Login für registrierte Nutzer
Benutzer: Passwort:

Noch nicht bei KV registriert?
Jetzt registrieren!
KV ist kostenlos und werbefrei!

Neu bei uns:
felixh (02.04.), SheriffPipe44 (31.03.), Einfachnursoda (30.03.), windstilll (29.03.), Mareike (29.03.), PeterSorry (27.03.), 3uchst.Sonderz. (26.03.), AndroBeta (24.03.), Emerenz (20.03.), Schlafwandlerin (19.03.), Kleinereisvogel (12.03.), Laluna (11.03.)...
Übersicht aller neuen Autoren und Leser
Wen suchst Du?

(mindestens drei Buchstaben)

Zur Zeit online:
KeinVerlag.de ist die Heimat von 625 Autoren* und 77 Lesern*. Was es sonst noch an Neuem gibt, steht hier.

(*Im Gegensatz zu allen anderen Literaturforen zählen wir nur die aktiven Mitglieder, da wir uns als Community verstehen und nicht als Archiv toter Texte. Würden wir alle Nutzer zählen, die sich seit Gründung hier angemeldet haben, und nur die abziehen, die sich selbst wieder abgemeldet haben oder rausgeworfen wurden, kämen wir auf 14.963 Mitglieder und 434.433 Texte. Musste auch mal gesagt werden.)

Genre des Tages, 04.04.2020:
Monolog
Der Ausdruck Monolog (v. griech.: Alleinrede) bezeichnet eine scheinbar ohne einen Zuhörer oder Gesprächspartner gehaltene... weiterlesen
... und was wir daraus machen:

Ziemlich neu:  Flug zum Mond von IngeWrobel (07.03.20)
Recht lang:  Nekrolog (1) von krähe (1395 Worte)
Wenig kommentiert:  DU von pArAdoX (noch gar keine Kommentare)
Selten gelesen:  Du von etiamalienati (nur 42 Aufrufe)
alle Monologe
Lest doch mal ...einen Zufallstext!
Unser Buchtipp:

DUM -Magazin 32
von kata
Projekte

keineRezension.de
KV woanders

keinVerlag.de auf Facebook
Eine Meinung: "Ich bin bei keinVerlag.de willkommen, weil ich Eine von euch bin und gerne dabeisein möchte." (LillyWaldfee)

Tag des Mitgefühls (3/3)

Novelle


von autoralexanderschwarz

Das Parkhaus ist gesperrt, als er am Einkaufszentrum eintrifft, ein Polizeiwagen steht mit Blaulicht quer über der Einfahrt. Er weiß sofort Bescheid, wusste es schon vorher, zu spät, denkt er, der Alte ist tot, zu spät. Er fährt an dem Parkhaus vorbei, wendet, was soll er jetzt tun? Wohin? Ob er aussteigen und fragen soll, doch er weiß es, er ist sicher. Der Alte hat die Laufrichtung geändert, ist einfach gegangen, obwohl es noch so viel gibt, das unausgesprochen ist, wie sein Vater, der auch einfach gegangen ist. Wieder rollt er an dem Polizeiwagen vorbei, hinter der Kurve gibt er Gas, weg  von diesem Ort, weg von diesen Gedanken. Die Reifen quietschen, als er um die nächste Kurve gleitet. Er muss... Plötzlich sieht er sie, ein kleines Mädchen, mitten auf der Straße und für einen Moment steht die Zeit still, er sieht sie, sie sieht ihn, ihre Augen sind ganz nah beieinander, er tritt in die kreischenden Bremsen, doch der Bremsweg ist zu kurz, er weiß, dass er sie erwischen wird, der Wagen schießt auf das Mädchen zu, das dort mit schreckensgeweiteten Augen steht, warum bewegt sie sich nicht, fragt er sich, warum bewegt sie sich nicht? Dann erwischt er sie, spürt den Schlag auf der Motorhaube. Er erwischt sie nicht mit voller Geschwindigkeit, aber doch hart genug, dass sie nach vorne geschleudert wird, stürzt, endlich kommt der Wagen zum Stehen und er springt hinaus, rennt zu ihr hinüber, ein kleines Mädchen, das mitten auf der Straße liegt, dann sieht er, dass sie blutet, der Arm ragt in einem hässlichen Winkel vom Körper weg, sie ist verletzt, doch sie bewegt sich nicht, das arme Kind. Er erreicht sie und sinkt vor ihr auf den Boden, wie war das noch beim Erste-Hilfe-Kurs, Puls fühlen, er erinnert sich, tastet mit zitternden Fingern nach dem Handgelenk, wo ist der Puls, er kann nichts fühlen, nur das eigene wie wild pochende Herz, das seine Schläfen pulsieren lässt, wo ist der Puls? Sie darf nicht tot sein, sie darf einfach nicht tot sein, doch er fühlt noch immer nichts, stabile Seitenlage, denkt er, Mund-zu-Mund-Beatmung, Herzmassage. In diesem Moment schlägt die Kleine die Augen auf, erschrickt vor ihm, dann schreit sie, spürt den Schmerz, Tränen schießen ihr in die Augen. "Ich will zu meiner Mami", schreit sie, und er kann nichts anderes tun, als sie in den Arm zu nehmen, "ich bin da", flüstert er, "ich passe auf", endlich hört er hinter sich Sirenen, "Hilfe", ruft er, "Hilfe", dann greifen Hände nach ihm, energische, starke Hände, ein Rettungssanitäter entwindet ihm mit sicherem Griff das Kind, drängt ihn zur Seite, "sie wird es schon überstehen", sagt er beruhigend. Er folgt dem Druck. Es ist gut die Verantwortung abzugeben, er beugt sich der sanften Gewalt, seine Beine werden ganz weich, er muss sich setzen. Die Kopfschmerzen sind noch immer da, er hat sie nur vergessen, jetzt kehren sie zurück, er hat Durst, sein Mund ist ganz trocken. Er setzt sich auf den Bordstein und betrachtet seine Hände. Da ist Blut, denkt er, Blut von dem kleinen Mädchen und dieser letzte Schreck reicht aus, um seinen Kreislauf vollständig kollabieren zu lassen. Sein Sichtfeld hat auf einmal einen schwarzen Rand, der sich schnell nach innen zusammenzieht. Er spürt seinen Körper nicht mehr, gleitet zur Seite weg, bis der Rettungssanitäter ihn sanft auffängt, an seinen Armen zerrt, so geht die stabile Seitenlage, denkt er noch. "Er hat nur einen Schock", hört er den Rettungssanitäter sagen, dann verliert er das Bewusstsein. 
*
Die Kleine ist weg, sie ist fassungslos. Mit zitternden Beinen steht sie im Kinderzimmer, versucht sich zu beruhigen, tief einatmen, ausatmen, Konzentration, wahrscheinliche von unwahrscheinlichen Ängsten trennen, wo ist die Kleine, wo könnte sie sein? Es war eine harte und erniedrigende Nacht, 500 Euro hat sie in der Tasche, die jetzt, in diesem Moment nichts mehr wert sind. Dieser Typ war wieder dagewesen, dem sie gesagt hatte, dass er ihr weh tun soll, einer von diesen vielen, die den Ehering im Portemonnaie verstauen und das Biest in sich suchen, das sie in ihrem Alltag unterdrücken müssen, all die schmutzigen Dinge, die sie sonst nur denken und nicht aussprechen können, sie hat von Anfang an ein schlechtes Gefühl gehabt, doch er hatte ihr 500 Euro geboten, 500 Euro, das war ein kleines Vermögen, das war ein voller Kühlschrank und eine neue Hose für die Kleine, Ausflüge in den Zoo, ganze Tage im Schwimmbad. Sie war ihm gefolgt bis ganz an den Rand der Stadt, weiter als sie sonst zu Kunden fuhr, das Geld hat mehr gewogen als der Ekel, der plötzlich in ihr aufkam, als sie dann in seinem Bett lag und er anfing sie anzufassen, raue, grobschlächtige Bewegungen, vor und zurück, als er sich einfach nahm, was er wollte, keinerlei Gefühl, vor und zurück, "du geiles Stück", hat er zu ihr gesagt, während sie nur an das Geld gedacht hat, das schon im Futter der Handtasche steckte, "du billige, kleine Hure". Vielleicht hat er recht, hat sie gedacht, als er dann in sie eindrang, schwitzte, schrie und dann wieder anfing sie zu schlagen, diesmal direkt von Anfang an brutal, sie hat es über sich ergehen lassen, bestimmt hat sie blaue Flecken und dann hat er sie nicht gehen lassen, viel zu lange nicht gehen lassen. Das Schwein, denkt sie, dann: die Kleine, die Kleine ist weg. Eine Welt bricht zusammen, tief einatmen, ausatmen, sie blickt auf die Uhr, kurz vor zwölf, vielleicht ist sie alleine zur Schule gegangen, bestimmt ist sie in der Schule. Sie sucht die Nummer, wartet das Freizeichen ab, "nein", sagt die Frau im Sekretariat, „ich habe bereits versucht Sie anzurufen, sie ist heute nicht zum Unterricht erschienen.“ Sie legt auf, schluchzt, alles in ihr krampft sich zusammen, sie muss sich übergeben, kämpft die Übelkeit zurück, mit äußerster Beherrschung gelingt es ihr die Verzweiflung niederzukämpfen, den wilden Impuls zu unterdrücken einfach hinauszustürmen und den Namen ihrer Kleinen zu schreien, die irgendwo dort draußen in dieser großen bösen Welt verlorengegangen ist. Sie zieht sich um, ekelt sich vor seinem Schweiß, der noch auf ihrem Körper klebt, doch sie hat keine Zeit, die Kleine, dann klingelt es an der Tür und sie stürzt in den Flur, nein, sie ist es nicht, ein Polizist steht dort mit ernster Miene und sie denkt, dass es jetzt passiert und die Kleine tot ist, dass es vorbei und sie frei ist. Die Scham über diesen Gedanken ist furchtbar, noch während sie ihn denkt, sie hat das Gefühl in einem Strudel zu stehen, der sie nach unten reißt.
"Ihre Tochter hatte einen Unfall", sagt der Polizist und ergänzt, als er sieht, wie ihr die Blässe in das Gesicht schießt, "sie ist im Krankenhaus" und dann die erlösenden Worte: "es geht ihr gut."
*       
Der Wachmann betrachtet die Passage auf den Monitoren, wenig los, man sieht es sofort. Nur vereinzelt gehen die Leute in die Geschäfte. Der Mann mit den Brathähnchen steht vor seinem Wagen und raucht eine Zigarette und das mitten in der Hauptgeschäftszeit. Ein Teil der Passage ist noch abgesperrt, der Sichtschutz noch immer aufgebaut, weswegen er mit Schaulustigen gerechnet hat, doch fast niemand verirrt sich mehr in diesen Teil der Passage und wenn, dann schauen die Leute nach oben, so als drohe von dort eine Gefahr. Der Schwarm meidet die Plätze, an denen Gefahr droht, hat einmal ein Fischer in einer dieser spätabendlichen Reportagen gesagt und die Kamera mit einem traurigen Seitenblick hinüber auf seine leeren Netze gelenkt. Die Erschütterungen des Meeresbodens haben die Wanderrouten der Fische verändert, hat der Fischer gesagt, und genau das ist passiert, denkt er, die Wanderrouten haben sich verändert; die Blumen, die dort so feierlich gelegen haben, sind nun unter unzähligen Füßen zertreten, die Lichter verloschen, er beobachtet die Geschäfte, beobachtet die Menschen, um sich von den inneren Bildern abzulenken, von dem Geräusch, das er seit diesem Moment immer wieder hört, diesem Knacken und Bersten, das er aus ganz anderen Kontexten kennt. Immer wieder betrachtet er auch den Blumenladen, doch selbst die maximale Vergrößerung dringt nicht durch die Pflanzen hinter den Scheiben. Auch der Blumenladen ist geschlossen. Wo sie wohl ist, fragt er sich, was sie wohl denkt? Das Telefon klingelt, der Sicherheitsbeauftragte. Der vereinbarte Termin wurde vorverlegt. Er soll hinüber ins Büro kommen. Er erhebt sich, ein bisschen so wie man sich erhebt, um vor ein Erschießungskommando zu treten, so fühlt er sich. Er weiß, was jetzt kommen wird.
*
Die Kleine schläft, als sie in den Raum tritt, bleich sieht sie aus, so klein und verloren in diesen riesigen Laken, das kleine Gesicht so verletzlich, aber sie lebt, denkt sie, das ist das Wichtigste, und sie hat gerade keine Schmerzen, ganz friedlich ist das kleine Gesicht.
Wie betäubt sackt sie auf dem Stuhl zusammen, der neben dem Bett steht. Wie durch einen Tunnel ist sie zu diesem Bett gerannt, mit dem Polizeiwagen zum Krankenhaus, endlose Minuten an der Rezeption, dritter Stock, Zimmer 312, mit klopfenden Herz auf den Fahrstuhl warten, jetzt ist sie angekommen, beruhigt sich langsam. Auf dem Nachttisch steht ein Wasserglas, das sie zögernd nimmt und austrinkt, so trocken ist ihr Mund, immer noch, sie muss sich beruhigen. Ihr klopfendes Herz ist lauter als das zarte Atmen der Kleinen. Ich kann sie gar nicht atmen hören, denkt sie, doch in eben dem Moment dreht sich die Kleine zu ihr, schläft und träumt, vorsichtig streicht sie mit der Hand über den kleinen Kopf. So ein kleiner Kopf, denkt sie, und so eine große Welt. Sie riecht sich selbst in der Krankenhausluft, der Schweiß der Nacht, der Angstschweiß des Morgens, ihre Haare riechen nach Rauch, ihr Parfum nach Prostitution, sie schämt sich, denkt, dass sie eine schlechte Mutter ist, doch sie ist auch müde, so entsetzlich müde, dass alles andere für einen Moment egal ist.
Die Anspannung fällt von ihr ab, das Adrenalin verlässt ihren übernächtigten Körper, die Kleine ist gut versorgt und auf einmal riecht sie noch etwas anderes, Rosen, weiße Rosen in einer Vase auf der Fensterbank, Duftrosen, ein wundervoller Geruch, der sie auf verschlungenen Pfaden an ihre Kindheit erinnert. Sie hat schon so lange nicht mehr an einer Blume gerochen. Wer wohl die Rosen dorthin gestellt hat? Der Sessel ist weich, nicht so hart wie der Sessel bei ihr zuhause, angenehm federt er ihren Körper ab, müde ist sie, denkt sie, als sie bemerkt, dass ihr Kopf bereits hinunter auf die gepolsterte Lehne gerutscht ist. Sie gibt den Widerstand auf. Rosenduft, denkt sie, warum kann es nicht immer so riechen? Dann schläft sie ein.
*
"Es ist nicht so, dass ich Sie nicht mag", sagt der Sicherheitsbeauftragte, um die peinliche Stille zu überbrücken, "ganz im Gegenteil: Sie haben in den letzten vier Jahren Ihre Pflichten tadellos wahrgenommen, ich habe mir Ihre Akte angesehen. Sie sind kein einziges Mal krank gewesen, aber es sind unglückliche Umstände", sagt er, "es ist eine unglückliche Situation."
Er weiß, was jetzt kommt, aber er ist wie gelähmt, sucht die passende Reaktion. Das Kaninchen erstarrt, wenn die Schlange sich aufrichtet. Wie reagiert man, wenn ein Lebensentwurf einfach so zerstört wird? Und das war nicht einmal das Schlimmste. Ich bin nicht schuld an dem Tod des alten Mannes, denkt er, er kann nichts dafür. Er hat sich richtig verhalten. Man mag ihm vorwerfen, dass er eben als Mensch ein Schwein ist, dass er den Alten nicht bei sich aufgenommen, dass er nicht einmal daran gedacht hat, aber seinen Dienst, den hat er treu verrichtet und er hat sich nichts zuschulden kommen lassen.
"Ich gebe zu", sagt der Sicherheitsbeauftragte, der ihm seine Enttäuschung ansieht, "dass man die Anweisung auch anders verstehen konnte. Wir haben eben noch darüber gesprochen. Ich halte es da ja wie Sunzi und denke, dass der Befehlshaber Schuld trägt, wenn der Befehl nicht klar und deutlich formuliert ist, aber lassen wir das, es lädt diese eine Situation unnötig mit Bedeutung auf. Zu Beginn des nächsten Jahres hätten wir ohnehin die Sicherheitsfirma gewechselt, Einsparungen sind notwendig geworden. Ihre Sicherheitsfirma ist ja im Besitz der Holding, der auch das Einkaufszentrum gehört, aber da sind nun einige Umstrukturierungen fällig, finanzieller Kram, alles sehr kompliziert, ich will Sie da nicht mit den ganzen Details erschlagen: Beruflich hatten Sie hier ohnehin keine Zukunft. Das ist das Entscheidende. Diese Situation beschleunigt das nur, aber es tut mir leid, dass Sie dies jetzt in diesem Kontext erfahren. Ich kann Sie aber beruhigen, dass wir da sehr kulant sind und Sie sich über eine saftige Abfindung freuen werden. Inoffiziell versteht sich. Wir müssen da aufpassen, dass nichts nach außen dringt."
"Wann", stammelt er zurück.
"Wir schlagen vor, dass Sie zum Ende dieses Monats hin kündigen."
Er schweigt, weiß nicht, was er sagen soll.
"Das würde die rechtliche Situation entschieden vereinfachen. Sie müssen - und sollen - nicht einmal Gründe angeben. Ein formloses Schreiben reicht aus, ich habe die Rechtsabteilung gefragt. Wenn Sie möchten, können Sie direkt unterschreiben, vielleicht macht es das einfacher. Ich habe das Formular hier."
Er muss schlucken, dieser Monat, 14 Tage, er soll unterschreiben.
"Kann ich es mir überlegen?"
"Was gibt es da zu überlegen?"
Unmerklich hat sich die Stimme des Sicherheitsverantwortlichen verändert. Erst jetzt fällt es ihm auf, drohend klingt die Stimme.
"Wenn wir Ihnen kündigen, dann müssen wir das begründen. Sie wollen aber sicher nicht, dass wir das begründen, weil Ihre dienstlichen Verfehlungen dann vielleicht sogar strafrechtlich ein Nachspiel hätten." Er sieht ihn drohend an." Sie hätten in dieser Situation zumindest nachfragen können. Schließlich ging es um einen Menschen, das sehen übrigens meine Kollegen auch so: wenn eine Anweisung nicht klar ist, muss nachgefragt werden. Überlegen Sie einmal, ein Gericht entscheidet in diesem Sinne. Dann wären Sie ganz offiziell für den Tod eines Menschen verantwortlich. Das macht sich nicht gut im Lebenslauf. Vielleicht möchten Sie ja sogar ein Arbeitszeugnis von uns, das Auskunft über Ihr berufliches Verhalten gibt. Ich habe gehört, dass Sie der Frau aus dem Blumenladen nachstellen."
Der Sicherheitsverantwortliche macht eine kurze Pause, lässt seine Worte wirken, gibt ihm nur scheinbar Raum für Widerstand, doch da ist nichts mehr, das widersteht, er ist in diesem Moment zerstört, glaubt es fast selbst, dienstliche Verfehlungen, fahrlässige Tötung, nachgestellt, er ist ein Versager, denkt er, nichts als ein Versager. Wie hatte er sich einbilden können, jemals glücklich zu werden? Er findet sich nicht mehr zurecht in dieser verdammten Welt, in diesem verdammten Frieden, der so kompliziert ist und in dem jeder eine Maske trägt. 
"Überlegen Sie es sich", sagt der Sicherheitsbeauftragte nun versöhnlich, als er merkt, dass er sein Gegenüber gebrochen hat, "natürlich gebe ich Ihnen einen Tag Zeit. Bedenken Sie aber auch, dass Sie ansonsten Ihre Abfindung gefährden. Ich kenne Ihre finanziellen Verhältnisse nicht, aber es ist doch immer gut etwas in Reserve zu haben. Sie sind schließlich auch nicht mehr der Jüngste. Ich für meinen Teil wünsche Ihnen nur das Beste und alles Gute für Ihre weitere berufliche und private Zukunft."                           
*
Als er erwacht, sitzt seine Mutter neben dem Bett, seine Mutter, die er bestimmt seit einem knappen Jahr nicht mehr gesehen hat. Sie trägt eine neue Frisur. Die Haare wirken kürzer und fülliger. Ihr Gesicht aber ist älter geworden, neue Falten ergänzen die alten. In ein paar Jahren wird meine Mutter sterben, denkt er. Stück um Stück kehren die Erinnerungen zurück. Er weiß nicht, wie lange er geschlafen hat, aber es müssen einige Stunden gewesen sein, wenn sie bis zum Krankenhaus gefahren ist. Mühsam ringt er um Orientierung.
"Wie geht es dem Mädchen?", bringt er hervor, "es geht ihr besser", sagt sie vorwurfsvoll, "ich war eben bei ihr." Er merkt, dass sie darauf wartet, dass er sich erklärt, "die Ärzte sagen, du hattest Alkohol im Blut und das mittags. Was ist denn mit dir los? Ist dir klar, dass du das Kind fast umgebracht hättest?"
"Wie geht es ihr?", fragt er wieder, weil sie noch nicht alles gesagt hat.
"Du hast ihr den Arm gebrochen. Ein paar Prellungen, nichts, das nicht wieder heilt."
Die Erleichterung ist groß. Ein gebrochener Arm zerstört noch keine Kindheit, denkt er, aber es hätte schlimmer kommen können, so viel schlimmer.
"Ich habe Scheiße gebaut", sagt er, weil er weiß, dass seine Mutter keine andere Antwort akzeptieren wird. Er sieht in ihrem Gesicht die Erleichterung; der Konflikt ist aufgeschoben.
Ein kurzes einvernehmliches Schweigen entsteht. Er bemerkt die Blumen, die seine Mutter auf den Nachttisch gestellt hat, Duftrosen, ein unangenehmer, aufdringlicher Geruch.
"Wir sehen uns ja nur sehr selten in letzter Zeit", sagt sie, "und anrufen tust du auch nicht mehr."
Sie hat recht, denkt er, und es tut ihm leid, weil sie nichts dafür kann, weil sie eine gute Mutter war. Ich bestrafe sie für das, was er getan hat, denkt er, dabei hat sie gar keine Schuld. Für sie muss es am schlimmsten gewesen sein.
"Es tut mir leid", sagt er und sieht, dass sie ihm glaubt, seine alte Mutter mit der neuen Frisur. Es macht ihn traurig sie so zu sehen. Wie lange sie die Haare wohl schon so trägt, was sie wohl so macht? Bald wird auch sie sterben, denkt er wieder, und dann bin ich ganz allein.
"Kann ich gehen?", fragt er und setzt sich auf.
"Die Ärzte sagen, dass du gehen kannst, sobald du wach bist. Ich habe auch schon mit der Polizei gesprochen. Sie melden sich bei dir, wenn es etwas Neues gibt. Dein Führerschein  ist weg, soll ich dir ausrichten." Er zieht sich an, knöpft sein Hemd zu, wendet ihr dabei den Rücken zu, damit sie seine Gefühle nicht sieht.
"Ich muss noch nach dem Kind sehen. Wartest du hier auf mich?"
Seine Stimme klingt irgendwie flehend.
"Natürlich", sagt sie und klingt dabei tröstend.
"Ich warte. Ich warte."
*
Erst als er wieder zu Hause ist, wandelt sich seine Verzweiflung in Wut, diese Schweine, denkt er, niemals werde ich unterschreiben. Er trinkt Whisky, pur, weil er kein Eis hat und die alten Wunden reißen auf. Er kann es fühlen. Niemand von denen musste um seine Bezüge zittern, Scheiße fällt nach unten, hat sein Ausbilder bei der Bundeswehr gesagt, aber das war nur dann fair, wenn man auch eine Chance hat nach oben zu kommen. Sie waren es gewesen, sie hatten den Alten rausgeworfen, er selbst war nur der Überbringer der Nachricht gewesen. Sie hatten den Alten weggejagt und jetzt ihn. Es tut weh, dass er so einfach ersetzbar ist, dass ab dem nächsten Monat jemand anderes vor den Monitoren sitzt, seine Brotdose in das Spind legt und in der Pause hinter dem Gebäude eine Zigarette raucht. Niemand interessiert sich dafür, was aus ihm wird, wahrscheinlich wird den Leuten kein Unterschied auffallen, denkt er, und die wenigen, die ihn kannten, würden ihn vergessen und von nun an seinen Nachfolger grüßen. Nichts wird von ihm bleiben und vielleicht war das ja auch der Gedanke gewesen, der den Alten in den Tod getrieben hatte. Das Schlimmste aber ist, dass er wieder gescheitert ist, dass er nirgendwo zurechtkommt. Der Krieg hat ihn verdorben, das Töten und das Um-das-Leben-Fürchten. Er hat vieles getan, auf das er nicht stolz ist, das er vergessen wollte. Es ist nicht so wie in all den Filmen, wo die Vergangenheit die Protagonisten einholt, die irgendwo ein rechtschaffenes, unauffälliges Leben führen wollen. Die Vergangenheit ist nie weg, denkt er. Manchmal spürt man sie nur nicht. Vier Jahre war es gut gegangen, vier Jahre hat er gedacht, dass er angekommen ist, seine Nische gefunden hat, in der es sich leben lässt, in der die Schulkinder seine Muskeln bewundern und die alten Damen ihm Kuchen in das Kaufhaus mitbringen. Wofür hat er in den Jahren in der Fremde gekämpft? Was hat er mitgebracht? Was hat der Unternehmensberater geleistet, dem er mit einer Handbewegung das Genick brechen könnte? Wie er diese lächelnde, aalglatte Fratze hasst, wie er diese Welt hasst, die andauernd auf ihn herabblickt. Und sie gehört dazu, denkt er, sie hat mit meinem Vorgesetzten gesprochen, hat gesagt, dass ich ihr nachstelle, er hat sich in ihr getäuscht, denkt er, wie hat er sich nur so täuschen können? Er hat gedacht, dass sie anders ist, aber sie sind alle gleich, er hat noch keinen gefunden, der anders ist, nichts passt mehr zusammen, selbst die alten Kameraden sind keine Kameraden mehr. Alles ist irgendwie wertlos geworden, nur der Stolz brennt noch, der Stolz lebt noch länger als die Hoffnung, denkt er. Er will nicht mehr, nicht wieder Stellenanzeigen, Vorstellungsgespräche, schiefe Blicke, befristete Verträge, ungewisse Zukunft. Die zivile Welt ist so kompliziert, es ist so selten klar, wer der Feind ist, alles ist mit allem verbunden. Nirgendwo ist ein Ausgang. Es gibt keinen Helikopter, der einen rausholt. Er will das alles nicht mehr, aber er würde niemals, niemals so abtreten wie der Alte, so hilflos tot, von allen begafft, abgewertet. Auf einmal sieht er alles ganz klar, der Whisky hilft ihm. Der Krieg ist verloren, aber eine letzte Schlacht gilt es noch zu schlagen. Er wird sie nicht einfach so davon kommen lassen. Er wird nicht zulassen, dass es für sie alle einfach so weitergeht. Wenn er schon als Zivilist gescheitert ist, will er zumindest als Krieger siegen, Angst sollen sie vor ihm haben. Auf einmal wird er ganz ruhig. Er legt das Formular auf den Tisch, die Unterkante des Blattes bildet eine perfekte Parallele zur Tischkante. Sie wissen nicht, mit wem sie sich anlegen, denkt er. Er hat wenig geschrieben in seinem Leben, seine Buchstaben wirken kindlich, aber keiner geht über die vorgesehene Linie, er schreibt mit eben der Präzision, mit der er ein Gewehr auseinandernimmt, reinigt und wieder zusammensetzt, ein Moment, in dem sein Rausch jegliche Wirkung eingebüßt hat und mächtigeren Gefühlen gewichen ist, er ist ganz klar, schreibt seinen Namen in das Formular, seine Adresse, setzt die notwendigen Häkchen. Als er unterschreibt, kann er dabei ein Lächeln nicht unterdrücken.
*
"Meine Herren", sagt der Unternehmensberater und denkt, dass dies das letzte größere Projekt vor seinem Jahresurlaub auf den Seychellen ist. Jahresurlaub,  Koks, schwarze Nutten und das Meer, das so blau ist. Sonnenuntergänge. Noch einmal die alten Säcke überzeugen, ihnen schmeicheln, drohen und sie dabei ganz sanft in seine Richtung drängen, er müsste diesen Laden eigentlich leiten, denkt er, er könnte so viel verändern, all das alte Denken kotzt ihn an, diese Trägheit, diese Bodenständigkeit, mit der sie denken, diese Renitenz, mit der sie sich gegen alles Neue stellen. Die Stimmung im Sitzungssaal ist nicht gut, die Geschäftszahlen schlecht, der Umsatz in den letzten Tagen um 40 % eingebrochen.
"Wir müssen jetzt reagieren.", sagt er, "pünktlich zum Weihnachtsgeschäft öffnet in unserem Einzugsbereich ein neues Einkaufszentrum." Er vergrößert den Kartenausschnitt und zeichnet zwei Kreise um die Standorte. Den Bereich, in dem sie sich überschneiden, schraffiert er. Es ist etwa ein Viertel ihres Einzugsgebietes.
"Wir werden hier bald ernsthafte Konkurrenz haben und wir müssen verhindern, dass unsere momentane Schwäche anderen die Chance gibt sich als Alternative zu präsentieren. Wer zu spät kommt, wird vom Markt gefressen. Es geht um das nackte Überleben."
Das ist übertrieben, aber es klingt gut. Jetzt ist der Moment, um eine Lösung zu präsentieren.
"Ich schlage vor, dass wir ein Fest organisieren, dass unsere Kundschaft zurück ins Einkaufszentrum holt."
Diesmal ist es der Vertreter der Finanzabteilung, der sich ihm in den Weg stellt: "Unser Budget für dieses Jahr ist gänzlich ausgeschöpft. Die Urzeitausstellung hat ein Vermögen gekostet. Die ganzen Weihnachtsveranstaltungen sind teilweise noch nicht gegenfinanziert. Wenn wir jetzt ein Fest feiern, rutschen wir jetzt schon in die roten Zahlen. Ich kann das nicht gutheißen und ich finde auch, dass ein Fest, das zeitlich so nah an diesen Unglücken ist, vielleicht auch ein falsches Signal ist."
Er hat diese Einwände erwartet, er könnte ihn mit seiner Rhetorik zerquetschen, aber er darf den Mann nicht zu sehr vorführen, da er auch die Bedenken von anderen ausspricht, die mächtiger sind als er selbst.
"Sie denken zu eindimensional", antwortet er, "ich rede von einem besinnlichen Fest, das die Aufmerksamkeit auf die Not in unserer Mitte lenkt. Ich rede von einem Fest für die ganze Stadt, nicht nur für unsere Kunden, auch für die Penner, die sich morgens an unserer Bushaltestelle versammeln. Ein warmes Essen, Glühwein, eine Tombola, deren Erlös wir publikumswirksam für einen wohltätigen Zweck spenden, der irgendetwas mit Obdachlosigkeit und Alkohol zu tun hat, ein Entziehungsheim vielleicht, haben wir eine solche Einrichtung in der Stadt? Ich stelle mir ein Fest vor, das den Menschen in Erinnerung bleibt, Geschenke, die sie noch eine Weile vor Augen haben, Küchenutensilien. Wir brauchen eine Band und den Bürgermeister, der Tombola-Lose bewirbt und auf der Bühne über Mitmenschlichkeit redet. So müssen sie sich das vorstellen. Nicht irgendein Fest, eine Botschaft, ein Statement."
Es ist ruhig geworden.
"Ich habe eine Kosten-Nutzen-Berechnung erstellt."
Er verteilt schwarze Ledermappen. Echtes Leder und eine Schnalle aus Messing. Niemals darf man an den falschen Stellen zu sparsam sein.
"Die Kosten können zum Teil über die ohnehin notwendigen Umstrukturierungen kompensiert werden. Eine Möglichkeit ist auch das Weihnachtsgeld im nächsten Jahr für einen Teil der Belegschaft zu kürzen. Wenn wir dies erst in zwei Monaten ankündigen, stellt da niemand einen Zusammenhang her."
Er blickt in die Gesichter seiner Zuhörer. Da sind noch Zweifel, das spürt er, aber die Mehrheit hat er überzeugt, die wichtigen Leute hat er überzeugt. Langfristig werden sie ohnehin pleitegehen, denkt er, viele Entwicklungen sind bereits absehbar, sie sind schlecht aufgestellt, aber würden noch ein paar Jahre durchhalten. Lang genug. Bis dahin ließ sich noch ein Haufen Geld verdienen.
*
Sie schreckt aus dem Schlaf hoch, weil da ein Geräusch ist, sie hat jemanden gehört, jemand ist im Haus, sie schlägt die Augen auf und erst dann kehrt die Erinnerung zurück, der Polizist, das Krankenhaus, die Kleine. Es geht ihr gut, hat der behandelnde Arzt gesagt. Sie richtet sich auf dem Stuhl auf. Da ist ein Mann, der sich über das Bett der Kleinen beugt, kein Arzt, ein Fremder in Straßenkleidung.
"Entschuldigung?"
Der Mann zuckt zusammen, erschrickt, dreht sich um. Sie blickt ihm in die feuchten Augen, eine Erklärung suchend, ganz bleich ist er, dunkle Augenringe und auf einmal weiß sie, wer er ist.
"Sie sind der Fahrer", sagt sie, "Sie sind der Kerl, der betrunken mein Baby überfahren hat, schämen Sie sich."
Sie sieht ihm an, dass ihn jedes Wort verletzt, er zuckt richtig zusammen, gar kein Widerstand, keine Rechtfertigungen, mit denen sie irgendwie gerechnet hat, Schilder, Verkehrsregeln. Er steht einfach da und erträgt es.
"Es tut mir leid", sagt er und "ich kann es nicht wiedergutmachen."
Fast hat sie ein wenig Mitleid, wenn sie ihn so sieht, so demütig, wie sie es selbst oft genug war, doch sie ist auch wütend auf diesen Kerl, der ihr Baby verletzt hat, einer dieser Bonzen, der mit seinem Riesenauto viel zu schnell fährt, der sich nicht im Geringsten um die Schwachen schert, die vor ihm die Straße überqueren wollen.
"Wie geht es ihr?", fragt er und es klingt ehrlich besorgt, "das geht sie nichts an", sagt sie, weil all der Zorn raus muss.
Er bewegt den Mund, will anscheinend etwas sagen, doch er schluckt es herunter, schweigt, zuckt fast unmerklich mit den Schultern, eine hilflose Geste, "gehen Sie", sagt sie und kann nicht verhindern, dass ihre Stimme schrill klingt, "verschwinden Sie."
"Du warst in dem Auto", sagt die Kleine, die in diesem Moment wach geworden ist.
"Ich habe dich gesehen. Du hast so traurig ausgesehen. Ich glaube, du hast mich erst nicht gesehen, weil du so traurig warst. Du bist nicht extra über meinen Arm gefahren."
Sie lauscht auf die Stimme der Kleinen, so zart, so ein kleines Leben, so zerbrechlich und er ist ihr über den Arm gefahren. Die Kleine richtet sich auf, sie will hin zum Bett, will sie in den Arm nehmen, endlich, will ihr sagen, wie lieb sie sie hat.
"Es tut mir so leid", sagt der Mann zu der Kleinen.
Sie schiebt ihn beiseite.
"Gehen Sie", flüstert sie,
"lassen Sie meine Tochter in Ruhe."
*
Er fährt auf den Stützpunkt zu. Es ist früher Morgen, gerade viel Betrieb, er hat alles genau geplant.
Er trägt seine alte Uniform, polierte Schuhe und hat sich den Bart abrasiert, an den er sich in den letzten Jahren gewöhnt hatte. Auf einmal haben ihn die ganzen Haare angeekelt, die dort aus der Haut wuchsen, unordentlich und krumm, jetzt ist sein Kinn glatt, die Haut wie poliert. Er hat noch eine Weile vorm Spiegel gestanden und sich betrachtet, ist mit dem Finger über die Abzeichen gestrichen, Erinnerungen an die andere Welt, an Kameraden, Blut, Schweiß und Tränen. Der Krieg hat ihn verändert, denkt er, für das normale Leben versaut, er hat das nicht einsehen wollen.
Er nähert sich der Schranke. Drei Jahre war er in dieser Kaserne stationiert, war selbst schon für den Posten am Tor eingeteilt, ganz am Anfang. Jetzt steht dort ein junger Soldat, fast noch ein Kind; so etwas Weiches im Gesicht, keine Auslandseinsätze, kein Krieg, kein Grauen, keine Leichen.
"Ich habe einen Termin", sagt er durch das heruntergekurbelte Fenster zu dem jungen Soldaten rund reicht ihm seinen Ausweis. Alles folgt der gleichen Routine wie damals, Blick auf den Ausweis, Blick ins Gesicht. Manche Dinge ändern sich nie, denkt er,  andere viel zu schnell.
Er parkt den Wagen und folgt den noch immer vertrauten Pfaden, viel hat sich nicht verändert, denkt er, nur die Menschen sind ausgetauscht worden, die Bäume sind gewachsen, denkt er, die Bäume wachsen so schnell. Er betritt das Verwaltungsgebäude und für einen kurzen Moment ist die Illusion perfekt, die gleichen langen und irgendwie hoffnungslosen Flure, damals hat er das nicht bemerkt, erst jetzt wird es ihm bewusst, eine Zeitblase, dasselbe Treppenhaus, dasselbe Geländer, nur er selbst ist ein anderer geworden.
"Kann ich Ihnen helfen?"
"Nein, ich finde mich zurecht."
Er steigt die Treppen hinauf, erinnert sich, den Blick auf die ausgetretenen Stufen gerichtet, die sich so unendlich langsam dem jahrzehntelangen Druck der Stiefelabsätze gefügt hatten. Rechts, links. Er klopft an die Tür, erkennt bereits die Stimme des Kameraden, "herein", ruft die Stimme, in der ein großes Selbstbewusstsein mitschwingt. Er hat noch immer diese stramme Haltung, denkt er, als er eintritt, diese unablässige Kontrolle des Geistes über den Körper, man sieht ihm direkt an, dass er ein Soldat ist und er hat einen energischen Zug um die Mundwinkel herum, das Gesicht eines Mannes, der mehr Befehle gibt als empfängt, er hat sich hochgedient, denkt er, aus ihm ist etwas geworden.
Sie erkennen sich sofort, er sieht das im Blick des anderen. Kameraden vergisst man nicht.
Sie reichen sich die Hand, dann umarmen sie sich. Er weiß nicht, von wem die Umarmung ausging, aber sie fühlt sich richtig an, eine Umarmung für die lange Zeit, die man einander vergessen hat.
Es ist lange her, denkt er, nicht in Jahren, aber irgendwie in Gefühlen. Wenn es nicht Teil der Mission wäre, wäre er nicht gekommen.
Sie lassen voneinander ab, betrachten einander wortlos, staunen über das, was das Leben in ihre Gesichter geschrieben hat, wir waren noch so jung, denkt er, wie konnte man uns so jung in den Krieg schicken.
"Ich freue mich dich zu sehen", lügt der Kamerad, so wie auch er lügen muss, weil es weh tut hier zu sein, weil auch er ein guter Soldat war und sie ihn fallen gelassen haben.
"Ich freue mich auch", sagt er.
Dann bleibt es still, keiner von ihnen findet einen Anfang, "ich brauche deine Hilfe", sagt er schließlich, weil es nichts bringt über alte Zeiten zu reden und dabei die Wunden und das Leid zu umschiffen, auf einmal ängstigt ihn dieser Ort, die Vorstellung, dass der junge Mann vorne am Tor bald auch in die Ferne geschickt würde, dass er dort vielleicht wie er selbst zerbrechen würde,  Menschen zerbrechen so einfach, denkt er.
"Brauchst du Geld", fragt der Kamerad. Er klingt erleichtert, sein Gegenüber glaubt zu verstehen, warum er hier ist, warum er diese Uniform trägt, die es nicht mehr gibt, die ein Relikt aus einer anderen Zeit ist.
"Ich brauche eine Waffe", sagt er.
Es ist ausgesprochen. Jetzt gibt es kein Zurück mehr, aber der andere muss ihm helfen, weil sie Kameraden sind und weil Kameraden einander helfen müssen, er hat keine Wahl,
"bitte", sagt er, "ich brauche eine Waffe und Munition."
Sie setzen sich, erst weicht der Kamerad seinem Blick aus, dann finden ihre Augen wieder einander.
Er hat ihm das Leben gerettet, hat ihn blutend und schreiend durch die Nacht getragen, wie ein Kind hat er ihn festgehalten, hinter sich Gewehrfeuer, Schreie, sie waren hinter ihnen her, er erinnert sich, beide erinnern sich, dann der Schlag in den Rücken, das Schulterblatt, furchtbarer Schmerz, doch er ist ein Krieger gewesen, beide waren sie Krieger, er ist getaumelt, aber nicht gestürzt, er ist weitergelaufen, sie sind Kameraden, Kameraden lassen einander nicht zurück. Er muss das nicht sagen, es schwingt unausgesprochen in jedem Wort mit, es umhüllt sie mit einer seltsamen Atmosphäre, in der andere Gesetze gelten als in der normalen Welt. Warum funktioniert das nur, wenn Krieg ist, denkt er, dass man weiß, wo der andere ist, dass man sich aufeinander verlassen kann.
"Ich kann das nicht machen", sagt der alte Kamerad und klingt dabei hilflos, "selbst wenn ich wollte, könnte ich nicht, die Waffen sind alle registriert, früher oder später fällt das auf, ich..."
Er hört ihm nicht zu, blickt durch das gealterte Gesicht hindurch in die vertrauten Augen. Er sieht so viel darin, die Vergangenheit glänzt wie eine Münze auf dem Grund eines verwunschenen Sees, eine Münze, die man nicht greifen kann und die den Fingern immer wieder entgleitet und sich dann hinter dem aufgewirbelten Wasser versteckt, seine Vergangenheit, seine Kameraden, vielleicht die einzige Zeit in seinem Leben, in der er hätte glücklich sein können, wenn nur all das Töten und Sterben nicht gewesen wäre, die Plastiksäcke und die vielen Särge und diese verdammte Sentimentalität.
Er blickt auf. Der Kamerad hat aufgehört zu sprechen. Sie verstehen sich ohne Worte.
"Ich werde dir helfen", sagen die Augen des Kameraden,
"ich werde dir helfen, weil ich nicht anders kann." 
*
Sie arbeitet im Garten, obwohl es eigentlich keine Arbeit ist, mehr eine Leidenschaft, ebenso wie die Arbeit im Blumenladen, wenn man von dem ganzen Papierkram absieht, der immer anfällt. Sie liebt Pflanzen, weil Pflanzen so langsam sind. Pflanzen treffen keine kurzfristigen Entscheidungen, Pflanzen handeln nicht impulsiv, Pflanzen handeln mit einer geradezu majestätischen Gelassenheit. Wenn die Menschen so langsam wären, gäbe es keine Kriege, keine Folter, keinen Mord, jeder würde sich genau überlegen, was er tut, es gäbe keine Sekunden. Ihre Hand dringt in den weichen warmen Boden ein, ertastet die kleinen feinen Wurzeln, Unkraut, auch wenn das eine sehr menschliche Sicht ist, Unkraut, das wuchert. Noch hatte es nicht genug Zeit gehabt sich tief genug in den Boden hineinzutasten, Unkraut, das das Pech hat in ihrem Garten gewachsen zu sein und nicht drüben beim Nachbarn, wo es sich in aller Freiheit entwickeln könnte. So ist das Leben, denkt sie, ohne jede menschliche Vorstellung von Gerechtigkeit, ihre beste Freundin war mit zwölf an einer Gehirnblutung gestorben, sie ist einfach im Unterricht umgefallen. Wenigstens hat sie nicht leiden müssen, haben viele gesagt. Sie hat damals große Angst gehabt, dass auch sie einfach so umfallen und sterben könnte. Ein bisschen von dieser Angst ist geblieben. Das Wissen, dass von einer Sekunde auf die andere einfach alles vorbei sein kann. Einfach so, ohne Ankündigung. Sie mag die Arbeit im Garten, weil sie den Geist vom Körper befreit, weil sie so gut denken kann, wenn ihre Hände Unkraut zupfen, weil sie aber auch vor jedem Gedanken fliehen, das Bewusstsein zurück in die tastenden Finger ziehen kann, sie denkt an den Alten, den sie noch in der Mittagspause gesehen hat, als sie sich beim Bäcker einen Kaffee holte. Sie hat ihn direkt erkannt, obwohl er sich rasiert hatte, der ganze Bart weg war und obwohl er aufrechter ging als sonst, die gebückte Haltung irgendwie überwunden hatte. Sie hatte noch überlegt ihn anzusprechen, ihm das Geheimnis mit den Blumen zu verraten, es aber dann schnell als dummen Einfall abgetan, zu lange gezögert und dann, als sie der Frau an der Theke das Geld gegeben hatte, war er weg gewesen, verschwunden. Sie weiß noch, dass sie mit einem Lächeln zurück in den Laden gegangen ist, gedacht hatte, dass sie im Geheimen sein Leben vielleicht ein klein wenig besser gemacht hatte. Es gab so viele Zufälle, die einander bedingten, vielleicht hat er einen Job gefunden, hat sie gedacht, und er wird die Blumen gesehen und sich gefreut haben. Dann hat sie an den Wachmann gedacht, dessen Lüge sie so verletzt hatte, aber vielleicht war es keine Lüge gewesen, vielleicht hatte er wie sie die Aura dieses Ortes gespürt und er hatte ihr in die Augen geblickt, mit dieser Mischung aus Schüchternheit und verzweifeltem Mut, den sie irgendwie bewundert hatte, weil es ihm so sichtbar schwer fiel. Etwas war an ihm, eine verborgene Tiefe, die sie irgendwie anzog, ein stilles, tiefes Wasser, "ich werde immer gut zu dir sein", hatten seine Augen gesagt und in diesem Moment hatte sie ihm geglaubt, bis sie sich aus dieser Versenkung losgerissen hatte und weggegangen war.
So viele Gedanken. Ihre Hände tasten nach Wurzeln, finden wieder eine, die besonders tief in den Boden hinabgeht, "jetzt ist alles anders", denkt sie. Alles war falsch. Der Alte ist tot. Sie trägt Schuld, aber der Wachmann noch mehr, sie hat es immerhin gut gemeint, sie wollte etwas Gutes tun, er hat nichts Gutes tun wollen, er hat ihn einfach fortgeschickt. Dafür werde ich dich immer  hassen, denkt sie, dafür hasse ich mich selbst. Sie hat ihren Vorgesetzten informiert, hat ihm gesagt, was mit dem Alten passiert ist, hat ihm von der Situation am Abend erzählt. Bis zu diesem Moment hat sie sich schlecht gefühlt, wie eine Verräterin, die ein Geheimnis ausplaudert, aber nun findet sie Frieden, so wie Kriegsherren an fremden Stränden ihre Boote verbrennen, damit das eigene Heer nicht fliehen kann. Sie hat ihn verraten, damit er sie in Ruhe lässt und damit sie sich nicht in ihn verliebt, immer verliebt sie sich in solche komplizierten Typen, nein, diesmal nicht, denkt sie, diesmal nicht, dazu ist zu viel passiert.
*
"Irgendwie drehen alle momentan durch", sagt der Zeitungsverkäufer, "irgendetwas liegt in der Luft." Er reicht ihm die Zeitung. "Betrunken in den Tod", steht dort in Großbuchstaben, knapp darunter: "Betrunkener Obdachloser übersieht Warnhinweis".
"Können Sie sich das vorstellen?", fragt der Zeitungsverkäufer, "wie betrunken muss man sein, dass man von einem Parkhaus fällt. Ich sage immer: das Leben schreibt die seltsamsten Geschichten und das ist nicht einmal das einzige, was passiert ist. Gestern hat so ein Typ ein kleines Mädchen angefahren, nicht einmal 100 Meter entfernt. Auch der war wohl betrunken. Was ist da los, frage ich mich."
"Es war kein Unfall", flüstert er, obwohl er weiß, dass es besser wäre zu schweigen.
"Ja, ja", beeilt sich der Zeitungsverkäufer zu sagen, "das sehe ich genauso. Wer sich betrunken in ein Auto setzt, nimmt doch von vornherein in Kauf, dass er jemanden überfährt. Ich hoffe, man nimmt diesem Schwein den Führerschein für immer weg. Wegsperren sollte man solche Leute. Ein kleines Mädchen."
"Das meine ich nicht", sagt er und muss schlucken, "den Obdachlosen meine ich, er ist nicht gestürzt, er ist gesprungen, weil er keine Hoffnung mehr hatte und er ist auch kein Unbekannter. Er hat fünf Jahre hier im Einkaufszentrum gesessen, er ist kein Unbekannter", sagt er noch einmal mit so viel Nachdruck, dass der Zeitungsverkäufer ihn fragend ansieht: "Kannten Sie ihn?", fragt er und beugt sich nach vorne über die Theke.
"Ich kannte ihn", sagt er und die Worte fühlen sich richtig an.
"Ich kannte ihn."
Er verlässt den Laden, geht den gewohnten Weg zurück zu seinem Haus, an der Ampel überfliegt er die erste Seite, "orientierungslos", steht dort und "2,8 Promille", dann entdeckt er die Frau vor seiner Haustür, verloren steht sie dort, er erkennt sie sofort, die Frau aus dem Krankenhaus, die nach Schweiß und irgendwie aufdringlich gerochen hat, doch die auch eine gute Mutter und zu Recht wütend auf ihn ist. Das hat er gespürt. Heute sieht sie besser aus. Die Haare fallen anders. Sie ist schön, denkt er, sie macht nur nichts aus sich.
"Guten Tag", sagt er, weil ihm keine bessere Anrede einfällt, "guten Tag", sagt sie.
"Darf ich kurz mit hineinkommen?"
Er weiß, warum sie hier ist und er will es ihr leicht machen, kennt den Wahnsinn der Bürokratie, Versicherungen, Gesetze, Anwälte. Er bietet ihr einen Tee an, den sie ablehnt, dann sagt er, dass er alles bezahlen wird, was an Kosten anfällt.
*
Der alte Kamerad hat ihm eine Telefonnummer gegeben, Nummer 32 hat der Mann am Telefon gesagt, er nähert sich der Adresse, vorbei an gepflegten Vorgärten, Vorstadtidylle, eine bessere Gegend als die, in der er selbst wohnt. Sein Blick gleitet an den Hausnummern entlang, 24, 26, 28, ein Haus größer als das andere, dann sieht er das Tor, das der Mann beschrieben hat, Nummer 32, es ist offen. Er biegt ab und fährt auf einen Hinterhof. Ein Mann steht dort und weist ihn mit routinierten Bewegungen in Richtung eines Garagentors, "langsam", schreit eine Stimme, er hält an, schaltet den Motor aus und steigt aus dem Auto. Der Mann reicht ihm die Hand, wortlos, "hier entlang", er folgt ihm, während hinter ihnen eine weitere Person aus dem Schatten tritt und das Garagentor wieder schließt. Das Licht springt an, kein Waffenlager, eine ganz normale Garage, Gartenutensilien, an der Wand lehnt ein Kinderfahrrad. Alles ist anders, als er es sich vorgestellt hat, keine breitschultrigen Russen, die beiden sehen aus wie Beamte, dezent, aber dabei durchaus teuer gekleidet, ihr Geschäft scheint recht einträglich zu sein. Er folgt ihnen durch eine Tür, tastet nach dem Umschlag in seiner Tasche, alles ist an seinem Platz, seine Ersparnisse, das, was in den letzten Jahren am Ende des Monats übriggeblieben ist, er hatte kein Ziel, für das er gespart hatte, keine Pläne, keine Träume und doch war es ein sentimentaler Moment, als er am Bankschalter stand und sein Konto aufgelöst hat. Er braucht das alles nicht mehr, denkt er und es ist zugleich ein glücklicher und ein trauriger Gedanke, so wie wenn man ein Spiel gewonnen hat, das man mochte und das nun für immer vorbei ist.
Sie marschieren über ein erlesenes Parkett in ein Wohnzimmer, alles um ihn herum ist geschmackvoll eingerichtet, Polstermöbel, exotische Topfpflanzen, an den Wänden Kunst, die er keiner Epoche zuordnen kann, aber die wertvoll aussieht. Sie setzen sich. Die Polster federn sein Gewicht angenehm ab. Er hat noch nie auf einer so bequemen Couch gesessen. 
"Das Geld", sagt einer der beiden Männer, der sich ihm gegenüber hingesetzt hat. Der andere ist stehengeblieben. Er zieht den Umschlag aus der Tasche. Das einzige, was aus den letzten Jahren geblieben ist, das man anfassen kann. Alles andere sind nur noch Erinnerungen.
"Die Autoschlüssel", sagt der Mann, nachdem er das Geld gezählt und wieder auf den Tisch gelegt hat. Er zögert, warum wollen sie seinen Autoschlüssel?
"Machen Sie es nicht kompliziert", sagt sein Gegenüber, der ihm sein Zweifeln ansieht, "alles ist gut, alles Service. Keine Probleme."
Er reicht ihm den Schlüssel, lauscht, auf einmal hört er Musik, Klavierklänge aus einem der Nebenräume, eine schöne aber dabei auch traurige Melodie, "meine Tochter", sagt der Mann und gibt dem anderen Geld und Schlüssel, der dann damit verschwindet.
"Kann ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?"
Er schüttelt den Kopf, obwohl sein Mund ganz trocken ist.
"Ich weise noch einmal darauf hin", sagt der Mann, "dass jede Erwähnung dieses Ortes Dritten gegenüber zwangsläufig mit weiteren Ereignissen und großen Problemen verbunden wäre. Dies hier ist ein Gefallen, wir machen sonst nicht so kleine Geschäfte. Sie verstehen das, denke ich, ich muss das wohl nicht präzisieren." Der Mann sagt das nicht drohend, seine Stimme bleibt freundlich.
Er nickt langsam mit dem Kopf, während er denkt, dass man ihm ohnehin nicht drohen kann. Er hat keine Frau, keine Kinder, nichts mehr, das man ihm wegnehmen könnte.
Der andere Mann kommt ins Wohnzimmer zurück, gibt ihm die Schlüssel.
"Sie können jetzt gehen", sagt er und dann: "Vergessen Sie diesen Ort."
Er erhebt sich. Alles scheint gut gelaufen zu sein, die Mission schreitet voran, denkt er, als er wieder im Auto sitzt und auf die Straße fährt.
Ich bin jetzt bewaffnet, denkt er, und ich bin gefährlich. 
*
Irgendwie hat er ihr imponiert, dieser ernste und aufrichtige Mann, der seine Worte so behutsam abwog, der freundlich sein wollte, aber nicht direkt, der irgendwie Halt in ihren Augen suchte, der nicht nur ihren Körper betrachtete. Er hat die Rechnung für das Krankenhaus bezahlt, einfach so, sie hat nicht einmal irgendetwas unterschreiben müssen, keine Versicherung, kein Anwalt, keine Probleme, er hat ihr die Tür aufgehalten und er hat es nicht absichtlich gemacht, denkt sie, es war ein Unfall und: es tut ihm leid, das sieht man. Die Kleine sagt, dass er traurig gewesen sei und auch sie hat gedacht, dass er sehr allein wirkt, so wie jemand, der versucht einen Verlust zu begreifen, so allein, denkt sie und dann, reflexiv, dass auch sie so allein ist und das Leben so kompliziert, alles so verworren und vorbelastet, dass sie ihm nicht einfach sagen kann, dass sie ihn mag und dass auch sie einsam ist. Die Kleine ist in der Schule, geistesabwesend sortiert sie die Post, Rechnungen, immer wieder Rechnungen, dazwischen Werbeprospekte, hinter denen sich neue Rechnungen verbergen, ein Flyer: "Tag des Mitgefühls" liest sie und denkt, dass das schön klingt, aber ja bestimmt doch wieder nur irgendjemand ihr Geld will, "für eine bessere Welt", liest sie und fragt sich, wo wohl der Haken ist. Immer gibt es einen Haken. "Für das leibliche Wohl ist gesorgt", sie würde nicht kochen müssen und bestimmt gibt es auch etwas für Kinder, für die Kleine, ein bisschen Abwechslung und dann kommt ihr auf einmal eine ganz ungewöhnliche und mutige Idee: Was, wenn sie ihn fragt, ob er mitkommen möchte, die Kleine mag ihn, hat nach ihm gefragt, denkt sie und dann, dass das nur vorgeschoben ist, dass auch sie ihn mag, dass er sie an Gefühle erinnert, die so schmerzhaft lange ungefühlt sind, fast vergessen waren, nur ein bisschen, denkt sie, ein bisschen darf man doch noch träumen, eine dumme Idee, aber vielleicht dabei doch auch ein Anfang, der hilft anders zu denken, wieder zu lachen, sie braucht doch nur einen verdammten Job, alles andere ist gar nicht so schlimm, sie braucht nur endlich einen verdammten Job, damit sie nachts nicht mehr raus muss, damit sie eine ganz normale Mutter sein kann, keine Hure, kein Abschaum, keine Versagerin. Sie stoppt sich. Es passiert so leicht, dass sie in diese Gedankenspirale rutscht, an der sie dann hinunter in den Selbsthass gleitet, die Therapie hat geholfen diese Momente zu erkennen, tief einatmen, ausatmen. Beruhigen.
Sie blickt jetzt wieder auf den Flyer, nicht mehr durch ihn hindurch. "Für eine bessere Welt."
Dann hat sie auf einmal eine Idee.
*
Er sitzt zuhause und reinigt das Gewehr, genießt es zu wissen, was wo ist und was wohin gehört, das Wissen, ohne dass es nur Teile sind. Die Hände bewegen sich schneller als die Gedanken, er ist ein guter Soldat gewesen, denkt er, vielleicht war das sogar das Einzige, in dem er wirklich gut gewesen ist, ein guter Kämpfer, ein guter Kamerad, jemand, auf den man sich verlassen konnte. Jetzt werden sie ihn Terrorist nennen, gescheiterte Persönlichkeit, Wahnsinniger. Er kennt das von anderen Fällen und doch wäre er niemals von sich aus gegangen, wenn nicht die Sache mit dem Kopf angefangen hätte, die Träume und die bösen Gedanken und diese ganze verfluchte Sentimentalität, die nichts als Schwäche ist. Er streicht mit der Hand über den Kolben und versucht Ordnung in seine Gedanken zu bringen, makellos ist das Metall, defektes Gerät wird ausgetauscht, denkt er, ebenso wie ein defekter Soldat, jemand, bei dem irgendetwas krumm und schief geworden ist, eine Feder ausgeleiert, der ein Bein oder einen Arm verloren hat, oder so jemand wie er, der zwischen all den Explosionen und Toten die Übersicht verloren hat. Manchmal hat er nachts wachgelegen und auf einmal panische Angst gehabt, dass eine Granate einschlägt, die Decke ein oder das Flugzeug abstürzt; er ist zu stolz gewesen, um Hilfe anzunehmen, denkt er, aber sie haben es ihm auch einfach gemacht zu gehen, eine Unterschrift hier, eine Unterschrift da, nicht die Kameraden, aber das System, in dem er zuhause gewesen war, in dem er gewusst hatte, was wo hingehört und wer Freund und wer Feind ist.
Er lädt die Waffe durch, lässt eine Patrone in die Kammer springen. Einzelfeuer. Kämpfer. Mann gegen Mann. Er hat nicht aufgegeben, ist zäh gewesen, hat es noch einmal versucht, alleine, hat Bewerbungen geschrieben, Lebensläufe erstellt, Fotos gemacht, auf denen er immer versucht hat zu verbergen, was er ist, kein Kämpfer mehr, ein netter Kerl, jemand, dem man die Ladenkasse anvertrauen kann oder die Sicherheit. Es ging aufwärts, denkt er, es war nicht abzusehen. Langsam hat er wieder das Gefühl gehabt zu wissen, was wohin gehört, die Schulkinder, die alten Damen, die Verkäufer. Er konnte Ratschläge geben, Wege beschreiben, fast wäre er soweit gewesen, dass es ein neues Zuhause geworden wäre, der Selbstmörder ist schuld, denkt er, mit dem Selbstmörder hat es angefangen, dass irgendwie alles aus dem Ruder lief und dann denkt er, dass das nicht stimmt, dass schon vorher vieles falsch war, dass der Selbstmörder es nur sichtbar gemacht hat, irgendwie, die Fehler, die Fäule und dass der Fisch vom Kopf her stinkt, der Unternehmensberater ist schuld, denkt er, ebenso wie die, die sich von ihm beraten lassen, die ihn anfeuern mit ihrer Gier, mit ihrer Sucht nach Ausschüttungen und Dividenden. "Dieser Job hat für mich eine sehr große Bedeutung", hat er dem Sicherheitsverantwortlichen gesagt und ihm tief in die Augen geguckt, hat ihn gewarnt, aber er hat nicht verstanden. Sie haben alle nicht verstanden. Sie werden verstehen. Er lässt die Kugel wieder aus der Kammer springen, sichert die Waffe. Sobald Krieg ist, ist alles einfach, denkt er, alles ist nur noch strategisch, der Moment, die Position, der Schusswinkel, vielleicht ist es ähnlich als Unternehmensberater, mit all den Tabellen und Statistiken, wo alles zur Zahl schrumpft. Es ist nicht meine Schuld, denkt er, ich habe einen guten Job gemacht. Ich habe mich angepasst. Ich kann nichts dafür. Er legt das Gewehr beiseite und betrachtet den Flyer, der neben der Munition auf dem Tisch liegt, "Tag des Mitgefühls" steht auf dem Flyer, "für eine bessere Welt" ein Stück darunter, und ganz unten, dass für das leibliche Wohl gesorgt sei. "Das leibliche Wohl", denkt er und muss einmal kurz und böse lachen, weil alles so schief und krumm ist und sich dabei doch irgendwie so nahtlos ineinanderfügt. Rückblickend würde sich dies wohl besser beurteilen lassen, wenn man alle Fakten kennen, alles wissen würde, was wozu gehört. Dann wird es Zeit. Die Mission hat begonnen. Diesmal keine bärtigen Dschihadisten, sondern Anzugträger. Er verstaut das Gewehr unter dem Bett. Er muss los, muss zur Arbeit. Er darf nicht auffallen.
*
"Tag des Mitgefühls", liest er, als er in der Küche steht und sich eigentlich gerade einen Tee kochen möchte, "Mitgefühl", denkt er und dann, dass das der Gipfel des Hohns ist, dass sie nun Profit aus dem Tod eines alten Mannes schlagen, der vor einigen Tagen noch gestört hatte, als das Motto "Urzeit" war. Vielleicht passt das sogar irgendwie. "Für eine bessere Welt", liest er und merkt nicht, dass seine Hände zittern. Diese ganze Heuchelei, diese ganzen schönen Worte machen ihn wütend, dann: der eine Satz, der alles verändert und dem Flyer in seiner Hand eine neue Bedeutung gibt: "Wir würden uns freuen, wenn du kommst", handschriftlich ergänzt und er weiß sofort, dass der Zettel von ihr ist, dass das ihre Handschrift sein muss, dass das "wir" kein seelenloses Firmengebilde, sondern eine Frau und ein kleines Mädchen repräsentiert. Sie hat sich gemeldet, denkt er, sie ist noch einmal zurückgekommen und hat diesen Flyer in den Briefkasten geworfen, das musste sie nicht tun, alles ist geklärt, bezahlt und unterschrieben, sie will mehr Geld, denkt er und dann, dass das unfair ist und dass sie sich vielleicht wirklich für ihn interessiert, für diesen seltsamen Menschen, der bereits seit einigen Jahrzehnten in diesem Leben unterwegs ist und gerade in diesem Moment irgendwie die Orientierung verloren hat, nicht weiß, wohin es geht, "ich weiß nicht, wohin ich soll", sagt er in Richtung Kühlschrank und denkt, dass es ganz verrückt ist, so allein in der Küche mit dem Kühlschrank zu sprechen. Er muss an die Geschichte von dem Alten denken, die Geschichte von der Maus, die an all den Türen vorbeiläuft. Auch er ist an so vielen Türen vorbeigerannt, so viele ungenutzte Möglichkeiten und so viele, viele Entscheidungen, doch er ist noch nicht in der Ecke, noch gibt es Chancen, dies ist so eine Tür, durch die er hindurch in sein Wohnzimmer blickt, Weihnachtsschmuck, Tannenbaum, gedeckter Tisch, sie hat etwas ganz Besonderes gekocht und die Kleine freut sich über die Geschenke, "Tag des Mitgefühls", denkt er und auf einmal klingt es anders und irgendwie nach Hoffnung. "Ich kenne sie gar nicht", denkt er und dann, dass es vielleicht alles nur Projektion ist, dass er nicht weiß, ob er sie wirklich mag oder nur eine Art Sinnstifter sucht, etwas, auf das man zeigen und von dem man sagen kann, dass es wirklich gut ist.
Er legt den Flyer auf den Tisch. Was wollte er gerade noch einmal tun? Warum ist er aufgestanden? Er setzt sich wieder, denkt, dass das Leben viel zu kompliziert ist, all diese Regeln, Konventionen, Masken. Warum kann er ihr nicht einfach sagen, dass er manchmal sehr einsam ist und dass er sich nachts in der großen Wohnung oft alleine fühlt? Die Kleine hat es gesehen, denkt er, nicht nur den Schrecken an der Oberfläche, auch das darunter, das Tiefere, den Verlust: die Essenz jeder Trauer.
Dann denkt er, dass er Lust hat einen Tee zu trinken.
*
Die Tage verstreichen und der Wachmann beobachtet die Monitore, auf denen die Menschen sich an den Kameras vorbeischieben. Er verfolgt die erneute Reinigung des Pflasters durch eine Spezialfirma, den Abbau des Sichtschutzes, das langsame Erwachen von Passage 3, wie aus einem bösen Albtraum. Die ersten Geschäfte öffnen und versuchen die Kunden mit Angeboten in jenen Bereich zu locken, der von einem Großteil der Passanten noch immer gemieden wird. Noch reagieren die Menschen verhalten auf die Angebote, andere haben wieder Kerzen auf die Platten gestellt, doch diesmal bleiben sie eine kleine Minderheit, fast niemand mehr bleibt dort stehen, viele meiden mit einem gewissen Trotz jeden Blick zu den Kerzen; an einem Vormittag beobachtet er eine ältere Dame, die zwei Lichter ausbläst und in den Mülleimer wirft, weil sie ihr den Weg mit ihrem Rollator verengen. Bald sind die Lichter vergessen. Noch immer herrscht nicht der normale Betrieb, aber Passage 3 gehorcht wieder den Gesetzen des Menschenstroms. Er könnte ein Buch schreiben über diese Bewegungen, in der sich Menschen zusammenfinden, wie sie als einzelnes Wesen das Einkaufszentrum betraten und bereits an den Rolltreppen dem Schwarm gehorchten, seiner Geschwindigkeit, seinen Ängsten und seinen Vorlieben. Man könnte so vieles, denkt er und spürt wieder die Versuchung die Hand auf die Tastatur zu legen und die Kamera hinüber zum Blumenladen zu schwenken. Doch er widersteht und mit jedem Mal wird der Kampf leichter. Das sind Gedanken aus einer anderen Zeit. Er möchte sie gar nicht mehr sehen, denkt er und dass nur noch die Mission wichtig ist, dass er die Schuldigen bestrafen und den Menschenstrom auseinandertreiben wird. Das oberste Stockwerk des Parkhauses ist noch immer abgesperrt, sie errichten einen Zaun dort oben. Von dort aus wird er ein gutes Schussfeld haben, auf die Bühne und auf die Menschen, die sich dort präsentieren würden, all die Schuldigen, die noch nicht bestraft sind.
"Entschuldigung?"
Er schreckt aus seinen Gedanken auf, war kurz abgelenkt.
Hinter ihm steht der Sicherheitsverantwortliche, der noch nie zu ihm hinunter ins Büro gekommen ist und den er lediglich von offiziellen Anlässen her kennt. Die meisten Anweisungen kommen per Telefon. Auch der Sicherheitsverantwortliche scheint sich der Besonderheit der Situation bewusst zu sein, er wirkt verlegen. Er sieht ihm an, dass er gezögert hat dieses Gespräch zu führen. 
"Nehmen Sie es nicht so schwer", sagt er fast väterlich und dann mit gedämpfter Stimme, so als wäre es ein Geheimnis: "Ich setze mich gerade für Sie ein und es sieht ganz gut aus, dass Sie vielleicht doch noch heil aus dieser Sache herauskommen. Ich will Ihnen keine falschen Hoffnungen machen, aber ich habe Ihre Situation einem Freund geschildert, der vielleicht etwas für Sie tun kann. Es sieht gerade ganz gut aus. Passage 3 ist bereits wieder bei 62 % der üblichen Auslastung, die Tendenz ist gut, die Leute scheinen diesen Vorfall schneller zu vergessen, als wir gedacht haben. Die Medien sind ja gerade ganz gut mit dem Nahen Osten beschäftigt, ich denke..."
Ganz langsam hat er sich in seinem Stuhl herumgedreht, den Blick nur widerwillig von den Monitoren gelöst, die ihn beruhigen, weil die Menschen darauf so weit fort sind, aber er kann ihm nicht den Rücken zudrehen, darf nicht auffallen, dann ist es soweit, ihre Blicke treffen sich, der Sicherheitsverantwortliche blickt ihn an und er kann nicht verhindern, dass für einen Wimpernschlag der Krieger zurückblickt, der mit einer Handbewegung töten kann. Mit aller Macht kontrolliert er seine Wut, presst sie zurück, tief hinein in den Körper und dann findet er in seine Rolle zurück, blickt fast demütig auf, der Wachmann mit dem kleinen Gehirn und dem kleinen Status, der dankbar ist, wenn man ihm einen Knochen hinwirft.
"Das ist sehr nett von Ihnen", sagt er und hilft seinem Gegenüber zurück in seine Rolle, sein devotes Lächeln scheint dem anderen Mut zu machen, "ich denke, wenn das Fest ein Erfolg wird", sagt der Sicherheitsverantwortliche, "können wir diese ganze unangenehme Geschichte einfach vergessen. Ich habe ja an der einen oder anderen Stelle an diesem Unternehmensberater gezweifelt, aber der Kerl ist sein Geld wert, sage ich jetzt, alles, was er vorhergesagt hat, ist eingetreten. Nun ja, wir werden sehen."
Er ist sich nicht sicher, aber er glaubt, dass er ihn getäuscht hat, dass er den Krieger versteckt hat, dass es gerade noch einmal gut gegangen ist, dass er vorsichtiger sein muss.
"Danke", sagt er, "das macht Hoffnung", lügt er.
"Erzählen Sie es aber noch nicht weiter", der Sicherheitsverantwortliche tritt zur Tür, "noch ist nichts in trockenen Tüchern. Ich wollte nur, dass Sie es als einer der Ersten erfahren, schließlich geht es um Ihre Zukunft. Ich habe Ihre Kündigung noch auf meinem Schreibtisch. Vielleicht wird Sie nie den Vorstand erreichen. Machen Sie erst einmal weiter wie bisher. Sie leisten gute Arbeit."
Er findet einen passenden Gesichtsausdruck, Dankbarkeit für den Sicherheitsverantwortlichen, der ihm zum Abschied sogar die Hand reicht.
Dann ist er wieder alleine, atmet tief durch und dann kann er nicht anders, schwenkt die Kamera zum Blumenladen, sucht die Ritzen zwischen den Palmen im Schaufenster ab, doch sie ist nicht da.
Hoffnung ist eine Fessel, denkt er und dann, dass er schon viel zu lang gehofft hat. Nicht einmal ihren Schatten kann er entdecken. Dann steht er auf, um seinen zweiten Rundgang zu machen.
*
Passage 3 ist mit bunten Girlanden geschmückt worden. Eine junge angehende Künstlerin hat Photographien ausgestellt, die arme aber dabei hoffnungsvolle Menschen zeigen, die einander an den Händen halten oder Wange an Wange in eine glückliche Zukunft schauen, deren Abglanz bereits in ihren Augen zu leuchten scheint, das Ganze hochauflösend und ergänzt um die tiefsinnigen Sentenzen eines regionalen Dichters. "Glück muss man teilen", steht unter einem Bild oder "Gemeinsam und nicht einsam". Mehrere karikative Vereine haben die unverhoffte Chance genutzt, um ihre Stände aufzubauen und für ihre gute Sache zu werben. "Brot für Afrika" steht in einem Prospekt, in einem anderen, dass sogar Katzenbabys bei Tierversuchen gequält werden. Ein Mann in einem Phantasiekostüm, das entfernt an einen Piraten, aber auch an einen Zauberer erinnert, verteilt Zuckerwatte an die Kinder, die eine Schlange bilden und geduldig warten, bis sie an der Reihe sind. "Die Tombola kommt nicht nur einem guten Zweck zugute", ruft der hierfür vorgesehene Minijobber, "es gibt auch sagenhafte Preise. Jedes Los gewinnt", ruft er in sein Mikrofon und dann beginnt die Live-Band zu spielen, ein Lied, das von langen Nächten und der Bordsteinkante handelt und von jemandem erzählt, der Hilfe und wieder zurück in das Leben findet, Glühwein wird ausgeschenkt, um die kalten Hände zu wärmen. Immer mehr Menschen sammeln sich vor der Bühne. Bald wird der Bürgermeister sprechen, danach die Preisverleihung. Auch wenn er seinen Zynismus nicht ganz abstreifen kann, muss er zugeben, dass es wohl ein gelungenes Fest ist, überall Kinderlachen, Stimmengewirr, die Menschen reden miteinander, so als wäre das stumpfe Motto "Tag des Mitgefühls" tatsächlich ein Appell, den die Menschen verstehen und dem sie folgen.
Er steht schon eine Weile da und wartet auf sie und die Kleine. Raucht eine Zigarette nach der anderen. Sie sind zu spät und da ist diese Angst, die ihn an seine Jugend erinnert, wird sie überhaupt kommen, hat sie es sich anders überlegt, hat sie ihn vergessen?
"Haben Sie ein Herz für Tiere?", fragt ihn ein bärtiger Mann.     
Er setzt gerade an zu erklären, dass er es bei all den vielen Menschenproblemen für abwegig hält Tiere zu unterstützen, doch dann entdeckt er sie zwischen den Menschen. Sie hat die Kleine an der Hand und blickt sich suchend um, sie ist da.
Er zückt sein Portemonnaie und sucht einen passenden Schein. "Ich unterschreibe nichts", sagt er zu dem bärtigen Mann, der ein wenig verdutzt das Geld entgegennimmt.
Dann geht er auf sie zu.         
*
Sie ist zu spät, wieder ist sie zu spät und sie weiß nicht, wie das passieren konnte. Sie hetzt sich ab, Tag für Tag, und ist immer zu spät, irgendwie, immer. Sie hat zu lange vor dem Schrank gestanden und überlegt, was sie anziehen soll, nichts gefiel ihr, alles entweder bieder oder billig. Das hat Zeit gekostet.
"Warum beeilen wir uns so, Mami?", fragt die Kleine und zerrt an ihrem Arm.
"Wir wollen doch das Beste nicht verpassen", sagt sie und findet, dass das einen unheimlichen Klang hat, weil sie das Beste ja schon verpasst haben, weil sie sofort gedacht hat, dass das Beste bereits hinter ihnen liegt und niemals zurückkommen wird. Sie schaut sich suchend um, bestimmt ist er schon weg.
"Aber wir sind doch schon da", protestiert die Kleine und sie hat recht, sie sind da, am vereinbarten Treffpunkt, links das Kinderkarussell, rechts die Bühne und dann sieht sie ihn, erkennt ihn zunächst nicht, unscheinbar sieht er aus, unauffällig, ihr fällt nichts auf, das sich besonders hervorheben ließe. Er redet mit einem älteren Mann, der sich auf ein Transparent stützt, "Auch Tiere haben Gefühle" steht da in der Sprechblase eines Welpen, der ängstlich den Kopf senkt, wütend machen sie solche Plakate. Sie wäre selbst nie auf die Idee gekommen ein Tier zu quälen, aber dass Menschen wie sie sich prostituieren müssen, um ihren Kindern den Schulausflug bezahlen zu können, das tut weh, denkt sie, und solche Gefühle haben Tiere nicht, kennen nicht diese Scham nichts zu haben außer dem Körper und er gibt dem alten Mann sogar noch Geld, denkt sie, obwohl hinter ihm für die Dritte Welt gesammelt wird. Sie bemerkt, dass sie ihm nun fast feindselig entgegenblickt, diesem Mann, für den sie sich eben noch hübsch gemacht hat. Es gibt eben keine Märchenprinzen, die den bösen Drachen erschlagen und die Prinzessin retten, es gibt nicht einmal Drachen und sie ist keine Prinzessin, dann entdeckt er sie, sie sieht es in seinem Blick, er kommt herüber; er hat einen schlurfenden Gang, denkt sie, dann lächelt sie ihn an.
"Hallo ihr zwei", sagt er und deutet eine Verneigung, dann einen Handkuss an, doch es ist nicht peinlich, irgendwie meint er es ernst, er ist nett, denkt sie, und die Kleine mag ihn.
"Heute siehst du nur ein bisschen traurig aus", sagt die Kleine, so als wären sie alte Freunde, tapfer trägt sie den Gips, "weniger als zuletzt", sagt die Kleine und lacht.
Er hat Karussellkarten für sie und obwohl sie sich Sorgen macht, schreitet sie nicht ein, als ihre Kleine mit dem Gips auf das Pferd steigt. "Was soll schon passieren", sagt er und sie denkt, dass ihr das gefehlt hat, dass ihr jemand widerspricht, wenn sie zu ängstlich ist, so fühlt sich das an, denkt sie, als sie die beiden beobachtet, und dann, dass es gut ist, dass sie loslassen kann. Die Kleine sitzt dort wie eine Königin, balanciert geschickt jede Umdrehung aus, hält sich mit der gesunden Hand am Zügel fest, den Gipsarm ausgestreckt tastet sie mit den Fingern den Luftzug, sie muss sich gut festhalten, denkt sie, doch es gelingt ihr die Ängste niederzukämpfen, so schön sieht die Kleine aus, wie sie da reitet und dabei einfach Kind ist. Es gibt viel zu wenig solche Momente, denkt sie und dann steht er wieder neben ihr, hat Glühwein gekauft, die großen teuren Becher, dankbar nimmt sie das Getränk entgegen und als ihr die aromatisierten Dämpfe in die Nase steigen, die Kleine gerade besonders hell auflacht und sie anlächelt, ist dies einer der glücklichsten Momente seit langem, den sie nur kurz genießen kann, weil er unweigerlich schlechtes Gewissen hervorruft, "er ist tot", sagt eine innere Stimme und: "du darfst nicht mehr glücklich sein."
Sie trinkt einen Schluck, um ihre innere Aufregung zu verbergen. Es ist so unfair, dass jetzt nicht er hier steht und mit ihr hinüber zu der Kleinen blickt, dass es ein Anderer ist, aber er kann nichts dafür, denkt sie, er kann nichts dafür. Sie denkt, dass sie jetzt etwas sagen muss und ist dankbar, dass die Musik leiser gedreht und der Auftritt des Bürgermeisters angekündigt wird. Der Bürgermeister ist in der Stadt sehr beliebt. Es ist seine zweite Amtszeit. Einige Leute klatschen, als er nach vorne an das Rednerpult tritt.
*
Der Sicherheitsmann des Bürgermeisters verbirgt seine Langeweile hinter einem routiniert angespannten Blick, den er über die Menge gleiten lässt, vielleicht 100 Menschen haben sich dort versammelt und warten auf die angekündigte Rede, die laut Zeitplan in fünf Minuten beginnt und exakt sieben Minuten dauern wird. Er selbst ist vollkommen überflüssig, so wie immer, denkt er, kein potentieller Terrorist weit und breit, kein linker Ruhestörer oder fanatischer Tierschützer, so weit ist es gekommen, denkt er, all das Training, das Sich-auf-den-Boden-Werfen und das Wieder-Aufstehen, die Stunden am Schießstand, die psychologische Schulung und jetzt steht er hier, am Fuße dieser mickrigen Bühne in irgendeinem Kaff in der Nähe irgendeiner Stadt. Es gab einmal eine Zeit, in der ihn eine solche Aussicht traurig gemacht hätte, doch irgendwie hat er sich arrangiert, hat sich abgefunden, irgendwann gewinnt man Routinen lieb, wenn man vergisst, dass sie einmal nur Möglichkeiten waren. Er lässt den Blick über die Menge gleiten, keine Kamerateams, kein Blitzlichtgewitter, gerade einmal ein Vertreter des örtlichen Radiosenders, der die Veranstaltung sinnloserweise live überträgt, "gleich geht es los", sagt der Praktikant, den ihm die Zentrale zu allem Überfluss auch noch aufbürdet hat, ein junger Spund, voller Energie, gierig sich in die erste Kugel zu werfen, die in seine Richtung fliegt, genauso wie er selbst damals, denkt er und bringt den Praktikanten mit einem strengen Blick zum Verstummen, "du musst hinter die Bühne", sagt er, "Position 3, zwei Minuten, das Ziel sichern". Der Praktikant rennt los als ginge es um sein Leben und während er ihm nachblickt, zucken für einen winzigen Moment seine Mundwinkel, das Ziel sichern, das klingt nach Militäreinsatz, Krieg, Gefahr, er macht diesen Job jetzt schon ein paar Jahre und die bedrohlichste Situation entstand bislang durch einen Tross wütender Milchbauern, die aus Protest eine Zufahrtsstraße blockiert hatten. Er hat seine Waffe einmal gezogen, aber im Dienst noch nicht abgefeuert. Er ist bei der falschen Agentur, wird immer nur zu Veranstaltungen gebucht, bei denen die größte Gefahr schlechtes Wetter ist. Er hat in den letzten Jahren immer wieder bei solchen Veranstaltungen für den Bürgermeister gearbeitet, seit so ein Verrückter diesen mit einem Farbbeutel an der Stirn getroffen hat, er kennt die Reden und die kleinen Variationen, drei Stunden kann er für diese Veranstaltung abrechnen, hat die Bühne fest im Blick, der Praktikant ist in Position, alles läuft nach Plan, keine Verzögerungen und doch hat er auf einmal ein komisches Gefühl, das er so noch nie hatte, eigentlich ein Klischee aus all diesen Filmen, Clint Eastwood, Gefahr spürt man nicht, hat sein Ausbilder damals gesagt, Gefahr erkennt man, doch dieses Frösteln, das durch den ganzen Körper flutet, genau so hat er es sich vorgestellt, irgendetwas stimmt nicht, denkt er, irgendetwas. Sein Blick gleitet über die Gesichter der Zuschauer, die meisten Senioren, dazwischen einige Familien, Kinder, verweilt bei einem jungen Mann, der an eine Laterne gelehnt auf sein Handy starrt, es ist nur ein Gefühl, denkt er, doch das beruhigt ihn nicht, nur ein Gefühl, dann wird die Musik leiser, die Menschen applaudieren und der Bürgermeister tritt nach vorne.
*
Der Bürgermeister ist ein routinierter Redner und macht sich keine Sorgen, als er nach vorne an das Pult tritt. Der Wahlkampf ist vorbei, es gibt nichts mehr zu gewinnen, nun muss er nur noch Präsenz zeigen und sich für erwiesene Gefallen revanchieren. Er hat schon unzählige solcher Reden gehalten, für ihn ist es nur der letzte Termin an einem bereits ereignisreichen Tag, danach wird ihn der Chauffeur nach Hause fahren. Sein Blick durchforstet lächelnd das Publikum, gleitet über vertraute Gesichter, er beherrscht diesen Blick, der jedem Einzelnen das Gefühl gibt, gemeint und darüber hinaus erkannt zu sein. Es sind doch einige Leute zusammengekommen, denkt er, eine bunte soziale Mischung, wie sie nur in einem Kaufhaus zustande kommt, in dem es Geschäfte für reiche und für arme Kunden gibt. "Es freut mich heute Abend hier zu sein", sagt er in das Mikrofon und lauscht dabei auf seine Stimme, die aus all den Boxen dringt, die überall über das Gelände verteilt sind, "und damit auch zu zeigen, dass die Stadt ebenfalls die Ansicht vertritt, dass Mitgefühl für uns mehr als ein leeres Wort ist." Er blickt über die Menschen. Sie hören zu, lauschen seinen Worten und er ist für einen kleinen Moment verwundert über den seltsamen Lauf, den sein Leben genommen hat, Sohn eines Schusters, ehrgeizig, strebsam, Schule, Ausbildung, Karriere, jetzt steht er hier, über den anderen, die seiner Stimme lauschen. Das macht ihn in diesem Moment stolz, doch er muss das Gefühl hinunterschlucken, damit es nicht seine Rede färbt. Manchmal hat er solche narzisstischen Momente. "Der Anlass, aus dem ich heute hier stehe, ist aber auch ein trauriger. Einige Meter entfernt von hier", er weist mit der Hand über die Menge, "haben zwei unserer Mitbürger den Tod gefunden. Dies hat viele Menschen sehr traurig gemacht, und es macht mich stolz auf meine Stadt, dass diese Trauer und dieses Mitgefühl nun so gute Früchte trägt. Doch bevor ich zu diesen Früchten komme, bitte ich Sie um eine Schweigeminute. Er senkt den Kopf und ärgert sich. Früchte ist nicht das richtige Wort, irgendwie klingt es komisch, doch sofort wird es merklich stiller. Er zählt die Sekunden schweigend hinunter, 48, 49, 50, wartet noch einen Moment, "ich danke Ihnen."
Einige Leute klatschen.
"Ich danke auch den Ehrenamtlern, die hier ihre Stände aufgebaut haben und die für andere hier stehen. Sie stehen in einer alten Tradition", sagt er, um zu dem zweiten Teil seiner Rede überzuleiten. „Dieser Boden, auf dem wir hier stehen, hat schon viel gesehen", sagt er, "das dürfen wir nicht vergessen."
"Richtig", ruft ein Parteigenosse, der in der ersten Reihe steht.
"Hier auf dem Marktplatz haben einst junge Männer gestanden, die in den Krieg zogen, um diese Stadt vor Napoleon zu beschützen", ruft der Bürgermeister; wie sinn- und hilflos dieser Widerstand war, verschweigt er, schließlich geht es nicht in erster Linie um Geschichte, sondern um Emotionen.
"Was diese jungen Männer trotz aller Ungewissheit wussten, war, dass sie sich auf ihren Nebenmann verlassen können, dass dieser zur Not sein Leben geben wird, um ein anderes zu retten. Das hat aus diesen Soldaten eine Einheit gemacht. Dieses Gefühl hat ihnen Kraft gegeben."
Er macht eine rhetorische Pause, um die Worte wirken zu lassen.
"Nun stehen wir in Zeiten des Friedens hier, an diesem Tag des Mitgefühls und doch gibt es eine Gemeinsamkeit, die ich betonen möchte: Kameradschaft." Wieder macht er eine Pause, um nun zu dem einen besonderen Satz zu kommen, zu der zentralen Botschaft seiner Rede: "Die Kameradschaft der Soldaten im Krieg muss die Kameradschaft der Bürger im Frieden sein. Wir müssen uns aufeinander verlassen können, wir müssen Vorurteile überwinden und zusammenrücken."
"Das stimmt", ruft der Parteigenosse, doch seine Worte haben auch andere bewegt. Er wartet, bis genug Leute klatschen, dann erst hebt er die Arme, um sie zu beruhigen. 
"Das Einkaufszentrum kann mit Fug und Recht als Herz unserer Stadt bezeichnet werden und ich möchte an dieser Stelle auch dem Vorstand danken, der angekündigt hat, dass von nun an ein Teil des Gewinns genutzt werden soll, um soziale Projekte der Stadt zu unterstützen. Ich übergebe das Wort an meinen persönlichen Freund, den Vorstandvorsitzenden der Holding, die unser Einkaufszentrum nun bereits seit zehn Jahren leitet. Ich bitte um Applaus."
*
Das oberste Parkdeck liegt in vollständiger Dunkelheit, niemand sieht ihn, als er das Gewehr aufbaut, das Fernrohr montiert und auf die Bühne ausrichtet. Dabei lauscht er auf die Worte des Bürgermeisters, die durch die Boxen bis zu ihm hinaufdringen. Schöne Worte, so viele schöne Worte. Er betrachtet ihn, während der Schweigeminute, gleitet mit dem Fadenkreuz über das Gesicht, die graumelierten Haare entlang, zur Seite, mitten auf die Stirn dieses gesenkten Kopfes. Er hat nichts gegen den Bürgermeister, der bestimmt genauso ein Verbrecher wie die anderen ist,
aber warme Worte gefunden hat. Er muss an den Alten denken, wie er immer in dieser Ecke gekauert hat. Den Alten, den er in die Nacht vertrieben hat. Der Bürgermeister ist nicht sein Ziel, aber gleich, gleich wird sein Ziel da sein. Er gleitet mit dem Fadenkreuz über die Menge, verweilt kurz bei einem älteren Mann, der ein Schild in die Luft hält. "Auch Tiere haben Gefühle", liest er und muss lächeln. Das "auch" findet er lustig. Dann kündigt der Bürgermeister den Vorstandvorsitzenden an und er nimmt wieder die Bühne ins Visier, schüttelt jede Emotion ab, Kontrolle. Er hat das trainiert, wochenlang Menschen mit dem Fadenkreuz verfolgt, bis der Befehl kam und er den Finger krümmte, einfach so, von einer Sekunde auf die andere. Immer in den Kopf.
Dann sieht er sein Ziel. Der Vorstandsvorsitzende betritt gemeinsam mit dem Unternehmensberater die Bühne. Beide tragen gemeinsam einen überdimensionierten Scheck, den sie ein wenig schräg halten, damit das Publikum die Zahl auch wirklich lesen kann. Diesmal wird es keinen Befehl geben, denkt er, diesmal muss ich den Befehl selbst geben. Es ist eine glückliche Fügung, dass der Unternehmensberater auch auf der Bühne ist, vielleicht aber auch einfach dessen Profilierungssucht, er lässt ihn noch einen Schritt nach vorne gehen, wandert mit dem Fadenkreuz mit, nicht in den Kopf, denkt er, ich will ihm sagen, warum ich ihn töte, er zielt auf den Bauch, ein böser Schuss, auf den Magen, dorthin, wo es richtig weh tut, dann drückt er ab, tak, tak, tak, den Lauf hinüber auf den Vorstandsvorsitzenden, tak, tak, beide schreien, stürzen und sofort bricht Panik im Publikum aus.

Der Sicherheitsmann des Bürgermeisters hört die Schüsse und lässt sich fallen. Unzählige Male hat er diese Bewegungen trainiert, ruhig bleiben, die Situation analysieren, während der Körper die vertrauten Bewegungen ausführt, abrollen, Waffe ziehen. Er erkennt die Waffe am Klang. Eine automatische Waffe, ein Sturmgewehr. Gefahr. Er blickt über die Schulter und sieht, dass der Praktikant den Bürgermeister hinter die Bühne zieht, blickt nach vorne, sieht das Mündungsfeuer oben, auf dem Parkhaus, keine Deckung, er muss zur Seite, lässt sich wieder fallen und feuert, zwei, drei Schüsse in Richtung des Parkdecks.

Eine Kugel prallt an der Kante ab und streift seine Schulter, das heiße Metall zieht eine Furche durch seine Haut, Härchen kräuseln sich, das Geschoss dringt in das Fleisch, ein Stück unterhalb der Schulter und der aufflammende Schmerz ist das letzte, das fehlt, um den Krieger vollständig zu wecken. Obwohl er mit großer Entschlossenheit auf das Dach gestiegen ist, hat er die ganze Zeit das unbestimmte Gefühl gehabt, dass etwas nicht stimmt, dass es vielleicht doch noch Hoffnung gibt, dass irgendein Zeichen ihm vielleicht doch noch den Ausweg offenbaren würde - ich bin nicht der Böse - doch nun überflutet der Schmerz alle Zweifel, wirft ihn um Jahre zurück in den Krieg, in der Ferne hört er das Donnern von Explosionen und sein Puls rauscht wie ein Helikopter durch die Ohrmuschel. Er hebt das M 16 über die Brüstung und feuert über die Menschenmenge, schreit und lacht und staunt, wie der Menschenstrom auseinanderbricht und wie all die Mitläufer wieder in ihre Individualität zurückgeworfen werden, kreuz und quer flüchten die Menschen, ohne dass sich ein Muster daraus ergeben würde, jeder hat eine eigene Idee, wohin er am besten flüchtet, dann entdeckt er den Unternehmensberater, der von der Bühne wegflüchtet, hinüber zum Schuhgeschäft, tak, tak, tak, der dritte Schuss trifft ihn am Bein und schleudert ihn durch das Schaufenster in die Stellagen, kein freies Schussfeld. Er wird hinuntergehen müssen. Mit schnellen Bewegungen packt er das Gewehr zusammen, verbindet den Arm notdürftig. "Ich kriege dich", denkt er und geht hinüber zum Aufzug.
*
Als er die Schüsse hört, lässt er sich fallen, ein für ihn selbst überraschender Reflex, denn er war noch nie in einer solchen Situation. Er kennt Gewalt nur aus Videospielen. Er hat Angst und braucht einige Momente, um wieder bewegungsfähig zu sein. Dann hört er sie schreien und blickt zur Seite, dann ihrer Blickrichtung folgend zum Karussell, die Kleine, sie ist weg, das Pferd, auf dem sie eben noch saß, zieht wie in Zeitlupe weiter seine Kreise, alles ist für einen Moment langsamer geworden, auch seine Gedanken. Sie ist weg. Wieder fallen Schüsse, Menschen rennen übereinander, Schreie, Glas klirrt. Er blickt sich suchend um und glaubt sie zu sehen, sie muss es sein, sie rennt von ihnen weg, in das Schuhgeschäft, dann ist sie verschwunden. Warum läuft sie da rein, denkt er, warum nur läuft sie da rein, dann überwindet er den Schock, kann sich wieder bewegen, alles beschleunigt sich auf normale Geschwindigkeit. Wieder fallen Schüsse. Er ist kein Held, kein Krieger, er hat Angst, aber er weiß auch mit beängstigender Klarheit, was er jetzt tun muss, dass da niemand ist, der sonst verantwortlich wäre, dass er das kleine Mädchen retten muss und das gibt ihm die Kraft aufzustehen. Es gibt diesen einen Moment im Leben, in dem man sich beweisen muss, das hat er einmal in einem Buch gelesen, eine Chance, auf die man sich nicht vorbereiten kann, ein Moment, in dem egal ist, wie man vorher gelebt hat, ein Moment, in dem man sich entscheiden muss. Er blickt sie ein letztes Mal an. So viel Verzweiflung in ihrem Gesicht.
"Ich hole die Kleine", ruft er und rennt hinüber zum Schuhgeschäft.
*
Im Schuhgeschäft ist es dunkel, bis er einen Brandsatz in die Regale schleudert, sofort fängt alles Feuer, die Schuhe saugen sich mit dem Benzin voll, brennen, brennen, brennen. Es wird hell.
"Wo bist du?", schreit er gegen die Regale und erschrickt, als die Stimme eines kleinen Mädchens antwortet: "Hier", ruft sie, "wir sind hier", ganz in der Nähe.
Er tritt um die Ecke und sieht sie im Feuerglanz. Sie kniet neben dem Unternehmensberater, der weinend in einer dunklen Blutlache liegt, den Kopf an ein Regal gelehnt. "Hilf uns", sagt das kleine Mädchen, "er ist am Bauch verletzt."
Er betrachtet sie. Wo kommt sie her? Was will sie bei diesem Mann, der an allem schuld ist?
"Geh da weg", sagt er drohend, doch sie rückt noch näher an den Unternehmensberater heran.
"Tu ihm nichts", sagt sie und ihre kleine Stimme ist fest und unnachgiebig.
"Geh da weg", sagt er noch einmal, hinter sich hört er Geräusche, noch jemand ist im Laden, die Decke über den Regalen beginnt zu brennen, es wird immer wärmer. Er hat nicht viel Zeit.
Der Unternehmensberater richtet den Kopf auf und erkennt ihn. "Warum?", flüstert er gegen die prasselnden Flammen, "warum?".
"Wegen dir ist der Alte tot", keucht er. Es ist falsch, dass er sich jetzt rechtfertigen muss, es ist nicht seine Schuld, er wollte doch gar nicht so viel, nichts als ein würdiges Leben, einen Platz, an den er gehört, eine Nische, die Schutz vor der bösen, harten Welt bietet. "Und du hast so beiläufig mein Leben zerstört, dass du es nicht einmal weißt, nicht mal darüber nachgedacht hast und du fragst mich warum? Weil wegen Menschen wie dir die Welt so ist, wie sie ist, so kaputt."
"Der alte Mann wollte sterben", hört er eine Stimme in seinem Rücken und fährt herum.
Dort steht ein Mann, den er noch nie gesehen hat und der ihm doch irgendwie bekannt vorkommt.
Er kann sich nur nicht erinnern.

Er hat Angst. Die Sorge um die Kleine hat ihn in den Laden getrieben, doch als er dort mitten im Feuer steht und diesem großen, bösen Mann in die Augen blickt, verlässt ihn der Mut, doch er musste etwas sagen, weil die Waffe auf die Kleine gezeigt hat, die Waffe, deren Lauf jetzt auf ihn gerichtet ist. Irgendwoher kommt er ihm bekannt vor, nicht in dieser Uniform und nicht mit diesem Hass, es ist der Wachmann, denkt er, der manchmal am Eingang stand und aussah, als würde er die Einkaufswagen bewachen. Er hat ihn einmal nach Feuer gefragt und die Antwort erhalten, dass das Rauchen aufgrund der neuen Brandschutzordnung in diesem Bereich verboten sei. Er weiß nicht mehr, was er geantwortet hat, irgendetwas Spöttisches, so können sich die Dinge ändern. Nun trägt der Wachmann eine Uniform, steht inmitten einer Feuersbrunst und zielt mit einem Sturmgewehr auf ihn. All das denkt er irgendwie, doch eigentlich blickt er nur in diese großen wahnsinnigen Augen, dieses brodelnde Meer, das er nicht versteht, so viel Wut ist da, Verzweiflung, aber auch irgendetwas Freundliches, etwas, das gar nicht zu all dem anderen passt. Vertrauen, denkt er und kann diesen Widerspruch nicht auflösen.
"Du hast den Alten gekannt?", fragt der Krieger, dessen Gesicht im Feuer einen dämonischen Glanz angenommen hat.
Er kann jetzt nicht lügen, keine Geschichten erzählen.
"Er hat schon einmal da oben gestanden", sagt er zögernd und dann ist es, als ob ein Damm bricht,  die Worte sprudeln hervor, endlich kann er es erzählen, "ich habe ihn mit zu mir nach Hause genommen. Wir haben viel erzählt. Er hätte bleiben können. Ich hätte ihm geholfen, aber er wollte nicht, er wollte springen, er hat sich dafür entschieden, er hat seine alten Sachen wieder angezogen, obwohl ich ihm neue gegeben habe und er hat diese Geschichte mit der Maus erzählt, die keinen anderen Ausweg sieht als immer weiterzurennen."
"Die Maus, die von der Katze gefressen wird?", fragt der Krieger und für einen Moment sieht sein Gesicht friedlich aus, aber vielleicht ist es auch das Schattenspiel der Flammen, die sich immer weiter ausbreiten.
"Ich habe das erst jetzt verstanden", sagt er, weil auf einmal alles wieder einen neuen Sinn ergibt. "Es gibt kein Schicksal", sagt er. "Wir sind frei zu tun, was wir wollen. Es gibt eben keinen Gott. Damit müssen wir uns abfinden. Wir müssen die Laufrichtung ändern."

Der Sicherheitsmann betritt den Laden. Vorsichtig steigt er durch die zersplitterte Scheibe, an der Wand entlang und hält sich in dem Schatten der Regale, den die knisternden Flammen werfen. Die Sicht wird zunehmend schlechter. Dichter schwarzer Rauch staut sich unter der Decke. Bald wird das nächste Stockwerk Feuer fangen.
Hinten im vorletzten Gang hört er Stimmen, vorsichtig schleicht er sich heran.
"Ich bin aber nicht der Böse", hört er einen Mann schreien, "ich habe das alles nicht gewollt und ich war nie frei. Ich habe mir das nicht ausgesucht."
Er tritt aus dem Schatten und zielt auf den großen, uniformierten Mann, der das M16 hält. Er muss es gewesen sein, der vom Parkhaus aus geschossen hat, er bedroht einen weiteren Mann, der ein Stück weiter rechts steht, "keine Bewegung", schreit er und hält den Blick auf den Lauf des Attentäters gerichtet. Wenn er sich bewegt, schieße ich, denkt er.
"Lassen Sie die Waffe fallen."

Der Wachmann wird ganz ruhig und irgendwie entsteht mitten in diesem Chaos ein friedlicher Moment. Er blickt hinüber zum Unternehmensberater, der mit großer Sicherheit sterben wird. Die inneren Verletzungen sind zu schwer. Er sieht das an der Farbe des Blutes. Der Magen ist aufgerissen. Davon erholt man sich nicht. Er zweifelt. Hat er einen Unschuldigen getötet? Gibt es überhaupt Unschuldige in diesem Teil der Welt? Er hat schon viele Menschen getötet. Waren die alle schuldig, weil sie die falsche Uniform trugen oder für ihren Gott oder ihre Unabhängigkeit kämpften? Er weiß es nicht, aber begreift, dass sein Krieg an dieser Stelle zu Ende ist, er hat verloren, so wie jeder am Ende verliert. Der Alte ist nicht gestorben, weil er ihn auf die Straße gesetzt hat. Er ist gestorben, weil er sich dafür entschieden hat. Es gibt doch ein Schicksal, denkt er, aber wir haben die Freiheit uns dagegen aufzulehnen. Wir werden nur getrieben, solange wir uns treiben lassen. Er will nicht mehr töten, damit ist es jetzt vorbei, aber er will auch nicht in einem Gerichtssaal begafft werden, dann eingesperrt für den Rest seines Lebens, therapiert, bis er sich irgendwann damit abfindet, mit allem abfindet, wie in der Geschichte mit der Maus. Er rennt und rennt und rennt und da ist noch eine letzte Tür, bevor sie ihm die Kontrolle nehmen und ihn einsperren werden.
"Lassen Sie die Waffe fallen", ruft die Stimme in seinem Rücken noch einmal, fast klingt es flehend und er dreht sich ganz langsam herum, schaut zu dem kleinen Mädchen, ja, denkt er, es gibt Unschuldige. Vielleicht hätte er etwas anders machen können, etwas sagen oder tun, die Frau aus dem Blumenladen, das ist eine richtige Frau, denkt er, mit ihr zusammen wäre es vielleicht ein richtiges Leben gewesen, er dreht sich weiter um, die Waffe in den Händen, gleich wird der Andere schießen, er hat keine andere Wahl und er muss lachen über diese ganze Absurdität, über das Blut, die Flammen, diese verrückte Welt, weil er sich jetzt opfert und nicht weiß wofür, dann hört er den Schuss und er glaubt das Geschoss auf sich zufliegen zu sehen, wie es einen Tunnel in den Rauch bohrt, hinter dem er etwas Helles und Schönes glitzern sieht, dann trifft ihn die Kugel und reißt seinen Kopf mit unerbittlicher Gewalt zurück.
*Verzweifelt blickt sie sich um. Die Passage ist wie leergefegt, alle verschwunden. Der Boden ist übersät mit Dingen, welche die Menschen in ihrer Panik zurückgelassen haben, Einkaufstaschen, Blut und Müll. Ein apokalyptisches Szenario. Es riecht nach Feuer. Dichter Rauch dringt aus dem Schuhladen. Sie ruft den Namen ihrer Tochter, immer wieder, doch niemand antwortet. Sie steht dort alleine, wie inmitten eines Albtraums, und versucht zu begreifen, was passiert ist. Was hat sie aus diesem friedlichen, schönen Moment so plötzlich in dieses Grauen gestoßen? In der Ferne hört sie Sirenen. Ihre Beine zittern. Wo ist die Kleine? Wo kann sie nur sein?
Hinter sich hört sie ein Stöhnen und schaut sich um. Der Mann vom Vorstand liegt in seinem Blut mitten auf der Bühne. Noch immer hält er den riesigen Scheck umklammert, "Hilfe", ruft er, "helfen Sie mir." Noch immer steht sie wie erstarrt einfach nur da. Sie kann nicht helfen, sie muss die Kleine finden, und selbst wenn sie helfen wollte, wüsste sie gar nicht, was sie tun soll, "ich hole die Kleine", hat er gesagt, doch sie hat ihn aus den Augen verloren, als er in die Menschenmenge gerannt ist, "helfen Sie mir", ruft der Mann auf der Bühne, "bitte". Die Sirenen kommen näher.
Dann hört sie auf einmal einen Schuss, ganz in der Nähe, das Schuhgeschäft, denkt sie, es muss aus dem Schuhgeschäft gekommen sein, doch da ist nur dichter Rauch, der durch die zersplitterten Scheiben nach draußen dringt. Was soll sie nur tun? Was soll sie nur tun?

Das Feuer breitet sich aus. Er muss die Kleine retten. Vorsichtig nimmt er sie auf den Arm und presst ihr Gesicht an seine Brust, damit sie all das Blut und Elend nicht mehr sehen muss. Der Rauch wird immer dicker, die Luft brennt in den Lungen, er muss raus, tastet sich an der Wand entlang. "Es tut mir leid", flüstert er und meint auch sich selbst. Er blickt noch ein letztes Mal zurück, doch da ist nichts mehr zu erkennen, der Rauch hat den Mann verschluckt. Das Feuer wird ihn ganz verschwinden lassen, wie einen bösen Geist, den es nie gegeben hat. Vor sich glaubt er die Umrisse der Tür zu erkennen, hält die Luft an, weiter, weiter nach vorne, wie durch einen dunklen Tunnel, und während seine Kräfte nachlassen und er doch mit unendlichem Trotz Fuß vor Fuß setzt, weiß er, dass er leben will, dass es weitergehen soll, um jeden Preis, dass er nicht sterben möchte, noch nicht, bitte noch nicht, dann ist er draußen und lässt sich auf das Pflaster fallen, ungefähr an der Stelle, an welcher der vermeintliche Selbstmörder einige Tage zuvor aufgeschlagen ist.

In diesem Moment der Ratlosigkeit entdeckt sie einen Mann, der aus dem Rauch tritt. Sein Gesicht ist von dem Ruß geschwärzt, seine Kleidung schmutzig und in der Hand hält er eine Pistole. Das war's dann, denkt sie. Jetzt wird er mich erschießen. Aus der Traum von dem neuen Anfang, von dem neuen Leben. So viel vergeudete Zeit, denkt sie und dann: Nichts, nichts habe ich richtig gemacht. Dann schließt sie die Augen und versucht an etwas Schönes zu denken, an die Kleine, wie sie manchmal lacht.
"Weg", sagt der Mann, "Sie müssen hier weg. Es ist hier nicht sicher."
Sie öffnet die Augen und in diesem Moment bricht hinter ihm eine weitere Gestalt aus dem Feuer. Er ist es und er hat die Kleine im Arm. Er hat Wort gehalten und in diesem Moment ist sie voller  Liebe für ihn. Sie erhascht einen Blick in seine Augen, nur ein kurzer Moment, bevor er sich auf das Pflaster fallen lässt, doch sie kann in seinen Augen lesen, es geht ihr gut, sagen seine Augen. Sie rennt auf die beiden zu. Beide sind blutbefleckt, der Gips der Kleinen ist ganz schwarz und schmutzig, ihr Kleidchen schwarz von dem Ruß. Wie ein gefallener Engel sieht sie aus. Sie setzt sich neben den Beiden auf den Boden, weil die Erleichterung alle Kräfte aus ihrem Körper saugt.
"Hilfe", ruft der Mann auf der Bühne und seine Stimme ist schon ganz schwach und röchelnd, doch die Sirenen sind fast da, jetzt wo Flammen vorne durch das Schaufenster brechen. Sie streicht die Haare aus dem kleinen Gesicht, ganz bleich sind die Wangen, sie hat Schlimmes erlebt da drin, denkt sie, hoffentlich ist nichts kaputtgegangen in dem kleinen Kopf, in der kleinen zarten Seele. Sie muss weinen und legt sich auch auf den Boden, bettet den Kopf neben der Kleinen auf seiner Brust, spürt, wie er ihr mit der Hand durch die Haare streicht. "Es wird alles gut", flüstert er in ihr Ohr, "wir kriegen das schon alles irgendwie hin."
*
"Ich möchte Sie um eine Schweigeminute für unsere Kollegen bitten, die aufgrund dieses schrecklichen Verbrechens ihr Leben gelassen haben."
Der neue Unternehmensberater senkt den Kopf. Die anderen folgen ihm. Es wird still im Konferenzsaal. Dies ist seine erste große Bewährungsprobe, die Abwicklung dieses Standorts. Am Morgen war er noch ein wenig aufgeregt, doch er weiß, dass er gut ist. Er hat seinen Vorgänger nicht gekannt, nur ein Name, der ihm nichts sagt, aber eben auch eine Chance sich zu bewähren, eine neue Station für den Lebenslauf.
"Ich danke Ihnen", sagt er, wartet einen Moment, um beide Themen voneinander zu trennen, dann fährt er mit seinem Vortrag fort. Er ist gut in der Zeit.
"Nach der Durchsicht der Unterlagen kann ich nur meinen ersten Eindruck bestätigen. Es hat keinen Sinn weiter in diesen Standort zu investieren", er wartet einen Moment, die schlechte Nachricht zuerst: "Die Gründe hierfür sind vielfältig. Erst einmal ist die Entwicklung generell negativ und das bereits seit Jahren. Die Menschen kaufen ihre Produkte lieber im Internet. Das ist bequemer, die Auswahl größer. Eben darum ist es in der heutigen Zeit so wichtig, dass wir mehr als ein Einkaufszentrum sind, wir müssen ein Erlebnis sein, ein positives Erlebnis."
Widerwillig hören Sie ihm zu, doch er bemerkt ihren Widerstand. Mimik, Gestik, verschlossene Gesichter, davor hat der Professor damals gewarnt, Management ist eben auch Rhetorik und Psychologie. Der Patient will um jeden Preis die Amputation verhindern, weil er nicht begreift, dass sonst der ganze Körper sterben wird. Management war ebenfalls Medizin.
"Der Selbstmord war noch verschmerzbar. Mein Vorgänger hat hier vorbildlich gegengesteuert, seine Sache gut gemacht, aber dieses abscheuliche Verbrechen wird nicht so schnell vergessen werden. Es belastet diesen Ort mit einer dauerhaften negativen Assoziation, so wie Winnenden oder Solingen, verstehen Sie, was ich meine, natürlich werden die Ortsansässigen weiter ihre Batterien, Druckerpatronen und ihr Müsli hier kaufen, aber unser Einzugsgebiet wird sich drastisch verkleinern. Ich habe das durchgerechnet. Wir werden Monat für Monat tiefer in die roten Zahlen rutschen. Der Erhalt dieses Standorts ist aus marktwirtschaftlicher Sicht keine Option. Es tut mir leid, meine Herren, aber da gibt es nichts zu beschönigen."
Betroffenheit macht sich im Vorstand breit. Sie kennen die Zahlen, wissen, dass er die Wahrheit sagt. Der Vorstandsvorsitzende ergreift sichtlich erregt das Wort. 
"Gibt es keine andere Möglichkeit? Haben Sie alternative Vorschläge? Wir reden hier von bestimmt 200 Arbeitsplätzen. Die Zulieferer nicht einmal eingerechnet."
Sie sind verunsichert. Jetzt ist der Moment seinen Vorschlag zu präsentieren.
"Es gibt eine Möglichkeit, die diese Situation durchaus zu unserem Vorteil wenden kann", sagt er und sofort sind alle still, jetzt ist der Moment, für den er zu Hause vor dem Spiegel geübt hat.
"Positiv zu vermerken ist, dass wir gegen terroristische Anschläge versichert sind. Sämtliche bislang entstandenen Kosten können wir ausgleichen. Die entgangenen Gewinne werden erstattet.
Mein Vorschlag ist, dass wir das Einkaufszentrum abreißen und etwa fünf Kilometer entfernt wieder aufbauen." Zielsicher klickt er sich durch seine Präsentation und holt das Gelände auf den Bildschirm. Diese Standortverlagerung ist wie ein Neustart, dieser Ort gewissermaßen unschuldig.
Ein Großteil der Arbeitsverträge ist standortgebunden. Ein Umzug gibt uns die Möglichkeit Veränderungen in den Verträgen vorzunehmen, wir können Personal einsparen oder austauschen. Wir können die Arbeitsplätze erhalten, die wir erhalten möchten. Wenn man es so betrachtet, haben wir keinen Schaden, aber die Möglichkeit zusätzlichen Gewinn aus der Situation zu ziehen. Ich habe das mal durchgerechnet" sagt er und füllt den Bildschirm mit Zahlenkolonnen. "In zwei Jahren könnten wir bereits wieder Gewinn machen und durch die Verlagerung erschließen wir uns zudem ein neues Einzugsgebiet." Er gibt ihnen einige Momente Zeit, um in die Mappen zu blicken, die er für sie vorbereitet hat. Echtes Leder und eine Schnalle aus Messing. Es läuft gut, denkt er, er hat bereits einen Käufer für das Grundstück gefunden. Bald soll hier eine Pumpenfabrik stehen.
Er nähert sich dem Ende seiner Präsentation, dankt dem Vorstand für Zeit und Aufmerksamkeit, und als sie schließlich fast widerwillig klatschen, weiß er, dass er sie überzeugt hat.
*
Sie parkt das Auto auf dem verwaisten Parkplatz. Vereinzelt stehen hier Autos, aber es ist nirgendwo ein Mensch zu sehen. Es ist ihr letzter Besuch an diesem Ort. Sie muss nur noch die Schlüssel von dem Laden abgeben. Sie schaltet den Motor aus. Das Leben ist von diesem Ort zurückgewichen. Sie erinnert sich, wie sie früher mehrere Runden fahren musste, um einen Parkplatz zu finden, wie sie völlig entnervt wieder und wieder vor diesem Zebrastreifen stand, an dem der Menschenstrom so gut wie nie abriss und über den die Alten ihre Rollatoren, die Jungen ihre Kinderwagen schoben. Jetzt ist alles leer, keine Einkaufswagen, keine polternden Pfandflaschen, kein Kindergeschrei. Sie steigt aus dem Wagen und geht den vertrauten Weg. Jahrelang ist sie dort morgens entlanggegangen. Die Erinnerung begleitet sie.
Sie betritt die Passage und ist erschrocken, wie still es dort ist, wie laut ihre Absätze auf dem Pflaster widerhallen und aus der menschenleeren Passage zurückgeworfen werden. Sie hat eine Abfindung bekommen und eine Woche Zeit, um den Laden zu räumen. Eine Woche Zeit, um das Nest abzureißen, das sie sich dort in den letzten Jahren gebaut hat. Sie nähert sich der Ecke, um die herum sie immer in Passage 3 eingebogen ist, links der Alte, rechts hinten ihr Laden, vorne die Bäckerei, an der sie sich immer einen Kaffee geholt hat. Jetzt ist alles verlassen, die Geschäfte leer, die Schaufenster ausgeräumt. Zielstrebig geht sie auf das Büro des Wachmanns zu und erst in diesem Moment muss sie wieder an ihn denken, kann die Gedanken nicht unterdrücken, der Mann mit den tiefen Augen, der doch nur ein Wahnsinniger und ein Terrorist gewesen ist. Sie hat geweint, als sie es in der Zeitung gelesen hat, wie man sich in Menschen täuschen kann, denkt sie, irgendetwas hat sie für ihn gefühlt, denkt sie und schämt sich für diesen Gedanken. Schließlich hat er alles kaputtgemacht. Nicht nur sein und ihr Leben, auch das vieler anderer, die nun um ihre Existenz bangen.
"Kann ich Ihnen helfen?", fragt der neue Wachmann und mustert sie misstrauisch. Er ist jünger als sein Vorgänger, ein wenig schmächtiger; dafür sind die Gesichtszüge härter, irgendwie ist es falsch, dass er diese Jacke trägt, die es wahrscheinlich tausendfach gibt, aber die sie nun einmal mit einem einzigen bestimmten Menschen assoziiert, irgendwie ist alles falsch, doch es ist zu spät, um etwas daran zu ändern.
"Geht es Ihnen nicht gut?", fragt der neue Wachmann und tritt einen Schritt auf sie zu, "doch", bringt sie hervor, "alles ist in Ordnung. Mir gehörte nur der Laden da vorne. Ich bin hier, um die Schlüssel abzugeben."
Sie reicht ihm die Schlüssel. Die letzte materielle Verbindung. Alles andere sind nur noch Erinnerungen.
"Geht es Ihnen wirklich gut?"
Man sieht ihr ihre Gefühle an, nein, denkt sie, nichts ist gut. Alles ist kaputt: der Laden, die Stammkundschaft, die berufliche Existenz, die Schnittblumen, die sie in voller Blüte in die Tonne werfen musste. "Wir haben bereits einen neuen Vertrag mit einer holländischen Blumenfirma", hat der Personalverantwortliche gesagt. Sie musste sich arbeitssuchend melden. Ihre Sachbearbeiterin hat ihr eine Umschulung zur Altenpflegerin vorgeschlagen. "Das ist ein Beruf mit Zukunft", hat sie gesagt. Und da ist noch so viel mehr, das nicht gut ist, das weh tut, "es geht schon", sagt sie und denkt dabei, dass das eine Lüge ist, dass es gar nicht geht und sie doch überhaupt nicht weiß, was sie nun machen soll. 
*
"Die Leute verlieren da jetzt alle ihren Job", sagt der Zeitungsverkäufer. "Gerade einmal die Hälfte der Leute beschäftigen Sie weiter." Es klingt wütend, aber zugleich auch irgendwie resigniert, so wie Zorn klingt, wenn man ihn bereits unzählige Male geschildert hat. Er greift nach der Zeitung.
"Ist doch schon verrückt", sagt der Zeitungsverkäufer, "verrückt, wie die Dinge ihre Kreise ziehen. Ich glaube ja, dass das alles irgendwie miteinander zusammenhängt. Erst der Selbstmord von diesem armen Kerl, dann der Unfall an der gleichen Stelle, schließlich dieser Amoklauf. Wussten Sie, dass der Amokläufer mehrere Jahre lang dort als Wachmann gearbeitet hat?"
"Ich habe es gelesen", sagt er ausweichend, weil er dieses Gespräch eigentlich nicht führen will und sich dabei ertappt, dass er beginnt, diese ganze Geschichte zu vergessen, das Feuer, das Blut, die Angst, die Zweifel.
"Das ist doch kein Zufall", sagt der Zeitungsverkäufer, "alles hängt mit allem zusammen. Nicht alle können und wollen sich treiben lassen. Manche Menschen verzweifeln, andere werden wütend."
Er blickt dem Zeitungsverkäufer zum ersten Mal an diesem Morgen in die Augen.
Der Zeitungsverkäufer blickt irritiert zurück. Manche Menschen reden so viel, dass sie gar nicht bemerken, wenn sie einmal eine große Wahrheit aussprechen.
"Das ist wahr", sagt er, "wehe dem, der keine Nische hat, wenn der Wind so kalt bläst, und wehe dem, der seine Nische als Gefängnis begreift."
Die Worte entgleiten ihm einfach, unangebracht pathetisch. Auch das ist eine große Wahrheit, denkt er, direkt aus dem Herzen, wenn es denn so etwas gibt.
Er wendet sich ab, tritt heraus aus dem Laden, hinein in einen trüben Dezembermorgen.
In der Nacht ist der erste Schnee gefallen, zahllose Spuren säumen bereits den Bürgersteig. Er ist nicht mehr verzweifelt, denkt er, als er in sein Auto steigt, und er ist nie wütend gewesen. Dann reiht er sich ein, es ist wenig Verkehr, aber weil die Straßen glatt sind, geht es nur schleppend voran, er beschleunigt, bremst, beschleunigt, bremst, blinkt und biegt ab, es ist nicht weit. Er hätte zu Fuß gehen müssen. Er ist aus Gewohnheit gefahren. Er hat keinen Führerschein mehr. Er parkt den Wagen in der Einfahrt und geht ins Haus, das sich nicht verändert hat, aber doch ein ganz anderes Haus geworden ist. Er ist im Flur und blickt in die Küche. Die Kleine sitzt am Tisch, Frühstück. Sie blickt ihm entgegen, wir sind eine Familie, sagt ihr Blick. Er hat einen Platz gefunden, denkt er, seine Nische und es ist schön und warm und friedlich. Mit zwei schnellen Schritten ist er bei der Frau, die dort in der Küche steht und für ihn und die Kleine Rührei gekocht hat. Er ist nicht allein. Er nimmt sie in den Arm. Sie ist so warm und lebendig, denkt er und schmiegt sein Gesicht an ihren Kopf, ihre Haare riechen so gut, und dann denkt er, dass er glücklich ist und dass alles mit allem zusammenhängt. 



Ende


Möchtest Du einen Kommentar abgeben?
Diesen Text kommentieren

autoralexanderschwarz
Zur Autorenseite
Veröffentlicht am 31.03.2015, 2 mal überarbeitet (letzte Änderung am 31.03.2015). Textlänge: 16.766 Wörter; dieser Text wurde bereits 827 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 30.03.2020.
Was meinst Du?
Diesen Text kommentieren
Schlagworte
autoralexanderschwarz Tag des Mitgefühls der vermeintliche Selbstmörder
Mehr über autoralexanderschwarz
Mehr von autoralexanderschwarz
Mail an autoralexanderschwarz
Blättern:
voriger Text
nächster Text
zufällig...
Weitere 3 neue Novellen von autoralexanderschwarz:
Tag des Mitgefühls (1/3) Tag des Mitgefühls (2/3) Carl Monhaupt (2007)
Dieser Text ist höchstwahrscheinlich urheberrechtlich geschützt. mehr Infos dazu
diesen Text melden
© 2002-2020 keinVerlag.de   Impressum   Nutzungsbedingungen 
KV ist kein Verlag. Kapiert?
© 2002-2020 keinVerlag.de