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Abreise

Kurzgeschichte zum Thema Entfremdung


von Ephemere

Eine Stunde, bevor mein Flug geht, sitze ich am Gate und möchte einer von Euch sein. Einer von Euch, mit diesem gesunden Glanz im Haar, reizvoll leuchtenden Augen und der Miene unschuldigen Gleichmuts. Einer von Euch, mit einer Familie, die man anrufen, einem Partner, zu dem man heimkehren kann, einem Ort, an den man gehört.
Nicht ein Reisender zwischen den Welten - immer auf dem Posten, getrieben zum nächsten unbekannten Ziel, während die Erschöpfung wächst und die Gesundheit schwindet. Der Typ, den Du vielleicht aus den Augenwinkeln beobachtest und Dir denkst "Er könnte ganz gut aussehen, wenn er weniger abgespannt wirkte. Gesünder. Wenn er besser auf sich achtete. Und nicht so ernst dreinschaute." Am Liebsten würdest Du ihn anschreien, er solle sich doch mal bitte schön entspannen. Oder ihn zum nächsten Therapeuten schicken.

Doch meine Reise muss weitergehen. Nicht, dass ich wüsste wohin. Nicht, dass das eine Rolle spielte. Irgendein neuer Schauplatz. Irgendein neues Gesicht. Auf der Suche nach einem Ort für mich. Jemandem, bei dem ich bleiben kann. Vielleicht einem Anker für meine Identität - diese "Ich weiß, was ich mit meinem Leben anfangen will"-Erfahrung. Klingt ziemlich religiös für einen Atheisten.

Die Menge macht's. Das glaube ich. Möchte ich glauben. Wenn ich nur genug von der Welt sehe, genug Erfahrungen mache, genug Menschen kennenlerne, werde ich meinen Platz im Leben finden. Wie bei einem Quantensprung - man addiert auf und es scheint sich nichts zu tun, bis plötzlich alles auf eine neue Ebene springt. Eine Art Paradigmenwechsel.

Bislang ist die Rechnung nicht aufgegangen: Hier sitze ich, müde und auf Medikamenten, die den Schmerz, der an mir nagt, nicht stillen können. Er erinnert mich daran, dass mich mein Infekt im Bett hätte halten sollen. Stattdessen mache ich mich an diesem wolkenverhangenen Sonntagmorgen auf zu einer weiteren Stadt an einem weiteren Ozean.
Ich bin wohl eine Art Flüchtling, auf ziemlich komfortablen Niveau. Ein Flüchtling, der sich Flugtickets, Hotels in bester Innenstadtlage und den hervorragenden Starbucks-Kaffee leisten kann, der mich normaler Weise wach macht und in eine bessere Stimmung versetzt.
Heute bleibe ich auf meiner Gleichgültigkeit sitzen und mit der frischgebrühten kolumbianische Auslese intus fühle ich mich nur noch fertiger.
Ich bin ein Flüchtling, der seinen eigenen Teufeln entrinnen möchte. Man kann sie ziellose Begabung nennen. Von mir aus auch schwierige Vergangenheit oder unklare Zukunft. Aber nenn sie nicht "Krise". Ich nehme keine Drogen oder so. Ich gehöre nicht zu diesen unsäglich lebensmüden Psychos.

Ein neues Jahr, schon wieder. Eigentlich wollte ich diese Geschichte hier anders und früher zu Ende bringen, doch als ich das Datum unter den Entwurf schreibe, steht da 2015 und sieht ungewohnt aus. Nicht durch drei teilbar. Auch nicht durch vier. Oder fünfzehn. Die Fünf mag der einzige Kandidat sein, obwohl ich nicht ausschließen kann, dass 35, 45 oder sonst eine Zahl auch noch im Rennen sind und ich nur zu faul bin, das zu überprüfen. Wozu auch? Keine dieser Nummern bedeutet mir irgend etwas. Nur ein weiterer Kalendereintrag. Ein weiterer Tag der unerwartete Veränderungen zum Besseren und Schlechteren mit sich bringt. Jahre und Daten sind für konsequente Menschen. Menschen mit Tagebüchern und einer Lebensgeschichte.

Meine klingt erfunden, irgendwas zwischen einem außer Kontrolle geratenen Zug und einem übertriebenen Roman. Sie ist eher ein Kaleidoskop als ein Mosaik: Ich kann sie nicht erzählen, wie man eine Geschichte erzählt. Ich kann nur alles aneinanderreihen, was viel Zeit braucht und mein Gegenüber entweder überwältigt oder ermüdet.
Mich lässt das verwirrt zurück. Skeptisch, da der Schmerz anhält. Ich glaube, ich bin auf dem absteigenden Ast, obwohl es scheinbar Konsens ist, ich sei auf dem rechten Weg zu Erfolg und Erfüllung.
Das Seltsame dabei: Es ist mir gleich. Die Aussicht auf meinen Absturz berührt mich nicht. Wenn man etwas unbeteiligt nennen kann, dann wohl das, auch wenn der Begriff nur einen Aspekt davon zu fassen bekommt.

Manchmal erscheint mir selbst der Tod wie eine Gelegenheit, auszuruhen, ein langer Schlaf. Doch nur, wenn ich übermüdet oder verzweifelt bin. Ich neige nicht zum Morbiden. Ich liebe das Leben. Es ist nur so, dass ich manchmal - und immer häufiger - nicht viel davon spüre.
Ich liebte es sehr. Ich glaube, das ist immer noch so. Es gibt da überwältigende Momente, recht häufig sogar. Gerüche. Geräusche. Den Himmel und das Meer.
Aber ich gehöre mir selbst weniger an als früher, und mit den ständigen Mühen, Enttäuschungen und Schlägen in die Magengrube ist unsere Beziehung wie die Liebe eines Paares geworden, das schon lange zusammen ist und sich in die Arbeit geflüchtet hat:
Das brennende Verlangen ist auf den Grund gesunken; seinen Platz hat die Routine eingenommen, mit gelegentlichen Glanzmomenten.

Anmerkung von Ephemere:

Zum zehnjährigen Geburtstag  dieser von mir sehr geschätzten Erzählung habe ich sie ins Deutsch übertragen. Dann verstehen das die Pappnasen hier auch ;)


 
 

Kommentare zu diesem Text


unangepasste
Kommentar von unangepasste (11.01.2015)
"Aber ich gehöre mir selbst weniger an als früher"


Da finde ich mich wieder. Leider oft ein Teil des Erwachsenseins, Nebenwirkung des Lebens, das von einem erwartet wird.
Gern gelesen.
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Ephemere meinte dazu am 11.01.2015:
Danke. Das kann ich gar nicht genug unterstreichen. Wobei es da Skylla und Charybdis gibt...man entgleitet sich selbst in der Entfremdung (dem Leben, das von einem erwartet wird) ebenso, wie man sich in der Beliebigkeit (dem Leben mit vollends offenen Horizonten und einem Himmel ohne Sterne) entgleiten kann. Dazwischen kann man nur navigieren, wenn man sich selbst Werte und manchmal auch Befehle zu geben weiß. Soweit die Theorie. Doch das dann in der Praxis zu leben...
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Dieter Wal
Kommentar von Dieter Wal (12.01.2015)
The burning desire has settled for some routine, with occasional moments of brilliance.

Das brennende Verlangen ist auf den Grund gesunken; seinen Platz hat die Routine eingenommen, mit gelegentlichen Glanzmomenten.

Dein Deutsch gefällt mir besser. Sehr schöne Formulierungen insgesamt. Baudelaire bezeichnete eine solche Haltung als ennui.
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Ephemere antwortete darauf am 12.01.2015:
Danke! Ich mag das Englische auch, weil es einen sehr kompakten Rhythmus hat und viele Doppeldeutigkeiten, die sich nicht übersetzen lassen, doch das Deutsche liegt mir jetzt näher, schon alleine weil diese Übertragung heute stattgefunden hat, während der Ursprungstext 10 Jahre alt und damit eine gefühlte Ewigkeit entfernt ist.
Ich finde "ennui" bezeichnet eher einen Überdruss, während hier unter der Oberfläche noch eine Leidenschaft brodelt, ein Wunsch, teilzuhaben...der ennuyé hat sich bereits von der Vorstellung verabschiedet, dass es etwas gebe, an dem man teilhaben könne bzw. an dem teilzuhaben sich lohne.
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Dieter_Rotmund
Kommentar von Dieter_Rotmund (12.01.2015)
Guter Anfang mit Einführung des im Flughafen sitzenden Protagonisten, aber dann folgt leider nur Vages mit viel Selbstmitleid, eine Geschichte wird definitv nicht erzählt.

P.S.: Der Kaffeeladen heißt Starbucks!!!
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Ephemere schrieb daraufhin am 12.01.2015:
Grazie für die Korrektur, ist vermerkt und umgesetzt.
Ob allerdings eine Geschichte nur erzählt wird, wenn sie im Konkreten stattfindet, ist wohl eine Frage dessen, wie man "Geschichte" definiert und welche Erwartungen man daran stellt. Wir bewegen uns hier nicht im Aristotelischen Schema, das ist klar. Aber wir bewegen uns ja auch im 21. Jahrhundert und die Kurzgeschichte hat dieses Schema schon von Anfang an verlassen - da gibt es die abgeschlossenen Short Stories oder die Contes à la Maupassant, doch es gibt auch die offenen und introspektiven Erzählungen von Kerouac bis Leif Randt. Hier festlegen zu wollen, was "definitiv" eine Geschichte heißen darf erscheint mir, mit Verlaub, etwas tollkühn.
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Dieter_Rotmund äußerte darauf am 12.01.2015:
Definition hin oder her, mir gefällt nicht, dass in "Abreise" wie in vielen anderen kV-Texten (fast) nur Vorgekautes vorgesetzt wird, dem Leser wird so rein gar nichts überlassen, um eigene Schlüsse ziehen zu können.
Die Angst des Autors, der Leser könne sich seine eigenen Gedanken machen...
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Kommentar von Graeculus (69) (12.01.2015)
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Ephemere ergänzte dazu am 12.01.2015:
Danke. Die Beziehung ist die Beziehung zum Leben, nicht zu einem Partner / einer Partnerin...dass er das noch als Beziehung empfindet, darf durchaus überraschen, angesichts dessen, dass sie - sehr treffend formuliert - so erschöpft ist, wie er selbst.
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Graeculus (69) meinte dazu am 12.01.2015:
Diese Kommentarantwort ist nur für eingeloggte Benutzer lesbar.
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