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Genre des Tages, 20.09.2019:
Gesetz
Für alle Angehörigen eines Gemeinwesens geltende Norm, die Gebote und Verbote aufstellt, um das Zusammenleben zu regeln.
... und was wir daraus machen:

Ziemlich neu:  Antiproporthologisch von Oreste (27.02.19)
Recht lang:  Parteiengesetz von Aipotu, 1. Abschnitt von Dart (483 Worte)
Wenig kommentiert:  11. Gesetzeserlass von Aipotu von Dart (noch gar keine Kommentare)
Selten gelesen:  Das Gesetz der Zahl von eiskimo (nur 107 Aufrufe)
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Tag des Mitgefühls (2/3)

Novelle


von autoralexanderschwarz

"Das hat alles mit diesem Obdachlosen angefangen", sagt der Wachmann und zoomt mit der Kamera auf den Alten, der sich gerade unbeobachtet glaubt und an seiner Bierdose nippt. Er räuspert sich. Es macht ihn nervös, vor diesen Leuten aus der Unternehmensleitung zu sprechen. Er merkt, dass sie ihn nicht ernst nehmen, über ihn tuscheln, weil er keinen Anzug hat, weil er nicht ihre Sprache spricht, diese Rhetorik, mit der sie das Gegenteil von dem sagen, was sie meinen. Er hat sich Stichworte gemacht und auf einen Zettel geschrieben, sich aber dann nicht getraut ihn hervorzuziehen, niemand sonst hat einen Zettel. "Gestern Morgen hat er ein Grablicht auf die Platte gestellt. Ich weiß nicht, wie er auf die Idee gekommen ist. Ich habe es bemerkt und ihn aufgefordert es zu entfernen, was er auch gemacht hat. Eigentlich war da noch fast niemand da, aber ich denke, irgendeiner hat es gesehen und ist auf die Idee gekommen ebenfalls etwas hinzustellen."
Er schwenkt mit der Kamera hinüber auf die Platte. Ein Grablicht und eine Kerze stehen da, Blumen. Dauernd bleiben Menschen an dieser Stelle stehen, der Strom stockt.
"Das Problem ist, dass es hier wegen den Blumenbeeten auf der rechten Seite ohnehin eine Engstelle gibt. Manchmal kommt es jetzt schon zum Gedränge." Er zoomt mit der Kamera hinaus, so dass es alle sehen können. Hoffentlich bemerken sie nicht, dass seine Hände zittern.
"Mit Ihrer Erlaubnis entferne ich die Blumen und Kerzen heute Nacht, bevor das Ganze noch größere Ausmaße annimmt." 
"Ich halte das für eine schlechte Idee", sagt der Unternehmensberater und erhebt sich. Sie wenden den Kopf. Er ist froh, dass ihre Aufmerksamkeit jetzt nicht mehr auf ihn gerichtet ist. 
"Natürlich ist es richtig, dass Sie als Wachmann jede Veränderung erst einmal als Bedrohung begreifen und diese entfernen wollen, aber die Situation ist komplexer. Wir haben gerade Tausende von Euro in diese Urzeitkampagne gesteckt und warum?"
Niemand antwortet auf diese rhetorische Frage.
"Weil wir wollen, dass die Leute uns mögen. Weil wir wollen, dass sie gerne zu uns kommen. Wir verkaufen nicht nur Produkte. Wir verkaufen auch ein gutes Gefühl. Das ist sehr wichtig und von jeher Teil unserer Geschäftsphilosophie. Denken Sie doch einmal an die Außenwirkung. Da legen Leute Blumen auf das Pflaster, idealerweise sogar Blumen, die sie bei uns im Einkaufszentrum gekauft haben. Wie herzlos wirkt es da, wenn wir diese Blumen dann nachts entsorgen? Was meinen Sie, wie schnell es dauert, bis irgend so ein Weltverbesserer den passenden Slogan findet. Wissen Sie, warum die Queen die Blumen nicht entfernt hat, als ihre unselige Schwiegertochter diesen Autounfall hatte. So etwas bleibt in den Köpfen hängen. Dann stürzen sich die Medien drauf und am Ende heißt es noch, dass der junge Mann gesprungen ist, um gegen den Kapitalismus zu demonstrieren und dass wir dann nichts Besseres zu tun haben, als sein Andenken auszulöschen. Wir müssen hier mit Vorsicht agieren, wir müssen flexibel sein, denn das Ganze ist gleichzeitig eine Chance, die sich nicht mit Geld kaufen lässt. Wir können unseren Besuchern zeigen, dass wir Menschen sind, dass wir Mitgefühl mit jedem einzelnen haben, sei er Kunde oder nicht. Ich rate Ihnen, diese Kränze nicht zu entfernen, ganz im Gegenteil. Wir brauchen einen eigenen Kranz, auf dem dezent aber gut sichtbar der Name des Einkaufszentrums zu sehen ist. So zeigen wir, dass wir ein Herz haben, und wenn die Sache hochkocht, dann stehen wir von Anfang an auf der richtigen Seite, aber ich kann Sie beruhigen. Spätestens in ein oder zwei Wochen ist die Sache vergessen. Von der Urzeitausstellung aber wird man noch lange sprechen. Weitere Punkte?"
Er bewundert den Unternehmensberater für die Art, wie er sprechen kann, wie er dabei rumtänzelt und die Hände bewegt und wie ihm alle zuhören.
"Was ist mit dem Obdachlosen?", fragt der Vorstandsvorsitzende.
"Stimmt. Über den sprachen wir bereits." Der Unternehmensberater setzt sich wieder. "Setzen Sie das Hausrecht durch, sorgen Sie dafür, dass er verschwindet." Die Worte gelten ihm. "Das ist meine Meinung. Ich weiß, dass es da Absprachen gibt und dass er sogar wohl mal ein Akademiker war, aber zwei negativ konnotierte Orte sind wohl etwas viel und er hält sich auch nicht an die Absprachen. Eben hat er Alkohol getrunken. Ich schlage vor, dass er heute Nacht verschwindet. Es gibt genug Einrichtungen, in denen er einen Schlafplatz finden kann."
"Irgendwelche Einwände?"
Der Vorsitzende blickt in die Runde, der Wachmann zögert. Eigentlich mag er den Alten ja, aber er traut sich nicht, in dieser Runde noch etwas zu sagen. Warum auch? Niemand wird auf ihn hören, das weiß er.
"In Ordnung. Ohne Gegenstimme angenommen", sagt der Unternehmensberater.
"Die Sitzung ist geschlossen."
*
Der Wachmann ist schlecht gelaunt, er mag keine Veränderungen und er fühlt sich auch ein wenig schuldig, schließlich hat er die Aufmerksamkeit auf den Alten gelenkt und damit auch irgendwie dessen Schicksal besiegelt. Das ist Unsinn, denkt er dann, sie hätten ihn ohnehin früher oder später dort verscheucht. Es ging ja auch lang genug, knapp zwei Jahre ist er selbst schon hier, dreht morgens und abends seine Runden. Eigentlich ein entspannter Job, wenn er denn ordentlich bezahlt würde. Jedes Mal hat er den Alten gegrüßt, "Morgen, Alter" hat er gesagt oder eine geruhsame Nacht gewünscht, immer ganz zu Beginn oder am Ende der Schicht, manchmal hat er ihn auch mit der Kamera beobachtet, wie er den Leuten nachsah oder heimlich aus seiner Dose trank. Ihm selbst geht nun ein Orientierungspunkt verloren. Er mag eigentlich keine Penner, aber diesen Orientierungspunkt hat er mit der Zeit lieb gewonnen. "Ich mache nur meinen Job", denkt er und dann, wie so oft: "einer muss es ja machen." Er biegt um die Ecke und ist für einen kurzen Moment konsterniert, die Lichter, die Blumen, dieser feierliche Glanz. In der Realität sieht es ganz anders aus als auf dem Bildschirm und in diesem Moment begreift er, was die Leute so fasziniert, dass sie bei den Blumen stehen bleiben, aber an dem Tyrannosaurus an der Ecke ungerührt vorbeistreichen. Rührung. Die Menschen sind gerührt, weil andere Menschen etwas Selbstloses tun, weil sie ein Opfer bringen, weil es eine Botschaft ist, die einen anderen etwas gekostet hat. Für einen Moment erinnert ihn das flackernde Licht an seine eigene Familie. Er hat sich lange nicht mehr bei seinen Eltern gemeldet.
Ihm fällt niemand ein, der für ihn ein Licht entzündet hätte.
"N'Abend, Alter", sagt er zu dem Alten und denkt dabei, dass er es zum letzten Mal sagt.
"Ich habe schlechte Nachrichten, Alter", sagt er zu dem Obdachlosen, der mit trüben Augen an ihm vorbei auf die Lichter starrt. "Du musst gehen."

Der Alte hat es gewusst. Es ist keine Überraschung und doch ist er nicht vorbereitet. Nicht jetzt, denkt er, nicht jetzt, wo die Lichter so schön leuchten. Immer wieder hat er sich gesagt, dass dieser Tag kommen wird und dass er nicht noch einmal einen neuen Platz suchen wird, dass er nur geduldet und nicht willkommen ist.
"Warum?", fragt er, obwohl er die Antwort kennt, besser kennt als der Wachmann.
Er schämt sich, weil ihm Tränen in die Augen schießen, dieser verdammte Alkohol, der so gefühlsduselig macht, diese verdammten Lichter, die Schlieren ziehen.
"Warum?", wiederholt der Wachmann nachdenklich, "ich weiß es nicht. Es wurde eben so beschlossen. Ich habe darauf keinen Einfluss."
Der Alte versucht ruhig zu atmen. Er weiß, dass das stimmt, dass das das Gemeine an diesem System ist. Dass es gar nichts bringt mit dem Wachmann zu diskutieren, weil dieser nur Überbringer der Nachricht ist. Es gibt niemanden, den er verantwortlich machen kann. So ist das. Ein Passiv. Es wurde beschlossen.
"Muss ich jetzt direkt gehen?"
Ein kleines Zugeständnis, ein kleiner Rest an Würde.
"Ich habe mehrere Jahre lang hier gesessen."
Der Wachmann zögert, doch die Blumen und das Licht stimmen ihn milde. Er ist sich nicht sicher, ob er seine Kompetenzen überschreitet, aber in diesem Moment ist ihm das egal.
"Morgen muss die Stelle frei sein", sagt er und wünscht dem Alten im Weggehen eine geruhsame Nacht.
*
Es zieht ihn zu der Stelle, von welcher der vermeintliche Selbstmörder gesprungen ist, von der er selbst in seinem Traum in die Tiefe sprang. Er merkt es erst, als er in die Straße zum Einkaufszentrum abbiegt. Vorher ist er ziellos durch die Straßen gefahren, kann selbst nicht sagen warum, es muss irgendetwas Psychisches sein, irgendeine Verbindung, die er nicht versteht. Er wartet vor der Schranke des Parkhauses, beobachtet den kleinen Mann, der in einem Häuschen neben der Schranke sitzt und wiederum ihn beobachtet. Bislang hat er Parkhäuser gemieden, mag keine Parkhäuser, die er mit langen dunklen Gängen, Abgasen und Vergewaltigung assoziiert. Er fährt im Kreis, den anderen Fahrzeugen hinterher, nach oben. Das oberste Stockwerk ist nicht abgesperrt, niemand hält ihn auf. Er fährt weiter nach oben, parkt. Es sieht nicht so düster aus, wie er es sich vorgestellt hat, nur der Kernbereich ist überdacht, nach außen hin öffnet sich das Gebäude zum Himmel hin, keine Wolken, die Sonne scheint. Er hat Angst auszusteigen, betrachtet das Geländer, das wirklich sehr niedrig ist, gerade bis zur Hüfte reicht. Ein Schild warnt vor der Tiefe und der Gefahr eines Sturzes. Niemand ist außer ihm da, einige verwaiste Fahrzeuge, keine Menschen. Dann entdeckt er den Alten, der mit großer Zielstrebigkeit auf das Geländer zugeht.
Er wird springen, denkt er, er will wirklich darunter. Er zögert, ist fasziniert, zögert, während der Alte fast die Absprungstelle erreicht hat.
"Tu das nicht", ruft er.

Der Alte erstarrt, als er die Stimme hört. Er wendet sich um, kann niemanden sehen, entdeckt schließlich den Mann in dem Auto, der ihm irgendwie bekannt vorkommt, den er schon einmal irgendwo gesehen hat, doch er weiß nicht wo. Er schaut nach links auf das niedrige Geländer, hinter dem es hinabgeht, da drüber die Sonne, die so schön wie schon lange nicht mehr leuchtet, ein Spätsommertag, denkt er und blickt nach rechts zu dem Mann, der heftig gestikuliert, irgendetwas will, was will er nur?
Er folgt einem spontanen Gefühl, vielleicht Neugier aber sicher keine Hoffnung, und geht zu dem Auto. Der Mann öffnet die Beifahrertür. Dann sitzen sie nebeneinander im Auto.

Der Geruch des Obdachlosen ist unerträglich. Ein furchtbarer Gestank, der sich nicht in Einzelgerüche zerlegen und beschreiben lässt, der um sie herum wabert. Er zündet sich eine Zigarette an und bietet dem Alten ebenfalls eine an. Ignoriert die schmutzigen, zitternden Finger, die an seiner Packung nesteln, Feuerzeugklicken, tiefe Atemzüge. Jetzt kann er wieder durch die Nase atmen. Jetzt ist es erträglich, denkt er.
"Warum hast du mich in dein Auto geholt?"
Er weiß es nicht, ist nur seinen Gefühlen gefolgt.
"Ich weiß es nicht", sagt er, "ich glaube, ich will dir helfen...", er zögert, "zu leben".
Es klingt wie eine Frage.
"Du willst mir helfen zu leben? Warum?"
"Mein Vater hat sich umgebracht", sagt er und erschrickt über diese Antwort.
Er hat es lange niemandem mehr erzählt. Er hat gedacht, dass er es vergessen hat.
Der Alte schweigt. Sein Gesicht ist ausdruckslos. Er könnte gerührt, aber auch zornig sein.
"Mir ist nicht mehr zu helfen", sagt der Alte. "Such dir jemanden, der dankbarer und nicht so kaputt ist wie ich."
Er greift nach hinten und findet die Bierdosen, die dort seit einigen Tagen liegen. Alles fügt sich, denkt er, "möchtest du?". Er reicht dem Alten eine Dose.
"Ich brauch selbst Hilfe", sagt er in die Stille. "ich bin nicht zufällig hier."
Zum ersten Mal lächelt der Alte. "Jetzt bist du ehrlich".
"Warum bist du hier?", fragt er.
"Ich weiß es nicht", sagt er und es ist wie ein Damm, der bricht, endlich kann er es erzählen, endlich hört ihm jemand zu. "Ich muss die ganze Zeit an diesen Mann denken, der dort hinuntergesprungen ist. Ich komme nicht darüber hinweg. 28 Jahre ist er alt gewesen, denke ich die ganze Zeit, 28 Jahre, und dann denke ich daran, wie ich selbst mit 28 war, wie ich immer nach vorne geschaut habe. Ich wäre doch niemals auf die Idee gekommen zu sterben, ich hatte panische Angst vor dem Tod, ich habe mir immer gesagt, dass es irgendwann gut wird, dass alles irgendwann einen Sinn ergibt, dass ich irgendwann ankomme und am Ziel bin, dass sich alles fügt. Ich habe immer das gemacht, was andere mir gesagt haben. Ich weiß nicht mehr, worauf ich gehofft habe."
"Alles fügt sich", sagt der Alte, "es fügt sich nur nie so, wie man möchte, dass es sich fügt. Alles verschiebt sich immerzu und wenn man vor einer Mauer zurückweicht, verschiebt sich eine andere.
Die Oase wandert von Düne zu Düne. Kennst du diese Geschichte von der Maus?", fragt der Alte, "die Geschichte von der Maus, die nicht anders kann als in die Falle zu rennen. Die Maus denkt, dass sie keine andere Wahl hat als zu rennen, deshalb hat sie keine andere Wahl. Es ist alles eine Frage der Perspektive. Eben wollte ich nur, dass alles vorbei ist und ich habe schon das Glück gespürt, das man spürt, wenn alle Hoffnung einen verlassen hat. Ich bin es leid zu kämpfen. Ich bin es leid jeden Tag um mein Leben zu betteln. Ich brauche diese Blicke nicht mehr, dieses Geduldet-Sein. Ich will einfach meine Ruhe. So habe ich gedacht und es war richtig so. Dann hast du mich zu deinem Auto gerufen. Alles verschiebt sich", sagt er. "Jetzt gerade habe ich hauptsächlich Hunger. Du möchtest mir helfen zu leben, hast du gesagt. Hilf mir. Gib mir etwas zu essen."
Er startet den Motor, wieder hinunter, Kurven fahren, denkt über das nach, was der Alte gesagt hat. Er kennt die Geschichte mit der Maus nicht, aber er versteht, was der Alte meint, wenn er vom Glück spricht, das in der Hoffnungslosigkeit verborgen ist. Der Weg ist nicht weit, vertraute Straßennamen, links, rechts, Blinker setzen, Einfahrt. Der Alte schweigt. Sie steigen aus. Schlüssel, Schloss, Flur. Er zögert.
"Ich weiß, dass das unhöflich ist", sagt er, "aber du stinkst. Du riechst ganz abscheulich."
Er sucht die Augen des Obdachlosen, fragt sich, ob er ihn verletzt hat.
"Ich zeige dir das Bad und während ich uns was zu essen mache, machst du dich frisch?"
Das Gesicht des Alten ist undurchdringlich, doch er folgt ihm den Flur entlang. Er weist den Weg, räumt im Vorbeigehen auf, Konvention, die sich nicht abstreifen lässt. Er lässt Wasser in die Badewanne ein, Badeschaum, Fichtenwald.
"Ich lasse dich dann mal in Ruhe", sagt er und geht hinüber in die Küche.
*
Sie sitzen am Tisch und essen, Hausmannskost, Bratkartoffeln und dazu Buttermilch. Das einzige, was er kochen kann und was besser schmeckt als die Fertiggerichte, die sich im Vorratsschrank stapeln. Der Alte füllt sich immer wieder nach, großer Hunger, aber dabei tadellose Manieren. Er zerteilt jede Kartoffelspalte mit großer Sorgfalt, bevor er sie auf die Gabel spießt. Er hat ihm Kleidung von seinem Vater rausgesucht, die ihm selbst zu groß ist, aber dem Alten hervorragend passt, eine Cordhose und ein kariertes Hemd. Wenn er ihn nur aus dem Augenwinkel betrachtet, ist die Illusion perfekt. Abendessen mit seinem toten Vater, an den er viel zu lange nicht mehr gedacht hat. Auch sein Vater mochte Bratkartoffeln. Sie trinken Wein, kein edler aber doch ein guter Tropfen, Landwein, mittleres Preissegment. Ihm fehlen die Worte. Viele Gedanken, aber keine Worte. Alles ist so zusammenhangslos, er fühlt sich dem Alten verbunden, wenn er das Hemd betrachtet, er ist ihm fremd, wenn er ihm in die Augen schaut.
"Ich habe gehört, dass du Akademiker bist", sagt er in die Stille hinein.
"Und du fragst dich, wie ich auf der Straße gelandet bin?"
"Du musst nicht darüber sprechen, wenn du nicht willst."
"Doch, doch", sagt der Alte nach kurzem Überlegen. Es ist sogar eine lustige Geschichte. Ich habe sie nur so oft erzählt, dass ich nicht mehr darüber lachen kann und sie hat sich verändert in den Jahren, holzschnittartig ist meine Geschichte, aber wo du dich meiner erbarmt hast, werde ich sie dir erzählen. Ich war einmal wie du: Wohnung, Job, Jahresurlaub. Du hast ein schönes Badezimmer. Ich hatte auch ein schönes Badezimmer. Ich hatte gute Noten im Studium, bin danach schnell untergekommen, vielleicht zu schnell. Der Arbeitsmarkt war damals noch nicht so überfüllt, ich musste nie kämpfen. Ich habe viel darüber nachgedacht, aber bis heute keine richtige Antwort gefunden, warum mich das alles eines Morgens so angekotzt hat, immer das gleiche, der Weg zur Arbeit, Kollegen, die einander belauern, der Weg von der Arbeit zurück, vielleicht war es eine Art Depression, genau weiß ich es nicht, aber an jenem Morgen habe ich gedacht, dass all mein Besitz und all diese Verpflichtungen mich unglücklich machen. Damals war ich noch nicht allein, ich hatte Freunde, Bekanntschaften, alle haben mir abgeraten, niemand hat mich verstanden, das wird schon wieder, haben die einen gesagt, du brauchst eine Frau, die anderen. Hätte ich mal auf sie gehört, habe ich aber nicht. Ich konnte nicht. Ich habe nach und nach alles verschenkt, was ich hatte, meinen Besitz unter die Leute gebracht, meine Sicherheiten. Damals hat es sich richtig angefühlt. Verstehst du das? Es war Sommer. Die Nächte lauwarm, ich habe im Park geschlafen und mich frei gefühlt. Tagsüber habe ich auf der Bank gesessen und die Menschen beobachtet, wie sie im Gleichschritt zur Arbeit marschierten. Ich bin etwas Besonderes, habe ich gedacht, ich brauch den ganzen Scheiß nicht. Es hat einige Monate gedauert, bis ich gemerkt habe, dass sich eigentlich nichts verändert hat. Es ist Winter geworden. Meine alten Routinen sind neuen gewichen. Ich bin nicht mehr ins Büro gefahren, ich habe kleine Hilfsjobs erledigt, bin von einem Ort zum anderen gereist. Jeden Tag einen Schlafplatz suchen, eine Mahlzeit finden. Meine neue große Freiheit entpuppte sich als ein Batzen kleiner Zwänge. Vielleicht wäre damals noch eine Rückkehr möglich gewesen. Der eine oder andere hätte mir wohl zähneknirschend meinen Besitz zurückgegeben, aber ich war noch zu stolz. Mir hat es nichts ausgemacht mir eine Mahlzeit zusammenzubetteln, aber zurückzukehren und zu sagen "ich habe mich geirrt", dazu fehlte mir der Mut. Alle hätten sie mit dem Finger auf mich gezeigt. Seht den Mann, der auszog, um das Glück zu suchen, der dachte, er könnte freier sein als die anderen. Ich habe begonnen den Sachen hinterherzutrauern, meiner Badewanne, meinem Kühlschrank, meinem warmen Bett. Es war ein bisschen so wie in dieser Geschichte, wo ein Mann beschließt, seinen Tisch Stuhl und seinen Stuhl Tisch zu nennen. Irgendwann kam der Tag, an dem es kein Zurück mehr gab, wo es zu spät war."
"Ich weiß, was du meinst", sagt er, weil er sich verstanden fühlt. Er kennt die Geschichte mit dem Tisch und dem Stuhl nicht, aber er kennt das Gefühl, wenn sich Tage nur marginal voneinander unterscheiden.
"Manchmal liege ich morgens im Bett", sagt er, "und dann denke ich, dass an diesem Tag nichts vor mir liegt, das in irgendeiner Form erstrebenswert ist. Ich denke dann an all die Dinge, die ich erledigen muss, Verpflichtungen, dass ich Dinge tun muss, die ich unzählige Male getan habe, dass ich das Bett nur verlasse, um Verpflichtungen gerecht zu werden, dass ich am Ende des Tages wieder dort liege, am nächsten Morgen wieder aufwache, wieder das gleiche, Zähneputzen, Hemd bügeln, Krawatte umbinden, so als hätte das alles einen Sinn und dann ist da zugleich diese Stimme ganz tief in meinem Innern, eine Stimme, die sagt: dies ist dein einziges Leben, du hast nur eine begrenzte Zahl an Herzschlägen. Ich vergeude den Großteil meines Lebens mit Dingen, die ich nicht mag, die ich bestenfalls gut ertrage, jeden Tag. Ich kann verstehen, dass du ausbrechen wolltest und ich glaube auch, dass ich deshalb die ganze Zeit über diesen Selbstmörder nachdenke, weil er es tatsächlich getan hat, weil er ausgebrochen ist."
*
"Wir melden uns bei Ihnen", hat der Mann gesagt und dabei an ihr vorbei zur Tür geblickt, hinter der die anderen Bewerber saßen. Sie werden sich nicht melden, denkt sie, wieder alles umsonst, die Anspannung, die ganze Warterei, das Ticket in die Innenstadt. Sie blickt aus dem Fenster der Straßenbahn und muss sich beherrschen nicht zu weinen, ein trüber Tag, Nieselregen, ein Unwetter ist vorhergesagt, Feuchtigkeit liegt in der Luft. Die Scheiben sind beschlagen und stoßen alles, was dahinter ist, in trübe Melancholie. Scheißleben, denkt sie, vielleicht ist es ihr Schicksal, von diesem Leben gefickt zu werden, von all diesen Mittfünfzigern, die sie benutzen, um aus dem Alltag auszubrechen. All diese Menschen dort draußen, denkt sie, so viele Menschen, die alle irgendwie ihren Platz gefunden haben, nur sie nicht, sie ist immer zu spät, egal wie früh sie aufbricht, egal wie oft sie auf die Uhr schaut. Sie hat das alles zu spät verstanden, niemand hat ihr damals gesagt, dass die Schule kein Spaß ist, dass das Sortieren so früh beginnt, hier die erfolgreichen Menschen, dort der Abschaum. Hätte sie das gewusst, hätte sie damals besser aufgepasst und wüsste jetzt, wie Photosynthese funktioniert, wie man eine Exponentialfunktion berechnet. Nun liest sie nachts in den Schulbüchern ihrer Tochter, damit sie sich nicht schämen muss, damit sie Fragen beantworten kann. Wieso hat sie das alles vergessen? Sie wischt mit der Hand über die kalte Scheibe, weil sie diese trübe Sicht nicht erträgt, weil alles ohnehin schon schlimm genug ist, die Bahn hält, noch drei Stationen, dann muss sie raus. Sie beobachtet ein Paar, das an einer Ampel steht. Beide tragen die gleichen gelben Regenjacken, halten sich an den Händen. Warum musste er so früh sterben? Warum hat er sie alleingelassen, wo doch alles gut war? Die Bahn fährt an.
"Entschuldigung?"
Sie blickt auf. Ein junger Mann, jünger als sie selbst. Heruntergekommen, starrer Blick. Er riecht nach Alkohol.
"Haben Sie vielleicht eine kleine Spende, damit ich mir etwas zu essen kaufen kann?"
Essen, denkt sie, sie hat noch knapp sieben Euro, sieben Euro für zwei Tage, der Kühlschrank ist leer, sieben Euro, wenn sie nicht wieder anschaffen will, wenn sie nicht wieder die Kleine allein lässt. Es ist auch kein Brot mehr da. Sie muss einkaufen und die Kleine hat sich ein Fahrrad gewünscht. Ein Fahrrad.
"Und?", fragt der Mann.
"Es tut mir leid", antwortet sie, "ich habe selbst fast nichts."
"Ja klar", sagt der Mann, "das höre ich immer. Eins der reichsten Länder der Welt und niemand hat etwas. Ich habe Hunger, habe ich gesagt. Ihr habt doch alle kein Herz."
Er klingt mehr zornig als resigniert und sie bekommt Angst. Was ist, wenn er sie jetzt angreift, wenn er gewalttätig ist? Wer soll sich dann um die Kleine kümmern?
Sein Blick ist jetzt drohend. Er will mir Angst machen, denkt sie, aber ich habe nur sieben Euro.
"Ich habe wirklich nichts", sagt sie und hofft, dass ihm das reicht, dass er sie jetzt in Ruhe lässt.
Er zögert, mustert sie. "Kapitalistenschwein", flüstert er, dann wendet er sich ab, ist an ihr vorbei, spricht ein älteres Ehepaar an.
"Einen wunderschönen Tag wünsche ich", sagt er, "hätten Sie vielleicht eine kleine Spende?"
*
"Du bist zu spät", sagt ihre Mutter, als sie die Tür öffnet.
"Ich war noch einkaufen. Das Brot war alle."
Die Mutter sieht sie misstrauisch an. Warum guckt sie so? Warum dieses Misstrauen?
Woher kommt das? Sie ist doch schuld, sie hat sie in diese Welt gepresst, so wie sie die Kleine in die Welt gepresst hat, schreiend und blutend. Warum liebt sich mich nicht so, wie ich die Kleine liebe, denkt sie.
"Wie lang war denn die Schlange an der Bäckerei? 20 Kilometer?"
Sie geht an der Mutter vorbei in die Wohnung, tadellose Ordnung, jedes Objekt hat seinen Platz, die durchgesessenen Polster mit Decken kaschiert, der Schimmel wächst mit der gleichen Beharrlichkeit, mit der sie ihn von der Wand wischt, mit Zitronensaft beträufelt. Kein einziges Staubkorn.
"Wo ist die Kleine?"
"Sie schläft. Setz dich doch einen Moment. Ich setze uns einen Tee auf."
Sie folgt ihr, setzt sich auf den Stuhl am Küchentisch, dorthin, wo sie immer sitzt, während die Mutter mit dem Wasserkocher hantiert, dann sitzen sie sich gegenüber, Mutter und Tochter und dabei doch so schmerzhaft fremd, so grundsätzlich verschieden. Unausgesprochene Vorwürfe schweben in der Luft, der Wasserkocher fängt an zu ächzen und zu knarren. Langsam wird das Wasser heiß.
"Wie war's beim Vorstellungsgespräch?"
Sie weiß, dass die Mutter ihr den Misserfolg ansieht, aber das ist in diesem Moment gar nicht wichtig, sie hat etwas gesehen, mit dem sie nicht gerechnet hat.
"Ich war im Einkaufszentrum und da lagen überall Blumen, da, wo der Mann vom Parkhaus gesprungen ist. Viele standen dort einfach, manche haben sogar gesungen. Eine Frau hat geweint. Es war eine ganz seltsame Stimmung. Jemand hat ein Bild von dem Mann auf die Platte gelegt. Er war noch jung, Mutter, jünger als..."
"Wie war es beim Vorstellungsgespräch?"
"Sie sagen, dass sie sich melden."
Die Mutter nickt, dann schüttelt sie den Kopf.
"Du musst endlich mal wieder auf die Beine kommen. Das kann nicht ewig so weitergehen. Du musst auch an die Kleine denken."
Jetzt muss sie weinen, kann die Tränen nicht mehr zurückhalten und das macht sie wütend, weil sie ohne die Mutter anzusehen weiß, dass diese jetzt wieder mit dem Kopf schüttelt, langsam und bedacht, eine Choreographie des Unbewussten, eine Geste, die Mitleid und Vorwurf zugleich ist, du weißt es eben nicht besser, mein Kind, du bist zu schwach, zu zart für diese Welt. Sie muss sich zusammenreißen, atmen, tief einatmen, ausatmen, sie schreckt auf, die Kleine schreit, hinten, im Schlafzimmer. Sie springt auf und rennt hinüber.
"Ich bin da, Kleine", ruft sie undurchdringlich,
"es ist alles gut."       
*
"Es ist eine Tragödie", sagt der Zeitungsverkäufer, "dieser junge Mann, wussten Sie, dass er gerade befördert worden war, so ist die Arbeitswelt heutzutage. Er ist wohl mit dem ganzen Druck nicht zurechtgekommen."
Er betrachtet den Zeitungsverkäufer irritiert.
"Meinten Sie nicht gestern noch, er sei ein Selbstmordattentäter, ohne Anstand und eine armes Schwein?"
"Das war gestern", sagt der Zeitungsverkäufer, "aber der Wind hat sich gedreht. Die Leute nehmen nun Anteil. Drüben im Einkaufszentrum legen die Leute Blumen nieder und es gibt sogar Gerüchte, dass im Rathaus erwogen wird die Platte mit einer Gravur zu versehen, die an den jungen Mann erinnert. Der Bürgermeister hat gestern abends auf einer Veranstaltung gesagt, dass es ihn sehr betroffen macht, dass ein Mensch unerkannt so traurig sein kann und dass die Gemeinde zusammenrücken muss."
Der Zeitungsverkäufer reicht ihm die Zeitung.
"Sehen Sie selbst."
Er nimmt die Zeitung entgegen. "Eine Stadt trauert", steht dort in Großbuchstaben, darunter ein Bild von den Blumen und den Kerzen in der Passage.
"Da kommt man doch ins Grübeln", sagt der Zeitungsverkäufer, "aber ich sage ja immer: Erfolg ist nicht alles. Jeder muss selbst. sehen, was ihn glücklich macht."
*
"Sehen Sie", sagt der Unternehmensberater. "Ich möchte mich nicht selbst loben, aber doch noch einmal betonen, dass es gut war, dass Sie meinem Rat gefolgt sind."
Es ist eine Krisensitzung, der Sitzungssaal gefüllt, wichtige Menschen, getäfeltes Holz, kleine Wasserflaschen. Der Beamer surrt. Es ist sein größter Auftritt.
"Bislang nehmen uns die Leute in diesem Zusammenhang neutral wahr. Niemand sagt, dass das Einkaufszentrum eine Schuld an seinem Tod trägt. Wir sind bislang lediglich Kulisse für ein mediales Ereignis, dessen Ausmaß noch nicht abzusehen ist. Vielleicht geht dies alles bald über die Lokalpresse hinaus, stellen Sie sich das vor. Die Bühne wird größer, vielleicht fahren bald Fernsehteams vor. Sogar der Bürgermeister hat schon seine Anteilnahme ausgesprochen."
Da sitzen sie alle, wichtige Männer in maßgeschneiderten Anzügen, allesamt älter als er selbst und sie hören ihm zu, weil er gut ist und weil er Recht gehabt hat.
"Ich schlage einen Drei-Punkte-Plan vor, mit dem wir das Einkaufszentrum von der Kulisse zum Akteur machen." Er klickt sich durch seine Präsentation.
"Punkt 1: Wir bauen umgehend die Urzeitausstellung ab."
In den Reihen der Anzugträger rumort ist, doch er ist vorbereitet. Gleich wird einer das Wort ergreifen und widersprechen. Einer wagt sich immer nach vorne.
"Die Ausstellung hat ein Heidengeld gekostet und ist für einen Monat angesetzt, wir haben Merchandising-Verträge, die daran gekoppelt sind."
Zustimmendes Nicken bei einigen Managern, aber auf diesen Einwand ist er vorbereitet. Er ist auf alle Einwände vorbereitet. Das Koks macht es möglich.
"Ich bitte Sie, meine Herren. Was ist schon das bisschen Pappmaschee gegen die Chance, auf überregionaler Ebene als menschliches und pietätvolles Unternehmen wahrgenommen zu werden. Wir zeigen den Menschen, dass wir ein Herz haben. Unser Einzugsgebiet erweitert sich immens, wenn die Menschen etwas Positives mit uns assoziieren, und ich meine damit nicht Dinosaurier. Das ist eine ganz andere Liga."
Sie folgen ihm. Er spürt es. Sie glauben ihm. Er ist jetzt einer von ihnen.
"Punkt 2: Wir geben eine Pressemitteilung heraus, dass wir die Ausstellung aus Respekt vor dem Toten vorzeitig abbauen und wir lassen durchsickern, dass wir die Kosten hierfür vollständig übernehmen."
Wieder regt es sich unter ihnen, aber diesmal wagt niemand ihn zu unterbrechen.
"Kosten, die wir übrigens von unserer Versicherung erstattet bekommen. Ich habe das überprüft. Falls sich dies alles nicht rechnet, können wir eine Kostenerstattung beantragen.
Punkt 3: Wir machen uns mit den Leuten dort gemein. Kleine Gesten haben hier eine große Wirkung. Wir haben doch alles hier."
Er schaltet die Überwachungskamera auf den Beamer. Es hat sich eine Art fester Kreis um die Blumen und Kerzen gebildet. Menschen sitzen auf den Bänken oder auf dem Boden. Um diesen festen Kern hat sich ein weiterer Kreis geschlossen, der nach außen hin eine immer größere Fluktuation aufweist. Menschen bleiben stehen, drängen sich ein Stück nach vorne, weichen wieder zurück, andere bleiben. Ein Mann spielt lautlos auf einer Gitarre. Es ist ein surreales Bild.
"Manche sitzen schon seit Stunden dort. Warum bringt niemand den Leuten dort einen Kaffee? Diese Kerzen auf dem Boden stehen schief. Wachs läuft in die Fugen. Warum steht dort nicht ein angemessener Tisch, warum keine Vasen für die Blumen, vielleicht sogar ein Kondolenzbuch. Der Bürgermeister hat gesagt, dass die Gemeinde zusammenrücken muss. Wenn das mit dem Einkaufszentrum assoziiert wird, ist das die beste Werbung für uns, die man sich vorstellen kann. Wir müssen nur schnell handeln, damit uns niemand zuvorkommt. Vielleicht nutzen wir die Lautsprecheranlage von der Ausstellung für besinnliche Musik, irgendetwas Dezentes, Gefühlvolles. Lassen Sie mich machen. Ich habe viele Ideen."
*
Die Schaufenster sind schon dunkel. Abendrunde, die Gedanken schon beim Feierabend, Feierabendbier. Er fühlt sich nicht gut an diesem Tag, kann aber nicht sagen warum, irgendetwas fehlt, ohne dass er sagen könnte, was. Er prüft das Schloss, alles wie immer, keine besonderen Vorkommnisse, vielleicht wird er sich auch eine Flasche Wein aufmachen, einfach so, weil ihm gerade danach ist. Er biegt wie jeden Abend um die Ecke und ist für einen Moment verwirrt von all dem Glanz und der seltsamen Stimmung an diesem Ort. Es sind wieder mehr Kerzen geworden, mehr Blumen für den Mann, der vom Parkhaus sprang, seit nun auch die Zeitung ausführlich über den Fall berichtet hat. So viele Lichter. Manche Dinge fangen klein an, denkt er, so klein, dass man sie leicht übersieht, alles hat mit dem kleinen schäbigen Licht von dem Alten angefangen.
"N'Abend Alter", sagt er wie so oft zu der dunklen Ecke und erschrickt im ersten Moment, als die Antwort ausbleibt, ach so, denkt er und dann noch einmal und bedeutungsschwerer: ach so. Wo der Alte wohl hin ist? Es wird langsam kalt, denkt er, langsam Winter, und zieht die dicke Jacke fröstelnd über die breiten Schultern. Winter, denkt er und ist auf einmal traurig. Dann ärgert er sich über sich selbst. Es ist falsch, dass er jetzt ein schlechtes Gewissen hat. Er hat doch nur seinen Job getan, das Hausrecht durchgesetzt und was - verdammt noch mal - hätte er denn tun können? Er hat genug eigene Probleme, und Anordnung ist Anordnung, da kann man nichts machen. Der Unternehmensberater hat bestimmt kein schlechtes Gewissen, denkt er, der ist ohne Gewissen geboren. Aber was bedeutet das? Und was sagt das über ihn selbst? All das verwirrt ihn. Natürlich ist es nicht richtig, dass ein alter Mann jetzt dort draußen irgendwo durch die Nacht irrt, aber kann es denn sein, dass ausgerechnet er dafür verantwortlich ist, dass er etwas tun muss? Es gibt doch unzählige Institutionen, die sich darum kümmern sollen und doch sagen all die Kerzen und Blumen ihm irgendwie, dass er trotzdem und gerade deswegen mehr hätte tun können, so wie man immer mehr tun kann, als man tut. Aber warum gerade er und nicht die Anderen, die sich ein wenig Milde besser leisten können, die keine befristeten Verträge und eine Altersvorsorge haben. Er ist doch ganz allein, denkt er, was soll er schon tun, geht weiter, vorbei an den bereits halb abmontierten Sauriern, die so schnell dem neuen Zeitgeist weichen mussten. Der König der Dinosaurier ist bereits kopflos und ohne seinen mächtigen Kiefer wirkt er geradezu lächerlich mit diesen riesigen Füßen und den kleinen hilflosen Ärmchen. „Der König der Urzeit“ steht auf dem Schild. Die Zeiten ändern sich, denkt er, die Zeiten ändern sich, dann schreckt er auf. Da ist ein Geräusch.
*
"Tun Sie mir nichts", sagt sie, als er ihr mit der Taschenlampe ins Gesicht leuchtet und obwohl die Worte mehr Spaß als ernst sein sollen, folgt ihnen eine peinliche Stille. Sie ärgert sich über diesen verfluchten Schlüssel, der ihr aus der Manteltasche gefallen ist. Es tut gut sich über etwas zu ärgern, über etwas so Einfaches wie einen Schlüssel, sie ärgert sich und genießt dies für einen Moment, weil es alle anderen Gefühle kurzzeitig überdeckt. Ein kleiner Ärger, ein kleines Luftschnappen. Wenn der verfluchte Schlüssel nicht auf den Boden gefallen wäre, müsste sie sich jetzt nicht mit diesem primitiven und ungerechten breitschultrigen Kerl auseinandersetzen, der den Alten von seinem Platz vertrieben hat.
"Ach Sie sind es", sagt er und leuchtet ihr noch einmal ins Gesicht, als müsste er das Gesagte noch einmal überprüfen. Sie wird ihm jetzt die Meinung sagen, denkt sie, obwohl sie das gar nicht vorgehabt hat. Die Blumen sind versorgt, der Laden besenrein, sie hätte einfach gehen sollen, doch dann hatte sie den Wachmann bei den Kerzen gesehen und in diesem Moment etwas verstanden, er hat ihn rausgeworfen, denkt sie. In der letzten Nacht hatte sie noch über den Obdachlosen nachgedacht, hatte sich gefragt, wie er wohl auf die Blumen reagieren würde, ob er erkennen würde, dass seine Idee nicht verloren war, nur weil so ein dämlicher Wachmann keinen Anstand hatte. Doch als sie am Morgen voll Vorfreude um die Ecke bog, war er nicht mehr da gewesen. Auch seine ganzen Tücher, Taschen und der Schlafsack waren verschwunden. Immer wieder hat sie tagsüber aus dem Fenster geblickt, doch der Platz, an dem der Alte immer gesessen hatte, war leer geblieben. Irgendwie hat sie auf ihn gewartet, denkt sie, so wie ein kleines Kind, das seinen Eltern etwas ganz besonders Außergewöhnliches zeigen möchte, oder umgekehrt, aber der Alte war nicht gekommen und erst als sie den Wachmann bei den Lichtern sieht, versteht sie: Der Wachmann hat den Alten rausgeworfen, weil er das Licht dorthin gestellt hat, vielleicht hat er ihn sogar rausgeworfen, weil ich die Blumen dorthin gelegt habe. Den ganzen Tag hat sie sich wie eine heimliche Heldin gefühlt, sie hat niemandem etwas gesagt, aber sie hat mehr gewusst als die Leute, die bei ihr Blumen kauften, ein bisschen so wie eine Widerstandskämpferin, die im Geheimen für eine gute Sache kämpft. Sie war uneingeschränkt stolz gewesen, als auch andere ihre Blumen neben die Platte gelegt hatten, es war ein guter Tag gewesen, bis zu dem Moment, als sie den Wachmann bei den Kerzen sieht. Wo der Alte jetzt wohl ist? Sie ist noch immer bestürzt, so schnell geht das nicht vorbei, sie will nach Hause und in Ruhe über alles nachdenken, doch jetzt steht sie vor ihm, vor diesem dummen Kerl, der alles kaputt gemacht, der den Alten vertrieben hat. Sie wollte doch nur das Richtige tun, doch es ist alles so unfair, immer ist alles so unfair, auf einmal scheint ihre eigene Schuld zumindest ebenso groß, wie die des Wachmanns. Warum hat sie sich auch einmischen müssen? 'Alles hat funktioniert', hat ihre Mutter oft zu ihr gesagt, 'bis du daran herumgemacht hast.' Erinnerungen stürzen auf sie ein. Sie kann das jetzt nicht, kann jetzt nicht mit ihm reden, sie möchte nach Hause. Wäre der verfluchte Schlüssel nicht aus der Manteltasche gerutscht, hätte er sie gar nicht bemerkt. Ihre Augen sind noch geblendet, nur langsam gewöhnen sie sich an das Licht.
"Sie sind die Frau vom Blumenladen", sagt er und seine Stimme klingt ganz anders, als sie sich diese vorgestellt hat, weicher und wärmer. Zum ersten Mal sieht sie mehr als seine Uniform und den lächerlichen Gürtel, es ist ein seltsamer Moment. Das Kerzenlicht taucht ihre Gesichter in Bronze, das Schattenspiel macht die Urzeit um sie herum lebendig, er hat breite Schultern, aber im Gesicht etwas Schüchternes, Verletzliches, Augen, die schon viel gesehen haben und dabei tief geworden sind. "Mir ist nur der Schlüssel runtergefallen", sagt sie.

Sie verunsichert ihn. Er hat nie verstanden, wie man mit Frauen umgeht, wie man sie errät und ihnen das sagt, was sie hören möchten. Frauen können mit ihren Blicken so viele Dinge gleichzeitig sagen. Er versteht nicht, was sie will, muss etwas sagen und professionell bleiben. Er darf sie nicht so anstarren, aber es liegt so viel in ihren Augen, als hätten sie ein gemeinsames Geheimnis. Sie ist wunderschön, denkt er, man merkt, dass sie mit Blumen arbeitet, sie hat genug Liebe, um sie zu pflegen, genug Geduld, um ihnen beim Wachsen zu helfen. Pflanzen sind so langsam, denkt er und die Welt ist so schnell, doch da ist mehr, sie ist verletzt, denkt er, sie ist verletzt und will es nicht zeigen, er weiß es, ohne es erklären zu können, er errät sie. Genau das ist es, was er sich immer unter erraten vorgestellt hat. Es einfach wissen. Kompromisslos wissen. Keine Zweifel.
"Ich wollte Ihnen keine Angst machen", sagt er, "aber..."
Sein "aber" klingt unsicher. Er versteckt seine Unsicherheit sonst immer, sein Körperbau hilft ihm dabei und auch, dass die Menschen zumeist von unten zu ihm nach oben schauen, er erzählt dann immer Geschichten, Geschichten die seine Männlichkeit betonen, Ereignisse bei der Nachtwache, traurige Höhepunkte eines in nahezu jeder Hinsicht langweiligen Jobs. Unzählige Pärchen hat er in seinem Berufsleben in diversen Stellungen überrascht, einmal einen mutmaßlichen Einbrecher mit entschlossenem Rufen in die Flucht getrieben, ein Kaninchen befreit, das sich in die Springbrunnenanlage geflüchtet hatte, aber warum soll er das alles erzählen. Es sind nur Geschichten. Sie bedeuten nichts.
"Schön ist es hier", sagt er stattdessen, "mit den ganzen Lichtern, meine ich. Es hat so etwas..."
"Ich möchte jetzt gehen", sagt sie und es klingt kalt und böse, so als hätte sie nichts von all dem gefühlt, was sich dort zwischen ihnen bewegte.
Er weicht einen Schritt zurück. Es klingt so, als hätte er sie verletzt, etwas Ungehöriges gesagt, fast so, als hätte sie Angst vor ihm. Angst hat er jetzt selbst, dass sie jemand hört, dass jemand es falsch versteht.
"Entschuldigung", sagt er, weil er in ihrem Gesicht sieht, dass sie das hören will, er weiß nicht wofür, aber er entschuldigt sich und für einen kurzen Moment glaubt er irgendwo in ihrem Mundwinkel so etwas wie Vergebung aufblitzen zu sehen. Es ist ein schöner Moment, als sie sich so ohne Worte verstehen und als sie sich abwendet und um die Ecke verschwindet, ein zweiter schöner Moment, als er das Gefühl hat einer alten Freundin nachzublicken. Dann ist er wieder alleine und alle Zweifel sind mächtiger als je zuvor. Was hat er nur gesagt, das sie so verletzt hat?
Er will schon gehen und das Haupttor schließen, als ihm einfällt, dass er die Lichter ja nicht einfach so brennen lassen kann, Brandschutzordnung, auch wenn dort nichts ist, das wirklich Feuer fangen kann, man weiß nie. Es tut gut sich auf solche Fragen zu konzentrieren. Ihm bleibt nichts anderes übrig, als hinunter auf die Knie zu gehen und mit seitlich angewinkeltem Kopf die Kerzen und Teelichter auszublasen. Es sind viele, vielleicht noch 15 oder 20, die noch brennen. Er muss ganz tief hinunter, spürt das Pflaster an der Wange, rauer, kalter Stein, denkt, dass der Selbstmörder hier aufgeschlagen ist, dass Stein nicht zurückweicht und härter als das Leben ist. Er kniet auf dem Boden und mit jedem Atemzug wird es um ihn herum dunkler, alles verlischt, dann die letzte Kerze. Er muss jetzt nach Hause, muss sich jetzt betrinken, Wunden reißen auf, das spürt er, alte und grausame Wunden und doch bleibt er, als es vollständig dunkel ist, noch einige Momente in dieser gekrümmten Haltung, wartet, atmet. Später kann er nicht mehr sagen, warum er in diesem Moment geweint hat.
*
Der Alte wischt sich die Soße aus den Mundwinkeln. Er ist satt, ein gutes Gefühl. Er kennt seinen Körper. Richtigen Hunger wird er frühestens in 15 oder 16 Stunden haben. Es ist warm, seine Hand greift nach dem Wein um nachzugießen, schöne Gläser, denkt er, richtiges Kristall. Er hatte dort oben auf dem Parkhaus schon mit seinem Leben abgeschlossen, die Laufrichtung geändert, wie in dieser Geschichte mit der Maus, über die er in den letzten Monaten häufig nachgedacht hat. Jetzt sitzt er hier und speist wie ein König, hat geduscht, sich rasiert und die Haare geschnitten, Strähne für Strähne Selbstverrat, dabei hatte er doch abgeschlossen gehabt, die Entscheidung getroffen nicht mehr auf die Falle zuzurennen. "Warum bin ich hier?", fragt er unvermittelt, um den Anderen an seinen Gedanken teilhaben zu lassen.

Er hat mit dieser Frage gerechnet, die bereits den ganzen Tag unausgesprochen zwischen ihnen steht, "ich weiß es nicht", antwortet er und es stimmt, er weiß es wirklich nicht. Er betrachtet den fremden Mann, der ihm dort gegenübersitzt, der die alten Sachen seines Vaters trägt, den roten Pullover, der seit Jahren im Schrank liegt. Er sieht ihn an und sieht sich selbst, 20 Jahre älter, so hoffnungslos, denkt er, "mich hat dieser Selbstmörder aus der Bahn gebracht", sagt er, ich weiß bis jetzt nicht warum, aber es hat irgendetwas in Frage gestellt, über das ich vorher nicht mal nachgedacht habe, warum mache ich das alles, habe ich mich gefragt, das Blumengießen, das Staubsaugen, Spülmaschine einräumen, Spülmaschine ausräumen, Salz nachfüllen, die ganzen Kleinigkeiten. Alles hat auf einmal keinen Sinn gemacht. Hinter jeder Antwort eine neue Frage.
Ich habe Albträume gehabt. Ich weiß nicht, wieso ich in das Parkhaus gefahren bin, es hat mich dahingezogen, ich hatte das Gefühl, dass es richtig ist, oder besser noch, es hat sich richtig angefühlt. Ich habe nach dir gerufen, weil es sich richtig angefühlt hat, aber warum? Ich weiß es nicht. Ich kann deine Frage nicht beantworten. Ich weiß es nicht."

Der Alte weiß es auch nicht, aber es erinnert ihn an einen Film, Jurassic Park, mit all diesen animierten Dinosauriern, ein gänzlich dummer und belangloser Film, wenn man wie er nicht der  Effekte wegen, sondern wegen der Dialoge ins Kino ging, vollkommen wertlos bis auf eine Szene, die er sich gemerkt hat, die Stelle, als der Held und dieser Chaostheoretiker die Eierschalen finden und klar wird, dass die Dinosaurier sich nun doch selbstständig fortpflanzen können. "Das Leben findet immer einen Weg", hat der Chaostheoretiker gesagt, vielleicht sitzt er deswegen an diesem Tisch, weil das Leben immer einen Weg findet und zur Not auch einen deus ex machina, eine Stimme auf dem Off, die ihn vom Sturz abbringt. Er sieht den Anderen an und sieht sich selbst, 20 Jahre jünger. So naiv, ohne dass er es ihm vorwerfen kann, weil er selbst so naiv gewesen ist. Es gibt so viel, das er in diesem Moment sagen möchte, doch da ist zugleich auch das Gefühl, dass es für die wirklich wichtigen Dinge keine Worte gibt und dass das Wesentliche immer unausgesprochen bleiben muss. Er weiß nicht, wie er anfangen soll. Er hat selten mit Menschen gesprochen in den letzten Jahren, öfter mit sich selbst. "Die Geschichte mit der Maus", sagt der Alte, "ich habe in den letzten Monaten viel darüber nachgedacht, weißt du noch, die Geschichte, die ich dir im Auto erzählt habe, die von der Maus, die nicht anders kann, als in die Falle zu rennen. Ich kenne das, ich renne schon so lange. Links und rechts sind die Räume der anderen Menschen und fast alle Türen sind verschlossen, in manche Räume kann ich hineinblicken, aber immer nur im Vorübergehen, ich kann nirgendwo halten, verstehst du, ich muss immer weiterlaufen. Ich weiß nicht, wie das geht: stehenbleiben.
Bist du glücklich?", fragt der Alte unvermittelt.
Glück ist ein großes Wort, denkt er, was soll das schon sein: Glück? Er weiß, wie privilegiert er ist, keine Angst, kein Hunger, keine Sorgen, während dort draußen an so vielen Orten der Boden brennt, doch was bedeutet das, bedeutet das schon Glück? Er hat Urlaub, noch zwei Wochen, zwei Wochen Ausnahmezustand, Ausbruch aus festen Strukturen, den Takt ändern, schneller laufen als das Gefängnis. "Ich weiß es nicht", sagt er, "da oben auf dem Parkhaus, da habe ich mich gefragt, wie das wohl ist: fallen und zu wissen, dass es mit dem Aufschlag zu Ende ist, unwiderruflich zu Ende. Nie wieder wach werden, aufstehen, mit dem Auto zur Arbeit, essen, trinken. Ohne Bewusstsein, ohne Existenz. Ich kann mir nicht vorstellen wie es ist, aber da oben auf dem Dach war es überhaupt keine erschreckende Vorstellung, ich spürte eine große Leichtigkeit. Ich glaube nicht, dass das die Gedanken eines glücklichen Menschen sind." Er zögert. "Was meinst du, wenn du Glück sagst?", fragt er den Alten und entkorkt eine neue Flasche. Der Alte trinkt schnell und routiniert, er selbst nippt nur noch an dem Wein und merkt bereits, wie ihm die Wärme ins Gesicht schießt. Ich bin das nicht mehr gewohnt, denkt er.
"Ich mag den letzten Moment, bevor ich einschlafe", sagt der Alte, "das ist eine schöne Zeit. Ich bin satt in solchen Momenten und betrunken genug, dass mir warm ist. Ich rolle mich dann im Schlafsack zusammen, mache mich ganz klein, ziehe die Knie vor die Brust, wie ein Embryo liege ich dann da, dunkel ist es in meinem Schlafsack und egal worüber ich dann nachdenke, irgendwann kommt ein Moment, der vollkommen leer ist, ein Hauch von Bewusstsein, ein Atemzug vielleicht, ich kann es nicht besser beschreiben", sagt der Alte, "aber wenn ich mir einen Moment aussuchen könnte, um Glück zu definieren, dann ist es dieser. Ich glaube, dass ich in diesem Moment glücklich bin", sagt er, "ich weiß es aber nicht."
*
Als er am nächsten Morgen ins Wohnzimmer kommt, ist der Alte verschwunden. Es ist bereits Mittag, das Sonnenlicht drängt mit großer Kraft durch die Vorhangritzen und macht den abgestandenen Rauch sichtbar, er hat Kopfschmerzen, die stechend werden, wenn er sich bewegt. Er zählt sechs leere Weinflaschen, kann nicht mehr sagen, wie spät es geworden ist, irgendwann ist der Alte eingeschlafen, ganz abrupt, zwischen zwei Wörtern. Er selbst hat noch einige Minuten dagesessen, eine Zigarette geraucht und mit schiefem Kopf den Rauch gegen die Decke geblasen, dabei diesen Fremdkörper in der vertrauten Umgebung betrachtet, diesen Fremdkörper, der den roten Pullover seines Vaters trug, "mein Gewerkschaftspulli", hat der Vater immer gesagt, nun liegt der Pullover fein säuberlich gefaltet auf der Couch, daneben die beige Cordhose, Relikte, der Alte hat seine alten Sachen angezogen, bevor er gegangen ist. "Warum bin ich hier?", hat er gefragt, daran erinnert er sich, aber er weiß nicht mehr, was er geantwortet hat. Langsam kommt die Erinnerung zurück, er hat im Bett noch darüber nachgedacht, wie er dem Alten helfen kann, darüber war er eingeschlafen. Wie ließ sich ein solcher Mensch in den Arbeitsmarkt integrieren, wer würde ihm eine Wohnung vermieten? Der Alte war bestimmt schon 60, nicht mehr weit von einer möglichen Rente entfernt, Anspruch auf Sozialleistungen, aber er hatte am letzten Abend in die Seele des Alten geblickt und verstanden, dass dieser zu stolz war, um einen Sachbearbeiter von seiner Bedürftigkeit zu überzeugen. Er muss an die Geschichte des Alten denken, die Geschichte mit der Maus. Der Alte hat Recht, denkt er, die meisten Türen sind verschlossen. "Die Laufrichtung ändern", hat der Alte gesagt und auf einmal versteht er das Bild, rennt zur Tür, purer Aktionismus, obwohl er weiß, dass es längst zu spät ist, rennt zurück in die Wohnung, sucht seinen Autoschlüssel, findet ihn in der Hose, die neben dem Bett im Schlafzimmer liegt, es ist zu spät, denkt er und rennt aus dem Haus. Es ist zu spät.
*
Sie liegt im Bett und wartet auf ihre Mutter, die nicht da ist. Wo ist meine Mami, denkt sie,immer wieder diesen einen Satz. Sie weiß nicht, was die Mutter nachts macht, wenn sie mit diesen bunten Klamotten das Haus verlässt, aber sie weiß, dass es etwas Schlechtes sein muss, denn die Mutter ist immer ganz komisch, wenn sie sagt, dass sie tanzen geht, dabei ist Tanzen doch eigentlich etwas Schönes. Sie mag es nicht, wenn Ihre Mutter nachts weggeht, weil sie dann ganz alleine ist und am Morgen, wenn sie wiederkommt, hat sie immer diesen traurigen Glanz in den Augen, doch sie möchte nie erzählen, wenn sie nachfragt. "Mami", ruft sie probeweise gegen die Zimmerwände, doch sie weiß, dass Mami nicht da ist. Sie steht auf. Es ist bereits früher Morgen, draußen noch immer dunkel, Winterzeit. In einer Stunde klingelt der Wecker, dann muss sie los zur Schule, aber sie darf nicht allein gehen. Mami hat das verboten.
Sie geht hinüber in den Flur, nimmt ihre Decke mit. Wenn ihre Mutter nach Hause kommt, wird sie es mitkriegen, dann wird sie die Mutter fragen, warum sie immer so traurig ist, wenn sie tanzen geht, dann wird sie keine Ausrede gelten lassen.
Sie ist immer noch müde. Im Halbschlaf wandert sie hinüber, legt sich auf den Boden. Sie mag es, wie der Teppich riecht, schläft wieder ein und wacht erst einige Stunden später auf. Sie liegt im Flur und es ist hell, es muss bald Mittag sein. "Mami", ruft sie, doch es bleibt still in der Wohnung. Bestimmt ist etwas Schlimmes passiert, denkt sie, Mami ist nicht da. Die Schule hat schon begonnen, sie ist allein und dann hört sie die Sirenen, vom Küchenfenster aus sieht sie Krankenwagen, die am Haus vorbei in Richtung Einkaufszentrum rasen. Auf einmal hat sie furchtbare Angst, dass ihrer Mutter etwas passiert ist, dass sie nie mehr nach Hause kommen wird.
Sie zieht sich an, wartet noch ein paar Minuten, öffnet die Tür zum Treppenhaus einen Spalt weit und lauscht, ob sie nicht den Schlüssel der Mutter hört, ob sie nicht die Treppe hinaufkommt und sagt, dass alles gut ist. Sie muss weinen, wartet, weint, irgendwann zieht sie sich die Schuhe an und geht nach draußen.
*
Der Wachmann hat seine beste Hose angezogen, die er einmal für die Beerdigung eines Kameraden gekauft hat, ein edler Stoff, der durch eine akkurate Bügelfalte geteilt wird, ein Sonderangebot, ein Auslaufmodell; die hässliche schwarze Jacke mit dem Firmenlogo ist Pflicht, aber er hat sich rasiert und ein Rasierwasser aufgetragen, das ihm irgendwann einmal irgendjemand geschenkt hat. Hoffentlich hat er nicht zu viel genommen. Es ist bereits früher Mittag, die erste Runde hat er schon hinter sich, keine besonderen Vorkommnisse, auch ihr ist er nicht begegnet. Der Laden ist geöffnet, sie müssen sich verpasst haben und er glaubt nicht, dass das Zufall ist, sie geht mir aus dem Weg, denkt er, als er hinüber zum Blumenladen blickt und eine flüchtige Bewegung hinter dem Schaufenster zu erkennen glaubt. Er muss mit ihr reden, denkt er, weil er weiß, dass sie verletzt ist und weil er das nicht versteht, er hat in der letzten Nacht darüber nachgedacht, während er seinen Körper mit Wein und Fernsehbildern abgelenkt hat. Es muss etwas mit dem Selbstmörder zu tun haben, mit den Blumen. Er muss ihr auch von dem Alten erzählen, den er irgendwie vermisst, es ist seltsam, dass er jetzt wieder an den Alten denkt, auch davon möchte er ihr erzählen, weil er glaubt, dass sie ihn verstehen wird und weil er weiß, dass sie ihn trösten kann. Er kennt sie eigentlich überhaupt nicht, dessen ist er sich bewusst, er weiß nicht, was sie für Interessen hat, was ihr Lieblingsessen, ihre Lieblingsblume ist, aber er hat doch das Gefühl, durch das Äußerliche hindurch einen Menschen gesehen zu haben, der von unendlich großer Bedeutung für ihn ist, für seine Zukunft, für sein weiteres Leben. Er ist nicht naiv, er glaubt nicht an so etwas wie Liebe oder gar Liebe auf den ersten Blick, aber er weiß, dass es genau diese Frau ist, die seinem Leben fehlt, diese eine Frau, die er braucht, um glücklich zu sein und um Frieden zu finden. Das wird er ihr jetzt sagen, das muss er ihr jetzt sagen, weil er sonst vielleicht nie wieder die richtigen Worte finden würde, oder den richtigen Mut, er blickt hinüber zum Blumenladen. Langsam füllt sich das Einkaufszentrum, es ist gerade Rentnerzeit, in etwa einer halben Stunde werden die ersten Schülergruppen des benachbarten Gymnasiums das Gelände fluten. Er schüttelt sich, darf sich jetzt nicht ablenken lassen. Er muss jetzt zu ihr gehen, denkt er und geht, strafft seine Haltung, setzt sich in Bewegung, hinüber zum Blumenladen, du schaffst das, denkt er, diesmal schaffst du es und dann wird alles anders werden, zögert noch einmal kurz an der Tür, legt die Hand auf die kalte Klinke, dann: das furchtbare Geräusch.
*
Der Alte ist frei, ungebrochen, wie ein Adler hat er sich über die Passage gebeugt und betrachtet unter sich die vielen kleinen Menschen, die dort flanieren, er hat mit allem abgeschlossen, ist nicht mehr einer von ihnen, nur die Fingerkuppen halten den ausgezehrten Körper auf dem Parkhaus. Rührung ist das vorherrschende Gefühl in seinem Körper, weich sind seine Gefühle, wenn er all die Blumen sieht und die kleinen Kerzen. Es ändert zwar nichts, doch treibt es ihm die Tränen in die Augen, vielleicht ist es aber auch nur der Wind, der an diesem Tag besonders heftig an dem Parkdeck zerrt, unten sieht er seinen Platz, auf dem er viele Jahre gesessen hat, nichts ist von ihm geblieben, die Ecke sauber ausgefegt, nichts wird von ihm bleiben, aber es ist schön, all die Kerzen, irgendwie richtig feierlich und er muss an seine Erstkommunion denken, daran, wie er seine Kerze in die Kirche getragen hat, leuchtende Augen hat er gehabt, sein Lächeln auf inzwischen vergilbten Fotos. Er entdeckt den Wachmann, der hinüber zum Blumenladen geht, er erkennt ihn an seinem Gang, an der straffen Haltung, eigentlich ein netter Mann, denkt er, während sich seine Fingerkuppen lösen, langsam nach vorne rutschen und dann kommt jener Moment, von dem der Mann gesprochen hat, der Moment, in dem er spürt, dass es kein Zurück mehr gibt, das alles, alles getan ist. Dann denkt er an gar nichts. Der Körper überschlägt sich in der Luft und der Alte prallt mit dem Rücken auf das Pflaster, fast lautlos, gewaltige Kräfte drücken und pressen seinen Körper zusammen, bis der Schädel den Stein berührt und mit einem lauten Knacken zerspringt, ein furchtbares Geräusch, das alle erstarren lässt, die es hören, das so eindeutig etwas Schlimmes markiert, ein Geräusch, das alles danach für einen Moment still macht, dann Schreie, Bewegung, die Menschen erwachen aus ihrer Erstarrung, organisieren sich, es bildet sich ein loser Kreis um die Gestalt am Boden, ein alter Obdachloser in abgerissener Kleidung, manch einer erkennt den Mann, der Jahre lang vielleicht drei Meter entfernt um Almosen bettelte, die meisten sehen ihn zum ersten Mal, diesen Selbstmordattentäter, der so urplötzlich in ihr Bewusstsein gesprungen ist, der dort zwischen den Blumen liegt, die einem anderen gelten. Eine Frau wird ohnmächtig, als sie das Blut sieht, das in kleinen Rinnsalen aus dem Kopf läuft, dazwischen kleine helle Bröckchen, Hirnmasse, rosa, wie ihr Kleid, ihr Beine werden weich und knicken weg, doch ihr Begleiter fängt sie auf und zieht sie ein Stück beiseite, damit sie nicht direkt neben der Leiche liegt; um sie herum bildet sich ein zweiter, kleinerer Kreis. Es ist in diesem Moment so still im Einkaufszentrum, dass der Wind die Musik aus dem Schuhladen bis hinauf auf das Parkhaus trägt, R.E.M, loosing my religion, eine Melodie, die vielen in diesem Moment passend erscheint, obwohl niemand sagen kann, warum, keiner spricht das erste Wort, dann: endlich Sirenen, Notarztwagen, Gasse bilden, Polizisten riegeln den Bereich ab, ein Sichtschutz wird aufgebaut, damit der reguläre Betrieb zumindest eingeschränkt fortgesetzt werden kann, ein Leichensack für den Alten, eine Infusion für die Ohnmächtige. Passanten strömen hinüber zum Parkhaus, weil man von dort über den Sichtschutz blicken kann. Es geht das Gerücht um, dass sich ein Akademiker das Leben genommen hat. Einige Menschen filmen von dort oben, wie der Leichnam abtransportiert und das Pflaster gereinigt wird. Erst 15 Minuten später wird das Parkhaus geschlossen.

*
"Meine Herren, dies ist eine außerordentlich bedrohliche Situation und es ist von herausragend wichtiger Bedeutung, dass wir schnell und dass wir richtig reagieren."
Er hat sie alle ausreden lassen, alle haben sie ihr Pulver verschossen, ihre Ängste, ihre Schuldzuweisungen, Anwürfe und Selbstdarstellungen, abgewartet hat er, bis sie merken, dass sie sich im Kreis drehen, jetzt ist der Moment, in dem sie ihm zuhören werden, jetzt ist der Moment, in dem sie ihm folgen.
"Ein Selbstmord ist verschmerzbar, wenn ich offen sprechen darf, rein marketingtechnisch, meine ich, natürlich nicht moralisch, darum geht es hier ja nicht. Ein Selbstmord ist kein Problem, weil Selbstmorde eben geschehen, in Altenheimen, in Schulen und eben auch in Einkaufszentren. Das beschädigt unsere Marke nicht, zumal wir besonnen reagiert haben. Zwei Selbstmorde, meine Herren, zwei Selbstmorde hingegen sind ein Problem, weil sie eine Geschichte hergeben, weil die Presse das hochschaukeln wird, weil man dann im schlimmsten Fall langfristig unsere Marke mit diesem traurigen Pack assoziiert. Sie verzeihen meine Offenheit."
Nicken, Zustimmung, sie folgen mir, denkt er, sie folgen mir.
"Das müssen wir verhindern. Die Presse darf nicht von zwei Selbstmördern reden."
Er macht eine kleine dramaturgische Pause, die sie geduldig ertragen, abwarten.
"Wir haben das Glück, dass dieses traurige Subjekt nach aktuellem Erkenntnisstand keiner unserer Kunden, sondern lediglich ein obdachloser Penner gewesen ist. Ich bin mir sicher, dass die Autopsie Alkohol im Blut nachweisen wird, denn Penner haben immer Alkohol im Blut."
Gelächter.
"Ich schlage vor, dass wir umgehend eine Presseerklärung herausgeben, in der steht, dass ein mutmaßlich betrunkener Obdachloser einen bedauerlichen Unfall hatte."
Er wartet einen Moment, gibt ihnen Zeit seinen Vorschlag zu verstehen, ärgert sich über diesen verdammten Penner, der ausgerechnet zu einem solch ungünstigen Zeitpunkt beschließt seinem armseligen Leben ein Ende zu setzen. Er blickt auf seine Uhr, obwohl er weiß, wie spät es ist. Diese Bewegung soll sie an die Zeit erinnern und dass in diesem Fall Eile geboten ist.
"Wenn wir das Ganze als Unfall verkaufen, kriegen wir am Ende noch Ärger wegen dem Geländer."
Da wittert jemand seine Chance, denkt er, ein Auftritt vor der ganzen Mannschaft, ein schlauer Einwand. Er mustert den kleinen, bleichen Mann, der sich unter seinem Blick sichtbar unwohl fühlt.
"Ich meine", sagt der kleine bleiche Mann und seine Stimme wird überraschenderweise fester,
"ich meine, wir haben auf Ihren Rat hin die Sanierung des Parkhauses verschoben, obwohl das Bauamt das Geländer bereits gerügt hat, über das jetzt zwei Menschen in den Tod gestürzt sind. Wir haben das Sanierungsgeld in diese Urzeitausstellung gesteckt, von der Sie behauptet haben, dass sie den Umsatz steigert. Da fällt schon niemand runter, haben Sie gesagt."
Das ist er, denkt er, der Frontalangriff. Der kleine, bleiche Mann reitet auf ihn zu, die Lanze zum Stoß erhoben. Einer von ihnen muss jetzt stürzen.
"Sie müssen noch viel lernen", sagt er in einem versöhnlichen Ton, um sein Gegenüber von vornherein zu diskreditieren, "ich verstehe das", sagt er, "Sie sind jung, wollen sich profilieren, ich verstehe das, aber verzeihen Sie mir die Anmerkung, dass Ihr Timing wirklich schlecht ist."
Der kleine, bleiche Mann weiß nicht, was er antworten soll, verpasst das kleine Fenster, das sich für eine schnelle Entgegnung geöffnet hätte, "dieser Vorfall kann diesen Standort zerstören, uns alle unseren Job kosten, unser Leben durcheinanderwirbeln, jetzt ist der Zeitpunkt, um zusammenzustehen und deshalb sage ich nur in aller Kürze: ich kann nicht hellsehen, ich kann Sie lediglich als Experte beraten und dabei - ganz im Gegensatz zu Ihnen - auf einen großen Sachverstand und eine jahrelange Erfahrung zurückblicken. Es ist niemand heruntergefallen. Wenn man den Anweisungen auf den Schildern folgt, kann man dort gar nicht herabstürzen. Wir sind rechtlich abgesichert, versichert. Das Bauamt hat uns eine Frist von drei Jahren eingeräumt, es wäre marktwirtschaftlich gesehen Wahnsinn es jetzt zu machen."
Auch hier weiß der kleine, bleiche Mann nichts zu entgegnen. Worte sind Macht, denkt der Unternehmensberater, und er kennt viele Worte. Die Aufmerksamkeit ist nun wieder auf ihn konzentriert, alle Einwände sind entkräftet. "Niemand konnte diese Situation voraussehen", fährt er fort, "aber ich bleibe dabei: Ein betrunkener Penner stürzt über ein Geländer, nicht weil das Geländer unsicher ist, sondern schlicht und einfach, weil er betrunken ist. Es gibt keinen Zusammenhang zu diesem Selbstmörder. Vielleicht können wir das eine Ereignis sogar nutzen, damit die Menschen das andere vergessen, eine Sammelaktion vielleicht, für eine Entzugsklinik oder gleich eine Partnerschaft. Wir könnten das auch nutzen, um unser Profil zu schärfen und..."
Es klopft an die Tür des Konferenzraums. Das erste Klopfen hat er ignoriert, das zweite Klopfen ist lauter, einige Köpfe drehen sich bereits zur Tür, gerade in diesem Moment, in dem er sie soweit hatte, dass sie ihm folgten, ärgerlich blickt er hinüber zur Tür und sieht dort den Wachmann mit seiner primitiven Jacke, der hinter der Glastür eine entschuldigende Geste macht,
"Kommen Sie herein", er macht eine rudernde Geste, er kann die Aufmerksamkeit jetzt nicht einfach zurückgewinnen, er muss jetzt erst das Problem lösen, dass ihm dieser breitschultrige Primat nun präsentieren wird, wahrscheinlich irgendeine kleine, dumme Frage, die den Wachmann vor dem versammelten Vorstand blamiert, aber das geschieht ihm recht, denkt er, weil er es einfach wagt meinen Vortrag zu stören.

Der Wachmann braucht erst einige Sekunden, um zu Atem zu kommen, die letzten Meter ist er gerannt, alle schauen ihn an, irritiert bis angewidert, "Entschuldigung", stammelt er in Richtung des Vorsitzenden, "ich glaube, es ist wichtig."
Er muss sich zusammenreißen, ist hierhin gerannt, wie ein kleines Kind, mit tränenverschleierter Sicht und Kopf und Bauch voll mit Emotionen. Es ist der Alte gewesen, er hat ihn direkt erkannt, obwohl er sich den Bart abrasiert hat, der Alte, den er im Auftrag dieser Herren zwei Tage zuvor verjagt hatte. Der Alte, der die Idee mit den Lichtern hatte. Er versteht nicht viel von Marktwirtschaft, aber es ist wichtig, dass sie wissen, dass auch sie Schuld tragen, nicht nur er, der sich wie ein Rädchen nach ihrem Willen gedreht hat, sie waren es, die den Alten so beiläufig verstoßen und damit irgendwie auf das Parkhaus getrieben haben. Seine Emotionen haben ihn von der Leiche weg, hinein in diesen Raum getrieben, doch jetzt weiß er nicht, was er sagen soll, Schweiß tritt ihm auf die Stirn, es ist viel zu warm in dieser dicken Jacke und alle schauen ihn an.
"Glauben können Sie in der Kirche", sagt der Unternehmensberater und lockert mit diesem billigen Scherz die Stimmung ein wenig auf, einige der Herren lachen; er versteht, dass dieser Scherz zu seinen Lasten geht.   
"Der Selbstmörder ist der Obdachlose, dem ich vorgestern in Ihrem Auftrag Hausverbot erteilt habe", ruft er gegen das Lachen an und muss aufpassen, dass sich seine Stimme nicht überschlägt,
schlagartig ist es still, alle sehen ihn nun an, feindselig, seine Beine werden ganz weich. Er steht noch immer im Eingang, traut sich nicht sich an dem Türrahmen abzustützen. Die Jacke ist so warm, dass ihm der Schweiß auf der Stirn steht.
"Ich beantrage, dass diese Bemerkung aus dem Protokoll gestrichen wird", sagt der Unternehmensberater, "da sie eine infame Lüge beinhaltet, die sich vielleicht noch zum Nachteil für unser Unternehmen auswirken kann", die Mitglieder des Ausschusses heben die Hand, um ihre Zustimmung zu signalisieren, "ich streiche die Bemerkung", bestätigt der Protokollant, "und Ihnen rate ich", sagt der Unternehmensberater, "bleiben Sie bei der Wahrheit, junger Mann, bleiben Sie bei der Wahrheit."

Der Unternehmensberater erhebt sich und geht mit langsamen Schritten um den Tisch herum, alle Augen folgen ihm. Er muss jetzt Stärke zeigen, so wie Sunzi, als er die Konkubinen des Herrschers köpfen lässt. "Ich denke, ich spreche für alle hier, wenn ich mir solche Unterstellungen verbitte. Sie haben von diesem Gremium zu keinem Zeitpunkt den Auftrag bekommen einen alten Mann auf die Straße zu setzen. Es gibt langjährige Absprachen, die diesen Umstand regeln. Ganz im Gegenteil", sagt er in einem anklagenden Ton und mit jedem Schritt verwandelt er sich, vom Unternehmensberater zum Staatsanwalt, der diesem kleinen impertinenten Subjekt die Leviten liest. "Sagte ich nicht, dass wir zeigen sollen, dass wir Menschen sind. Wie passt es da aus Ihrer Sicht zusammen, einen alten Mann zu verstoßen, der schon Jahre lang geduldet wird?"
Er hat ihn fast erreicht und sieht, wie der Wachmann in sich zusammenfällt. Er mag breite Schultern haben, aber nur ein kleines Herz, keinen Mut.
"Ist es nicht vielmehr so, dass Sie lediglich angewiesen wurden, ihn von dieser speziellen Stelle zu entfernen, an der - ich glaube, so drückte ich mich aus - aufgrund der Gedenkstelle genug Traurigkeit unser Geschäft behindert? Natürlich sollten Sie diesen Mann nicht hinauswerfen. Sie haben eigenmächtig gehandelt und jetzt wollen Sie diese Schuld auf uns abwälzen. Ich möchte, dass dies so im Protokoll festgehalten wird."
Zustimmendes Nicken der Herren. Auch der Vorstand ist auf seiner Seite. Der Protokollant bestätigt, dass er diesen Satz festgehalten hat.
"Sie haben der Firma geschadet", sagt der Unternehmensberater.
"Fahren Sie nach Hause", sagt der Sicherheitsverantwortliche, der bislang zu all dem geschwiegen hat, "morgen erwarte ich Sie in meinem Büro."
Mit hängenden Schultern verlässt der Wachmann den Raum. Man sieht ihm seine Verzweiflung an.
"Dies ändert die gesamte Situation", sagt der Unternehmensberater, als wieder Ruhe eingekehrt ist.
"Wir müssen unsere Strategie anpassen."

Anmerkung von autoralexanderschwarz:

Sollte sich ein Verlag finden, der diese Novelle publizieren möchte, freue ich ich über eine Rückmeldung.



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Veröffentlicht am 22.03.2015, 2 mal überarbeitet (letzte Änderung am 24.03.2015). Textlänge: 10.858 Wörter; dieser Text wurde bereits 656 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 17.09.2019.
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