Warum Kritik?

Essay zum Thema Schreiben

von  RainerMScholz

aus dem Griechischen: kritiké; Kunst der Beurteilung

Kritik, die ein Werk angreift oder zerstören möchte, das über das Vergehen, die Nichtigkeit, den Tod hinausweisen und quasi ewiges Leben sichern soll, ein Andenken und Fortbestehen über das sich kein menschliches Wesen dieser Welt sicher sein kann, ist eine Unterbrechung der Linearität der Existenz, die für nicht in die Konklave der Gläubigen und Rechtschaffenen und Religiösen Integrierten nur schwer zu ertragen ist, die kein Jenseits, kein seelisches, fleischliches oder wie auch immer geartetes Fortbestehen erwarten und somit auf die Welt des Geistes im Hier und Jetzt angewiesen sind, darauf hoffend, dass die Erträge dieser Arbeit am Geist das Wenigste sind, das überdauert und die Linearität der Existenz vollenden oder zumindest andeuten als Trost in die Ewigkeit. Der Kritiker zerstört das Vermächtnis, das Kunst ist, und zieht es in Zweifel, raubt dem Künstler die vagste Hoffnung, in der Welt nach der Auflösung seiner Existenz fortzudauern. Das ist im schlimmsten Falle nicht lediglich ein Angriff auf die Persönlichkeit und das Vermögen eines Autors und Künstlers, sondern die Negierung seines zukunftsoffenen Daseins, ohne das ein kreatürliches Schaffen nicht möglich erscheint, das um so prekärer werden wird, je weniger Möglichkeiten der Erschaffer besitzt, dieses Fortbestehen vor sich selbst und der Welt und einem imaginierten Gott oder Publikum womöglich zu rechtfertigen. Die immaterielle, ideelle  Basis erlischt. Ich führe dein Werk ad absurdum, verleugne deine Individualität und Einzigartigkeit, ich werfe dich vor den Augen der Welt ins Feuer der Nichtigkeit und Banalität. Der religiös Gläubige an Gott erreicht die Rechtfertigung seiner Existenz und das Fortbestehen seiner selbst im rechtschaffenen Glauben an diesen Gott und sein Versprechen auf das jenseitige Leben, was sein Wirken ergebnisoffen gestaltet und ihn dazu befähigt, am Tage seines Todes (mit Luther) ein Bäumchen zu pflanzen; der Gläubige negiert diese Todesangst durch einen gerechten Lebenswandel, durch Anhäufung von materiellem oder transzendentem Vermögen oder durch den Dschihad und den Tod auf dem Schlachtfeld. Das Jenseits des konfessionell ungebundenen (um den Begriff des Atheismus zu vermeiden, der instringent erscheint in vielerlei Beziehung) Künstlers ist ein rein ideelles, das erst noch zu erschaffen ist, ihm bleibt der Gedanke, die Idee und die Ahnung in artifizieller Ausformung, die gelingen mag in den Augen der Nachwelt oder die scheitert, womit er im Orkus der Anonymität versinkt. Allein diesem Wagnis gebührt der Respekt des Lesers und Betrachters, unabhängig von etwaiger Qualität und Brillanz. Denn verliert der Künstler den Glauben an sein Werk, und sei dieser Glaube auch fern jeglichen Publikumsvergnügens – was besitzt er dann noch?
Warum nun Kritik? Der Kritiker rettet die Welt und damit sich selbst, indem er vermeintlich schlechte Literatur und Kunst vor aller Augen geißelt und so seinem Gott opfert. Sein Werk besteht in der Inquisition und der Darstellung rechten Glaubens. Er ist das Sprachrohr seiner eigenen Dignität in einer Welt des Ungenügens. Man sollte annehmen, ein schlechter oder unverständlicher Text spräche für sich selbst und man breite den Mantel des Schweigens über ihn aus, doch der Kritiker verfasst sich durch seinen kritischen Text, so wie der originäre Autor, selbst in die Geschichte mit ein, um so seinen Platz an der Tafel der literarisch Gerechten zu erreichen, bedauerlicherweise anhand des Textes des Autors, der ja selbst die sehr, wirklich sehr unwahrscheinliche Möglichkeit in Angriff genommen hat, in einen etwaigen Kanon aufgenommen zu werden und so die imaginierte Unsterblichkeit zu erreichen. Doch vor seinem Gott der Literatur und des guten Geschmacks hat der Kritiker, unbesehen der Qualität eines kritisierten Werkes, dennoch bestand, denn je größer das Brandopfer, um so wahrscheinlicher ist ihm ein Platz neben dem Herrn aller Kritik im Jenseits der Hohen Literatur.
Exkurs: Martin Walser hat seinen größten Kritiker zwischen zwei Buchdeckeln umgebracht, woraufhin ein Aufschrei der Empörung durch das Tal der Intellektuellen gellte. Dabei hätte er für ihn doch gar kein größeres Monument konstruieren können (auch wenn das vielleicht nicht seine Absicht gewesen sein mag). Aus dem Olymp der Rezensenten blickt dieser wohlwollend auf seinen Lieblingsautor hinab.


© Rainer M. Scholz

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Kommentare zu diesem Text

Graeculus (69)
(03.11.14)
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 RainerMScholz meinte dazu am 04.11.14:
Nomen est omen.

 Dieter_Rotmund (03.11.14)
Inhaltlich völliger Unsinn, mit dem ich zu 100% nicht übereinstimme. Aber gerne gelesen, nur aus dem ein oder anderen Satz könnte man locker zwei machen und damit die Verständlichkeit erheblich verbessern.

 RainerMScholz antwortete darauf am 04.11.14:
Profunde Einschätzung.
Eigentlich wollte ich alles in einen einzigen Satz packen, aber das machte einen zu artifiziellen Elfenbeinturmeindruck und unglaubwürdig für das angestrebte Gebrauchsgenre des Essay.
Silvi_B (48)
(04.11.14)
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