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Abschlussball

Kurzgeschichte zum Thema Außenseiter


von pondo

»They say a man can only be alone for so long,
before the man's mind is gone.«




»Eine wirklich gute Zeit werdet ihr haben!« Die Worte von Frau Jirschka klangen noch in seinen Ohren, als er nach Hause ging. Sie hatte dabei gelächelt, als sie das gesagt hatte, so wohlwollend, und ihr hübscher Busen hatte im Takt ihrer Ansprache mitgeschwungen. Tja, der Abschlussball. Heiße und kalte Schauer liefen ihm den Rücken hinab, wenn er nur daran dachte, Kristin als seine Begleitung für den Abschlussball ihres Jahrgangs einzuladen. Er konnte es sich genau vorstellen. Die anderen würden lachen, sie würden johlen und mit dem Finger auf ihn zeigen. Aber wie ihm hier unterm blauen Himmel eine Frühlingsbrise um die Nase wehte, konnten ihn diese Hurensöhne mal. Er schloss die Augen und streckte seine Arme aus. Kristin hatte sich noch nie über ihn lustig gemacht, sie war wie... die malerische Blume auf der Spitze des beinahe unerreichbaren Berggipfels. Sie war... Oh, Mann. Und seine Mutter sagte immer, er sehe gut aus, besonders wenn er seine gute Weste trage. Er würde sie also fragen. Er würde sie fragen. Er lächelte in den Wind.
Zu Hause angekommen bremste der Anblick der Parkplätze seinen Wagemut. Seine Mutter war noch nicht wieder da, das bedeutete, er würde mit seinem Vater allein zu Mittag essen. Er hasste das. Sein Vater würde wie immer bohrende Fragen stellen, und nie gab er sich mit den Antworten zufrieden.

Beim Essen saßen sie sich gegenüber.
»Na, Gregor. Wie war die Schule?«
»War okay. Frau Jirschka hat uns den Ablauf des Abschlussballs erklärt. Ich brauch eine Begleitung.«
»Frau Jirschka ist das junge Ding mit den straffen Brüsten oder?« Gregors Vater schmatzte. »Weißt du schon, wen du fragen willst?«
»Vielleicht Kristin... Ich bin mir aber unsicher, ob sie... -«
»Verdammt, Junge!« Sein Vater schlug mit der Faust auf den Tisch, der Löffel sprang von seinem Teller. »Wenn du schon so unsicher auf sie zukommst, wird das nichts werden! Wo ist deine Selbstachtung, he?«
Gregor wurde ganz elend. Sein Vater hatte ja gut reden. Er solle mal die Hölle der Oberschule durchlaufen, wenn er ständig wegen seiner Art, seiner Kleidung, seiner Eltern, seines Wesens ausgelacht und rumgeschubst wurde. Er sagte: »Ja, Vater.«
»Mit den Frauen ist es wie mit dem Leben generell, du musst dir nehmen, was du willst, du musst hart sein! Die Feiglinge mit ihrer Wischi-Waschi-Scheiße bringen's zu nix. Also geh zu ihr und mach ihr klar, dass sie mit dir gehen will!«
»Ja, Vater«, sagte Gregor bloß und blickte sich verstohlen in der schäbigen Wohnung um.
Sein Vater sah ihn abschätzig an. »Du könntest ein bisschen dankbarer sein, Greg. Ich habe Angst, dass du noch so betulich wirst wie deine Mutter.«
»Nein, Vater.«
»Dann iss auf und beweg dich ein bisschen.«
»Ja, okay.«

In seinem Zimmer schmiss Gregor seine Tasche in die Ecke, setzte sich Kopfhörer auf und legte sich ins Bett. Was Kristin wohl gerade tat?

Der nächste Morgen begann beschissen. Er hatte das Schulgelände betreten und war gerade die Treppe zur Eingangstür hinaufgestiegen, da stürzte Gregor und klatschte mit seinem Gesicht an die Glastür, die vom Hof ins Gebäude führte. Seine Bücher flogen zu Boden, er sank an dem Glas hinab und schallendes Gelächter ertönte. Chris und Dan standen hinter einer Ecke und bogen sich vor Lachen. Sie hatten einen dicken Nylonfaden auf Knöchelhöhe quer vor die Tür gespannt, als sie gesehen hatten, dass Gregor gerade auf dem Weg über den Schulhof eintraf. Sie traten gegen ein paar der herumliegenden Bücher und gingen lachend hinein, während Gregor sich stöhnend aufrappelte und sich die blutende Nase hielt.
Es würde ein Scheißtag werden. Wellen der Wut und der Niedergeschlagenheit wogen abwechselnd durch seinen Körper
Drinnen wurde er von ein paar weiteren Mitschülern grinsend begrüßt, vor denen Chris und Dan offensichtlich mit ihrem saukomischen Scherz geprahlt hatten. Sein Knie schmerzte, er sah an sich herunter und sah, dass Blut aus einer Wunde unter der zerrissenen Hose quoll. So eine Scheiße.

Der Tag ging vorüber, aber Gregors Mitschüler sorgten dafür, dass sich seine Laune nicht verbesserte. Ursprünglich hatte er sich vorgenommen, heute Kristin anzusprechen, aber er war absolut nicht in der Stimmung dafür, auf sie zuzugehen, während der ganze Kurs über seine zerbeulte Nase und zerrissene Hose lachte. Und die Lehrer machten es auch nicht besser. Sie waren nur nützliche Idioten; im Vordergrund tadelten sie die Gemeinheiten der anderen natürlich, aber im Stillen lachten sie sich ins Fäustchen. Sie nährten den Boden für den Spott der anderen. Wer musste die Extraaufgaben erledigen? Wer wurde bei schwierigen Fragen als Erstes drangenommen? Wer wurde seziert, wenn sich seine Unwissenheit in einem Themengebiet herausstellte? Wessen hochroter Kopf wurde mit einem knappen »Gregor, es passiert schon wieder« kommentiert? Seiner, es war immer er. Er hasste es. Er hasste die Schule, er hasste die gottverdammten Lehrer bis auf wenige Ausnahmen, und er hasste seine Mitschüler, die sich in beschissener Glückseligkeit auf die Schulter klopften, wenn sie einander reihenweise die Bude vollkotzten auf Partys, zu denen er nie eingeladen wurde.
Oh, einmal war er eingeladen worden. Es sei eine Party in Demmlingen, hatte es geheißen. Demmlingen war ein beschissenes Kaff weiter draußen. Er bräuchte diesen Plan, sonst würde er es nicht finden, hatte es geheißen. Aber es würde toll werden, hatte es geheißen.
Er war gekommen.
Er hatte seine Mutter beknien müssen, Spritgeld dafür auszugeben, ihn so weit ins Finstersteiner Umland zu fahren, um dieses Mal dabei sein zu können und Anschluss zu finden. Er war wie geheißen dem Plan gefolgt und hatte sich noch gewundert, wie vertrackt ihm der Weg doch zur Party schien, und als er vor der schäbigen Hütte gestanden hatte, aus der leise Musik gedrungen war, war es dann ganz schnell gegangen. Die Tür war aufgeflogen und jemand hatte ihn von hinten geschubst, sodass er ins Innere in den Dreck stürzte. Es stellte sich heraus, dass es sich bei der Hütte um einen einstigen Stall handelte, der bestialisch nach Gülle und Pferdescheiße stank. Und er hatte mittendrin gelegen, hinter der verriegelten Tür. Erst als er voll Wut und Bitternis einen Bretterverschlag eingetreten hatte, war es ihm gelungen auszubrechen. Von den anderen war weit und breit nichts zu sehen gewesen – er hatte stundenlang in Schmach und Schande nach Hause laufen müssen.
Er hatte nie vollständig klären können, wer hinter diesem Hinterhalt gesteckt hatte, auch wenn er wusste, dass Chris' Familie aus Demmlingen stammte. Er konnte sich aber nicht sicher sein, da auch noch weitere Mitschüler von dort kamen. Der Gedanke daran, das noch herauszufinden, brachte seine Rachefantasien zum Lodern. Wenn er sich jetzt in seiner Schule umsah, erinnerte ihn wenig an eine unbeschwerte Zeit. Vor Jahren hatte es eine Mitschülerin gegeben, mit der er gut befreundet gewesen war, aber ihre Eltern hatten eines Tages beschlossen, in ein anderes Land zu ziehen, und seitdem hatte er nur noch sehr sporadisch etwas von ihr gehört. Nicht alle seiner Mitschüler waren wie Chris und Dan, doch sie alle waren froh, nicht selbst in der Schusslinie der Lieblinge zu sein.

Als Greg nach diesem Tag zu Hause angekommen war, dankte er Gott dafür, dass sein Vater nicht da war, und verzog sich in sein Zimmer. Er setzte sich aufs Bett, legte seinen Kopf in seine Hände und ruhte eine Weile. In Momenten wie diesen spürte er, wie die Niedertracht der anderen ihn auffraß. Er konnte seine Gedanken kaum halten. Diese ganze Scheiße war ihm zu viel, zum Teufel mit Kristin, mit den andern und seinen Eltern, zum Teufel mit dieser beschissenen Welt! Er stieß seinen Ellbogen gegen die Wand, wieder und immer wieder, bis seine Energie schwand und er rücklings aufs Bett fiel. Er machte Musik an und wartete, dass der Tag endete. Als irgendwann sein Vater, dann seine Mutter wiederkam, die Sonne unterging und er von nebenan gelegentliche dumpfe Geräusche und Geschrei und Gestöhne vernahm, drehte er die Musik noch etwas lauter, dachte an Kristin und Frau Jirschkas Busen und versuchte zu schlafen.

»Du siehst gut aus«, sagte er sich am nächsten Morgen. »Du bist ruhig und gelassen und du siehst gut aus, Greg.« Er stand in der Eingangshalle seiner Schule und hörte die Klingel schlagen, die sechste Stunde endete soeben und wenn er Kristin noch vor den Osterferien fragen wollte, würde er das jetzt machen müssen. Er war hundsnervös, denn Kristin war schön. Und nicht nur das. Sie hatte ihn nie ausgelacht. Als er einmal gestürzt war, hatte sie ihm aufgeholfen, und ihr Lächeln hatte ihn fortan im allabendlichen Ritus des Schlafengehens bis in seine Träume begleitet.
Gregor wiegte hin und her. Er versuchte sich zu wappnen. Um sie abzupassen, ohne dass es viele mitbekamen, hatte er extra Englisch geschwänzt.
Aber, oh Scheiße. Gerade heute befand sich Kristin inmitten einer Traube jener Jungs, die ihn am schlimmsten drangsalierten. Aber es half nichts  - er müsse sich nehmen, was er wolle, sagte er sich. Nehmen, was er wolle. Es sich nehmen. Mantraartig wiederholte er das und knetete seine Hände.
So ging er auf die Gruppe zu und ehe er sich wirklich gewahr wurde, was geschah, hörte er sich Kristin darum bitten, doch kurz einmal mitzukommen, da er sie etwas fragen wolle. Aus den Augenwinkeln nahm er die höhnischen Blicke der anderen wahr, doch sie trat einen Schritt vor. Er sah sie an, in all ihrer Schönheit: die langen braunen Haare, die tolle Figur, die zarten Finger, nur von ihrem schönen Lächeln war nichts zu sehen.
»Was ist denn?«, fragte sie.
»Könntest du bitte mal kurz mit um die Ecke kommen?«
Gelächter klang in seinen Ohren. Feindseliges drückte gegen seine Stirn.
»Nein, tut mir leid, ich hab es eilig. Was ist denn nun?«
»Also, na gut, ich möchte dich einladen, mit mir auf den Abschlussball zu gehen. Hast du, hast du Lust?«
Stärkeres Gelächter.
Er blickte in ihre wachen, kalten Augen, und sie sagte:

»Ich würde lieber sterben.«

Dann drehte sie sich um und verschwand in der Traube der Mitschüler, die lachend weiterzog.
Lieber sterben.
Völlig entgeistert blieb Gregor zurück, allein mit der Frage, welcher Teufel ihn gerade geritten hatte.

In den Ferien zeigte Gregor Züge einer gewissen Apathie, an manche Tage konnte er sich nichtmal mehr erinnern. Auch als die Schule wieder begonnen hatte, zogen die Wochen nur so an ihm vorbei. Ständig zeigten Leute mit dem Finger auf ihn, wenn er alleine durch die Flure lief; dass Gregor, der verkorkste Gregor mit seinen stinkenden Haaren und dem bleichen Teint, mit dem kaputten Humor und der stillen Art das hübscheste Mädchen der Schule auf den Abschlussball hatte ausführen wollen. Zum Lachen, ha-ha. In Gregors Ohren klang das wie entferntes Meeresglucksen, diese Hurensöhne, die er so verachtete, er nahm sie gar nicht mehr recht als Menschen wahr. So flog die Zeit vorbei. Der Abschluss wurde vorbereitet, Kommitees für Jahrgangsangelegenheiten gegründet, nur Gregor fand sich in dicken Nebelschwaden wieder. In seiner Isolation, gemieden von den anderen, blieb ihm Anteilnahme verwehrt. Einzig das Dröhnen in seinen Ohren blieb, während die Dinge an ihm vorbeirauschten.

Dann war der Tag des Abschlussballs gekommen.

Sie saßen an diesem Morgen am Frühstückstisch, Gregors Vater blickte ihn verächtlich an. Gregor brachte hervor, dass er keine Begleitung für den heutigen Abend habe. Er versuchte es damit zu erklären, dass er aus Stolz, nachdem Kristin anderweitige Verabredungen getroffen habe, keine andere mehr hatte fragen wollen. Tatsächlich jedoch hatte er weder den Mut gehabt, ein anderes Mädchen anzusprechen, noch das Interesse. Er hing noch immer in der Schleife des Moments, in dem er Kristin gefragt hatte. Wie hatte sie ihm vor all diesen widerlichen Arschlöchern so eine kalte Abfuhr erteilen können? Wie kam es, dass Chris, Boris, Dan und wie sie alle hießen, diese hirnlosen, ekelerregenden Idioten die Anerkennung der Schüler und Lehrer genossen, obwohl sie derartiger menschlicher Abfall waren? Es ging nicht in seinen Schädel rein.
Gregor schwankte zwischen Rachefantasien und Depressionen.
Der Plan sah vor, dass in der Turnhalle heute Mittag die Zeugnisübergabe stattfinden würde und am Abend dann der eigentliche Ball, um die neugewonnene Reife der Schülerinnen und Schüler zu feiern. Gregor ging ins Bad, sich übergeben.

Seine Eltern mussten arbeiten, daher fand er sich alleine in der Turnhalle zur Zeugnisübergabe ein. Einen Anzug besaß er nicht, deshalb drückte er sich in einer hinteren Ecke herum und versuchte nicht aufzufallen, während seine adrett gekleideten Mitschüler in der Mitte der Halle Späße machten. Die allgemeine Stimmung war heiter. Frau Jirschka sprach gerade mit ein paar stolz dreinblickenden Elternpaaren; wie eine Hure hatte auch sie sich herausgeputzt. Wie eine wirklich hübsche Hure. Gregor hörte sie wieder davon sprechen, dass heute ein ganz besonderer Tag sei, und dass alle eine wirklich gute Zeit haben würden. Eine hübsche Hure in Gestalt einer Lehrerin, die bald das Alter erreichte, in dem sie auseinanderfiel. Die Zeit würde zeigen, ob die ihre auch so gut würde, wie sie ihren Schülern versprach.
Die Zeremonie begann und die Zeremonie endete, und nur das Kichern nistete sich in Gregors Hirn ein, das bei seiner Zeugnisentgegennahme zu hören gewesen war. »Dass der überhaupt den Abschluss schafft!« »Dass ihm das nicht peinlich ist, so zu erscheinen!« »Ha! Wie hießn der? War der echt bei uns im Jahrgang!?« Ihm lief es kalt den Rücken runter. Er war dabei, in der Menge wieder unterzutauchen, als er in einer Ecke Kristin mit Chris schäkern sah. Er stahl sich näher heran.
»Ich freu mich auf heute Abend«, hörte er sie sagen und sah ihn lächeln. »Unglaublich, dass mich echt Gregor gefragt hat...«, sie lächelte Chris verschwörerisch zu. Darauf erwiderte dieser trocken: »Allerdings. Dass der sich das traut! Dabei weiß ich aus gesicherter Quelle, dass der sich gern im Schweinestall suhlt.« Kristin kicherte.
Hätte zu diesem Zeitpunkt alles Geschehen in Gregors Kopf stattgefunden, wären die Menschen Zeuge davon geworden, wie ein funktionstüchtiger Stromgenerator mit einem lauten Knall in Flammen aufgegangen wäre. Gregor drehte sich langsam um und ging.

Als die Absolventinnen und Absolventen offiziell entlassen wurden, hatte niemand mehr Gregor gesehen. Frau Jirschka hatte ein paar wenige Male besorgt aufgehorcht, als sie dumpfe Geräusche vom Dach der Turnhalle vernommen hatte. Ein albernes Bild von einander bekämpfenden Bären war ihr in den Sinn gekommen, das sie jedoch gleich wieder aus ihren Gedanken verscheucht hatte.

Irgendwann strömten sie alle aus der Halle. Chris war bei Kristin geblieben, und als sie just den Ausgang erreicht hatten, ergriff Kristin Chris' Arm und schmiegte sich an ihn. Innerlich brüllte Chris vor aufgewühlter Freude. Vor vielen Klassenstufen schon hatte er für Kristin geschwärmt und jetzt hatte sie sich wirklich einverstanden erklärt, mit ihm am heutigen Abend auf den Ball zu gehen. Unfassbar! Er sah sie an und sie erwiderte lächelnd den Blick. Da löste sie sich von ihm, nahm ihn bei der Hand und zog ihn hinter die Halle. Im Schatten einer Eiche drehte Kristin sich zu ihm um, stellte sich vor ihn, sah ihm in die Augen und begann, an seinem Hemdkragen zu nesteln. Ein ganzer Schwarm Schmetterlinge flog in ihm heftig durcheinander. Er zog sie zu sich, sah in ihre rehbraunen Augen und beugte sich sachte vor. Mit geschlossenen Augen roch er ihr Haar... als sie plötzlich in seinem Arm mit einem Quieken zusammensackte. Er riss die Augen auf, jäh verwandelten sich die Schmetterlinge in einen Klumpen zähes Pech. Er nahm nur einen Schemen wahr, dann traf ihn selbst etwas brutal am Kopf.

Gregors Brustkorb ging auf und nieder, um den blutbeschmierten Stein verkrampften sich seine Finger, er atmete schwer. Er stand über den reglosen Körpern von Chris und Kristin. Er schwitzte und zitterte. Chris blutete aus seinem linken Ohr, Kristin über ihrer Schläfe. Mistverdammt! Er kniete sich neben Kristin und fühlte ihre Stirn, was hatte er getan. Sie... Er raufte sich die Haare, vergrub sein Gesicht in ihrer Bluse. Er hatte doch nur mit ihr tanzen wollen. Mit Rotz in der Nase sah er sich um, dann zog er beide Körper tiefer in das weitläufige Gebüsch des Schulgartens hinein. Als die Sonne endlich untergegangen war, legte er Kristins zarten Körper über seine Schultern und trug sie in der Dunkelheit zu sich nach Hause. Chris würdigte er keines weiteren Blickes.

Zu Hause nahm er den Kellereingang des Hauses und trug sie in den Heizungsraum. Hier sah nie jemand nach dem Rechten. Er durchwühlte die Handtasche Kristins, fand ein paar Euro und ging zum nächsten Supermarkt. Hübsch. Er würde es hübsch herrichten. Eines Balles würdig. Er kaufte ein paar Lichterketten, ein Paar Lautsprecher, eine Flasche Sekt und eine Schmuserock-CD, dazu ein paar Kerzen. Dann ging er nach Hause, wartete, bis sein Vater zur Dorfkneipe hin verschwunden war und holte eine Pritsche aus der Besenkammer. Unten, im Heizungskeller wieder angelangt, stellte er sie auf und legte Kristins Körper darauf. Dann verteilte er die Kerzen und zündete sie behutsam an, hängte die Lichterketten auf, stellte die Lautsprecher auf und verkabelte seinen Discman. Es war angenehm warm hier unten. Er stand da und beobachtete Kristin. Er lächelte, und doch drückte die Schwermut auf seine Schultern. Dann legte er die Kuschelrock-CD in den Discman und hob Kristin von der Pritsche, in seine Arme. Und presste sie fest an sich.
So vergingen erst Sekunden, dann Minuten, bis die Zeit vergessen war. Im Kerzenschein wiegten sie zusammen zur Musik. Sie drehten sich, zusammen, und seine Wange berührte die ihre. Tränen traten in seine Augen, wie sie dort im Heizungskeller tanzten, und er fragte sich, ob sein Vater stolz auf ihn sein würde. Die Frage ließ er treiben und sie bewegten sich zur Musik, weiter und einfach immer weiter. Die Musik spielte, die Kerzen brannten nieder und sie tanzten, während der Mond lachend durch das Fenster schien.

Und alle hatten eine wirklich gute Zeit.
Alle hatten eine gute Zeit.

 
 

Kommentare zu diesem Text


keinB
Kommentar von keinB (08.02.2016)
Schön bös.
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pondo meinte dazu am 09.02.2016:
Ich nehm das mal als was Positives. Danke für die Empfehlung!
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keinB antwortete darauf am 09.02.2016:
Auf jeden Fall so gemeint.
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pondo schrieb daraufhin am 09.02.2016:
Das freut mich
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Dieter_Rotmund
Kommentar von Dieter_Rotmund (09.02.2016)
Sehr irritierend, diese verwirrende Schreibweise von Christine, muss man doch unwillkürlich und ständig an die Anhängerin einer bestimmten Religion denken! Magst Du es nicht wenigstens in "Kristin" ändern?
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keinB äußerte darauf am 09.02.2016:
Lieber Dieter,

'man' muss das nicht. Du vielleicht.

Gruß
KB
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Dieter_Rotmund ergänzte dazu am 09.02.2016:
Nun gut, ich ändere "man" in "alle außer keinB"....
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keinB meinte dazu am 09.02.2016:
That's the spirit! ;)
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pondo meinte dazu am 09.02.2016:
Ich habe beim Betrachten des Namens "Christin" nicht unmittelbar die christliche Assoziation, aber tatsächlich hat mich (obwohl ich an dem Namen festhalten wollte) irgendetwas immer irritiert. Die Änderung auf Kristin werd ich übernehmen.

Aber das ist ja ein Detail. Hast du/ihr Anmerkungen, Kritik, Anregungen darüber hinaus?
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Dieter_Rotmund meinte dazu am 09.02.2016:
Ich warte die Änderungen ab, dann bin ich nicht mehr so irritiert...
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pondo meinte dazu am 09.02.2016:
done.
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Dieter_Rotmund meinte dazu am 10.02.2016:
Nun, handwerklich gesehen ist dieser kurzfristiger Perspektivwechsel von Gregor zu Chris und wieder zurück nicht sauber gearbeitet.
Insgesamt ein authentisch wirkender innerer Monolog eines Pubertierenden, der durchaus ambivalent dargestellt wird, denn seine wiederholten vulgären Bezeichnungen seiner Mitmenschen können ihn kaum sympathisch wirken lassen.
Ich hätte mir gewünscht, dass hier und da der Leser vor die Frage gestellt wird, ob das Mobbing-Geschehen wirklich passiert ist oder doch mehr in Gregors Kopf passiert. Hier und da darf man auch mal vage bleiben, finde ich, auch ein offenerer Schluss hätte mir besser gefallen. Ich hatte schon befürchtet, es würde mit einem Amoklauf enden - und das ist nun wirklich total ausgelutscht.
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pondo meinte dazu am 15.02.2016:
Danke für deine Rückmeldung. Ich war die letzten Tage ohne Internet und konnte nicht antworten.

Könntest du festmachen, wo genau der Perspektivwechsel unsauber gearbeitet sei? Ich will gar nicht trotzig in ein Klein-Klein gehen, aber ich habe mir gerade nochmal den Absatz durchgelesen und weiß nicht so recht, woran du das festmachst. Sicherlich könnte man das besser schreiben, es ist womöglich etwas spontan. Aber unter handwerklich unsauber verstehe ich vor allem, dass eine Perspektive nicht konsequent eingehalten wurde oder dergleichen, und da weiß ich nicht so genau, was du meinst.

Die Anregung, den Leser stärker vor die Frage zu stellen, ob der Protagonist wirklich so hart gemobbt wird oder ob er die Dinge einfach überinterpretiert und in seinen eigenen Wahn verfällt, finde ich gut. Das gäbe dem Ganzen mehr Tiefe. Ob ich daran aber etwas ändere, weiß ich noch nicht. Ich glaube eher nicht. Denn auch wenn dahingehende Änderungen dem bisherigen Schluss nicht zwangsweise zuwiderliefen, ist die Begründung zu deinem nächsten Punkt da dennoch ausschlaggebend:

Du sagst, das Ende sei ausgelutscht. Legitime Meinung, keine Frage. Ich nehme das allerdings anders wahr.
Meiner Wahrnehmung nach ist es inzwischen eher stereotyp geworden, allem zwangsweise einen doppelten Boden zu verpassen, oder das Geschehene ausschließlich in des Protagonisten Kopf zu verfrachten oder in dessen Traum. Irgendwie die Ebene zu wechseln. Ich fand es herausfordernder, die Konsequenz der Gewalt anzunehmen und das ambivalent, aber natürlich lesenswert zu gestalten. Ob mir das gelungen ist, das sei freilich dahingestellt. Aber an sich empfinde ich es so als interessanter, gerade auch hinsichtlich der Gefühle des Protagonisten, als wenn ich die Konsequenzen durch einen inhaltlichen Kniff gewissermaßen abgeschwächt hätte. Ich habe überlegt, ob Gregor sich selbst das Leben nehmen sollte, aber das erschien mir wiederum zu klischeehaft und überladen.

Um nochmal auf den vorigen Punkt zusprechen zu kommen - dass eine Überinterpretation oder eine zu sehr durch einen Tunnelblick geprägte Wahrnehmung zur "tatsächlichen" Gewalt geführt hätte, das gefällt mir auch sehr gut. Aber so wirkt es im Grunde für mich auch stimmig, deswegen wäre das vielleicht eher Material für etwas anderes. Schade, wenn du es als ausgelutshct empfindest, aber vielleicht verstehst du ja meine Perspektive.
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Dieter_Rotmund meinte dazu am 16.02.2016:
"Könntest du festmachen, wo genau der Perspektivwechsel unsauber gearbeitet sei?"

Nein, das möchte ich nicht, ich halte den dortigen Perspektivwechsel per se als überflüssig, er erfüllt keinen notwendigen Zweck.

Wieso sträuben sich hier bei kV alle gegen ein offenes Ende? Muss immer alles bis zum Schluss auserzählt werden? Wozu?
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pondo meinte dazu am 01.03.2016:
Hm, wenn man 'überflüssig' und 'unsauber gearbeitet' in einen Topf werfen möchte... Bei nochmaligen Lesen kommt der Perspektivwechsel mir vllt etwas abrupt vor, aber wie dem auch sei.


"Wieso sträuben sich hier bei kV alle gegen ein offenes Ende? Muss immer alles bis zum Schluss auserzählt werden? Wozu?"

Ich kann nicht für andere sprechen und meine eigene Meinung habe ich in meiner vorigen Antwort schon deutlich gemacht: es muss keineswegs immer alles auserzählt werden, genauso wenig wie immer ein völlig offenes Ende zu wählen wäre.

Wie schon beschrieben, meiner Wahrnehmung nach ist es überaus populär geworden, das Ende offen zu lassen und so mit einer Art doppelten Boden zu arbeiten, woraufhin sich dann stets die Meta-Frage stellt: Ist das Gelesene nun dem Protagonisten wirklich geschehen oder ist es nur Gespinst seiner Fantasie?
Zu oft gelesen, langweilt das auch irgendwann.
-> Für die Wirkung, die ich zu erzielen erhoffe, fand ich bei diesem Text ein genauer umrissenes Ende einfach konsequenter und kraftvoller.
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Veröffentlicht am 08.02.2016, 1 mal überarbeitet (letzte Änderung am 09.02.2016). Textlänge: 2.916 Wörter; dieser Text wurde bereits 500 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 11.12.2019.
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