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Carl Monhaupt (2007)

Novelle


von autoralexanderschwarz

Carl Monhaupt

von

Alexander Schwarz


( Version 1.5)

Die Anreise

„Es ist kalt, weil die Luft durch das geöffnete Abteilfenster bis zu mir nach draußen in den Gang zieht“, denke ich und ziehe meinen Mantel fröstelnd ein wenig enger um den Körper. Schon mehrfach habe ich die Leute, die dort drinnen sitzen, gebeten die Türe zu schließen, es auch einige Male bereits selbst getan, ein energisches Gesicht aufgesetzt, habe in einem gewissen Rahmen, ohne jedoch unhöflich zu werden, wortlos geschmeichelt, gebeten, schließlich sogar gedroht, doch es hat nichts genutzt.
„Nun gibt es ja auch eine gewisse Fluktuation unter jenen Menschen, die sich dort drinnen einen Platz reserviert haben, denn des Öfteren verlässt einer von ihnen das bequeme Polster, um im separierten Raucherraum eine Zigarre zu genießen oder im Speisewagen eines der auf den Karten angepriesenen Menüs zu verspeisen. Für mich jedoch fand sich dort kein Platz. Möglichst lange habe ich den Moment hinausgezögert, in dem ich für einige Minuten der quälenden Enge des Ganges entfliehen konnte, doch wie lange kann man den Genuss einer Dose Cola schon hinauszögern, für die sich noch der knappe Gegenwert in meiner Reisekasse befand? Zunächst war es nur die freundliche Aufforderung der nicht unattraktiven Bedienung, mir doch etwas von der Karte auszusuchen, dann waren es die gleichsam fordernden wie drängenden Blicke des Stewards, der unseren Blickkontakt stets mit einem energischen Kopfnicken in Richtung der Abteiltür beendete, schließlich hat mich der Schaffner, dem ich bereits zweimal meinen Fahrschein gezeigt habe, recht barsch aus dem Speisewagen geschoben, ohne viele Worte, die an sich auch nicht nötig waren. Nun sitze ich wieder hier und denke, dass es kalt ist und dass die kalte Luft aus dem Abteilfenster durch die nur angelehnte Abteiltür mich frösteln lässt. Man verliert jedes Zeitgefühl auf einer solchen Reise, denke ich, auch um mich gedanklich von der Kälte zu entfernen, es ist, als ob die Zeit sich selbst auffrisst und als ob man selbst nichts ist, als ein Wiederkauen bereits verstrichener, gefressener Zeit.
„Man verliert die Zeit“, denke ich, „aber anders als jene, deren aufschwellendes Lachen immer wieder mit der kalten Luft an mir vorbeistreicht, jene, die sich wohl in guter Gesellschaft befinden, während ich hier draußen in diesem Gang sitze, obwohl ich Anspruch auf einen Sitzplatz zweiter Klasse hätte, zweite Klasse“, denke ich und muss bei dem Gedanken lächeln, dass auch ich vielleicht bald erste Klasse sein werde. Bereits unzählige Male habe ich, seitdem ich hier draußen vor dem Abteil in der Zugluft des Ganges sitze, jene Bewegung ausgeführt, jenes kleine, erahnende Streichen über die Brusttasche meines Hemdes, in der sich der Weg befindet, der meine zweite, wenn nicht sogar dritte Klasse in eine erste und somit etablierte oder schlichtweg reiche Klasse verwandeln könnte, jener Brief, der mein altes Leben beendete und mich geradewegs mit diesem Zug in ein neues Leben bewegen wird.
Gerade verlässt wieder eine dieser Gestalten jenes dekadente Abteil, in dem man die Beine ausstrecken, vielleicht sogar bei einem gekühlten Drink kurz einzunicken vermag, und er streift mich mit einem mitleidigen Blick, so wie man einen Obdachlosen betrachtet, oder ein besonders exotisches, aber totes Tier, das auf der Straße liegt. Doch ich bin nicht stolz genug, um etwas zu sagen, nicht einmal, als er umständlich über mich und meinen Koffer hinübersteigt, mich dabei mit seinen Straßenschuhen anstößt, wie ein Stück Unrat, dabei bin ich sogar besser, zumindest eleganter und gewiss mit mehr Stil gekleidet als er, denke ich und betrachte seinen blassgrauen Wollpullover, der an den Armen diese Streifen hat, die von dem einen Arm über den Oberkörper zum anderen Arm verlaufen. Ich selbst trage einen Anzug, der zwar einfach, zugleich aber mein bester, wenn auch einziger Anzug ist. Während sein Hemd unter diesem singulär gestreiften Pullover unordentlich aus dem Kragen quillt, habe ich die Oberkante meines weißen Hemdes bestimmt eine halbe Stunde lang geglättet und gestärkt, so dass mein Kragen in einem exakten Winkel neben dem Hals absteht.
„Doch vielleicht ist es genau dies, was mich entlarvt“, denke ich, während ich ihm nachschaue und unbewusst mit der Hand über die Brusttasche eben jenes weißen Hemdes streiche, „jener besondere, vielleicht umso verzweifeltere Wunsch sich gehoben zu kleiden entfällt wohl, wenn man gehoben ist, so dass sein Pullover ihn ein-, während mein Reiseanzug mich ausschließt.
“Ich bemerke, dass jener Gehobene, der so abschätzig an mir vorbeimarschierte, die Abteiltür nun mindestens bis zur Hälfte beiseitegeschoben hat, so dass ich in das Abteil hineinblicken kann.

Ein Paar schwarze Schuhe kann ich sehen, glänzend, so wie meine, aber anders, die über weißen Socken an ein Hosenbein anschließen, das wie das meine durch eine Bügelfalte in zwei exakt gleich große Hälften geteilt wird; links daneben sehe ich einen halben schwarzen Rock über transparenten Strumpfhosen, die in ein seltsames Paar Schuhe führen, die aussehen, als hätte ein grobmotorisches Kind einige Kordeln um das Bein geschlungen und daneben, ganz in der hinteren rechten Ecke des Abteils, entdecke ich auf einmal jenes Kind, das mich gleichfalls entdeckt und interessiert betrachtet.
„Es isst eine Mandarine, jenes Kind“, denke ich und auf einmal spüre ich schmerzhaft meinen leeren Magen, der seit einer ganzen Weile immer wieder seltsame Geräusche von sich gibt, die ich dann mit einem Scharren des Fußes oder einem gekünstelten Husten zu verbergen suche.
Ich frage mich, wann ich wohl das letzte Mal eine Mandarine gegessen habe und kann es nicht sagen, da ich eigentlich auch keine Mandarinen mag, sie zumindest keinem anderen Obst vorziehe, und denke dann, dass ich einen unglaublichen Hunger auf diese Mandarine verspüre, so dass ich mich ernsthaft frage, ob ich nicht jenes Kind um ein Stück bitten soll, was ich natürlich nicht tun werde, denke ich und ich beobachte genau, wie das Kind Stück um Stück in sein, für ein Kleinkind überaus fettes, Kindergesicht stopft, während ich innerlich leide und es verfluche.
„Für eine exquisite Verköstigung ist natürlich gesorgt“, stand auf der Karte, die mit einem billigen Tintenstrahldrucker auf geradezu erlesenes, unsagbar altes Briefpapier mit Wasserzeichen gedruckt war, und ich denke an einen reichgedeckten Tisch, der sich schier beugt unter der Last der Speisen, und das Klirren der Teller, das Kratzen des Bestecks aus dem angrenzenden Speisewagen werden zu einer Art Melodie, die mich schläfrig macht.
„Ich muss aufpassen, dass ich nicht einschlafe“, denke ich und schlafe ein, nachdem ich dies gedacht habe.

Als ich wieder erwache, ist es Nacht und die Tür zu dem Abteil vor mir ist fest verschlossen. In dem Speisewagen ist es still und wenn man ganz leise ist, hört man auf einmal all die verschiedenen Menschen, die auf verschiedene Arten atmen und doch zugleich in ihrem vereinzelten, individuellen Atmen gemeinsam mit dem Atmen der anderen ein großes, erhabenes, einzelnes Atmen formen. Letztendlich das Prinzip des „Mensch-der-atmet-Seins“, das in den verschiedensten Varianten gemeinsam Schlaf ist, denke ich und bin einige Sekunden verwirrt von dem Gedanken, bevor ich ihn vergesse, so wie ich stets den ersten Gedanken vergesse, mit dem ich erwacht bin. Dann habe ich auf einmal Angst, dass ich bereits an meinem Ziel vorbeigefahren bin, sollte ich doch in der Nacht ankommen, und es ist Nacht, doch ein Blick auf die Uhr beruhigt mich, es bleibt noch eine knappe Stunde.
„Eine Stunde ist Zeit genug“, denke ich und erhebe mich, um aus dem Zugfenster die vorbeiziehende Landschaft zu betrachten, während sich mein Körper an den verschiedensten Stellen schmerzend in das Bewusstsein zurückmeldet. Direkt hinter den doppelverglasten Fensterscheiben des Zuges öffnet sich die Landschaft zu einem einzigen, gewaltigen Panorama. Der Himmel erstrahlt geradezu in der Masse der Sterne, welche die Landschaft in ein mildes Licht tauchen. „Darunter gibt es nicht viel, das des Betrachtens würdig gewesen wäre“, denke ich und denke dann, dass diese Landschaft, ohne diesen außergewöhnlichen, geradezu überladenen Sternenhimmel, für sich genommen eigentlich nichts als trist und traurig ist. Acker reiht sich hier an Acker, dazwischen vereinzelte Scheunen, vereinzelte Häuser, vereinzelte Leben“, denke ich und taste nach dem Brief in meiner Brusttasche, der noch immer an seinem Platz und voller Hoffnung ist.       


Die Ankunft

Das Haus liegt wie ein Schatten über dem Tal, dunkel und bedrohlich hüllt es sich in die Schwärze der Nacht, als ich aus dem Zug steige. Unwirklich scheint es dort oben, einer anderen Zeit entrissen und doch wirkt es noch immer wie eine Warnung, wie wahrgewordene Knechtschaft, eine Trutzburg der dunklen Tage, Wohlstand auf den blutenden Rücken derer, die es erbauten.
„Nichts als ein altes Haus“, sagt der Verstand und doch ist es so, als würde noch viel mehr im Verborgenen liegen, etwas Altes und Grausames, das zwischen den Türmchen und Speiern verborgen auf den Betrachter lauert.

Und da ist auch noch ein anderes Gefühl, welches ich verspüre, als ich dort stehe und mich im Angesicht dieses steingewordenes Kolosses klein und unwirklich fühle. Nur vereinzelt wirft ein beleuchtetes Fenster ein wenig Licht auf die ansonsten unbestimmte Fassade, die an vielen Punkten mit dem Berg zu verschmelzen scheint, so dass sie noch größer, gewaltiger, bedrohlicher wirkt. Wie haben es wohl die mittelalterlichen Heere empfunden, als sie dort standen, wo ich jetzt stehe, diese Gewalt betrachteten, die nur allzu bereit scheint, einem den Tod durch die unzähligen Schießscharten und aus den Türmen entgegenzuschleudern. Meine Augen suchen den Bahnsteig ab, forschen nach einem vertrauten Gesicht, oder zumindest einem, welches durch die Verwandtschaft des Blutes vertraut scheinen sollte, doch nichts lebt hier außer mir auf dem Bahnsteig, und als mein Zug, nur noch ein verschwindend kleiner Punkt in der Ferne, schließlich vollständig von der Dunkelheit verschluckt wird, fühle ich mich am Ziel einsamer als auf dem langen Weg , den ich hierhin zurücklegte. Vorsichtig ziehe ich das Kuvert aus meinem Mantel, dieses knisternd alte Papier, das der Zeit genauso entrückt scheint wie die Burg, die sich dort, wie zum Sprung bereit, in den Felsen krallt. Es bleibt kein Zweifel, es ist das Haus, es ist der Bahnhof, es ist die richtige Zeit, doch ich bin alleine.

„Vielleicht verspäten sie sich nur“, denke ich, während ich dort stehe und den Blick nicht von dem Haus wenden kann, und dann
„du bist alleine und du bist verloren“, als mir nichts Positives mehr einfällt.
Ich beschließ noch fünf Minuten zu warten und stelle den schweren Koffer auf das schwarze Pflaster, blicke auf meine Uhr, die im Dunkeln leuchtet.
„Hier also liegen deine Wurzeln“, denke ich dann
„tief vergraben in dem Morast dieses Ortes, symbolisiert von diesem Haus, unter dessen Knechtschaft das Tal über Jahrzehnte litt. Niemals war ich hier, kannte den Ort nur als unbestimmten Punkt auf den alten Landkarten des Vaters, und er hat mir viel erzählt, von Tristania, Endhaltestelle eines verfallenen Schienennetzes, welches die Arbeiter einst zu den Bergwerken brachte.
Ich wollte möglichst unbefangen hier eintreffen, frei von Vorurteilen und Ressentiments, die man in der Stadt schnell gegen die Landbevölkerung aufbaut, doch schließlich habe ich der Neugier nichts entgegensetzen können, das gewichtig genug gewesen wäre, sie zu zähmen, als ich den Brief erhielt, der meinem so vorbestimmten Lebensweg eine neue, mysteriöse Route hinzufügte.
Viel habe ich nicht herausgefunden, doch es war stets nichts als Bosheit, die in den Archiven dokumentiert war.
Ich hebe meinen Koffer wieder auf und denke: „sie werden nicht kommen“, während ich versuche die Entfernung einzuschätzen, die den Bahnhof von den alten Mauern trennt.
Beide sind wie Emporen über den Dunst erhoben, in dem sich das Dorf wie ein Sumpf ausbreitet. Vereinzelte Lichtquellen lodern wie Irrlichter hinter schmutzigen Fensterscheiben. Unbewusst habe ich mich in Bewegung gesetzt, weil ich noch nie lange ohne Beschäftigung an einem Ort verweilen konnte, weil es mir immer missfällt zu warten, obwohl mein Leben so oft vom Warten bestimmt war. Es werden drei oder vier Kilometer sein, die mich von meinem Ziel trennen, eigentlich ein bezwingbarer Marsch, wenn ich an die Zeit beim Militär zurückdenke, doch ich mache mir Sorgen um meinen schweren Koffer, den ich jetzt noch über das unregelmäßige Pflaster auf dem Bahnsteig ziehen kann, doch der sich, werde ich ihn tragen müssen, als furchtbare Last erweisen wird. Ich erinnere mich, während ich in Richtung des Ausganges gehe, wie ich damals dort stand, der Koffer geöffnet, in der heimischen Atmosphäre der vertrauten Stube, wie ich überlegte, was man wohl mitnimmt, wenn das Ziel derart unbestimmt ist.

Ich habe meine Geige eingepackt, das edle Holz mit meiner Alltagskleidung gepolstert, doch jetzt weiß ich nicht mehr, ob ich ihnen etwas spielen werde, ihnen, die sie mich hier vergaßen. Ohne Vorwarnung geht das Pflaster in einen groben Schotterweg über, welcher mich in ein kleines Wäldchen führt, das man vom Bahnhof aus nicht sehen konnte. Knirschend schleifen die Räder meines Koffers über die kleinen Steine und mehrmals ruckelt er bedrohlich, doch er fällt nicht. Es war eine schlechte Idee die Geige mitzunehmen, und sie, mit Rücksicht auf den mangelnden Stauraum in den Zügen, nicht zumindest im Geigenkoffer
zu transportieren. Ich mag nicht an das zarte Holz denken, welches hinter der harten Schale des Koffers im Takt meines Ganges von Seite zu Seite schlägt.

„Als Kind hatte ich immer Angst im Wald“, erinnere ich mich, als es noch immer Nacht ist und ich meinen Koffer durch den Wald ziehe, und frage mich dann, wann wohl der Moment gekommen war, in dem ich mich nicht mehr gefürchtet habe, jener unbewusste Augenblick, in dem ich vom Kind zum Mann ,erwachsen war. „Irgendwann bin ich ernst geworden“, denke ich und denke dann, dass ernsthafte Menschen nachts keine Angst im Wald haben, eben weil sie ernsthaft sind und weil es nichts im Wald gibt, das ernsthaft nachts eine größere Gefahr darstellt als am Tage, denke ich weiter und lausche angespannt auf einen zerbrechenden Ast ganz in meiner Nähe.
„Welches Tier ist groß genug, dass es einen Ast derart lautstark zertreten kann“, frage ich mich und denke dann, dass es nur ein Mensch sein kann, doch was sollte ein Mensch nachts für ein Geschäft im Wald betreiben, das er nicht genauso gut, wenn nicht besser, am helllichten Tag betreiben könnte. Ich verspüre eine leise Furcht, die ich durch schnelleres und energischeres Ausschreiten zu kompensieren suche.

Je weiter ich in den Wald eindringe, desto mächtiger wird die Dunkelheit, die mich mit beiden Armen an ihren finsteren Brustkorb presst und ich strecke die rechte Hand nach vorne, um nicht mit einem unerwarteten Hindernis zusammenzustoßen. Seltsame Geräusche erfüllen die Nacht, solche, wie man sie aus der Stadt nicht kennt, ständig raschelt es links und rechts hinter den Sträuchern. Mehrmals bleibe ich stehen, setze den Koffer ab und versuche in der Finsternis etwas zu erkennen, den Räuber oder das wilde Tier zu enttarnen, die mich längs auf meinem Pfad bedrohlich umschleichen, doch nie zeigt sich der vermeintliche Angreifer, so dass ich mir immer wieder mit einem Schulterzucken Mut mache, den Koffer wieder ergreife und weiterschleife, wobei er die Tritte jedes Feindes übertönen muss. Irgendwann bekomme ich Angst, Angst, dass ich mich verlaufen habe. Zwar habe ich genau darauf geachtet, nicht von dem Pfad abzubiegen, der sich auch im Dunkeln durch seine raue Oberfläche klar von dem weichen Bett aus Schlingpflanzen und Farngewächsen des Waldbodens unterscheiden lässt, aber hätte ich eine sanfte Kurve bemerkt, die mich über einen längeren Zeitraum in eine andere Richtung geführt hätte?
„Es bringt niemals etwas umzukehren“, sage ich zu mir, halblaut in der Dunkelheit und gehe weiter, wobei mir die Worte ein wenig Mut machen. Irgendwann schimmern dann auch wieder Sterne durch das sich lichtende Blätterdach und dann, wie von Geisterhand, gibt der Wald links und rechts den Blick auf dunkle Felder frei, die trostlos im Schatten des Hauses brachliegen. Auch das Dorf ist mir nähergerückt. Kleine gedrungene Holzfassaden stützen sich schief aufeinander und es riecht nach altem Fett und dem Unrat, den die Bauern auf die Felder kippen. Der Pfad, der bisher stetig abfiel, wird gerade, scheint Anlauf zu nehmen für die gewaltige Steigung, mit der er hinter dem Dorf aufwartet. Mein Koffer scheint schwerer zu werden.

In dem Dorf ist es still, unheimlich still, so als wohne hier nur der Tod hinter den fleckigen, verrauchten Gardinen. Im Gegensatz zu dieser absoluten Stille beginnt mein Koffer durch das sich verändernde Pflaster einen gewaltigen Lärm in die Gassen zu schleudern, wenn er von einem Stein, der hier lose neben dem anderen liegt, in eine Vertiefung schlägt. Als wäre dieser Lärm ein Signal, verlischt nach und nach in den letzten Fenstern das Licht und ich kann die Blicke der unsichtbaren Bewohner fühlen, die in der Finsternis ihre Gesichter gegen die kalten Scheiben pressen. Ich stoppe auf einem kleinen Marktplatz und beschließe meinen Koffer ein Stück zu tragen, um den bereits aufmerksam gewordenen Beobachtern möglichst keine weiteren hinzuzufügen. So stemme ich den Koffer auf meine Schulter, versuche einige vorsichtige Schritte das Gewicht auszubalancieren und beschließe, dass ich es wohl ein Stück weit so aushalten werde. Baracke um Baracke verschwindet hinter meinem Rücken in der Dunkelheit und jeder Schritt ist wie ein kleiner Triumph und somit auch Motivation. 

„Wie es wohl gewesen wäre hier aufzuwachsen“, denke ich, als ich mich am Ortausgang auf einer kleinen Bank unter dem Sternenhimmel niederlasse, um mich ein wenig für das letzte und auch steilste Stück des Anstiegs auszuruhen.
„Was das wohl für ein Leben gewesen wäre und gäbe es mich dann so, wie ich jetzt bin, was hätte ich wohl gedacht, wenn ich als Anderer, als Heimischer auf dieser Bank gesessen hätte, wenn dieses Haus nicht nur dunkel und bedrohlich, sondern auch ein Stück Heimat gewesen wäre?“ Wieder gleitet mein Blick, während ich dies denke, über die alte Fassade, die imposanter und gewaltiger wirkt, je weiter ich mich ihr nähere. Fast kann man bereits die Form der Speier erahnen, die zuvor nichts als dunkle Klumpen Schwärze in der Nacht gewesen waren. In einigen Fenstern schimmert noch Licht und es tut gut, dieses Zeichen von Leben. Recht weit  oben, links, knapp unterhalb des Schornsteines, der wie ein Grabstein in den Himmel ragt, ist ein großes erleuchtetes Fenster und ich meine eine Gestalt zu erkennen, die dort oben steht, einen regungslosen Schatten, vielleicht auch nur ein Schrank, der sein formloses Antlitz in meine Richtung gereckt hat. Ich beschließe weiterzugehen, erhebe mich  und wärme mit einigen sportlichen Bewegungen meine Handgelenke auf, bevor ich den Koffer ergreife. Es ist nicht mehr weit und ich muss an meinen Vater denken, während ich den letzten Kilometer auf ein gewaltiges Tor zuschreite, welches, geradezu mittelalterlich, von zwei rußenden Fackeln flankiert wird. Warum hat er mir nie erzählt von meinen fernen Verwandten und über die Verbindung, die zu diesem seltsamen Ort besteht. Ich denke an sein Grab, ein Bild, das sich unweigerlich einstellt, wenn ich an meinen Vater denke, ein Bild, das mit jeder Emotion verwoben ist, die ich noch für ihn habe, der glatte Grabstein aus schwarzem Marmor, den die Mutter noch auswählte, bevor er dann auch über ihrem Grab aufragte.
„Wie wenig ich doch von ihnen weiß“, denke ich und trete in den Lichtkreis der Fackeln, lasse meinen Koffer vorsichtig zu Boden gleiten und suche nach einer Klingel.
Natürlich gibt es keine und ich muss kurz über den Gedanken lachen, der so folgerichtig Tür und Klingel in meinem Kopf miteinander verbindet, aber in der Mitte des Tores ist ein gewaltiger Türklopfer in das Holz versenkt, den ich zunächst zaghaft, dann heftiger und bestimmter gegen das Holz schlage und dabei auf eine Reaktion aus dem Inneren warte.



Das Haus

Es dauert nicht lange, bis mir geöffnet wird. Das Tor teilt sich in der Mitte, schwingt nach außen auf, so dass ich ein Stück zurücktreten muss. Ein älterer Mann, wahrscheinlich ein Hausdiener, blickt mir durch eine Brille entgegen, deren Gläser so fein geschliffen sind, dass es so wirkt, als sei ihr Gestell sinnlos. „Ja, bitte?“
Irgendwie bin ich erleichtert, dass er meine Sprache spricht. Obwohl ich auf meiner Reise keine Landesgrenzen überquert habe, wirkt hier doch alles so fremd, dass ich mich wundere, es mit bekannten Worten belebt zu finden.
„Mein Name ist Monhaupt, Carl Monhaupt“, sage ich und suche das Kuvert aus meinem Mantel hervor, das Schreiben, in dem ich an diesen Ort geladen wurde.
„Ich bin über einige Entfernung mit Leopold von Schwingen verwandt, von dessen Tod mir in dem Schreiben mitgeteilt wurde. Ich bin der Einladung gefolgt, die in diesem Brief ausgesprochen wurde, habe meinen Besuch angekündigt, aber am Bahnhof war niemand, der mich erwartete.“ Er tritt einen Schritt zurück, mustert mich misstrauisch, schaut mir so tief in die Augen, dass es unangenehm ist, dass ich den Eindruck bekomme, etwas zu verbergen, doch dann verbeugt er sich vor mir und fordert mich mit einer Handbewegung auf einzutreten.

Die Gastgeberin ist eine resolute Frau und wenn es nicht unmöglich wäre, sie sich jung vorzustellen, könnte man meinen, dass sie einmal schön gewesen ist.
Mit rudernden Armen schreitet sie die Treppe hinab, eine gewaltige Treppe,
wobei Stufe um Stufe unter ihrem Gewicht ächzt. Sie trägt ihr Dekolleté vor sich her wie eine Waffe, ihre einzige Waffe, und ich muss aufpassen, dass ich mich von diesen schwingenden, nahezu hypnotisierenden Bewegungen nicht einfangen lasse, während sie Stufe um Stufe näher kommt.
„Hypnotisierend“, denke ich und denke dann, dass ich schon immer eine Faszination für das Groteske, das Hässliche hatte, eine Neigung, die meiner Meinung nach jeder Mensch besitzt und nur verschieden stark zu unterdrücken weiß. Wie langsam sie doch diese Stufen hinuntersteigt, denke ich, und wie ihr Dekolleté dabei springt und wippt, als würde es um Freiheit kämpfen.
Dann ist da eine Erinnerung, eine Erinnerung, die ich lange verdrängt habe, und während ich dann doch ihr Dekolleté fixiere, einfach, weil ich nicht anders kann, denke ich an Julia Rotbusch, die vor vielen Jahren dasselbe Gymnasium besuchte wie ich. Ich saß damals, als Schüler, immer in der mittleren Reihe, eben nicht bei jenen, die sich durch ihre Leistung auszeichneten, genauso wenig wie hinten, dort bei den anderen, wo kindlicher Trotz und misslungene Sozialisation um Aufmerksamkeit schrieen. Vor mir saßen zwei Mädchen, die für mich, damals, in den Zeiten aufkeimender Sexualität an Bedeutung gewannen.

Den Namen der linken habe ich vergessen, doch sie war das schönste Mädchen in meiner Klasse, hatte wunderschöne, goldblonde Haare und damals wäre mir nichts wertvoller gewesen, als einmal alleine neben ihr zu liegen und mit gespreizten Fingern durch diese kostbaren Haare zu streichen. Neben ihr saß Julia Rotbusch, die nicht nur wegen ihres Namens mehr Spott als Wissen in der Schule vermittelt bekam. Sie war nicht besonders schön, eher jungenhaft, und ich ahnte bereits damals, dass es ihr nicht gelingen würde, sich der Welt der Mittelmäßigkeit, in die sie hineingeboren worden war, durch Heirat zu entziehen. Sie trug immer ein Kopftuch, erinnere ich mich, während die Gastgeberin gerade einmal die Hälfte der vielen Stufen überwunden und noch kein Wort gesagt hat.
Es war ein warmer Morgen, an den ich mich erinnere, während ich noch, in dieser Erinnerung gefangen auf das sich nähernde Dekolleté starre, und wie immer trug Julia ein Kopftuch. Ich weiß nicht mehr, wie es passierte, doch an diesem Morgen ist es verrutscht, vielleicht, weil sie sich über das Gesicht gestrichen hat oder es einfach eine ungeschickte Bewegung des ganzen Körpers war, aber an jenem Morgen, in einer Lateinstunde, verrutschte das Tuch und ich sah für einige Sekunden das Schrecklichste, was ich in meinen jungen Jahren gesehen habe. Zwischen kümmerlich sprießendem, dünnem und struppigem Haar blickte mir eine Art Auge aus Haut entgegen, ein Geschwulst mit einem dicken, eitrigen Punkt in der Mitte, das ich mir noch heute innerhalb kürzester Zeit detailgetreu ins Gedächtnis rufen könnte, kann. Wie erstarrt blickte ich auf diesen Klumpen Haut, auf diese Abnormität, auf diese Hässlichkeit, und sie muss meinen Blick gespürt haben, denn sie zog das Tuch, ohne sich umzudrehen, mit einer schnellen Bewegung wieder hinunter, so dass nur das Bild blieb, das sich in mein Gehirn gebrannt hat. Von diesem Tag an verbrachte ich Schulstunde um Schulstunde mit nichts anderem, als auf das verhüllte Auge zu starren, von dem ich wusste, dass es verborgen hinter verschieden gemusterten Stoffen meinen Blick erwiderte.
„Es ist jene Anziehungskraft des Schreckens“, denke ich, als mich die Gastgeberin fast erreicht hat, „jenes milchig-trübe Auge des Edgar Allan Poe, das sich mir damals zeigte, an das mich jetzt diese Frau erinnert, die meine Gastgeberin ist und über die ich nichts weiß als ihren Namen.
„Mein Name ist Carl“, sage ich in dieses aufgedunsene, überschminkte und dadurch noch weiter aufgedunsene Gesicht, das mich für einen kurzen Moment an ein verwesendes Tier erinnert, das ich einmal, im Vorbeifahren aus einem Zugfenster, gesehen habe.
Sie heißt Frida und ist das traurige Ende der direkten Blutlinie meines verstorbenen Verwandten Leopold von Schwingen und ich denke, dass es gerade jene Abnormität ist, durch die ich in den Anspruch auf einen Teil des Erbes gekommen bin. Wäre sie nicht so entartet, denke ich weiter, dann hätte sie Kinder oder einen Mann, der das erben würde, was nun mir zusteht.
Alles an ihr scheint weich und alt und obwohl sie nicht über ihre Krankheit spricht, sondern ‚Willkommen’ sagt, sieht man in ihren Augen jene geistige Entrücktheit, die nicht nur das Alter in ihren Verstand geschnitten haben kann und die, so erfahre ich es zwischen den Zeilen, dafür verantwortlich ist, dass ich meinen schweren Koffer alleine durch die Nacht schleppen musste. Unter vielen Verrenkungen und Kopfschütteln und weiteren Verrenkungen erklärt sie mir schließlich, dass sie den 21. mit dem 22. verwechselt habe und dass sie überrascht ist, dass ich Carl heiße, da sie einen Siegfried erwartet habe. Ich verberge meinen Zorn und folge ihr, während sie Entschuldigung an Entschuldigung reiht, von denen mich jede ein Stück weiter gegen sie einnimmt.
Überhaupt ist sie seltsam gekleidet, denke ich und mustere verwundert ihr blau-schwarzes Ballkleid, während sie und ich, wie eine verlorene Expedition, dem Diener und dem Koffer hinterher, die Treppe hochsteigen.           

Mein Zimmer ist geradezu luxuriös eingerichtet, überladen mit schweren Gemälden, wuchtigen Antiquitäten, Fresken an den Wänden. Alles sieht alt und wertvoll aus und erweckt bei mir den Eindruck, als wäre dies auch die einzige Bestimmung, alt und wertvoll auszusehen. Erst hier wird mir bewusst, welch ein Reichtum sich hinter den Mauern verbirgt, die feindlich und abweisend über den Berg hinausragen. Es bleibt mir nicht viel Zeit, weil der Diener auf dem Weg erwähnte, dass der Rest der Gesellschaft bereits versammelt sei, und so beschließe ich meinen Aufenthalt in diesem Raum so kurz wie möglich zu gestalten.

Ich habe mich frisch gemacht, meinen Anzug ausgeklopft und noch einige Minuten vor dem goldgefassten Spiegel meine Frisur gerichtet, als ich mich anschicke, hinunter zu der Gastgeberin und den anderen Gästen zu gehen. Meine Hand liegt bereits auf der Klinke und ich will ihr eben das Gewicht geben, um das schwere Mahagoni aufzustoßen, als ich auf einmal einen seltsamen Gedanken habe.
„Ich möchte noch einmal meine Geige betrachten“, denke ich
„weil sie mir das Liebste ist und weil ich vielleicht niemals wieder auf ihr spielen werde“, denke ich und schüttele den Kopf bei diesem sinnlosen Gedanken, als ich am Spiegel vorbei zurück zum Bett gehe, um den Koffer zu öffnen, den ich darunter geschoben habe. Die Geige ist noch an ihrem Platz, doch ich ziehe sie trotzdem hervor, setze sie eine Weile unentschlossen an mein Kinn und hätte beinahe begonnen zu spielen, einfach, weil für mich die Berührung zwischen Kinn und Geige immer mit dem unmittelbar folgenden Geigenspiel verbunden war, das bis heute immer unweigerlich auf diese Berührung folgte. Fast bin ich ein wenig traurig, als ich sie zurück in den Koffer lege, noch einmal über das zarte Holz streiche und den Koffer wieder unter das Betts schiebe, mit eben jener Feierlichkeit, mit der man einen Sarg hinunter in die Erde lässt. Dann trete ich noch einmal vor den Spiegel, zwinge eine schwarze, widerspenstige Haarsträhne in Reih und Glied mit den anderen und verlasse den Raum. 


„Hätte der Diener nicht vor der Tür auf mich gewartet, hätte ich nicht gewusst, in welche Richtung ich auf dem Flur abbiegen muss“, denke ich, als ich hinaus auf den Flur trete und denke dann, dass er seinen Platz vorbildlich gewählt hat, eben so nahe an der Tür, dass er mich direkt sieht, wenn ich hinaustrete, aber auch nicht so nah, dass es indiskret gewirkt hätte.
„Folgen Sie mir, junger Herr“, sagt er in einem unterwürfigen Tonfall, der mich ein wenig beschämt, da ich Unterwürfigkeit nicht ausstehen kann, selbst in meinem Leben versucht habe, niemals unterwürfig zu sein und somit diese Unterwürfigkeit auch nie bei anderen gutgeheißen habe.
„Gerne“, antworte ich, vielleicht eine Spur zu freundschaftlich,  weil es mir wichtig ist, nicht herrisch zu klingen, während ich mich zugleich frage, wie man es mit seinem Gewissen vereinbaren kann, Diener zu sein und das auch noch in diesem gesetzten Alter. Dann denke ich, dass es wohl kaum einen Beruf gibt, in dem die Hierarchie derart offensichtlich zutage tritt, wie in dem Beruf des Dieners, während wir durch halbdunkle Flure schreiten, von denen Tür um Tür abgeht und innerhalb derer ich mich, wäre ich alleine, innerhalb kürzester Zeit verlaufen hätte.
„Sind denn schon andere Gäste da“, frage ich, um die Stille ein wenig zu entschärfen, die durch unsere gedämpften Schritte auf erlesenen Teppichen geradezu betont wird.
„Ja, die anderen Gäste sind bereits eingetroffen“, sagt er, wobei er stehen bleibt und mir das Gesicht zuwendet, was gewiss höflich ist, aber nicht im Geringsten von mir intendiert war.
„Sie müssen nicht extra stehen bleiben, nur weil ich Ihnen eine Frage gestellt habe“,
sage ich, um auch höflich zu sein, doch er antwortet nur,
„ganz wie der junge Herr befiehlt“,
so als wäre ich der kleine Lord.
Zudem bin ich ein wenig irritiert, weil es ja kein Befehl war, den ich an den alten Diener gerichtet habe, lediglich ein gutgemeinter Hinweis.
„Der Herr General und seine Frau, sowie der Herr Architekt und seine Frau sind bereits anwesend“, sagt er, wobei er weiter den Gang hinaufgeht und ich das Gefühl habe, dass er lieber stehen geblieben wäre.
„Wenn Sie lieber beim Sprechen stehen bleiben, dann tun Sie es ruhig, gerne, ich wollte Sie nicht mit meiner Aussage zu etwas bewegen, das Sie gar nicht möchten.“
„Ganz wie der junge Herr befiehlt“, antwortet er mir, wobei er wieder stehen bleibt und mir erneut das Gesicht zuwendet.
„Es ist ein altes Gesicht“, denke ich, “aber kein unglückliches“,
während ich den Diener betrachte, doch dann denke ich weiter, dass es ja sein Beruf ist derart zu blicken und dass die langen Jahre der Dienerschaft sein Gesicht wohl in dieser Art genormt haben.
„Selbstzufriedenheit“, sagt dieses Gesicht, denke ich, Selbstzufriedenheit, während der Körper arbeitet, und
„wahrscheinlich kann er gar nicht mehr unglücklich gucken“, überlege ich und bin versucht ihn dazu aufzufordern, unglücklich zu gucken, was aber bestimmt unhöflich gewesen wäre und es ist ja gerade mein Ziel höflich zu sein, einen guten Eindruck zu machen und dies auch bei dem Diener, der so selbstlos seinen Verpflichtungen nachkommt.
„Wünscht der junge Herr noch etwas Bestimmtes?“, fragt er mich und ich schüttele schnell den Kopf, worauf er sich wieder abwendet und weiter in Richtung der Gesellschaft schreitet, die mich erwartet.
„Kannten Sie eigentlich meinen Großonkel“, frage ich dann doch, nach einigen weiteren Metern der Stille, und er bleibt wieder stehen, wendet sich mir zu und für einige Sekundenbruchteile glaube ich eine gewisse Genervtheit in seinen Augen zu sehen, die er aber routiniert, bereits im Entstehen, hinter einem freundlichen Lächeln verbirgt.
„Ja“, antwortet er und ich denke, dass dieses Ja eine Aufforderung ist meine Frage zu präzisieren, doch ich weiß nicht, wonach ich fragen soll.
„Dann ist es gut“, sage ich, wobei mir dieser Satz merkwürdig vertraut vorkommt, und wir setzen unseren Weg schweigend fort, bis wir vor zwei großen, vertäfelten Flügeltüren zum Halten kommen.
„Warten Sie bitte einen kleinen Moment, junger Herr“,
sagt der Diener und ich warte einen kleinen Moment, während er in den Raum tritt und ich ihn durch die Flügeltüren „Herr Carl Monhaupt“ sagen höre, wobei ich denke, dass der Saal gewaltig sein muss, weil das Echo einen Teil seiner Worte zu mir zurückträgt, dann
schwingen die Türen auf und ich trete in den Raum.     

Fünf Gesichter blicken mir interessiert entgegen, als ich eintrete und zunächst einen Moment lang zögernd stehen bleibe, da ich nicht weiß, wo mein Platz ist und auch, um den Raum auf mich wirken zu lassen.


Dann erhebt sich die Gastgeberin, die ich ja bereits kenne, geht recht zügig auf mich zu und ergreift mich am Arm.
„Darf ich euch Carl Monhaupt vorstellen?“
fragt sie, mit einer gewissen Routine und zieht mich näher zu der gedeckten Tafel, an der die zwei Männer wie Sprungfedern in die Höhe schnellen und mir ihre Hände entgegenstrecken.
„Hallo, ich bin Carl“, sage ich recht unförmlich, auch in die Richtung der Damen, die ich eigentlich zuerst begrüßen wollte und bereits beim Aussprechen des Satzes bereue ich seine Unförmlichkeit, die auch in dieser Form nicht von der Gesellschaft erwidert wird.
„Weissherrenrichter“, sagt einer der Männer zu mir, lang und hager, das Haar auf dem Rückzug, ein gepflegter Bart, grau und mit einiger Raffinesse an den Enden gezwirbelt.
Ich spüre, wie er alle seine Kräfte in seiner Hand konzentriert, meine drückt, so hart er kann und ich bin beruhigt, dass er bereits alt und damit nicht mehr so kräftig ist, wie er es bestimmt einmal war. Dann denke ich, dass ich niemals Menschen gemocht habe, die einem so die Hand drücken, deren Händedruck so wirkt, als wollten sie dem Menschen, den sie kennen lernen, zuallererst Schmerz zufügen. Ich erwidere den Händedruck mit der gleichen Intensität, schließlich ist es ja wohl das, was er gewollt hat, und denke dabei, dass dies der General sein muss, wirkt doch sein Auftreten durch und durch militärisch, ebenso wie sein Händedruck militant wirkt.
„Herr General“, sage ich also und man sieht ihm an, dass ihn diese Anrede freut, dass er sie erwartet hat, dass er keine andere Anrede zur Begrüßung akzeptiert hätte und wie zur Belohnung wird sein Händedruck schwächer.
„Rosenthal“, sagt der andere Mann, klein und rund, geradezu das Gegenteil des hageren Generals. Ich ergreife seine dickliche Kinderhand, und da ich noch immer über den Handschlag des Generals nachdenke, drücke ich sie ein wenig zu fest, dieses weiche, kraftlose Stück Fleisch, das sich scheinbar nach Belieben verformen lässt und erst, als ich auf einmal Schmerz in seinem rundlichen Gesicht entdecke, lasse ich erschreckt los.
Dann verneige ich mich vor den anwesenden Damen und will eben meinen, den einzigen freien und gedeckten Platz ansteuern, als sich eine der Frauen, die eindeutig schwergewichtigere, die gut die Frau des Architekten sein könnte, aber neben dem General saß, erhebt und geradezu auf mich zustürmt. 

„Kalinka“, sagt sie und reicht mir ihre fleischige Hand, welche an jedem Finger mit dicken Ringen und Edelsteinen besetzt ist, so dass ober- und unterhalb des Goldes die Haut wie befreit hervorquillt, und ich denke, dass sie diese Masse an Metall auch trägt, weil es nicht mehr möglich ist sie abzustreifen. Sie reicht mir die Hand so, als würde sie einen Handkuss erwarten, doch da ich mir in dieser Beziehung nicht sicher bin, ergreife ich sie nur und schüttele sie eine Weile, während ich die Frau betrachte. Mein erster Gedanke ist „Dummheit“, mein zweiter „Mitleid“, als ich in ihr fröhliches, einfältiges und bemitleidenswertes Gesicht blicke, dann muss ich an ein Schaf denken und erwidere ihr Lächeln.
„Am ehesten würde der Begriff ‚kindliche Unbeschwertheit’ auf ihr Gesicht passen“, denke ich und denke dann, dass es eher eine ‚tierische Unbeschwertheit’
ist und vor allem, denke ich darauf, wirkt sie nicht lebenstüchtig, während sie lacht und lacht, so als gäbe es keine Bosheit auf der Welt, so als wäre alles nur ein Scherz, wenn man es auf die richtige, nämlich unwissende Art betrachtet.
„Geht’s dir gut“, fragt sie mich und sieht mich in einer Art Mischung aus Kindermädchen und Puffmutter an,
während ich „ja, danke“ antworte und auf das weiche Polster sinke.

Ihr Ehemann, General Adolf Weissherrenrichter, ist einer dieser Menschen, die mit der Gewissheit geboren werden, dass jede noch so sinnlose Erkenntnis, die sie selbst akzeptiert oder gemacht haben, auch für alle anderen Menschen Religion und Dogma sein muss. Obwohl er in Zivil gekleidet ist, konnte er es doch nicht unterlassen, seine vielen Orden und Auszeichnungen, für die wahrscheinlich andere in den Tod gingen, an seinen Anzug zu heften. Ein Eisernes Kreuz ist darunter und viele andere Orden, deren Bewandtnis mirfremd sind. Seine Haare sind in einem strengen Seitenscheitel zur Seite gezwungen, rechts und links bis über die Ohren rasiert und es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich die Mütze vorzustellen, die sonst, herrisch über den Kopf erhoben, die militanten Gesichtszüge im Schatten versteckt. Ich schätze ihn auf ein Alter jenseits der 60, vielleicht bereits 70.

„Hallo, ich bin Vera Rosenthal“, ruft sich auf einmal die Frau des Architekten zurück in mein Gedächtnis und reicht mir eine zierliche kleine Hand über den Tisch hinweg, die kleinste und schönste Hand der Gesellschaft, denke ich, die bis auf einen kleinen schmalen goldenen Ehering nackt ist.
„Schön, dass Sie endlich da sind.“
Ich freue mich ein wenig über diese freundliche Begrüßung, die auch mit einem glaubwürdigen Lächeln an mich gerichtet ist, doch zugleich entnehme ich dieser Aussage, dem „endlich“ in ihrem Satz, dass man bereits auf mich gewartet hat, also über mein Erscheinen informiert war und mich trotzdem nicht am Bahnhof abgeholt hat, obwohl doch ersichtlich war, dass ich mit einem Koffer anreisen musste und obwohl doch zumindest die Gastgeberin hätte wissen müssen, wie anstrengend es ist, den Weg vom Bahnhof bis zu ihrem Haus, alleine, in der Nacht, über den Schotterweg, samt Gepäck zurückzulegen.
„Ich freue mich auch“, sage ich nur, obwohl ich nicht so recht weiß, wie ich meine momentanen Gefühle beschreiben soll, vielleicht ist es vor allem Verwirrung über diesen plötzlichen Wechsel von Reise und Ankunft, vielleicht auch tatsächlich noch eine gewisse Verstimmtheit über die langwierige und schwere Anreise, aber da ist auch noch etwas, ein Gefühl, das ich nicht so richtig zu deuten vermag. Obwohl sich scheinbar alle, jeder nach seinen Möglichkeiten, um ein freundliches Auftreten bemüht, kann ich mich des Gefühles nicht erwehren, dass sie meine Feinde sind, was gewiss ein seltsamer Gedanke ist, da bisher niemand von ihnen etwas getan hat, das einen solchen Gedanken rechtfertigen würde. Ich versuche diesen Verdacht an etwas festzumachen, blicke dabei weiterhin in das freundliche Gesicht von Vera Rosenthal und beschließe dann, dass ich zuviel denke, dass ich aber auch nicht meine Gefühle, meine Intuition verleugnen darf, die mir sagt, dass diese Menschen meine Feinde sind.
„Hatten Sie eine angenehme Anreise“, fragt mich die Frau des Architekten und ich nicke, während ich an die unangenehmen Stunden im Gang, an den Luftzug aus dem fremden Abteil und an den für mich nicht zugänglichen Speisewagen denke. „Ja“, sage ich und da ich etwas hinzufügen möchte, sage ich noch,
„es ist ein wunderschöner Sternenhimmel hier draußen, auf dem Lande. So etwas kennt man gar nicht in der Stadt.“
Die Antwort scheint sie zufrieden zu stellen und ich überlege, ob ich dem noch etwas hinzufügen soll, etwas über den Weg durch den Wald, über meinen schweren Koffer, doch dann blicke ich hinüber zu der Gastgeberin und denke dann, dass es ein schlechter Anfang wäre, direkt bei der Ankunft den Gastgeber zu kritisieren. Vera scheint diese Antwort zudem zu reichen, sie wendet sich wieder Kalinka zu und sie knüpfen scheinbar an ein Gespräch an, das sie wohl führten, bevor ich den Raum betreten habe. Ich warte darauf, dass mich einer der Männer anspricht, aber der Architekt sieht nur einige Male misstrauisch zu mir herüber, während der General mich mit einer geradezu stoischen Ruhe ignoriert und Interesse an den Ausführungen seiner Frau heuchelt, die immer wieder sagt,
dass sie nicht glaube, dass ihre Haarspülung Pferdemark enthalte, egal was auf der Packung stände.   
So beschließe ich, mich zunächst aus dem Gespräch herauszuhalten, zunächst einmal einen Eindruck von der Gesellschaft zu bekommen und mich dann, wenn ich sie ein wenig besser kenne und weiß, welche Empfindlichkeiten ich berücksichtigen muss, in das Gespräch einzubringen. Schließlich bin ich ja auch gerade erst eingetroffen.

Der General erzählt viel vom Krieg und vor allem von seinem Regiment, den Totenkopfgrenadieren und von den englischen Soldaten, die er angeblich mit seinen Truppen zerhackt habe. Mehrmals schrecke ich aus meinem noch leichten Rausch, als er das Wort „zerhackt“ sagt. Ich frage mich, wie er das meint, „zerhackt“, doch ich will nicht nachfragen, will ihm keinen Grund geben, seine Geschichte noch weiter auszudehnen, in der er bereits seit vielleicht einer Viertelstunde Schlacht an Schlacht und Namen an Namen reiht, doch dieses Wort „zerhackt“ stört mich, wieder sagt er „zerhackt“, und ich frage mich, ob es dieser Ort ist, der ihn wieder und wieder „zerhackt“ sagen lässt, oder ob er daheim, im Kreis seiner Familie, bei einer Tasse Tee, auch „zerhackt“ sagen würde. Ich blicke wieder hinüber zu seiner Frau, gerade in dem Moment, als er seine Faust auf den Tisch donnert, um etwas besonders Wichtiges herauszustreichen, und ich sehe kurz in ihren Augen , dass es ihr peinlich ist, ganz kurz scheint dort so etwas wie Scham in den Pupillen zu blitzen, doch dann streicht sie ihm mit den Fingerspitzen über die Schulter, stimmt in sein aufbrausendes, irgendwie provozierendes Lachen ein und ist nicht mehr von ihm zu unterscheiden. Ich betrachte die beiden, wie sie dort sitzen, die Münder weit aufgerissen, so dass die goldenen Zahnkronen im Kerzenlicht funkeln, ein tierisches Lachen, irgendwie so, wie man sich einen kleinen Vogel vorstellt, der hungrig im Nest seiner Mutter den Schnabel entgegenstreckt und ich stelle ihn mir in Uniform vor, wie er mit einem Beil auf einer Lichtung steht und Menschen zerhackt. „..bis der Dolchstoß unsere treuen Kameraden an der Front
überraschend und grausam in den Rücken traf“, sagt er gerade und obwohl ich anders denke und widersprechen möchte, unterdrücke ich diesen Impuls, nicke sogar kurz, als er mir prüfend in die Augen blickt und fühle mich dabei schlecht.

„Manchmal muss du Farbe bekennen, Carl Monhaupt“, denke ich und denke dann, dass es mir immer schwer gefallen ist, eben diese Farbe zu bekennen, oder anders ausgedrückt, für meine Ideale einzustehen.
„Es ist schon ein einfaches Leben, dieses Mitläufertum“, denke ich und frage mich dann, ob dieses Prädikat wohl auf mich zutrifft, da ich mich eigentlich, bis zu diesem Moment, nie als Mitläufer gesehen habe. „Vielleicht bin ich körperlich ein Mitläufer“, überlege ich dann, „obwohl ich geistig kein Mitläufer, im Gegenteil, ein Freigeist bin“, denke ich und bedanke mich mit einem Nicken bei der Gastgeberin, die mein Glas erneut füllt und mich dabei fragend ansieht.
„Ein Freigeist“, denke ich und genieße den unausgesprochenen Klang dieses Wortes, „und ein Mitläufer“. Wenn alle Menschen Freigeister wären wie ich, denke ich darauf, dann wäre es nicht schlimm Mitläufer zu sein, weil ja dann gerade in der Tätigkeit des Mitlaufens der Freigeist liegen würde, aber so wie es ist, erscheint es mir auf einmal etwas Schlechtes, Mitläufer zu sein, was es ja auch ohne Zweifel ist, eben weil es so einfach ist, denke ich und schüttele den Kopf in Richtung des Generals, dem ich zuvor zugenickt habe.
Dieser bemerkt es zu meinem Schrecken, runzelt die Stirn, während ich mein Kopfschütteln bereits bereue.
„Sie sind also der Meinung“, fragt er, „dass der Beruf des Soldaten kein ehrenvoller Beruf ist?“, und die versammelte Gesellschaft betrachtet mich.
„Nein“, denke ich, „aber ich glaube nicht, dass es ein Dolchstoß war, der den ersten Weltkrieg beendet hat, du Schwätzer.“
„Nein“, sage ich, „das wollte ich damit nicht sagen“ und glaube für einen kurzen Moment, dass die Angelegenheit damit erledigt ist, doch der General mustert mich weiterhin mit einem misstrauischen Blick.   
„Warum haben Sie dann den Kopf geschüttelt?“
„Ich war ja selbst Soldat“,
antworte ich ihm, nach einem Moment der Stille, während ich mich über seine Unverschämtheit ärgere, mit der er mich so plötzlich in den Mittelpunkt des Interesses gestoßen hat.
„Nichts läge mir ferner, als die Ehre der gefallenen Kameraden zu bezweifeln, mit deren Geschichte sie uns erfreuen. Mein Kopfschütteln drückte vielmehr meine Verwunderung über diesen so geschmackvoll eingerichteten Raum aus“,
lüge ich und denke dabei, dass dieser Raum nicht im Geringsten geschmackvoll eingerichtet ist und das Reichtum oder sogar Adel nur allzu oft das Gegenteil von Kultur sind.
Er nickt freundlich, wenn auch hochnäsig und um ihn vollends zu gewinnen sage ich:
„Für Sie, als hochdekorierten, erfahrenen Mann ist es wohl auch nichts besonderes, aber ich muss sagen, dass meine eigene bescheidene Erfahrung bereits jetzt um vieles bereichert ist.


Inzwischen haben sich die Frauen wieder in ihr Gespräch vertieft, obschon ich nicht weiß, ob es richtig ist, dies als Gespräch zu bezeichnen, aber obwohl ich eine Weile darüber nachdenke, fällt mir kein Wort ein, das es besser getroffen hätte und so beschließe ich, dass es doch eine Art von Gespräch ist, welches ihre Köpfe auf einen unsichtbaren Mittelpunkt über dem Tisch zusammenzieht.
Ihre Wangen sind gerötet und glühen in der seltsamen Mischung aus Wein, den sie schnell, mit einem Bewusstsein von Endlichkeit, ihre Kehlen hinunterstürzen,
und einer sichtbaren Atemnot, da den Körpern zwischen ihren gemeinsamen Lachattacken nur wenig Zeit bleibt, um nach Luft zu schnappen.
Überhaupt ist ihr Lachen, welches mal dumpf, dann wieder schrill von den Wänden zurückgeworfen wird, eine seltsame Geräuschkulisse, die mich gleichzeitig verwundert wie abstößt. In rascher Folge stoßen sie einander Worte wie Meinungen entgegen und dann, wie von einer dämonischen Kraft geleitet, bricht die erste, die stets eine andere ist, in ein glucksendes Lachen aus, das sich verwegen Oktave um Oktave die Tonleiter emporschwingt, bis die nächste, einige Töne höher, einsteigt, einen kurzen Moment das Geräusch dominiert, bis schließlich die letzte einfällt, dort, wo es nicht mehr nach oben geht und sie sich in einem ekstatischen Schreien treffen, kurz unterbrochen durch notwendiges Luftholen, ein Geräusch, das, unter anderen Umständen, sowohl Schmerz als auch Wut bedeuten könnte.
Ihre Gesichter sind gleichartig dick bemalt, in den Farben der Saison, jede Falte mit Farbe gefüllt, nur ab und zu von der Spur eines Schweißtropfens durchzogen, und für einen Moment stelle ich mir vor, wie sie mit diesen apokalyptischen Schreien um einen Totempfahl tanzen, während im Hintergrund der General noch immer Körper zerhackt.
Was ist es, das sie veranlasst, derart aus sich herauszugehen, mit dieser Inbrunst, dieser Konzentration, oder sind es nur Instinkte, welche diese welken Körper wie Marionetten zucken und tanzen lassen.
„Und dann hat er“, hebt sich eine orgiastische Stimme aus dem Pulk,
„dann hat er sich erst herumgedreht“, und wieder schwillt das Lachen an, schüttelt die hängenden Wangen, die hängenden Brüste, Ohrringe und andere Körperteile, wie lebendige Hüpfburgen.

Obwohl ich mich längst entschieden habe, dass jede dieser Frauen für mich unattraktiv, ja geradezu gefährlich für einen gesunden Geist ist, fühle ich mich doch, auf verschlungenen, dunklen Pfaden, zu Kalinka hingezogen, die neben dem General sitzt und es auch nicht versäumt gelegentlich mit verdorbenen Blicken zu mir hinüberzuschauen, die mich gleichzeitig locken wie abstoßen.
Ich habe einige Freundinnen gehabt, besitze auch einen bunten Strauß an Erfahrungen im Bereich weiblicher Sexualität und Erregung, doch der Gedanke, das Bett mit diesem Inbegriff von Obszönität und Weiblichkeit zu teilen, zwischen diesen gewaltigen Brüsten und Fleischlappen zu suchen, wer man ist und was man will, diesen Körper zu besitzen, der überall weich, formbar und dehnbar scheint, lockt mich auf einmal mehr, als ich es mir jemals vorgestellt hätte. Ich leere mein Glas, fülle es und leere es wieder und dumpf steigt der schwere Wein in meinen Kopf, wirbelt Gedanken, Konventionen und Maximen durcheinander und ich stelle mir vor, wie sie wohl nackt aussehen würde, ohne all diese stützenden, hebenden  und formenden Hüllen, in die sie ihren Körper gezwängt hat, wie sich alles ausdehnen und befreit nach Luft schnappen würde und wie sie, wenn sich alles beruhigt und geglättet hätte wie ein Wassertropfen, nichts als ein Stück Fleisch wäre, in das ich mir einen Weg suchen muss.
Ich schüttele mich, versuche diesem Gedanken zu entfliehen und bemerke, dass ich sie angestarrt habe, viel zu lange angestarrt habe, dass das Lachen verebbt ist, dass mich der General anblickt, dass mich alle anblicken und dass ich etwas sagen muss. Es ist ein Moment, in dem jedes Wort einer Gruppe angehört, in dem alles richtig oder falsch ist und in dem die Folgen eines richtigen oder falschen Wortes nicht abzusehen sind.
„Ich habe nur Ihren Anhänger betrachtet“, sage ich in die feindliche Stille und bete, dass ich nicht rot werde, wie es mir bereits einige Male in anderen, aber doch ähnlichen Situationen widerfahren ist.
„Er ist sehr schön, und ich habe mich gefragt, ob es eine besondere Bewandtnis mit ihm hat“, sage ich und bemerke mit einem Seitenblick, wie sich die Zornesfalten im Gesicht des Generals glätten.
Ich hatte mich dies tatsächlich gefragt und bin meinem Verstand dankbar, dass er dieses Detail ausgewählt hat, denn der Anhänger ist wirklich auffällig, scheint sehr schwer zu sein und zieht den Kopf von Kalinka mit seinem Gewicht nach unten. Fast scheint es ein Gefäß zu sein, etwa so groß wie ein Tischtennisball, mit vielen Verzierungen und einem großen roten Stein, der von Zeit zu Zeit im Kerzenlicht funkelt.
„Ach, der Anhänger“, sagt Kalinka und ich bin mir sicher, dass sie mir diese Lüge in ihrer Beschränktheit abgenommen hat.
„Das ist nur die Asche von Egon, meinem ersten Mann“,
ergänzt sie, blickt hinüber zum General und setzt, während dessen Zornesfalten wieder deutlicher hervortreten, hinzu:
„Ich trage ihn immer bei mir“, und dann noch einmal
„immer“, wobei die anderen Frauen wieder beginnen zu lachen, sie mit in das Gelächter einfällt, für einen kurzen Moment alles wieder so ist wie zuvor, bis der General mit der Faust auf den Tisch schlägt, sich erhebt und nachdem er alle Anwesenden mit einem bösen Blick gemustert hat, hinaus auf den Balkon tritt und sich eine Zigarre anzündet.

Auch ich bin Raucher, habe eigentlich immer geraucht, aber es ist mir in den letzten Jahren gelungen, den Konsum soweit zu reduzieren, dass das Rauchen für mich wieder etwas Besonderes geworden ist, so wie es früher für mich etwas Besonderes war, wenn ich nicht geraucht habe. Dabei war es oft nicht dieses Gefühl, wenn der Rauch die Lunge hinabstreicht, sondern zuweilen auch der unbedingte Wunsch, einer bestimmten Gesellschaft zu entfliehen, der mich auf Terrassen, Balkone oder die Straße trieb. Ich betrachte den Rücken des Generals, wie er dort steht, vor einem eindrucksvollen Firmament und wie der Qualm in kleinen Wölkchen um ihn herum gen Himmel streicht. Ich taste die Brusttasche meines Jacketts ab und finde tatsächlich eine zerknautschte Packung mit Zigaretten, die dort wohl auch schon eine Weile liegen und einen willkommenen Anlass bieten, dem hysterischen Lachen der Frauen und der unverkennbaren Gleichgültigkeit des Architekten zu entfliehen. Ich ziehe die Packung hervor, hebe sie auf halbe Höhe empor, so dass sie jeder sehen kann und ich meine Flucht aus diesem Raum nicht weiter erläutern oder begründen muss und trete durch die Balkontür nach draußen zu dem General, der gedankenverloren in den Himmel starrt.
„Darf ich Ihnen Gesellschaft leisten“, frage ich höflich, und da er nichts sagt, sondern nur noch angestrengter in die Ferne blickt, beschließe ich zu bleiben.
Eine Weile rauchen wir schweigend, er in kurzen Zügen paffend, ich in tiefen Zügen inhalierend und so seltsam es auch scheint, fühle ich mich ihm für einen Moment lang verbunden, weil wir beide hier stehen und rauchen.
„Waren Sie schon einmal hier“, frage ich, während von drinnen das Gelächter seiner Frau die Glasscheiben zum Zittern bringt, und als er nicht antwortet, setze ich hinzu:
„Es ist wirklich ein außergewöhnlich schöner Sternenhimmel.“
Endlich dreht er sich zu mir um, doch anstatt auf meine Frage einzugehen, blickt er mich nur in tiefster Verachtung an, nähert sein vorgerecktes Kinn meinem Gesicht und sagt:
„Sie haben darüber nachgedacht, wie es wohl wäre, sie zu ficken, stimmt das?“,
und als ich dazu ansetze, dem irgendeinen Einwand entgegenzustellen, sagt er:
„Leugnen Sie es nicht, ich habe es in Ihrem Blick gesehen, es ist immer so, alle wollen sie ficken und niemand gibt es zu, wissen Sie, es war immer so und ich habe einmal gedacht, dass sich dies ändern würde, wenn sie älter wird, doch sie hat noch immer diese Anziehungskraft, dieses Locken und das sogar, obwohl sie so fett geworden ist, und sie hat diese Sexualität, dieses Verruchte, ich muss es wissen, also wagen Sie es nicht, mir zu widersprechen.“
Ich schweige eine Weile, weil ich nicht weiß, was man dazu sagen kann und weil ich das Gefühl habe, dass der Blick, den der General in meine Augen bohrt, jede Lüge sofort entlarven würde und ich verfluche den Entschluss, der mich nach draußen auf den Balkon führte.
„Sie haben eine attraktive Frau“, sage ich nur, während ich denke, dass sie eigentlich nicht im Geringsten attraktiv ist, dass jede Zuneigung, die aus dem Alkohol für diesen Körper geboren wurde, nichts als morbide und zerstörerisch ist.
„Ja, das ist sie“, sagt er und blickt mich noch einmal prüfend an,
„aber sie ist auch anstrengend, so anstrengend. Ich kenne sie so viel Jahre und ich habe sie immer mit den Blicken der anderen teilen müssen, schon damals, als ich an der Front diese verdammten Tommys zerhackt habe, habe ich ihr Briefe nach Hause geschrieben und das, obwohl ich ahnte, obwohl ich wusste, dass sie zuhause in unserer gut-deutschen Stube jeden an ihren Rock lässt, unter ihren Rock lässt, denn sie kennt nichts als ihre Triebe und die Lockung der Triebe der anderen. So ist sie mein Kreuz, das ich zu tragen habe, ein schweres Kreuz und trotz all dem liebe ich sie, können Sie sich das vorstellen?“
Wieder blickt er mich an und ich muss lächeln, weil er seine Frau als Kreuz bezeichnet hat, als schweres Kreuz.
Er bemerkt mein Lächeln, obwohl ich es verstecken will und innerhalb von Sekundenbruchteilen schlägt seine Stimmung, die mir gerade noch geneigt schien, um. Sein Kopf wird unnatürlich rot und zu allem Übel verschluckt er sich an einem Zigarrenzug und hustet mit erschreckenden, röchelnden Lauten in die Nacht.
„Sie haben keinen Anstand“, sagt er dann,
„keinen Anstand und keinen Respekt. Wären Sie ein Rekrut, ich hätte Sie gebrochen. Zweifeln Sie nicht an meinen Worten, aber jetzt trete ich Ihnen hier draußen, von Mann zu Mann, entgegen und Sie lachen über mich, lachen über meinen Schmerz, den ich versuchte mit Ihnen zu teilen und zu allem Überfluss wollen Sie meine Frau ficken.“
Er hat seine Stimme erhoben und zieht das Wort „ficken“ derart in die Länge, dass ich besorgt nach drinnen blicke, ob dort jemand seinen Stimmungsumschwung mitbekommen hat.
„Ficken“, sagt er noch einmal, „obwohl sie gut ihre Mutter sein könnte. Schämen Sie sich.“



Es gibt Essen

Es dauert nicht lange bis das Essen aufgetragen wird. Der Diener hat uns aus dem Empfangszimmer in einen gewaltigen Speiseraum geführt, in dem nichts anderes als eine gewaltige Tafel und um diese herum einige edel verzierte Stühle stehen.
Der Tisch ist derart lang, wie ich noch nie einen Tisch gesehen habe, so überflüssig gewaltig, dass ich mich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass ich mich nun, als ich die vertäfelten Flügeltüren durchschreite, in einer anderen Zeit befinde.
„König Artus und seine Ritter hätten durchaus mit ihrer gesamten Gefolgschaft hier Platz gefunden“, denke ich, als mein Blick die Länge der Tafel misst und die unzähligen freien Plätze – es müssen an die vierzig sein - mit adligen Herren und jungen Knappen auffüllt. Etwa in der Mitte des Tisches und somit auch in der Mitte des Raumes schwebt ein gewaltiger Kronleuchter von der Decke, der über und über mit Kristallen besetzt ist, die seine goldenen Arme, die sich in alle Richtungen erstrecken, in den buntesten Farben erleuchten lassen.
Doch dem Kronleuchter ist es wie dem Rest des Hauses – soweit ich es bisher kennengelernt habe - ergangen. Man hat ihn seiner Zeit entrissen und die vielen kunstvoll verzierten Halter, in denen einst Kerzen steckten, mit hässlichen Glühbirnen aufgefüllt. Nicht einmal das Stromkabel hat man verborgen, so dass es wie ein hässlicher schwarzer Wurm seinen Weg über die blütenweiße Decke kriecht. Ganz am Ende des Tisches hat man für uns gedeckt und obwohl die Sitze komfortabel und bequem aussehen, nahezu königlich mit hoher Rückenlehne und gepolsterten Armstützen, kann ich mich eines Gefühles der Enge nicht erwehren, als ich mich neben dem General auf das Polster sinken lasse, der zuvor, wie ein Gentleman, seiner Frau den Stuhl zurückgezogen hat und auch noch einen Moment abwartet, ob das antike Holz ihr Gewicht sicher trägt.
„Dann wollen wir doch mal sehen, was die Küche dieses schönen Hauses zu bieten hat“, ruft der Architekt in einem seltsam hohen Tonfall und klatscht vor lauter Vorfreude in seine kleinen fleischigen Hände. Alle lachen gemeinsam, so als hätte er einen Spaß gemacht und auch ich reihe mich in das Lachen ein, versuche dabei das Erstaunen in meinem Gesicht zu verbergen.
Kalinka scheint in Erwartung des Festessens ganz aufgeregt zu sein und ich bemerke, wie ihr Blick immer wieder suchend über die vier Zugänge zu diesem Zimmer streift, so als wolle sie die erste sein, welche die Diener beim Auftragen der Speisen entdeckt.   
„Sie haben also Philosophie studiert?“, richtet auf einmal die Frau des Architekten das Wort an mich, die sich, von mir nahezu unbemerkt,  auf dem Stuhl mir gegenüber niedergelassen hat.
„Haben Sie auch Nietzsche gelesen?“
Die Frage verwirrt mich, passt sie doch nicht an diesen Ort und ich muss kurz darüber nachdenken, wie Nietzsche wohl mit feurigen, verachtenden Augen diese Gesellschaft gemessen hätte, wie er die richtigen Worte für ihre Schwäche, für ihr Massenmenschsein gefunden hätte.
„Der Universal-Rock der Dekadenz“, denke ich und die Frage der Frau des Architekten – ich habe ihren Namen vergessen - hängt eine Weile zwischen uns in der Luft, bevor ich antworte.
„Ja, ich habe mich ein wenig mit Nietzsche beschäftigt“,
sage ich, was untertrieben ist, weil ich Nietzsche stets verehrt, wenn nicht geradezu geliebt habe.
„Und... glauben Sie, dass Gott wirklich tot ist“,
fragt sie mich und versucht die unterschwellige Ernsthaftigkeit ihrer Frage mit einem geselligen Kichern zu verbergen, so als hätten wir etwas gemeinsam.
„Was für eine Frage“, denke ich und unzählige Antworten schwirren durch meinen Kopf, Gottesbeweise, Anti-Gottes-Beweise, aber auch Entrüstung über diese deplazierte Frage und vielleicht habe ich gerade durch mein ausgiebiges Nachdenken das Interesse der anderen geweckt, denn nun sehen mich alle an, so als könne meine Antwort ihnen Aufschluss über ihre eigene kleine Existenz geben. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie sich Kalinka bekreuzigt, wobei sie
- ich muss mich beherrschen, damit ich nicht darüber lache -
das Kreuz falsch herum auf ihren fülligen Brustkorb drückt. Ich bin mir sicher, dass es keine Absicht ist und nur an den seltsamen Proportionen ihres erbärmlichen Körpers liegen kann.
„Sie ist eine so unförmige Frau“, denke ich.
„Nun ja“, sage ich und die Augen der Gesellschaft sind nun wie ein einziges auf mich gerichtet,
„ich denke, dass jeder seine eigenen Lehren aus dem Zarathustra ziehen sollte, aber ich persönlich habe es tatsächlich so verstanden, dass er sagen will, dass Gott tot ist.“
„Welch dämliche Antwort“, denke ich, doch als ich in die Gesichter der Gesellschaft blicke, merke ich, dass es genau die Art von Antwort war, die sie hören wollten, nämlich keine Antwort, nichts als einige sinnentleerte Phrasen, die willkürlich aneinandergeknüpft den Gästen selbst die Möglichkeit zu ihrer armseligen Interpretation bieten. Ich muss an den Seiltänzer in der Geschichte denken und daran, dass sein Sturz für mich die eigentliche Botschaft Nietzsches
ist, der Sturz des Seiltänzers als Sturz der Menschheit, sein Aufschlag auf dem harten Boden des Marktplatzes als ihr Untergang.

„Ich glaube nicht, dass Gott tot ist“, ruft Kalinka entrüstet aus und sichert sich so die Aufmerksamkeit, wofür ich ihr auch einige Momente lang dankbar bin.
„Ich habe dieses komische Buch zwar nicht gelesen, aber wenn Gott wirklich tot wäre, dann wäre ja die ganze Kirche sinnlos und ich glaube nicht, dass die Kirche sinnlos ist, weil die ganzen Priester ja doch sehr gebildete Leute sind. Die können sogar Latein. Kannst du denn Latein?“
Ich will darauf nichts entgegnen und vielleicht hat Kalinka ja in ihrem eigenen bescheidenen Kosmos sogar recht.
Ich entgehe einer Antwort.
„Das Essen“, ruft Kalinka und tatsächlich öffnet sich eine der Türen und der Diener betritt den Raum, vor sich einen kleinen Servierwagen schiebend, auf dem sechs dampfende Teller ihr Aroma in den Raum schleudern.

Die Vorspeise ist eine klare Tomatensuppe und nicht nur Kalinkas Gesicht spiegelt sich enttäuscht in der traurig transparenten Flüssigkeit, als der Diener jedem von uns einen der Teller zwischen Gabel und Messer schiebt. Ich warte einige Momente ab, obwohl bereits jeder seine Suppe inspiziert, ob jemand etwas sagen wird oder ein Tischgebet sprechen will, doch schnell ist der Raum erfüllt von dem geschäftigen Geräusch, mit dem der Löffel auf das zarte Porzellan mit Blumenmuster schlägt, und so beginne auch ich zu essen.
„Trotz des traurigen Aussehens der Suppe ist sie äußerst delikat zubereitet“,
denke ich, als ich mich nach dem ersten Löffel zurücklehne und versuche die verschiedenen Aromen zu ergründen, die gemeinsam durchweg angenehm schmecken. Ich glaube Minze herauszuschmecken, oder Fenchel.
„Wenigstens macht diese Suppe keine Flecken auf der Kleidung“,
sagt der General in einem gönnerhaften Ton, worauf alle gemeinsam lachen und auch ich muss tatsächlich kurz lächeln, denn dies ist die erste Aussage in diesem Raum, der ich ohne weiteres zustimme.   

Schnell ist die Vorspeise verzehrt und der Diener entfernt die leeren Teller.
Wie es bei solchen „feierlichen“ Anlässen üblich ist und wie ich es noch von diversen Familienfesten kenne, folgt nun eine Pause.
„Wir müssen die Suppe ja auch erst einmal sacken lassen“, sagt die Gastgeberin
und füllt erneut die Weingläser.

Kalinka blamiert den General

Obwohl der richtige Sommer noch einige Monate in der Ferne liegt, trägt Kalinka ein buntes Sommerkleid, welches sie bestimmt in einer dieser Boutiquen für übergewichtige, aber nichtsdestotrotz pseudomodebewussten Frauen erstanden haben muss, und ich stelle mir für einige Momente vor, wie sie ihr Gewicht aus der Umkleidekabine gewuchtet und sich demonstrativ vor den anwesenden Verkäuferinnen im Kreis gedreht hat, die wahrscheinlich, ihrer Natur entsprechend, jubelnd Spalier gestanden haben.
„Dieses Kleid betont besonders Ihre Weiblichkeit“, wird eine dieser Heuchlerinnen gesagt haben, oder
„Ihr frischer Teint kommt so besonders gut zur Geltung“,
oder irgendeine andere jener Lügen, die diese Menschen so großzügig verteilen wie Bonbons an kleine Kinder.
Ich denke, dass es nur jene Heuchelei gewesen sein kann, die dort dieses groteske Selbstbewusstsein geformt hat, wo es eigentlich nicht existieren dürfte. Jene jahrelange, andauernde Heuchelei, bei der das Sommerkleid, auf dem bunte Blumen miteinander um die Wette blühen, nur exemplarisch ist
„Jene Heuchelei ist es gewesen, die sie so gemacht hat“, denke ich, wobei ich mich frage, ob es nicht zum Wesen des Menschen gehört, durch unausgesetzte Heuchelei geformt zu werden, denn was sind Konventionen schon anderes als über Jahre gereifte, fortgesetzte Heuchelei.
„Ohne diese Heuchelei hätte sie ihr Ende in einer Schlinge, an einem besonders stabilen Ast eines einsamen Baumes gefunden“, denke ich und denke dann, dass dies nicht stimmt, dass es nicht ihrem Wesen entsprochen hätte, sich zu erhängen. „Sie wäre eher eine jener Frauen gewesen, die sich nach unzähligen halbherzigen Versuchen und ausgepumpten Mägen in ihre dicken Unterarme geschnitten hätte, wahrscheinlich quer anstatt längs und die dann, beim Versuch ihren Hausarzt anzurufen, festgestellt hätte, dass sie ihre Sehnen in einem mitzertrennt hätte. Um Hilfe rufend wäre sie verblutet, ohne jene Heuchelei.“
 
„Damals haben wir den Russen zurückgetrieben“, ruft der General auf einmal und reißt mich aus meinen Gedanken,
„zurück in seine Schützengräben und Bunker. Tapfere Männer waren wir, die wir das Vaterland verteidigten und nicht wenige meiner braven Kameraden blieben dort liegen.“
Man sieht ihm die Rührung an, die ihn überkommt, während er diese Worte spricht und mit roten Wangen und feuchten Augen sein Weinglas verträumt vor sich hält und am Stiel dreht.
„Hinterhältig waren sie und gemein. Sie hatten keine Ehre...“
„Ja, ja. Sie haben diese Minen an Eure Panzer geheftet und wenn die Soldaten aus dem Wracks krochen, dann haben sie mit den Flammenwerfern geschossen. Das muss man sich mal vorstellen. Gemein waren sie bestimmt, diese Russen.“
Der General sieht Kalinka entgeistert an, die stillvergnügt in die Runde grinst und sich scheinbar gar nicht bewusst ist, dass sie ihrem Mann die Pointe gestohlen hat und damit gewissermaßen alles, was er jetzt sagen wird, bereits im Vorhinein entwertet hat.
„Kalinka!“, ruft er dann auch aus, in jenem Ton, in dem man einen übermütigen Hund zurückruft.
„Du weißt es doch. Ich habe es dir so oft gesagt“, sagt er mit einigen zornigen Bewegungen, doch sie fragt nur „was?“ und man sieht ihr an, dass sie nicht begreift, auf welche Weise sie seinen Zorn erregt hat.
„So geht die Geschichte doch, du hast sie so oft erzählt, dabei bist du doch schon beim ersten Angriff verwundet worden, dass müsstest du mal erzählen.“
Jetzt schaut sie mich direkt an.
„Das müsst ihr euch vorstellen. Es war ein solches Glück, dass er diesen grausamen Krieg sicher im Lazarett verbringen durfte. Er hat nämlich einen Granatsplitter in den linken Fuß bekommen und wäre die Versorgung nicht so gut gewesen, hätte er vielleicht einen seiner Zehen verloren. Stimmt doch, oder habe ich nicht recht?“
Sie blickt wieder hinüber zum General, lächelt ihm zu und man sieht in ihrem Blick, dass sie glaubt, nun wieder alles ausgebügelt zu haben, den anfänglichen Fauxpas, was immer es auch war, geschickt beseitigt zu haben und da alle schweigen, setzt sie noch hinzu:

„Es hätte ihn ja auch schlimmer treffen können. Stellt Euch mal vor, der Splitter hätte ein gutes Stück höher getroffen.“

Sie steigert mit den letzten Worten die Lautstärke ihrer Ausführungen , schreit das Wort ‚getroffen’ geradezu in die Runde und zeigt mit dem Finger unter den Tisch, unmissverständlich in Richtung des zornig bebenden Schritts des Generals, der inzwischen bleich geworden ist, nur mühsam seinen Zorn beherrscht, die Augen der Gäste absucht, um seine Wut auf jemanden richten zu können, der in Kalinkas nun explodierendes Lachen einfällt. In seinem Blick ist für einige Momente derart viel Wahnsinn, dass ich auf einmal Angst bekomme, Angst, dass er nach einer der edel verzierten Gabeln greift und in wahlloser Reihenfolge durch die Hälse der anwesenden Zeugen seiner Schmach sticht.
„Zerhackt“, denke ich und „Psychopath“, als die Augen des Generals eine Weile auf mir ruhen.
„Es ist doch allein schon Wahnsinn“, denke ich,
während ich dem General mitfühlend zunicke,
„dass er dieses Weib geheiratet hat, diese wahrgewordene Perversion einer gescheiterten Menschheitsidee.“
„Wo warst du, Gott“, frage ich mich
„als Kalinka ihren Weg in diese Welt gefunden hat, wo warst du, als sie aufwuchs und sich zu dem entwickelte, was sie nun ist, diese Karikatur
eines Menschen. Was ist ihr wohl widerfahren in ihrem Leben, das sie derart grob geformt hat, ohne Empathie, nahezu ohne Gehirn.“

„Ah, da kommt endlich das Fleisch“, ruft sie auf einmal und reißt mich aus meinen Gedanken.
„Meinst du, es ist Schwein, Adolf, meinst du nicht auch, dass es nach Schwein riecht?“

Es ist kein Schwein, dass der Diener nun auf seinem Servierwagen in den Raum fährt, sondern eine kunstvoll verzierte Ente, die mit allerlei Gemüse und schwer erkennbaren bunten Dekorationen auf einer silbernen Platte liegt. Der Diener versteht sein Geschäft meisterlich und nähert den Servierwagen vorsichtig jedem einzelnen Gast und säbelt mit routinierten Bewegungen und einem blitzenden Messer einzelne Stücke auf die vorgewärmten Teller. Dazu gibt es dampfende Klöße und ein rotes Kraut, das aber kein Rotkraut ist, wie die Gastgeberin versichert, obwohl es wie Rotkraut riecht und wie Rotkraut schmeckt.
Es wäre nahezu ein Festessen, wenn nicht der Hang dieser ambitionierten Küche hin zu exotischen Speisen so dominant wäre. So gibt es zu der Ente, die an Zartheit und Saftigkeit des Fleisches nahezu unübertrefflich ist, eine rötliche Orangenschalensauce, die den gesamten Geschmack des Fleisches ertränkt.
„Ihr müsst die Sauce probieren“, sagt die Gastgeberin.
„Die Sauce ist etwas ganz Besonderes. Ich habe sie das erste Mal gegessen, als ich damals mit Vater in Indien war.“
Dann schweigt sie auf einmal, denkt wohl an ihren Vater und da ihr nichts einfällt, was sie dem hinzufügen könnte, steht sie erneut auf und füllt die Weingläser nach.
Der Diener hat inzwischen Kalinka erreicht, die ihn bereits mit einigen winkenden Bewegungen und einem misslungenen Fingerschnippen auf ihren leeren Teller aufmerksam gemacht hat und ihn nun, immer wenn er sich gerade wieder zurückziehen will, auffordert noch ein weiteres Stück Fleisch, noch einige Klöße und noch mehr von dem roten Kraut, das kein Rotkraut ist, auf ihren Teller zu laden. Ich beobachte den Diener genau und bin mir sicher etwas Missbilligendes in seinem Gesicht zu entdecken, doch er scheint zu routiniert und zu erfahren, um sich seinem Gast zu widersetzen, während er ihren Teller volllädt, so als gäbe es kein Morgen.
Ich kann meinen Blick nicht von diesem Teller wenden, auf dem sich die verschiedenen bunten Säfte miteinander vermischen, so wie Öl glänzt es, das sich auf einer Pfütze angesammelt hat. Kalinka greift nach ihrer Gabel und streicht das Ganze glatt, zerkleinert die Klöße, wobei das eine oder andere Stück des roten Krautes neben ihrem Teller auf die einst blütenweiße Tischdecke fällt.
Dann beugt sie sich hinunter und beginnt mit lauten, nahezu obszönen Geräuschen das Ganze anzupusten, so dass es besser abkühlen kann und schaufelt es dann mit weitausladenden Bewegungen in ihr Gesicht.
„So sieht es in deinem Magen aus“,
denke ich, während ich noch immer wie erstarrt auf ihren Teller blicke,
dann hinüber zu meinem, auf dem die einzelnen Speisen fein säuberlich nebeneinander, aber getrennt voneinander, angerichtet liegen.
„Einen guten Appetit wünsche ich euch allen“,
sagt die Gastgeberin, die inzwischen alle Gläser wieder aufgefüllt hat, so als wären wir alte Freunde.
„Auf die gefallenen Kameraden“, donnert der General und nun beginnen auch wir anderen zu essen, während Kalinka kurz und schuldbewusst aufblickt, dann mit den Schultern zuckt und ihre Nahrungsaufnahme fortsetzt.


Toilettengang

„Das Wichtigste ist die Verarbeitung der Stahlträger“, sagt der Architekt gerade zu seiner Frau „Denn wenn die Qualität der Verarbeitung der Stahlträger nicht hoch genug ist, dann fällt am Ende alles in sich zusammen wie ein Kartenhaus“, ergänzt er und lächelt, wahrscheinlich über die treffende Metapher, die er gefunden hat. „Darum prüfe ich, wenn das Material angeliefert wird, zunächst die Qualität der Stahlträger und die Stabilität der Verstrebungen. Man kann gar nicht oft genug betonen, wie wichtig die Qualität der Stahlträger ist“, sagt er und nippt an seinem Wein, so wie man an einer Tasse mit heißem Kaffee nippt.
Seine Frau nickt ihm zu, streicht verstehend über seinen dicken Arm, der wie ein unförmiges, behaartes Tier auf dem Tisch liegt und hört mit einem Ohr den Worten von Kalinka zu, die der Gastgeberin etwas über den Hauptdarsteller der Passionsspiele in Oberammergau berichtet.
Ich überlege mir gerade, wie ich mich in eines der Gespräche einbringen kann (obwohl ich dies gar nicht will, aber glaube, dass es von mir erwartet wird, von diesen Leuten, denen ich nichts schulde, die ich nicht kenne), als sich Kalinka erhebt, in einer Mischung aus Anstrengung und hilfloser Eleganz ihr Gewicht aus dem Sessel wuchtet. Sie flüstert dem General etwas ins Ohr und als nichts als Ablehnung in sein Gesicht tritt, sagt sie lauter und bestimmter, für alle verständlich: „das kriegt doch keiner mit.“ Dann zieht und schleift sie den General mit wankendem, alkoholisiertem Gang in Richtung des Balkons nach draußen, der sich zunächst voller Widerwillen wehrt, dann in sein Schicksal ergibt und ihr mehr gezwungen als freiwillig folgt. Ich folge ihnen mit dem Blick, bemerke die Konzentration, die Kalinka darauf richtet gerade und erhobenen Hauptes zu gehen, beobachte, wie sie sich auf der ächzenden Klinke der Balkontür abstützt. Dann stehen sie dort draußen, an der Brüstung, der General den Blick in die Ferne, Kalinka den Blick auf den General gerichtet, und man kann erkennen, wie er ein Stück zurückweicht, wie sie nachrückt, er wieder zurückweicht, bis es keinen Platz mehr zum Zurückweichen gibt, dann ergreift sie seinen Kopf mit beiden Händen, beugt sich ein Stück zu ihm hinunter und bevor ich den Blick verschämt abwende, glaube ich noch ihre Zungen zu sehen, als Schatten vor dem Mond, zwischen ihren beiden Gesichtern.
„Ich liebe sie“, hat der General gesagt und je länger ich darüber nachdenke, desto mehr verwundert mich seine Aussage und ich frage mich, wie er dies
gemeint hat und auf welche Art man Kalinka wohl lieben kann.


Während ich dort sitze und sie betrachte, ihre erlesene Kleidung, den ganzen Schmuck, denke ich, dass ich arm bin.
„Ich bin arm“, denke ich, „und ihr seid alle reich“, denke ich weiter und dann denke ich, dass sie alle bestimmt nie arm waren, arm wie ich es bin, dass sie allesamt privilegiert sind, während ich selbst nicht privilegiert und arm bin.
„Wenn ihr wüsstet, wie es ist arm zu sein“, denke ich weiter, „würdet ihr mich vielleicht verstehen, oder ich würde euch verstehen, aber ihr kennt nicht jenes Armsein, das ich kenne, das Überschlagen und Berechnen kleinster Beträge, über die ihr lachen würdet“, denke ich und wie um meinen Gedanken zu bestätigen, lachen auf einmal alle, ich weiß nicht worüber.
„Auch die Zeit verläuft anders, wenn man arm ist“, denke ich, während ich die beringten Finger von Kalinka betrachte, diese bunten Ringe, von denen jeder einzelne bestimmt kostbar genug ist, um mich einige Monate ernähren zu können.
„Ihr wisst doch nicht, wie es ist, wenn man bereits am 15. eines beliebigen Monats bereits die kümmerlichen Vorräte rationiert, wie man bereits am 15. dem 31. oder dem 1. entgegenfiebert, einfach um wieder einzukaufen, ihr wisst nicht wie es schmerzt, wenn sich eine Überweisung verzögert, weil eure Konten immer voller werden, egal wie viel ihr ausgebt, ständig wachsen; ihr freut euch über hohe Zinsen, die euch reicher und mich ärmer machen und trotzdem seid ihr hier, denke ich, hier wegen dem Testament und während ich hoffe, aus meinem alten Leben auszubrechen, finanzielle Sicherheit zu erlangen, wollt ihr euer altes, euer bereits privilegiertes Leben noch einmal bereichern, um eine Yacht, ein wertvolles Gemälde, oder einen bestimmten Sportwagen, in dem ihr euch jung fühlt, doch ihr seid nicht mehr jung, denke ich und muss darüber lächeln, dass ich jung bin, obwohl ich arm bin und dass es ihnen unmöglich ist, diese Jugend durch ihren Reichtum zu erkaufen.
„Ihr wisst nicht mehr, wie es ist jung zu sein“, denke ich so wie ich nicht weiß, wie es ist reich zu sein.“

„Venedig ist aber doch so eine hässliche Stadt“, sagt gerade Kalinka, als ich mich wieder auf die Gesellschaft und das Gespräch konzentriere.
„überall stinkt es wegen dem ganzen Wasser, dass dort diese komische dunkle Farbe hat und es war auch überhaupt gar nicht romantisch, wegen den ganzen Touristen.“
Sie betont das Wort „Touristen“ auf eine derart abschätzige Art, dass direkt ersichtlich ist, dass sie sich selbst nicht als Tourist betrachtet und ich frage mich, wie sie zu dieser unverschämten Überheblichkeit fähig ist, stelle sie mir vor, wie sie vorne in einer dieser Gondeln sitzt, wahrscheinlich in einem ihrer bunten Sommerkleider, den Fotoapparat fest umklammert in ihren dicken beringten Fingern, um jede noch so kleine Nichtigkeit auf dem Film zu bannen und ich kann mir geradezu vorstellen, wie sie die Nase rümpft über jenen Geruch und ich denke dann, dass es nirgendwo romantisch sein kann wo sie ist, dass jeglicher kleiner, noch so zarter Trieb von Romantik welkt und zerfällt in ihrer alles erdrückenden Gegenwart. Ich selbst war noch nie in Venedig, denke ich dann und es gehört auch nicht zu den Zielen, die ich mir manchmal, wenn ich von Reichtum und Freiheit geträumt habe, ausmalte.
„Das Essen ist dort auch so schlecht“, sagt sie weiter, überall Fisch und ich mag keinen Fisch, weil da diese ganzen kleinen Knochen drin sind. Wie heißen diese kleinen Knochen noch mal, Adolf, diese kleinen Knochen, die immer in den Fischen sind?“
„Gräten“, sagt der General und schweigt wieder und Kalinka ruft voller Begeisterung über dieses fremde Wort:
„Ja, Gräten!“ und dann
„Warum heißen die eigentlich so?“
Niemand am Tisch weiß eine Antwort, auch ich nicht, außer eben der Antwort, dass Gräten eben Gräten heißen, weil irgendjemand ihnen irgendwann einmal diesen Namen gegeben hat.
„Ich will nie wieder nach Venedig“, sagt Kalinka abschließend und auch der General nickt.
„Aber das Besondere an Venedig sind doch seine Brücken“, bringt sich der Architekt auf einmal in das Gespräch ein und ich blicke hinüber zu seiner Frau, die eben noch beklagte, dass er ständig über Brücken spricht, nun aber, ähnlich der Gastgeberin in Weinrausch und lethargischer Resignation versunken schweigt  und hinaus auf den Balkon blickt, mit einem seltsamen Blick, der derart resigniert wirkt, dass ich ein wenig Angst verspüre, dass sie sich erhebt, nach draußen tritt und über die Brüstung springen wird.
„Es gibt dort Brücken aus den verschiedensten Materialien, aus den verschiedensten Zeiten und überhaupt auf die verschiedensten Arten errichtet“, sagt der Architekt und seine Augen haben wieder jenes Glühen, dass seine Begeisterung verrät.
„wenn man Venedig nach seinen Brücken beurteilt, ist es eine ganz besondere Stadt, wenn nicht die besondere Stadt hier bei uns in Europa und Venedigs Brücken sind es doch auch, die diese Stadt so romantisch machen, weißt du noch, Vera, , wie wir auf der Brücke in Venedig standen und die Architektur bewunderten?“, fragt der Architekt hinüber, zu seiner Frau, die erschöpft nickt, aber weiterhin nach draußen über den Balkon hinweg in den Sternenhimmel blickt.
„Vielleicht ist Venedig ja durch seine Brücken etwas besonderes“, sagt Kalinka versöhnlich und ich bin überrascht über diese Versöhnlichkeit,
„aber es stinkt da ja, wegen dem fauligen Wasser und überall sind diese Touristen“,
„überall ist es schmutzig“, sagt sie und nimmt einen großen Schluck aus ihrem Bordeauxglas dessen Rand über und über mit ihrem rosa-roten Lippenstift verschmiert ist.
„ich fand Venedig schön“, sagt die Gastgeberin, doch sie sagt es so leise, dass es niemand
versteht oder überhaupt mitbekommt, niemand außer mir und da ich nicht auf ihre Worte eingehe –was sollte ich auch sagen?- versinkt das Thema Venedig nach einer Weile.


In einem geeigneten Moment der Stille, als für einige Sekunden niemandem mehr eine Nichtigkeit aus seinem eigenen Leben einfällt, die er an die Nichtigkeiten eines anderen Lebens reihen könnte, in einem Moment also in dem die ewig scheinende Assoziationskette aus Nichtigkeiten und geheucheltem Interesse abreißt, entschuldige ich mich und frage die Gastgeberin nach dem Weg zu den Toiletten. Es ist eine einfache Beschreibung, die sie mir gibt, hinaus durch die Flügeltüren, ein Stück geradeaus, die dritte Tür links und nachdem ich noch ihr Angebot, mir den Weg zu zeigen, höflich abgeschlagen habe, erhebe ich mich schwerfällig und schreite in die Richtung eben jener Flügeltüren, während ich mich um einen geraden und aufrechten Gang bemühe. Eben in jenem Moment, als ich der Gesellschaft bereits den Rücken zuwende und die Hälfte des Weges zu den Türen überwunden habe, spüre ich auf einmal eine seltsame Anspannung, die sich im Raum ausbreitet und obwohl tatsächlich noch immer alle schweigen, wirkt es auf einmal so, als wolle jeder etwas sagen, so als würden sich nur alle zurückhalten und auf den geeigneten Moment warten, eben jenen Moment, in dem ich die besagten schallschluckenden Flügeltüren hinter mir schließe. Es ist jenes Gefühl, dass mich beschleicht, dass man hat, wenn ein Gespräch verstummt, wenn man einen Raum vertritt, nur irgendwie verkehrt, da ja alle scheinbar darauf warten, dass ich den Raum verlasse und schweigen.
„Du musst vorsichtig sein“, denke ich, als ich die Hand auf die Klinke lege und mich im Stillen dafür verfluche, dass ich betrunken bin, unleugbar betrunken, wobei ich eigentlich wachsam sein sollte, denke ich, als ich den Raum verlasse und auf den Flur trete.
„Das sind nicht deine Freunde“, sage ich mir, als ich die Flügeltüren schließe und der Versuchung widerstehe mein Ohr an das Holz zu pressen. Als ich über den Flur gehe und mich dabei darauf konzentriere meinen Gang nicht nach links oder rechts ausbrechen zu lassen, passiere ich eine Tür, die nur angelehnt ist und da ich von Natur aus neugierig geboren bin, werfe ich einen Blick in den Raum. Ich sehe nicht viel, denn es ist dunkel. Alle Fenster sind mit dicken schwarzen Vorhängen verhangen, kein Tageslicht dringt von draußen hinein, die einzige Lichtquelle ist eine auf antik getrimmte Schreibtischlampe, vor der sich die Silhouette eines Menschen abhebt, der weit nach vorne gebeugt an einem Sekretär sitzt und unablässig kleine Bewegungen mit der Hand ausführt, scheinbar etwas schreibt.
„Ein wenig ungewöhnlich ist dies schon“, denke ich und frage mich, wer dies sein könnte, in welchem Verhältnis dieser Mensch wohl zu meinem verstorbenen Verwandten, zu der Gastgeberin oder sogar zu mir stehen könnte, aber dann sage ich mir, dass ich ja nichts weiß, über die Gastgeberin und ihr Haus und somit auch nichts wissen kann über jene Person, die dort so emsig schreibt, für die dies vielleicht Alltag ist und ich sage mir, dass für diese Person meine Anwesenheit an diesem Ort sicherlich erheblich befremdlicher und ungewöhnlicher sein muss, als seine Anwesenheit es für mich ist. Ein seltsames Gefühl bleibt trotzdem zurück, als ich schließlich vor jener Tür stehe, auf der ein Knabe, dessen Allerweltsgesicht das jener unzähligen kitschigen Weihnachtsengelfiguren ist, in Gold gegossen seinen Urin in einen ebenfalls goldenen Topf leitet,; darüber prangen die Buchstaben „WC“.
„Wie geschmacklos“, denke ich als ich in den gekachelten Raum trete und habe den schreibenden Schatten vergessen.

Das Badezimmer ist von der gleichen Beschaffenheit wie der Rest des Hauses.
„Auch hier haben ungeheurer Wohlstand und ungeheure Geschmacklosigkeit ineinandergefunden“, denke ich, als ich jene Fliesen betrachte, die in einer wunderschönen dezenten Farbe die Wand bedecken, in die aber aus mir unerfindlichen Gründen, knallrote Kirschen mit grünem Stil eingraviert worden sind, die einen armseligen Kontrast zu den vergoldeten Hähnen und dem hölzernen Toilettensitz aufspannen, der bestimmt aus Mahagoni
oder irgendeinem anderen edlen Tropenholz gefertigt worden ist.
Nachdem ich es dem goldenen Knaben gleichgetan habe, stehe ich noch eine Weile vor dem großen goldgefassten Spiegel und blicke in meine eigenen suchenden Augen.
„Carl Monhaupt“, sage ich leise und betrachte mich dabei, wie ich es sage.
„Carl Monhaupt“, sage ich noch einmal, in einem anderen Tonfall und lege dabei die Stirn in energische Falten.     


Selbstreflexion

Ich sitze wieder am Tisch, an meinem Platz und ich fühle mich schlecht.
Eben noch, als ich dachte, dass der General nichts als ein boniertes Stück Abschaum, ein Relikt dunkler Zeiten ist, da habe ich mich über ihn erhoben gefühlt, habe seine Ausführungen zwar angehört, aber zugleich auch nicht wirklich angehört, da sie mir von vornherein durch seine Ideologie entwertet schienen, bedeutungslos für mich, wie ein Zeitungsblatt im Wind.
„Das gleiche gilt auch für Kalinka, deren Ideologie nichts als Dummheit ist und aus ähnlichen, aber weniger ersichtlichen Gründen auch für den versammelten Rest der Gesellschaft“, habe ich gedacht und auf einmal so etwas wie Demut gefühlt, die mit einer tiefen Traurigkeit einhergeht, die mich aus dem Nichts überfallen hat.
„Einsam bist du, Carl Monhaupt.“, denke ich und sage mir, dass abseits ihrer Verschrobenheit und Unwissenheit, in der sie alle Fleisch sind, da doch etwas ist, das mir fehlt, dass sie etwas haben, das mir fehlt, etwas das sie verbindet, mich aber gleichsam ausschließt, so dass ich nichts als fremd bin.
„Fremd bist du, Carl Monhaupt“, denke ich und frage mich dabei, was es denn wohl ist, dass mir das Gefühl gibt, über jenen zu stehen, in deren Runde ich sitze.
„Worauf bilde ich mir etwas ein“, denke ich weiter, „ich, der ich, wenn man es schonungslos betrachtet, nahezu erwerbslos bin, in überfüllten Hörsälen den Gedanken anderer lausche und selbst wenn ich argumentiere mit den Argumenten anderer spreche. So dekadent und hässlich das Sommerkleid von Kalinka auf mich wirkt, so armselig und abgetragen muss mein alter Reiseanzug auf sie wirken, so vulgär ich die Körperfülle des Architekten empfinde, so erbärmlich muss mein dürrer, an Entbehrungen gewöhnter Körper auf ihn wirken.
„Wo bin ich besser als ihr, die ich verachte“, frage ich mich und finde keine Antwort.
Dann muss ich wieder an Julia Rotbusch denken, was mich überrascht, weil ich
seit Jahren nicht mehr an sie gedacht habe, lediglich beim Betreten dieses Hauses, im Angesicht der Gastgeberin an sie denken musste.
„Wie sie dort hing, vor dem Schulgebäude, am einzigen Baum, den es auf unserem Schulhof gab und wie die ersten sie entdeckten, als wir schreiend und lärmend auf den Pausenhof stürmten. Wie sie dort hing, wie der Wind sie baumeln ließ“, denke ich und denke dann, dass es auch meine Schuld war, dass sie dort hing, dass sie sich bestimmt nicht das Leben genommen hätte, wenn ich nicht ihr Geschwulst an jenem Morgen davor mit krakeligen Strichen auf die Tafel gezeichnet hätte. Ich habe es aber nie jemandem erzählt, denke ich weiter und die anderen haben nur gelacht, weil das Bild auf der Tafel so hässlich so unförmig gewesen ist, dabei wollte ich ihr nicht einmal wehtun. Im Nachhinein kann ich nicht mehr sagen, warum ich es getan habe, denke ich und denke dann, das man in seinem Leben manchmal Dinge tut, von denen man später nicht mehr weiß, warum man sie getan hat. Das heißt aber nicht, dass es mir nicht leid tut, denke ich weiter und erinnere mich, wie der Hausmeister auf den Baum stieg und das Seil durchtrennte, an dem ihr kleiner, erbärmlicher Körper hing, wie ihr Körper fiel und wie die Lehrerin uns zurück in den Klassenraum trieb.
„Du hast böse Dinge getan, Carl Monhaupt“, denke ich und schüttele den Kopf unter dieser Erinnerung, greife nach meinem Glas und trinke einen großen Schluck aus dem Bordeauxglas.     

Derweil hat sich am Tisch eine heftige Diskussion entfacht, weil Kalinka, zwischen zwei Bissen, die Behauptung in die Runde geworfen hat, dass die Armut der dritten Welt daraus resultiere, dass die schwarzen Menschen einfach fauler und unkultivierter wären als die weißen und der General unterstützt ihre Meinung mit einem andauernden Nicken, entweder um ihre überschäumende Dummheit nicht zu entlarven, oder, weil er tatsächlich glaubt, Teil einer von Natur aus privilegierten Rasse zu sein.
„Die Schwarzen sind doch selbst schuld“, ruft Kalinka gerade.
„Genau wie die Muslime.“
Entrüstet wiederum reagiert der Architekt, der immer wieder sagt,
dass die Schwarzen gute und fleißige Arbeiter wären, was er selbst, höchstpersönlich, bei einigen Bauprojekten beobachtet habe. Seine Frau, die ich zu jenen rechne, die zumindest aus Langeweile in den 68ern wohl an zahlreichen Demonstrationen teilgenommen hat, kennt wiederum die Argumente, der damals linken Szene  und hat sich auch einige populistische, aber gleichsam wahre Argumente gemerkt, die aber den Verständnishorizont von Kalinka überfordern.
„Die Schwarzen sind gute und fleißige Arbeiter“,
ruft gerade wieder der Architekt, während seine Frau mehrmals, aber ohne Reaktion, „die offenen Wunden Lateinamerikas“, sagt, und dabei die kleinen Pausen in dem Monolog ihres Mannes nutzt.
Ich verstehe, was sie meint, so verworren sie es auch darlegt, kenne jene globalisierungskritischen Ansätze sowohl aus dem Studium, als auch aus privater Lektüre, doch ich scheue mich davor, mich in diese Diskussion einzubringen, obwohl sie mir desöfteren einen gleichsam fragenden und fordernden Blick zuwirft, einen Blick, der besagt, dass ich Farbe bekennen soll. 
Gerade kämpfe ich mit mir, ob ich dem Folge leisten soll, als auf einmal die Gastgeberin das Wort erhebt, die bisher stillschweigend das ganze Geschehen recht teilnahmslos beobachtet hat.
Sie fragt, ob wir nicht alle, nachdem wir nun gesättigt seien, ihr nicht in das gemütliche Kaminzimmer folgen wollen.
„Natürlich können wir auch hier bleiben“ sagt sie,
„aber auf Dauer ist doch das Kaminzimmer gemütlicher. Und es ist ein besonderes Kaminzimmer“, sagt sie, „weil einst sogar Bismarck, höchstpersönlich, in diesem Kaminzimmer gesessen hat.“
Dies überzeugt die anderen und die Diskussion über die Schwarzen ist vergessen. „Fleißige Arbeiter“, flüstert lediglich der Architekt noch einmal gut hörbar seiner Frau zu und da niemand widerspricht erheben wir uns gemeinsam während Kalinka in geheucheltem historischem Interesse die Gastgeberin fragt, wer denn Bismarck gewesen sei. Der General seufzt laut vernehmbar und wir erheben uns alle, folgen den beiden Frauen, welche durch die Flügeltüren nach draußen in den Flur treten.


Kaminzimmer

Wir  sind in einen anderen Raum gegangen, gemeinsam, wie eine kleine Prozession und ich muss an Thomas Bernhard denken, als ich im Kaminzimmer
im Ohrensessel sitze und mein Blick immer wieder von den flackernden Flammen angezogen wird, die aus dem sorgfältig aufgeschichteten Reisig und Holz brechen, welche der Diener mit einem langen Kienspan entzündet hat, bevor er sich zurückzog. „Wie in jenem Buch habe ich das Gefühl, dass ich hier falsch bin“, denke ich und wende meinen Kopf wieder in Richtung meiner Gesellschaft. Die Gastgeberin hat sich erhoben, schreitet den zum Kamin passenden Kaminzimmertisch ab und füllt mit bereits zittriger Hand die teuren Bordeauxgläser. „Es war eine Brücke, wie ich sie nie zuvor gesehen habe“, sagt gerade der Architekt, „ein Meisterwerk der Planung und der Organisation und ihr hättet die Metallträger sehen sollen, die sie verwendet haben. Die hohe Qualität der Verstrebungen, welche mir direkt ins Auge sprang. Ein Wunder von einer Brücke.“ 
„Carl“, sagt auf einmal die Gastgeberin und da ich nicht damit gerechnet habe, dass sie das Wort an mich richtet und zudem auch noch diese vertrauliche Anrede wählt, reagiere ich nicht direkt und sie sagt noch einmal „Carl“, mit einer Vertrautheit, die mir unangenehm ist.
„Ja“, sage ich und bemerke wie sie zögert, dass es ihr unangenehm ist, mich anzusprechen, doch dann fasst sie sich ein Herz und sagt:
„ich habe gehört, dass DU Geige spielen kannst und ich wollte fragen, ob DU, wenn es DIR nichts ausmacht, ein wenig für uns spielen würdest. Das ist natürlich keine Verpflichtung und niemand würde es DIR übel nehmen, wenn DU es ablehnst, kommt dies doch alles recht überraschend und DU hattest ja auch gar keine Zeit zur Vorbereitung, aber es wäre eine große Freude für mich.“
„Wie ich DICH hasse“, denke ich, denn mit ihren Worten ist es nun doch eine Verpflichtung geworden und durch ihre Aufzählung der möglichen Ausflüchte, hat sie mir zudem jede Möglichkeit der Ausflucht genommen. 
„Gerne spiele ich euch ein Stück.“


Geigenpassage

Ich warte noch ein wenig, bis ich glaube, dass ich mir ihrer Aufmerksamkeit tatsächlich sicher sein kann und wirklich breitet sich, nach einigen energischen Blicken meinerseits und dem einen oder anderen stummen, entschuldigenden Nicken ihrerseits eine fragile aber fast vollständige Ruhe aus. Ich habe mich ein Stück abseits von ihnen gestellt, die Augen nun geschlossen und versuche meinen Platz in dieser Ruhe zu finden. Diese Ruhe ist mir wichtig und genauso, wie die geschlossenen Augen, Teil meines Rituals, dass ich unbedingt benötige, bevor ich spiele, weil ich es immer so getan habe. Bereits in den Anfängen meines Spiels, damals, als das Wort Ouvertüre noch fremd und unbegriffen war, habe ich es so getan, die Augen geschlossen, bis ich in der Stille den Anfang meiner Melodie fand. Ab diesem Punkt war es mir immer egal wer vor mir saß, die Großeltern, ohne Regung, Arm in Arm, wie in Stein gegossen, die Mutter, die bereits bei den ersten Klängen ihre Tränen der Rührung nicht mehr zurückhalten konnte, der Vater, dessen Aufmerksamkeit ich mir nie wirklich gewiss sein konnte und der gerne die Zeit während meines Spiels nutzte, um sich noch einige berufliche Details, die ihm dann oft einfielen, in sein Notizbuch zu notieren, der Geigenlehrer, der immer im Takt mit seinem Stock durch die Luft fuhr, wie um die Fehler und Ungenauigkeiten aus dem Stück zu fischen. 
Alle diese Gesichter verschwammen stets, wenn ich die Augen schloss, wurden blasser und farbloser, bis sie in ihre kleinsten Pigmente zerfielen und es nur noch mich gab, mich und die Melodie, die nur aus der vollkommenen Stille heraus erwachsen konnte und bis heute kann. Gerade habe ich den Moment gefunden, nähere den Stock vorsichtig, aber bereits in Erwartung des ersten Tones den Saiten an, als ein seltsames Geräusch meine Konzentration zerreißt und ich den Geigenstock wieder sinken lasse. Die wundersame Leere, das absolute Schwarz in meinem Blick implodiert und obwohl ich die Augen noch immer geschlossen halte, die Lider sogar noch fester aufeinander presse, sehe ich Kalinka vor mir und wie ein besonders ekelhafter Schluckauf ihren Körper zum Schwingen bringt, und dann wieder dieses Geräusch, wie das Gebelle eines vergifteten Hundes. Ich warte noch einen Moment, hoffe, dass das Dunkel zurückkehrt, die Stille, die Konzentration, die ich benötige, doch da ist es wieder, dieses Geräusch und als würde es nicht reichen, um ihre Taktlosigkeit zu verdeutlichen, bricht sie auf einmal in ein stockendes Lachen aus, so wie man lacht, wenn man die betretene Beklemmung der anderen in etwas anderes verwandeln möchte und sei es auch nur Mitleid, aus dem heraus die anderen über die Makel ihres Körpers lachen. Und immer noch lacht Kalinka, hell und tief, zart und rau, immer wider durchbrochen, von jenem Glucksen und tiefen, pfeifenden Atemzügen, mit denen sie Luft durch ihre beengten Lungenflügel presst. Ich hätte es wissen müssen und wahrscheinlich habe ich es gewusst, weiß es jetzt und denke, wie wahnsinnig doch diese Hoffnung war, dass es möglich wäre ein Stück Kultur in diese dekadente Gesellschaft zu tragen, doch ich will auch nicht aufgeben, möchte nicht diese Partitur, die Note um Note ihren Platz in meinem Herzen gefunden hat, vor diesen tierischen, schamentleerten Lauten verstecken, die aus dem Magen von Kalinka, diesem Hohlkörper der Boniertheit in die Stille des Raumes dringen. So warte ich, halte meine Augen geschlossen, lausche auf die harten, klopfenden Geräusche, als wahrscheinlich der General mit der flachen Hand auf ihren Rücken schlägt und wünsche mir, dass er fester schlägt, dass er den Punkt in ihrem Rückrad findet, an dem dieser monströse Körper verwundbar und schwach ist, die Achillesferse dieses Drachens und dann ist es auf einmal still, zwei Sekunden, drei Sekunden und ich begreife meine Chance, setze den Stock an, lasse ihn über die Saite gleiten und genieße jenen ersten Ton, der immer der gleiche ist, weil er sich zu erhaben aus dem Instrument erhebt, um klassifiziert zu werden. Schnell findet jeder Finger seinen Platz, jene vertraute Stellung, in der sie Tausende von Malen die Saiten strafften, führe den Bogen, ziehe den Ton in die Länge, so dass der zarte Klang meiner Geige den Raum füllt und ich kann mich konzentrieren, es gelingt mir alles zu verdrängen, was fremd ist und ich öffne die Augen.     

Ich habe den Weg in mein Spiel gefunden, bin eins mit meiner Geige, aus Fleisch wird Holz und aus Holz wird Fleisch, ich habe das Gefühl richtig zu handeln, jene Genugtuung die entsteht, wenn man die schwierigen Passagen meistert, improvisiert, Töne trifft, die so schwer zu treffen sind und als mein Blick über die Gesellschaft streicht, erkenne ich, dass dies in Teilen auch wahrgenommen wird. Die Frau des Architekten, die augenscheinlich am meisten Verständnis und Zugang zur klassischen Musik besitzt, bekommt feuchte Augen, die Gastgeberin folgt mit dem Kopf dem vorgegebenen Takt selbst der General schenkt mir ein huldvolles Lächeln, dass so viel besagt, dass mein Spiel ihn zumindest nicht stört. Auch Kalinka hat ihren Schluckauf überwunden und glotzt mich an wie ein Schimpanse, den man unversehens mit seinem eigenen Spiegelbild konfrontiert und wieder schließe ich die Augen, bereite mich auf den schwierigsten Teil des Stückes vor, jene Passage, in der ich nicht nur jeden einzelnen Ton, sondern auch Lautstärke und Tempo in kompliziertester Kombination zur Harmonie führen muss und kann und dann kommt er, jener Moment, in dem ich mich in meinem Spiel verliere, jener Zustand, der immer der Bote höchster Kunst ist, jenes Gefühl, dass ich keinen Einfluss mehr habe, nichts mehr bin als ein Medium, dass die Eingebung von irgendwo empfängt, um sie unbegriffen, unreflektiert und rein, an die anderen weiterzugeben, die keinen Zugang zu jenem Ort haben, der für mich Inbegriff jeglicher Form von wahrer Inspiration ist, meine Gedanken sind weit fort, mein Körper mechanisch, jene göttliche Leere umfängt mich und gibt jeder Reflexion freies Spiel. Ich erinnere mich, wie ich durch den Wald renne, hinter mir sind Stimmen, viele Stimmen, die meinen Namen rufen, die meinen Namen schreien, überall ist das Knacken von Ästen und das Brechen von Zweigen unter feindlichen Kinderfüßen. Es ist mein Vorteil, dass ich den Wald kenne, seine Verstecke kenne, doch vielleicht ist es auch mein Fluch, da ich ansonsten nicht flüchten müsste. Ich kenne die Gesichter derer, die mir folgen, kenne sie alle, denn es sind meine Schulkameraden, diejenigen, die mich hassen, weil ich schwach bin, genau wie diejenigen, die mich jagen um sich zu profilieren, zu zeigen, dass sie stark sind, eben wie jene, die es aus Langeweile tun. In der Nähe höre ich bereits den Bach, der am Eingang meines Versteckes den Wald in zwei Teile schneidet und den man ohne weiteres mit einem beherzten Sprung überwinden kann, renne, atme Feuer, Hügel empor, Hügel hinunter, kein Blick nach hinten, weil ich weiß, dass sie dort sind, stolpere fast über eine Wurzel, doch ich fange den Sturz ab, weiche einem tiefhängenden Zweig aus, Schlamm spritzt über meine nackten Schienbeine. Dann, endlich, erreiche ich mein Versteck, renne einfach weiter, hinein, durch tiefhängende Äste und Dornenranken, die blutige Kratzer in mein fliehendes Fleisch reißen, lasse mich fallen, lausche auf meinen keuchenden Atem, der sich in der Geborgenheit des Versteckes langsam beruhigt, lausche auf die Rufe der anderen, die sich in die verschiedensten Richtungen zerstreuen, rolle mich zusammen, wie ein verwundetes Tier, weine dicke, salzige Tränen, spüre, wie sich mein Körper langsam beruhigt und träume davon einmal jener zu sein, der jagt, Teil jener zu
sein, die gemeinsam ihr Opfer hetzen.
„Ich möchte mich nie wieder verstecken“,
denke ich, atme tief durch und setze den Geigenstock ab, öffne die Augen und blicke in die Gesichter der versammelten Gesellschaft.


Exegese

Es bleibt einige Momente still und ich nutze diese Stille um meine Geige dem wartenden Diener auszuhändigen, der sie wohl wieder zurück an ihren Ort, in meinen Koffer, zu meinen privaten Sachen legen wird. Ich warte auf ein Wort der Anerkennung, auf ein Wort der Kritik, doch es bleibt weiterhin still und da ich nicht der erste sein möchte, der etwas sagt, nachdem ich für sie gespielt habe, schweige ich auch, warte und schweige, während man der Gesellschaft ansieht, dass sie im stillen Einverständnis überlegt, wer wohl der erste ist, der einen Satz zu meinem Spiel hervorbringt, der es tadelt oder lobt. Schließlich, als sich kein anderer findet ist es überraschenderweise der General, der das Wort an mich richtet und in einem seltsamen Tonfall, der irgendwo zwischen falscher Gerührtheit und harscher Entrüstung versucht die richtigen Worte zu finden.
„Sehr originell“, sagt er und ich frage mich, was er wohl damit meint, ob dies bedeutet, dass er mein Stück nicht verstanden hat, das es ihm nicht gefiel, oder dass er neben seinem übersteigerten Selbstbewusstsein tatsächlich ein lobendes Wort gefunden hat.
„Danke“, sage ich und verneige mich, wobei ich denke, dass es falsch ist sich zu verneigen, und das der Körper so etwas wie eine Maschine ist, dass ich mich verneigt hätte egal was er gesagt hat.
Mit einem mal überwindet die Gesellschaft aber nun ihre Sprachlosigkeit.
„Mir hat es auch gefallen“, ruft Kalinka, mit einer Stimme, die so klingt, als wolle sie nicht die letzte sein, die etwas sagt und während sie dieses etwas artikuliert, streicht sie sich, in obszöner Selbstvergessenheit einen dicken Schweißtropfen, tiefer in ihr faltiges Dekolleté.
„Ihr Stück erinnert mich an eine Brücke“, setzt der Architekt an,
„eine Brücke die sich entgegen der menschlichen Vorstellungskraft, zusammengesetzt aus den feinsten Trägern und Verstrebungen über die Phantasie spannt, diese Melodie, sie..“
„Ach Fridolin“, unterbricht ihn auf einmal seine Frau und vor Erstaunen bleibt der überkronte Mund des Architekten eine Weile offen, so dass er nur noch die Hände auf die Wangen zu legen bräuchte, um das wohl bekannteste Gemälde von Munch detailgetreu nachzustellen.
„ich kann es nicht mehr hören“, setzt seine Frau hinzu. Ständig diese Vergleiche mit Brücken, alles dreht sich bei dir um Brücken, um Verstrebungen um Schrauben und Maschinenöl. Wir haben so oft darüber gesprochen, kapierst du eigentlich nicht, was ich sage. Das ist mir peinlich, unangenehm und es ist so primitiv.“
Alle schweigen wieder, nur der General kann ein aufkommendes Lachen nicht mehr rechtzeitig ersticken, während der überraschte Architekt, mit noch immer offenen Mund schwer Luft holt, wahrscheinlich überlegt, wie er sein Ansehen bewahren kann, wie es gelingen kann, das Gesagte ungeschehen zu machen und da ihm wohl nichts anderes einfällt, misst er seine Frau mit einem verachtend langen Blick und flüstert ihr etwas ins Ohr, dass sie erbleichen lässt.
Man sieht seinem fetten Kindergesicht sofort an, dass er es bereut, ebenso wie man der versteinerten Mine seiner Frau entnimmt, dass er etwas gesagt hat, was die Gemeinheit ihrer Worte bei weitem überstiegen hat und tatsächlich, steht sie auf, misst ihn voller Abscheu und sagt:
„Hast du dir denn jemals die Frage gestellt, woran das liegt? Du pflegst dich nicht mehr, badest vielleicht einmal manchmal zweimal die Woche, und du bist dick geworden. Wie soll ich da diese Karikatur von dem, was du einstmals warst in irgendeiner Form begehrenswert finden. Da ist nichts mehr, nichts als Ekel und Gewohnheit.“
Dann ist es einige Zeit still, ungewöhnlich still, wahrscheinlich, weil niemand weiß, was für ein Satz hinter die Demütigung des Architekten passen würde und ich komme nicht umhin, in diesem Moment der Stille, für mich das mit Bildern zu illustrieren, was die Frau des Architektin gesagt hat.
„Ekel und Gewohnheit“, denke ich und stelle mir den kleinen dicken Mann nackt vor, nackt und mit flehendem Blick.
„Wie tief kann ein Mann sinken“, denke ich weiter und betrachte ihn genau, während er nach draußen, auf den Balkon starrt und mit einem aufgeregten Zwinkern der Augen versucht die Röte aus seinem Gesicht zu treiben.   
Ich frage mich, was er jetzt wohl denkt, er der alles in gewaltigen Kategorien bemisst, der überall Brücken und Stahlträger sieht. Wie es wohl ist, wenn man die gewaltigsten Projekte realisiert, Wassermassen anstaut, Dörfer versetzt und gegen die Natur kämpft, aber gleichsam nichts als Ekel und Gewohnheit ist. Dann schweigen beide wieder, sie sieht ihn nur drohend an und ich entnehme ihrem Blick die offensichtliche Drohung, die Gewissheit, dass dort noch mehr ist, das ihn noch umfassender demütigen könnte, dass sie nur auf ein weiteres falsches Wort, eine falsche Regung seines geröteten Gesichtes wartet um ihm den Todesstoß zu geben, während er, wie ein gehetztes Tier von Gesicht zu Gesicht blickt, so als gäbe es noch Hoffnung, dass jemandem seine Demütigung verborgen geblieben ist. Man kann förmlich fühlen, wie sich seine kleinen runden Fäuste unter dem Tisch öffnen und ballen, öffnen und ballen, im Takt seines gepresstem Atems.
Kalinka blickt mitleidsvoll zu ihm hinüber, so wie man ein krankes Tier im Zoo durch die Gitterstäbe betrachtet und ich denke mir, dass das Mitleid von Kalinka mehr schmerzen muss, als jede Herabwürdigung durch die Frau des Architekten, die ihn noch immer anstarrt und deren Blick er sich noch immer nicht zu erwidern getraut 

„Ob es wohl Absicht war, ihn derart bloßzustellen“, frage ich mich und denke dann, dass einem spontan keine Wörter einfallen können, die derart treffend und verletzend Wunden in seinen wohlgenährten Leib reißen können, dass ich nicht glaube, dass seine Frau derart schlagfertig und grausam ist, eine solche Aussage spontan und ohne Hintergedanken zu äußern, doch kann es sein, dass sie es geplant hat, dass sie Worte zurechtgelegt, wieder verworfen, an dem Messer ihrer Aussage gefeilt und geschliffen hat, um sie ihm nun – denn dies war tatsächlich ein Dolchstoß – in einem Moment der Vertrautheit in den Rücken zu rammen. Ich blicke hinüber zu seiner Frau, Vera, und man kann nicht sagen, dass sie unglücklich aussiegt, oder dass es ihr leid tut, was sie gesagt hat. Sie hält den Kopf auffallend hoch erhoben, wirkt geradezu, als hätte sie einen Sieg errungen, den niemand übersehen soll.
„Ich fand das Bild mit der Brücke schön“, sagt auf einmal Kalinka und
zwinkert dem Architekten zu, „und“,
während dieser sie fassungslos anschaut,
„und ich bade ich auch nur zweimal in der Woche“, kann sie sich nicht zurückhalten, hinzuzusetzen, so als ginge es hier um die Ehre all jener, die nur zwei mal in der Woche baden.“
„und du bist auch noch fetter als der Architekt“, führe ich den Satz in meinem Kopf fort und kann es nicht unterdrücken zu nicken, was aber der Gesellschaft unbemerkt bleibt.
So schweigen alle eine Weile und ich frage mich, ob sich nun jeder vorstellt, wie Kalinka ihren nackten Körper in die Badewanne wuchtet, die fetten angespannten Oberarme auf einem dieser Metallträger abgestützt und sich mit einem wohligen Seufzer in das dampfende Wasser gleiten lässt, das ihr Körpergewicht um 40 % reduziert, um den Hals ihre Kette, in welcher der Asche ihres verblichenen Gatten Egon die letzte Ruhe verwehrt bleibt. Der General scheint etwas ähnliches zu denken und da er die Gedanken weg von seiner entblößten Frau führen will, beginnt er erst leise und langsam, dann lauter und mit Nachdruck in die Hände zu klatschen.
Nach und nach scheinen alle Anwesenden die goldene Brücke zu begreifen, die er ihnen gebaut hat und die fort von der Schmach des Architekten, fort von der Blöße der Kalinka wieder hin zu meinem Spiel führt und schließlich fällt auch die Gastgeberin mit einem rhythmischen Kopfnicken und Klatschen in den Beifall ein, schließlich der Architekt, zögernd seine Frau und als Kalinka dann Daumen und Zeigefinger in den Mund steckt und den Beifall mit einem lauten Pfiff krönt, der ausgereicht hätte um eine ganze Schafherde in ihre Verschläge zurückzutreiben, entlädt sich die aufgebaute Spannung in einem seltsamen, aber gemeinsamen Gelächter, während dem ich zu meinem Platz gehe und mich wieder neben dem General niederlasse.
„Wir haben ja noch unsere Katzenwäsche“,
sagt Kalinka noch abschließend, als der Beifall, wie das Lachen abgeebbt ist.


„Ich trinke zuviel“, denke ich, während ich den letzten Schluck aus meinem Glas hinunterkippe und „ich trinke zu schnell“, als die Gastgeberin mein leeres Glas –gerade habe ich es erst abgestellt- entdeckt und erneut füllt, mit zittriger Hand, wobei ich nicht sagen kann, ob ihre Hand immer zittert, oder ob auch sie zuviel und zu schnell getrunken hat.
„Danke“, sage ich und sie lächelt kurz, reflexiv, so wie man lächelt, wenn man meint lächeln zu müssen.
„...haben wir einen Tanzbären gesehen“, sagt gerade die Frau des Architekten und der Architekt nickt: „ja, er hat wirklich getanzt.“
„Ein Tanzbär“, denke ich und bin von einem Moment auf den anderen ein wenig traurig, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass ein Bär freiwillig tanzt.
„Wie oft und wie lange muss man wohl ein wildes Tier konditionieren, bis es tanzt, wie viel Schläge und wie viel Belohnung braucht es, wie viel fortdauernde Schläge und fortdauernde Belohnungen sind nötig, um ein Tier dazu zu bringen, sich rhythmisch zu bewegen, wo doch einem Tier der Rhythmus naturgemäß fremd ist und wie viel menschliche Kälte gehört dazu, sich über ein solches Schauspiel zu amüsieren.
„Es war ein großer Bär“, sagt der Architekt
„und er hat getanzt.“
Kalinka scheint geradezu begeistert von der Vorstellung, dass ein Bär für den Architekten und seine Frau getanzt hat, denke ich, als sie sich prustend an ihrem Wein verschluckt und einen Regen aus roten Tropfen über die blütenweiße Tischdecke niedergehen lässt. Dabei rudert sie mit den Armen und macht keuchende, erstickende laute, während ihr Gesicht lacht, sich alle Linien und Falten über und untereinander schieben, ihre dicken allzeit schmollenden Lippen beben.
„Was für einen Tanz hat er denn getanzt“,
schreit sie schallend zu dem Architekten hinüber, so dass die schrillsten Töne als Echo von der Wand zurückgeworfen werden.
„Einen Walzer“, ruft der Architekt ebenso laut zurück und setzt noch hinzu:
„Dam dada, dam dada.“, was Kalinka noch mehr belustigt.
„Es gibt übrigens sehr viele von diesen Tanzbären in St. Petersburg“, ergänzt der Architekt  und seine Frau sagt:
„Das stimmt, an jeder Ecke gibt es Tanzbären, nahezu in jeder Gasse trifft man Tanzbären und ihre Tanzbärenhalter. Petersburg ist voll von Tanzbären.“
„Wo liegt denn Petersburg“, fragt Kalinka voller Interesse, wobei sie eine Pause zwischen ‚Peters’ und ‚Burg’ macht, so dass man tatsächlich meinen könnte, dass sie von einer Burg redet, von Peters’ Burg.
„Na, in Russland“, sagt der Architekt und der General nickt bei dem Wort ‚Russland’ wissend, so als kenne er ein Geheimnis, dass mit Russland zu tun hat.
„Warum waren wir noch nie in Russland, Adolf?“, fragt nun Kalinka entrüstet den General, während ich mir immer noch jenen traurigen Tanzbären vorstelle, der mit traurigen Augen zu fremden Klängen seinen Körper schüttelt.
„Dam dada, dam dada“, summt Kalinka.
„Ich war bereits einmal in Russland“, sagt der General schneidend,
„niemals wieder gehe ich dorthin. Nur weil ein paar Dekaden verstrichen sind, macht das nicht aus Feinden Freunde und aus Bolschewisten Menschen“, empört er sich und blickt uns alle mit feurigen Blicken an, Blicken die auf Widerspruch lauern und ich habe das Gefühl, dass er mich besonders lange anstarrt.
„Bloß nicht lachen, Carl Monhaupt“, denke ich während seinem prüfendem Blick, der scheinbar ewig den meinen bindet und mich erst freilässt, als der Architekt sagt:
„Die Russen von heute sind aber doch andere Menschen, als die Russen von damals“, und somit den Zorn auf sich zieht.
„Solange noch nur einer von jenen Kommunisten lebt, die damals meine Waffenbrüder wie Vieh abgeschlachtet, geradezu zerhackt haben“
-wieder sagt er „zerhackt“, denke ich –
„gibt es für mich keinen Frieden mit dem Russen“,
schreit der General empört, wobei er mit jedem Wort lauter, zorniger, sein Gesicht rötlicher und boshafter wird. Dann schiebt er mit einem entschlossenen Ruck seinen Stuhl zurück, streift mit der geballten Faust, die er durch die Luft schwingt, sein Weinglas, das aber nicht umkippt und stapft mit lauten Schritten auf die Flügeltüren zu. Erst jetzt fällt mir auf, dass er Stiefel trägt.

Alle schweigen ein Weile, bis er die Türen mit einiger Kraft hinter sich zuschlägt und sich seine schweren Tritte durch den Flur entfernen.
„Er meint das nicht so“, sagt Kalinka und schüttelt dabei den Kopf, um noch einmal zu verdeutlichen, dass er es wirklich nicht so meint.
„Er ist manchmal ein wenig taktlos“, sagt sie noch und ich bin über ihre Wortwahl verblüfft, denke, dass sie, seit ich sie kennengelernt habe, für mich der Inbegriff von Taktlosigkeit geworden ist, der Prototyp jeglicher Form von Taktlosigkeit, denke ich und stelle mir dann vor, wie der General inzwischen auf der beruhigend kühlen Klobrille im Badezimmer mit dem vergoldeten Spiegel sitzt und seinen Zorn langsam verrauchen lässt.
„Er war noch nie in Russland“, setzt Kalinka hinzu, streicht mit der Hand durch die Luft, als würde sie damit jegliche Verstimmung beiseite schieben und bricht auf einmal wieder in ihr
groteskes Lachen aus, wobei sie mehrmals „Walzer“ ruft.
Wieder trinke ich einen Schluck Wein, einfach, weil mein Glas wieder gefüllt vor mir steht, während ich denke, dass ich zuviel trinke, dass bereits die Konturen der Bilder an der Wand merkwürdig verwischt sind. 
„Ich rauche noch eine Zigarette“, sage ich, entschuldigend, so als würde es mir leid tun, einige Minuten freier zu atmen und trete nach draußen auf den Balkon.

„Man kann den Bahnhof von hier aus sehen“, denke ich, als ich meine Zigarette entzünde und den ersten, den besten Zug tief hinunter in meine Lungen presse und denke dann, dass es selbstverständlich ist, dass ich den Bahnhof von hier aus sehen kann, weil ich ja auch vom Bahnhof aus das Haus sehen konnte.
„Wie das Leben doch spielt“, denke ich weiter,
„eben war ich noch dort und blickte zum Haus,
nun bin ich im Haus und blicke zum Bahnhof.“
Dann wende ich mich ab und blicke wieder nach drinnen, wobei ich mich mit der rechten Hand, hinter dem Rücken, am Geländer abstütze.
Drinnen scheint eine regelrechte Diskussion ausgebrochen zu sein, alle bewegen ihre Lippen, gestikulieren mit den Händen und scheinen sich uneins über irgendetwas.
„Wie fremd ihr mir doch seid“, denke ich, „jeder auf seine Art fremd.“
Wieder ziehe ich an meiner Zigarette und denke, dass ich am liebsten hier draußen bleiben würde, bis der Notar eintrifft und torkele, während ich dies denke ein Stück nach vorne, gefährlich nah an die Fensterscheibe, weil ich mein Gewicht vom linken auf den rechten Fuß verlagert habe.
„Ohne Frage bin ich betrunken“, denke ich erschrocken und blicke hinauf in den Sternenhimmel, wo jeder einzelne Lichtpunkt längliche Streifen, wie Schlieren in einem Fensterglas zieht und so alle Sterne miteinander verschmelzen. 
„Ein einziger wild blinkender Sternenhaufen“,
denke ich und zwinkere einige Male, versuche einen der vielen Lichtpunkte zu fixieren.
Ein weiterer tiefer Zug, aschen, hinunter, über das Geländer und als ich wieder hinein, zur Gesellschaft blicke, kehrt gerade der General durch die Kaminzimmertüren zurück, sichtbar beruhigt, denke ich, doch ich kenne ihn nicht lange genug um das wirklich zu beurteilen.
Ich betrachte ihn genau, wie er in das Kaminzimmer tritt, die Gesellschaft mit einigen Blicken misst, bemerkt, dass mein Stuhl leer ist und dann eine seltsame Bewegung mit dem Kopf macht, eine Art verschwörerisches Nicken, dass ich nicht zu deuten weiß.
„Was dieses Nicken wohl bedeutet“, frage ich mich und denke dann, dass er wahrscheinlich gar nicht genickt hat, dass ich es mir eingebildet habe, weil ich zu betrunken bin, dass es falsch ist, dass ich betrunken bin, weil ich zu schnell und eben zuviel getrunken habe.
„Du musst wieder rein, zurück, Carl Monhaupt“, denke ich und nehme noch zwei schnelle Züge von meiner glimmenden Zigarette, um sie dann über die Brüstung zu schnippen.
Einige Sekunden betrachte ich noch wie sie fällt, einen kleinen Schweif aus orangenem Licht durch die Nacht zieht, dann ist sie verschwunden und ich wende mich der Tür zu, gehe nach drinnen, setze mich auf meinen Platz, wobei ich mich um einen aufrechten, gradlinigen Gang bemühe. Dann sitze ich wieder in der Gesellschaft, neben dem General, gegenüber der Gastgeberin, trinke einen Schluck Wein und denke, dass ich aufpassen muss, dass ich nicht zu schnell und vor allem nicht zu viel trinke. 

         


Auftritt Siegfried

Draußen wird es bereits langsam wieder hell, als Siegfried eintrifft. Obwohl er bis jetzt in dem Tischgespräch, dass wohl jedes bedeutungslose Thema von Feng-Shui bis zu verschiedensten Auktionshäusern behandelt hat, noch nicht ein einziges Mal erwähnt worden ist, scheinen ihn doch alle erwartet zu haben, denn als der Diener ihn ankündigt, geht eine seltsame Verwandlung in der Gesellschaft vor sich, zumindest glaube ich dies, kann aber auch nicht ganz ausschließen, dass es an mir und meiner Wahrnehmung liegt, die durch den schweren Wein, den die Gastgeberin unablässig nachfüllt bereits einigermaßen getrübt ist.
„Es scheint fast so, als bemühe sich jeder der Anwesenden um eine aufrechtere Haltung“, denke ich und versuche diesen Eindruck an irgendeinem Details festzumachen, dass sich aber nicht finden lässt.“
„Zumindest wirken alle ernster“, denke ich, denn das Lachen ist verstummt und alle blicken erwartungsvoll in die Richtung, aus der Siegfried hereinkommen wird, denke ich und blicke ebenfalls in jene Richtung.

Die Flügeltüren schwingen auf und entlassen einen großen, breitschultrigen Mann in den Raum, der sich in einer Mischung aus übersteigertem Selbstbewusstsein und militärischem Drill auf uns zubewegt. Er beeindruckt und beängstigt mich auf verschiedene Weise und ich versuche ihn einzuschätzen, während ich denke, dass dies nicht möglich ist, dass man ihn nicht einschätzen kann. Erst jetzt wird mir  bewusst, mit welchem Vorurteil ich hier gesessen habe und wie gefährlich es ist, wenn man eine Situation oder eine Gesellschaft derart falsch einschätzt. Der verlassene Bahnhof, dieses entvölkert bevölkerte kleine Dorf, in dem die schiefen Fassaden Gefängnis und Inzucht schreien, der offensichtlich frühkindliche oder spätsenile Hirnschaden meiner Gastgeberin, all dies formte das Bild eines weltentrückten Ortes, in dem niemand zu mehr taugt, als einen Pflug zu bedienen oder ein Glas mit Wasser zu füllen, doch all dies zerbricht an der Gestalt von Siegfried Kruger, als er den Raum betritt, jeden Anwesenden mit ernstem Blick misst und unterwirft, sich aber dann vor der Gruppe verneigt und sich auf den einzigen freien Platz, am Kopfende zubewegt.
„Er passt nicht hierhin“, denke ich, „passt nicht in diese Gesellschaft, denke ich und überlege, wo er wohl hinpasst. Er scheint zu intelligent für einen Türsteher oder Soldaten, zu bedrohlich und gewaltig für einen anderen Beruf, zu diszipliniert um gar nicht zu arbeiten, denke ich, während er sich setzt und uns einen „Guten Abend“ wünscht.
„Er sieht russisch aus“, denke ich aber in seiner Stimme ist nicht einmal die kleinste Färbung eines Akzentes zu bemerken. Er trägt einen schwarzen Anzug, der perfekt sitzt und seine muskulöse, nahezu athletische Figur betont. Er scheint in meinem Alter zu sein, nur eine kahle Stelle, vorne an seinem Kopf deutet an, dass er vielleicht doch älter als ich, vielleicht sogar entschieden älter als ich sein könnte. Doch die wenigen Haare, die dort vorne aus der Kopfhaut sprießen, sind mit großem Geschick durch die Frisur so gebündelt, dass die Aufmerksamkeit des Betrachters mehr auf das Verbliebene, als auf das Verschwundene gerichtet ist, denke ich und denke dann, dass es lächerlich aussieht, wie er sich die Haare frisiert hat und das eben diese Frisur viel über ihn verrät, über seinen Wunsch jung zu sein, gepaart mit der Erkenntnis, dass er es nicht mehr ist, nie mehr sein wird. 
Und doch ist er wie ein Strudel, sofort der Mittelpunkt des Gespräches und der Gesellschaft, von den Damen hofiert, von den Herren überhöht, nur der General misst ihn zuweilen mit einem misstrauischem Blick, so als wüsste er, dass das Auftreten dieses Siegfrieds mehr Schein als Sein beinhaltete.
„Ich hasse ihn“, denke ich und bin ein wenig erschrocken über die Intensität meiner Gefühle,
doch ich mag es nicht, wenn jemand überhöht oder hofiert wird und dann denke ich, dass ich ihn beneide, wegen jener Selbstverständlichkeit, mit der er seinen Platz in dieser Gruppe und dies sogar, in mehrfacher Hinsicht, an ihrem Kopfende gefunden hat. Ich beschließe ihn zu ignorieren, mich zunächst nicht an dem Gespräch zu beteiligen, denke dann aber auch, dass es sinnvoller wäre, diese Gespräch aufs Genauste zu verfolgen, erstens, weil ich etwas lernen könnte, im Umgang mit einer solchen Menschengruppe, zweitens weil ich das Gefühl habe, dass er eine Gefahr für mich darstellt, die ich noch nicht ergründen kann, drittens und letztens
weil es durchaus sein könnte, das ich durch die Richtigstellung einer falschen Aussage seinerseits meinen eigenen Status in dieser Gesellschaft erhöhen könnte, so wie der Außenseiter im Rudel, der den Leitwolf beißt und so neuer Leitwolf wird.

„Warum sind Sie eigentlich hier“, reißt mich seine Stimme auf einmal aus meinen Gedanken
und er schaut mich so an, als würde er die Antwort bereits kennen und als enthielte sie ein dunkles Geheimnis. Die Frage verwirrt mich, verärgert mich und es dauert eine Weile, bis mir passende, vermeintlich passende Worte einfallen, doch gerade als ich zu einer Entgegnung ansetzen will, klatscht er laut in die Hände und zeigt auf mein Gesicht.
„Sehen Sie, er hat nach links oben geblickt“, ruft er voller Enthusiasmus aus,
„habt ihr es bemerkt? Und, was haben wir dort links oben?“
Er wartet einen kurzen Moment, während ich ihn verwundert anblicke, die Gesellschaft mich anblickt und mir nichts einfällt, was ich entgegnen könnte.
„Na, den kreativen Teil des Gehirns“, ruft er aus,
„den Teil der dafür verantwortlich ist sich etwas neues auszudenken, während der andere, der rechte Teil nur das bereits erworbene Wissen speichert und verwaltet. Damit will ich nicht sagen, dass er gelogen hätte, hätte er geantwortet,“
er zwinkert mir zu,
„aber, er hätte überrascht durch meine plötzliche Frage nicht die gleiche Antwort gegeben, wie wenn er sie sich selbst gestellt hätte.“
Alle lachen gemeinsam, nur ich kann mich nicht dazu überwinden in dieses Lachen einzufallen, bin ich mir doch nicht sicher, ob dieses Lachen ein lachen über mich, oder über seine Spitzfindigkeit ist.
„Mein Name ist Carl“, sage ich, als das Lachen abebbt und er reicht mir die Hand über den Tisch hinweg, die ich ergreife und die er einige schmerzhafte Sekunden lang in seinen groben Pranken quetscht.
„Nichts für ungut, Carl“, sagt er noch und steuert in ein anderes Thema, lässt mich, marginalisiert und zornig beiseite, erklärt Kalinka gerade etwas über die Wirkung von Farben, auf das menschliche Gehirn.
In mir kocht es. „Du unhöflicher, grobschlächtiger Kerl“, denke ich und täusche vor ihm zuzuhören, während ich ihn in Gedanken verfluche, mich ärgere über sein zur Schau gestelltes Wissen, dass doch letztendlich nichts als ein Trivialwissen ist, ein Wissen, dass man erwirbt, wenn man die Überschriften in Boulevardblättern liest und auswendig lernt. „Ich verachte ihn“, denke ich und bin zu einem guten Teil auch zornig über mich, weil ich nicht schlagfertig genug bin um einen solch unerwarteten Angriff eloquent abzuwehren.
 

„Warum sind Sie eigentlich so schweigsam, Carl?“, fragt mich auf einmal Siegfried und ich bin ebenso von seiner Offenheit überrascht, wie mich seine Vermengung von vertraulicher Anrede und formellen ‚Sie’ irritiert, wenn nicht gar verärgert.
„Ich denke, es liegt daran, dass ich nicht so extrovertiert bin wie Sie, Siegfried“,
antworte ich ohne nachzudenken im gleichen Tonfall, bereue sofort meine Überheblichkeit und setze hinzu:
„Ich mache mir zunächst gerne ein Meinungsbild, bevor ich mich äußere.“,
um meine Aussage ein wenig zu entschärfen.
„Meinst Du damit, dass Du uns nicht magst“, ruft Kalinka auf ihre plumpe Art und der General ergänzt:
„Nein, das heißt, dass er meint etwas besseres zu sein.“
Nun ist es geschehen, denke ich und denke dann, dass ich schneller denken muss, weil ich diese Aussage, so treffend sie auch ist, nicht allzu lange im Raum stehen lassen darf.
„So ist es natürlich nicht“, sage ich und blicke hinüber zum General, während ich denke, dass es doch so ist und weiter denke, dass es unvorstellbar ist, dass ich, nur weil ich meine Meinungen über Tanzbären, Kriegsschuld und Architektur für mich behalten habe, nun auf so schmachvolle Art und Weise wieder in den Mittelpunkt gerückt bin.
„Sehen Sie, Carl“, holt Siegfried zu einem weiteren Stoß aus, während ich „Drachentöter, Drachentöter“ denke.
„indem wir hier alle, in dieser vertrauten Runde“,
er lässt den Blick anerkennend über die versammelten Gesichter gleiten,
-wie ich ihn doch hasse, denke ich-
„so offen miteinander sprechen, gibt doch unbestreitbar jeder von uns einen Teil von sich preis. Sie wissen bereits einiges über uns, Carl“
-wie ich es hasse, wie er meinen Namen betont-
„Wir jedoch wissen so gut wie nichts über sie. Finden Sie das fair, Carl?“
„Es ist unfair“, ruft Kalinka, nahezu glücklich, wie ein Kind, das ein besonders schweres Rätsel gelöst hat.
„Nun mach es richtig, Carl Monhaupt“, denke ich, „finde die richtigen Worte für diesen seltsamen Haufen, denke ich weiter und werde auf einmal ganz ruhig, weil mich das ganze an eine Prüfungssituation erinnert und ich generell, in Prüfungssituationen am ruhigsten bin.
„Ich würde es so sagen“, sage ich und alle sind gespannt, wie ich es sagen werde, hängen geradezu an meinen Lippen.
„Ich halte mich nicht für etwas besseres“, sage ich in Richtung des Generals,
„eher ist das Gegenteil der Fall. Allein durch Ihr fortgeschrittenen Alter, und ich meine das nur auf die positivste Weise, ist Ihr Wissen doch gewissermaßen dezidierter als das meine. Sie haben bereits so viel erfahren und erlebt, was mir fremd ist und alleine schon aus diesem Grunde schätze ich Ihre Meinung höher, als die meine.“
Ihre Minen entspannen sich und ich frage mich, was ich wohl bin, ein Meister der Redekunst oder nur ein besonders begabter Heuchler.
„Hinzu kommt“, fahre ich fort, „dass sie sich alle bereits in Ihren Bereichen etabliert haben, angesehene Persönlichkeiten, um nicht zu sagen Kapazitäten sind. Als Beispiel hierfür sei nur der General genannt, der die höchstmögliche militärische Ehre erlangt hat, oder der Architekt, dessen Projekte, so entnehme ich es seiner Rede, über alle Maßen erstaunlich und gewaltig sind.“
Wieder betrachte ich die Gesellschaft genau und denke, dass ich sie gewonnen habe, sehe, wie der General sich geschmeichelt durch den Bart fährt, der Architekt sogar unter dieser Ehrung errötet.
„Wenn ich also zugegebenermaßen seltener das Wort ergreife, ist dies keine Überheblichkeit, sondern Demut, da ich, als erfolgloser Schriftsteller, Musiker ohne richtige Ausbildung und Student noch am Anfang meines Lebensweges stehe und es ist nicht nur Anstand, es ist gleichsam Ehrfurcht, wenn ich in dieser Situation meine eigene Meinung nicht so wichtig nehme und stattdessen lausche, was andere, qualifiziertere Sprecher zu sagen haben. Sehen Sie: Ich lerne durch mein Schweigen von Ihnen.“
Bei meinen letzten Worten fürchte ich ein wenig zu dick aufgetragen zu haben, was sollte ich auch von ihnen lernen, ihre Dekadenz, ihr Dummschwätzerdasein? Doch ein Blick in ihre Gesichter beruhigt mich. Alle schauen mich nun wohlwollend an, wie einen besonders gelehrigen Schüler auf den man stolz ist, nur in Siegfrieds Augen liegt noch der alte Argwohn, doch er scheint zu begreifen, dass sich die Machtverhältnisse verändert haben, dass ich durch diesen beispiellosen Akt der Selbsterniedrigung die Hochachtung derer gewonnen habe, die ich ja eigentlich verachte.
Nach einigem freundlichen Zunicken ihrerseits und respektvollen Kopfneigen meinerseits und dem einen oder anderen gespiegelten Lächeln, bewegt sich das Tischgespräch wieder in seine gegebenen, letztendlich traurigen, weil geistlosen Bahnen und ich habe Zeit mich über Siegfried zu ärgern, diesen dahergelaufenen Krankenpfleger, der sich in seiner unverschämten Art erdreistet hat, mich auf diese gemeine und hinterhältige Weise an den Pranger zu stellen und obwohl ich noch immer lächele, sehe ich ihn böse an und denke, dass er mein Feind ist.       
„Und Siegfried ist nicht nur mein Feind“, denke ich weiter, als ich seinen Ausführungen lausche, mit denen er sich schnell wieder in den Mittelpunkt des Gespräches gebracht hat.
Er müsste auch der Feind der Gastgeberin sein, die aber nicht weiß, dass er ihr Feind ist, weil sie eingeschlafen ist, was mir daran auffällt, dass mein leeres Weinglas bereist seit einigen Minuten nicht mehr nachgefüllt worden ist.     
„Gegen 22 Uhr lagere ich sie normalerweise und binde sie mit den Fixiergurten auf ihr Bett, damit sie in der Nacht nicht durch das Haus streicht“, sagt er über die Gastgeberin, als wäre sie nichts als ein Objekt.
„Normalerweise ist sie damit einverstanden und es ist eine schnelle, vergleichsweise einfache
Prozedur, die Gurte durch die Schlaufen, die Schlaufen außerhalb der Reichweite ihrer Hände, es ist denkbar einfach, aber manchmal wehrt sie sich auch und dann ist es anstrengender, doch zum Glück lassen mit dem fortschreitenden Alter ihre Kräfte nach.“
Ich frage mich, wie alle dies hinnehmen können, diese Art, wie er über die Gastgeberin spricht, deren Gäste wir doch alle sind und ob er sich nicht sogar strafbar macht, wenn er derartig vertrauliche Details einfach ausplaudert.
„Aber was ist denn, wenn sie in der nacht auf Toilette muss? Ich, zum Beispiel, muss desöfteren in der Nacht auf die Toilette“, sagt Kalinka, die ihrem kindlichen Geist entsprechend überall ausschließlich die praktische Seite sieht.
„Die Matratze ist abwaschbar“, erklärt Siegfried.
„Außerdem trägt sie ja Einlagen.“
Nun wirken alle ein wenig peinlich berührt und selbst Siegfried scheint zu ahnen, dass er ein Stück weit über das Ziel hinaus geschossen ist, als er so freigiebig die Würde der Gastgeberin unter die Gesellschaft verteilte.
Alle schauen nun zu ihr, wie sie dort liegt, auf ihren Ellenbogen.
„Ein trauriger Anblick“, denke ich und fühle für einen kurzen Moment so etwas wie Mitleid mit diesem unförmigen Körper, mit diesem formlosen Geist.
„Warum muss sie denn festgebunden werden?“, frage ich Siegfried und kann einen Hauch der Empörung nicht verbergen.
„Sie ist bereits dreimal gestürzt. Es ist nur zu ihrem besten.“, sagt Siegfried und ich denke, dass nichts als eine gehörige Tracht Prügel zu seinem besten gereichen würde. 

„Gestern hatte ich böse Träume“, sagt auf einmal die Gastgeberin, plötzlich, unvermittelt, so wie man die ersten Worte spricht, wenn man mit einem Mal aus dem Schlaf gerissen wird und ich blicke überrascht zu ihr hinüber, dachte ich doch, dass sie schläft.
„Seltsame Träume“, fährt die Gastgeberin fort, „erschreckende Träume“.
„Sie hat manchmal Alpträume“, sagt Siegfried, so als wäre die Gastgeberin gar nicht da, oder ein kleines Kind, dessen Äußerungen man erklären müsste, und die Gastgeberin sieht zu ihm hinüber, schüttelt traurig den Kopf und sagt:
„Nein, es waren keine Alpträume wie die anderen, es waren seltsame Träume, böse Träume und ich habe Angst gehabt, als ich erwacht bin.“
„Was ist denn in dem Traum passiert“, fragt Kalinka und ich denke, dass sie ein wenig bleich geworden ist, so dass sich ihr knallroter Lippenstift noch stärker als bisher von den Ruinen ihres Gesichtes abhebt, so wie ein hässlicher, schiefer Strich auf einer totenbleichen Leinwand.
„Wir saßen alle hier, hier im Kaminzimmer“, flüstert die Gastgeberin, so dass man ganz genau hinhören muss um sie zu verstehen und ihre breiten Arme zittern,
„Aber wir waren nicht allein, mein Vater war hier, versteht ihr, mein Vater war hier, ist hier“, sagt sie und schweigt.
„Es war nur ein Alptraum“, sagt Siegfried in seinem Krankenpflegerton, beschwichtigend, so als wüsste er es genau, besser als die Gastgeberin und ich denke, dass er mir zuwider ist, mit seiner Überheblichkeit, mit seiner aufgesetzten Gewissheit.
„Was hat Leopold denn gemacht?“, fragt Kalinka, die sich, wie die Gastgeberin nun auf ihre Ellenbogen abgestützt hat, den Kopf nach vorne gereckt.
„Er steht einfach da, seht ihr ihn?“, flüstert die Gastgeberin und zeigt mit ihren beringten Fingern in eine Richtung.
Intuitiv blicke ich in jene Ecke, auf die sie weist, doch dort ist nichts, lediglich Schatten und Dunkelheit türmen sich in dieser Ecke.
„Seltsam, dass es dort so dunkel ist, wo der Raum doch ansonsten recht gut ausgeleuchtet ist“, denke ich und blicke wie der Rest der Gesellschaft weiter in jene Richtung.
„Was macht er denn dort in der Ecke“, fragt Kalinka und es ist ein leichtes Zittern in ihrer Stimme.
„Er sieht mich an“, sagt die Gastgeberin und er lacht über mich.
Er lacht schon die ganze Zeit über mich.
Die ganze Zeit steht er schon da und lacht über mich.“
„Da ist nichts in der Ecke“, ruft Siegfried und springt auf, während wir alle sitzen bleiben, während ich abwechselnd die dunkle Ecke und das verstörte Gesicht der Gastgeberin beobachte.
„Er wird in die Ecke gehen und sich dorthin stellen, wo die Gastgeberin ihren Vater vermutet“, denke ich und denke dann, dass er armselig ist, dass er der Gastgeberin, die nichts zu haben scheint als ihre bösen Träume, nun auch noch diese austreiben möchte.
„Siegfried der Traumtöter“, denke ich und muss kurz lächeln über jenen Gedanken, als er neben der Gastgeberin stehen bleibt  und in seine Jackentasche greift.
„Sie haben ihre Tabletten nicht genommen“, sagt er in einem vorwurfsvollen Ton und sie nickt nur müde und blickt weiter in jene dunkle Ecke, fixiert etwas mit ihren großen, blauen, wässrigen Augen, was uns, der Gesellschaft verborgen bleibt.
Dann nimmt sie die Tablette von Siegfried entgegen, legt sie auf ihre Zunge, seufzt mehrmals tief und schließt die Augen.

Schonungslos betrachte ich jene Gesellschaft, von der ich kein Teil sein kann, als Siegfried wieder auf seinem Platz sitzt und die Gastgeberin entschlafen scheint.
„Vielleicht sind sie ein gutes Beispiel für unsere Gesellschaft“, denke ich,
„wobei das „unser“ ein globales „unser“, oder besser gesagt, ein westliches „unser“, wenn nicht vielleicht sogar nur ein europäisches „unser“ ist.
„Wie sie dort sitzen“, denke ich weiter, in ihrer Etabliertheit und ihrem Reichtum, Sieger der Globalisierung ohne überhaupt jemals gekämpft zu haben. 
„Ihr seht meine Armut nicht“, denke ich weiter, weil ihr durch eure Privilegiertheit gar nicht wisst, was Armut bedeutet. Wie könntet ihr die Trauer in den Augen eines Tanzbären sehen, wenn ihr ihn nur betrachtet, um euch zu amüsieren.“
„Ihr ward überall in der Welt“, denke ich, während ich mit halben Ohr zuhöre, wo sie überall in der Welt waren,
„aber eure Reisen waren so, als wäret ihr zu Hause geblieben, denn ihr habt eure Privilegiertheit mitgenommen, habt sie in edle Koffer gepresst und sie euch in bunter Kleidung  um den Leib geschlungen. Ihr bestaunt die Morgenröte über den Slums, ohne die Slums zu sehen, denke ich, weil ihr verlernt habt nach unten zu schauen, gerade weil ihr immer von oben nach unten blickt, weil ihr nie dort unten ward, dort unten, wo ich stehe und zu euch empor blicke, dort wo mich dieselbe Sonne blendet, die Euch erfreut“, denke ich und trinke einen Schluck Wein.
„Eure Fotoalben sind voll von bunten Bildern“, denke ich weiter, während ich kein Fotoalbum besitze, bunte Bilder, die euch vor den Sehenswürdigkeiten der Welt zeigen, vor den Pyramiden, vor den Niagarafällen, vor der Brandung des Pazifik, doch ihr ward nie dort, denke ich, habt nie das Land gefühlt, sondern nur seine Spezialitäten hinuntergeschlungen, so wie ihr alles hinunterschlingt, seine Luft geatmet, seine Cocktails getrunken, doch ihr habt es nicht gefühlt, denke ich und betrachte sie, wie sie sich von ihren Reisen erzählen, Superlativ an Superlativ reihen, sich gegenseitig übertreffen wollen, dort, wo es geboten wäre zu
schweigen und zu weinen.
„Da waren wir auch schon“, sagt gerade Kalinka,
„und am Flughafen haben sie mir einen Blumekranz umgehangen, weißt du noch, Adolf,
dir haben sie doch auch einen Blumekranz umgehangen.
Und während der General nickt und bestätigt, dass sie auch ihm, sogar gegen seinen Willen einen Blumenkranz umgehängt haben, entgleitet mir das Gespräch, höre ich zwar noch zu, nicke gelegentlich, wenn ich das Gefühl habe, dass einer der Anwesenden seinen Wortschwall in meine Richtung lenkt, doch ich höre nicht mehr was sie sagen und als ich hinüber in die dunkle Ecke blicke, in welche die Gastgeberin noch immer starrt, obwohl ihre Augen geschlossen sind, glaube ich dort auf einmal eine Gestalt zu erkennen, die dort steht, dort, wo der Schatten am dunkelsten ist, mit dem Rücken genau in die Ecke gelehnt, die dort steht und uns beobachtet.
„Es ist ein alter Mann“, denke ich, „ein tadellos gekleideter alter Mann in einem schwarzen Anzug, gestützt auf einen Gehstock, an dessen Handgriff die Figur eines Löwen golden das wenige Licht reflektiert, dass seinen Weg bis dorthin findet, wo es am dunkelsten ist.
Regungslos steht er dort und lächelt, ein groteskes Lächeln.
„Er hat viel zu viele Zähne“, denke ich während ich in sein Lächeln blicke, jenes Lächeln, das kein Lächeln ist, das viel mehr ein Grinsen ist, ein höhnisches, ein böses Grinsen.
„Viel zu viele Zähne“ denke ich noch einmal  und denke dann, dass die Zähne derart auffallen, weil er keine Lippen hat, keine Lippen, sondern nichts als Zähne, grinsende Zähne und seine Augen lächeln nicht, denke ich, seine Augen sind böse.
Und dann, auf einmal, blickt er mich an, blickt nur mich an, blickt durch meine Augen hindurch, tief hinein in meinen Geist und ich fühle mich missbraucht unter der Gewalt seiner Augen, denen ich nichts entgegenzusetzen habe, und er scheint etwas in mir zu erkennen, etwas zu sehen, dass ich nicht begreife und seine Lächeln weitet sich noch mehr, reißt das alte Gesicht noch weiter auf, so dass sein Grinsen nichts mehr ist, als eine einzige Wunde aus Zähnen und Bosheit.
„Reiß dich zusammen, Carl Monhaupt“, denke ich und blicke hinüber zur Gastgeberin, von der ich jetzt weiß, dass sie uns betrügt, uns etwas vorspielt, dass sie nicht schläft, sondern durch ihre geschlossenen Lider hindurch diese Gestalt betrachte, meinen Großonkel, Leopold von Schwingen.
Dann, nachdem ich einige Sekunden lang Mut und Überzeugung gefasst habe,
-es ist doch nichts in dieser Ecke- blicke auch ich wieder dorthin, doch da ist nichts, nichts als Schatten und Dunkelheit, kein Gesicht, kein Grinsen, keine Zähne.
„Du bist betrunken, Carl Monhaupt“, sage ich mir,
„betrunken, weil du zu schnell und zu viel trinkst, denke ich und richte meine Gestalt gerade auf, da mein Kopf unbemerkt auf meinen Ellenbogen gesunken ist.“
Nichts ist dort, denke ich noch einmal, doch es bleibt eine dunkle Ahnung in meinen Gedanken.


 

Auftritt des Notars

Etwa eine Stunde später trifft der Notar ein und man spürt den kalten Hauch der Ernsthaftigkeit, der sich über die Gesellschaft legt, als er durch die Flügeltüren in das Kaminzimmer tritt und seine schwere, lederne Aktentasche recht pietätlos auf den Tisch donnert. Sofort erstirbt jedes Gespräch, so wie wenn ein besonders strenger Lehrer in den Klassenraum tritt.
„Er wirkt wie ein besonders strenger Lehrer“, denke ich, als er mit tadelndem Blick die vielen leeren Weinflaschen bemerkt, die der Diener versäumte zu entfernen und welche die Gastgeberin, ohne darüber nachzudenken, in einer langen Reihe zu ihren Füßen nebeneinander gestellt hat.
„Ich sehe sie sind in guter Stimmung“, sagt er dann auch, statt einer offiziellen Begrüßung, als er sein Jackett über die Stuhllehne hängt und mit einem schnalzenden Geräusch den Aktenkoffer öffnet.
Ich betrachte ihn schonungslos, diesen kleinen, hageren Mann und kann mir zunächst ein Gefühl des Mitleids nicht verkneifen, als ich in seine leeren, amtlichen Augen blicke. „Da sind sie also“, denke ich mir und erinnere mich an die vielen pflichtbewussten Gestalten, die in meiner Schulzeit nur selten den Rang eines Statisten überwanden, die, welche dem Lehrer die Tasche trugen, diejenigen, die dies mit Stolz taten.
„Ob diese Augen jemals gelacht haben“, frage ich mich und blicke dann hinüber zu Kalinka, in deren Gesicht jede Falte eine Lachfalte sein könnte, wahrscheinlich eine Lachfalte ist. Wie die zwei Enden einer Skala, sitzen sie sich gegenüber, die eine dort, wo das Alter ihr Wesen und ihren Humor kindlich macht, der andere dort, wo man niemals Kind gewesen ist.
„Du bist institutionalisiert“, denke ich und stelle mir vor, wie er wohl zu den Autoritätspersonen gerannt ist, wenn die anderen einen Bach stauten, oder etwas anderes taten, was den damaligen Vorstellungen von Moral zuwiderlief.
So fühle ich mich merkwürdig über ihn erhoben, obwohl ich nicht genau weiß, was es ist, das mich stolz macht.
„Wahrscheinlich ist es richtig, dass ich in der Mitte sitze, verachte ich doch Kalinka für ihren Mangel an Taktgefühl, so sehr, wie ich ihn dafür hasse, was er darstellt und dafür, dass dieses Taktgefühl in ihm, übersteigert, sein Leben bestimmt“, denke ich, „dabei hat er fast noch nichts gesagt“, denke ich, als er das Wort an uns, die Gesellschaft, richtet.
„Ich freue mich, dass sie so zahlreich erschienen sind, um den letzten Willen ihres verstorbenen Verwandten, Leopold von Schwingen, zu vernehmen“,
sagt er und ich betrachte, wie kaum versteckte Gier in die Augen der Gäste tritt, wie Kalinka, ganz aufgeregt, in Vergessenheit ihres Körpers beginnt, an den Fingernägeln zu kauen, wie der General ein Bild an der Wand ins Auge fasst, so als wäre es bereits sein eigenes.
„Frau Kalinka und Herr General Adolf Weissherrenrichter“,
sagt er fragend in die Runde und es tritt keine Überraschung in sein Gesicht, als Kalinka mit einem lauten, militärischem „hier“ antwortet und dann, so als wäre Anstand nichts als ein Wort, doch wieder in ihr uvular-sonores Lachen ausbricht, dass in diesem Moment aber zu unplatziert wirkt, als das die anderen Frauen einfallen. Der General, dem dies sichtbar unangenehm ist, verneigt sich demütig, mit einem Nicken vor dem Notar und blickt seine Frau mit einem zurechtweisenden Blick an, die noch kurz „was denn“ entgegnet, dann aber verstummt.
Frau Vera und Herr Fridolin Rosengarten, sagt der Notar zu dem letzten verbleibendem Paar, worauf der Architekt nur kurz „ja“ antwortet, seine
Frau wie ein Accessoire ein Stück weiter zu sich hinüber zieht, so als solle sie das Schicksal vereint erreichen.
„Herr Carl Monhaupt“, sagt er dann in meine Richtung und für die Dauer seines Blickes straffe ich meine Haltung unter dieser förmlichen Anrede. Dann
schweigt er, zieht sein Notizbuch hervor und für einige Momente ist es nur das kratzende Geräuschs seines Bleistiftes, dass den Raum erfüllt.
„Was er wohl schreibt“, frage ich mich und versuche in sein Notizbuch zu blicken, welches er, ohne auch nur einmal aufzuschauen, in eine, für mich ungünstigere Position bewegt, so dass es unmöglich wird etwas zu erkennen.
Dann hört er auf zu schreiben, wartet noch einen kleinen Moment, klappt dann das Notizbuch mit einem erschreckend lauten Geräusch wieder zu und sagt:
„Ich weiß, dass dies über meine regulären Pflichten als Notar hinausgeht, aber ich war auch ein guter Freund ihres verstorbenen Verwandten und so ist es mir ein besonderes Anliegen, niemand Einzelnen persönlich, aber doch ihnen hier, als versammelte Gemeinschaft, und ich sage bewusst nicht wie sonst Trauergemeinschaft, meine zutiefst empfundene Verachtung aussprechen.“
Dann ist es einen Moment lang still. Der Architekt schluckt kurz und fast lautlos, eine wohl verworfenen Entgegnung hinunter, Kalinka lächelt unbefangen und in sichtbarer Ahnungslosigkeit der Bedeutung des Gesagten in die Runde, der General sitzt regungslos auf seinem Platz und würde sich nicht die Farbe seines Kopfes in besorgniserregenden Farbtönen verdunkeln und vertiefen, hätte man meinen können, dass ihm die kaum überhörbare Spitze des Notars entgangen ist. Nur die Gastgeberin hat, wie ich bereits beobachtete, als der Notar noch sprach, jedes Wort wie eine Wunde in ihren fülligen Körper aufgenommen, ist in der Unvermeidlichkeit des Endes der begonnenen Rede, immer wieder mit grotesken, leidenden Bewegungen von der einen Kante ihres Stuhles auf die andere gerutscht, um schließlich in einem Schrei, den das Wort „Verachtung“ wie ein Blattschuss mit Endlichkeit versehen hatte, auszubrechen, der wie eine Flut aus Schmerz und Verzweiflung im Kaminzimmer aufbegehrt, um sie in einer Ebbe aus Wimmern und Tränen, wie ein schmelzendes Stück Wachs , auf durchaus muskulösen Unterarmen gebettet, mit dem Tisch verschmelzen zu lassen. Kein Wort des Trostes ist in meinem Kopf, nicht einmal in der Form, in der man einem eingesperrten Zirkustier ein Stück Zucker durch die Gitterstäbe drückt.
„Ich bin nichts als erzürnt, über diesen dahergelaufenen Dorfnotar“, denke ich und will mir gerade eine zutiefst böse, aber doch auch den eigenen Status verdeutlichende Antwort zurechtlegen, als er fortfährt:
„ich war nämlich gestern auf einer Beerdigung“,
und meinen ersonnenen Worten ihre Begründung nimmt.   
„Es war ein regnerischer Tag“, sagt er und in den tiefen, ernsthaften Klang seiner Stimme mischen sich einige Körner Traurigkeit.
„Der Wind peitschte über den aufgerissenen Boden und zerrte an dem Kranz, den ich am Fußende des Sarges niedergelegt hatte. Wir waren zu zweit, ich und der Priester, die einzigen, die ihm die letzte Ehre erwiesen, die dort draußen den Naturgewalten trotzten. Der Totengräber hatte den Sarg soweit vorbereitet, so dass ich nur noch die Kurbel betätigen musste, um meinen alten Freund hinunter in die Tiefe zu lassen. Doch zunächst stand ich nur dort und lauschte der Rede, die der Pfarrer ablas, dem man ansah, dass er zurück nach Hause, ins Trockene, wollte. Ich hörte zu, wie er all dies vorlas, was ich ihm notiert hatte und jedes Wort tat weh, weil es sinnlos war, weil ich jedes Wort kannte, weil der Priester jedes Wort kannte, dass ihm der Wind von den Lippen riss. Wissen Sie, was ich dachte, als ich dort stand und die Kurbel betätigte, was ich fühlte, als der Sarg langsam hinabsank, als der Priester sich schließlich abwandte und über die Hügel zum Pfarrheim schritt. Ich habe sie alle gehasst, dafür dass er alleine war, als er starb, dass er alleine war, als er begraben wurde und mitten in meinen schlimmsten Gedanken, für die ich mich an diesem friedlichen Ort schämte, blockierte die Kurbel, ließ sich einfach nicht weiter drehen und ich stand dort im Regen, im Sturm und ich weinte. Ich weinte für sie alle mit, Tränen für jeden, der hätte da sein sollen.“
Ich betrachte die Gastgeberin während dieser Worte und bin erschrocken, wie bleich sie geworden ist, wie ein Geist hat sie die Finger in die Tischdecke verkrallt und hätte ich sie besser gekannt, hätte ich diese fahlen, zitternden Hände ergriffen, beruhigt und gewärmt.
„Ich hätte nicht gedacht“, setzt der Notar erneut an,
„dass sie die Verwegenheit besitzen heute hier zu erscheinen, um dass an sich zu reißen, was dieser einsame Leichnam in seinem Leben erspart und durch harte Arbeit angereichert hat, doch sie sitzen alle hier. Jeder ist gekommen. Sie trinken Wein, lachen und aus meinem Hass ist Verachtung geworden, weil ich sehe, dass es nicht Vorsatz, sondern nichts als Anlage, ihr Wesen ist, das unbarmherzig, kalt und berechnend ist. Ich bitte sie, diese persönlichen Worte zu entschuldigen, doch sie mussten gesagt werden und jetzt, wo sie gesagt sind, werde ich mich voll und ganz auf meine Pflichten als Notar beschränken.

Siegfried ist der erste, der sich aus seiner Starre löst, als der Notar schweigt. Er greift in seine Jackettasche und zieht eine kleine goldene Dose hervor, eine Pillendose, steht auf und geht hinüber zur Gastgeberin, die apathisch in ihr halb gefülltes Glas starrt. Jeder weicht dem Blick des anderen aus, als er sie erreicht, zwei kleine blaue Tabletten aus dem Döschen entnimmt und sie vor der Gastgeberin auf die Tischdecke legt.
„Nehmen Sie ihre Medikamente“, sagte er und seine Stimme ist ein Befehl.
Doch sie sieht ihn gar nicht, sieht nur das Glas und darin wahrscheinlich die Bilder, welche der Notar heraufbeschworen hat. Den verlassenen Friedhof, den peitschenden Sturm, das aufgerissene Grab.
„Nehmen Sie ihre Medikamente“, sagt Siegfried lauter und bestimmter und greift mit der rechten Hand nach ihrem Mund, um ihn zu öffnen, als ihr Blick auf einmal wieder klar, dann verängstigt, dann ablehnend wird.
Doch Siegfried, nun verstehe ich seinen Namen, lässt sich nicht aufhalten, nimmt die zweite Hand zu Hilfe, öffnet mit sanftem, aber entschlossenem Druck ihren Mund, so dass ich ihre verängstigte Zunge hin und her springen sehe, lässt die zwei Tabletten hineinspringen und kehrt wieder zu seinem Platz zurück.
„Wahnsinn“, denke ich und auf einmal fühle ich mich sehr unwohl auf meinem Platz, begreife, dass ich mich die ganze Zeit nicht wohl gefühlt habe, mich auch in absehbarer Zeit nicht wohlfühlen werde, während die Gastgeberin wieder mit trüben Augen in ihr Glas starrt und der Notar recht umständlich ein Schriftstück aus seiner Dokumentenmappe entnimmt.
„Können wir uns nicht alle wieder vertragen“, fragt Kalinka, und ich denke, dass
dies vielleicht damals funktioniert hat, als man sich im Sandkasten um einen Eimer oder ein Förmchen stritt. Niemand geht auf ihre Worte ein.
„Ich verlese nun den letzten Willen ihres verstorbenen Verwandten, meines alten Freundes, Leopold von Schwingen,“ sagt der Notar und die Spannung, die für einige Zeit dem Entsetzen gewichen war, füllt wieder knisternd den Raum.
„Zunächst möchte ich mich an meine Tochter wenden“, sagt der Notar und wir blicken alle hinüber, zur Gastgeberin, die scheinbar nichts mitkriegt und weiter in ihr Glas starrt, so als läge dort die Lösung für jedes erdenkliche Problem.
„Sie war mir immer ein gutes Kind“, fährt der Notar fort,
„war die Sonne meines Lebens und die Freude meines Alters, bis das Gift des Schicksals ihren Geist entstellt hat, bis der Wahnsinn sie mit eiskalten Händen am Nacken griff und ich sie nicht mehr verstehen konnte. Ich überlasse ihr das Haus und das Grundstück, auf dem es erbaut ist, übertrage es an ihren Betreuer Siegfried Kruger, in der Hoffnung, dass ihm gelingt, was so vielen Ärzten misslang, dass es wieder Freude, nicht Wahnsinn ist, die aus ihren Augen strahlt.“
„Siegfried Kruger“, sagt der Notar und reicht ihm eine Klarsichthülle, in der mehrere, auf den ersten Blick alte Dokumente, angeordnet sind.
Er nimmt sie entgegen und ordnet sie in eine andere Mappe um, die er wohl, in weiser Voraussicht, mitgebracht hat.
„General Adolf Weissherrenrichter war mir immer ein guter Gesprächspartner“, sagt der Notar und die Blicke wandern hinüber zum General, der sich unter den Worten sichtbar entspannt zurücklehnt. Langsam weicht der beißende Rot-Ton aus seinem Gesicht, die Züge entspannen sich.
„doch“, setzt der Notar hinzu und man merkt ihm an, dass er dieses Wort genießt, so wie er es genießt, dass er bereits weiß was folgt,
„ich habe ihm gegenüber schwere Schuld und Sünde auf mich geladen und ich möchte kein Geheimnis mit in den Tod nehmen. Ich habe ihn mit seiner Frau, Kalinka, betrogen, habe mich leiten lassen, von verirrten Gefühlen und dabei Schande über unser Verhältnis gebracht.“
Ich verschließe das aufkommende Lachen tief in meinem Körper, denke bewusst an etwas anderes, etwas trauriges, das aufgerissene Grab, den verlassenen Friedhof, während eine innere Stimme, wie ein trotziges Kind immer wieder ruft:
„Auch er hat sie gefickt, auch er hat sie gefickt.“
„Das stimmt ja gar nicht“, ruft Kalinka und der General schüttelt nur traurig den Kopf, ballt die Faust, schlägt sie aber nicht auf den Tisch.
„Es tut mir leid, lieber General“, fährt der Notar fort, aber ich kann und will nicht mit einer Lüge im Herzen aus diesem Leben scheiden, dass ich nach bestem Wissen und Gewissen gelebt habe. So hinterlasse ich Dir, alter Freund, die Aktien und Wertpapiere, die ich im Laufe meines Lebens gesammelt habe und die auch einigen Wert besitzen. Ich hoffe Du verzeihst mir meine Fehler.“
Der Notar schweigt und reicht dem General einen wesentlich dickeren Stapel mit Dokumenten, den dieser annimmt und interessiert durchblättert. Kalinka greift nach seinem Arm, beugt sich soweit zu ihm hinüber, dass ihre schweren Brüste auf seinem Arm ruhen und blickt über seine Schulter auf die Schriftstücke.

                                                       
Ich betrachte die Gastgeberin, wie sie dort sitzt, die Pupillen geschmolzen, den Blick noch immer in das halbleere Glas gebohrt, dessen Rand mit dicken Tupfern ihres Lippenstiftes verschmiert ist.
„Was sie wohl denkt“, frage ich mich
„oder denkt sie nicht? Was sieht sie wohl in ihrem Glas, oder sieht sie überhaupt nichts? Geht der Blick vielleicht nach innen und betrachtet irgendein kleines Details, glücklicher Momente ihrer Jugend?“
Ich stoße sie mit dem Fuß, unter dem Tisch, fest gegen das Bein, um ihrem Körper irgendeine Reaktion zu entlocken, schließlich kann ich mich herausreden, sitzt sie mir doch nicht genau gegenüber, doch sie reagiert nicht, obwohl ich die Fußspitze, mehrmals, mit einiger Kraft in der Mitte ihres Schienbeines versenke.
„Ich glaube der Gastgeberin geht es nicht gut“, rufe ich aus und wie um meine Worte zu bestätigen, bemerke ich in diesem Moment einen dünnen Faden Speichel, der von ihrem Mund über den Arm hinabgeflossen ist und nun still in der Tischdecke versickert.
„Es geht schon. Das ist normal“, antwortet Siegfried, der dann aber doch aufsteht und um den Tisch herum zur Gastgeberin tritt, während ich denke,
dass dies nicht normal ist, in keinster Weise normal, so wie weder der Notar, der General, der Architekt oder dieser Siegfried normal sind. Dieser Siegfried, der sie nun unter den Armen packt  und versucht sie in eine aufrechte Position zu ziehen.
„Wie eine Marionette, der man die Fäden durchschnitten hat“, denke ich und überlege, ob ich mich erheben soll um ihm und ihr zu helfen.
„Sie braucht frische Luft“, ruft Kalinka und springt auf um die Flügeltüren zu öffnen, die auf den Balkon führen. Der Notar ist bis zu diesem Moment ohne Regung geblieben und man sieht seinem Minenspiel an, dass er abwägt, ob er seine Ansprache unterbrechen soll oder fortfährt und den Tumult ignoriert, für den er nichts als einen ärgerlichen Seitenblick hatte. Ich betrachte ihn zu lange, so dass ich nicht mitbekomme, wie Kalinka stürzt. Ich höre nur das klirrende Geräusch der Fensterscheiben, als sie zerspringen, irgendwo dazwischen ein entsetzter weiblicher Schrei, gefolgt von einem dumpfen, platschenden Knall, wiederum gefolgt von einem bedrohlichen Ächzen des Balkons, als ich bereits in ihre Richtung blicke. Sofort erhebe ich mich, nicht nur, weil ich ihr helfen möchte, obwohl dieses Motiv, reiner und edler als das andere existiert, nein, ich spüre auch jene dunkle Faszination, das dritte Auge der Julia Rotbusch, als ich aufstehe, um zu sehen, wie sie dort wohl liegt, unbeholfen, hilflos, wie ein besonders dicker Käfer, der auf den Rücken gefallen ist.
Nicht nur die Scheiben sind zertrümmert, sehe ich, als ich mich ihr bis auf einige Schritte genähert habe, auch das zarte Holz, in dem sie gefasst waren und dass um sie herum einmal eine antike Tür gewesen ist, liegt zersplittert und zerborsten um Kalinkas Körper. Sie ist auf ihren Bauch, und damit zumindest weich gefallen, aber sie hat sich, scheinbar im Schockmoment des Sturzes, mit der rechten Hand in die Tür verkrallt, eine der kleinen Scheiben mit ihrer Körperkraft einfach eingedrückt und versucht ihren schweren Körper an einer der kleinen Verstrebungen abzustützen. Ich erinnere mich daran, wie der Architekt meinte, wie wichtig die Qualität der Verstrebungen sei, doch ich bin geistesgegenwärtig genug, diesen Gedanken zu isolieren und ihn irgendwo im Unterbewusstsein zu versenken, um mich zu einem späteren, geeigneteren Zeitpunkt einmal an ihm zu erfreuen. Weil sie nach der Verstrebung gegriffen hat, hat sie die Tür mit sich hinuntergerissen und sie in gewisser Weise unter sich begraben, so dass ihre Hand, unter dem Gewicht der Tür und ihrem addierten eigenen, zumindest gequetscht, wenn nicht gebrochen sein muss“, denke ich und bin erstaunt über die Folgerichtigkeit meiner Gedanken, zumal ich nun, wo ich mich so schnell erhoben habe, den Rausch  des Weines in meinem Kopf spüre. „Du bist ja betrunken“, sagt mir eine innere Stimme, mit der ich mich von zeit zu Zeit selbst einschätze.
Aus den Augenwinkeln bemerke ich, wie die Gastgeberin urplötzlich aus ihrer Apathie erwacht und mit dem Ausruf „ich hole Eis“ den Raum verlässt, da habe ich Kalinka schon erreicht und beschließe, dass es wohl das beste ist, sie zunächst auf die Seite zu rollen, um die Verletzung der Hand abzuschätzen, die ja die schlimmste und gefährlichste sein muss, doch „wo soll ich sie am besten anfassen“, frage ich mich gerade, als Siegfried mich beiseite stößt und sie mit einigen blitzschnellen Bewegungen in die stabile Seitenlage bringt, an die ich mich verschwommen aus meiner Fahrschulzeit erinnere und die in meinem Kopf unabänderlich mit der Herz-Punkt-Massage und der Mund-zu-Mund-Beatmung verbunden ist.     


Kalinka scheint nicht schwer verletzt zu sein, zumindest ist sie bei Bewusstsein und auch die vielen kleinen Schnittverletzungen, die sie sich vor allem an der Hand und am Arm zugezogen hat, erweisen sich als nicht sonderlich bedrohlich, als ich auf einmal bemerke, dass der General noch immer am Tisch sitzt. Alle anderen haben sich erhoben und bilden einen Kreis um die gefallenen Kalinka. Rechts und links von mir blicken der Architekt und seine Frau mit sorgenvollen Blicken nach unten und sogar der Notar hat sich erhoben, auch wenn er das Schauspiel nur aus einigen Schritten Entfernung beobachtet. Nur der General sitzt noch dort, aber von meiner Position aus sehe ich nur seinen Rücken und ich gehe hinüber zu ihm, um ihm zu sagen, dass es nicht so schlimm ist und weil ich mich durch die sachkundige Hilfe von Siegfried überflüssig fühle.
„Es ist nicht so schlimm, es geht ihr gut“, sage ich zum General , als ich noch hinter ihm stehe und erst als ich ihm von vorne in das Gesicht sehen kann, merke ich, dass es doch schlimm ist, weil es ihm überhaupt nicht gut geht. Seine rechte Hand ist zur Faust geballt und man ahnt, dass er sie eben im Moment des Anfalls voller Verärgerung auf den Tisch donnern wollte, doch er ist in der Bewegung erstarrt, das Gesicht hat einen dunkel-violetten Ton angenommen und ihm ist Schaum vor den Mund getreten.
„Ein Herzanfall“, denke ich und rufe Siegfried der umgehend den General auf den Boden zerrt und ihn neben seine Frau, in die gleiche Haltung zwingt. Nun liegen sie also beide dort, unnatürlich verrenkt, sie bei Bewusstsein, er nicht.
„Man sollte ihm mit einer Serviette den Schaum vom Mund tupfen“, sage ich zu Siegfried, doch der schüttelt nur den Kopf, als die Gastgeberin gerade wieder mit einer Schale voll Eis in das Kaminzimmer tritt, den General erblickt, die Schale fallen lässt und ruft:
„Ich rufe einen Arzt“, und wieder den Raum verlässt. Der Notar hat derweil bemerkt, dass es nichts gibt, das er tun könnte und sich wieder an den Tisch gesetzt. Nach einigem Zögern geselle ich mich aus den gleichen Gründen zu ihm.
„Schon merkwürdig“, sage ich in seine Richtung und er schüttelt nur den Kopf, um zu verdeutlichen, dass dieses Wort „merkwürdig“ nicht ausreicht um die Situation zu fassen.
„Ihr seid nichts als Tiere in feinen Anzügen“,
entgegnet er dann und ich bin für einen  Moment betroffen, dass er mich zu jenen rechnet.
„Er braucht seine Tabletten“, ruft Kalinka, die mehr und mehr in die Realität zurück findet.
„Sie sind in seiner Brusttasche.“
Siegfried ist derjenige, der am schnellsten begreift, greift in die Brusttasche des Generals und zieht eine kleine silberne Dose hervor, der er zwei rosa Tabletten entnimmt und ihm in den Mund presst.
„Du musst schlucken“, wimmert Kalinka und als wäre dies ein Weckruf schlägt der General die zusammengekniffenen Augen auf, blickt sich im stummen Entsetzen um und spuckt, im ersten Reflex der Verweigerung die Tabletten auf den Parkettboden, wo die eine direkt an einem Tropfen Speichel kleben bleibt, die andere noch ein Stück weiterrollt, um unter einem antiken Wandschrank zu verschwinden. Vorsichtig stützt sich der General auf seine Ellenbogen, ignoriert die helfenden Hände, die ihm von überall entgegengestreckt werden, richtet sich schwerfällig auf und steht wieder, wankt zum Tisch und lässt sich auf den Stuhl, genau neben mir fallen.
„Geht es Ihnen gut“, frage ich,
„möchten Sie ein Glas Wasser?“,
doch er schüttelt nur den Kopf und flüstert mir ins Ohr, dass dies alles eine zionistische Verschwörung sei und dass dieser Siegfried in Wahrheit ein Jude wäre.
„Finger weg von meiner Frau“, keift er über seine Schulter und tatsächlich kehrt Siegfried zum Tisch zurück, während sich Kalinka schwerfällig erhebt.


Bald darauf sitzen wir alle wieder am Tisch, so als wäre nichts gewesen. Die Gastgeberin hat den Arzt abbestellt, die kleinen Wunden von Kalinka sind verbunden und sie hat ihre Hand, die doch nicht gebrochen, sondern nur gequetscht ist, in eine neue Schüssel mit Eiswürfeln gelegt. Der General hat zwei rosa Tabletten aus seinem silbernen Pillendöschen genommen und außer einer verräterischen Bleiche, zeugt nichts in seinem Gesicht von diesem Vorfall.
Der Diener hat die Reste der zerborstenen Tür zusammengekehrt und Siegfried ist auf die glorreiche Idee gekommen, den schweren Wandschrank vor den Balkon zu schieben, damit die kalte Luft von draußen nicht ungehindert durch den Raum streicht.
„Pack mal mit an“, hat er zu mir, in diesem befehlerischen, irgendwie abschätzigen Krankenpflegerton gesagt und ich hatte nicht den Mut ihn auf das korrekte „Sie“ hinzuweisen, worüber ich mich gerade ärgere, als der Notar seine Mappe wieder aufschlägt, fragend in die Runde blickt und sagt: 

„Ich fahre fort.“

„Meinem Großcousin, Fridolin Rosenthal, vererbe ich die Summe von 250.000, auszuhändigen in Form eines Schecks, durch die Person meines alten Freundes
und meines treuen Notars, Sigmar Kremer. Ich hoffe, dass dieser Betrag zur Förderung des Staudammprojektes in Nicaragua  ausreicht und wünsche mir eine goldene Platte mit der Gravur meines Namens am Fuße der Staumauer.“

Der Architekt versucht pietätvoll seine Freude zu verbergen, doch als der Notar eine Klarsichthülle aus seinem Aktenkoffer hervorzieht und dem Architekten den Scheck überreicht, tritt ein vollmundiges Lächeln in sein Gesicht und man kann ihm ansehen, wie er sich bereits das Bauwerk in seiner Erhabenheit vorstellt und ich bin mir sicher, dass er an die Qualität der Stahlträger denkt, die er mit dieser Summe gewährleisten kann.
„Einen Toast auf Leopold“, ruft Kalinka, die sehr schnell wieder vom Schock- zum Trinkzustand gefunden hat und als müsse dies gesagt werden ruft der Architekt:
„Er war ein großer Mann.“

„Es ist kalt, weil die kalte Luft von draußen durch die zerborstene Balkontür, vorbei an dem davorgerückten Schrank in das Kaminzimmer zieht“, denke ich und frage mich, warum Siegfried, als er gemeinsam mit mir den Schrank vor die Tür rückte, wohl diesen kleinen Spalt freigelassen hat, obwohl der Schrank exakt die entstandene Lücke hätte schließen können, denke ich und betrachte den Schrank, der tatsächlich rechts ein Stück zu weit über die entstandene Öffnung ragt, während links eine gute Handbreit freigeblieben ist, durch die nun die Luft zieht.
Es wäre ein leichtes, den Schrank gemeinsam ein kleines Stück weit zurückzuschieben, denke ich dann, doch ich fürchte, dass es den Rahmen sprengen würde, wenn ich auf einmal aufstehe und den Schrank verschiebe, nun, wo alle wieder sitzen und man dem Notar ansieht, dass er seinen Vortrag fortsetzen möchte. Zwar hat sich bereits jeder einzelne in dieser Gesellschaft genug Blößen gegeben, so dass auch ich mir eine Blöße geben könnte, in dem ich zugebe, dass mir nun kalt ist, weil Kalinka die Tür zertrümmert hat und die kalte Luft, vorbei am Schrank in meinen Nacken zieht.
Vielleicht würden sie mich sogar eher akzeptieren, wenn auch ich mir eine Blöße geben würde, denke ich weiter, da schließlich Blößen Schwäche und Schwäche menschlich ist, doch dann denke ich, dass ich vorsichtig sein muss, dass ich die anderen um mich herum nicht genug kenne um mir eine Blöße zu geben, die sie vielleicht, im denkbar schlimmsten Fall gegen mich verwenden könnten. Zudem weiß ich ja nicht, ob ihre zur Schau gestellten Blößen tatsächlich Blößen sind, oder ob sie nur dazu dienen mich in Sicherheit zu wiegen, während die Blöße die ich mir geben würde, eine wahre, eine ehrliche Blöße wäre, quasi ein Stück von mir preisgeben würde.
„Ich weiß nichts über jene, in deren Runde ich sitze“, denke ich dann, nichts außer dem, was sie selbst über sich verraten haben, und da ich sie auch nicht kenne, weiß ich auch nicht, ob es Wahrheit ist, die sie über sich verraten haben.
„Es wäre möglich, dass sie alle Schauspieler sind“, denke ich weiter, während ich den Notar beobachte, der umständlich seine Papiere ordnet, die ja durch den Zwischenfall nicht in Unordnung geraten sein können, so dass mich seine Handlung misstrauisch macht.
„Vielleicht dienen wirklich alle Schwächen und ihr groteskes Wesen einzig und alleine dazu mich in Sicherheit zu wiegen, doch ist es überhaupt möglich, kann man sich so verstellen“, frage ich mich und blicke noch einmal von Gesicht zu Gesicht, zu kurz um eine Reaktion zu provozieren, aber doch lange genug um ein wenig in ihrer Mimik zu lesen. Die Frau des Architekten wirkt noch immer beleidigt, obwohl ich nicht glaube, dass ihr dies bewusst ist, dass dieser Ausdruck noch immer in ihrem Gesicht steht, denke ich und betrachte die heruntergezogenen Mundwinkel in dem sonnengebräunten Gesicht, dass eben jene Farbe hat, die sie in einem anderen Jahrhundert als Bastard stigmatisiert hätte, zugleich aber, in diesem Jahrhundert auf Wohlstand und Sonnenstudio verweist. „Wie kann sie noch immer beleidigt sein“, frage ich mich, wo sie doch soeben einen derart hohen Betrag vererbt bekommen hat, beziehungsweise ihr Mann, der scheinbar nichts als ihre Marionette ist.
Der Architekt hingegen ist erschreckend blass, geradezu bleich, wenn man von einigen roten Flecken in seinem Gesicht absieht, die wohl der Aufregung und der unglaublichen Höhe des ererbten Vermögens geschuldet sind.
„Das Gesicht seiner Frau wäre ebenso bleich wie das seine“, denke ich,
wenn es nicht derart künstlich gebräunt wäre und ich frage mich, wie es wohl ist, in solch einem Solarium zu liegen, nackt und wehrlos zwischen blauen, strahlenden Leuchtstoffröhren, wie man sich wohl fühlt, wenn man in einem solchen Zentrum aus blauem, warmen Licht liegt.
Auch die Gastgeberin ist bleich, sogar noch bleicher als der Architekt, bleich wie ein Geist und ich denke, dass es bestimmt Jahre, wenn nicht Jahrzehnte her sein muss, dass sie ihr trauriges Gesicht der Sonne gezeigt hat. Dicke Augenringe haben sich zudem in ihr Gesicht gegraben, die umso heftiger hervortreten, eben weil sie so bleich ist und die einen scharfen Kontrast zu jenen nahezu grell leuchtenden roten Lippen bilden, die derart stark geschminkt sind, dass man meint, dass sie bluten.
„Wären nun noch ihre Haare schwarz gefärbt und hätte sie ihre dicken, wenn auch langen, aber unförmigen Beine in eine dieser Netzstrumpfhosen gezwungen, hätte sie gut und gerne in die vorderste Reihe eines dieser
Gothic-Konzerte gepasst, denke ich und muss bei dem Gedanken lächeln.     

„Ich fahre fort“, sagt der Notar schneidend, reißt mich aus meinen Gedanken und ich denke, dass nun ich an der Reihe bin, dass auch ich auf jeden Fall etwas erhalte, nur noch nicht weiß was, aber das in Anrechnung der Größe des Erbes der anderen auch etwas für mich herausspringen wird und ich frage mich, was ich wohl mit dem Geld machen werde, dass so unverhofft in mein Leben getreten ist.
„Ich werde mir ein Haus kaufen“, denke ich und lächle über die schäbige Mietwohnung, die bisher so etwas wie Heimat für mich bedeutet.
„Und ich werde reisen“, denke ich und stelle mir ferne Strände und exotische Landschaften vor, durch die ich lächelnd schreite.

„Zuletzt möchte ich mich an jemanden wenden, den ich leider nie persönlich kennen gelernt habe, Carl Monhaupt, dessen Vater als Kind oft auf meinem Schoß saß und der es auch nie versäumt hat mir zu den Festtagen seine Grüße zu übersenden.“
Ich neige den Kopf nach vorne, will es genau hören, liebe meinen Vater dafür, dass er diese Postkarten geschrieben hat, die mich nun auf Irrwegen an diesen Tisch geführt haben.
„Ich vermache meinen gesamten, restlichen...“
Der Notar schweigt.
Ich blicke ihn an, denke, dass er eine kleine Pause macht, um die außergewöhnliche Höhe des Erbes noch einmal besonders hervorzuheben, warte, hoffe, träume, bange, doch er schweigt.
„Was ist nun, du Satan“, denke ich und blicke in die Gesichter der anderen, doch auch sie scheinen ahnungslos, bis auf Siegfried, dessen Mund ein wissendes Lächeln umspielt, dass vollends hervorbricht, als der Notar fortfährt:
„Hier endet das Testament.“
Ich begreife es zunächst nicht, kann es nicht fassen, überhöre den Satz, warte noch immer auf eine Zahl, doch er fügt hinzu:
„Mein geschätzter Freund, Leopold von Schwingen, verstarb während er dieses Testament aufsetzte und obwohl dieser Umstand Sie leider von jeglichem Anspruch auf das Erbe enthebt, sollte es Sie froh machen, dass sein letzter Gedanke Ihnen galt, Ihnen, obwohl er Sie nicht einmal kannte.
Der Notar lächelt mich an und ich denke, dass er diese Worte vorbereitet hat, dass er es genießt und meine Fassungslosigkeit schlägt in Wut um. Ich denke an die stundenlange Fahrt an diesen Ort, die hohen Kosten des Fahrscheins, für den ich mir das Geld von einem Freund borgte, der noch zu mir sagte:
„Mach Dir aber keine allzu großen Hoffnungen.“
„Es ist doch nicht so schlimm“, sagt Kalinka, die frischgebackene, fette Millionärin, die noch eben hilflos neben ihrem bewusstlosen Mann auf dem Boden lag.
„Du abgrundtief hässliches, widerliches, ungebildetes, geradezu morbides Stück Dreck“, denke ich und rufe:
„Ich will das Testament sehen“, welches der Notar gerade wieder in seinen Aktenkoffer packen will.
Er schaut mich an und für einen ganz kurzen Moment bricht die Fassade und ich sehe in seinen Augen, dass er mich betrügt, dass er die Unwahrheit gesagt hat und dass er weiß, dass ich bemerkt habe, dass er mich betrügt und die Unwahrheit sagt.
„Das geht nicht“, sagt er nur und in meine Wut, die bis zu diesem Zeitpunkt hilflos und ungelenkt war, mischt sich auf einmal Hoffnung, dass ich durch diese Wut, doch noch an einen Teil meines Erbes gelange.
„Es ist aber das Recht jedes Erben, das Testament einzusehen“, sage ich und hoffe dass dies stimmt.
„Das ist wahr“, sagt der Notar , „Sie aber sind kein Erbe“, und lässt den Verschluss seiner Dokumentenmappe zuschnappen.

Ich blicke in die Runde, in die Gesichter, die mir über den Abend hinweg doch irgendwie vertraut geworden sind.
„Bitte, sagt ihm, dass er euch das Testament einsehen lassen soll.“       
„Nein“, sagt der General und seine Stimme hat inzwischen wieder ihre alte Härte, militärisch, befehlend, duldet keinen Widerspruch.
„ich weiß nicht“, sagt Kalinka und spielt dabei mit dem Anhänger, von dem ich nun weiß, dass er die Asche von Egon beinhaltet. Dann lächelt sie mich an, gewollt verführerisch, zwinkert mit den faltigen Augenlidern und schweigt. Ich hasse sie.
„Ich schließe mich an“, sagt der Architekt und blickt bewusst in eine andere Richtung.
Ich blicke zur Gastgeberin und sehe, dass sie erneut in einen dieser apathischen Zustände verfallen ist, den schweren Kopf auf ihren massigen Ellenbogen gebettet hat und mit glasigen Augen in die Tischdecke starrt.
„Wie Sie sehen gibt es für mich keinen Grund noch länger an diesem Ort zu verweilen. Ich habe meine Pflicht getan und es ist mir eine Freude, Sie in ihrer Dekadenz zu verlassen“, sagt der Notar und packt die Dokumentenmappe in seinen Koffer, den er dann, wie um einen Schlusspunkt zu setzen, zuschlägt und mit einem kleinen Schlüssel verschließt, den er an einer Kette um den Hals trägt.
Ich begreife, dass dies meine letzte Chance ist, dass, wenn er diesen Raum verlässt, der Traum vorbei ist, es keinen anderen Weg mehr gibt, als die Rückkehr in den verhassten Alltag. Ich habe so viele Hoffnungen in diese Fahrt gesteckt.

Ich ergreife eine Gabel, springe auf, eben, als sich der Notar erheben will und halte sie an den Hals des Generals, weil er derjenige ist, der mir am nächsten sitzt.
„Sie verlassen nicht diesen Raum“, schreie ich dem Notar wutentbrannt entgegen, „bevor ich nicht selbst das Testament eingesehen habe.“
Alle starren mich erschrocken an, ein kalter Luftstrom findet eine Ritze in der improvisierten Balkontür und bringt das Tischtuch zum flattern, nur der Notar erhebt sich seelenruhig und sagt:
„Erstechen Sie ruhig diesen verkommenen Nazischergen mit ihrer Gabel. Es ist mir gleich.“
Dann wendet er sich ab und geht mit betont ruhigen Schritten auf die Flügeltüren zu, welche aus dem Kaminzimmer führen.
Einen Moment bin ich ratlos, schockiert über diese Gleichgültigkeit, dann stoße ich den General beiseite, fasse die Gabel fester und erreiche den Notar, eben alls er die Hand auf die Klinke legt.
Da ich nicht weiß, wie ich ihn sonst aufhalten soll, hole ich weit mit der Gabel aus und ramme sie ihm, bis zum Anschlag der Zinken, von hinten in die Schulter und muss wieder kurz an den Architekt denken und die besondere Wichtigkeit der Qualität der Verstrebungen, als der Notar vor Schmerz und Überrschung aufschreit.
Er wehrt sich nicht, als ich ihn an der Gabel – scheinbar haben sich die Zinken verbogen und irgendwo im Schulternblatt verhakt – zurück an den Tisch ziehe, an dem noch alle sitzen und mich gebannt betrachten.

Siegfried überwindet als erster seinen Schrecken, zumindest ist er der Erste, der das Wort an mich richtet:
„Das macht doch alles keinen Sinn“, sagt er in eben dem Ton, in dem die Menschen die in den amerikanischen Filmen mit den Geiselnehmern verhandeln und ich sage:
„ich will nur das Testament sehen“, und dann zum Notar, der am ganzen Körper zittert:
„Öffnen Sie doch endlich diesen verdammten Koffer.“

Ich weiß, dass jetzt alles sehr schnell gehen muss, dass ich mein Ziel erreichen muss, bevor die Gesellschaft aus ihrer Agonie erwacht, denn ich bin zwar der Jüngste und ich glaube auch, dass ich der Stärkste bin, aber gegen ihre vereinte Kraft bin ich wehrlos, denke ich, als der Koffer auf dem Tisch liegt, sich aber nicht öffnen lässt, weil der Notar den Schlüssel hat.
„Sie machen einen schweren Fehler“, sagt dieser und verleitet mich dadurch dazu, nach der Gabel zu greifen, die noch immer aus seinem Rücken ragt und eine kleine Drehung des Metalls bringt ihn zum Schweigen und treibt ihm die Tränen in die Augen.
„Der Schlüssel“, sage ich und mein Blick ruht auf Siegfried, der mir von der versammelten Gesellschaft am gefährlichsten erscheint.
„ich muss ihn unbedingt im Auge behalten“, denke ich und fahre ihn an:
„Bleib bloß sitzen, du Krankenpfleger“, verwerfe aber die Idee ihn dadurch zu demütigen, dass ich ihn in die stabile Seitenlage zwinge.
„Es wird mir eine Freude sein, sie mit allen, in meiner Macht stehenden Mitteln zu hetzen und zu jagen“, sagt der General, den ich zuerst mit der Gabel bedroht habe.
„Bleiben Sie ruhig, sonst verbrenne ich Ihre Aktien“, entgegne ich ihm und weise auf das flackernde Kaminfeuer, worauf er schweigt und Kalinka etwas in ihr Ohr flüstert, die mich noch immer wie eine Naturkatastrophe, erschrocken betrachtet.
„Und ich dachte er wäre nett“, sagt sie, dann schweigt auch sie.


Finaler Akt

Die Revolution kündigt sich langsam an und mir wird bewusst, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die Gesellschaft gegen mich aufbegehren wird. Man sieht es in ihren Augen, wie sie einander anblicken, wie kleine Gesten und Bewegungen auf einmal an Bedeutung gewinnen. Ganz langsam, Zentimeter für Zentimeter, schiebt Siegfried seinen Stuhl zurück und die Augen des Generals mustern den Raum, wie die eines Feldherrn, der die strategischen Vorzüge und Nachteile jeder Kante und Ecke ermisst. Das Eis in der Schüssel ist geschmolzen und die gequetschte, bleiche Hand von Kalinka treibt wie ein vergangener, wesender Fisch zwischen den letzten Eiskristallen. Ich halte das Testament in der hand, meinen persönlichen Schlüssel zu Reichtum und einem besseren Leben und es bleibt mir nichts zu tun, als den Raum zu verlassen, mich die letzten Stunden jener sterbenden Nacht irgendwo in der Dunkelheit zu verkriechen, um mit den ersten Sonnenstrahlen bei der örtlichen Polizei vorzusprechen und das einzufordern, was mein ist, was mein sterbender Urahne Leopold von Schwingen mir zugedacht hat.
„Ich werde jetzt gehen“, sage ich in den schweigenden Raum, gerade als Siegfried seinen Stuhl so weit zurückgezogen hat, dass er sich ohne große Probleme erheben kann und mustere besorgt die Distanz zu den vertäfelten Türen, die aus dem Kaminzimmer, in die Freiheit führen.
„Das werden Sie nicht“, sagt der General und seine Stimme hat noch immer jene militärische Endgültigkeit, mit der die Befehle gegeben wurden Deserteure, wie Zivilisten zu erschießen.
„Wir werden das nicht zulassen“, ergänzt der Architekt und auch seine Stimme hat jene Entschlossenheit, mit der man den Bau des ersten Brückenkopfes befiehlt.
„Genau“, sagt Kalinka, mit jener Gefügigkeit des überzeugten Mitläufers und ich verfluche mich dafür, dass ich nicht direkt mit dem Testament aus dem Raum gestürmt bin, als sich die Gesellschaft wie ein Mann erhebt und mir den Weg versperrt. Nur die Gastgeberin ist auf ihren Unterarmen eingeschlafen und der Notar sitzt auch noch totenbleich auf seinem Platz, die silberne Gabel ragt zitternd durch die Stuhllehne hervor. Ich falte vorsichtig das Testament und lasse es in meine Hosentasche gleiten, während ich versuche meine Chancen zu ermessen. Als Jugendlicher bin ich oft in den Boxclub gegangen und besonders meine Beinarbeit ist von den wechselnden Trainern immer in den höchsten Tönen gelobt worden, doch die Übermacht ist erdrückend und schaudernd muss ich daran denken, mit welcher Leichtigkeit Kalinka die Tür zum Balkon zertrümmert hat. Ich greife nach einer weiteren Gabel  und weiche ein Stück vom Tisch zurück, während Siegfried sein Handy hervorzieht und einige hastige Worte hineinflüstert.
„Ich habe die Polizei gerufen“, sagt er dann mit harter Stimme  und setzt hinzu:
„Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder Sie versuchen diesen Raum zu verlassen und ich versichere Ihnen, wir werden Sie aufhalten, oder wir setzen uns zurück an den Tisch, wie zivilisierte Menschen und warten auf einen neutralen Beamten, der in dieser Sache vermitteln wird. Es liegt bei Ihnen.“

Er sagt es auf diese Art, dass man sich vorkommt, wie ein kleiner, dummer Junge, der die Tragweite der eigenen Handlungen noch nicht begreifen kann, doch um die mitschwingende Drohung zu untermalen krempelt er sich in einer lächerlichen Geste die Ärmel seines geschmacklosen Krankenpflegerhemdes empor, so dass die trainierten Krankenpflegermuskeln um so deutlicher hervortreten.
„Wir sollten ihn einfach umbringen für das, was er mit dem lieben Notar gemacht hat“, sagt Kalinka, doch der General schüttelt nur den Kopf und sagt zu meiner Überraschung:
„Halt doch endlich einfach mal dein dummes Maul!“, was ihr Tränen in die Augen und sie zurück zu ihrem Platz treibt, wo sie mit einem platschenden Geräusch ihre verquollene Hand zurück in die Eisschale gleiten lässt.
Auch ich nähere mich wieder vorsichtig dem Tisch , ziehe einen der Stühle in eine sichere Entfernung von den anderen und lasse mich darauf nieder. Auch die anderen setzen sich, wobei sie ihre Stühle so positionieren, dass sie den Weg zu den Türen blockieren und es ist einige Minuten still, totenstill, nur das verletzte Wimmern von Kalinka und das anschwellende Schnarchen der entrückten Gastgeberin ist noch zu hören, die nun alleine am Tisch sitzt, während sich die anderen, wie eine Rugbymannschaft aus Rollstuhlfahren mir gegenüber positioniert haben. Es ist wie ein Moment der Andacht, der Besinnung und es tut mir leid, dass ich den Notar mit der Gabel verletzt habe, ein Umstand, der den erscheinenden Beamten wahrscheinlich von Anfang an gegen mich einnehmen wird und in diesen Gedanken mischt sich die Sorge, ob es tatsächlich die Polizei sein wird, die eintrifft und nicht nur einige polnische Krankenpflegerkollegen von Siegfried, die für einige Flaschen Wodka bestimmt nur allzu bereit wären, die unschuldigsten Knochen zu brechen und so bin ich zunächst erleichtert, als ich dann tatsächlich die sich nähernde Sirene eines Polizeiwagens vernehme, der wahrscheinlich aus dem Dorf anrückt, durch das ich auf dem Hinweg meinen Koffer gezerrt habe.
„Das mit der Gabel tut mir leid“, sage ich zu dem Notar, der nur ärgerlich den Kopf schüttelt, so als sei es nun zu spät für plötzliche Reue. 


Die Flügeltüren schwingen knallend auf, so als wären sie durch eine Explosion aufgestoßen worden und ich bin für einen kurzen Moment überrascht, wie der Polizist wohl einen Weg in das Haus gefunden hat, als mir der Diener einfällt, den ich die ganze Zeit über vergessen hatte. Hinein stürmt die Karikatur eines Polizisten, die ich niemals als solche, nämlich als Uniform erkannt hätte und die mich an ein zusammengewürfeltes Karnevalskostüm erinnert.
„Was ist hier passiert“, donnert er in den Raum
und obwohl er ja selbst nicht das geringste Wissen darüber haben kann, was tatsächlich in diesem Raum passiert ist, ist sein Gesicht rot vor Zorn, Zorn der in meine Richtung geht, während sich seine großen Fäuste öffnen und schließen und der gewaltige Schnauzer der aus seinem Gesicht sticht vor Erregung zuckt.
Ich will gerade etwa entgegnen, die Situation erklären, als Kalinka ihren fleischigen Zeigefinger in meine Richtung ausstreckt  und in einem weinerlichen Ton schreit:
„ Er war es. Er hat den Notar mit der Gabel in den Rücken gestochen und er hat mir meine Hand gebrochen.“
Dann verfällt sie wieder in ihr leidendes Wimmern, dass sie für diese Aussage kurz unterbrochen hat.
Ihre Lüge erscheint mir unfassbar und so wütend sie mich auch macht, beschließe ich zunächst eine Weile zu schweigen, um den Beamten durch ein ruhiges, zweckdienliches Verhalten für mich einzunehmen.
„Stimmt das?“, donnert mir der Polizist entgegen, nachdem er allen außer mir  zugenickt und Siegfried mit einem freundschaftlichen Handschlag begrüßt hat.
„Stimmt das?“
„Nein“, antworte ich und will mich erheben, weil sich auch die anderen erhoben haben und mit dem Polizisten in der Mitte einen bedrohlichen Halbkreis gebildet haben.
„Bleiben Sie sitzen“, schreit der Polizist, außer sich vor Wut,
„zwingen Sie mich nicht, von meiner Schusswaffe Gebrauch zu machen.“,
schreit er weiter, zieht sie aus seinem Halfter und hält mir die Mündung probeweise vor das Gesicht.
„Ich frage noch einmal“, sagt er, mühsam beherrscht, während er noch immer die Waffe auf mich gerichtet hat.
„Stimmt es, was meine alte Freundin Kalinka über den Sachverhalt gesagt hat?“
„Nein“, sage ich noch einmal, doch es ist kein entschlossenes „Nein“ mehr, eher ein trotziges, hilfloses.
„Tut es sehr weh“, fragt er in ihre Richtung, ohne auf meine Antwort einzugehen.
„Ja, schon, aber ich bin tapfer“,
sagt Kalinka und zwinkert ihm zu, so wie einem die bediensteten Frauen an den Autobahnraststätten zuzwinkern.
„Was für einen abgrundtief schlechten Charakter muss man haben“,
sagt er, nun wieder in meine Richtung,
„um ein so liebliches Geschöpf derart brutal und rücksichtslos zu verletzen. Haben Sie irgendetwas vorzubringen, was ihr verruchte Tat nur im geringsten rechtfertigen könnte?“
Ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll, sehe ihn nur an, als wäre er ein böser Geist und begreife, dass es keine Möglichkeit geben wird in diesem Raum Gerechtigkeit zu finden und ehe ich es zurückhalten kann, bildet sich eine kleine Träne in meinem rechten Augenwinkel.
„Immerhin bereut er seine Tat“,
sagt der Polizist voller Verachtung und spuckt vor mir auf das Parkett, während sich die anderen sichtbar entspannen und ich mich nicht beherrschen kann und weine wie ein kleines Kind. All diese Ungerechtigkeit und meine Träume, die Demütigung und das anschwellende Lachen der Gesellschaft, die Schmach mittellos in das alte Leben zurückzukehren und die Angst vor der Willkür dieses bäuerlichen Polizeibeamten.
„So fühlt es sich an, wenn man verliert“, denke ich,
„wenn man ganz und gar verloren hat.“
„Er war so gemein zu uns“, ruft Kalinka,
„jetzt sieht er einmal wie das ist. Er hat meinen Mann mit der Gabel bedroht und gesagt, dass er ihn töten würde.“
„Aha“, sagt der Polizist,
„da haben wir dann nicht nur schwere Körperverletzung in mindestens zwei Fällen, sondern auch eine Morddrohung und wenn ich mir den Herrn Notar so ansehe, einen Mordversuch. Wenn Du dafür nicht bis ans Ende Deines Lebens ins Kittchen wanderst, dann fresse ich einen Bären.“
Nicht einmal seine rhetorische Boniertheit schafft es mich zu beruhigen, nein, ich habe auf einmal Angst, Angst um mein leben, muss an die Stehzellen in den dunklen Kellern des Hauses denken, von denen der General erzählte, an die Spuren der Fingernägel in den unnachgiebigen Steinwänden.
„Gib es uns“, sagt die Frau des Architekten, welche die ganze Zeit über geschwiegen hat auf einmal in einem versöhnlichen Ton, so als gäbe es dort eine Hoffnung, die ich nur ergreifen müsste.
„Gib es uns“, sagt auch Siegfried und seine Stimme ist sanft wie Valium, so als könnte ich nichts für meine Krankheit und müsste mir nur helfen lassen.
„Geben Sie es schon“, sagt nun auch der Notar und zieht mit einer Hand die Gabel aus seinem Rücken, so einfach, wie man eine Dose Ravioli öffnet.
„Es gibt immer einen Weg“, schließt sich auch der Polizist an, lächelt und streicht mir kameradschaftlich mit der Hand durch mein gescheiteltes Haar, nachdem er mit einer Revolverheldendrehung die Waffe zurück in sein Halfter gesteckt hat, so dass sie in Griffweite vor meinem Gesicht baumelt.

Ich spüre das Testament in meiner Hosentasche, fühle jenes feine Papier, so als würde es dort glühen und sich wie eine Wunde in mein Bein brennen.
Ich sehe mich selbst, wie ich dort stehe, alleine, am verlassenen Bahnhof und auf den Zug warte, sehe mich, in überfüllten, verrauchten Abteilen, mit bleichem Gesicht und knurrendem Magen, weil ich das Geld für den Schlaf- wie den Speisewagen spare, sehe mich am heimischen Bahnhof, wo sich wartende Bekannte von meinem enttäuschten Gesicht abwenden, sehe mich in dem kleinen Garten, hinter der Mietwohnung, wo ich in der Abenddämmerung einen billigen Strick um einen Ast der alten Eiche knote,
sehe mich dort hängen, baumeln im Wind und greife nach der Waffe.

„Aaaaah“, schreit Kalinka, als ich aufspringe und die Gesellschaft samt Polizisten mit Tritten und Flüchen in die hinterste Ecke des Kaminzimmers treibe.
„Ihr verfluchten Bastarde“, schreie ich,
als ich die Flügeltüren öffne und den Diener, der dahinter gestanden hatte, mit der linken Hand am Genick packe und zu ihnen zerre, ihn nach vorne stoße, trete und schreie, während die eben noch so formierte Gesellschaft zu einem hilflosen Haufen von ängstlichen Gesichtern und zitternden Extremitäten zusammenschmilzt.
„Ich wollte das niemals tun“, schleudere ich ihnen meinen Zorn entgegen, diesem Pulk aus Gemeinheit und Ungerechtigkeit, die mir alles nehmen wollten, ohne mich zu kennen.
„Ganz ruhig“, sagt Siegfried mit dieser Stimme und ich will ihn in sein arrogantes Krankenpflegergesicht schießen, koche innerlich, drücke ab, warte einen Moment, entsichere fluchend die Waffe , drücke ab und erschrecke für einen kurzen Moment, als ein ohrenbetäubender Knall seinen Kopf zerreißt und seinen kopflosen Körper in einem Regen aus Blut und Knochensplittern in die schreiende Gesellschaft schleudert. Dann ist es ruhig, unglaublich ruhig, dunkler Qualm quillt aus der Waffe und zieht in kleinen Wölkchen in Richtung der Terrassentür und alle sehen mich an. Niemand sagt etwas, niemand schreit mehr, wie es eigentlich in einem solchen Moment angemessen wäre, niemand möchte das nächste Opfer meines Zornes werden, der ihnen allen gilt. Nur Entsetzen ist da, Entsetzen und Unglauben und ich hasse sie, mehr als ich jemals einen Menschen gehasst habe, obwohl ich sie gar nicht kenne, weiß ich wie sie sind, kann ihre Gier förmlich riechen, ihren Neid, ihre Dekadenz und am meisten hasse ich sie, weil sie mich in diese Situation gebracht haben, weil es jetzt keinen Ausweg mehr gibt, alles vorbestimmt scheint. Ich senke die Waffe und schieße ein weiteres mal, in den fetten Oberschenkel von Kalinka, einfach, weil ich sie schreien hören will, erschrecke nicht mehr bei dem Knall, der nicht lauter ist als der erste.
„Du“, schreie ich in ihr verängstigtes Gesicht und sie starrt mich fassungslos an,
„du“, schreie ich nur, weil mir keine Worte einfallen für das was ich empfinde, dieser Ekel darüber, dass sie trotz ihrer tiefen Beinwunde, wie automatisch in eine devote Haltung gesunken ist.
„So ist es in dich übergegangen“, denke ich,
„du bist derartig dumm, gesteuert, gelenkt und getrieben, dass du selbst im Tod breitbeinig daliegst.“
„Du bist das niedrigste, das aus den tiefsten und finsterten Abgründen empor gekrochene, fetteste und vor allem hinterhältigste und bestialischste“, schreie ich
und stocke kurz, weil mir kein Substantiv einfällt, dass ihre Abscheulichkeit tragen, oder ertragen könnte,
„Ding“, schreie ich ihr entgegen und schieße ein weiteres Mal, in ihr bangendes, dummes, in Unverständnis und peinlicher Berührtheit erstarrte Gesicht und lache in der Gewissheit, dass ich es niemals wiedersehen werde, wenn es nicht in dunklen Albträumen zu mir zurückkehrt.
Der Rest vollzieht sich flüchtig, abstrakt, eben wie ein Traum, in dem ich töte. Der General stirbt wie ein General, aufrecht stehend, den Körper in Erwartung des Todes starr angespannt, so dass man fast erwartet, dass er den rechten Arm empor reißt und „für das Vaterland“ in die Mündung meiner Waffe brüllt.
Er fällt nach links, während seine Frau nach rechts, auf den kopflosen Siegfried gestürzt ist. Der Polizist hat seine Wut verloren und gibt mir mit zitternder Hand die restlichen Patronen aus einer Tasche an seinem Gürtel. Dann schieße ich auch ihm in den Kopf, genau durch den roten Punkt auf seiner Polizeimütze, die er, vielleicht weil er verwegen wirken wollte, tief in sein Gesicht gezogen hatte und ich muss an diesen Satz aus unzähligen Filmen denken, dieses
„Ist-dir-eigentlich-bewusst-dass-du-gerade-einen-Polizisten-erschossen-hast“.
„Ich habe gerade einen Polizisten erschossen“, denke ich als er zu Boden sinkt und lasse den fettleibigen Architekten noch einige Schritte auf die Tür zulaufen, bevor ich ihm mit den letzten beiden Patronen in den Rücken schieße und den Revolver erneut nachlade. Die Frau des Architekten schweigt, als sie gemeinsam mit dem Diener stirbt, doch es wirkt fast so, als würde sie einen kleinen Schrei der Bestürzung aus Pietät unterdrücken und es tut mir leid, dass sie sterben muss, weil sie es am wenigsten verdient, doch es gibt kein zurück.

Irgendwann liegen sie alle dort, über- und nebeneinander, in einer blutigen Ecke, leb- und regungslos, als die Gastgeberin erwacht, die unbeteiligt, im friedlichsten Medikamentenrausch, selbst die akustische Gewalt der Schüsse nicht bemerkt hat.
„Wie spät ist es?“, fragt sie mich mit trübem Blick und ich beschließe mich einen Moment neben sie zu setzen.
„Mir ist kalt“, antworte ich und zittere unter dem Luftzug, der am Schrank vorbei durch meinen Nacken fährt.
„Dann ist es gut“, sagt sie nur und bemerkt die tote Gesellschaft in der Ecke, dieses kleine Stück Hölle, dass einen Weg in die landadlige Etabliertheit dieses Hauses gefunden hat.
„Sind sie tot?“, fragt sie noch und versucht in einem ersten Impuls ihren Oberkörper auf dem Tisch abzustützen, resigniert aber bald unter der vermeintlichen Schwere ihres Kopfes und sinkt zurück auf das gemangelte und gebügelte Tischtuch.
„Ja“, sage ich und begreife es erst selbst in diesem Moment, erkenne die Tragweite meiner Handlung und beschließe, dass es an der Zeit ist zu gehen.
„Warum habt ihr mir diesen Brief geschrieben“, frage ich noch, weil ich es nicht verstehe, weil ich ohne diesen Brief niemals gewusst hätte, dass es eine Erbschaft gibt, dass ich überhaupt noch Verwandte habe.
„Sie hätten sich mein Erbe aufteilen können“, denke ich „und ich hätte es nicht gemerkt, nicht einmal geahnt, ich hätte vielleicht Glück in meinem kleinen Leben gefunden, wenn ich nicht die Möglichkeit bekommen hätte es zu verachten.“
„Ich habe ihn geschrieben“, sagt die Gastgeberin und in ihrem Tonfall bleibt offen, ob sie es als Zufall, oder als Schicksal getan hat.
„Ich muss gehen“, denke ich, sage ich und sie ringt sich ein schwaches, angetäuschtes Nicken ab, bevor ihre Augen zufallen und sie wieder entgleitet, irgendwohin, wo es besser zu sein scheint als hier. Ich erhebe mich, überwinde den sinnlosen Impuls der schweigenden Gesellschaft zum Abschied zu zunicken
und trete an den schweren gusseisernen Kamin.

Das Papier nimmt die Flamme in sich auf, so als hätte es seit Jahrhunderten darauf gewartet, als wäre es gereift, wenn nicht gar als Baum erwachsen, für diesen kurzen Moment als Flamme, in dem ich die drei Schritte zu den hauchzarten Vorhängen überwinde und bevor das Testament erlischt und als Staub meine Kleidung umwirbelt, habe ich die Flamme weitergegeben und ich bleibe noch einen Moment staunend stehen und bewundere die Geschwindigkeit, mit der sich die Flammen an ihnen empor fressen, die Tapete und die Bordüre zunächst nur verrußen, um sie dann zu sich, in das Feuer zu ziehen.
„Ich muss gehen“, denke ich wieder,
wende mich ab, trete durch die Flügeltüren und spüre, wie der heiße Atem des Feuers über meine Schultern streift. Gemeinsam mit den ersten dichten Rauchwolken trete ich nach draußen, in die Nacht, verschließe sorgsam hinter mir die Tür und denke nach den ersten Schritten, wie befreiend es ist, diesen Weg nun ohne Koffer und abwärts zu schreiten, den ich zuvor, im Schweiße meines Angesichts erklimmen musste.
Bald stehe ich am Bahnhof, ungefähr an der Stelle, an der ich ankam, als die Flammen durch das Dach brechen, sich für einen kurzen Moment durch den plötzlichen Luftzustrom unfassbar hoch auftürmen, während dahinter die Sonne ihre Strahlen gleißend in den neuen Tag sendet.
Dann stürzt alles in sich zusammen und ich habe das Gefühl, als würde das Dorf befreit aufatmen, als der Schatten fällt, der in den Morgenstunden so viele Jahre lang über den Häusern gehangen hatte Die Außenmauern brechen nach innen hin ein, ziehen die Flammen wieder zurück und alles implodiert in einer glühenden Blase, die ein letztes Mal hell aufleuchtet.
Ich wende mich ab, schaue in die andere Richtung, dorthin, wo ich den eintreffenden Zug erwarte.
„Ich habe ein Ziel“, sage ich mir und denke dabei, dass es nicht stimmt,
dass ich kein Ziel habe.     


Ende

Anmerkung von autoralexanderschwarz:

Unglaubliche acht Jahre nach dem Entstehen soeben wiedergefunden und erstmals vollständig veröffentlicht.



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Kommentare zu diesem Text


Kommentar von swetlana (51) (22.09.2015)
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autoralexanderschwarz meinte dazu am 22.09.2015:
Liebe Swetlana,

vielen Dank für deinen Kommentar. Gerade bei den längeren Texten freut es mich immer total, wenn jemand mal was drunter schreibt. Man weiß - unabhängig von den Zugriffszahlen - ja nie, ob's wirklich jemand ganz gelesen hat. Noch einmal vielen Dank dafür.
Freut mich sehr.

Lieben Gruß
AlX
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Veröffentlicht am 18.09.2015, 4 mal überarbeitet (letzte Änderung am 18.09.2015). Textlänge: 31.272 Wörter; dieser Text wurde bereits 935 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 15.11.2019.
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