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Mike

Erzählung zum Thema Allzu Menschliches


von Sätzer


Cover
Vorwort

Die Personen:

Michael, geb. 1943 in Ostpreußen. Nach seiner Flucht in den Westen Mike genannt
Paul, geb. 1914, Vater von Michael, 1944 geflüchtet von Ostpreußen nach Chemnitz
Hildegard, geb. 1916, Mutter von Michael


Inhaltsverzeichnis

1. Prägungen
2. Männerabend
3. Küssen lernen
4. Verpasste Liebe
5. Die Traumfrau
6. Sauforgie auf der Reeperbahn
7. Sie war 18 Jahre älter
8. Wendungen
9. Leidenschaft in Havanna
10. Die ewige Suche


Prägungen

Wie immer die historischen Fakten aussahen, Michaels Vater Paul verkörperte eine verheerende Kombination aus Macht, Autorität, rationaler Disziplin und unterdrückten Gefühlen. Im ersten Weltkrieg geboren, den zweiten an mehreren Fronten durchlitten, musste der Vater nach dem Krieg ein paar Jahre karg mit Frau und zwei kleinen Kindern nach der Flucht aus Ostpreußen in Chemnitz überleben. In dem von ihm total abgelehnten System der DDR blieb ihm keine Wahl, sich trotz allem eine neue Existenz, angepasst an die politischen Bedingungen, zu schaffen. Er wurde Hilfslehrer an einer Berufsschule.

Erst sehr viel später wurde Michael klar, wie das Spitzelsystem der DDR in Beruf und Schule sein Leben geprägt hatte. Das System der Polytechnischen Bildung kam ihm zwar sehr entgegen, aber ansonsten empfand er es als absurd, seine Meinungen zum politischen System nicht offen diskutieren zu können. Er hörte überwiegend heimlich die verbotenen Westsender und beschloss in den Westen zu fliehen, um ein eigenständiges und freies Leben zu führen. Es gab kaum einen Menschen in seinem Chemnitzer Freundeskreis, der nicht wusste, welche negative Wirkung das DDR-System auf ihn und seine Berufsperspektiven hatte. Nachdem ihm die Flucht über die Tschechoslowakei gelungen war, zog er nach Hamburg.

Stark geprägt wurde er sicher auch durch Vaters unablässigem Beharren darauf, etwas konkret Nützliches zu tun, etwas zu Wege zu bringen, niemals aufzugeben, Disziplin und Hingabe in den Beruf einzubringen. Sein Bruder Hans war an diesem Anspruch gescheitert. Bei Michael sah es zunächst auch so aus, dass er es nicht schaffen würde. Doch in Hamburg erlernte er den handfesten Beruf des Tischlers, arbeitete zwei Jahre darin und studierte an der Fachhochschule für Holzwirtschaft. In dem Rahmen bestand er die Hochschulreifeprüfung und studierte dann Betriebswirtschaft.

Oft fühlte er sich als innerlich Getriebener und hatte in den vielen Jahren seiner Entwicklung keinen Begriff von Muße und Entspannung. Ein Gefühl für eine allmähliche Entwicklung dahin lernte er erst viele Jahre später kennen und schätzen.
Rückblickend beeindruckt ihn heute nicht so sehr, dass er die Misere seiner Kindheit durchstand, sondern dass es ihm gelang, die Stärke von Vaters Grundlektionen mit seinen eigenen Fähigkeiten zu verknüpfen. Ein wichtiger Schritt in dem Zusammenhang war, dass er seinem Vater nach viel Streiterei doch endlich innerlich verzeihen und seinen Frieden mit ihm finden konnte. Doch manchmal entdeckte er bei sich Ansichten und Gewohnheiten, wie beispielsweise eine diffuse Furcht vor alternativen Handlungsmöglichkeiten oder eine tief sitzende Unruhe bis hin zu Schlaflosigkeit. Immer neue Ideen spukten ihm im Kopf herum. Begleitet von einem unerschöpflichen Vorrat an geistiger und körperlicher Energie, einem tiefen Interesse an einer Ästhetik von Form und Ausdruck, sei es in der Filmkunst, der Malerei oder der Schriftstellerei. Schließlich eine vielfältige Kultur der Einsamkeit als eine Form von Freiheit, aber auch temporären Leidens.
Wäre seine Mutter Hildegard ein sicherer Hafen, eine Art Zuflucht im Tagesablauf gewesen, wer weiß, wie die Ergebnisse heute aussehen würden. Doch ihre Ambivalenz ihm und anderen Menschen gegenüber saß auch tief in seinem Wesen. Grundlegend bestimmte Mutter ein tiefer Pessimismus, der ab und an von Euphorie durchbrochen wurde, ihr Sein. Wann immer sie plötzlich ein hässliches Gesicht offenbarte, gab Michael sich daran die Schuld. Die Zusammenhänge begriff er erst sehr viel später, nachdem Mutter sich selbst umgebracht hatte.


Männerabend

In Hamburg hatte Mike sehr schnell einen guten Freund namens Uli gefunden. Eines Tages beschlossen sie, eine Männergruppe zu gründen. Frauengruppen gab es viele, aber eine Männergruppe war ihnen nicht bekannt. Beide sprachen sie andere Männer an und es erklärten sich noch drei weitere bereit mitzumachen - Hans, Peter und Jochen. Sie beschlossen, sich jeden letzten Freitagabend des Monats zu treffen.

Beim dritten Treff versuchten sie über Gefühle und Sehnsüchte zu sprechen. Das fiel ihnen nicht leicht, denn eigentlich interessierten sie sich mehr für Sport und Politik - und auch ein wenig für Autos. Die Frauen von Peter und Uli, sowie Hans Freundin nervten oft, weil sie genauer wissen wollten, was sie da eigentlich machen. Mike war immer noch Single mit wechselnden kurzen Beziehungen und redete nicht mit anderen über die Männergruppe.
Nach der Begrüßung, mit zaghafter Umarmung, setzten sie sich und schenkten Bier oder Sodawasser ein. Über den üblichen Smalltalk kamen sie kaum hinaus und hielten sich an Organisatorischem fest.

Nach einem halben Jahr erhob Hans, immer noch eingefleischter Single, eines Abends das Wort an Uli gerichtet:
„Sag mal, hast du nicht manchmal Sehnsucht nach dem Alleinsein?“
Es folgte ein langes Schweigen und alle warfen verhalten-neugierige Blicke auf Uli. Der legte sein Gesicht in bedenkliche Falten und schaute etwas betreten zu Boden. Dann hob er langsam den Kopf und brummelte:
„Nein, eigentlich nicht. Ich freue mich, wenn ich zusammen mit Eva im Garten buddeln kann. Oder einfach mit ihr auf der alten Bank sitze und die blühenden Pflanzen bewundern darf. Aber interessiert euch das überhaupt?“
Jochen, ihr Globetrotter, der in serieller Monogamie lebte und nicht immer dabei war, schaltete sich ein:
„Mir wäre das zu langweilig. Ich brauche den Kitzel, die Überraschung, die Lust und die Leidenschaft.“
Mike warf spontan ein:
„Ich möchte endlich die Traumfrau kennenlernen.“
Jochen, zur Zeit ohne Anhang, meinte lapidar:
„Von deiner Traumfrau redest du schon seit wir uns kennen. Hör doch endlich auf zu träumen. Die gibt es nicht.“
Peter sprach nach gefühlt fünf Schweigeminuten und mit nachdenklicher Miene:
„Ich glaube, dass sich manch eine Sehnsucht in mir versteckt. Ich würde gerne mal eine Reise nach Südamerika, durch Argentinien nach Patagonien machen“.
Uli fragte:
„Und warum tust du das dann nicht?“
„Eva würde nicht mitkommen. Sie hat viel zu viel Angst vorm Fliegen.“
„Dann machs doch alleine oder mit einer Reisegruppe!“
„Nein, das würde sie wohl nicht gut finden.“
Jochen schaltet sich ein:
„Sag mal Peter, das kommt mir aber sehr erzwungen vor. Das soll eine Sehnsucht sein? Da brennt ja nichts in dir! Mir kommt das eher wie ein Wunsch vor, der sehnsuchtsvoll klingen soll.“
Jetzt meldete sich Jochen, inzwischen esoterisch vom Trend der Zeit angehaucht, zu Wort:
„Ihr spinnt ja alle. Nehmt doch einfach mal das Wort SehnSUCHT. Das sagt doch alles. Es handelt sich um eine Sucht. Warum könnt ihr nicht einfach im Hier und Jetzt leben und das tun, was ihr wollt“.
Nachdenkliches langes Schweigen!
Dann erhob Peter seine Stimme:
„Ja Jochen, dich beneide ich manchmal. Ich hätte auch gerne mal Sex mit einer anderen Frau.“
„Na endlich, da ist sie ja die Sehnsucht unseres Ehemannes“, sprach Hans kichernd vor sich hin.
„Manchmal wünsche ich mir allerdings auch eine etwas beständigere Frauenbeziehung“, meinte er, „es ist ziemlich anstrengend - diese ewige Jagd nach dem weiblichen Geschlecht.“
Mike schaltete sich ein:
„Du könntest mir aber mal etwas Nachhilfe geben, wie man am besten an eine attraktive Frau rankommt. Was will die moderne Frau? Machos, Frauenversteher, Kinderwagenschieber, Alleskönner, Moneymaker? Ich glaube, die wollen heute alles. Selbst Machogemache ist wieder in."
Hans erwiderte abschließend:
„Nachhilfe in >Wie krieg ich eine Frau rum<, nee, das Problem musst du schon selber angehen. Jeder Fall liegt da anders."
Dann redeten sie über Autos und Heimwerken, bis Hans vorschlug, morgen mal zum Fußballspiel ins Volksparkstadion zu gehen. Die Idee fanden alle gut.


Küssen lernen

Mike ging inzwischen als diplomierter Betriebswirt dem interessanten Beruf eines Controllers bei Airbus Hamburg nach. Er wurde sehr gut bezahlt. Doch wenn er am Wochenende in seiner kleinen gemütlichen Wohnung in Eimsbüttel saß, bohrte in ihm das Gefühl, dass etwas in seinem Leben fehlt. Er wollte wie seine Freunde auch endlich mal eine Frau küssen und überlegte wie er das erreichen könne. Bei seiner Arbeit war er es gewohnt Projekte erfolgreich zu leiten, indem er diese in überschaubare Phasen teilte. Es ging immer darum, das Optimum von Qualität bei der Produktion und ihren Kosten zu finden.
Auf der Suche nach einer Partnerin war er bisher noch nicht weitergekommen, trotz Diskussionen in der Männergruppe.
Er grübelte daran, wie es in der Hinsicht weitergehen könnte. Ganz praktisch stellte er sich vor, das Projekt in vier Phasen aufzuteilen, um zu einem erfolgreichen Kuss als Einstieg in eine Liebesbeziehung zu kommen:

Phase 1: Anschluss finden
Wie komme ich an sie heran? Bar, Sportverein, Firma, Fitnessclub? Ich muss mich entscheiden, welchen Einstieg ich wähle. Es gibt so viele Möglichkeiten, doch auch diese ewige Schüchternheit im Hinblick auf Frauen.

Die Sonne schien und Mike beschloss alles zu vertagen und zunächst an der Alster spazieren zu gehen. … Da, auf einer Bank direkt am Wasser saß sie. Er fragte höflich, ob er sich dazu setzen darf … Er durfte. Ein wundervolles Lächeln begegnete seinen Augen. Sie hieß Ute und sie kamen ins Gespräch - über Gott und die Welt. Die Zeit verging wie im Fluge. Plötzlich schaute sie auf die Uhr und sagte erschrocken:
„Oh, wir sitzen schon seit über zwei Stunden hier und plaudern. Ich muss jetzt leider meine Mutter vom Bahnhof abholen. Sie kommt aus Bremen und besucht mich für drei Tage.“
Mike hatte das Wort >leider< nicht überhört und schlug ihr mutig vor:
„Ich würde Sie, oder darf ich Du sagen? … gerne wiedertreffen.“
„Du ist o.K. Ich möchte dich auch gerne wiedersehen. Ich fand unsere Unterhaltung sehr schön und du bist mir sehr sympathisch.“
Mike hatte durchaus mutige Momente in seinem Leben, denn sonst wäre er damals nicht aus der DDR geflüchtet und auch nicht so schnell in eine Führungsposition bei Airbus gelangt. Er bot ihr an:
„Ich könnte am Sonntag ein schönes Essen kochen und dich dazu einladen.“
Ute schaute ihn erstaunt an und meinte:
„Geht das nicht ein bisschen zu schnell? Normalerweise treffe ich mich nicht schon beim zweiten Mal in der Wohnung einer neuen Bekanntschaft. ... Aber ich will dir mal vertrauen und was Neues probieren. Du siehst ja nicht wie ein Vergewaltiger aus.“
Mike wurde rot und meinte:
„Natürlich kannst du mir vertrauen. Ich bin ein ganz guter Hobbykoch.“
„Na gut, also dann bis zum Sonntag", erwiderte sie und errötete etwas, was Mike registrierte. Er dachte, dass er sie jetzt am liebsten küssen würde, aber traute sich nicht. Es wäre wohl auch nicht der Situation angemessen.

Phase 2: Vorbereiten
Am Samstag kaufte Mike frischen Fisch und Gemüse auf dem Markt in der Grundstraße. Der Sonntagmorgen war ausgefüllt mit der Vorbereitung des Essens. Ein knackiger Salat mit Öl-Zitrone-Senf-Honig-Vinaigrette, frischen Kräutern und ein paar Walnüssen, Rotbarschfilet mit braunen Champignons in Olivenöl und Zitrone gedünstet, sowie feinen Karotten in Butter geschwenkt und ein selbstgemachter Pannacotta an schwarzer Johannisbeersoße. Sanfte Musik von Norah Jones begleitete ihn beim Tun.

Endlich klingelte es. Die begehrte Ute stand schick angezogen vor seiner Wohnungstür.
„Hallo“, … „Hallo“, begrüßten sie sich. Attraktiv, schlank und noch klug dazu hatte er sie an der Alster empfunden. Das stimmte immer noch, hatte sich eher verstärkt.

Zunächst galt es, seine wieder aufkommende Schüchternheit zu überwinden. Ihre Lippen waren auberginenfarbig geschminkt. Das fand er nicht so günstig für den ersten Kuss. Aber wer wusste, ob das beim zweiten Treffen überhaupt angesagt war. Sie hatte eine Flasche Weißwein mitgebracht und reichte sie ihm zum Öffnen. Sie aßen, plauderten, lachten. Es war alles sehr locker und vertrauter als beim ersten Treff an der Alster.
Er dachte beim Gleiten des Fisches in den Mund ständig ans Küssen. Wie sie wohl regieren würde, wenn …?

Phase 3: Ausführen
Mike verzweifelte und fragte sich, wie er sich seinem tiefsten Wunsch nähern könnte. Er schaute zu seiner Stereoanlage hinüber. Die vielen Tasten und Knöpfe hatte er doch auch gelernt zu bedienen. Was zwar gedauert hatte, doch die Gefahr von Verletzungen in Form einer Zurückweisung war da weniger gegeben. Rückschläge konnten durch das Studium der Bedienungsanleitung und seiner technischen Intelligenz ausgeglichen werden. Kussintelligenz konnte wohl nur durch Mut und Training erlangt werden oder man war halt ein Naturtalent, wie Jochen aus der Männergruppe.

Nach dem letzten Löffel Pannacotta und einem abschließenden Espresso stand Ute unerwartet auf, ging zu Mike hinüber und fragte völlig überraschend:
„Darf ich mich nach diesem schönen Mahl auf deinen Schoss setzen?“
Er war völlig baff. Das stand nicht in seiner persönlichen Bedienungsanleitung. In der musste der Mann agieren. … So kann das also auch gehen?! ... hmm. Doch er entschloss sich, an seine Mutphasen anzuknüpfen, schob den Stuhl etwas zurück und antwortete:
„Ja, gern!“
Sie schwang ihr rechtes Bein über seinen Schoß und ließ sich sanft darauf nieder. Dann legte sie langsam ihre Arme um seinen Hals. Er ließ es einfach geschehen. Ihre Augen tasteten sich ab und suchten Anschlusspunkte. Er strich ihr zart durch das brünette Haar. Nach einem langen Moment näherte sie ihren Mund langsam seinem. Bei unendlich sanfter Berührung ihrer Lippen erhöhten sie nach einiger Zeit den Druck in kleinen Sequenzen und massierten sich das empfindsame Lippenfleisch im Wechselspiel miteinander. Das dehnten sie unendlich lange aus, wie einen spannenden Roman, der den Leser nicht loslässt. Es wurde immer feuchter und wärmer. Saugende Geräusche mischten sich mit dem Piano und der sanfter Stimme von Norah Jones. Der Geruch Ihres leichten Parfums betört seine Nase.

Phase 4: Abschließen
Nach diesem Langlauf der Sinne und Gefühle ließen beide voneinander ab. Ute ging zurück auf ihren Stuhl. Sie tranken wortlos einen Schluck köstlichen Weins. Mike meinte:
„Diese nonverbale Kommunikation war wunderschön, genauso wie die Gespräche mit dir.“
Ute flüsterte:
„Ja, mir hat es auch gefallen, obwohl alles sehr schnell in Gang kam. Ist sonst nicht so meine Art. Aber es gibt ja den Spruch: Man begegnet nur ein- oder zweimal im Leben dem Menschen, der zu einem passt. Vielleicht ist da ja was dran. Lass uns einfach mal am Ball bleiben.“
„Gut“, antwortet Mike.
Ute musste nachhause, denn ihre Mutter war zu Besuch bei einer Hamburger Freundin und die kam gleich zurück in die Wohnung ihrer Tochter, wo sie übernachten wollte.
Sie tauschten Telefonnummern aus und verabschiedeten sich an der Haustür. Natürlich mit einem Kuss!
Mike reflektierte: Ihre Lippen schmeckten gut, obwohl geschminkt. Sie waren eine Offenbarung und einen schöneren Nachnachtisch konnte er sich einfach nicht vorstellen.


Verpasste Liebe

Die Liaison mit Ute dauerte nicht lange. Diese erzählte ihm in einem Telefonat, dass sie sich in einen anderen Mann verliebt hätte und ihn nicht mehr treffen wolle. Mike war tagelang nicht ansprechbar.
Der Abend dunkelte und schlich mit Einsamkeit und Stille in den Zimmern seiner Wohnung umher. Er fragte sich, ob er die Trennungserfahrung wie eine Lampe ausschalten könne. Das hatte er bisher gedacht und versucht. Jetzt glaubte er an einem Punkt angekommen zu sein, wo sich alles nur noch im Kreis drehte.
Was er sich für sein weiteres Leben auch vorstellte, es lag im Nebel. Ute ging ihm nicht aus dem Kopf. Besonders heute, da er sie gestern in einem Café an der Elbe gesehen hatte. Sie saß dort mit einem ihm unbekannten Mann in angeregte Unterhaltung vertieft. Seltsam, dass er mit einer Frau ins Bett steigen konnte und schon ein paar Monate später von ihr nichts mehr wusste, dass aber der Gedanke an sie ihn aus der täglichen Lethargie immer noch holen konnte.
Sie warf ihm vor, dass er keine Gefühle zeigte, wenn es angebracht war. Doch wann war etwas angebracht und wann nicht? Er wusste es nicht. Sie meinte, von Männern wie ihm müsse man sich fernhalten. Nur dann kann einem nichts mehr passieren. Aber was ist dann, wenn nichts mehr passiert?

Sein Dasein bestand nur noch aus Ereignissen, die keinen Zusammenhang durch diese oder jene Vorstellungen vom Leben hatten. Diese Frau war ihm einfach so geschehen. Er sprach sie damals auf der Bank an der Alster an und kam mit ihr ins Gespräch. Sie verliebten sich, zumindest glaubte er das. Im Verlauf ihrer Treffen hatte sie ihm Liebe und zärtliche Worte zu Teil werden lassen. Inzwischen ahnte er, dass sie Antworten erwartet hatte. Er war es nicht gewohnt, dass ein Gefühl mehr bedeutete, wenn man es beim Namen nannte. Dankbar genoss er ihre Gesellschaft und hätte ihr wohl ab und an sagen müssen, dass sie ihm fehlte, wenn sie nicht bei ihm war. Er hielt das nicht für notwendig, kam  überhaupt nicht auf die Idee. Manchmal hatte er allerdings Angst, ihr so nah zu kommen, dass er herausfinde, wie fremd sie ihm war, obwohl sie zusammen Sex hatten.

Nach ein paar Monaten wurden ihre Treffen kürzer. Abwesenheiten begannen Stück für Stück länger zu werden. Er sah das, lange bevor es da war, denn ihre Blicke wurden undurchdringlicher und ihr Schweigen greifbarer, bis sie eines Tages nicht mehr kam. Sie hinterließ in ihm das Gefühl, als würde sein Leben weggeschleudert.

Heute Abend belagern Angst und Trotz sein Gehirn und traktieren den Magen. Er geht auf den Balkon, um frische Luft zu schnappen, und schaut in den Himmel. Die Sterne lassen sich an diesem Abend nicht blicken. Sie werden von niedrigen Wolken verdeckt. Ein leichter Wind schiebt eiskalte Winterluft vor sich her. Er kann durchatmen und geht nach ein paar Minuten fröstelnd zurück ins Wohnzimmer. Kein einziges Wort von dem, was sie in ihren schönen Zeiten hier geäußert hat, ist aus dem Raum entschwunden. Wie greifbare Gegenstände stehen die Sätze irgendwo zwischen den Möbeln und Pflanzen. Da gibt es kein Entkommen. Er hört alles, was sie sagte und fühlt sich schuldig geworden an der Liebe. Seine Verzweiflung kehrt Tag für Tag mit derselben Gestalt zurück. Dennoch erwartet er etwas Neues, das aus dem Nichts auftaucht.
Hatte auch sie dieses Neue bei ihm gesucht?


Die Traumfrau

Nachdem die Männergruppe Mike wieder aufgebaut und er den Flop mit Ute verarbeitet hatte, beschloss er, sich ein HAMBURGER ABENDBLATT zu kaufen, um in den Kontaktanzeigen zu stöbern. Folgende zwei fand er interessant:

Lebens- und phantasievolle Dame, 40+, im Herzen jung geblieben, mit Sinn für Skurriles, möchte Lebensfreude steigern mit jüngerem, genussfähigen Herrn, für den gelegentliche Verrücktheiten normal sind. Bitte mit Bild.

Die Wünsche sind groß an den zukünftigen Traummann ging ihm durch den Kopf. Kann ich das bieten?, fragte er sich. Wenn ihr die Lust am Neuen vergeht, muss ich mir jede Menge pfiffiger Dinge überlegen, die ich eigentlich nicht will oder die mir egal sind, Eindruck zu schinden, der letztendlich nicht anhält. Wenn ich unter Stress gerate, merke ich, dass meine Kraft schwinden und ich wohl den eigenen Untergang beschleunigen würde.

Sie, 21, sucht das besondere Glück zu zweit? Für eine Reise zu den Sternen? Ein Leben lang ins Wunderland der Liebe und nie zurück?

Er grübelte: Mein persönliches Bruttoinlandsprodukt würde bei dieser jungen Dame sicher angekurbelt, um ihr Wunderland der Liebe aufrechtzuerhalten, wo doch das BIP als Maßstab für das Wohlergehen ganzer Gesellschaften gilt. Da muss ich was bieten, doch ich müsste mich regelrecht ausbeuten und das könnte zu meiner mentalen und psychischen Zerstörung führen. So ein junges Ding.

Mike legte die Zeitung erst mal beiseite und trottete verschlafen durch seine Wohnung. Im Bad probte er Gesten und Küsse vor dem Spiegel. Er war nicht zufrieden und beschloss für den nächsten Samstag selber eine Anzeige mit folgendem Wortlaut aufzugeben:

Ich, studierter Betriebswirt, Jg.43, schlank, 1,83m groß, bin auf der Suche, um mit dir zu wachsen.

Keine Frau hatte auf diese Anzeige reagiert. Deshalb formulierte er für die nächste Samstagszeitung folgenden Text:

Junger Mann, genügsamer Realist mit braungestreiftem Sakko und ohne Auto sucht normale Sie mit Fahrrad.

Er musste feststellen, dass wieder keine Frau auf seine Anzeige reagiert hat. Aber er stieß auf folgenden Text:

Akademikerin mit vielen Interessen sucht adäquaten Seelengefährten (möglichst Akademiker), der auch Lust auf Körpererfahrungen (Massagen, Sex) hat und Gegensätze leben kann und will. Intellektualität ist mir nicht fremd, doch konkretes, kreatives und spontanes Tun mit Hand und Körper bereichern mich mehr.

Sie hatte ihre Telefonnummer angegeben und er rief am Nachmittag an. Ihre Stimme gefiel ihm. Nach etwas Smalltalk verabredeten sie sich zu einem Spaziergang an der Elbe.
Eine Seelensucherin prallte auf Mike und fühlte sich verloren. Er war enttäuscht ob dieses Missverständnisses. Hatte er denn die Anzeige nicht richtig verstanden? Er gab das Anzeigenschreiben auf und las nur noch ab und an die Kontaktanzeigen.
Nach mehreren Wochen dann diese:

Sie, 30 Jahre alt, genussfähig, anschmiegsam, kultiviert sucht ihn mit ausgefallenen Hobbies für gelegentliche Höhenflüge. Gerne mit gutem Einkommen und Haus oder Eigentumswohnung. Bitte mit Bild.

Oh Gott, da reichten seine Finanzen sicher nicht.
Dann noch diese:

Rassige Dame sucht Papatyp, der mir in die Augen schaut und sofort weiß, was ich mir wünsche. Bitte mit Bild..

Er dachte sofort: Das ist sie, seine Traumfrau, nach der er immer gesucht hatte, schrieb sofort einen Brief mit aktuellem Bild und seiner Telefonnummer. Fünf Tage später bekam er einen Dreizeiler und ein Bild von ihr gesendet. Typ reife Lolita, blaue Augen, blondes Haar. Er rief sie sofort an.
Eine süße helle Kindstimme fragte: „Willst du mich heiraten?“
Er jubilierte: „Ja, lass uns in Las Vegas heiraten.“
„Das ist super“, kreischte sie und lachte, „da wollte ich schon immer mal hin!“

Nachdem sie in einem rauschenden Fest in Las Vegas sein ganzes Urlaubsgeld verspielt hatten und er ihr innerhalb der nächsten drei Jahre jeden Wunsch von den Lippen ablas, waren alle Ersparnisse futsch. Er musste das Handtuch werfen und sie verließ ihn mit den Abschiedsworten >Gimme Gimme Gimme, dear Mike<.


Sauforgie auf der Reeperbahn

Weihnachten – endlich vorbei. Mike musste die Festtage allein zuhause verbringen. Seine Eltern in Chemnitz konnte er als DDR-Flüchtling nicht besuchen und die Freunde feierten mit ihren Familien. Ihm fiel die Decke auf den Kopf. Seine Traumfrau hatte er in diesem Jahr immer noch nicht gefunden.
Am 28. Dezember war er mit Hans aus der Männergruppe verabredet. Dieser hatte im November Schluss mit seiner Freundin Iris gemacht. Sie wollte ein Kind und er nicht. Klassisch sozusagen. Sie beschlossen, ihr Single-Dasein zu feiern, mal ordentlich auf den Putz zu hauen und die Frauen zu vergessen. In der Art des Vergessens wie einen Regenschirm, den man in der U-Bahn liegen lässt und an den man erst wieder denkt, wenn ein Regenschauer aus heiterem Himmel überrascht. Deshalb gingen sie ins Salambo, ein verrufenes Striplokal in der Großen Freiheit, einer Querstraße der Reeperbahn.

Wenn sie ganz ehrlich waren, gefiel ihnen das Tittengeschleuder und Hüftgeschwenke so nah vor Augen mit ihren vernebelten Gehirnen nach reichlich Alkoholgenuss. Es wurde eine sehr teure Nacht. In einer billigeren Kneipe am Rande des Amüsierviertels tankten sie dann mit ihrem Restgeld noch ordentlich nach. Allzu viel erinnerte Mike nicht mehr, denn es gab wohl keine größere Diskrepanz als die zwischen der gesamten Zeit des Besäufnisses und den abgesplitterten Teilen von Nebel und Klarsicht. Doch die Gedanken an die Austauschvorgänge, die sinnlosen Streitereien und nutzlosen Gespräche mit Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts ertranken zu später Stunde im Gelalle der Gefühle. Sie vergaßen sie, die Frauen und die Gefühle, in der Art, bei der man vergisst, was man vergessen hat.
Sie orderten zur Sperrstunde ein Taxi und lagen sich weinend auf dem Rücksitz in den Armen. Sintfluten bahnten sich ihren Weg. Der Fahrer musste sie in Mikes Wohnung bringen, da sie offensichtlich nicht mehr in der Lage waren, den Schlüssel ins Loch zu bringen.

Erst am Spätnachmittag des nächsten Tages fanden sie sich in Mikes französischem Bett wieder, immer noch katerisiert und in voller Montur. Sie beschlossen in die neu eröffnete Milchbar Lucky Kuh in der Altstadt zu gehen, denn der Kühlschrank war leer wie das Gehirn, das außer Schmerz nichts mehr belastete. Der kleine Spaziergang tat ihnen gut. Sie konnten ihre Köpfe etwas entlüften und stellten fest, dass es ohne Frauen auch nicht schön ist.


Sie war 18 Jahre älter

„Diesen Jahreswechsel nicht schon wieder alleine“, seufzte Mike vor sich hin. In der Morgenzeitung liest er >Großer Silvesterball im Curio-Haus<. Vor einigen Jahren war er dort ab und an mal zum Tanzen und beschloss, den Jahreswechsel dort zu begrüßen.

Laila war seit vier Jahren Witwe, ging ins Bad, schaute in den Spiegel. Sie sog durch ihre nicht ganz unsichtbaren Nasenlöcher, die sie schon als kleines Kind zu groß fand, die Luft energisch ein und gab sich einen Ruck, heute tanzen zu gehen, das neue Jahr mit anderen Menschen zu begrüßen. Ein letzter Blick fiel auf ihren Mund mit der schwungvollen unteren Lippenschwelle und ihr energisches Kinn, fast zu groß, aber doch so leicht, dass es ihr Gesicht nicht hinab zog.
„Ich werde es meinem Tanzpartner, den ich noch nicht kenne, entgegen strecken“, sprach sie zum Spiegel. Die meisten männlichen Bekannten ihres Alters sahen oft bärbeißig und verbiestert drein, so als wollten sie gleich ihr Elend beklagen. Sie wirkten, als wenn sie ihren Gesichtsausdruck überhaupt nicht mehr ändern könnten. Einige pflegten sich nicht mehr. Doch sie war immer Dame geblieben. Schon in jungen Jahren, in der Großstadt aufgewachsen, sah sie heute aus, als würde sie gleich lachen. Es zeichneten sich zwar manchmal ein paar verhärmte Züge ab, doch sie hatte das Lachen nie verlernt. Ja, die Idee fand sie gut, heute am letzten Tag des Jahres tanzen zu gehen, übers Parkett zu wirbeln – atemlos. Leben!

Sie setzte sich an die Bar, bestellte ein Glas Prosecco und schaute zur Tanzfläche. Wenn sie einen ansprechenden Mann in ihrem Alter sah, dachte sie, dem wäre ich gern vor zwanzig Jahren begegnet, und fragte sich:
„Wie vielen Männern bin ich nicht begegnet? Wie viele schöne Stunden, Tage, Wochen und Jahre habe ich versäumt?“
Sieben Paare bewegten sich auf der Tanzfläche. Richtig mit dem Herzen dabei waren aber nur zwei. Die beiden Herren führten ihre Damen wie kostbare Instrumente. Sie wünschte sich mit allen Sinnen geführt zu werden, so wie diese mit ihren Tanzpartnerinnen durch den Saal schwebten. Die anderen Männer führten ihre Damen stocksteif übers Parkett, hielten sie wie Heimwerker mit zwei linken Händen ihre Schlagbohrmaschine. Schrecklich!
Plötzlich stand Mike vor ihr, blonde Haare, blaugraue Augen, groß und schlank – schätzungsweise 20 Jahre jünger. Er verbeugte sich galant und sagte höflich:
„Darf ich bitten.“
Die Worte tanzten wie ein Feuerwerk in ihr Gehirn und sie antwortete:
„Ja, gern.“
Ein Walzer wurde gespielt und beide drehten sich wie Derwische, die nie wieder aufhören wollten und alles um sich herum vergaßen.
Nach mehreren Tänzen schritten sie erhitzt zur Bar, orderten Sekt und erzählten sich ihre Leben. Sie war zur Hälfte Perserin mit deutscher Mutter und kam aus gutem Hause, einer reichen Teppichhändlerfamilie. Kurz vor Mitternacht standen sie in Erwartung des neuen Jahres auf. Nach dem Gong zum Jahreswechsel nahmen sie sich fest in die Arme, küssten sich sanft auf die Wangen, und wünschten sich, dass alle Pläne im kommenden Jahr in Erfüllung gehen.
Auf dem Nachhauseweg mit dem Taxi fühlte sich Mike wie ein jeden Himmel erstürmender Mann mit dieser 18 Jahre älteren Frau.


Wendungen

Für das kommende Jahr hatte Mike beschlossen, einen Neuanfang in seinem Privatleben zu machen. Er wollte seine Liebe zum Wasser intensivieren. Hamburg bot viele Möglichkeiten, Segeln, Paddeln und Kanufahren auf der Außenalster mit ihren vielen Kanälen. Und natürlich Schwimmen in einem der vielen Bäder.
In der Samstagszeitung las er in der zweiten Januarwoche von einem Kurs mit dem Titel >Die Kraft des Rhythmus<. Ein Mann namens Tom bot an, im wöchentlichen Turnus das Afrokubanische Trommeln zu erlernen. Mike fühlte sich sofort angesprochen. Die Vorstellung eines Zusammenspiels mit Menschen und Rhythmusinstrumenten stellte er sich faszinierend vor. Das Hören dieser für westliche Ohren ungewöhnlichen Musik stellte sich für ihn schon immer als eine fast metaphysische Kraft dar, die eine kaum erklärbare Wirkung in seinem tiefsten Innern erzeugte. Von allen Kunstformen der Musik sprach ihn diese archaische Form, die Wurzeln aus Afrika und Spanien verband, besonders an. Er nahm Kontakt mit Tom auf und beschloss, den Kurs zu belegen.
Es ging gleich in der nächsten Woche los. Die Schulung fand in dem Raum eines alten Weltkriegsbunkers in der Dorothenstraße statt, weil die Trommeln sehr laut waren. Zwei Frauen und drei Männer nahmen teil. Der Grundrhythmus des Guanguancó, eine Form des kubanischen Rumbas, wurde durch eine hölzerne Clave vorgegeben. Der Rumba, bestehend aus Tanz, Gesang und Perkussion entstand im 19. Jahrhundert in den Schwarzenvierteln der kubanischen Hafenstädte Havanna und Matanzas.
Für die an westliche Musik gewöhnten Teilnehmer war es sehr schwierig, die unregelmäßigen Schläge mit der Clave im Wechsel von drei kurzen und zwei langen umzusetzen. Nach drei Monaten lief es ganz gut und sie brachten im Zusammenspiel mit Glocke, Tumba, Kongas und Quinto immer fetzigere Sessions zustande, erlebten den Groove mit den anderen. Mike hatte das Gefühl, mit allen Instrumenten eins zu sein. Sein Körper vibrierte mit allen Fasern, war nicht mehr zu halten. Das waren Momente in den Gärten der Ekstase,
Tom, der nach einer schwierigen Kindheit mehrere Jahre in New York lebte, hatte dort die Originalmusik von ausgewanderten Kubanern in den Nachtclubs aufgesogen. Es war immer zu spüren, mit welcher Leidenschaft er sein Können vermittelte und die Gruppe mitriss.

An einem Wochenende Anfang Juli lieh Mike sich ein Kanu am Kaiser-Friedrich-Ufer und machte sich auf den Weg die Alster hinauf. Er wollte soweit wie möglich Richtung Quelle paddeln.
Nachdem er das Boot, ein sehr schönes Eichenholz-Schiff aus den 30er-Jahren, von der alten Vermieterin, deren Mann - ein Bootsbauer - gestorben war, in Empfang genommen und eine Kaution hinterlegt hatte, steuerte er auf dem Isekanal in Richtung Alsterlauf und bog dann flussaufwärts ab.
Da er allein unterwegs war, hatte die Vermieterin einen Sandsack vorn auf der Bugseite deponiert, um das Boot gut auszutarieren. Am Heck sitzend tauchte er das Stechpaddel mit beruhigender Gleichmäßigkeit ins Wasser und hielt das Kanu gleichzeitig mit dem Paddel auf Kurs. Beim Auftauchen wurden mit jedem Schlag dünne Wasserstreifen mit hochgezogen, die sich dann in Tropfen auflösten und zurück ins Wasser plätscherten.
Bei der Fuhlsbüttler Schleuse zog Mike das relativ schwere Boot einen Rollensteg hinauf in das höher gelegene, gestaute Wasser. Ein Kanute half ihm dabei. Weiter flussaufwärts begegneten ihm im langsamen Fließen des Flusses tiefhängende Zweige bis hin zu kleinen Dickichten an den Ufern. Ab und an gab es kieselbedeckte Böschungen und kleine sandige Buchten, wo Kinder buddelten und vorsichtig mit dem Wasser Kontakt aufnahmen. Mit fröhlichem Gejohle wurde er beim langsamen Vorbeischippern begrüßt. Ein frecher Junge versuchte ihn nass zu spritzen. Die Kinder lachten. Mike legte einen Schlag zu und drohte zurück mit erhobenem Paddel, aber lachte. Er wollte bis zum Herrenhaus Wellingsbüttel, um dort eine Picknickpause zu machen. In der Nähe wohnte eine Kollegin in einer der teuersten Villengegenden Hamburgs. Er war dort mal zum Kaffeetrinken eingeladen.
Gestärkt kämpfte er sich durch das zunehmende Gestrüpp des Oberlaufes bei Kayhude, einer Gemeinde im Kreis Segeberg in Schleswig-Holstein. Wildes Dickicht auf engem Raum musste passiert werden, da der Fluss dort schon sehr nahe an seiner Quelle liegt. Geäst, von Stürmen ins Wasser geworfen, und umgefallene Bäume erforderten, dass er sich Lösungen für ein Weiterkommen überlegen musste. So wurde er zu einer Art Buschmann mit Kanu, der das dort schmale Flussbett bezwingen wollte. Es war genau der Weg für ihn, sich zu beweisen, dass er es schaffte. Doch bald ging es nicht mehr weiter, aber er war zufrieden mit sich.
Auf dem Rückweg genoss er den totalen Gegensatz entspannten Paddelns im beschaulich dahinfließenden Wasser mit zunehmender Breite des Flusses weiter abwärts. Ein gelungener Sommertag.


Leidenschaft in Havanna

Das kubanische Trommeln hatte Mike derartig angespornt, sodass er beschloss im Sommerurlaub für vier Wochen nach Havanna auf Kuba zu fliegen, um dort die Musikszene zu erleben.
Uralte Autos in den verfallenen Straßen und schwarze Wolkenfetzen vor dunkelblauem Himmel zeichneten ein bizarres Bild über dem Meer. Die Sonne ging unter im fernen Westen von Havanna. Der belebte Malecon wurde von Menschen bevölkert, viele junge Liebespaare turtelten. Ein dunkelhäutiger Kubaner stand in stolzer Pose neben seinem aufpolierten Chevy. Nostalgie aus den 50er-Jahren. Aus Not geboren, heiß geliebt und hundertmal repariert. Die untergehende Sonne zauberte goldgelbes Abendlicht über die lebendige Szenerie der langen Küstenstraße. Die Schatten der vielen Menschen und Autos zeichneten wirre Muster auf die Promenade. Das Spiel der Straßenmusiker vermischte sich mit der Dünung des Meeres. Einige tanzten.

Alina, eine junge Mulattin, arbeitete als Krankenschwester in Havanna. Seine Liebe mit ihr hatte zu einem Zauber geführt, als hätte er eine Droge verabreicht bekommen. Er konnte nicht mehr klar denken und eine ununterbrochene Sehnsucht befiel ihn. So oft wie möglich wollten sie sich nahe sein. Sein Hirn kreiste ständig um die Liebe. Die Musik des Guanguancó direkt zu erleben wurde zu einem tiefgehenden Erlebnis. Wenn die tiefe Tumba ein eintaktiges Fundament legte, die mittlere Segundo ein zweitaktiges Muster variierte, die Quinto dazu improvisierte und die Tänzer das aufgriffen. Die Quinto war immer mehr Mikes zweite kubanische Liebe geworden. In Havanna lebte die Musik überall, von der Hitze und der Lebenslust der Bewohner beflügelt. Auch alte Menschen gingen tanzen.
Alina musste in der dritten Woche seines Aufenthaltes in Havanna arbeiten. Mike saß in einer Bar, trank einen Mojito und sinnierte vor sich hin. Die Musiker fingen nach einer Pause wieder an zu spielen. Einige Frauen und Männer tanzten. Er nahm seinen ganzen Mut zusammen und fragte den Quintospieler, ob er mitspielen dürfe. Dieser nickte und reichte ihm freundlich die Trommel. Sein Herz bibberte und er griff zu. Nachdem er sich nach kurzer Spielzeit eingegroovt hatte, erlebte er einen Höhenrausch im Flow mit diesem Instrument. Er versuchte sich zu bändigen, ließ den Händen weiterhin freien Lauf, korrigierte sie nur unmerklich. Er wollte den Kontakt zu seinen Mitspielern und den Tänzern behalten. Ekstatische Momente wie beim Sturz einer Achterbahn in der steilen Abfahrt vor dem Looping und etwas ruhigere Sequenzen lösten sich ab. Manchmal verlor er die Kontrolle im Spiel. Seine Beine, mit denen er den Rhythmus hielt, fingen an zu vibrieren. Der Körper verselbständigte sich. Eine unglaubliche Energie durchströmte ihn und riss die Tänzer in immer gewagtere Figuren im Wechselspiel mit der vibrierenden Quinto. In objektiver Zeit gemessen dauerte die Session nicht lange. Sie wurde aber losgelöst intensiver von ihm empfunden. Davon wollte er mehr.

Selbst in den späten Abendstunden der Erschöpfung war die Nähe zu Alina, die er nach ihrem Feierabend auf dem Malecon traf, magnetisch aufgeladen. Es riss beide in den ersten Minuten ihrer Begegnung mit. Sie flogen, verfielen einander. Noch ohne ein Wort miteinander gesprochen zu haben, tauschen sie heftige Küsse aus. Jede andere Art der Begegnung hätte sie durcheinander gebracht.
Nach diesen atemlosen Momenten kamen sie noch nicht zur Ruhe. Sie setzen sich in Bewegung, kreuzten andere Straßen, landeten irgendwo im Abseits einer einsamen Häusernische. Hauptsache sie konnten dem Trubel auf dem Malecon entrinnen und allein sein. Ihre Körper wollten so schnell und so nahe zusammen wie möglich. In der Hitze trugen sie nur sehr leichte Kleidung. Einfache, kurze, leicht abzustreifende T-Shirts oder Hemden und eine hauchdünne Hose. Ein Nichts über ihren nackten Körpern. Unter dieser Kleidung spürte Mike auch während der Abwesenheit von Alina seine Nacktheit. Ihm gefiel es, diese den ganzen Tag über zu fühlen. Sein Körper ging dann stärker auf die Umgebung ein und er reagierte stetig auf ihre Reize. Seine Sinne wurden zu einem sensiblen Werkzeug mit einem feinen Gespür für Erotik. Havanna wurde zu seinem Universum sinnlicher Begegnungen mit Alina.
Immerzu fand er Neues in der Stadt, das ihn erregte und beschäftigte. Die Menschen schwangen elastisch ihre Hüften. Die Hunde gingen relaxed über die Straßen, wurden allerdings häufig überfahren, weil sie zu langsam trotteten. Er hatte inzwischen seinen steifen Hüftgang abgelegt, was durch die Hitze und das lebendige Umfeld stark begünstigt wurde.
Nach einiger Zeit fragte er Alina, ob es nicht schöner wäre zusammenzuziehen, ihre Nähe dadurch zu verstetigen. Sie meinte, dass der Reiz der Entbehrung und die Askese in den Zeiten des Nichtzusammenseins eher ihre Liebe stärke.
Sie begegneten sich weiterhin nachts, nicht immer in geschlossenen Räumen, setzten sich vielmehr anderen Umgebungen aus, suchten nach geheimen Arealen und Verstecken, wo sich ihre heißen Körper in Windeseile oder in langsamer Verzögerung auflösten. Am Ende der Woche verbrachten sie die ganze Nacht im Freien, genossen eine Weile das Ausatmen der von Sonnenhitze des Tages erwärmten Zonen, um sich dann wieder sanft zu berühren und in neue Ekstase zu verfallen. Das Spiel wiederholte sich bis zur totalen Erschöpfung.

In der vierten Woche seines Aufenthalts lernte er Alinas Bruder, einen Musiker, kennen. Er trat mit seiner Band oftmals in der Casa de la Trova in der Calle Heredia der Altstadt auf und lud Mike ein, mit seiner Quinto zu kommen und mitzuspielen. Der Abend wurde zu einem weiteren Exzess seiner Lust auf das Trommeln. Er wurde sofort von den Musikern akzeptiert und konnte seinen Solis freien Lauf lassen. Alina kam später zum Tanzen. Ein ekstatisches Spiel entwickelte sich zwischen ihr als Tänzerin und ihm als Solist. Die Körper wurden auch auf die Entfernung eins miteinander. Ihre Gefühle explodierten.


Die ewige Suche

Am Samstag nahm Jochen aus der Männergruppe Mike mit zu einer Party bei einem befreundeten Paar. Er erzählte ihm vorweg ein paar Dinge über die Gastgeberin Hannelore, die in serieller Monogamie mit ihrem neuesten Freund lebte, diesen aber nicht heiraten wollte. Sie wechselte Ihre Partner in sehr unregelmäßigen Abständen. Einmal waren es sieben Jahre, dann nur ein halbes oder auch mal zwei. Beziehungen waren für sie die Freiheit zu lieben. Da ähnelte sie immer mehr Frauen ihrer Generation, die ein unabhängiges Leben wollten, so wie Mike es auch bisher geführt hatte. In Hamburg war inzwischen jede zweite Wohnung ein Singlehaushalt.
Ihm kam die Einladung sehr entgegen. Seit einiger Zeit hatte er im Kopf, endlich vom Pfad seiner wechselnden Beziehungen zu Frauen auf eine fest bepflasterte Gerade einzubiegen, im Reich der wahren Liebe anzukommen. Vielleicht bot sich eine Chance auf der Party. Dazu gehörte, die Zündflamme in seinen Lenden in Schach zu halten, wenn ihn eine Frau reizte, er aber das Gefühl hatte, dass es keine fürs Leben sei. Ihm schwebte vor, endlich eine Familie zu gründen und Kinder bekommen.

Da stand sie am Abend auf der Party. Angelehnt an die Verschalung der gegenüberliegenden Türöffnung schaute sie ihm beharrlich in die Augen. Er hatte sie schon mehrmals im Vorbeigehen unverhohlen angehimmelt, was ihr natürlich nicht verborgen geblieben war.
Ihm ging durch den Kopf, dass die Kommunikation von Menschen meistens von Details abhängt. Eine kleine Veränderung der Körperhaltung, der Mimik und Gestik kann den Gegenüber überzeugen oder misstrauisch machen. Misstrauisch wie zwei Kämpfer, die zu müde sind, den Kampf fortzusetzen, aber auch unfähig, sich zu ergeben. In diese Falle wollte er nicht tappen, denn er wusste intuitiv, dass er diese Frau von sich überzeugen könnte und dabei authentisch bleiben würde. Hinter seiner Stirn reiften Überlegungen heran, die er in der Folge strategisch einzusetzen gedachte. Jochen hatte ihm erzählt, dass sie Christine heißt und sich gerade von ihrem Freund getrennt hatte.
Er wusste sofort, dass sie keine Frau war, die man kampflos einem anderen überlässt, ohne den Schmerz zu empfinden, der eine ungefähre Vorstellung davon gibt, dass man am Leben ist. Sollte sich die Begegnung um eine zufällige Verschiebung im Universum handeln, wo Partikel aneinander stoßen? Was ist dieses seltsame Etwas, das uns allen fehlt und uns veranlasst, den Menschen zu suchen, der uns entweder wie eine Droge betäubt oder mit dem göttlichen Nektar des Lebens erfüllt? Diese Nacht würde er auf keinen Fall noch mit ihr ins Bett steigen, sondern sich auf andere Weise von seiner besten Seite zeigen. Durch den Stoff seines Seidenhemdes fühlte sich sein Körper fest und zugleich nachgiebig an, so als könnte er durchaus standhalten und trotzdem alles machen, was er gern mit ihr anstellen würde.
Er gab sich einen Ruck, ging zu ihr hinüber und fragte, ob er ihr etwas Wein einschenken dürfe, denn ihr Glas war leer. Sie straffte sich und antwortete:
„Ja gern, ich kann zu Fuß nachhause gehen und deshalb noch etwas Alkohol verkraften.“
Sie unterhielten sich angeregt über dies und das, doch plötzlich sagte sie:
„Ich bin jetzt müde vom vielen Wein und möchte nach Hause gehen, wohne nur ein paar hundert Meter weiter.“
Mike bot an, sie aus Sicherheitsgründen zu begleiten. Sie war einverstanden. Vor ihrem Haus wollte sie sich schnell verabschieden, doch Mike blieb etwas unschlüssig stehen. Sie lachte und sagte:
„Ich hasse Abenteuer für eine Nacht. Sex ist dann immer ein Fall der Irrungen und Wirrungen. Großer Gott, man muss entweder ziemlich betrunken, ziemlich unbefangen oder ganz einfach selbstsüchtig sein, um Spaß daran zu haben. Ich jedenfalls finde, dass Sex etwas überaus Intimes ist und es eine Weile dauern sollte, bis ich mit einem Mann wahrhaft wunderbaren Sex erleben kann.“
Mike erwiderte:
„Du hast ja völlig Recht. Das sehe ich genauso“, verabschiedete sich und ging zurück zur Party.

Am folgenden Samstag kaufte er sich eine neue Jeans in der Mönckebergstraße und bummelte über den Jungfernstieg an der Binnenalster. Plötzlich sah er Christine aus der Gegenrichtung auf sich zukommen. Sein Herz begann heftig auszuschlagen. Sie begrüßten sich freudestrahlend und Christine sprudelte gleich los:
„Ich nehme mir heute Zeit für etwas Schönes, das nur mir gehört. Es ist sozusagen ein Treffen mit mir selbst. Eben habe ich ein wunderschönes Frühstück im Café des Hotels Vierjahreszeiten genossen und will jetzt in die Kunsthalle, um die neue Ausstellung >Erotische Malerei des 20. Jahrhunderts< anzuschauen.“
Sie musste sich eingestehen, dass dieser sinnliche junge Mann ihr schon auf der Party ausnehmend gut gefiel, und war überrascht, dass ihr so etwas noch geschah.
Mike schaute ihr intensiv in die Augen. Ihre Wangen röteten sich. Er trat näher an sie heran, um ihr spontan einen Kuss zu geben. Doch ihr Gesichtsausdruck zeigte, dass sie nicht wusste, wie sie reagieren sollte. Vielleicht war es auch eher er, der plötzlich etwas Unsicherheit spürte, denn seine latente Schüchternheit setzte sich, vor allem bei sehr attraktiven Frauen, immer mal wieder durch. Christine überlegte, ob sie ihren Gefühlen vertrauen und ihnen freien Lauf lassen oder ihren Verstand benutzen sollte. Was ging da bloß vor in ihrem Kopf? Doch ihr Körper sendete deutliche Signale. Ja! Ja! Ja! Was soll die Ausstellung erotischer Kunst. Sie wollte den Moment leben, ihrem Körper gehorchen, ihrem Herzen folgen, wusste intuitiv, dass sie jetzt die Initiative ergreifen musste.
Sie strahlte und küsste Mike auf den Mund. Er zuckte zusammen. So viel Spontaneität und Ehrlichkeit hatte er bei einer Frau noch nicht erlebt, aber es gefiel ihm. Sie schlang ihre Arme um seine Taille und zog ihn fest an sich. Beide spürten sofort die feine Sinnlichkeit, die ihre Körper miteinander austauschten, und es bedurfte keiner Worte mehr. Christine verkörperte allein durch ihre Gegenwart in seinen Armen das, was er schon immer gesucht hatte. Es existierte nur noch ein Verstehen von lange aufeinander gewarteten Leibern, die nach Erfüllung dürsteten.
Christine drehte um und führte ihn sanft umarmt zurück zum Hotel Vierjahreszeiten. Da sie nicht zu sparen brauchte, orderte sie ein luxuriöses Doppelzimmer mit Alsterblick und schob Mike sanft in den Fahrstuhl. Ihr Druck auf die Taste 2.Stock war mit etwas Unsicherheit verbunden, aber freimütig genug, dass er darin mehr als den Keim normaler Begierde erraten konnte. Dieses wurde durch die Tatsache, dass es sich um eine ungewöhnliche Entscheidung handelte, nur noch gesteigert.
Er spürte sich immer schwächer werden und schien gefangen in einer Halluzination, die die Gestalt von Christine angenommen hatte. In einer außergewöhnlichen Fügung war er ihr begegnet, ohne selbst aktiv um sie werben zu müssen. Jetzt besann er sich seiner männlichen Fähigkeiten und öffnete ihr galant die Zimmertür, nachdem sie den Fahrstuhl schon etwas enger umschlungen verlassen hatten. Sie ging langsam vor ihm in das Zimmer.
Plötzlich blieb sie unentschlossen vor dem großen Bett stehen, vollkommen durcheinander. Er legte seine Arme von hinten sanft um sie, zog ihr behutsam die türkisfarbene Jacke von den Schultern und küsste sie zärtlich auf den Hals. Diesen Berührungen konnte sie nicht lange standhalten. Die wenigen dunklen Stellen seines Wesens wurden von Licht erfasst. Sie hätten verborgen bleiben können, doch in der Berührung mit ihr veränderte sich alles. Ihre Gegenwart erfüllte den Raum mit solch einer körperlichen Präsenz, dass sie sich getröstet, geborgen und allmächtig fühlten.
Sie hatten im Zimmer noch kein Wort miteinander gesprochen. Er stand immer noch hinter ihr und hielt sie im Arm. Mit seinem Zeigefinger der freien linken Hand berührte er ihren Mund. Begierig begann sie den Finger zu belutschen, bis dieser sich in ihrer Mundhöhle verlor und er ihre Zahnhälse sanft massierte. Dieses tat er mit einer solchen Inbrunst, dass Christine ein wenig zu zittern begann. Sie versuchte mit ihrem Verstand dagegen anzukämpfen, dass sich ihr Körper so schnell hingeben wollte. Der Sinnestaumel stand jedoch kurz bevor. Bald würde sie jeglichen Widerstand aufgeben. Seine Zartheit und körperliche Offenheit waren dabei, sie zu überwältigen.
Nach dem Aufwachen am Nachmittag verschlangen ihre Körper wiederholt einander. Er flüsterte:
„Ich möchte jetzt keinen Sex mehr, nur kuscheln.“
Zartes massageähnliches Streicheln über Hüften, Po und Schenkel führten jedoch dazu, dass Christine ihn plötzlich auf den Rücken warf, auf ihn sprang und ritt, so als wenn es ein Galopprennen zu gewinnen gäbe. Das solide Bett ächzte und vibrierte. In inniger Verbindung gestöpselt komponierten sie Lustduos mit ihren sinnlichen Mündern und einem Tutti ins Finale. Aufschreie verbanden sich in einem wirren Takt.
„Das war Sieben statt Sex“, stöhne Mike ganz entspannt im Hier und Jetzt.
Christine sagte nichts dazu. Sie war überwältigt. Seine Gegenwart war in alle ihre Fasern gedrungen. Er spürte sie über sich, schwitzend, zitternd, zerbrechlich, ängstlich, außer sich vor Glück und Furcht.
Beide verabschiedeten sich mit einem langen innigen Kuss vor dem Eingangsportal des renommierten Hotels. Sie steckte ihm noch ihre Visitenkarte zu und sagte:
„Ich würde mich sehr freuen, wenn wir uns bald wiedersehen könnten.“

Der Portier schaute ihnen wohlwollend hinterher. Nach sechs Wochen beichtete Christine ihm, dass sie schwanger sei. Er jubelte.

Anmerkung von Sätzer:

Bildinfos: Feuerberge auf Lanzarote, 1986, Öl auf Ölmalpapier, 48 * 36 cm


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Veröffentlicht am 04.12.2015, 29 mal überarbeitet (letzte Änderung am 17.02.2019). Textlänge: 1.929 Wörter; dieser Text wurde bereits 1.135 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 17.02.2019..
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