlich. Auch wegen ihrer Vertreibung aus dem Paradies, sicherem Pensionat ihres Staatsbeamten, hegte sie keinen Groll. Es ging immer weiter, sie kämpfte sich immer durch Mauern, die sich vor ihr auftaten, auch dieser nunmehr. Wenngleich sie jetzt schon sehr auf dem absteigenden Ast saß, nachdem sie ihre Wohnung hier in Nürnberg hatte aufgeben müssen, weil es ihr zu viel geworden war, diese aufrechtzuerhalten, und nunmehr in ein Altenheim, wenn auch das beste der Stadt hatte einziehen müssen.
Dann der Verlust ihres Sohnes! Hm, eigentlich auch eine wahrhaftige Erleichterung, nur noch für sich selbst sorgen zu brauchen oder müssen, jetzt noch der Wegfall Mutterrolle, wenngleich diese Rolle zu verlieren, ihr wohl am schwersten fiel. Sie seufzte. An ihren Sohn zu denken, bedeutete noch immer, rot zu sehen.
Was aber die Pflichten, Aufgaben und Bürden anbelangte, kam ihr doch am schlimmsten die Zeit mit dem Ehemann an. Diesem durfte man keine laue Suppe vorsetzen, wie dies beim Sohn noch anging..
Ein Bild tauchte auf, der für diese Zeit wichtigste Eindruck, der ihr geblieben war.
Wie sie so oft am Fenster stand, hinter dem Store, um durch einen Spalt immer wieder auf den Vorplatz des Car Ports zu schauen, ob er schon mit seinem übergroßen, benzinverschlingenden Cadillac eingefahren sei. Ja, dieses sehnsüchtige Warten mit dem Essen abends, bis Er nach Hause kam, war sie leidgeworden. All die Umstände, wenn er sich verspätet hatte und sie genötigt war, den Braten in der Kasserolle warm zu halten – einfach ätzend. „Umständlich“ hätte bei weitem nicht den Nagel auf den Kopf getroffen, „fussy“ dachte sie in Wirklichkeit. Alles fussy das, genauso sein ständiges sexuelles Bedrängen des, obwohl gleichaltrig, dennoch weitaus sexuell aktiveren Partes, des des Mannes eben und nach wie vor.
„Ach, bin ich was von so froh, da durch zu sein!?“, dachte sie, eine sehr moderne Redewendung, die aus dem Englischen kommt und die sie bereitwillig in ihre Repertoire übernommen hatte und die ihr half, sich von dem Gedanken abzulenken, nicht der aktivere Part gewesen zu sein.
Dennoch spürte sie jetzt wieder den Schmerz, dass ihr Sohn nicht die geringsten Medikamenten-, Unterhalts- oder sonstige Lebenskosten übernommen hatte. Obwohl sie bislang gut zurande gekommen ist, allein zu leben.
Nur keinen Groll hegen, es als selbstverständlich sehen, selbst für sich zu sorgen – wie sie es von den anderen Mitmenschen auch erwartete, dies zu tun.

Sie schaute sich in ihrem Zimmer des Spitals um, in dem sie nunmehr lebte. Wenige Habseligkeiten, Erinnerungsstücke konnte sie hier unterbringen, das meiste hatte sie verscherbeln oder verschenken müssen. Aber trotz Wehmut, dachte sie auch etwas stolz daran, wie ein amerikanischer Song doch hieß: Freiheit heißt, nichts zu verlieren. Das erfüllte sie wiederum mit Stolz. Was die Oberhand gewann, der Schmerz des Verlustes, dessen, was ihr Leben ausmachte, begonnen mit den zwei Mädchen, ihrem Ursprungsland, ihrem Mann, ihrer Wahlheimat, dann ihrem Sohn, schließlich ihren sämtlichen allmählich sich angesammelten Souveniers und auf der anderen Seite das Erhabenheitsgefühl des freien Menschen, wusste sie nicht mehr zu sagen. Sie schwankte in letzter Zeit ja sehr, manchmal glaubte sie, schon so weit zu sein, als Messi eingestuft werden zu müssen, obwohl das keiner ihr gegenüber hatte sagen getraut: sie sei dement und, mein Gott, einen Alzheimer hie und da, wer hatte den nicht?
Sie befand sich im Herzen ihrer Geburtsstadt, in einem Haus, das eines der Symbole dieser Stadt überhaupt darstellte. Worüber sollte sie sich noch beklagen? Freilich, der innerstädtische Fluss strömte an ihr vorbei, wenn sie aus dem Fenster schaute und verbreitete mit seinem träg-fließendem Wasser doch eine ziemlich feucht-kühle Dampfwolke, die allüberall um ihr herumstand, ob in ihrem Zimmer, im Essraum oder im Garten. Einige Heimbewohner sagten unumwunden, dass es besonders im Winter unangenehm-kühl war. Zudem lockte dieses Wasser natürlich auch Ratten an, von denen man manchmal einige den Wasserdamm hinaufklettern sah.
Zudem war es im Kloraum stets leicht dumpf und feucht, es stank nach Urin aus den Klorohren, die von der Kloschüssel hinunter durch die jahrhundertealte Leitungen bis zu den Ausgängen, die in die Fluss führten, an manchen Tagen witterungsbedingt so penetrant rochen, dass es einer „alten Sau“ grausen konnte. Die Kanalisation wurde zwar regelmäßig alle paar Jahre, zumindest in jüngster Zeit, geputzt, geschruppt und gewartet, aber ganz schien der Urinstein doch nicht verschwunden und entfernt zu sein. Wenn das überhaupt gelang? Bislang hatte sie auch keine Gesetzmäßigkeit entdeckt, an welchen Tagen es am furchtbarsten stank, aber es gab solche wiedergehrende Regelmäßigkeit. Vielleicht staute sich das Flusswasser gerade so ungünstig am Abflussrohr, mögen Zweige, Aste gemischt mit Entenfedern Ursache sein, dass es das Abflusswasser und die Fäkalien gleichfalls blockierte und so heraufstanken. Obwohl sie sich nicht vorstellen konnte, dass dies heutezutage noch erlaubt war, Abflussrohre, die direkt, ungefiltert und ungeklärt in einen Fluss führten. Aber Tatsache war doch, dass es manchmal ungeheuerlich penetrant roch, dass man es kaum mehr hier in ihrem Zimmer aushielt. An solchen Tage floh sie oft nach draußen, um den Tag in Illustrierten blätternd oder, wenn’s sich ergab, selten genug, irgendjemanden ansprechen zu könnten, ein Schwätzchen zu führen, dessen Inhalt man sich leicht vorstellen kann, wenn es letztlich nur darum ging, die Zeit totzuschlagen: Klatsch und Tratsch. Frau passte sich schier automatisch an jeden x-beliebigen Gesprächspartner und dessen geistiges Niveau an, so dass sie wahrhaft ganz schön verflachte und die Konversation um den denkbar niedrigsten Niveau kreisten. Immerhin verging die Zeit. Und wenn man Glück hatte und man kam zurück, hatte der Gestank aufgehört.
Sie schauderte vor Schrecken , denn ihr negative Lieblingstier war die Ratte. Vor der fürchtete sie sich wie vor nichts mehr. Was aber die andere Sache anbelangte, dieser dichte Nebel, den der Fluss hin und wieder produzierte, und vor dem sich der ein oder anderen Heiminsasse fürchtete, als enthielte er Gespenster und Geister, musste sie nur lachen. Abergläubisch war sie mit Sicherheit nicht! Aber Ratten, Ratten, sehr unangenehm! Bei der Vorstellung, eines dieser virusinfizierten, kecken, dreisten Viecher machten sich in ihrem Zimmer zu schaffen und sie stand ihm im Angesicht zu Angesicht gegenüber, wusste sie nicht, was sie da tun würde: schreien wie ein dummes Weibchen? sich nach ihrem Revolver (hatte sie keinen) umschauen, nach einem starken Mann flüchten (war keiner in der Nähe), ja, wahrscheinlich nach dem Bereitschaftsdienst klingeln halt.
Bei dieser Vorstellung übrigens, Ratte, Augen im Auge, hatte sie ein funkelndes rotes Äuglein vor sich. Als ob Ratten nur roten Augen besäßen, war bestimmt ein Vorurteil, so eine fixe Idee, der sie aufsaß und doch nicht entkommen konnte. Ratten, iihh!

Sie stand am Fenster und schaute in den braunen Fluss hinunter, durch dem man niemals bis zum Grund gelangte. Er durchströmte langsam die schöne alte Museumsbrücke, in deren Mauer am äußersten linken und rechten Brückenpfeiler schaurige Plastiken reliefartig angefertigt worden waren, die auch nicht gerade das Sinnbild der Romantik wiederspiegelten: gierige echsenförmige Köpfe, aus denen Wasserstrahlen drangen – eine mittelalterliche, eben kein renaissance- oder klassizistisch-angehauchte jüngere Stadt eben – „Schicksal nimm deinen Lauf“, fiel ihr das Sprichwort ein.
Aber was sie zudem störte, waren diese vielen religiösen Zeichen, die überall hier in dieser Stadt zu sehen waren: Kreuze, Heiligenplastiken und dergleichen. Zum einen war sie in eine evangelische Familie hineingeboren worden und zum anderen hatte sie es niemals mit der Religion gehabt, war nahezu Atheistin gewesen, hatte zumindest seltenst in ihrem Leben eine Kirche von innen gesehen. Hier jedoch traf man Schritt auf Schritt auf solch religiösen Insignien. Überall diese pathetischen Ausflüsse von Schmerz und Tod, sehr unappetitlich im Grunde genommen, wenn man es realistisch betrachten konnte wie Säkularisierte wie sie. Am schlimmsten empfand sie aber den großen Schmerzensmann am Kreuz, nackt, qualvoll-verstellt oder vor Qualen sich verrenkend, nenne es, wie du willst, aber das war kein schöner Anblick. Solche Dinge waren in Amerika kaum zu sehen, aber in Europa halt, das christliche zudem, um’s genau zu sehen!
Sie seufzte wieder, wahrscheinlich ein Gefühl des Heimatverlustes?
Zum Teufel, warum aber war sie hierhergekommen? Ja, sie hatte in Amerika dauernd an Europa denken müssen und nun, wo sie in Europa saß, dachte sie wehmutsvoll an Amerika! Es scheint fast so, also ob der Mensch niemals zufrieden sein kann mit seinem Schicksalsort.

Das saß sie wieder beisammen mit Frau Schönleben, die ihr überraschend einen Strauß Blumen mitgebracht. Wollte sie sie mit ihrem Besuch erfreuen? Aber warum redete sie nicht? In der Tat saß sie schon eine Viertel Stunde da und brachte kein Wort heraus. Stattdessen blinzelte sie unaufhörlich mit ihren Wimpern und starrte gerade vor sich hin, wobei sie nicht leblos und untätig war. Man merkte deutlich, dass ihr Gehirn auf Hochtouren lief und arbeitete. Bis sie endlich einen Satz herausbrachte: „Schöner Tag heute, nicht wahr?“, waren allerdings gute zehn Minuten wieder verstrichen.
Sie stimmte natürlich zu, weil sie schon einmal froh war, das ihre Gesprächspartnerin wieder etwas herausgebracht hatte. Wenn sie selbst erzählte, reagierte diese sofort und spontan, meist lachend, obwohl es nicht unbedingt witzig war, was sie selbst erzählte. Das war wohl so eine Schicklichkeits-Marotte von ihr: lach stets, auch wenn der andere den größten Blödsinn sagt, so hat er das Gefühl, er ist geistreich und witzig.
„Ich habe heute nacht nicht schlafen können wegen des Nebels draußen. Ich kann ihnen sagen: der drang auch in mein Zimmer herein. Da kann man wirklich an Geister glauben, wenn so eine dicke Nebelschwade das Fenster hereinschwebt, durchs Zimmer und dann mitten darin verharrt und so aussieht, als glotze sie dich permanent an.“
Frau Schönleben lachte. Ihr war bei der ganzen Sache alles andere als lustig zumute. Aber was soll’s, man gewöhnte sich auch daran.
So dachte sie, bis ihr bewusst wurde, achje, ich habe ja schon wieder zwei Minuten geschwiegen. Wie zu erwarten gewesen, war von Frau Schönleben auch nichts gekommen.
Frau Schönleben, ehemalige Topmangerin einer großen Firma, welch tiefer Absturz jetzt.
Sie fragte sich schon, ob sie nicht etwas übertreibe mit ihren Klagen und Horrorschilderungen, nur um Frau Schönleben aus der Reserve zu locken. Je krasser ihre Schilderungen, desto eindeutiger Frau Schönlebens Reaktionen. Denn eins war klar, wenn ihre Rede in diese Richtung zielte, dann sprudelte es schließlich auch aus Frau Schönleben heraus und das durften nur Horrorszenarien sein, meist solche, wo der andere, in diesem Fall sie selbst, darunter zu leiden hatte. Frau Schönleben selbst jedoch, hatte hinwiederum ihr gegenüber niemals eine Szene geschildert, wo ihr übel mitgespielt wurde. Das rührte bestimmt noch aus ihrer Zeit her, als sie Topmanagerin war, wo oberstes Gebot war: stell dich immer ins rechte, gute Licht und niemals ins schlechte.
Sie seufzte wieder tief. Und es vergingen erneut etlichen Minuten, bis sie wieder ein Wort fand, über das Frau Schönleben nur wieder lachen würde.
Eigentlich war das ein Witz, dachte sie erbost. Diese Frau, okay, Führungskraft, das konnte war vorbei. Aber dann Invaliden, Erwerbsunfähigkeitsrente kriegen, 80 Prozent ihres vorherigen guten Gehaltes und nun Privatissima bis ans Lebensende machen, eine Sauerei. Undenkbar in Amerika. Gut, bist du nicht miehr gut genug für deinen alten Job, dann machst du halt einen anderen. Und wenn es Tellerwaschen ist. Hauptsache du stehst deinen Mann deine Frau. Auch wenn dir früher die Untergebenen die Fuße geküsst und die Schuhe geputzt haben, jetzt bist halt du an der Reihe, den Diener zu spielen. Jeder muss her, egal für was. Keiner hat Anspruch, wenn er ursprünglich nicht mehr in seinem alten Beruf, seiner Ausbildung, seiner Profession die Stange halten kann, dass er dann nichts anderes mehr machen braucht. Wo gab es das? Nur hier. Nein, anderswo, dann musst du halt anderswo ranklotzen und wenn es Kloputzen ist, verdamm mich.
Aber wahrscheinlich steckt hinter dem allen noch dieser deutsche Standesdünkel. In Amerika, da zählst du immer, sofern du deinen Platz, egal welchen, wo, oben und unten, in der Gesellschaft eingenommen hast. So gehört sich auch. Jeder ist gleich. Egal, woher er kommt. Wo sein Opa rumgehöpst ist, meine Herren, was hat das mit den Söhnen und Töchter zu tun, schon verrückt, dieses Europa.
Dieser Sozialstaat, seufzte sie. Aber wenn sie ein Quentchen Ehrlichkeit besaß, dann hatte sie diesem wohl ihren Altersitz hier auch zu verdanken, weil in das hiesige Rentensystem hattte nicht die Bohne einbezahlt. Nur weil sie hier geboren worden ist, ein paar Jährchen hier abgelebt hat, hat sie jetzt diesen Anspruch. Strenggenommen auch ein Witz!
Naja!

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Veröffentlicht am 04.08.2014, 1 mal überarbeitet (letzte Änderung am 04.08.2014). Textlänge: 3.200 Wörter; dieser Text wurde bereits 414 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 25.09.2019.
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