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Werter Werther!

Dokumentation zum Thema Literatur


von Bergmann

Die Goethe-Rezeption Plenzdorfs in Zitat, Analogie und ihren Relativierungen als Ideologiekritik und literarisches Programm

[Ulrich Plenzdorf: Die neuen Leiden des jungen W.]


1.
Sag, wann haben diese Leiden
endlich mal ein Ende?
Wenn die neuen Leiden kommen,
haben sie ein Ende.

Wolf Biermann1


2.01   Kennen Sie einen wie Ihren Helden Edgar?
Sie meinen im Leben? – Nein.
Er ist also erfunden?
Eher zusammengesetzt, wenn Sie wollen, ein Gruppenporträt.
Welche Gefühle haben Sie Ihren Figuren gegenüber?
Ich mag sie alle. Besonders Edgar.
Trotzdem lassen Sie ihn über den Jordan gehen?
Das tut mir auch leid, ließ sich aber kaum vermeiden.
Widerspricht das nicht Ihrer Absicht, den Leuten Mut zu sich selbst zu machen, Lust darauf, sich selbst auszuprobieren?
Kaum. Edgars Ableben ist nur die erlaubte Zuspitzung der Tatsache, dass es Leute wie er schwer haben. Übrigens ist es ein Unfall.
Aber Edgar weiß doch, dass dreihundertachtzig Volt kein Scherz sind.
Das ja.
Also ist er am Ende gar selbst schuld?
Schuld ist da niemand. Das soll vorkommen.
Sie meinen juristisch. Und sonst? Wir wollen das Stück spielen als Warnung an alle, die es angeht, so mit Edgar und seinesgleichen umzugehen. Was sagen Sie dazu?
Schon recht.
Wir vermuten, dass sich die Figur Edgar nicht so einfach über Nacht hat zusammensetzen lassen. Nach Kenntnis zweier Filme und Drehbüchern von Ihnen sehen bestimmte Leute darin nach Vorarbeiten für Edgar aus. Absicht oder Zufall?
Beides. Aber von einem bestimmten Punkt an Absicht, fast Plan.
Dies ist Ihr erstes Stück?
Ja.
Wir haben Sie bei und nach einer Lesung des Stückes vor Lehrlingen recht aufgeregt gesehen. Der für Sie neue direkte Kontakt mit dem jungen Publikum hat Sie beeindruckt?
Es war tatsächlich aufregend.
Wodurch haben Sie so einen unmittelbaren Zugang zu Edgars Generation? Sie sind …?
Jahrgang vierunddreißig.
Es handelt sich also kaum um eine Autobiographie. Sollte da eine Rolle spielen, dass Sie Ihre erste Ausbildung abgebrochen und viel später von vorn angefangen und dadurch lange Zeit mit wesentlich Jüngeren die Schulbank gedrückt haben?
Ja, das könnte sein.
Haben Sie literarische Vorbilder?
Ich teile da völlig Edgars Meinung zu diesem Thema.2


2.02 Kein Text der neuesten deutschen Literatur hat wohl eine solche literarische und politische Bewegung ausgelöst wie „Die neuen Leiden des jungen W.“.3
Ein neuer Werther? Die komplexen Bezüge zu Goethe in Inhalt und Form, Intention und Wirkung, scheinen zu bestätigen, dass dem Antihelden Plenzdorfs – stellvertretend für einen großen Teil unserer jungen Generation – „… die Geltung eines Symbols oder eines Archetypus …“4 zukommt.
Die ungeheure Resonanz auf den neuen Werther und die neuen Wörter schuf ein Politikum – aber politisch ist der Text a priori durch seine Rezeption des „Werther“ im authentischen Gegenwartsbezug, und das würde gleichwohl für einen westdeutschen Werther neuer Leiden gelten können.5
Plenzdorfs Stück erschien – wie der „Werther“ – zur rechten Zeit.6 Es ist seit langem der erste deutsche Text, in dem Rezeption in ihrer gesamten begrifflichen Tragweite Literaturgeschichte macht: mit seiner neuartig verfremdeten Wiederaufnahme klassischer Literatur7, zugleich aber auch als neue Deutung der „Werther“-Vorlage in ihrer Verwendung für den neuen Text8 und dessen je individuelle Aufnahme durch den Leser oder Zuschauer9; schließlich, dergestalt vermittelt, mit seiner Wirkung auf die gegenwärtigen Literaturen und ihre Theorien in Ost und West.10
In diesem umgreifenden Verständnis von Rezeption – in dem alle Momente eng zusammen gehören, ja einander bedingen – ist der neue Werther Plenzdorfs bereits in der ersten, öffentlichen und offenen, zum Teil kontrovers ausgetragenen „Diskussion um Plenzdorf“11 aufgefasst worden, und zwar in der maßgebenden Literaturzeitschrift der DDR „Sinn und Form“.12 Sehr früh sind also die Probleme, die der neue Text aufwirft, erkannt und in heute noch gültige Fragen zum Ausdruck gebracht worden.13


2.03 Die methodischen Schwierigkeiten, die sich gerade bei der Analyse eines zeitgenössischen
Texts ergeben, bewirken, dass die meisten meiner Thesen nur einen vorläufig gültigen Wert
erhalten.
Diese Schwierigkeiten liegen zum Teil auch in der Tatsache begründet, dass die gegenwärtig neu in Gang gekommene Rezeptionsforschung und deren neue Methodologien und Terminologie sich noch zu sehr in der Diskussion befinden, allerdings trotz mancher gegensätzlicher Konzeptionen Anregungen bietet, welche in meine Arbeit einflossen, ohne dass sie sich dort explizit zu erkennen geben.
Bei der Durchsuchung der Neuen Leiden bin ich in der Hauptsache von folgenden Grundüberlegungen ausgegangen:

a. Welches „Werther“-Verständnis hatten und haben die Rezensenten, Goethe eingeschlossen, seit 1774?
b. Welche „Werther“-Auffassung haben die Rezensenten, die sich um Plenzdorfs Text bemühen?
Deren Auffassungen stützen sich einerseits auf die „Werther“-Forschung und die je eigenen Urteile, andererseits hängen sie von unterschiedlichen Weltanschauungen, zeitgebundenen Ideologien und deren Verbindlichkeitsgrad für den einzelnen Rezensenten ab.
Dies spiegelt sich in den Plenzdorf-Untersuchungen zumeist nur indirekt wider.
c. Welches „Werther“-Verständnis hat der Autor der Neuen Leiden? Inwieweit lässt es sich aus dem Text selbst herausfiltern? Welche Bedeutung haben die Stellungnahmen des Autors zu seinem Text und inwieweit sind sie von seinem eigenen Weltverständnis und der (kultur-)politischen Situation in der DDR determiniert?
d. Welche Rolle spielt demnach die Wirkungsgeschichte des Plenzdorf-Textes seit seinem Erscheinen 1972 in ihrer Verflochtenheit mit den realen gesellschaftlichen Zuständen? Welches Verhältnis haben die Rezipienten zu diesen Verhältnissen jeweils in den politischen Hemisphären von Ost und West?
e. Welche Rolle spielt darüber hinaus die Wirkung der Weltliteratur auf alle diese Faktoren? Was bedeutet also zum Beispiel Salingers „The Catcher in the Rye“ für sie?
Alle diese Probleme bilden einen untrennbaren Komplex; nur auf dieser methodischen Grundlage lassen sich klare und ergiebige Erkenntnisse zu Plenzdorfs Text gewinnen, vor allem im Hinblick auf das, was er aussagt oder nicht aussagt.

Einzeluntersuchungen, zum Beispiel linguistischer Art, sind durchaus hilfreich für eine umfassende Analyse, implizieren aber wegen ihrer methodisch begrenzten Intention zumeist nur sehr bedingt gültige Aussagen und scheitern vor allem dann, wenn sie (völlig aus dem aufgezeigten Rahmen von Grundvoraussetzungen) sogenannter wertneutraler Ergebnisse auf interpretative Aussagen schließen (z. B. die Arbeit von Adelheid Schumann).
Umgekehrt neigen Gesamtuntersuchungen in der vergleichenden Literaturwissenschaft zu Fehlschlüssen für ein einzelnes Werk, wenn sie in die stets lauernde Falle eines selbstauferlegten Systemzwangs geraten – weil möglicherweise von einer Hypothese ausgegangen wird, die einzelne Aspekte verschiedener Werke ohne Berücksichtigung ihrer je spezifisch-methodischen Voraussetzungen dann willkürlich herausgreift, um den hypothetischen Generalnenner zu bestätigen (z. B. die Arbeit von Aleksandar Flaker).
In meiner Arbeit habe ich versucht, den Gesamtkomplex meiner Grundüberlegungen weitgehend zu berücksichtigen. Das führt natürlich auch zu Wertungen, die sich nicht immer dem Ideal einer objektiven „Wertneutralität“ verpflichten.
Ein Ausgleich dafür ist deswegen in dem umfangreichen Anmerkungsteil angestrebt; in ihm findet zu einem großen Teil die methodische und wertende Diskussion einschließlich vieler nötiger Differenzierungen statt.
Bei den Entsprechungen, Bezügen und Anspielungen Plenzdorfs im Hinblick auf den „Werther“ ist das Wichtigste aufgezeigt und in seiner Funktionalität beschrieben – in weniger wichtigen oder sicheren Fällen in den Anmerkungen.
Teilweise gehe ich exemplarisch vor.
Alle rezeptiven Elemente in Plenzdorfs Text waren unmöglich zu erfassen, zumal sich nicht alle mit Sicherheit nachweisen lassen und oft in metaphorischer Gestalt erscheinen. –
Eine solche umfassendere Analyse (die außer im „Werther“ nach rezeptiven Elementen in Selbstzeugnissen Goethes, in Wirkungsgeschichte und in Primär- und Sekundärliteraturen bis hin zur Gegenwart fahndet) erscheint mir dennoch empfehlenswert.
Die Ergebnisse meiner Auseinandersetzung mit Plenzdorf sind als Thesen an den Schluss dieser Arbeit gestellt.



2.1 Die Funktion der Werther-Zitate14

2.11 Thematische und dynamische Funktion
In der Struktur des Plenzdorf-Stücks erscheinen die Werther-Zitate zweifach und in verschiedenen Funktionen.
Als dokumentarisches Rohmaterial leiten die Tonbänder (zusammen mit dem übrigen, ganz an den Anfang gestellten Material: Zeitungsnotiz und Todesanzeigen)15 die Erzählung ein. Ihre Funktion ist hier noch rein thematisch. Die Zitate stehen scheinbar ungeordnet und beziehungslos untereinander16; aber durch ihren Bezug zum „Werther“ lassen sie die Analogisierung zur „Werther“-Handlung erwarten.
Die Erzählebene des aus dem Jenseits monologisierenden Edgar17 nimmt die Zitate integrierend wieder auf und gibt ihnen in der thematischen Verarbeitung eine neue Funktion: sie wirken auf Edgar, und Edgar wirkt mit ihnen auf sie zurück.
Ihre Funktion wird dynamisch.

2.12 Träger der Subjektivität und Kommunikation
Bei Goethe tritt der Kommentar des erzählenden Herausgebers hinter die Subjektivität der Werther-Briefe zurück; Werthers Subjektivität bleibt autonom und die Handlung gehorcht ganz ihren Gesetzen.18
Anders bei Plenzdorf: Edgar kommentiert sich selbst19 und relativiert die eigene Subjektivität; deren Träger sind die Zitate.
Auch die dazwischen geschobene dialogische Erzählebene kommentiert Edgars Monolog und umgekehrt – beide Erzählebenen korrespondieren miteinander.20
All dies führt zu einer im Gegensatz zum „Werther“ bedeutenden Abschwächung der subjektivistisch vorgetragenen Unmutsäußerungen Edgars, ohne dass die Ebene der Subjektivität aufgegeben werden müsste.21
Diese mit formalen Mitteln erreichte Relativierung (sie wird durch Edgars gleichsam selbstkritische Kommentare noch wesentlich verstärkt) verschafft der Zitatauswahl jene aus dem „Werther“-Kontext gelöste Selbständigkeit, welche sie benötigt, um in einem neuen gegenwartsbezogenen Kontext Trägerfunktionen übernehmen zu können.22
Edgars Subjektivität äußert sich in der Interaktion. Die Zitate nähren seine Subjektivität und dienen ihm als Mittel zur Kommunikation.23

Ähnlich verhält es sich mit der Analogie zur „Werther“-Handlung, aber nicht sie impliziert die Verwendung der „Werther“-Zitate, sondern umgekehrt: Die „Werther“-Zitate fordern das Zitieren der Handlung. So gerät die Handlung als Ganzes selbst zu einem Zitat in einer besonderen, die wörtlichen Zitate umgreifenden Form und wird wie diese mit neuen Funktionen befrachtet24; auf das Neue weist bereits der Titel der Plenzdorf-Erzählung hin25 – er ist ihr erstes Zitat.

2.13 Anordnung der Zitate

2.131 Plenzdorf verarbeitet in seinem Stück insgesamt 15 Werther-Zitate26, die in drei Gruppen angeordnet sind:

1. Tonbänder (im Folgenden entsprechend ihrer Reihenfolge auf pp. 17-19 mit T1-T7 bezeichnet). In der gleichen Folge tauchen sie auch im weiteren Text des Stücks auf, wobei allerdings T6 fehlt. Die in der Tabelle gegebene Einfügung von T6 wird noch begründet, wenn die einzelnen Zitate auf ihren Kontext hin in dieser Arbeit untersucht werden.
2. „Werther-Pistolen“27 (im Folgenden mit P1-P6 bezeichnet, wobei P1 = P6).

Es fällt auf, dass Tonbandzitate und „Werther-Pistolen“ im Erzähltext regelmäßig abwechselnd auftreten.29
Die letzte Gruppe – die Zitate, die Edgar nur noch in Gedanken verarbeitet – fügt sich diesem Wechsel scheinbar lose an, aber sie ist (wie sich später zeigen lässt) eigenständig und inhaltlich bedeutsam, ohne die Bindung an die ersten beiden Zitatgruppen zu verlieren.30
Die gesamte systematisierte Anordnung der Werther-Zitate ist nicht etwa spielerisch-formal zu sehen, sie ist auch nicht nur ein roter Faden, der sich durch das ganze Plenzdorf-Stück ziehen soll, um es zusammenzuhalten, sondern sie ist ein wichtiger, vom Autor intendierter Schlüssel zur Erkenntnis seines Inhalts.31

2.14 Zitat als Indikator
Die beiden Zitatreihen indizieren Edgars Bewusstseinsprozess hinsichtlich seiner Identifizierung mit Werther und somit seiner eigenen Selbstfindung. Neben dem direkten Zitat finden sich bei Plenzdorf einige Stellen, wo Edgar Werthers Verhalten kommentiert. Diese Kommentare ergänzen die indizierende Funktion der wörtlichen Werther-Zitate.32

Dieser Prozess ist dialektisch: Je mehr sich Edgar mit Werthers Leiden identifiziert, umso weniger kann er sich mit dessen Handlungen identifizieren – aber während er Werther versteht und ihn allgemein begreift, überwindet er ihn auch und findest sich selbst.33 Je höher der Grad seiner Selbstfindung ist, umso absoluter trennt sich Edgar von seiner gesellschaftlichen Umwelt.
Aber gerade dadurch wird er schließlich fähig, sich aus eigener Kraft in die Gesellschaft zu reintegrieren:
Mit der Selbstfindung verlieren die Zitate ihre Funktion als Träger jener dialektischen Entwicklung und entfallen aus diesem Grunde schließlich ganz.34

Die Sphäre, in der sich der Bewusstseinsprozess bewährt, ist die Kommunikation.35 Die beiden Zitatreihen konstituieren zwei Bereiche der Kommunikation und Interaktion, welche miteinander korrespondieren.
Die Tonbänder sind Medium der aktiven Kommunikation: diese nimmt stetig ab, denn der Empfänger der Bänder kann ihre Inhalte immer weniger begreifen, bis er sie schließlich gar nicht mehr versteht; eine auf sie bezogene Antwort wird somit unmöglich, ja sie ist nicht einmal mehr intendiert. Die von Anfang an einseitig gehaltene Kommunikation mit Willy gerät mehr und mehr zum Selbstgespräch36, das notwendigerweise genau dann abbricht, wenn Edgar sich gefunden hat.

Dagegen bedeuten die „Werther-Pistolen“ Edgars reaktive Kommunikation: sie reagieren auf Fragen, Probleme und Herausforderungen, mit denen er in der Interaktion konfrontiert wird. Die Stärke dieser Reaktion nimmt stetig zu, bis sie schließlich in Provokation umschlägt; aber auch sie bleibt unbeantwortet, da der Grad der Verständlichkeit der „Werther-Pistolen“ abnimmt wie im Fall der Tonbänder.37

Das formale Prinzip der verzahnten Zitatreihen treibt zunächst ihr inhaltliches Korrespondieren voran. Zum Schluss brechen sie ab – Edgar hat sich scheinbar isoliert und seine Selbstfindung gewonnen; gleichzeitig hat er mit dem Gewinn absoluter Subjektivität die Voraussetzung zu ihrer Überwindung geschaffen.38

2.15 Die einzelnen Zitate in ihrem Kontext

2.151 Im Folgenden wird versucht, alle Werther-Zitate auf ihren Kontext in Plenzdorfs Stück zu prüfen. Dabei wird zugleich ihr Bezug auf Goethes „Werther“ bei den interessanteren bzw. komplizierteren Fällen explizit herausgearbeitet – in den übrigen, einfacheren Fällen, wo sich der Bezug allzu offensichtlich und plausibel gibt, geschieht dies implizit.

Das Verfahren, Kontext, Bedeutung und Goethe-Bezug der Zitate zu untersuchen, beruht auf den Prämissen, die in den vorangehenden Abschnitten meiner Arbeit bereits hergeleitet wurden.
Dabei kommt dem formalen Moment große Bedeutung zu.
In diesem Abschnitt gehe ich noch nicht eigens auf literaturtheoretische Aspekte der Goethe-Rezeption ein.
Sie können erst nach Klärung und Erklärung aller Zitate im Einzelnen allgemein beobachtet werden.
Zum Beispiel wird dann die Frage beantwortet werden können, ob Plenzdorf eine kritische Parodie oder Travestie beabsichtigte und inwieweit derartige Begriffe aufgrund der politischen und ideologischen Aktualität (welche zur Zeit von Planung, Niederschrift und Veröffentlichung des Plenzdorf-Textes in der DDR herrschten) möglicherweise zu relativieren wären.
Dann erst wird man einen Ansatz zum Vergleich mit der Goethe-Rezeption bei Peter Handke gewinnen.

2.152 Je weniger sich Edgar fähig weiß, auf Probleme zu antworten oder zu reagieren, mit denen er konfrontiert wird, umso mehr nimmt er Zuflucht zum Zitat.39

Zwar steht am Anfang (T1) noch die Koketterie mit seiner „Idee“ (p. 51) der verfremdeten Kommunikation im Vordergrund, aber schon sie spiegelt sein gestörtes Verhältnis zur gesellschaftlichen Interaktion wider. Die Flucht zum Zitat ist ihm bewusst,  das zeigt die Art, wie er P2 vorbereitet: „… aber ich wollte nur Folgendes loswerden: …“ und die Stelle auf der gleichen Seite, wo er ein Sprichwort durch paradoxe Umkehrung verfremdet: „Wer nicht isst, soll auch nicht arbeiten.“ (p. 69f.)40

Für Edgar sind die Werther-Pistolen eine Waffe, mit deren Hilfe er jede Gefährdung seines Selbstfindungsprozesses abwehrt – teils ganz bewusst, später zunehmend unbewusst. Sie sind sein Geheimnis, sein geheimer Code: „Ich denke manchmal – ein Code“, sagt Willy in der retrospektiven Erzählebene p. 19. Dieser an den Anfang des Plenzdorf-Textes gestellte Hinweis nimmt vorweg, was Edgars Reaktion in der Erzählebene aus dem Jenseits selbst zu erkennen gibt, als Charly das Reclam-Heft entdeckt (p. 70). An einer dritten Stelle schließlich, wo Edgar P3 (p. 75f.) „abschießt“,41 sagt er, die Werther-Pistole sei seine „schärfste Waffe“ (p. 82).
Das sind Indizien dafür, dass die Werther-Zitate zunächst mindestens als Schlüssel zum Verständnis und Selbstverständnis Edgars dienen42 – erst an späterer Stelle wird sich zeigen lassen, dass sie darüber hinaus der Schlüssel zum Verständnis der Absichten Plenzdorfs sind.43

Die Brechung und Verfremdung der Mitteilung durch das Zitat wird immer stärker und damit auch ihre Unverständlichkeit.44
Damit aber wächst ihre Subjektivität.45 Anfangs erwartet Edgar zwar noch eine Reaktion auf seine Zitate (z.B. bei T1), wie aber auch, dass er nicht verstanden wird: „Wahrscheinlich hatte sie kein Wort verstanden.“ (p. 56) Sätze dieser Art, wenn auch in indirekter Form, finden sich in Edgars Erzählebene in Hülle und Fülle und erinnern an ähnliche Äußerungen des Goethe‘schen Werthers.46
Später wird Edgar die Verständlichkeit seiner Mitteilungen völlig gleichgültig, eine Begleiterscheinung, die schließlich am Scheitern mit der Gesellschaft im konkreten und allgemeinen Fall beteiligt ist. Das kommt besonders deutlich in P6 (p. 100) zum Ausdruck.47

Mit P4 (p.82) – ein Bezug zur Selbstmorddiskussion in Goethes „Werther“ – ist die Verknüpfung der Ebenen von Leidenschaft (Subjektivität) und Wirklichkeit (Objektivität) schon so gut vorbereitet, dass Edgar mit T5 (p. 84) den höchsten Grad seiner Identifizierung mit Werther erreichen kann.48
Aber es bleibt bei einer statischen Identifizierung – Werthers Entschlüsse vollzieht Edgar nicht nach, im Gegenteil: Edgars „… Tod kennzeichnet nicht den erfüllten Endpunkt seines Schweigens, sondern erfolgt (durch Unfall) auf dem Höhepunkt einer praktischen Tätigkeit, deren abgeschlossenes Resultat (die Erfindung) zugleich beides, das Auffinden seiner Fähigkeit und das Zurückfinden in die Gesellschaft, bedeutet hätte.“49

Schließlich geht die reaktive Werther-Pistole über in Aggression: P5 (p.99).50
Damit erreicht Edgar die zu seiner Selbstfindung nötige Isolation51, in welcher er sich nach P6 (p. 100) befindet. Diesen Status würde an dieser Stelle im Text der Erzählung am besten T6 (p. 18) beschreiben: „– ich kehre in mich selbst zurück und finde eine Welt –“. Dieses Zitat enthält Edgars Selbstfindungsmotiv, es ist sein Geheimnis, das er nicht verraten kann, weil es den Schlüssel zu den anderen Zitaten bietet. Daher ist T6 das einzige Tonband, das nicht in den Erzähltext integriert wird.52

Während T6 im Erzähltext nicht wieder auftaucht, wird P6 (= P1) doppelt verwendet:53
Am Anfang (p. 56) steht dieses Zitat aber nicht in der gleichen Bedeutung wie am Ende (p. 100). Zunächst hat es noch die Funktion, Edgar die Zuflucht zum Zitat als Selbstschutz zu ermöglichen, zum Schluss ist es seine letzte Werther-Pistole, mit der er nun nicht mehr verteidigt, sondern angreift.
Beide Male steht die Zitatverwendung im gleichen thematischen Kontext, der von Arbeit (Abhängigkeit) und Freiheit (Unabhängigkeit) handelt: Beim ersten „Abschuss“ dieser Werther-Pistole arbeitet Edgar noch nicht und weiß „das Bisschen, das ihm von Freiheit übrigbleibt“, nicht zu nutzen; bei der zweiten Zitatverwendung hat er in der Malertruppe Arbeit gefunden und erkennt – wie T6 zeigt –, wie er seine Freiheit nutzen kann. Aber gerade deswegen muss er die Arbeit bei der Malertruppe aufgeben.

So markiert P1 den extremen Anfangspunkt seines Bewusstseinsprozesses und P6 den extremen Endpunkt; das gilt jedenfalls im besonderen Hinblick auf Edgars Selbstfindung.54
An dieser Stelle hat Plenzdorf die Analogie zu Goethes „Werther“ formal auf den Gipfel getrieben, inhaltlich aber das Umschlagen in einen Gegenentwurf55 zu Goethes Briefroman erzielt: Edgar wird die Selbstfindung in der frei gewählten Arbeit an seiner Erfindung suchen.56

Vorankündigend sei erwähnt, dass gerade hier die engste Nahtstelle für den Gegenwartsbezug, also für die in der DDR vorherrschenden und besonders von vielen Jugendlichen als „Leiden“ empfundenen politischen, ökonomischen, gesellschaftlichen und deren ideologisch überbauten Realitäten, vorliegt. Hier gelangt die Goethe-Rezeption über formal-spielerische Reize hinaus zu einem bedeutsamen Vehikel dessen, was Plenzdorf seinen Lesern mitteilen will: die Goethe-Rezeption als solidarisierendes Mittel, als Code-Sprache, kurz als Schlüssel für die Diskussion der eigentlich gemeinten „Leiden“.57

Von der Spannung zwischen formaler Analogie und inhaltlicher Nichtentsprechung lebt die Plenzdorf-Erzählung und erhält hier nicht nur ihren literarischen Reiz, sondern vor allem ihre ganze Bedeutung als politische Dichtung.
Träger und Mittler dieser Spannung sind in allererster Linie die Zitate.58

Mit T7 (p. 101) richtet sich Edgar genauso aggressiv und vorwurfsvoll an die Vergangenheit, wie er mit P6 die gegenwärtige Umwelt provoziert.
Beide Angriffe gehören zusammen: Edgars gegenwärtige Probleme mit der Malertruppe resultieren  aus der Vergangenheit in Mittenberg, wo er aufwuchs – sie sind ihre Hypothek.
So kann man neben P 6 auch T7 als Werther-Pistole auffassen. Die beiden Zitatreihen, Werther-Pistolen und Tonbänder, sind miteinander inhaltlich verschmolzen, und zwar genau da, wo sie auch abbrechen.

2.153 Der weitere Verlauf der Handlung zeigt, dass der Abschluss der beiden Zitatreihen folgerichtig und notwendig erfolgt.
Mit dem Gewinn der Selbstisolierung hat Edgar das Zitat als Schutz bzw. als Provokation nämlich überwunden – an seine Stelle tritt das Verschweigen des Zitats in der Interaktion.59

In der dritten und  letzten Zitatreihe (G1 bis G3) äußert sich Edgars Umbruch und die Art, wie er seinen Selbstfindungsprozess neu und entscheidend vorantreibt und eine Lösung seiner Probleme anstrebt.

Sein Brief an Charly (G1, P. 116) wird nicht abgeschickt. Die Abfassung dieses Briefs manifestiert zwar immer noch einen Rest Unsicherheit: „… Schwall von Zerstreuung! …“, aber nach G2 (p. 124) begreift er Werther. Ohnehin hat der Brief an Charly nicht im Geringsten die gleiche Bedeutung der Unsicherheit wie in der Goethe-Vorlage.60
In G3 (p. 129) ist Edgar schließlich in der Lage, die Identifizierung mit Werther ganz aufzuheben –  er korrigiert das Zitat!61 (Auch dieser Umstand passt nicht zu Goethes eigener Korrektur am Charakterbild Alberts in seiner zweiten Werther-Fassung, obwohl diese anscheinend entferntere Analogie ein gutes Beispiel für die sublime Auswertung des Goethe’schen „Werther“-Materials bei Plenzdorf abgibt.)

Die beiden letzten Zitate haben offensichtlich nur noch assoziativen Charakter; sie befassen sich im Unterschied zu früheren Zitaten ohnehin nur noch mit der Leidenschaftssphäre, in der Edgar einen letzten Rest an Übereinstimmung mit Werthers Schicksal findet, aber schließlich doch verwirft. Außer vagen Analogien in der Handlung zum „Werther“62 taucht nach G3 (p. 129) weder ein Gedanke oder eine Überlegung Edgars zu Werther und zum „Werther“ auf noch ein Zitat.
Damit hat das Zitat seine Funktion als Indikator verloren und muss in der Folge notwendig ausbleiben.

2.154 Ähnliches geschieht auch mit der Analogie zur „Werther“-Handlung.
Edgars Tod wird zu einer ironischen Verschiebung des Ausgangs63 (sein Zurückfinden in die Gesellschaft nach der Selbstfindung).

Dieser Ausgang darf in der literaturtheoretischen Erörterung des Plenzdorf-Stücks allerdings nicht überbewertet werden. Es ist schon jetzt deutlich genug gezeigt, dass es Plenzdorf nicht erstrangig um eine kritische Auseinandersetzung mit der „Werther“-Vorlage auf literarischem Wege geht, dass es ihm auch nicht wesentlich darauf ankommt, eine weder formal-spielerische noch kritische oder unkritische „Werther“-Parodie oder Travestie im eigentlichen Sinne vorzulegen, sondern dass er sich lediglich der „Werther“-Vorlage bedient, um kritische Mitteilungen zur Gegenwart in einer ziemlich leicht verständlichen „Code-Sprache“ zu liefern.64
Wenn er dabei ein wenig in tradierte Spielarten von Parodie oder Travestie gerät (und dieser Eindruck entsteht besonders am Schluss), so möchte ich dies – zunächst thesenhaft formuliert – als literarische Kunstfertigkeit im Umgang mit rezipierender Literaturtechnik werten.65
Der Ausgang der Plenzdorf-Erzählung bedeutet das Ende einer stetig gewachsenen Diskrepanz zum „Werther“. So gesehen werden alle verwendeten Zitate zusätzlich durch die Nichtentsprechung zur „Werther“-Handlung relativiert, ja revidiert.66
Darauf gehe ich im nächsten Abschnitt ein.

2.16 Relativierungen in der Rezeption der „Werther“-Zitate
Außer den eben erwähnten Relativierungen bei der Erörterung der einzelnen Zitate in ihrem Kontext sollen hier kurz weitere allgemeine und spezielle Prinzipien und Techniken der Relativierung genannt werden.

Die Tonbänder artikulieren Edgars Leidenschaft; sie tragen und indizieren die Subjektivitätsebene.
In Ergänzung zu dieser vorwiegend ‚inneren’ Subjektivitätsproblematik treten die Werther-Pistolen mit ihrer Artikulation des subjektiven Unbehagens, die sich an die Außenwelt richtet.67

Aber subjektive Äußerung und Kritik an gesellschaftlichen Zuständigen werden – soweit dies noch nicht in der beschriebenen Weise geschehen ist – formal und inhaltlich relativiert:
Die Zitatreihen sind als Medien und Indikatoren für einen dialektischen Lernprozess68 Edgars eingebettet in den Erzähltext, dessen jugendlicher Slang69 einerseits die Subjektivität verstärkt70, andererseits aber verhindert, dass die Sprache der Zitate und damit ihre Inhalte verstanden oder akzeptiert werden. Eine Diskussion über die Zitatinhalte kann daher nicht in der Handlung vorgenommen werden, sondern sich nur im Kommentar ereignen.71
Der Kommentar findet auf zwei Ebenen statt: in den Interviews mit den Personen, die Edgar kannten, und in Edgars eigenen Überlegungen im Erzähltext (hier kommentiert er nicht nur die wörtlichen Zitate, sondern auch das Verhalten Werthers; Letzteres geschieht nach der Technik Salingers (vgl. Anm. 32), was ein formales Instrument der Relativierung darstellt).

Allgemein betrachtet sind es gerade die formalen Mittel, welche in den „Neuen Leiden des jungen W.“ die Relativierung ausmachen:
Die Zitatverfremdung im Kontext einer eigentlich neuen, weil gegenwartsbezogenen Handlung; die Technik zweier ineinander verzahnter Erzählebenen, und zwar die einer eher subjektiv sich gebenden und die einer im Gegensatz dazu eher objektiv schildernden, wobei hier ein gleichsam dialektisches Umschlagen von objektiv und subjektiv zu beobachten ist; vor allem aber – und das steigert diese Dialektik noch – die Möglichkeiten, die sich durch Edgars Monologisieren aus dem Jenseits für Plenzdorf ergeben, nämlich Kommentare und Lösungsansätze codiert zu verstecken.72

Im Einzelnen relativiert Edgar seine subjektiv-kritischen Ansätze durch Abgrenzungen oder Einschränkungen, aber auch durch positive Bekenntnisse.73

Es sind gerade die Relativierungen dieser Art, welche einen Maßstab für die Art und Güte der Goethe-Rezeption Plenzdorfs setzen.74

2.2 Die Goethe-Rezeption Plenzdorfs als Programm

2.21 Der Sinn dieser Relativierungen ist programmatisch. Sie machen Plenzdorfs Erzählung zum Lehr- und Lernstück, das sich sowohl an die Verantwortlichen des Gesellschaftssystems in der DDR als auch an seine kritischen Jugendlichen richtet.75
Der Gesellschaft wird der Vorwurf gemacht, dass sie Edgar nicht zu integrieren vermochte – die Gründe dieses Versagens, die zu Edgars eigenem Scheitern werden, artikuliert der jugendliche Anti-Held mithilfe der Zitate als Katalysatoren, er fordert größere Freiräume für Subjektivität, Individualität, Kritik, Aufgaben und Selbstverantwortung76 als Voraussetzung für die Selbstfindung des Einzelnen und die Fähigkeit zur gesellschaftlichen Integration.77

Umgekehrt werden die Grenzen dieser Subjektivität im Spannungsfeld von Individuum und Gesellschaft in der Verknüpfung der subjektiven, leidenschaftlichen Sphäre mit der Wirklichkeitsebene aufzeigt – dies gelingt Plenzdorf, indem er diese Spannung als dialektischen Prozess begreift, an dessen Ende die Aufhebung (im Doppelsinn dieses hegelianisch aufgefassten Wortes) des Subjektiv-Individualistischen steht: das Zurückfinden zur Gesellschaft.78
Der ideologische Raum, in dem dieser Prozess stattfindet, ist die marxistische Lehre; sie wird im Grundsatz nicht in Frage gestellt.79 Allerdings meint Plenzdorf sicherlich eine marxistische Ideologie des guten Willens, sodass an manchen Stellen seines Stücks kritische Funken an den bestehenden ideologischen Verhältnissen in der DDR aufstieben.



2.22 In der Tat ist Plenzdorfs „Arbeit“80 ein pragmatischer Beitrag zur ideologischen Diskussion, obwohl sie trotz der Vielzahl angeschnittener Probleme keine konkreten, sondern nur allgemeinere Lösungen andeutet.81
Gerade dies forciert und rechtfertigt die Verwendung der ausgewählten „Werther“-Zitate. Die Irrelevanz des „Werther“-Kontexts, also die Tatsache, dass die ideologischen Bezüge zur bürgerlichen Gesellschaft der Goethe-Zeit prinzipiell keine Bedeutung für Plenzdorfs Kritik an den Verhältnissen der Gesellschaft in der DDR haben, verschafft den Zitaten eben jene zündende Aktualität.82

Die politische Sprengkraft, mit der Plenzdorf nach dem VIII. Parteitag der SED (1971) eine neue, explosive Diskussion ins Rollen gebracht hatte83 – welche aus Gründen, die hier nicht zur Erörterung anstehen, leider spätestens seit der Ausweisung Wolf Biermanns von der politischen Leitung der DDR erstickt ist –, wurde in vielen Artikeln von Zeitschriften und Tageszeitungen hervorgehoben und eingehend gewürdigt.

2.23 An dieser Stelle möchte ich aus einer schwerer zugänglichen Quelle84 Teile eines Interviews zitierten, das mir wegen seiner Authentizität wichtig erscheint; die vom Landestheater Halle (Saale) um juristischen, d. h. ideologischen Beistand zum Zwecke der Aufführung des Plenzdorf-Stücks betraute Juristin Dr. Wolfhilde Dierl äußerte sich 1972 in zum Teil recht offenen Sätzen zu gesellschaftskritischen Aspekten der „Neuen Leiden des jungen W.“ und begründete aufschlussreicher, als es der allenfalls in Schweijkscher Manier antwortende, meist aber wortkarge Autor wagte, inwieweit die „Werther“-Rezeption den gesellschaftlich-ideologischen Gegebenheiten in der DDR angemessen ist. Ihre Aussagen scheinen mir Plenzdorfs Intentionen, wie ich sie verstehe, in einigen Punkten, gerade in der Frage ideologischer Relativierungen, treffend widerzuspiegeln:

Das Stück sollte aufgeführt werden. Es reiht sich ein in die Experimente unseres Schauspielensembles, das [...] immer wieder ganz unmittelbar zu unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit mit den Mitteln des Theaters spricht. Es kommt, glaube ich, zur rechten Zeit, denn der Stoff liegt sozusagen in der Luft. Zur komplizierten Problematik unserer jungen heranwachsenden Generation müssen auch die Künstler, muss das Theater sprechen, will es seiner Aufgabe gerecht werden. Ich bin sicher, dass dieses [...] Stück eben durch seine gesellschaftliche Wahrhaftigkeit [...] zur Jugend zu allen, die durch die Teilnahme an unserem Leben jung und aktiv geblieben sind, reden wird.
[...] ich kenne solche Edgars. [...] Typisch scheint mir, wie der Autor in ganz wenigen Strichen das Elternhaus Edgars skizziert hat. Diese suchenden, hochintelligenten, oft – wie in diesem Fall – musisch veranlagten Jungen leben nicht selten in Familien, in denen der eine Ehepartner fehlt. Da ist die Mutter, die sich und ihrer Umgebung beweist, wie sie als Leiterin großartig „ihren Mann“ stehen kann, die tüchtig ist in ihrem Beruf, ein tatkräftiger Mensch unserer Gesellschaft, dem allerdings etwas Entscheidendes fehlt: dem Jungen Liebe und Innigkeit zu zeigen. [...] Dazu kommt ein wichtiger Fakt: Dieser Junge ist ein Einzelkind, aufgewachsen ohne die geschwisterliche Gemeinschaft. Diese Menschen, gleich welch unterschiedliche Entwicklung sie genommen haben, sind immer wieder erkennbar. Im Falle Edgar – und nicht nur in seinem Fall – kommt zu all diesen Faktoren der des Einzelgängers, des Individualisten, seine Aufsässigkeit gegen die ihm eingefahren erscheinende Häuslichkeit. Diese richtet sich auch gegen die Schule, die einen wie ihn nicht genügend fordert und auf strikte Disziplin aufgebaut ist. Edgar rebelliert ja auch gegen seine äußerlich sorgenfreie Umwelt. [...] So richtet sich nunmehr ein Teil ihrer Aggressionen, in deren Spannungsfeld sie leben, nicht nach außen, sondern gegen ihre Partner, ja gegen sich. Ähnlich geht es Edgar: In seiner gepflegten Umgebung gibt es keine für ihn ausreichenden Forderungen an seine Leistungen, keine besonderen Aufgaben.
Edgar ist auf der Suche nach seinem eigenen Weg. Bei der für jeden jungen Menschen so entscheidenden Beantwortung der Frage „Wer bin ich? – Was will ich auf der Welt? – Was fordert sie von mir?“ findet er nicht die ihn befriedigenden Ratgeber. Die Baubrigade aber, ernsthafte, saubere handwerkliche Arbeit fordernd, gegen die er zuerst einfach opponieren muss und will, weil er Neues, Ungewohntes erleben will, lässt ihn aber Wesentlichen erkennen: Im Kollektiv kann man sich nur mit Leistungen durchsetzen! Typisch für solche Jungen ist allerdings oftmals die Art und Weise der Realisierung: Sie haben weder genügend Kenntnisse, noch nehmen sie sogleich Lehren an, noch haben sie genügendes Material, um sich vor der Welt ernsthaft zu beweisen – das ist hier Edgars tödlicher Irrtum, dass er, auf sich allein gestellt, glaubt, existieren zu können.
Wesentlich an diesen Jungen ist: Sie begehren, suchen einen Menschen mit tiefer Zärtlichkeit, der ihre Sehnsüchte auch zu den seinen macht. Das – aber nicht nur das – verbindet Edgar u. a. mit dem alten Werther, dessen Sprache ihm zunächst zwar verschroben erscheint, den er aber nicht als „Klopapier“ benutzt, sondern liest und für sich und seine Aussagen über sich nutzt, mit dem er sich über große Strecken somit identifiziert. So, finde ich, ist die gedankliche Verbindung der alten „Leiden des jungen Werther“ mit den neuen „Leiden“ mancher Jungen nicht nur ein literarischer Vergleich, sondern zugleich gesellschaftlicher Aufruf. In unserer Gesellschaft, die die Grundlagen für die volle Entfaltung der Persönlichkeit schafft, gibt es andere Ideale, braucht kein junger Mensch seine Welt, allein gelassen, zu verlassen.
Aber die Augen und das Herz sollten wir offen halten für diese Jugend um uns, Verstand und Gefühl sollten dabei stets unsere parteilichen Verbündeten sein.
Ich wünsche für das Stück Verständnis und Erfolg

2.24 Die Goethe-Rezeption im Einzelnen
Bis jetzt ist das, was ich Plenzdorfs Programm nenne, im groben Raster vorgestellt, soll aber noch an Genauigkeit gewinnen – daher beabsichtigte ich im Folgenden auf weitere, mehr ins Detail gehende Fragen der Goethe-Rezeption einzugehen, indem noch nicht eigens angesprochene Analogien zur „Werther“-Vorlage in ihrer formalen wie auch inhaltlichen Transformierung und der je gegebenen Relativierung bei Plenzdorf sowie seine ideologisch bedingten Umdeutungen solcher Entsprechungen herausgearbeitet werden sollen.
Danach wird auch eine literaturtheoretische Wertung der „Neuen Leiden des jungen W.“ möglich.


2.241 Briefdatierungen Werthers und Edgars Tonbänder
In der Goethe-Vorlage haben die Briefdatierungen nicht nur die Funktion, den zeitlichen Rahmen festzulegen, in dem sich die Handlung bewegt, sondern sie ermöglichen es auch, die Entwicklungsphasen des Helden in den zeitlichen Abläufen zu verfolgen.85
Bei Plenzdorf liegt eine derartige strenge Gliederung des zeitlichen Ablaufs nicht vor; dieser geht beiläufig aus der Handlung hervor. So sind Bezüge zwischen der Gefühlslage Edgars und den Jahreszeiten im Vergleich zum „Werther“ von wesentlich geringerer Bedeutung. Zwar sind Analogien dieser Art durchaus bei Plenzdorf aufzufinden86, doch geschieht dies auf andere Art; zudem hat Plenzdorf einen ganz anderen Naturbegriff als Goethe (dazu später).

Das Hauptgewicht liegt bei Plenzdorf entschieden in der dynamischen Entwicklung seines Antihelden auf der Grundlage von Zitaten aus Werther-Briefen, deren Datierungen mit der jeweiligen Jahreszeit keine nachweisbar funktionale Übereinstimmung ergeben – genaue Datierungen würden dieses dynamische Prinzip nur stören.
Allerdings wird die Briefdatierung der Werther-Briefe als Gliederung bei Plenzdorf ersetzt von den beiden ineinander verzahnten Zitatreihen der Tonbänder und Werther-Pistolen.

Der Tagebuchcharakter der Werther-Briefe – welcher sich daraus ergibt, dass die Briefe fast ausschließlich an einen Adressaten gerichtet sind und dass auf diesen immer weniger Bezug genommen wird87 – findet seine adäquate Entsprechung in Edgars Tonbändern an Willy.

Für das formale Prinzip des Herausgeberberichts im „Werther“ steht bei Plenzdorf als Entsprechung der Verzicht Edgars auf weitere Tonbandbriefe an Willy; die Funktion dieses Verzichts ist hier – wie bereits erörtert – von ganz anderer Natur: Indem Edgar Werther überwindet, wird die formale Entsprechung inhaltlich, d. h. ideologisch relativiert und gleichsam verfremdet. Im Übrigen ersetzt Plenzdorf den Wertherschen Herausgeberbericht durch die – ebenfalls abgehandelte – Verfugung von verschiedenen Erzählebenen.88

Die einzige Datierung, die sich bei Plenzdorf ganz offensichtlich an Goethe anlehnt, ist der 24. Dezember, der Tag, an dem Werther Selbstmord begeht. Man kann in der Wahl dieses Datums bei Goethe eine pathetische Geste Werthers sehen, die ihn in eine nicht enger zu bestimmende Nähe Christi rückt – ein Vergleich mit dem Brief vom 24. Dezember des Vorjahres lässt aber auch die Vermutung zu, dass für Werther Weihnachten als Fest des Friedens, der Liebe und Harmonie einfach nicht mehr erträglich war; in diesem Brief deutet er auf seine Abgerücktheit vom orthodoxen Christentum hin.89
Solche Deutungsmöglichkeiten kommen für Plenzdorfs Antihelden kaum in Frage. Es dürfte unmöglich sein, für Plenzdorfs Datierung überhaupt nachweisbare Gründe zu nennen.
Möglicherweise ist trotz der völligen Nichtentsprechung des Ausgangs aber doch ein Vergleich mit der Harmoniedeutung bei Goethe möglich, und zwar in der Weise, dass es für Edgar keine Lösung gab, die aus der in der DDR praktizierten marxistischen Ideologie – vermittelt durch Edgars gesellschaftliche Umwelt – hätte resultieren können.90

Ebenfalls nur spekulativ wäre die Annahme, Werthers Hinweis auf seine Abgerücktheit vom orthodoxen Christentum entspräche Edgars Entfremdung vom orthodoxen Marximus.91
Diese Frage bleibt also offen – allerdings ist dabei zu berücksichtigen, dass Plenzdorfs Text außer dem meist eindeutig verständlichen Werther-Code tiefere Verschlüsselungen enthält, deren Entzifferung mit Rücksicht auf die stets riskante Lage von DDR-Schriftstellern absichtlich zweideutig oder mehrdeutig sein muss.92 Letztlich kann es sich bei den sublimen Analogieverfremdungen um privat verschlüsselte Selbstbekenntnisse des Autors handeln. Plenzdorfs diplomatisch ausweichende Antworten auf direkte Fragen legen dies durchaus nahe.93

2.242 Analogien der Nebenfiguren
2.2421 Werther ist für Lotte in erster Linie ein gleichgesinnter Freund, der ihrem Hang zu romantischen Schwärmereien entgegenkommt und Abwechslung in ihren stillen Alltag bringt. Werthers absolute Leidenschaft wird lediglich in rührseligen Momenten von einer Art geistiger Zärtlichkeit beantwortet94, die im Rahmen gesellschaftlicher Konventionen der Goethe-Zeit liegen.
Lotte ist auch im „Werther“ nur das den Konflikt auslösende Moment; der Konvention liegen die Regeln der bürgerlichen Gesellschaft zugrunde. Werthers Konflikt beruht nicht erst auf der Begegnung mit  Lotte, sondern rührt aus den verhassten Regeln her, mit denen er von Kind auf konfrontiert ist.95

Plenzdorf teilt gegenwartsbezogen und wesentlich schärfer dieses Schicksal im Prinzip auch: Seinem Helden stehen nicht nur die tradierten Konventionen der Zweierbeziehung im Wege, sondern die gesellschaftlichen Regeln einer marxistisch ideologisierten Umwelt.96 Plenzdorf arbeitet hier die Entstehung des später zutage tretenden Konflikts expliziter heraus als Goethe – man erfährt in kurzen, dafür aber wesentlichen Zügen, Umstände seines Aufwachsens in Elternhaus, Schule und Lehre.97
Charly wird so im Unterschied zu Lotte eine Nebenfigur, an der sich Edgars versuchter Bruch mit Konventionen und Regeln der Gesellschaft widerspiegelt.
Plenzdorf rezipiert in dieser Nebenfigur die Goethe-Vorlage dergestalt, dass er den Akzent des Konflikts versetzt:
Während bei Goethe Gesellschaftskritik eher sekundär, der Konflikt der Leidenschaft aber eher primär erscheint98, verhält es sich bei Plenzdorf umgekehrt99. (Trotzdem gelingt es ihm, fast alle wesentlichen Teile der „Werther“-Handlung dem formalen Ablauf nach zu übertragen, ohne der neuen Akzentuierung zu schaden.)
Von dieser Akzentuierung abgesehen, scheint Plenzdorf Goethes „Werther“ allerdings kaum anders zu verstehen als seine Edgar-Erzählung; für die Rezeption Plenzdorfs ist Goethes „Werther“ also nicht nur Mittel oder Folie, ähnliche Konfliktstoffe auf die Gegenwart neu zu übertragen – die marxistische Interpretation des „Werther“ in der germanistischen Wissenschaft, welche die gesellschaftlichen Aspekte als primär annimmt, hat auf Plenzdorf möglicherweise abgefärbt, zumindest redet er selber vom „Werther“ als „Vorbild“.100
Das wird bei der Betrachtung anderer Nebenfiguren erhärtet (und dieser Vergleich bildet schon einen guten Teil der Grundlage für Plenzdorfs literaturtheoretische Konzeption hinsichtlich seiner Goethe-Rezeption); hier sollen Plenzdorfs wichtigste Nebenfiguren und ihre „Werther“-Entsprechungen berücksichtigt werden.

2.2422 Die Beziehung Werther/Albert hat in ihrer Entsprechung Edgar/Dieter große, allerdings gegenwartsbezogene Ähnlichkeit – vor allem was die unterschiedliche Auffassung beider zu den Regeln der Gesellschaft betrifft.
In beiden Fällen ist die Begegnung der ‚Rivalen’ zufällig, ihre einzige Gemeinsamkeit besteht in der Bekanntschaft mit Lotte bzw. Charly.
Albert ist wie Dieter Realist, beide erfüllen die geforderten gesellschaftlichen Normen.101
Albert verachtet Werther, empfindet ihn als Störung, nicht als Rivalen, er verhält sich zunehmend distanzierter  – entsprechend liegen die Dinge auch bei Plenzdorf.
Nur erscheint Plenzdorfs Dieter (vor allem im Vergleich zur ersten „Werther“-Fassung, in der Albert noch in härteren Tönen charakterisiert wird) wesentlich milder gezeichnet; auch fehlt hier im Gegensatz zu Albert jede Verbindung Dieters mit der Waffe, die den Tod des Goethe-Helden herbeiführt – im Gegenteil, sie wird bei Plenzdorf strikt ausgeschlossen.
Ein noch viel bedeutenderer Unterschied liegt wohl in der gesellschaftlichen Tätigkeit Dieters im Vergleich zu Albert. Dieter ist Student der Germanistik im Anschluss an seinen Militärdienst bei der Nationalen Volksarmee; diese Wahl ist von Plenzdorf keinesfalls willkürlich vorgenommen: Die Szene, in der Edgar sich Dieters Bücher von klassischen Autoren des Sozialismus ansieht, deutet erneut auf Plenzdorfs gestörtes Verhältnis zum orthodoxen (papiernen) Marxismus.
Man muss diese Szene (p. 80f.) natürlich in ihrer Relativierung sehen, wie sie durch Sätze stereotyper Art bei Plenzdorf vorgenommen wird: „Ich hatte nichts gegen Lenin und die. Ich hatte auch nichts gegen den Kommunismus und das, die Abschaffung der Ausbeutung auf der ganzen Welt. Dagegen war ich nicht.“ (p. 80) Diese Relativierung wird teilweise wieder aufgehoben, indem Plenzdorf Edgar fortfahren lässt: „Aber gegen alles andere. Dass man Bücher nach der Größe ordnet zum Beispiel. Den meisten von uns geht es so. Sie haben nichts gegen den Kommunismus. Kein einigermaßen intelligenter Mensch kann heute was gegen den Kommunismus haben. Aber ansonsten sind sie dagegen. Zum Dafürsein gehört kein Mut. Mutig will aber jeder sein. Folglich ist er dagegen. Das ist es.“ (p. 80f.)102

Hier vermischen sich Bekenntnisse zur marxistischen Ideologie und bildhafte Kritik an ihrer Praxis (die Ordnung der Bücher ihrer Größe nach zielt gegen ideologische Orthodoxie); hinzu kommt die mit dem Begriff „Mut“ geäußerte Anspielung auf die unzulänglichen Voraussetzungen in der DDR, die ideologische Praxis positiv und aktiv zu verändern – dem Kontext der ganzen Plenzdorf-Erzählung nach wird man hier weniger psychische Motive unterstellen dürfen, der Art etwa, dass es an tatkräftiger Mitarbeit zum weiteren Aufbau des Sozialismus in der DDR fehle, im Gegenteil: Wenn Mut sich am besten in der ideologischen Gegenposition bewährt, muss es sich so verhalten, dass eine unzureichende ideologische Praxis diese Gegenposition provoziert und sich dadurch selbst diskreditiert.103
Weiterhin nimmt die Szene p. 80f. Bezug auf Edgars Einstellung zu Büchern überhaupt (und zu Spiel- oder Lehrfilmen) auf pp. 32-43.104 Davon sind besonders wichtig folgende Stellen:
„Sowieso sind meiner Meinung nach in jedem Buch fast alle Bücher.“ (p. 32)

Bei den Salinger-Kommentaren: „... aber erholt hätte er sich hervorragend bei uns.“ (p. 33f.) im Zusammenhang mit der Entsprechung in den „Werther“-Kommentaren Edgars, z. B.: „... noch lange kein Grund sich zu durchlöchern. [...] Kumpels hätte er [...] massenweise gefunden. Zum Beispiel Thomas Müntzer oder wen.“ (p. 37)

Bei Edgars Kritik an den Lehrfilmen die Quintessenz: „Erst sagten alle [...] Lehrer [...], was wir daraus zu lernen haben, und dann sagten wir, was wir darauf gelernt hatten. [...] Dann sagte ich [...] meine eigentliche Meinung. Ich sagte [...], dass ein Film, in dem die Leute in einer Tour lernen und gebessert werden, nur öde sein kann. Dass dann jeder gleich sieht, was er daraus lernen soll, und dass kein Aas Lust hat, auch abends im Kino noch zu lernen, wenn er denkt, er kann sich amüsieren.“ (p. 42)
Diese Zitate ergänzen die oben geschilderte Deutung der Szene mit Dieter (p. 80f.) – sie sind zudem wichtig für die literaturtheoretische Intention Plenzdorfs, die er mit den „Neuen Leiden des jungen W.“ verfolgt.105
Die Dieter-Szene passt übrigens recht gut zu der möglichen Auslegung des 24. Dezember als eine ins Ironische überhöhte Form manifestierten Misstrauens in die DDR-Praktik einer orthodoxen Ideologie marxistischen Anscheins. Zugleich aber könnte man in ihr eine Kritik an der einseitig orientierten, ideologieabhängigen Germanistik in der DDR sehen.106

Die ideologiekritischen Stellen in Plenzdorfs „Neuen Leiden“ evozieren die These, dass Plenzdorfs literaturtheoretischer Standpunkt von der staatlich geforderten Erwartung abweicht. Das findet seinen Ausdruck in einer Rezeption Goethes, die sich indirekt für eine angemessene Form des Sozialistischen Realismus einsetzt.

2.243 Gesellschaftliche Umwelt Werthers und Edgars
Die Gesellschaft, wie sie im „Werther“ an einigen ihrer Repräsentanten sichtbar wird, spielt eine große Rolle für Werthers persönlichen Verfall. Innerhalb der beiden Romanteile ereignet sich eine Wandlung für alle herausgehobenen Personen parallel zu Werthers Situation: Während im ersten Teil alle in Erwartung (junge Frau) und Hoffnung (Knecht) sind, während also die Möglichkeiten auch für Werther noch offen bleiben, so entscheidet sich im zweiten Teil alles negativ, die Erwartungen und Hoffnungen werden aussichtslos und sind schließlich ganz verloren. Werther, der verzweifelt, trifft auf Verzweifelte. Die Mitmenschen stehen als kommunikationsunfähige Egoisten da; sie reden meist falsch und fügen sich Schmerzen zu: „Wir haben im Grunde nichts gemein miteinander.“107

Für Plenzdorfs Edgar treffen hier manche Entsprechungen zu, werden aber durch eine Umkehrung seiner Entwicklung im Vergleich zu der Werthers revidiert.

Im Folgenden versuche ich diese Behauptung am Beispiel der Malertruppe für Edgars Integrationsversuche zu untermauern; außerdem will ich herausfinden, welche „Werther“-Gedanken in Plenzdorfs Rezeption gültig bleiben. – Schließlich dient diese Analyse als weitere Begründung für meine bisher aufgestellten Thesen zur rezeptiven Technik und zur „Werther“-Rezeption als politisches Programm und folglich zur literaturtheoretischen Konzeption Plenzdorfs.

Die gesellschaftliche Umwelt Edgars verhält sich, verglichen mit der Werthers, ebenfalls „statisch“; die gesellschaftlichen Verhältnisse ändern sich während der gesamten Handlung grundsätzlich nicht, auch dann nicht, wenn in der aktuellen Interaktion zwischen Hauptfigur und Umwelt dynamischere Gesichtspunkte zum Tragen kommen. Leistungsorientierung und -erwartung begleiten Edgar von Kind an – seine Mutter lebt ihm die Rolle von Leistungserfüllung vor, sie begegnet ihm später in Schule und Lehre. Selbst seine Flucht nach  Berlin als Ausdruck der Verweigerung derartiger Leistungsforderungen endet aus ökonomischen Zwängen (für die es im „Werther“ keine wirklich gültige Parallele gibt) in der erneuten Konfrontation mit seiner an der Leistungsidee orientierten Malerbrigade.108

Im Gegensatz zu Werther aber trägt die gesellschaftliche Umwelt nicht zu seinem Verfall, sondern zu seiner Selbstverwirklichung bei.109 Die Entwicklung seines Bewusstseins wird wesentlich von ihm selbst geleistet – wenn auch nicht immer selbst gesteuert –, zumal die Malerbrigade (mit Ausnahme Zarembas) nicht an seiner Selbstfindung interessiert ist.110
Werther leistet eine solche Entwicklung nicht; er scheitert an seiner Leidenschaft zu Lotte in einer für ihn tragischen Verkettung dieser Leidenschaft mit den gesellschaftlichen Bedingungen, an denen er zuerst versagt.111
Edgar überwindet seine „Leiden“ mithilfe seiner ungebrochenen Trotzhaltung gegenüber den gesellschaftlich (hier noch nicht unbedingt speziell marxistisch-ideologisch) fundierten Erwartungen. Edgar hat nicht aus den Lehrfilmen (vgl. pp. 38-43) gelernt, sondern am Schicksal Werthers, das er zunehmend als persönliches Scheitern begreift.112 Dieser letzte Gedanke scheint Plenzdorfs Priorisierung des gesellschaftskritischen Moments im Vergleich zur Goethe-Vorlage zu widersprechen, doch das täuscht: Indem nämlich Plenzdorf die Eigenverantwortung für das Leben eines Menschen, gleich in welcher Gesellschaftsform, für unverzichtbar hält113, begründet er das Recht auf Individualität – das unterstreicht die gesellschaftskritischen Züge in Plenzdorfs Werk; in Anspruch genommene Individualität und Eigenverantwortung bedingen einander. So gesehen gehört die Überwindung Werthers zum politischen Programm der Plenzdorfschen Goethe-Rezeption.

Edgar überwindet Werther gleichsam im Hegelschen Sinn: Er hebt Werthers Leiden auf, und zwar im doppelten Wortsinn – er erspart sich den Verfall seines „Vorbildes“ und behält dessen individualistischen Züge. So ‚ersetzt’ er die Versuche der Malerbrigade, sich wieder in die Gesellschaft integrieren zu lassen, durch eine selbst gestellte Aufgabe: Im Anschluss an die Überwindung der „Werther-Pistolen“ manifestiert sich Edgars Selbstfindung in der Entwicklung einer „Spritz-Pistole“114; so liefert er, ohne sich dessen freilich ganz bewusst zu sein, einen gesellschaftlichen Beitrag. Weit mehr sucht er Verständnis und Anerkennung, und das deutet an, dass ihm sehr wohl an einer Integration in die Gesellschaft liegt.115

Als Individualist scheitert er (tödlich) an seiner Aufgabe – sie hätte der kollektiven Mitwirkung bedurft116; hierin lässt Plenzdorf seine Wertschätzung des Kollektivgedankens durchblicken.
Andererseits wird aber auch deutlich, dass der Anspruch auf Individualität mindestens ebenso berechtigt sein muss wie der Anspruch der Gesellschaft auf kollektive Integration ihrer Mitglieder.

In den „Neuen Leiden“ stellt Edgar Individualität über gesellschaftliche Integration – er unterwirft sich dieser Forderung nur scheinbar, indem er sagt: „Ich saß da wie auf Kohlen, während sie (sc. Die Malerbrigadiere) dachten: Den Wibeau, den haben wir großartig eingereiht. Ich kam mir fast vor wie in Mittenberg. Und zu Hause wartete meine Spritze.“ (p. 114) Diese Äußerung beweist die sich „statisch“ verhaltende gesellschaftliche Umwelt Edgars und ihr Versagen, weil eben jenes Verständnis für Individualität fehlt – dieses Unverständnis wird bei Plenzdorf auch ideologieabhängig zu deuten sein.
Während Edgars Aussage p. 114 seine endgültige Überwindung Werthers widerspiegelt, leistet er allerdings eines nicht: den harmonischen Ausgleich beider Forderungen, also die kollektiven Ansprüche zu erfüllen und Individualität zu wahren und gesellschaftlich einzusetzen.117

In dieser Hinsicht ist Plenzdorfs Entwurf der „Neuen Leiden“ nach Maßgabe der marxistisch festgelegten Literaturtheorie kein „Werther der Lösungen“.118 Ein Entwurf solcher Art konnte denn auch nicht geschaffen werden, wenn man sich die Bedeutung des „Werther“ als Vorlage und Mittel zur Veränderung von ungleich gewichteten Interessen zwischen Kollektiv und Individuum in der DDR vor Augen hält. Plenzdorf steht der „veralteten“ literarischen Vorlage eben näher als einer ‚linientreuen’ DDR-Literatur nach Maßgabe des Sozialistischen Realismus, was er in Edgars Kommentar zu Lehrfilmen bildhaft brandmarkt. Je tiefer man in Einzelheiten der „Werther“-Rezeption Plenzdorfs eindringt, umso klarer wird, welch große Bedeutung ihr für die DDR-Literatur zukommen musste und wie viel Anreiz sie zur Reflexion – gerade im Hinblick auf den Interessenkonflikt zwischen Gesellschaft und Individuum – auch für unsere Verhältnisse im westlichen Teil Deutschlands bietet.119

2.244 Plenzdorfs Rezeption von Sturm-und-Drang-Motiven
2.2441 Plenzdorf übernimmt einige Grundzüge dieser Epoche, wie sie im „Werther“ zum Ausdruck kommen, beabsichtigt aber nicht etwa ihre Renaissance, sondern hat vielmehr den Versuch einer Synthese im Auge, welche vergangene Gültigkeiten neu und bezogen auf die gesellschaftliche Wirklichkeit seines Staates aufheben will – teils in Form einer Forderung zur Bewahrung alter Güter, die aufzuheben sich lohnt (dies geschieht über Edgar oft in der Herausforderung an seine Gesellschaft), teils aber auch in Form einer relativierenden Neugestaltung solcher Güter.120

2.2442 Besonders im ersten Teil des „Werther“ wird der Anspruch des Protagonisten auf Unbedingtheit des Gefühls und Absolutheit der Individualität gebildet: Die Vorrangstellung des Gefühls gegenüber der Vernunft findet ihren spezifischen Ausdruck in Werthers Naturbegriff121 – die Natur ist die Quelle und das Maß aller Dinge und erfährt deswegen eine Vergöttlichung, in der sie als ewig schaffende und vernichtende Energie aufgefasst wird.122 So ist die Natur für Werther im Widerspruch zur Epoche der Aufklärung kein rational erfassbares System – dem Erkennen geht stets ein Erfühlen voraus.123 Werthers Ziel ist es, die „unio mystica“124 mit der Natur zu erlangen.125

Der Naturbegriff spielt für Plenzdorf eine andere Rolle. So taucht der Begriff selbst bei ihm überhaupt nicht auf und auf ihn wird nur angespielt: Edgars Refugium ist seine Laube in einer verlassenen Schrebergartenkolonie; das ist aber auch schon die ganze Parallele für die im „Werther“ gezeichneten Idyllen von Aufenthaltsorten Werthers.126

Plenzdorf kann die Natur nicht absolut sehen; sie ist für ihn eingebettet in den Gesamtzusammenhang der je gesellschaftlichen Bedingungen – das zeigt besonders die Szene in den „Neuen Leiden“, wo der Abriss der Laubenkolonie für Neubauten geschildert wird (p. 137f.).127

Dieser Abriss bildet allerdings insofern eine Entsprechung zu Werthers Naturbegriff, als ihn Edgar als reale Bedrohung für seine Individualität und Selbstfindung empfinden muss, seine Basis ist im Gegensatz zum „Werther“ ökonomischer Natur. Edgars derart gekennzeichnete Bedrohung ist befristet und steckt folglich den zeitlichen Rahmen für seine Selbstfindung von vornherein ab. Plenzdorf deutet damit die Unmöglichkeit einer grundsätzlich unbedrohten Entwicklung seines Antihelden an, wie sie Werther im Gegensatz zu ihm unter diesem Aspekt hätte leisten können.128
In dieser gegenwartsbezogenen relativierten Analogie versteckt Plenzdorf seine Kritik an der neo-aufklärerische Fortschrittsgläubigkeit, wie sie in der ideologisch absolut rational fundierten Planbarkeit aller gesellschaftlichen Belange in der DDR zum Ausdruck kommt.129

2.2443 Naturgefühl, Individualismus, Selbstverwirklichung, humanistischer Idealismus, Liebe zum Volkstümlichen – diese Begriffe hängen im Sturm und Drang eng und gegenseitig sich bedingend und verstärkend zusammen.130
Die Bemühungen, sie auf einen Nenner zu bringen und sich so in der Lebenswirklichkeit zu behaupten, standen im „Werther“ und stehen in den „Neuen Leiden“ im schärfsten Widerspruch zu den herrschenden ideologischen bzw. gesellschaftlichen Verhältnissen und Bedingungen.131
Dieser Widerspruch führt zur tragischen Verinnerlichung des Menschen, zu seiner konsequent in Kauf genommenen Isolation132, die man nicht ganz treffend als Flucht vor der Wirklichkeit in die Innerlichkeit bezeichnet.133 Angemessener wäre es, Werther wie Edgar Wibeau als Archetypen134 ein und desselben Konflikts aufzufassen, die in die Innerlichkeit nicht nur fliehen, sondern dazu auch getrieben werden.135 Wie sonst könnte man von Leiden oder gar von neuen Leiden reden? Die dialektische Wechselwirkung zwischen solchen Leiden, die sich jemand aus freiem Willen aufbürdet, und den kollektivistischen Ansprüchen der Gesellschaft, welche die Leiden aufbürdet, wird noch vertieft, wenn die Gesellschaft Leiden provoziert, weil sie selbst an krankhaften Zuständen leidet.136

Diese Prämisse gilt für den „Werther“. Sie gilt ebenso – in augenfälliger Ähnlichkeit der heutigen Geschichtsepoche mit der Wertherschen – für Plenzdorfs Stück:
Der Sturm und Drang war die Auflehnung gegen Phänomene der Aufklärung, die dem Einzelwesen gegenüber feindlich wurden und es in die Position des Leidenden drängten137; die Bewegung einer Neuen Innerlichkeit unserer Jahre138 lehnt sich gegen eine orthodox gewordene ‚Neue Aufklärung’ auf, deren Rationalismus-Gläubigkeit in zunehmender Verselbständigung ideologische Regelzwänge aufstellt, die den Einzelnen zum Widerstand herausfordern – so viel lässt sich bei aller Unterschiedlichkeit zwischen bürgerlich-demokratischen und zentralistisch-sozialistischen Gesellschaftsverfassungen sagen, ohne die Zeitepochen und gesellschaftlichen Verfassungen gleichzusetzen.139
Nur unter diesem Verständnis gelangt die Analyse des Plenzdorf-Texts zu einer glaubwürdig vertieften Begründung für Relevanz und Funktion der „Werther“-Rezeption.140

In den „Neuen Leiden“ gibt es Bezüge zu Sturm-und-Drang-Motiven, welche in ihrem Gegenwartsbezug relativiert und verfremdet werden – gerade dort, wo sie sich trotz aller ironischer Distanz und Brechung gesellschaftskritisch erweisen, stießen sie denn auch in der DDR auf die vehemente Ablehnung von ideologisch linientreuen Kritikern, was schließlich in der Verwerfung des ganzen Plenzdorf-Texts gipfelte.141

Die Entfaltung von Selbstverwirklichung und aller ihrer Kräfte verlangen Werther wie Edgar in der Betonung ihrer Individualität, mit deren Hilfe sie sich selbst als Maßstab setzen.142 Dabei unterscheidet sich Edgars Aktivität allerdings grundsätzlich von der Werthers – Edgar, der wie Werther die selbstverwirklichende Aktivität nicht im Kollektiv finden kann, wird auf ganz andere Weise in der Vereinzelung selbstschöpferisch tätig: Während Werther Briefe schreibt, ein Tagebuch führt, sich mit Lektüre beschäftigt und Ossian übersetzt, aber mit allen diesen Tätigkeiten nicht auf gesellschaftliche Bedürfnisse abzielt (weil er es in seiner konsequenten Haltung weder kann noch will143), sucht Edgar seine Selbstverwirklichung in einer gesellschaftlich nützlichen Erfindung.144 Damit verdeutlicht Edgar, als Sprachrohr seines Autors, in dialektischer Steigerung den gesellschaftlichen Konflikt145: Die Tätigkeit Edgars im Erfinden und in der Selbstfindung ist ein Bild für den Ansatz zur Überwindung des Werther-Problems: es geht um die Versöhnung individualistischer und kollektivistischer Ansprüche146 – eine für Werther unmögliche Variante.147 Die Steigerung liegt im „ironisch verschobenen“ Ausgang der Plenzdorf-Erzählung: Edgar scheitert trotz und wegen seiner „Variante“. Sein Scheitern deute ich – gerade weil es von Plenzdorf verfremdet gestaltet ist – als Doppelappell:

Die Repräsentanten des kollektivistischen Prinzips sind wie die des individualistischen aufgerufen, ihre Versöhnung vorzubereiten; sie ist unter den gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen im Hinblick auf Ideologie und ihre Praxis für Edgar noch nicht möglich gewesen.148 Dieser für Plenzdorf zentrale Gedanke begründet die Analogie zum „Werther“, fordert aber für ihre Rezeption vielfache Brechungen und Relativierungen.

Es ist nur folgerichtig, wenn das Prinzip des Sozialistischen Realismus, das den positiven Helden fordert, ebenfalls eine Revision erfährt. Jeder ideologische Neuansatz bedingt in der Literatur einen entsprechenden theoretischen Neuansatz, selbst wenn er vordergründig auf ideologische Alltagspraxis konzentriert erscheint.

Plenzdorfs Ideologiekritik wird mit neuen Mitteln einer Rezeption des ‚klassischen Literaturerbes’ gleichsam induktiv vorgetragen. Vordergründiges wird hintergründig.149
Nicht die Ideologie selbst wird grundsätzlich in Frage gestellt, Plenzdorf deduziert nicht von ideologischen Mängeln und Widersprüchen auf deren Spiegelbild in der Alltagspraxis – sondern umgekehrt: Indem (ideologisch implizite) Mängel und Widersprüche in und an der gesellschaftlichen Wirklichkeit aufgezeigt werden, ergibt sich die Forderung für einen ideologischen Neuansatz in Politik und Literatur.150 Plenzdorfs Text ist ein pragmatischer Diskussionsbeitrag.
Die Elemente einer so aufgefassten induktiven Kritik sind eben jene von Plenzdorf neu aufgenommenen Bezüge zu Motiven des Sturm und Drang im „Werther“.

So taucht folgerichtig auch in den „Neuen Leiden“ der Geniebegriff auf – verfremdet und in metaphorischer Verkleidung.
In Edgars Jenseitsperspektive durchläuft seine Selbsteinschätzung (abstrahiert man einmal alle Verfremdungen auf ihren ernsten Kern) mehrere Phasen einer Entwicklung, die sich immer enger an Edgars subjektivistische Züge anlehnt und schließlich zu Haltungen und Verhaltensweisen der Innerlichkeit gelangt; diese Entwicklung vollzieht sich parallel zur Verfugung der „Werther“-Zitate, deren Funktion vor allem darin besteht, inhaltliche Relativierungen im Kontext der Handlung wieder zurückzunehmen.

Im gesamten Verlauf seines Jenseitsmonologs bezeichnet sich Edgar häufig als „Idiot“151, als „Spinner“152 oder „verkanntes Genie“153.
Sein Kokettieren mit der Selbstunterschätzung steht nicht nur im Widerspruch zu vielen Urteilen über Edgars Fähigkeiten in der dialogischen Erzählebene, sondern korrespondiert von Beginn an mit seinen individualistischen Bestrebungen und Entfaltungen, die ihren Ausdruck in seinen „Leiden“ und seiner „Flucht in die Innerlichkeit“ finden:
Idiotisch findet er seine Anpassung, Subordination und Einreihung in Mittenberg (p. 10f.).154 In Verbindung mit seinem Vorwurf gegen die Praxis der Selbstkritik in der DDR: „Das ist irgendwie entwürdigend ... Ich finde, man muss dem Menschen seinen Stolz lassen.“ fällt der Satz: „Mein größtes Vorbild ist Edgar Wibeau. Ich möchte so werden, wie er mal wird.“ (p. 15) Sein eigenes Ende nimmt er p. 16 vorweg, indem er den Anspruch auf seine Individualität unterstreicht: „Edgar Wibeau hat die Lehre geschmissen und ist von zuhause weg, weil er das schon lange vorhatte. Er hat sich in Berlin als Anstreicher durchgeschlagen, [...] hat Charlotte gehabt [...] beinah eine große Erfindung gemacht, weil er das so wollte!“ Auf diesen ersten wenigen Seiten sind wesentliche Züge des Sturm und Drang, auf eine anders gestaltete Gegenwart bezogen, komprimiert ineinander verflochten und bieten in der Vorwegnahme des Ausgangs der Erzählung einen Code zu dessen Entschlüsselung.155

Der Geniebegriff wird nicht genau im Goetheschen Sinn gebraucht; er wird auf eine sensible und durchaus talentierte, aber einfachere Figur als Werther bezogen, aber er wird dadurch nicht völlig aufgegeben, da er auch bei Plenzdorf zu den Sphären von Individualität und Innerlichkeit das notwendige Korrelat bleibt:

Plenzdorf reduziert den Begriff im Gegensatz zur materialistischen Philosophie auf das, was er heute noch bedeuten kann: Ausdruck des freien Willens und der Menschenwürde. Selbst in der begrifflichen Verfremdung noch unterstreicht Plenzdorfs „Genie“-Rezeption die Zeitlosigkeit und Diskussionswürdigkeit geistiger Positionen im Sturm und Drang – gestützt und gesteigert wird diese Behauptung dadurch, dass Plenzdorfs Hauptfigur ein zwar eigenwilliger, aber doch bewusst auf Einfachheit angelegter Vertreter seiner Gesellschaft ist. Auch daran wird Plenzdorfs induzierende Methode deutlich.

Die Analogie dieser motivischen „Werther“-Rezeption wird besonders da klar, wo Edgars Selbsteinschätzung als verkanntes Genie mit seinen Reflexionen über das Wesen von Kindern korrespondiert. Er, der Unverbildete, lässt verschiedentlich Kongruenzen mit seiner eigenen Vorstellung vom natürlichen und unverbildeten Wesen Kind durchscheinen.156
Dieser Gedanke konzentriert sich in Edgars Worten: „Charlie wollte mir beweisen, dass ich kein Stück malen konnte, sondern dass ich bloß ein großes Kind war, nicht so leben konnte und mir folglich geholfen werden musste. Und ich wollte ihr das Gegenteil beweisen. Dass ich ein verkanntes Genie war, dass ich sehr gut so leben konnte, dass mir keiner zu helfen brauchte und vor allem, daß ich alles andere als ein Kind war.“ (p. 48f.) – Hier prallen in einer erneuten Vorwegnahme bzw. Vorankündigung des ungelösten Ausgangs der Geschichte zwei grundsätzlich verschiedene Auffassungen von Genie und Kind aufeinander. Für Charlie drückt sich das Genie im produktiven Können aus – und mit „Kind“ umschreibt sie die gesellschaftliche Unreife Edgars; der aber will seine individualistischen Züge, welche die Gesellschaft verkennt, zunächst ebenso konsequent wie Werther ohne das Kollektiv und seine Regelzwänge, behaupten und bestreitet zugleich seine gesellschaftliche Unreife.157

Edgars Innerlichkeit, die sich bis zu seiner Aktivität in der Malerbrigade und seiner Erfindertätigkeit als Flucht vor den Leiden in Mittenberg erweist, steht zugleich in enger Beziehung zu den allgemeinen gesellschaftlichen Regelzwängen, mit denen Edgar auch in Berlin konfrontiert ist. – Plenzdorf entlehnt das Motiv der Innerlichkeit dem Sturm und Drang des „Werther“ auf verschiedene Arten. Neben zumeist gegenständlichen Metaphern zur Umschreibung der Fluchtbewegung Edgars stehen direkte Kommentare Edgars, die hier weniger durch Ironisierung oder Relativierung verfremdet werden:
Die wichtigste Metapher dieser Art ist Edgars Laube, die Plenzdorf beziehungsreich in der „Kolonie Paradies II“158, einem Sanierungsgebiet159, ansiedelt.
Edgars spätere Bezeichnung für sein Refugium als „Kolchose“ (p. 57) schlägt in subtiler Ironie eine Brücke zur neuen Außenwelt in Berlin, nachdem Edgar zunächst alle Brücken zur Vergangenheit in Mittenberg abreißt.160
Bei seinem Einzug  in die Laube begreift er, dass ihm „… keiner mehr reinreden konnte.“161 Befreit vom bisherigen Druck gesellschaftlicher Zwänge kommt er erstmals zu sich selbst (ohne sich allerdings sogleich zu „finden“) und aufgestaute innere Bedürfnisse brechen aus ihm hervor. Er verteilt seine Sache „… möglichst systemlos im Raum“162, er spricht sich selber eine seiner „Privatsendungen“ aufs Tonband und singt einen soulartigen „Bluejeans-Song“, bis er „high“ ist.163 Bei einem späteren Musikrausch gerät Edgars innere Befreiung unter der Hand in die Nähe einer Art religiöser Naturverbundenheit.164
Im Anschluss an diese Szene erinnert sich Edgar an seine Mittenberger „Leiden“, die den unmittelbaren Zusammenhang mit gesellschaftlichen Regelzwängen im Kontext der Verinnerlichung herstellen – diese Zwänge werden erneut metaphorisch (in Anlehnung an die musikalische Innerlichkeit des Bluejeans-Songs) mit äußerlichen Attributen umschrieben: Als Leiden empfindet Edgar die Kritik an langen Haaren165 oder an unangepasster Kleidung.166
So werden Bluejeans zum Symbol seiner individualistischen und verinnerlichten Haltung: „Ich meine, Jeans sind eine Einstellung und keine Hosen.“ (p. 27) und werden im Kontext seiner „Hymne auf die Jeans“, auf gesellschaftskritische Anpassungsmechanismen bezogen, geradezu politisiert.167

Die Symbolkraft der Innerlichkeit in ihrer gesellschaftlichen Verwobenheit kulminiert in der Szene mit Dieter (p. 74f.): Der Schattenboxer Edgar alias Catcher Holden nimmt in dieser Szene „… die Fäuste hoch. Ich meine nicht wirklich. Innerlich.“
Gegen die von Dieter befürworteten Regeln, die gleichermaßen für Kunst und Gesellschaft in dialektischer Wechselwirkung gelten sollen, schießt Edgar seine schärfste Waffe ab: „Man kann zum Vorteil der Regeln viel sagen, ungefähr was man zum Wohle der bürgerlichen Gesellschaft sagen kann [...] dagegen wird aber auch alle Regel, man rede, was man wolle, das wahre Gefühl von Natur und den wahren Ausdruck derselben zerstören!“168

Hier wird deutlich, wie sich Edgars Innerlichkeit dialektisch nach außen kehrt. Ich habe dieses Umschlagen bei der Erörterung der systematisch verfugten „Werther“-Zitatreihen gezeigt.169
Es gipfelt im Tonbandbrief (p. 18), der im Jenseitsmonolog Edgars und überhaupt im ganzen Text nicht wieder auftaucht: „o meine Freunde/warum der Strom des Genies so selten ausbricht ... das alles/Wilhelm/macht mich stumm – ich kehre in mich selbst zurück und finde eine Welt – Ende.“170

Ich rede vom dialektischen Umschlagen der Verinnerlichung, weil dieser Tonbandbrief einerseits Edgars Selbstfindung als Ergebnis seiner „Flucht“ in die Innerlichkeit belegt, die er im Erkennen und Selbstverständnis seiner eigenen Fähigkeiten trotz aller gesellschaftlichen Hindernisse erlangt, und weil er andererseits, sozusagen im individualistischen Alleingang, sich mit dem Kollektivgedanken zu versöhnen bemüht: Die Problematik dieses dialektischen Umschlagens einer Innerlichkeit, die zur Außenwelt zurückfinden will, liegt darin, dass die Versöhnungsbereitschaft an den gegebenen gesellschaftlichen Umständen scheitert, dass also nur ein allgemeiner, appellhafter Anstoß zu einer Lösung intendiert werden kann.171

So hält „Edgar Wibeau, das verkannte Genie, bei der selbstlosen Arbeit an seiner neuesten Erfindung ...“ konsequent an seinem Anspruch auf Individualität fest „... und er gibt nicht auf“. (p. 111)172
Edgar täuscht seine Einreihung ins Kollektiv lediglich vor, weil er glaubt, einen Ausweg aus dem tragischen Dilemma gefunden zu haben.173
Am Ende des Plenzdorf-Texts wird der Geniebezug zum „Werther“ ernsthafter als zu Beginn wieder aufgenommen.
Edgar hinterfragt den Sinn seines Lebens und kann sich die materialistische Deutung der marxistischen Philosophie nicht zu eigen machen: „Ich weiß nicht, ob einer von euch schon mal über Sterben nachgedacht hat und das. Darüber, dass einer eines Tages einfach nicht mehr da ist, nicht mehr anwesend, ab, weg, aus und vorbei, und zwar unwiderruflich. Ich hab eine ganze Zeit oft darüber nachgedacht, dann aber aufgegeben. Ich schaffte es einfach nicht, mir vorzustellen, wie das sein soll, ...“. (p. 135f.)
Edgars weitere Ausführungen argumentieren darüber hinaus gegen die Sinnentleerung eines materialistisch aufgefassten Lebens: „Kann sein, wer das schafft, der ist schon halb tot, …“. (p. 136)
Edgars naives Philosophieren umreißt so den Hintergrund, auf dem individualistische Bemühungen motiviert werden, das menschliche Leben mit dem Entwurf einer Sinngebung zu bereichern. Diesen Weg hat Edgar Wibeau beschritten.174
In seinem Kommentar verwirft er zwar den Gedanken einer selbstüberschätzenden Sinngebung, die sich individualistisch verabsolutiert, mit den Worten: „… und ich Idiot dachte wohl, dass ich unsterblich war. Ich kann euch bloß raten, Leute, das nie zu denken.“175 Er meint dies im Hinblick auf den Widerspruch zwischen Individualismus und Kollektivismus, den er in seiner vorgefundenen Welt nicht zu versöhnen vermochte, weil auch die gesellschaftliche Wirklichkeit ihn auf seinem Weg nicht fördern konnte.

Das alles rückt Edgars Ende dann doch wieder näher an den tragischen Untergang Werthers, etwa in der Sicht Georg Lukács‘. Zuletzt sagt Edgar: „Ich war jedenfalls fast so weit, dass ich Old Werther verstand, wenn er nicht mehr weiterkonnte.“ (p.147)

Plenzdorfs Rezeption der Werther-Tragik mündet zwar nicht in den konsequenten Freitod eines wehrlos gewordenen „Helden“ – doch impliziert sie in komplexer Verschlüsselung die Gültigkeit einer ideologisch-historischen Parallele der sozialistischen Ideologiewirklichkeit zur Entwicklung der literarischen Epochen von der Aufklärung zum Sturm und Drang.176

Träfe dieser Vergleich zu, dann gäbe die Arbeit Plenzdorfs, wie eine „Werther-Pistole“, den Startschuss zu einer dialektischen Entwicklung, an deren Ende das gesellschaftliche Ziel einer ‚ideologischen Selbstfindung’ stünde.


2.3 Fazit
1.
DIE NEUEN LEIDEN DES JUNGEN W. beziehen ihre größte Aussagekraft aus Plenzdorfs „Werther“-Rezeption.

2.
Diese Rezeption wird formal und inhaltlich durch die zusätzliche Rezeption von Salingers THE CATCHER IN THE RYE in einer dialektisch zu verstehenden Doppelfunktion vermittelt, wobei besonders dem sprachlichen Gestus große Bedeutung zukommt.

3.
Nach Salingers Beispiel für eine naive Erzählperspektive stellt Plenzdorf die Relation der Werther-Zeit zur Gegenwart her – dergestalt wird die Gegenwart durch die Werther-Zeit mithilfe vielfältiger Verfremdungsmittel und ‚Metaphorismen’ erhellt und ausgedeutet; umgekehrt wird Werther in der Gegenwart aufgehoben, aber auch im Sinne einer Bewahrung dessen, was von den „Leiden des jungen Werther“ als allgemeingültig, gleichsam archetypisch, in der Gegenwart erhalten bleibt.

4.
„Die neuen Leiden des jungen W.“ sind nicht anders zu verstehen als ein in dieser Weise codierter Protest gegen politische und kulturpolitische, weltanschauliche und ideologische Widersprüche in den gesellschaftlichen Verhältnissen des DDR-Alltags.

5.
Diesen zugleich als Appell formulierten Protest gestaltet Plenzdorf poetisch, indem die je einzelne Kritik an alltäglichen Mängeln eine allgemeine Kritik am ideologischen und weltanschaulichen Überbau impliziert.

6.
Den Schlüssel zur Dechiffrierung dieses codierten Protests und Appells liefern DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHER.

7.
All dies und das ungemein zahlreiche und absichtsvolle Auftreten formaler und inhaltlicher Entsprechungen zum „Werther“ unterläuft ebenso listig wie subtil in der ironischen Verkleidung traditioneller Formen des Sozialistischen Realismus dessen wesensmäßige Inhalte; ein literaturgeschichtliches Ereignis, das eine tiefgründige Schicksalsverbundenheit mit Goethes „Werther“ aufweist, welche auch die Wirkungsgeschichte der Neuen Leiden in den letzten Jahren illustriert.

8.
Das epische Ich der Neuen Leiden tritt aus einer mit dem Autor weitgehend identischen Figurenperspektive in einer neuartigen Konfiguration systematisch verfugter Erzählebenen und Textsorten auf als Ergebnis der ähnlich „synthetisch-verfugten“ Rezeption Salingers und Goethes.

9.
Plenzdorfs Text greift Goethes Neuentwurf des traditionellen Briefromans wieder auf. Indem er diesen Ansatz – mit dem Fundus inhaltlicher und formaler Verfremdungsmittel aus verschiedenen künstlerischen Medien internationaler Provenienz – nur scheinbar ad absurdum führt, gestaltet er ihn doppelt neu: als Überwindung und Neuentwicklung des „Werther“-Modells.

10.
Plenzdorfs literarischer und ideologischer Neuansatz bilden eine logische Äquivalenz.

11.
Die Wertung dieser Äquivalenz findet in einer alle genannten Aspekte umfassenden Interpretation des Texts statt.

12.
Appell und Protest des Stücks intendieren die versöhnliche Bereitschaft für eine Renaissance der ursprünglichen marxistischen Werte.
Die optimistischen Erwartungen, welche „Die neuen Leiden des jungen W.“ im Jahre 1972 im doppelten Sinn des Wortes ‚trugen’, trügen gegenwärtig und sind – hoffentlich nur in Walter Benjamins Verständnis von epischer Verfremdung – „unterbrochen“ worden.


3.0 Peter Handke: Falsche Bewegung

Handkes Goethe-Rezeption in ihrem Kontrast zu den „Lehrjahren“ als Gegenwartserkenntnis und poetische Bewegung





„Ich fürchte jedoch, dass die Menschen, wenn einmal die verwaltete Welt existiert, ihre Kräfte nicht frei entfalten werden, sondern sich soweit an rationalistische Regeln anpassen, dass sie den Regeln schließlich instinktiv gehorchen.

Die Menschen dieser zukünftigen Welt werden wahrscheinlich automatisch handeln: Bei rotem Licht stehen, bei Grün marschieren! Sie gehorchen den Zeichen!“

Max Horkheimer1



3.01 Für mich war es was Normales, dass ich nur einige Sachen von Goethe übernommen habe, die mir im Gedächtnis geblieben sind. Daraus und aber auch aus dieser ganzen Bewegung habe ich das Buch geschrieben. Ich wollte keine Rekonstruktion der Historie machen, ich wollte die historische Situation, dass jemand aufbricht, unterwegs ist, um was zu lernen, um was anderes zu werden, um überhaupt was zu werden, also diese Bewegung ins Drehbuch übernehmen. Das ist es auch – da bin ich ganz sicher –, worauf es Goethe angekommen ist: eine Bewegung oder die Anstrengung, eine Bewegung zu unternehmen. Es war mir wichtig, jemandem zu zeigen, der sich was vornimmt und danach lebt, auch wenn es immer wieder kokett geäußerte Träume sind, und was werden will, ein Künstler, mein ich, etwas tun will, was gleichzeitig auch Arbeit ist.

Das Heldenhafte, mit dem der Wilhelm Meister auftritt, ist einfach nicht zu schaffen, auch wenn er sich als Held einer individuellen Geschichte begreifen will. Es fängt ja immer mit monumentalen, wirklich ernstgemeinten Bewegungen an. Aber wer kann schon ein solches Leben führen, wo doch alles, was sich noch ereignen könnte, kalkulierbar ist ...

Als ich zum ersten Mal nach Deutschland gekommen bin und diese Landschaft zwei Monate lang bereist habe, da habe ich das plötzlich so leibhaftig in mir gespürt, so eine totale Bewegung durch ein Land und natürlich auch so ein gewisses Pathos, dass da jemand aufbricht zu einem andern Leben.2


3.02 Einleitung zur „Falschen Bewegung“
Der Text der Filmerzählung provoziert beim Leser – zumal durch die untergeschobene Folie der Goethe’schen „Lehrjahre“ – die semantische Vielfalt der Wortserie:

bewegt werden (wodurch? – wozu?)
bewegt sein (wovon? – wie?)
sich bewegen (woher? – wohin?)
bewegen (was? – wie?)

Irgendwo innerhalb dieser Serie sind Handkes „Falsche Bewegungen“ und die seines Filmhelden angesiedelt oder sie umfassen gar die gesamte Serie in dem Sinne, dass es sich nicht nur um falsche Bewegungen des Handke-Wilhelms, sondern des Handke-Ichs handelt:
„Ist die falsche Bewegung, die ortsverändernde Bewegung, welche ihn unter Menschen führt, die ihn lieben (…), nicht allein deshalb schon falsch, weil er sich weigert, sich wirklich den menschlichen Erfahrungen zu öffnen? Stattdessen blickt er, passiv wie schon zu Anfang, nur in sich, achtet nur auf seine Wünsche und Träume, und sehnsüchtig jagt er seinem Ziel nach, in dem Poesie und Politik zusammenfallen ...“3

Oder aber: Inwieweit gelten Goethes „Lehrjahre“ überhaupt noch als Grundmuster für eine Übernahme der in ihnen enthaltenen Probleme in den Gegenwartsbezug? Inwieweit musste sich oder sollte sich bei Handke dieses Grundmuster in den Kontrastbezug zur Goethe-Vorlage entfernen4, weil sich die Kernfragen heute anders und neu stellen?
Ist es also Handkes Intention, diesen kontrastierend-exemplarischen Wilhelm seines Filmbuchs als fiktives Extrem eines realistischen Dichterbedürfnisses unserer Zeit darzustellen – mit der Quintessenz, dass sowohl Ansatz wie Lösung einer Frage (die Goethe in der behenden Form einer aufklärerisch-optimistischen, klassisch-versöhnlichen „Utopie“ zu lösen versuchte5) heute gar nicht mehr denkbar und lösbar geworden sind?6

Es ist im Übrigen interessant, dass Handke zu den ersten deutschen Schriftstellern der Gegenwart gehört, der die Wichtigkeit der Rezeption klassischer Autoren erkannte und mit der „Falschen Bewegung“ einer derartigen Aufforderung Benno von Wieses sogar noch zuvorkam7; in seinem letzten Roman „Die linkshändige Frau“ arbeitet Handke konsequent an dieser selbstgestellten Aufgabe weiter.8

Im Verlauf meiner Auseinandersetzung mit Handkes „Falscher Bewegung“ verweise ich auf Verbindendes oder auf Diskrepanzen zu Plenzdorfs „Werther“-Rezeption nur dort, wo dies sinnvoll erscheint.9 Vorab sei gesagt, dass die Motivationen bei Plenzdorf und Handke grundverschieden sind:
Während Plenzdorf mithilfe der „Werther“-Rezeption eine politische und in diesem Sinne ganz pragmatische Diskussion über gesellschaftliche Zustände auslöst, reflektiert Handke in der Rezeption der Lehrjahre ‚erst’ über die Voraussetzungen eines Menschen, insbesondere eines Dichters oder Schriftstellers, ob und wie er politisch in der Literatur aktiv werden kann, darf und soll.
Aber es gibt Gemeinsamkeiten in beiden Rezeptionen, die thematisch bedingt sind: in der Erörterung des Konflikts zwischen Individuum und Gesellschaft und seines gesamten gesellschaftlich relevanten Umfelds in der Gegenwart – diese Gegenwart wird, wenn auch auf ideologisch verschiedener Grundlage als Zeit einer neuen, zweiten Aufklärung10 in Bezug gesetzt zur vergangenen Epoche der Aufklärung, und zwar in ihrer komplexen Verschränkung zum Sturm und Drang (bei Plenzdorf) und zur Romantik (bei Handke)11, wofür sich in unserer Gegenwart erneut äquivalente Zeittendenzen anbieten – diese werden häufig mit den Begriffen einer „Neuen Innerlichkeit“12, einer „Neuen Romantik“ oder einer „Poetisierung des Lebens“13 beschrieben.

3.1 Bewegt werden
Eine Gemeinsamkeit, die sich bei Plenzdorf und Handke gleichermaßen einstellt, spiegelt sich in der Aufbruchssituation der Helden beider Stücke wider; es ist dies im Übrigen auch ein Grundzug, der für Goethes Werk bestimmend ist, nur mit dem Unterschied, dass diese Aufbruchssituation im „Werther“ eine gänzlich andere Entwicklung des Helden in den „Lehrjahren“ nimmt.
Während Plenzdorfs Edgar Wibeau seinen Aufbruch in die freiwillige Isolation aus der Verdrossenheit bereits erfahrener Leiden im Elternhaus, in Schule und Lehre motiviert, wird Handkes Wilhelm von der Verdrossenheit einer im Elternhaus vorgefundenen Leere, vor allem aber durch seinen Wunsch, Schriftsteller zu werden, zum Aufbruch bewegt (p. 8). Dieser erste Entschluss Wilhelms ist, in dieser Allgemeinheit, noch nicht als falsche, sondern umgekehrt als einzig richtige und notwendige Bewegung aufzufassen.
Doch indem er zugleich das Ziel seines Aufbruchs zu einer Reise formuliert: „Aber wie ist das möglich ohne Lust auf Menschen?“, kündigt sich schon das Umschlagen einer zunächst richtigen Bewegung in eine Illusion an, in eine falsche Bewegung.
Wilhelm erhofft sich in der menschlichen Begegnung die Lehre für sein letztes Ziel, Schriftsteller zu werden. Dass dies Illusion bleibt, erfährt der Handke-Leser erst auf Seite 77, wo aus Wilhelms Antwort auf eine Frage Thereses klar hervorgeht, dass er sich durch die menschlichen Begegnungen nicht geändert hat. Dieser krasse Gegensatz zum Erziehungs- und Entwicklungsgedanken in den Lehrjahren Goethes14 ist das fundamentale Movens der Handke-Erzählung – und im Vorgriff sei gesagt, dass dieser Kontrast eine politische Implikative Handkes, bereits im Filmbuch, darstellt.
Zunächst erinnern aber die Anweisungen der Mutter noch sehr deutlich an die „Lehrjahre“, an die Hoffnungen auf eine sinnvolle Reise:
Aber eins sollst du lernen: daß du dich zu nichts zwingen lassen darfst. Sonst wirst du dir selber fremd, und auch die anderen werden nur etwas Undefinierbares bleiben. Du mußt immer wissen, was du tust und warum du es tust, und du mußt dich bei dir selber fühlen – auch wenn du gemein wirst dabei. Und laß dich nicht einschüchtern, wenn jemand dir sagt, dass du ein unnützes Leben führst und dich auf die ernsthafte Tätigkeit eines Schreiners oder Arztes hinweist: weißt du, alle Menschen mit begrenzten Tätigkeiten erinnern mich an vertrocknende Schnecken in zu kurz geschnittenem Gras. Sei tätig, aber setz dir keine Grenzen. (p. 14)

Die Sätze der Mutter enthalten in komprimierter Form wesentliche Motive der „Lehrjahre“: In ihnen steckt der zentrale Gedanke der Selbstverwirklichung eines Menschen in der allseitigen Entfaltung aller seiner Anlagen.15 Der erzieherische Toleranzgedanke des Abbé.16 Schließlich der wichtige Gedanke, über die Selbstfindung zur gesellschaftlichen Tätigkeit zu gelangen.17

3.2 Bewegt sein
Eine weitere Anweisung, die die Mutter Wilhelm mitgibt: „Und verlier dieses Unbehaglichkeitsgefühl und deinen Missmut nicht, die wirst zu brauchen, wenn du schreiben willst.“ (p. 10) nimmt bereits das vorweg, woran Wilhelm schließlich scheitert, was er p. 77 selbst bekennt: „Schlimm ist nur, dass ich vor Missmut nicht nur mich selber nicht mehr spüre, sondern auch nichts anderes mehr, … Ich kann auch nichts schreiben vor Unbehaglichkeit.“ – So sind die Lehren der Mutter die ersten falschen Bewegungen zu Beginn seines Aufbruchs. Vom Gefühl des Missmuts und der Unbehaglichkeit ist Wilhelm vor seiner Reise längst bewegt und diese Bewegung hält während seiner ganzen Reise ungebrochen an. Und doch ist dieses Bewegtsein, als es in Wilhelm noch den Wunsch nach einer Veränderung wachrief, die ihn seiner Selbstverwirklichung und Selbstfindung näherbringen sollte, zuerst eine ernste, nicht falsche Bewegung: Durch ein Zeitungsfoto angeregt, auf dem Wilhelm rein zufällig als Passant erscheint, sagt er: „Seitdem bin ich so unlustig. Es wurde mir klar, dass ich bis jetzt all die Jahre wirklich nichts anderes war als dieser beliebige Passant auf dem Foto. Das Foto war auch schon alles, was es über mich zu sagen gab. Ich muss versuchen, mehr über mich herauszufinden.“ (p. 11)
Handkes Filmerzählung zeigt, dass dieses Motiv im Bild der Zugspitze wieder aufgenommen werden muss, weil es Wilhelm bis dahin nicht gelang (und nicht gelingen konnte), mehr über sich herauszufinden.
All dies, wovon Wilhelm bewegt wird und was ihn bewegt, aus der Leere zur „Lehre“ aufzubrechen, ist gleichsam die Exposition der Filmerzählung. Man kann sagen, dass die gesamte Filmerzählung Handkes nichts anderes ist als die Ausdehnung dieser Exposition bis hin zum Schluss, denn die Lehrjahre im Sinne der Goethe-Vorlage setzen bei Handke – gleichsam unsichtbar – erst auf der Zugspitze ein.

3.3 Sich bewegen
3.31 Wie Plenzdorfs Held Edgar Wibeau führt Wilhelm in Handkes Filmerzählung ein Buch als Reisebegleiter mit sich; doch ist es nicht, wie bei Plenzdorf, der rezipierte Stoff selber, sondern Eichendorffs Novelle „Aus dem Leben eines Taugenichts“. Die Lektüre als Begleiter spielt zwar bei Handke nicht im geringsten die dynamische Rolle, die der „Werther“ oder Salingers „Fänger im Roggen“ für Plenzdorfs Helden besitzt, dennoch kommt es bei Handke zu einer seinem Filmhelden ebenfalls unbewussten Überwindung der Rezeptionsfolie, allerdings im entschiedenen Kontrast, in ihrer völligen Umkehrung.18

In Wilhelms erster Begegnung mit Therese wird metaphorisch das Ergebnis aller Begegnungen mit Menschen im Verlauf seiner Reise vorweggenommen: Wilhelm und Therese sitzen in verschiedenen Zügen, sind sich (noch) fremd19, die Züge scheren auf verschiedenen Gleisen auseinander – und am Schluss der Filmerzählung entfernen sich beide, Therese und Wilhelm, erneut voneinander.20

Wilhelms „Sehnsucht, Menschen zu finden statt toter Seelen“21, wird in all seinen Bewegungen von nun an nicht erfüllt. Seine Bewegungen (die in den Begegnungen ermittelt werden) sind letztlich eine Reise ohne Start und Ziel im Sinne einer Entwicklung, sie sind nicht nur falsch, sondern Stillstand im Nirgendwo.

Obwohl dem Handke-Helden analog zu den Lehrjahren die extremen Pole einer romantischen22 (Harfner/Mignon) und einer vernunftsorientierten Welt (Therese) begegnen23, obwohl ihm die Welt des Industriellen als gegenwartstypisches Symbol der Einsamkeit in Deutschland begegnet24, gelangt Wilhelm nicht zu den Erfahrungen25 Wilhelm Meisters.

3.32 Allenfalls ließe sich aber noch von negativen Erfahrungen reden, zumal wenn man bedenkt, wie reichhaltig Dinge, Zeichen, Symbole und Namen in Handkes Text auftauchen.26 Diese unpersonale Welt der Begegnungen scheint mir Handkes Gegenentwurf zu Goethes Roman erst verständlich zu machen.
In den „Lehrjahren“ dient die Schilderung der konkreten Welt als Spiegel der personalen Verhältnisse in den Begegnungen Wilhelm Meisters:
„Throughout the first five books, the concreteness of the world of objects and the life-like uniqueness of the characters resist Wilhelm and frustrate him in his quest to realize himself.”27

Sie dient aber zugleich der Entwicklung Wilhelm Meisters, die Dinge der Wirklichkeit sehen zu lernen.
„In Wilhelm Meisters Lehrjahre the world of objects cannot be separated from the contemplating subject; at the moment of perception both are united in the indivisible phenomenon which is reality. This reciprocity between man and his world derives from Goethe’s conviction that both are subject to natural laws and that certain principles in the objective world correspond to certain principles in the beholder. In agreement with this conception the progressively more complex reality in Goethe’s Bildungsroman reflects the hero’s increasing ability to ‘see’, ...”28

3.33 Es ist nicht nachweisbar – vielleicht auch nicht denkbar – dass Handke sich von diesem Aspekt in den „Lehrjahren” inspiriert fühlte, als er seine Filmerzählung schrieb. Der genannte Aspekt scheint mir jedenfalls als ein äußerst wichtiger Anhaltspunkt für die Analyse der Handke-Rezeption zu gelten:
Die Welterfahrung Wilhelm Meisters wird bei Handke gewissermaßen ersetzt durch die Welterfahrung in der Wesensschau29 der Dinge, Zeichen und Symbole des gegenwärtigen Deutschland:
Ich weiß, ich habe nicht das, was man Beobachtungsgabe nennt, aber, wie ich mir einbilde, die Fähigkeit zu einer Art von erotischem Blick. Plötzlich fällt mir etwas auf, was ich immer übersehen habe. Ich sehe es dann aber nicht nur, sondern kriege gleichzeitig ein Gefühl dafür. Das meine ich mit dem erotischen Blick. Was ich sehe, ist dann nicht mehr nur ein Objekt der Beobachtung, sondern auch ein ganz inniger Teil von mir selber. Früher hat man dazu, glaube ich, Wesensschau gesagt. Etwas Einzelnes wird zum Zeichen für das Ganze. Ich schreibe dann nicht etwas bloß Beobachtetes, wie die meisten das tun, sondern etwas Erlebtes. Deswegen will ich eben gerade Schriftsteller sein. (p. 58)

In dieser Aussage Wilhelms in der Handke-Erzählung klingt deutlich die Sehnsucht nach der Verschmelzung von Gedanke und Gefühl30 an, wie sie dem Helden der „Lehrjahre“ erst im Saal der Vergangenheit in der Gesellschaft vom Turm gelingt.31

3.34 Für Handkes Wilhelm ist eine – auch bei Goethe sozialutopisch skizzierte32 – Turmgesellschaft im gegenwärtigen Deutschland nicht mehr möglich, weil am Beispiel des Industriellen und seines bedeutsamen Monologs über die Einsamkeit (p. 44f.) und an der „ordentlichen Beschreibung unordentlicher Verhältnisse“ 33 (mittels Namhaftmachung der Dinge, Zeichen, Symbole) der Zweifel an der Veränderbarkeit gesellschaftlicher Verhältnisse durch politische Aktivität34 jeden aufklärerischen und neuaufklärerischen Optimismus überwiegt. An seine Stelle tritt nun aber nicht eine vordergründige „Sehnsucht nach verlorengegangenem Gefühl“ 35, auch würde man Handke falsch verstehen, wenn man Wilhelm so einschätzt: „eingesunken in sein Ich und seinen angestrengten Wunsch, Poesie aus sich zu entbinden“ (hat er) „die Prosa des Lebens, die ihn ekelt oder die er gar nicht wahrnimmt und nicht wahrnehmen will, versäumt, verspielt, verloren“.36
Im Gegenteil: Die verlorengegangene Einheit von Gefühl und Gedanke, von Poesie und Leben37 versucht Handkes Wilhelm zurückzugewinnen, und zwar ganz im Sinne Goethes38: the artist surpasses himself by creating a second world, the aesthetic realm which frees him from the contingencies of existence and makes him conscious of his possibilities39:
Des Menschen größtes Verdienst bleibt wohl, wenn er die Umstände so viel als möglich und sich so wenig als möglich von ihnen bestimmten lässt. Das ganze Weltwesen liegt vor uns wie ein großer Steinbruch vor dem Baumeister, der nur dann den  Namen verdient, wenn er aus diesen zufälligen Naturmassen ein in seinem Geiste entsprungenes Urbild mit der größten Ökonomie, Zweckmäßigkeit und Festigkeit zusammenstellt. Alles außer uns ist nur Element, ja, ich darf wohl sagen, auch alles an uns; aber tief in uns liegt diese schöpferische Kraft, die das zu erschaffen vermag, was sein soll ...40

So steht am Ende der Handke-Erzählung nicht die Turmgesellschaft, sondern das für unsere Zeit angemessene Äquivalent: die Zugspitze. In einem Land, in dem die Einsamkeit Triumphe feiert – und dies zeichnet Handke in grotesken Strichen – ist der Dichter ebenso wie jedes andere Einzelwesen auf sich allein gestellt, zumal dann, wenn die in der Klassik noch vorhandene Einheit von Mensch und Natur, Gedanke und Gefühl, Poesie und Politik selbst in ihrem idealistischen Ansatz aufgegeben worden sind.



3.4 Bewegen
3.41 Die in der Gesellschaft nicht erreichte Selbstverwirklichung und die Selbstfindung Wilhelms muss – gerade weil er ein politisch bewegender Schriftsteller werden will – außerhalb dieser erst im Sinne des eben genannten Goethe-Zitats noch errungen werden.41

Die Zugspitze ist in Handkes Filmbuch ein mehrdeutiges und darüber hinaus ironisches und offenes „realistisches Symbol“ 42:
(1) Es steht in subtiler Anlehnung an die „Lehrjahre“ für die Gesellschaft vom Turm.
(2) Es erinnert an Wilhelm Meisters frühe Auffassung vom Dichter, „der wie ein Vogel gebaut ist, um die Welt zu überschweben, auf hohen Gipfeln zu nisten ... er sollte zugleich wie der Stier am Pflege ziehen ...?“ 43 Das wäre die ironische Variante, welche Handkes Kritiker noch einmal den Vorwurf erheben lassen könnte, nun habe der „Bewohner des Elfenbeinturms“ seine wahre Behausung gefunden.
(3) Es assoziiert die Einsamkeit des Dichters auf seinem Weg zur Selbsterkenntnis und zu seiner Selbstbestimmung als Dichter.
(4) Es deutet die Notwendigkeit an, dass der Dichter, unbeeinflusst von vorgegebenen gesellschaftlich-ideologischen Positionen, zu einer aus sich selbst gelösten Stellung zur Welt findet.
(5) In wortspielerischer Assoziation an den Zug, in dem Wilhelm seine Reise angetreten hatte, sitzt er nun an der Spitze des Zuges, hat sich selbst und seine Reise der falschen Bewegung und Begegnungen überholt (überwunden).
(6) Das Symbol lässt aber die richtige Bewegung, die nach dem Verlassen der Zugspitze folgerichtig kommen müsste, offen. Nur während Wilhelm sich auf dem Zugspitz-Plateau befindet, klingt (im wahrsten Sinne des Wortes) Optimismus durch das Sturmgeräusch: „Ein Schreibmaschinengeräusch dazwischen, das immer stärker wird.“ (p. 81) Ob dies aber schon die idealistisch angestrebte Harmonisierung von Poesie und Politik andeutet oder „nur“ die Selbsterkenntnis und Selbstbestimmung des Dichters als deren Voraussetzung, bleibt unklar.

3.42 Im Rückbezug auf das Zugspitz-Symbol als Schlüssel der Filmerzählung Handkes werden die Äußerungen Wilhelms, in denen er sich bewegt, und die Äußerungen seiner Gegenüber, die ihn ebenfalls bewegen, erst verständlich. Bei der folgenden Betrachtung wird sich zeigen, inwieweit die Bewegungen wirklich falsch waren und in welchem dialektischen Verhältnis innerhalb der Bewegungen schließlich Wilhelms Umschlagen in die richtige Bewegung steht.
Auf diese Weise wird zugleich veranschaulicht, was (in der Auffassung Handkes) die Poesie politisch bewegen kann, darf und soll, und wie dies zu geschehen habe.

Die Gedanken, die Wilhelm gegenüber seinen Dialogpartnern vorbringt, steuern im Verlauf der Erzählung immer mehr auf einen Themenkomplex zu, der in der Unterhaltung mit dem Alten (p. 51f.) seine zentrale Erörterung erfährt:
Dieser Themenkomplex enthält die ganze Spannweite von der ersten Bewegung (Wilhelms Wunsch nach gesellschaftlichem Erleben und Erkennen) bis zur letzten Bewegung (dem Wunsch, Politisches durch Poesie auszudrücken). Interessanterweise übernimmt der Alte, der sonst als „der rückständige Naturselige“ 44 erscheint, in diesem zentralen Gespräch die Rolle eines advocatus diaboli, der den romantizistischen Sehnsüchten Wilhelms oft das humanistische Ideal der „Lehrjahre“ entgegenhält.

Wilhelms Weg auf der Suche nach Versöhnung des poetischen Prinzips, das sich in romantischer Anlehnung absolut setzt, mit der politisch-prosaischen Aktivität des Schriftstellers beginnt zunächst in einem Unverständnis für alles Politische: Bei seinem Reisebeginn im Zug, die Schönheit der Landschaft und Eichendorffs Novelle vor Augen, fallen Gefühl und (politischer) Gedanke noch so weit auseinander, dass er feststellt: „Ich konnte mir nichts Politisches vorstellen.“ (p. 16) Er befindet sich auf einer Reise durch das gegenwärtige Deutschland, das er später zunehmend in der Wahrnehmung von Dingen und in den Begegnungen von Menschen gleichsam mit dem „erotischen Blick“ als durchaus politisch erfährt und erfühlt: Das ist gewissermaßen eine in den politischen Zusammenhang projizierte Wesensschau der Dinge, Zeichen, Symbole und Worte, die sich ihm ungeordnet und in den zufälligen menschlichen Begegnungen willkürlich konfrontiert.45

Als der Alte einmal etwas von der ersten Seite einer Zeitung vorliest, bemerkt Wilhelm: „Es sträubt sich in mir, wenn ich da zuhöre.“ (p. 27) „Es kommt mir dann vor, als sei die Politik das Hindernis zum ungezwungenen, unbefangenen Leben und ich denke, dass erst, wenn die Politik abgeschafft sein wird, das heißt unnötig sein wird, das menschenwürdige Leben anfängt.“ Darauf der Alte: „Du sprichst vom Paradiese, Wilhelm, und dabei, wie mir scheint, eher von einem animalischen als von einem menschlichen.“ (p. 28)

Wilhelms Sätze sind hier weniger deshalb interessant, weil in ihnen noch immer Gefühl und Gedanke derart auseinanderklaffen, dass er mit der spezifisch politischen Sprache nichts anzufangen weiß, sondern vielmehr deshalb: Er formuliert selbst Politisches, wenn auch in unbeholfenen Zügen einer weltfremden, beinah schon poetisierten Utopie. Der Satz von der wünschenswerten Abschaffung der Politik erinnert von fern an die kommunistische Utopie Karl Marx‘ von der Abschaffung des Staates, ist aber bei Wilhelm noch wesentlich radikaler. Ausgerechnet der naturselige Alte verweist solche Utopien ins animalische Paradies. Die romantische  Sehnsucht von der Aufhebung der politischen Gebundenheit des Individuums in der Sozietät führt – und hier wird der Naturbegriff des Alten einmal ins Recht gesetzt – zur Zerstörung des humanistischen Ideals, das sich (dies zeigen die „Lehrjahre“) eben nur in der Bewahrung einer tätigen Gesellschaft selbst und gerade in ihren Widersprüchen verwirklichen kann. Wilhelms Utopie aber führt über die Aufhebung aller ihrer Widersprüche zur Natur in die naturentwurzelte und also nur mehr animalische Isolation des Menschen.

Wilhelm begibt sich im Folgenden unversehens in einen scheinbaren Entwicklungsprozess seiner Idealvorstellungen. Als er sagt, dass das Aufschreiben von Träumen untauglich sei, formuliert er zum ersten Mal den Ansatz eines Wirklichkeitsbezuges für den Schriftsteller: „Ich will etwas schreiben können, das ganz und gar notwendig ist, ...“ (p. 29)46. So wird er von seinem Gegenüber im Dialog in einen inneren Prozess der Zerstrittenheit mit sich selbst gebracht.

Weil Wilhelm seine in ihm selbst angelegten Widersprüche nicht in der gesellschaftlichen und kommunikativen Begegnung mit der Welt der Dinge (in Deutschland) lösen kann, wird man seine Bewegungen falsch nennen müssen – andererseits tragen diese aber zu seinem zweiten Entschluss bei: zu der richtigen Bewegung, zunächst über sich selbst klarzuwerden.

In diesem dialektischen Wechselspiel bewegt sich Wilhelm. Indem er zwischen These und Antithese hin und her taumelt, aber zu keiner Synthese zu gelangen vermag und diese ihm in den Begegnungen nicht vermittelt werden kann, bleibt er in einer in sich selbst sich bewegenden Dialektik, einer falschen  Bewegung, gefangen.

Später nähert er sich zwar in gefühlsbetonter Weise einer vagen gesellschaftlich orientierten Schreibmotivation: „... nicht Schreiben ist das Bedürfnis, sondern schreiben wollen ... Ebenso ist vielleicht Lieben gar kein Bedürfnis, sondern lieben wollen ... Schreiben wollen, lieben wollen ...“ (p. 46).47

Im Disput mit dem Alten wird jedoch erneut deutlich, dass Wilhelm in seinen alten romantizistischen Traumbewegungen gefangen geblieben ist:
„Eigentlich ist mir das Politische erst mit dem Schreiben unfassbar geworden. Ich wollte politisch schreiben und merkte dabei, dass mir die Worte dafür fehlten. Das heißt, es gab schon Worte, aber die hatten wieder nichts mit mir zu tun. Ich hatte überhaupt kein Gefühl dabei. Ich schrieb, wie vielleicht fortschrittliche Politiker reden, nur hilfloser, weil ich nicht handelte, und pointierter, aber aus Hilflosigkeit.“ (p. 51)
Wilhelms ansatzweise, aber eben nur scheinbare Entwicklung ist hier wieder in den zurückgeworfenen Stillstand einer solipsistischen „Bewegung“ versetzt: Immer noch, krasser und ihm selbst bewusster, klaffen politischer Gedanke und Gefühl auseinander. Zur politischen Tat, zu der ihn der Alte statt des Schreibens auffordert (p. 52), ist er umso mehr nicht fähig, und er kann es nicht sein, weil er mit sich selbst noch nicht übereinstimmt: Seine Bedürfnisse fand er „bis jetzt nie von einem Politiker geweckt, immer nur von Poeten. [...] Höchstpersönliche Bedürfnisse hat ein jeder und sie sind die eigentlichen.“ So gipfelt Wilhelms immer noch um sich selbst kreisende „Erkenntnis“ eines Sehnsuchtsgefühls in dem Satz: „Wenn nur beide, das Poetische und das Politische, eins sein könnten.“ 48
„Das wäre das Ende der Sehnsucht und das Ende der Welt“, sagt ihm darauf der Alte.49
Diese Kontroverse schließt den anfangs mit der Sehnsucht nach der Abschaffung der Politik50 gezogenen Kreis ab: Das animalische Paradies Wilhelms bedeutet nicht nur die Aufhebung aller humanistischen Ideale, sondern ganz elementar das Ende der Welt.

Wenn man überhaupt davon reden kann, dass Wilhelm etwas in seinen Bewegungen gelernt hat, dann in dem Sinne, dass er von den Dingen der Welt ein „Neues Sehen“ erfahren hat51, indem er das Meer der Gegenstände, dem er schon in einer der ersten Szenen der Filmerzählung begegnete52, gemäß seiner Wesensschau als „Welt der Dinge“ erkennt und zu ordnen versucht.53 An den „falschen Bewegungen“ erkannte er, dass er auch dieses „Neue Sehen“ erst noch zu überwinden hat, bis er fähig ist, auch darüber zu schreiben, was ihm nicht nur auffällt, sondern auch einfällt.
So leiten ihn die falschen Bewegungen letztlich zu seinem zweiten Entschluss, auf der Zugspitze über die Selbstfindung zur Weltfindung, über die Selbsterkenntnis54 zur Welterkenntnis gelangen zu wollen.55
Dann erst wird Wilhelm als Schriftsteller fähig sein können, die Welt richtig zu bewegen.56



3.43 Handkes Rezeption der „Lehrjahre“ hätte nicht sinnvoll ausfallen können, hätte sie der Goetheschen Utopie vom Turm nicht einen eigenen, dem gegenwärtigen Deutschland äquivalenten ‚Ersatz’ mit dem realistischen Symbol der Zugspitze gegenübergestellt. – Dieses Symbol kann die von Goethe in seinem Roman erreichte klassische Ausgewogenheit von Poesie und Politik nicht erneuern, aber es wehrt jeden Erneuerungsversuch durch eine wie auch immer geartete sehnsüchtig-romantische Bewegung ab. Dieser Versuch ist in Handkes Wilhelm personifiziert und gescheitert.


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4.0 Anmerkungen
4.1 Anmerkungen zu Plenzdorf
1 Zitat nach Karl Feldmeyer: Biermann und die westdeutschen Linken in FAZ vom 18.11.1976
1 2 In Landestheater Halle (Hg), Heft 10, Spielzeit 1971/72 unter dem Titel „Interview mit einem wortkargen Autor“ (= Programmheft zur Urauf-führung am 18.05.1972, ohne Seitenangaben).
Ich halte dieses Interview im Vergleich zu späteren für das wichtigste, weil in ihm die Authentizität des Gesagten noch am wenigsten von den zunehmenden restriktiven Maßnahmen gegen Plenzdorf und sein Stück beeinflusst ist (die Entwicklung dieser Restriktion wurde vorbereitet bzw. dokumentiert durch den KAUL-Brief vom 12.6.1972 und die Diskussionen in SuF, H. 2, 1973 sowie in NDL 3, 1973; vgl. schließlich die Verschärfung seit dem 28./29.5.1973 in den Diskussionsreden HAGERS und Honeckers auf der 9. Tagung des ZK der SED sowie den VII. Schriftstellerkongress der DDR).
2 3 Vgl. „Kuss von Charlie“; Rumler; Münder 4-7; HOTZ 5, 42 und 47
3 4 Storz 40. Vgl. Goethe zu Eckermann am 02.01.1824 in Roquette III 30; TRUNZ in HA, Bd. 6, 6. Aufl., S. 560
5 Wapnewski, Zweihundert Jahre 530-544; Rothmann, Erl. 157f.; Göres, 200 Jahre 15-21
Ich teile natürlich Plenzdorfs Auffassung, seine Neuen Leiden seien auf unser Land „nicht 1:1 übertragbar“ (RUMLER); ich bin aber der Meinung, dass es die alten Leiden – etwa im Verständnis von Lukács – wären; vgl. MICHAELIS, Roter Werther
6 Wapnewski, Zweihundert Jahre 530; Münder 7-13; Weimann 236ff.; Schönemann 245f.; Kohlhaase 247; Ullrich 249f. und die redaktionelle Anmerkung Seite 254 in SuF 25 (1973), H. 1, sowie Reich-Ranicki, Der Fänger, und viele andere Kritiker aus Ost und West. Der richtige Zeitpunkt ist natürlich (anders als bei Erscheinen des „Werther“) durch politische Konstellationen in der DDR begründet.
Dazu: Goethe, Dichtung und Wahrheit III, 13
7 Weimann 235-238 und die gesamte Diskussion um Plenzdorf in SuF 25 (1973) H. 1; Münder 12
8 Das soll meine Arbeit zeigen.
9 Münder 39; Der neue Werther in NDL März 1973, 139-149; Umfrage in Forum 15; Nössig, Plenzdorf und die Bühne 16ff. und Nössig, Nachdenken 4-8. Ebenso: Raddatz, Flucht 1165f.; Schneider 330; A. Schumann 159; Kummer; Reich-Ranicki, Der Fänger; Michaelis, Roter Werther
10 einschließlich ihrer Rückwirkungen auf den Rezeptionsbegriff selbst.



11 Münder 5-7, 11ff, 19 f., 23 ff., 31 ff., 39-42, 44-47, 52 ff. zeigt in aller Breite die große Bedeutung dieser Diskussion. Vgl. Wiegenstein, Hetzjagden.
Die Offenheit der Diskussion wird besonders deutlich in der Antwort Hermlins 244 auf Kauls Brief vom 12.6.1972 (in Auszügen in SuF 25, 1973, H. 1, 219f.) und in den Plädoyers für Plenzdorf von Schönemann 244-247, Kohlhaase 247f. und Ullrich 248ff.
Die SuF-Debatte wird in fast allen westdeutschen Artikeln mehr oder weniger ausführlich beschrieben, nicht aber genauer untersucht.
12 Jg. 25 (1973) H.1, 219-254.
Die Debatte um Plenzdorf in der DDR-Öffentlichkeit endete eigentlich schon seit der 9. Tagung des ZK der SED am 28./29.5.1973 aufgrund warnender Reden Kurt Hagers und Erich Honeckers (siehe Diskussions-reden 75f.), schließlich ganz seit den Vorgängen um die Ausbürgerung Wolf Biermanns am 16.11.1976. Plenzdorf schloss sich dem „offenen (Protest-)Brief“ der ersten 12 prominenten DDR-Künstler zusammen mit 20 anderen an (FAZ vom 20.11.1976). So endete die Debatte, wie sie mit Kauls Brief zynisch eingeleitet worden war. – Vgl. Münder 10.
Der kulturpolitische Rahmen, in dem sich diese Debatte abspielte, ist inzwischen ausführlich erörtert, z. B. bei Raddatz, Traditionen, oder bei Reich-Ranicki, Zur Literatur, Schmitt/Schramm, Sozialistische Realismus-Konzeptionen.
13 In SuF 35 (1973) H.1, 221 stellte Chefredakteur Wilhelm Girnus folgende Fragen (z. T. in Bezug auf Kauls Kritik; interessanterweise beherrschten diese Fragen die restlichen SuF-Beiträge im Jahr 1973):
„1. Wo finden sich die Ursachen für die  ungewöhnliche Wirkung der Arbeit von U. Plenzdorf?
2. Wird Goethes Werk durch die Art des Rückbezuges auf ihn in Plenzdorfs Text abgewertet?
3. Welche Rolle spielt dieser Rückbezug auf Goethes Werther für Plenzdorfs künstlerische Konstruktion? Was wäre Plenzdorfs Arbeit ohne diesen Effekt?
4. hat die Kunst nur das Recht, repräsentative Gestalten der Jugend der DDR (im Sinne mustergültiger Charaktere) darzustellen?
5. Wird durch die künstlerische Darstellung eines verhaltensgestörten Jugendlichen zwangsläufig das positive Ideal negiert oder vernichtet?
6. Muss in einem Kunstwerk die Darstellung des sozialpolitischen Gegengewichts unbedingt in Gestalt eines vorbildhaften Gegenhelden erfolgen?
7. Was unterscheidet eine Dichtung von einem Tatsachenbericht über einen Kriminalfall?“
Frage 3 wird von Gugisch 251ff. differenziert und erweitert: „Dringlicher scheint mir die Frage, was der Autor aus dem Werk nimmt, weil er es für seine Geschichte braucht. Also: Wieweit borgt sich Plenzdorf für seine Hauptgestalt aus der Vergangenheit eine Größe, die er ihr in der Gegen-wart – noch – nicht voll zu geben vermag? Inwieweit leiht er von der Werther-Gestalt eine Dimension, einen Ansatz zur Verallgemeinerung, der ihm zugute kommt? ... Es gilt zu untersuchen, wo der Rückgriff auf das Erbe einen Zuwachs bedeutet, wo er entbehrlich ist (weil er artistisch bleibt) und wo er die Gegenwartsebene gar behindert.“
In der redaktionellen Anmerkung (von Girnus, S. 254) wird diese Frage schließlich noch allgemeiner gestellt:
„Wie steht es um unsere Beziehung zur literarischen Vergangenheit? Besonders heftig umstritten erscheint dabei deutsche Literatur und Dichtung um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert. Dieses Problem nimmt in den Köpfen einiger Theoretiker, vornehmlich innerhalb der westdeutschen Linken, die Gestalt einer ungewöhnlich zugespitzten Frage an: Kann denn eine der bürgerlichen Epoche entsprungene und verhaftete Dichtung für die revolutionäre Arbeiterbewegung und die sozialistische Gesellschaft noch ästhetische Ansteckungskraft ent-wickeln? Kann sie in unserer heutigen Welt ... revolutionärem Handeln wirksame Impulse erteilen? Fragen, die trotz ihres offenbar vorder-gründigen Charakters verständlich erscheinen und von der revolu-tionären Ungeduld der Jugend leidenschaftlich aufgenommen werden. ... Die Redaktion geht dabei von der Voraussetzung aus, dass ... die Zeit gekommen erscheint, dieses Problem im Spiegel der heutigen Situation der Menschheit erneut zu durchdenken. Denn für seine Beantwortung kann es keine ewig gültigen Formeln geben; jede weltgeschichtlich bedeutsame Erfahrung zwingt uns erneut, unsere Beziehungen zu unserem historischen Kulturfundament zu überprüfen. Auch in unserem Verhalten zu unserer literarischen Vergangenheit kann es keinen Stillstand geben.“
6 14 Alle in diesem Teil meiner Arbeit mit „p“ bezeichneten Seitenangaben beziehen sich auf die westdeutsche Erstausgabe: Ulrich Plenzdorf, Die neuen Leiden des jungen W., Frankfurt/M. 1973 (Suhrkamp).
Für die gesamte Diskussion in der DDR und in der BRD ist die Prosafassung dieser gleichzeitig in Rostock (Hinstorff) erschienenen Ausgabe maßgebend gewesen. Obwohl Plenzdorfs Stück zuerst im Theater große Erfolge feierte und als Filmszenario für die DEFA geschrie-ben war, druckte auch Sinn und Form bei der Erstveröffentlichung die Prosafassung.
Die Prosafassung zeigt den Bezug zu „Werther“ deutlicher als die Theateraufführung. Vgl. Raddatz, Flucht 1174: „Die Buchfassung ist offenbar die verbindliche.“ Es ist im Übrigen unklar, ob die Neuen Leiden überhaupt zuerst als Szenario geschrieben worden sind. Die knappen Ausführungen Plenzdorfs in der „Diskussion um P.“ (SuF 25, 1973, H.1, 242 und 243) lassen sich auch so deuten, dass er einen Prosatext für die private Schublade geschrieben hat. Ich nehme dies aber vor allem deshalb an, weil das artistische Moment in der Prosafassung weit über dem in der Szenario-Fassung steht. (Ein Vergleich von Fassungen und Textvarianten wird in dieser Arbeit jedoch nicht vorgenommen.)


15 Plenzdorfs Prosafassung beginnt also schon ganz zu Beginn mit (fiktiven) Zitaten. Diese Zitate sind der Gegenwart entnommen und gehören zur Erzählebene der „Interviewfragmente“, ja nehmen sie vorweg.
A. Schumann 155: „Fünf verschiedene Textsorten, einander in kurzen Intervallen abwechselnd, konstituieren den Roman. Es sind Zeitungs-notiz und Zeitungsanzeige, Dialog, Ich-Erzählung und Zitate aus Goethes Werther.“ – A. Schumann sieht die „... Funktion dieser Texte ... ausschließlich referentiell. Sie dienen der möglichst sachlichen Informa-tionsvermittlung und nehmen die gesamte Geschichte als curriculum vitae Edgar Wibeau’s vorweg. ... Erst schrittweise wird ... das Curriculum Edgars mit Leben gefüllt.“ (vgl. Weimann 225f., Münder 18)
Die ersten beiden Textsorten sind eine vage Analogie zur Einleitung des Herausgebers im „Werther“ und konstituieren – ebenfalls fiktiv wie in der Goethe-Vorlage – die Authentizität des folgenden gesamten Textmaterials. Plenzdorf wie Goethe stützten sich auf eine tatsächliche Begebenheit und beziehen Autobiographisches mit ein. Plenzdorf äußert sich darüber knapp in der Diskussion um P. 242 f., und zwar in auffallend analoger Wortwahl zum Eckermann-Gespräch vom 2.1.1824 (Roquette III 30).
16 Die Reihenfolge weicht teilweise, aber im Sinne dieser Arbeit unerheb-lich ab. – Siehe Anmerkung 28
17 Diese kommentierende Erzählebene nimmt Bezug auf die „Interview-fragmente“, in diesem Sinne ‚zitiert’ Edgar diese Aussagen nach seinem Tod in Form eines Monologs. Mit Edgars Vater sprechen: Edgars Mutter, Willi, Addi und Charlie (vgl. dazu: Münder 18, A. Schumann 155 und Weimann 225f.).
18 Vgl. Lange, Die Sprache 265: Das Herausgeberwort „... soll offensichtlich das Verständnis einer menschlichen Situation durch Miterleben und Mitleiden ...“ schaffen; Scherpe 13 (zur formalen Disposition), 25ff. (zur Verabsolutierung der Werther-Perspektive); zur Konsequenz der Hand-lungsgesetze: Scherpe 31, 53, 69 und 71. Storz 40: „Was Werther darstellt, ist die tragische Krisis des autonomen, bindungslosen, prome-theischen Menschen, genauer gesagt der Einbildungskraft, die sich isoliert und absolut setzt.“ (vgl. Schöffler 181: „Werther geht zugrunde an den besten Kräften seines Wesens ...“ – Lukács sieht die Tragik Werthers primär im Kontext des Gegensatzes von Persönlichkeit und Gesellschaft; dazu ausführlich in Abschnitt 2.2)
19 Im Sinne von Anmerkung 17 könnte man auch sagen: Er zitiert sich selbst. (Münder 18 meint, die Kommentare Edgars werden durch die Interviewebene ausgelöst.)
20 Diese Verfugung ist sehr komplex im Hinblick auf den Begriff des Zitats im weitesten Sinne: Die dialogische Erzählebene ist ein Bezug zur Gegenwart genauso wie Edgars Jenseitsmonolog; beide Bezüge sind das Zitieren von Gegenwart, allerdings auf ganz unterschiedliche Weise: Die Interviewfragmente zitieren Edgars Handlungen, der Jenseitsmonolog zitiert jene Interviewfragmente und ist selbst in einer doppelten Verfu-gung von „Werther“-Zitaten angelegt (dazu Abschnitte 2.13 und 2.15). – Zur scheinbaren Aufhebung der zeitlichen Distanz zwischen Interview-ebene und Jenseitsmonolog vgl. Münder 21; Edgar redet direkt die noch Lebenden an, z. B. p. 102 f.; „Halt doch die Fresse, Addi!“, und ebenso den Leser mit der stereotypen Wendung „Leute!“ (vgl. auch: Weimann 225 oben und 225f. und A. Schumann 155f.). – Zur Technik des Jenseitsmonologs vgl. z. B. Münder 19f.: Diese Technik „... ist ein nicht eben unübliches Mittel ..., von dem u. a. schon Thornton Wilder (in „Unsere kleine Stadt“) und James Saunders (in „Ein Duft von Blumen“) lange vor Plenzdorf Gebrauch machten.“
21 Vgl. Weimann 227 f.; Münder 19, der die objektivierende Darstellung in der direkten Anrede an die Leser bzw. Zuschauer verstärkt sieht; ebenso A. Schumann 155 und Flaker an mehreren Stellen.
Münder 21: „… die Exposition … ersetzt Plenzdorf durch das Aneinanderreihen von Informationen, Kommentaren und einzelnen Handlungssegmenten. Durch diese Form der Episierung wird Edgar als Kommentator seiner eigenen Handlungen zum epischen Subjekt …“ – Münder 23: So „… kann einmal aus der subjektiven Sicht Edgars die Einstellung der Erwachsenen kritisch dargestellt und sein Bedürfnis nach Unabhängigkeit und individueller Selbstverwirklichung plausibel gemacht werden; auf der anderen Seite ist es auch möglich, diese teilweise übersteigerte Subjektivität zu relativieren und mithilfe der zeitlichen Distanz, die der Erzählerperspektive zugrunde liegt, ironisch kommentieren. Aufgrund dieser distanzierten Erzählhaltung kommt es schließlich zur Objektivierung der von Edgar selbst beschriebenen Handlungsweisen und zu seiner kritischen Selbsteinschätzung.“ (dazu im Gegensatz äußert sich Plate 852)
22 Vgl. Weimann 224.;  A. Schumann 155; Münder 18.
Zum Verfremdungseffekt der Verfugung von Erzählebenen siehe Walter Benjamin, Was ist episches Theater?, Seite 22-30; Verfremdung wird hier  mit dem Begriff „Unterbrechung“ (der Illusionierung des Zuschauers bzw. Lesers) bezeichnet.
23 Vgl. Weimann 224; Münder 29; A. Schumann 155-159.
Meine These widerspricht den meisten Untersuchungen, allerdings nur scheinbar: Die Verwendung der Zitate als Verhinderung der Kommunikation – das ist die Gegenthese – beweist doch zumindest die Suche Edgars nach einer wirklichen Verständigung, d.h. nach einem Verstehen seiner Denkweisen. Die Verhinderung der Kommunikation wird in diesem Sinn eher von der gesellschaftlichen Umwelt bewirkt, die auf schematische Kommunikationsweisen festgelegt ist. Gerade darin liegt ja die Brisanz der Rezeption von „Werther“-Zitaten. (ausführlicher unter Abschnitt 2.4)
7 24 Vgl. zunächst Weimann 224. – Diese These wird genauer in 2.15, 2.16 und vor allem 2.2 begründet.
25 Weimann 226: „Entsprechungen zwischen Werther und Wibeau … sind insgesamt so vermittelt, dass das ausgeschriebene Epitheton neu im Titel der Erzählung viel schwerer wiegt als das abgekürzte W., das eben die neuen Leiden des jungen Wibeau auf das alte Modell des Werther bezieht.“ Weimann versuch t im Folgenden zu beweisen, dass die neuen Leiden  Wibeaus mit denen Werthers wenig zu tun haben, indem er Plenzdorfs Diskongruenzen und Verfremdungen etc. heranzieht – meine Arbeit soll das Gegenteil zeigen: Die neuen Leiden sind die alten und so wiegt das neu genauso schwer wie das W. (Herzfelde 240 bezieht die neuen Leiden „von A-Z“ auch auf die DDR-Schriftsteller; dazu auch: Lewerenz 243f.)
26 A. Schumann 155, Münder 18 und andere zählen 16 Zitate. Zitat P1=P6 (p. 56 und 100) tritt doppelt auf, vgl. Anmerkung 28 und Abschnitt 2.15. Andererseits wäre darauf hinzuweisen, dass T2, T6 und T7 aus jeweils zwei Werther-Briefen zusammengesetzte Zitate sind – demnach könnte man 15 + 3 = 18 Zitatstellen aus dem „Werther“ zählen.
27 So nennt Edgar (zu)erst p. 100 seine interaktiven Zitate im Unterschied zu den Tonbandbriefen. Den engen Zusammenhang von Tonbändern und Werther-Pistolen zeigt p. 58: „… ich lud den Rekorder neu …“; Edgar lädt und schießt seine Pistole(n) und Briefe ab – aber nicht gegen sich selbst, sondern seine gesellschaftliche Umwelt – ein fundamentaler Unterschied zu Werthers Pistole. Zu Plenzdorfs Umgestaltung in der Rezeption siehe Abschnitte 2.15, 2.16 und 2.2.
Die Unterschiedlichkeit von Tonbändern und Werther-Pistolen ergibt sich nicht nur in der Verfugung der Erzählebenen (spielt also nicht nur eine wesentliche Rolle für die je intendierten Kommunikationsebenen und  bezüge), sondern liegt vor allem darin: Die Tonbänder rezipieren die Form des Briefromans und konstituieren, wie im „Werther“, das monologisierende subjektivistische Mitteilungsbedürfnis – die „Pistolen“ verstärken dieses Moment durch ihre in der gesellschaftlichen Interaktion vorgetragenen Bezüge zum Problem von Individuum und Gemeinschaft. In dieser doppelt gefugten „Werther“-Rezeption kommt Plenzdorfs artistisches Können wie auch seine gegenwartsbezogene Erkenntnis der doppelten „Werther“-Problematik zum Tragen: Der Aspekt der Innerlichkeit und das mit ihr verflochtene Pendant, die Gesellschaft in ihrer Funktion für das Einzelwesen und das Gemeinwesen. Plenzdorfs poetische Artistik leitet sich aus dieser gegenseitigen Bedingtheit her – aus nichts anderem also als aus der „Werther“-Rezeption selbst.
Zur Verfugung der Zitate (Tonbänder und Werther-Pistolen) äußern sich ungenauer: Münder 18 etc. (sehr unsystematisch); Weimann 225 f., 228 und vor allem 231 f. (dort allgemein an ausgewählten Zitaten); Michaelis, Roter W. (oberflächlich); Schneider behandelt primär die Handlungsanalogie, die Zitate am Rande; Raddatz, Flucht 1176 und 1177 (bezieht sich weitgehend auf Weimann); Reich-Ranicki, Der Fänger: „Plenzdorfs Rückgriff auf den Werther erweist sich als ein amüsante Trick, als frappierender Gag. …“ etc. (R.-R. geht überhaupt nicht auf die Bedeutung der Zitate ein). Leider berücksichtigt auch Flaker in seiner sonst sehr ergiebigen Analyse nicht genügend Funktion von Zitat und Rezeption bei Plenzdorf überhaupt, obwohl er z.B. S. 95f. auf deren Bedeutung anspielt und das Werther-Modell in Plenzdorfs Text (S. 116 und 126 f.) als wesentlichen Träger für die politische Relevanz erkennt; am besten hat A. Schumann 155-159 die Funktion der Zitate untersucht, aber die Verfugung beider „Textsorten“-Reihen in Korrespondenz zu den Erzählebenen übersehen und interpretative Aussagen gemacht, die sich aus ihrer Analyse gar nicht ergeben.


28 Die Reihenfolge der Zitate im Vergleich zum „Werther“:
T6: 26. Mai 1771 (ab „das alles/Wilhelm …“, 22. Mai 1771); T1: 16. Juni 1771; P1(=P6): 17. Mai 1771 ; T2: 13. Juli 1771 (ab „Sie  ist mir heilig …“ : 16. Juli 1771) ; P2 : 21. Juni 1771; T3: 30. Juli 1771; P3: 26. Mai 1771; T4: 30. Juli 1771; P4: 12. August 1771; T5: 10. September 1771; P5: 24. Dezember 1771; (T6: siehe oben); P6(=P1): 17. Mai 1771; T7: 24. Dezember 1771 (ab „Ich habe meine Entlassung …“, 24. März 1772); G1: 20. Januar 1772 (an Lotte); G2: 30. Juli 1771; G3: Herausgeberbericht, vor Werthers Brief vom 20. Dezember 1772 (Dies ist Plenzdorfs einziges Zitat aus der zweiten „Werther“-Fassung. – Alle Werther-Briefe , außer 20. Januar 1772, an Wilhelm.)
Die Reihenfolge der Tonbänder: T6, T1-T5, T7 entspricht der Werther-Vorlage; bei den Werther-Pistolen ergeben sich mit P3 und P6 Abweichungen, ebenso bei allen Gedankenzitaten (G1-G3).
Betrachtet man alle Zitate bei Plenzdorf undifferenziert in ihrer Reihenfolge, gibt es also Abweichungen in 5 Fällen: P1, P2, P3, P6, G2; dazu die Umstellungen in den zusammengesetzten Zitaten T6 und T7.
Für den inhaltlichen Aspekt spielen diese z.T. geringfügigen Abweichungen in den Datierungen keine große Rolle, da der Kontext der Zitate in der Plenzdorf-Analogie grundsätzlich gewahrt bleibt. – Viel bedeutsamer ist der Unterschied der Adressaten, welcher durch die Verfugung der T-Gruppe mit der P-Gruppe zusätzlich gesteigert wird.
29 Vgl. dazu Abschnitte 2.14 und 2.15, in denen gezeigt wird, dass diese Verfugung inhaltlich und formal zur Struktur des gesamten Textes korrespondiert.
8 30 Vgl. dazu Abschnitt 2.153
31 Diese These wird im weiteren Verlauf dieser Arbeit begründet. – Ernst Schumacher 242 mag zwar recht haben mit seiner Bemerkung, dass für die meisten jugendlichen Leser oder Zuschauer die „Werther“-Rezeption eine geringe Rolle spielt und dass vielmehr die im jugendlichen Jargon ausgesprochenen Probleme wirkten – doch übersieht er, dass der kritische Leser die Neuen Leiden mit ihrem Bezug zum „Werther“ als Politikum bzw. Ideologikum auffassen wird. Vgl. Lewerenz 243 f., der Plenzdorf dazu auffordert, seine Leiden unter Verzicht auf „Werther“ unverblümt vorzutragen.
Sehr deutlich dazu Weimann 224-228, besonders 226 f.: „Somit erweist sich der klassische Text nicht als Abbild, sondern als komplexe Metapher der dargestellten Wirklichkeit.“ (Später schränkt W. diesen Gedanken dadurch ein, indem er angestrengt versucht, Edgar als „sozialistischen Sieger“ über den Bourgeois Werther zu deuten.)
Vgl. Raddatz, Flucht; auch A. Schumann 157 sieht in der „Textsorte“ der Zitate den Schlüssel zum Verständnis des Texts und kommt zu ähnlichen interpretativen Schlüssen wie Weimann.
32 (a) Die Technik solcher naiver Literaturkritik fand Plenzdorf in Jerome D. Salingers „The Catcher in the Rye“ und er erwähnt dieses Buch ausführlich in Edgars Kommentarebene (p. 33 f. und 37 f.) und steht ihm auch thematisch nahe (Weimann 229 ff., Flaker 21-35). Während aber die naive Literaturkritik bei Salinger rein statisch bleibt, integriert sie Plenzdorf in die Handlung und überträgt vor allem auf die naiven „Werther“-Kommentare die dynamischen Funktionen gemäß den Zitaten; der Unterschied zu Salinger ist also funktional. Vgl. Weimann 230; Rothmann, Erl. 158; Münder 19 f.; Baruch; Herzfelde 238 f.; Michaelis, Roter W.; Schneider, Raddatz, Flucht etc. und Anmerkung 20. – Die meisten Arbeiten über Plenzdorf erörtern den Bezug zu Salinger, streifen aber dessen Bedeutung nur oberflächlich im literaturgeschichtlichen wie  theoretischen Zusammenhang (Ausnahme: Flaker) oder sie werten ihn gar als bloße Artistik in Plenzdorfs Rezeption ab. Bei Reich-Ranicki gipfelt dies in der gänzlich unbewiesenen Behauptung: „Nicht Die neuen Leiden des jungen W. sollte Plenzdorfs Buch betitelt sein, vielmehr Der Fänger im DDR-Roggen.“
(b) Salinger vermittelt gleichsam die „Werther“-Vorlage in unsere Zeit hinüber (in der von mir durchgesehenen Plenzdorf-Literatur fehlt bisher jeder Hinweis darauf, dass der „Catcher“ – von Salinger beabsichtigt oder nicht – zu Goethes „Werther“ durchaus korrespondierende Elemente enthält; meist werden nur die Bezüge zu Mark Twains „The Adventures of Huckleberry Finn“ und zur Tradition im amerikanischen Entwicklungsroman genannt: L.A. Oland, The Voice oft he Lonesome: Aliennation from Huck Finn to Holden Caulfield.). Aber außer der neuartig wieder aufgegriffenen nativen Literaturkritik übernimmt Plenzdorf von Salinger entscheidende Anregungen zur Verfremdung der „Werther“-Rezeption: den jugendlichen Jargon Caulfields (dazu: D.P. Costello, The Language of „The Catcher in the Rye“) und den dadurch erzeugten Zusammenhang mit dem Problem von Isolation, gesellschaftlicher Integration und Kommunikation (dazu: Bungert, J.D. Salingers „The Catcher in die Rye“. Isolation und Kommunikationsversuche des Jugendlichen). Plenzdorf greift diese Gestaltungsideen Salingers in einer neuen Variante auf, indem er Caulfields Mittel und Weisen seiner Kommunikation (anonyme Telefonate, Gespräche mit Fremden in Taxis, Bars, im Hotelzimmer, Kino und Museum) zum einen auf die „Werther“-Vorlage, zum anderen aber auch auf die aktuelle Gesellschaftssphäre der DDR transformiert. Die thematische Analogie zu Salinger wird allerdings bei Plenzdorf – „Werther“ einbezogen – abermals verfremdet durch eine zu Caulfield gegenläufig gestaltete Dynamik in der Entwicklung des Helden: Im Gegensatz zu Werther und Caulfield nimmt Edgars Bedürfnis an gesellschaftlicher Kommunikation (verbal und in der nichtverbalen Interaktion) in dem Maße ab, in dem er seiner Selbstfindung näherkommt. Diese Entwicklung begründet auch den je unterschiedlichen Ausgang der drei Romane: Werther geht unter in seiner eigenen Hilflosigkeit inmitten eines festgefügten und mit festen Regeln verfügenden und zur „kollektiven Hilfsbereitschaft“ noch unvorbereiteten Gesellschaftssystems, Caulfields Gesellschaft hat nur die für seine Probleme „zuständigen“ Heilmittel eines Psychoanalytikers anzubieten, während Edgars Ende den Ansatz einer Problemlösung durch ein zum Besseren intendiertes kollektives Gesellschaftssystem in versöhnlicher Verbindung mit dem Anspruch  auf Individualität und Subjektivität (den Plenzdorfs Antiheld aus eigener Kraft durchhält bzw. durchhalten muss) andeutet – die „Appellstruktur“ des Plenzdorf-Textes bietet diesen Ansatz in einer oft verschlüsselten „Werther“-Rezeption dar. Zugleich gelingt hier Plenzdorf die poetisch formulierte Kritik an einer Gesellschaftsform (wie sie sich in und an Caulfield reflektiert), die er ablehnt; dass er Edgar p. 37 Salinger zum Lesen empfehlen lässt, zeigt Plenzdorfs Aufforderung  zum Lernen aus Gegenmodellen, das allerdings den kritischen Leser voraussetzt. Vgl. Edgars Salinger-Kommentar p. 33 f. – die kritischen Leser ab er bedürfen wiederum einer freien Gesellschaftsordnung, welche Mut und Kritik zulässt: „Leute, die sich selbst gefunden haben, sind für die Gesellschaft produktiver als solche, denen der Mut dazu fehlt“, sagte Plenzdorf einmal (Rumler, vgl. dazu Edgars Sätze p. 80 f.)
Die motivische Analogie in den Kinderepisoden (in allen drei Romanen kommt dem Kind als Symbol oder Metapher der Hoffnung, aber auch der Innerlichkeit, vgl. Abschnitt 2.2443, große Bedeutung zu) und der von Plenzdorf wie von Salinger doppelsinnig aufzufassende  Titel (Catcher = Fänger, Behüter und Boxer; Caulfield wie Edgar boxen verbal und nichtverbal, wobei Plenzdorf Goethe-Sprache und heutigen Jugendjargon zur doppelten Verfremdung koppelt) stützen die Bedeutung Salingers als Katalysator der „Werther“-Rezeption Plenzdorfs. Zum politischen Stellenwert des Salinger-Helden schreibt Baruch: „Kritiker haben Holden Caulfield einen modernen Huck genannt, der lieber zum Teufel ginge, als ein zivilisierter Mensch zu werden. Ebenso wie Huck ist Holden jedoch kein Rebell im eigentlichen Sinn, ihm ist vom Autor die Rolle aufgetragen, in einem Zwischenstadium des Lebens fast seismographisch genau die von einer fragwürdig gewordenen Umwelt ausgehenden Impulse zu registrieren und ihre Wirkung auf ihn in seiner  Sprache zu übertragen und seinem Weltbild entsprechend wiederzugeben.“ – An diesen Sätzen wird noch einmal die vermittelnde Funktion Salingers für Plenzdorf deutlich. – Sehr genau untersucht Flaker die Salinger-Vorlage; allerdings misst auch er ihr mehr Bedeutung zu als der „Werther“-Vorlage. Gerade diese Unterschätzung ist einer der Haupteinwände gegen Flakers fragmentarische Plenzdorf-Analysen. Auf S. 21-35 (Salinger als Paradigma) wird klar, dass Flaker Plenzdorfs Text gleichsam mit Gewalt in den von ihm so genannten Begriff „Jeans-Prosa“ zu pressen versucht. Flakers Einleitung (9-20) verrät, dass Plenzdorfs Text erst als letztes Werk unter diesen Begriff subsumiert wurde, nachdem die Konzeption seiner Jeans-Prosa-Untersuchung längst feststand. Im Folgenden erliegt Flaker denn auch einem Systemzwang, den er auch dadurch nicht sprengt, indem er Plenzdorf als strahlendes Beispiels zur Beweisführung seiner im Übrigen recht gelungen Hypothesen herausstellt. – Damit soll keinesfalls bestritten werden, dass die von Flaker herangezogenen Texte östlicher Autoren Gemeinsamkeiten aufweisen, die sich zu einem guten Teil auf Salinger zurückführen lassen. Doch wird dabei der ganz eigenständige Bezug Plenzdorfs auf „Werther“ sekundär gewertet. Flaker vernachlässigt, zumindest bei Plenzdorf, den engen – dialektisch strukturierten – Zusammenhang von inhaltlicher Funktion im „Werther“-Bezug und dessen formaler Gestaltung. – Wichtig ist Flakers Untersuchung jedoch für das, was bei aller Überbetonung formaler Momente an gültigen Aussagen über Plenzdorfs Text übrigbleibt. In diesem Sinne werde ich mich im Fortgang meiner Arbeit durchaus zuweilen auf Flaker stützen können.


33 Dies ist ein Zentralgedanke in Weimanns ganzer Analyse; detaillierter beschreibe ich diese Überwindung Werthers im Folgenden, allerdings nicht im Sinne Weismanns, der Edgars Überwindung letztlich als allzu ungebrochene Bekenntnis zur sozialistischen Praxis in der DDR suggeriert (Weimann 231-234). Vgl. A. Schumann 157 f. – In der übrigen Plenzdorf-Literatur ist den Gedanken Weimanns oft nachgegeben worden; Edgars Selbstfindungsprozess wird fast ausschließlich implizit (ohne Hervorhebung der Zitatfunktion) dargestellt.
34 Ähnlich A. Schumann 158, jedoch ohne die Zitatverfugung erkannt zu haben.
35 Vgl. A. Schumann 158; Weimann 224 oben (!) und 232; Raddatz, Flucht 1177
36 Schumann 156 f.
9 37 Vgl. Weimann 232; Münder 30; A. Schumann 156 ff.
In den meisten Plenzdorf-Untersuchungen wird der Aspekt der Kommunikation in seiner engen Verknüpfung mit formalen Momenten in den Neuen Leiden vernachlässigt. Dieser Aspekt hängt inhaltlich so stark mit Gegenpaarbegriffen wie Gesellschaft (bzw. sozialistisches Kollektiv) und wie Gesellschaft (bzw. sozialistisches Kollektiv) und Individuum zusammen, dass erst und gerade dadurch der „Werther“-Bezug überhaupt Sinn bekommt. – Im Folgenden bereite ich den Ansatz für eine angemessene Erörterung für den kommunikativen Gesichtspunkt vor, indem ich zunächst den gesellschaftlichen untersuche.
38 Ich verstehe hier absolute Subjektivität nicht als überspitzten Individualismus, nicht als primär gesellschaftsfeindliche Position, sondern vielmehr als Unabhängigkeit und Freiheit (ähnlich: Lukács 198 f.).
10 39 Nach der ersten Lektüre des „Werther“ (p. 36 f.) lehnt Edgar Stil und Inhalt zunächst völlig ab; erst später begreift er Werther.
Interessant ist der kontinuierliche Kontext, in dem die Tonbandbriefe (T1-T5, T7) sowie die Gedankenzitate (G1-G3) auftreten: Stets bezeichnet Edgar die Verwendung der Zitate indirekt oder direkt als passend für Mitteilungen bzw. Besinnungen über seine jeweilige Situation, unabhängig von seiner ironisierenden Distanzierung oder Relativierung (besonders klar bei: T3: p. 72, T5: p. 84, T7: p. 101).
Von wesentlicher Bedeutung für den Aspekt der Rezeption sind folgende Zitat-Kommentare: Nach P3: p 75 f. sagt Edgar: „Dieser Werther hatte sich wirklich nützliche Dinge aus den Fingern gesaugt, …“, nach G2: p. 124: „Ich hatte nie gedacht, dass ich diesen Werther mal so begreifen würde.“ Diese Kommentare erinnern an das Vorwort des „Werther“-Herausgebers (die von mir eingeschobenen Ziffern sollen die Bezüge zu Plenzdorfs Text kennzeichnen): „Und du gute Seele, die du eben den Drang (1) fühlst wie er, schöpfe Trost (2) aus seinen Leiden (3) und lass das Büchlein deinen Freund sein (4), wenn du aus Geschick (5) oder eigener Schuld (6) keinen nähern finden kannst (7).“ Diese Bezüge umreißen etwa das, was der „Werther“ für Plenzdorf bzw. Edgar bedeutet, wobei es hier zu Verfremdungen bzw. Relativierungen kommt, welche meine Arbeit untersucht.
Im Übrigen sei in diesem Zusammenhang auch darauf hingewiesen, dass Plenzdorf dem Motto „Sei ein Mann und folgen mir nicht nach“ (im zweiten Band der Neuauflage: Die Leiden des jungen Werther, Zweyte aechte Auflage. Leipzig, in der Weygandschen Buchhandlung, 1775) auf subtile Weise folgt – Edgar p. 147: „Ich meine, ich hätte nie im Leben freiwillig den Löffel abgegeben, mich an den nächsten Haken gehängt oder was. Das nie.“ Subtil deswegen, weil sich in der Wendung „nie im Leben freiwillig“ der ironisch verschobene Ausgang der Plenzdorf-Erzählung schon wieder der Werther-Tragik nähert, denn was Goethe am 2. Januar 1824 zu Eckermann gesagt haben soll (Roquette III 30) trifft auch für Edgars Situation in seiner Erfindertätigkeit zu: „… Gehindertes Glück, gehemmte Tätigkeit, unbefriedigte Wünsche sind nicht Gebrechen einer besonderen Zeit, sondern jedes einzelnen Menschen, …“ (vgl. auch Schillers Werther-Deutung in: Die Horen. Jg. 1. 12. Stück. Tübingen 1795, Seite 35 f.).
Zur Zuflucht zum Zitat vgl. Weimann 228; A. Schumann 158.
40 Vgl. dazu A. Schumann 158 und Raddatz, Flucht 1177
41 Vgl. Schumann 158, Weimann 232; Münder 15: Zum ersten Mal distanziert sich hier Edgar nicht ironisch von seinem Zitat.
42 Vgl. Weimann 231 f., Schumann 158 f.
43 Vgl. Weimann 225; deutlicher: Lewerenz 243 f. (Eine andere Deutlichkeit, nämlich die ideologietreue, meint Plate 853); Schumann 155 und 159 f.; Raddatz, Flucht 1178
44 p. 57: “Er redete Blech … krauses Zeug. Vielleicht nicht sinnlos, aber völlig verschroben.“ (Charlie über Edgars Werther-Pistolen); vgl. Weimann 231 f. und Schumann 158 f.
45 Vgl. Storz 40 (allgemein im Hinblick auf „Werther“); zu Plenzdorf vgl. Schumann 158 f.; Weimann 226 und vor allem 228
46 Lange, Die Sprache 270; Scherpe 56 f.; Hotz 13 und 16 (vgl. Werthers Brief vom 12. August 1771: „Und wir gingen auseinander, ohne einander verstanden zu haben. Wie denn auf dieser Welt keiner leicht den andern versteht.“)
47 Edgar monologisiert hier – das deutet an, dass er die Selbstfindung eigenständig meistern will. Vgl. Ullrich 248 f. und Schönemann 246
11 48 Edgars Distanzierung nach dem Zitat ist hier nur noch scheinbar ironisch. Vgl. Münder 15. – Spätere Zitate (vor allem T6: „Ich kehre in mich selbst zurück und finde eine Welt“; dieses Zitat kann seinem Gehalt nach gar nicht kommentiert werden und taucht demzufolge im Text nicht wieder auf – es bezeichnet einen Zustand, in dem Edgar analog zu Werther den „… Weg vom Reden zum Nichtsprechen-können, vom Gespräch zum Vorlesen expressiver Texte, vom Dialog zum Monolog und schließlich zum Schweigen …“ gegangen war; Lange, die Sprache 270) zeigen – wie Weimann 228 in Verbindung mit 232 richtig urteilt – bereits Edgars Überwindung Werthers an. – Vgl. Schumann 158. – Interessanterweise endet mit T5 der I. Teil der Theaterfassung Plenzdorfs in: Spectaculum 261 und ebd. (S. 262) bereits die Vorwegnahme des Umschlagens in Edgars Entwicklung:  „… es popte einfach nicht mehr.“ Im Gegensatz zu meiner Auffassung schreibt Schneider 332: „Edgar identifiziert sich in keiner Weise mit Goethes sentimentalischem Werther. Im Gegenteil: Er liest ihm – vom Standpunkt eines forschen, proletarisch aufgeklärten Lustprinzips ganz schön die Leviten …“ (jetzt bringt Schneider Edgars Erstinterpretation des „Werther“, p. 36 f.). Zu solchen Fehlschlüssen gelangt Schneider doch nur, weil er auf die Entwicklung Edgars, wie sie sich parallel zu den im Text auftretenden „Werther“-Zitaten widerspiegelt, überhaupt nicht eingeht, insofern die Funktion der Goethe-Rezeption entweder nicht begreift oder wahrhaben will.
49 Weimann 232 unten. Nicht so wohlwollend die „linientreuen“ Plenzdorf-Kritiker: Neubert, Kaul, Klatt et alii
50 Schumann 158; Weimann 232
51 So auch Schiller zum „Werther“ in: Die Horen. 1. Jg. 12. Stück. I Die sentimentalischen Dichter. Tübingen 1795, S. 35 f.; vgl. dazu Storz 40. Zu Plenzdorf vgl. Schumann 158
52 Aufgrund der sonst lückenlos verzahnten Zitatreihen wäre die Einordnung von T6 zwischen T5 und T7 anzunehmen; aber das wäre nur für die chronologische Abfolge der Zitate von Belang, nicht für ihren inhaltlichen Ort. Siehe hierzu auch Anmerkung 28!
(Auf das Fehlen von T6 im Erzähltext wird in der Plenzdorf-Literatur meines Wissens nicht hingewiesen. Raddatz, Flucht 1177 irrt: Weder in der Prosafassung, die R. selbst als verbindlich betrachtet, noch in der Theaterfassung in Spectaculum 20 ist T6 zu finden; dass dieses Zitat, wie Raddatz sagt, „zentral“ zu verstehen ist, ist richtig.)
53 Raddatz 1177
54 Das stützt die in Anmerkung 48 und 52 aufgestellte These; Edgars Such zu sich selbst schlägt den Weg der Selbstfindung ein.
55 Weimann 232 spricht von einem „… spontanen Gegenentwurf auf das im Werther gestaltete Problem des Verstehens und der Verständigung …“ (vgl. Lange, Die Sprache 270 und Raddatz, Flucht 1177)
12 56 Weimann ausführlich 228 und 232 ff.; Michaelis, Roter W.; Schumann 157 und 159, Raddatz, Flucht, in Anlehnung an Weimann, aber konträr in der entscheidenden  Schlussfolgerung: auf S. 1178 spricht er von einem „gesellschaftlichen Mord“ an Edgar.
57 Vgl. Weimann 223-228 und 232 ff.; Schumann 159 f. ergänzt Weimanns Aussagen hinsichtlich der Zitate; vgl. auch die Beiträge in der Diskussion im Plenzdorf von Herzfelde 240, Schumacher 241, Lewerenz 244, Schönemann 245 f., Kohlhaase 247 f., Ullrich 249 f. und Gugisch 251, schließlich Wapnewski, Zweihundert Jahre W. 530-533 und Flaker 225 f. Alle genannten (und im Fortgang dieser Arbeit noch zu erwähnenden) Beiträge gehen von einem je festgelegten „Werther“-Verständnis aus, auf das es aber gerade ankommt. In dieser Problematik liegt wesentlich die „Auslegbarkeit“ der Neuen Leiden (Plenzdorf in der SuF-Diskussion 243) begründet. Die in der marxistisch orientierten Literaturwissenschaft vorgenommene „Werther“-Deutung (die sich nicht ganz mit der Auffassung von Georg Lukács deckt) setzt dieser Auslegbarkeit in der DDR eine gewisse Grenze. Folgerichtig musste Plenzdorfs Text, je näher es (selbst in ablenkenden Analysen, z.B. Girnus, Lachen über Wibeau) betrachtet wurde, zunehmend als das Politikum aufgefasst werden, das es  ja auch war und ist. Die Wirkungsgeschichte der Neuen Leiden endete in wieder neuen Leiden. Vorläufiger Endpunkt einer bereits 1973 öffentlich beendeten Diskussion über Plenzdorf ist die Diskriminierung des Autors: Am 1. April 1977 wurde Plenzdorf (neben Volker Braun, Günther de Bruyn, Sarah Kirsch) nicht wieder in den Vorstand des DDR-Schriftstellerverbandes gewählt.
58 Weimann 228 sieht diese Spannung mehr durch die Relativierung in Edgars Kommentaren und Meinungen als in der funktionalen Anordnung der Zitate und Analogien zum „Werther“. – Beide Aspekte gelten – sie bedingen einander.
59 p. 144 sagt Edgar selbst: „Ich versagte mir fast alles. Ich zückte zum Beispiel kein einziges Mal meine Werther-Pistole“. Hierin vollzieht sich der Beginn einer Überwindung Werthers. Vgl. Schumann 158; Raddatz, Flucht 1177; Weimann 232.
13 60 Die Analogie ist hier konträr zugespitzt.
61 Schumann 158: „Das letzte Zitat schließlich ist nur noch Selbstgespräch, nicht mehr kommunikatives Kampfmittel.“ (vgl. Lange, Die Sprache 270)
62 Gemeint ist hier vor allem die Analogie zwischen Werthers letztem Treffen mit Lotte und Edgars Bootsfahrt mit Charlie; Edgars Worte über Weihnachten p. 139 f. und die in dieser Arbeit behandelte Datierung vom 24. Dezember. (zur Bootsfahrt vgl. Michaelis, Roter W., der darin auch eine Parallele zur „Klopstock-Szene“ im „Werther“ sieht, und zwar „Bis in die erotische Wasser- und Regen-Metaphorik, die Goethe aus pietistischen Traktaten bekannt war, …“. Wo aber und wie bringt Michaelis dann die „Frühlingsfeier“ Klopstocks am 4. Adventssonntag unter?)
63 Weimann 226 oben
64 Schumann 158 f. (schließt sich allerdings ohne Nachweise einer Deutung im Sinne Weimanns an – ein Zeichen dafür, dass eine isolierte Analyse auf „pragmatisch-linguistische Weise“ völlig unzureichend für inhaltliche Deutungen eines Textes ist. Erst alle einzelnen Methoden einer Textanalyse in der Zusammenschau ermöglichen eine Interpretation.) Vgl. auch  die argumentativ mangelhaften, summarischen (Vor-)Urteile von Michaelis, Rote W.; Schneider 332 ff. (dessen „Werther“-Verständnis mir suspekt erscheint); Kersten (unergiebig); Menge (verunsichert);  Reich-Ranicki („jein“); Flaker, z.B. 173 (hängt zu sehr an seinem „Salinger-Paradigma“, als dass er zu einer Deutung gelangen könnte, die „Werthers“ Funktion bei Plenzdorf angemessen einbezöge).
Insgesamt scheint die Auslegung für Edgars Ende ziemlich offensichtlich von der Diskussion in der DDR beeinflusst zu sein. Nur wenigen, z.B. Raddatz, ist es gelungen, sich von diesen Einflüssen (die bei Riese und Girnus, Lachen über Wibeau, als  Ablenkungsmanöver wirken) zu befreien und die Goethe-Rezeption Plenzdorfs komplexer zu sehen.
Alle diese Unsicherheiten resultieren zum einen aus der besonderen kulturpolitischen Situation, in der sich DDR-Schriftsteller und  Literaturwissenschaftler befinden, zum anderen aus der Tatsache, dass die westdeutschen Urteile über den germanistischen Wissenschaftsbetrieb dadurch erschwert werden. Hinzu treten die z.T. noch unsicheren Anfänge einer neuen Rezeptionsforschung und, nach wie vor, die je unterschiedliche „Werther“-Deutung. So ist auch meine Arbeit nichts weiter als der Versuch einer gleichsam synoptischen Differenzierung von bereits vorhandenen Untersuchungen über einen umstrittenen Gegenstand; ein Versuch, der in seiner fragmentarischen Begrenztheit wenigstens Diskussionsanstöße geben könnte.
65 Reich-Ranicki, Der Fänger, schätzt die literarische Artistik Plenzdorfs ebenso falsch ein wie viele andere Kritiker, z.B. Klatt, Riese, Neubert, Plate, verschiedentlich auch  Weimann. Dazu: Münder 25 f.
14 66 Die Zitate haben in diesem Zusammenhang so wichtige Funktionen als Träger und Indikatoren eines Bewusstseinsprozesses übernommen, dass man auf die Fragen Gugischs 252 antworten kann: Nirgends ist das Zitat und der analogische „Rückgriff auf das Erbe“ entbehrlich, ohne ihre Wirkungen zu beeinträchtigen; Zitat und Analogie sind so stimmig verfremdet, dass ihre artistische Verwendung, welche die Gegenwartsebene keineswegs behindert, sondern bereichert und erhellt, gerechtfertigt erscheint.
Vgl. Weimann 21 f.: „Das Moment der Nichtentsprechung dominiert; …“ usw.; Weimanns weiterem Beweisgang folge ich nicht.
67 Vgl. Münder 21 f.; Weimann 222 f. und 225 f.; Reich-Ranicki, Der Fänger; Herzfelde 240; Schumacher 241 f.; Lewerenz 243 f.; Schönemann 245 f.; Kohlhaase 247 f.; Ullrich 249 f.; Gugisch 241; Wapnewski, Zweihundert Jahre W.
Ohne Berücksichtigung von Wertungen: Schumann 154 f. und 159 f.; Schneider 330; Raddatz, Flucht 1175 und 1178.
Flaker /45, 53 ff., 103, 110, 116, 126, 135 und 221) spielt auf den „impliziten Leser“ und die „Appellstruktur“ des Textes (W. Iser) an.
Auch die negativ wertenden DDR-Kommentatoren erkannten den Appellcharakter des Textes, der sich sowohl solidarisierend an die Jugendlichen als auch mit kritischer Intention zu ideologischen Neuansätzen an die erwachsenen politisch Verantwortlichen richtet: Neubert 857; Plate 851 f. und Riese 875 f.
68 Weimann 228 unten
69 Weimann 222: „… diese Sprache zwischen Pubertät und Berufsschulabschluss wird für unsere Literatur entdeckt: Sie ist … gefühlskarg und nüchtern … In ihr lebt … die behände Lässigkeit jugendlicher Gestik.“ Damit übersieht Weimann jedoch den recht gefühlsreichen Aspekt, der jedem (weil solidarisierendem) Jargon zukommt; im „Werther“ ist zwar kein Jargon im eigentlichen Sinn unserer Zeit zu sehen, doch weist er immerhin beträchtliche Anteile an der damals gängigen Studentensprache auf (Lange, Die Sprache 261-271 des Öfteren). – Im Widerspruch zu  Weimann auch Dierl: „Ich bin sicher, dass dieses Stück eben durch seine gesellschaftliche Wahrhaftigkeit, durch seine allerdings zunächst verblüffend echte, milieugerechte Sprache zur Jugend und zu allen, die durch die  Teilnahme an unserem Leben jung und aktiv geblieben sind, reden wird. Es ist der legere Ton mancher Jungen, die vieles fortlassen, was sie vorerst nur als Höflichkeitsfloskel empfinden, die trotz ihrer uns manchmal rüde anmutenden Haltung zärtlich und romantisch sind, was sie wie einen Mandelkern unter harter Schale verbergen.“ – den häufigen Gallizismen im „Werther“ stehen bei Plenzdorf vielfach Anglizismen gegenüber. (Flaker 136 und 145)
70 Weimann 223 oben (also doch nicht so gefühlskarg, vgl. letzte Anmerkung)
71 Flaker 125 ff. leitet dies aus der Konstruktion des Textes her: Sie ist so angelegt, dass nur „… Edgars Wahrheit die einzige Wahrheit im Roman …“ sein kann (vgl. auch S. 38, 95 f., 112 und 179); ähnlich Plavius 450; Riese 880. Grundsätzlich: Schumann 154 und 157 f., auch Weimann 223-226 berührt diesen Aspekt.
Der jugendliche „Slang“ trägt durch seinen Kontrast zur Werther-Sprache besonders dazu bei, dass die Goethe-Zitate aus ihrem Kontext im „Werther“ herausgerissen werden – das stärkt, schon in formaler Hinsicht, die Rolle der Zitate als Träger der beschriebenen Funktionen. Gleichzeitig treten die Zitate dann trotz ihrer Integrierung in den Plenzdorf-Text so auf, als wären sie kursiv gesetzt: herausgerissen aus dem „Werther“ werden sie hineingerissen in den „Wibeau“. Solch formale Dialektik unterstützt die inhaltlich gestaltete für den Teil der Neuen Leiden, der seine Autonomie gegenüber dem „Werther“ behauptet.
15 72 Vgl. die sehr aufschlussreichen Bemerkungen Flakers 25, 58 und vor allem 226 f.
73 Relativierungen durch Abgrenzungen und Einschränkungen sind die signifikanten Kommentare, die Edgar mit der Wendung „Ich hatte nichts gegen …“ einleitet, z.B. p. 65 f.: „Ich hatte nichts gegen Arbeit …“, p. 77: „Ich hatte nichts gegen die Armee.“, p. 80: „Ich hatte nichts gegen Lenin und die.“, aber auch in anderer Form. Die Stellen sind zahlreich (vgl. Münder 38; kritisch Reich-Ranicki, Der Fänger; Kaiser, Schwarzes Schaf).
Bekenntnisse zu sozialistischen Werten oder gesellschaftlichen Pflichten in positiven Satzwendungen sind seltener, z.B. p. 80: „Kein einigermaßen intelligenter Mensch kann heute was gegen den Kommunismus haben.“
Als Vorbilder nennt er Thomas Müntzer (p. 37) und Zaremba (p. 87), vgl. Die ausführliche Anmerkung 91. – Den sozialistisch aufgefassten Vorbildern stellt Edgar eine ganze  Serie westlicher bzw. bürgerlichen „Vorbilder“ gegenüber: Louis Armstrong, Ella Fitzgerald, Charly Chaplin, Salinger Robinson Crusoe und vor allem Goethe und Schiller. – Vgl. Schneider 333; Neubert 858.
74 Ähnliche Relativierungen weist auch der „Werther“ auf, nur geschieht dies dort anders und komplexer. Gesellschaftskritischen Ansätzen Werthers stehen positive Bekenntnisse zur bestehenden Ordnung gegenüber (Wapnewski, Zweihundert Jahre W. 543 ff.; Rothmann, War Goethes Werther ein Revolutionär? 77-90; sehr ausführlich Scherpe 89-104: Werther unterwirft sich resignierend und ausweglos in die eigene „Idealwelt“ als „prima causa“ seiner Leiden der bestehenden Gesellschaftsordnung; P. Müller, Zeitkritik und Utopie).
Die von Lukács geäußerten Gedanken zum „Werther“ in seinen inneren und äußeren Konflikten mit der Gesellschaft zeigen, dass Plenzdorf und Goethe in ihrer je widersprüchlich angelegten Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Fragen korrespondieren, jeder bezogen auf seine Zeit; dieser Gegenstand wird in Abschnitt 2.22 näher konkretisiert – das hier Erörterte betrifft vorwiegend das poetisch-technische Moment bei Plenzdorf.
75 Die bisher aufgezeigten Techniken Plenzdorfs im Umgang mit z.T. ironisch verfremdeten Zitaten, Analogien und Erzählebenen fasse ich im Sinne W. Isers (Die Appellstruktur der Texte, Der implizite Leser) auf.
76 Plenzdorf in der Diskussion um P. 243 gibt eben diesen Mangel an Selbstverantwortung als eine seiner Motivationen an, die Neuen Leiden zu schreiben.
77 Vgl. Corino, Rumler, Schumann 157 ff.; Raddatz, Flucht 1176 f., Riese 876 f. und die meisten Diskutanten in der Diskussion um P. in SuF 25 (1973) H. 1
78 Diese Dialektik wird von Weimann 227 so gedeutet, dass sie „jegliche Identität der Leiden der zwei jungen W. ausschließt“ sowie 233; vgl. Raddatz, Flucht 1175.
79 „Ich bin von Biographie und Tradition her rot bis auf die Knochen“ (Rumler). Vgl. Reich-Ranicki, der Fänger. Flakers Untersuchung zeigt, dass es sich bei Plenzdorf entschieden um eine literarische Position handelt, die zwar ideologiekritisch „kodiert“ ist, aber ursprüngliche Inhalte des Marxismus nicht infrage stellt.
16 80 Girnus 219 verwendet diesen Ausdruck in der redaktionellen Einleitung zur Diskussion um Plenzdorf ganz bewusst deshalb, weil der Text bereits zu einem politischen Gegenstand der „öffentlichen Diskussion“ in der DDR geworden war.
81 Das ist auch Flakers Überzeugung: Alle seine „Jeans-Prosa“-Schriftsteller konkretisieren in ihren kritischen Implikationen detaillierte Einzelmängel an Ideologie und Gesellschaft, greifen aber deren Substanz nie direkt an und bieten keine praktikablen Lösungsansätze.
82 Plenzdorf 243: „Der Text ist bewusst auf Auslegbarkeit geschrieben … Zunächst sah ich die Aktualität bestimmter Textstellen, von denen ich dann einige verwendet habe, später mehr.“ – Die so abstrahierten Inhalte der „Werther“-Zitate liefern alte Themen, die auch die sozialistische Gesellschaft angehen; so kann das „neu“ im Titel der Plenzdorf-„Wertheriode“ doppelsinnig aufgefasst werden: neu = neu im Gegensatz zu alt und neu = wieder (vgl. Gugisch 251).
Am klarsten polemisiert Plate 852 gegen Plenzdorfs Auslegbarkeit; er sieht folgende Deutungsmöglichkeiten:
1. Edgar geht an den Verhältnissen seiner Umwelt kaputt,
2. weil ihn keiner verstehen und verstehen will,
3. er stirbt an der Realität der DDR,
4. er stirbt am selbstpostulierten Einzelgängertum (das war die offizielle DDR-Version, die von der westdeutschen Kritik z.T. unkritisch übernommen wurde, wenn auch differenzierter),
5. Edgar stirbt an der Arbeit, solange er gammelte, lebte er ja (Plate: „Verteufelt, auch diese Auslegungsmöglichkeit ist nicht von der Hand zu weisen.“)
Plates Vorwurf besteht darin, dass Plenzdorf nicht eindeutig als sozialistisches Bekenntnis auslegbar sei (vgl. Neubert 855, der diese „neue Deutlichkeit“ zunächst vermutete – dagegen fordert Plate 853 recht zynisch neue Deutlichkeit im Sinne des orthodoxen Marxismus). Auf S. 851 spielt Plate auf die überwiegend positive Aufnahme des Plenzdorf-Textes in der BRD an und zitiert August Bebel: „Wenn dich dien Feinde loben, so überlege, welche Fehler du gemacht hast.“
Plate, Neubert, Riese, Plavius, Girnus et alii lehnen die Relevanz des „Werther“ für die DDR-Realität folgerichtig ab – sie haben also trotz mancher Ablenkungsmanöver in ihren Beiträgen à la Girnus: Lachen über Wibeau, ein „Werther“-Verständnis, demzufolge Plenzdorfs Text als Anti-„Werther“ schließlich doch nicht denkbar war.
83 Über die (kultur-)politischen Hintergründe  vgl. Münder 7-13; Klatt 117-130; Klunker; Hermand 73-99; Raddatz, Traditionen; Schmitt/Schramm; vgl. auch Diskussionsreden, 9. Tagung des ZK der SED am 28./29. Mai 1973
84 Programmheft 10, Spielzeit 1971/72 des Landestheaters Halle (Hg) – siehe Literaturverzeichnis
18 85 A. Bach 51 ff.
86 z.B. die Bootsfahrt im Regen (p. 130-137) – das Wetter steht möglicherweise im Einklang mit der Abkühlung im Verhältnis Charlie/Edgar. Vgl. Michaelis, Roter W.
87 Scherpe 13 f.; Göres, 200 Jahre Werther 14: „Indem nur Werthers Briefe mitgeteilt werden, schränkt sich der ursprüngliche Briefwechsel zum Monolog ein und ermöglicht eine ununterbrochene Folge subjektiver Mitteilungen.“
88 Im „Werther“ ist nicht einmal eindeutig, ob Wilhelm ein wirklicher Adressat ist oder ein gleichsam personifiziertes Tagebuch, ein fiktives Gegenüber seiner selbst (vgl. Kimpel 153-186). In Teil I als Briefempfänger und –beantworter apostrophiert, tritt er – wie bei Plenzdorf – in Teil II zurück, ohne aber jemals ganz zu verschwinden (z.B. die Briefe vom 24.03.1772 und 06.12.1772). Der Adressat hat die Funktion, dass die Tragödie Werthers der Welt mitgeteilt wird – eine zweite, davon unabhängige Funktion ist die inhaltliche: Wilhelm ist der wohl einzige, der Werthers Vertrauen genießt und dem er seine intimsten Gefühle und Erlebnisse im Zusammenhang mitteilt. Bei Plenzdorf existiert der Adressat in einer eigenen Figurenperspektive, aber er kann den Zusammenhang der Ereignisse im Gegensatz zu Werthers Freund nicht verstehen (p. 65). Dergestalt richten sich die Tonbänder im Vergleich zu Werthers Briefen unmittelbarer an den Leser und erhalten hierdurch eine völlig neue Funktion. Allerdings tritt an  die Stelle der unverschlüsselten Werther-Briefe ein Code, der die Unmittelbarkeit wieder einschränkt. – Willi erhält durch sein Auftreten in der dialogischen Erzählebene die Funktion, Edgars Isolierung noch plastischer zu veranschaulichen als dies im „Werther“ geschieht. Gewisse Vorteile muss Plenzdorf mit Nachteilen erkaufen. Man kann insgesamt seinen Text als eine Art weiterentwickelte Variante der Briefromanform auffassen.
Zur Analogie des Herausgeberberichts bei Plenzdorf wäre noch zu sagen, dass sie in der dialogischen Interviewebene des Vaters mit mehreren Gesprächspartnern zu sehen ist. Sie erfährt in der Verfugung mit Edgars Jenseitskommentar perspektivische Brechungen,  zu denen sich auch die verschiedenen  Textsorten zu Beginn der Erzählung gesellen (Todesanzeige, Zeitungsmeldung, Tonbänderwortlaut der „Werther“-Zitate). – Vgl. Schumann 153-160; Weimann 224-228 und 225 f.; Münder 18 f.
Interessant ist auch die von Plenzdorf verfremdete Analogie zur Episode Werthers, der seinen Geburtsort besucht, zu Edgars Inkognito-Besuch bei seinem Vater: Zur Ironisierung dieser Episode kommt die Aufhebung der Anonymität des „Herausgebers“ bei Plenzdorf im Vergleich zum „Werther“ hinzu – Edgar kennt seinen eigenen „Mitherausgeber“ und kommentiert die durch ihn geschaffene Erzählebene zum einen mit der direkten (aber lauflosten) Anrede aller Interviewbeteiligter, zum anderen mit der direkten Leser- bzw. Zuschaueransprache.
Vgl. zum „Werther“: Lande, Die Sprache 265 (zum Herausgeberbericht) und insgesamt (zur Appellstruktur); Scherpe 57 f. und 76 f.; Müller 254.
19 89 Heynacher 9; Fischer-Lamberg 217 ff.; Schöffler 175 f. und 180 f.; Rothmann, Erl. 51 f.; Lange, Die Sprache 268.
90 Diese These begründet Lukács; sie wird z.B. von Rothmann, „War Goethes Werther ein Revolutionär?“, und von Wapnewski, „Zweihundert Jahre W.“, bestritten. – Für Edgar Wibeau wird eine solche These nirgends vorgetragen, sie ist – auch im Hinblick auf Edgars Weihnachtsanalogie (p. 139 f.) – viel zu spekulativ.
91 Die Orthodoxie des Marxismus greift Plenzdorf vornehmlich an anderen Stellen seiner Neuen Leiden an (z.B. in der Dieter-Szene p. 80).
Ich stelle zur Diskussion, ob nicht doch auf Werthers Kritik an christlicher Orthodoxie bei Plenzdorf angespielt wird:
(1) Dies ließe sich möglicherweise dadurch begründen, indem Plenzdorfs Verhältnis zu Salingers „The Catcher in the Rye“ in diesem Motiv nachgewiesen werden könnte. Bei Salinger sind christliche Bezüge vorhanden (Slabery, „The Catcher in die Rye“. Christian Theme and Symbol 170-183). Vgl. Wapnewski, „Zweihundert Jahre W.“ 540: Bei Plenzdorf „… geht es um die Rebellion gegen tradierte Ordnungen, um die Absage an die protestantische Leistungsmoral, …“.
(2) Von einiger Bedeutung sind dann auch die beziehungsreichen Stellen, wo Edgar Wibeau über seinen Namen reflektiert und seiner Hugenotten-Vergangenheit nachspürt (p. 13 f., 30 f. und 114 f.); diese Stellen erscheinen nicht nur als Zeichen Edgars individualistischer und selbstüberschätzender Haltung.
(3) In diesem Zusammenhang – aber auch allgemein wichtig – ist bei Plenzdorf der bewusste Rückgriff auf ursprüngliche, unorthodoxe Vorbilder: Außer Thomas Müntzer (p. 37), der ein „urchristlich-kommunistisches Reiche“ errichten wollte und in der marxistischen Geschichtsschreibung und Philosophie als großer Revolutionär in den Bauernkriegen aufgefasst wird (Ernst Bloch: Thomas Müntzer als Theologe der Revolution, Tübingen 1963) gilt für Edgar der Altkommunist und einstige Spanienkämpfer Zaremba (in einem Satz mit Goethe und Schiller genannt, p. 87) als Vorbild; während es von neuzeitlichen berühmten Marxisten nur heißt: „Ich hatte nichts gegen Lenin und die.“ (p. 80).
(4) Der Leidensbegriff ist bei Plenzdorf in allen möglichen Jargon-Varianten und Wortspielen verfremdet, wird relativiert, ironisiert und bezieht sich meist auf scheinbar belanglose, aber metaphorisch bedeutendere Gegenstände des Unmuts – dies geschieht häufig und sehr bewusst: vgl. im Kontext p. 61 f.: „Als echter Musterknabe“ bis „Proper!“ die Wortspielreihe „Leiden“ – „leider“ – „zuleide“; der Satzteil „… was das für ein Leiden war“ findet sich im „Werther“ in der Form „Das ist ein Leiden, mit so einem Menschen zu tun zu haben“ (im Brief vom 24. Dezember 1771; gemeint ist bei „Werther“ der Gesandte analog zu Meister Flemming bei Plenzdorf). Bedeutsam ist der Kontext, in dem Edgar scheinbar zum Kollektiv zurückfindet: Nach seiner simulierten Krankheit folgt die „Genesung“ an den in der Brigade empfundenen Leiden – in ironischer Darstellung p. 110-114. – Der stark christliche befrachtete Leidensbegriff erscheint bei Plenzdorf also in vielfältigen metaphorischen Brechungen – auch in der Titelanalogie, welche bereits die verschiedenen Bedeutungen des Wortes offenlässt: Leidenschaft als Ausdruck subjektivistischen Empfinden, seelische Schmerzen als ihre Folge im isolierten verinnerlichten Individualismus gegenüber einer eigentliche selber kranken Gesellschaft (vgl. Scherpe 55 und 87). Alle Leidensvarianten stehen in einem eng verflochtenen Zusammenhang (vgl. Lukács, „Die Leiden des jungen Werther“), der auch für Plenzdorfs Text gilt.
(5) Der Plenzdorfsche Jonas (in der Anstreicherbrigade) könnte auf die zwei miteinander novellenartig verbundenen Prophetenlegenden im Alten Testament anspielen: Der in der ersten Legende geläuterte Jonas geht in der zweiten Legende nach Ninive, wo die Bevölkerung seinem Bußruf wider Erwarten Folge leistete. Vgl. dazu den Kontext bei Plenzdorf (p. 112: „Jonas, der Gebessert, ...“ und p. 114: „Die Malerbrigade dachte: Den Wibeau, den haben wir großartig eingereiht. Ich kam mir fast vor wie in Mitteberg, Und zu Hause wartete meine Spritze.“; und auch p. 139: „Oder Addi. Ich war immerhin sein größter Erziehungserfolg. Ich wollte die Spritze fertigmachen … und dann abdampfen nach Mittenberg und von mir aus die Lehre zu Ende machen. So weit war ich. Ich weiß nicht, ob das einer versteht, Leute.“). Edgar geht auf seine Weise den Weg des Brigadiers Jonas. Das Jonas-Motiv relativiert die oben genannten Bezüge, ohne sie aber aufzuheben: Mit ihm vollzieht sich Edgars Selbstfindung und es kündigt sich sein daran geknüpftes Zurückfinden-Wollen in die kollektive Gesellschaft an – im Jenseits der Erzählerperspektive und im „Diesseits“ des Autors.
(6) Schließlich lassen sich religiöse Anklänge in Edgars Musikrausch p. 58 ff. aufzeigen: Hier erörtert Edgar (ohne Kenntnisse darüber zu besitzen) die auf religiöse Wurzeln zurückgehenden Musikformen des Jazz; in diesem Kontext fallen Worte wie „Priesterseminar“ (p. 59), „Seelenwanderung“, „Paradies“ und „Himmel“ (p. 61). Zugleich sagt Edgar: „Ich glaube nicht, dass ich in der Zeit von viel was anderem gelebt habe als von Musik und Milch.“ (p. 61), womit ein Bezug seiner Naturverbundenheit im Kontext religiöser Anspielungen gegeben ist. (vgl. dazu auch Abschnitt 2.2443 dieser Arbeit, S. 26)
(7) Insgesamt könnten alle diese von mir als metaphorische Anspielungen aufgefassten Momente Plenzdorfs Intention wiedergeben, dass nämlich ursprüngliches christliches Gedankengut sich mit ursprünglichen kommunistischen Ideen (für die Plenzdorf ja eintritt) verträgt.
92 Vgl. Plenzdorf 243. Lewerenz 243 f. fordert dagegen mehr Mut zu kritischer Deutlichkeit. Siehe auch Anmerkung 82.
93 Seit sich Plenzdorf dem Protestbrief gegen Biermanns Ausbürgerung angeschlossen hat (FAZ-Meldung v. 20.11.1976), tritt er aus dem poetisch verschlüsselten Unbehagen heraus ins öffentliche Bekenntnis – ohne, wie auch Biermann, seine marxistische Gesinnung grundsätzlich infrage zu stellen.
94 Scherpe 58 (sieht hierin gleichzeitig die Verständigung unter Gleichgesinnten überhaupt, i.e.: der Leser) und 65 f.; vgl. Göres 15 f.
p. 71 sagt Edgar: „Ich glaube, ich sagte schon, dass ich ziemlich viel Charme hatte. Dass ich ankam bei Frauen oder bei weiblichen Wesen. Ich meine jetzt: geistig oder wie man das nennen soll.“
95 Lukács 189 f. und 192; Scherpe 64-67 (!); vgl. Göres 15 ff.
96 Für „Werther“: Lukács 202, Scherpe 64-67.
Für Plenzdorf: Schumann 156 f. sieht, in gewisser Entsprechung zu Scherpe, Edgars Liebesziehung zu Charlie als letzten Versuch einer Synthese seines Subjektivismus mit dem Kollektivanspruch, der durch die Du-Beziehung vermittelt wird.
Nur hat Werther den Bruch mit der Gesellschaft längst vor seinem Scheitern in der Liebe vollzogen, während Edgars Scheitern an Charlie die Chance eröffnet, die Position der verabsolutierten Innerlichkeit vollends aufzugeben. – Charlie darf in der Figurenkonstruktion keinesfalls unterbewertet werden, wie dies in vielen Untersuchungen zu Plenzdorfs Text geschieht: dort wird die Analogie zur „Werther“-Vorlage allzu oberflächlich als artistische Spielerei abgetan, z.B. von Reich-Ranicki, Der Fänger, oder von Michaelis, Roter W. – Flaker sieht in der Liebesbeziehung zu Charlie andere Momente, die er seiner Neigung zum Systemzwang zufolge in Einklang mit anderen Werken seiner „Jeans-Prosa“ zu bringen versucht (z.B. Seite 143 f.).
20 97 Vgl. Dierl, Münder 33-36. Flaker verharmlost Edgars Gegensätze und Widersprüche zu und in der Gesellschaft zu sehr als allgemeinen Generationenkonflikt, z.B. S. 25, 36 etc. Dies gilt natürlich auch, doch wird der Generationenkonflikt im „Werther“ und noch stärker in den Neuen Leiden als Katalysator benutzt, wesentlichere Konflikte in formaler Zuspitzung deutlicher zur Wirkung zu bringen. – Vgl. auch Schumann 156.
98 Lukács 200 und 201; Wapnewski, Zweihundert Jahre W.


99 Plenzdorf entwickelt diese Umkehrung nach meinem Urteil im Ganzen etwa nach dem „Werther“-Verständnis von Lukács 200 f., nur dass er im Gegensatz zum „Werther“ deutlicher verfährt (vgl. noch Lukács 202). Vgl. Schumann 156 f.
100 Plenzdorf-Interview (Landestheater Halle). Lukács 203 schränkt Goethes Auffassung vom zeitlosen Werther ein, weil er ihn nur auf die bürgerliche Gesellschaftsordnung bezogen sehen will (vgl. auch Scherpe 107). Plenzdorf hält insofern an der Zeitlosigkeit des „Werther“-Problems fest, als er bürgerliche Gesellschaft im 18. Jahrhundert und die eigene (die er offenbar von einer mittelmäßigen, „neubürgerlichen“ Ideologiepraxis überbaut sieht) metaphorisch gleichsetzt. Vgl. Wapnewski, Zweihundert Jahre W.
101 (Werther): Lange, die Sprache 270 und Scherpe 28 ff.
(Plenzdorf): Münder 36-45; Schneider 331; Schumann 158; Reich-Ranicki, Der Fänger; Neubert 858 und Plate 853.
21 102 Scherpe 29 ff. und 46. – Schneider 331 f., Rumler
103 Genau dies implizieren die Aussagen von Schönemann und Kohlhaase in der Diskussion um Plenzdorf 244-248 sowie Ullrich 249 f. in Bezug auf Sturm und Drang-Motive, vgl. auch: Riese 875-878; hinsichtlich Werther: Scherpe 87.
104 Auch Werther beschäftigt sich mit Büchern – für ihn und Plenzdorfs Helden spielt die Literatur im Hinblick auf die persönliche Entwicklung eine große Rolle.
Auch darin liegt eine Parallele der Neuen Leiden zum „Werther“, dass in beiden Werken Literatur rezipiert wird und dass dieser Rezeption funktionale Wirkungen zuzuordnen sind, inhaltlicher wie formaler Art.
Vgl. Lukács 196, 198 f. und 202; Lange, Die Sprache 268 f. und Scherpe 58-69. – Michaelis, Roter W.; Schneider 330; Weimann 226, 228, 229 ff.; Göres 14 f.; Flaker erörtert, wie gesagt, vor allem die Bedeutung Salingers für Plenzdorf und seinen Romanhelden.
22 105 Siehe Abschnitt 2.243 und 2.2443
106 Andeutungen dazu bei Lewerenz 244, Schönemann 246, Kohlhaase 249, Ullrich 249 und 250; vgl. Münder 31-45
107 Werthers Brief vom 4. August 1771 (vgl. auch Brief vom 19. Juni 1771); vgl. Lange, Die Sprache 270; Hotz 12 f.
23 108 Wichtig ist die Kritik Plenzdorfs (durch Edgar vermittelt) an der Familiensituation: „Ich hatte einfach genug davon, als lebender Beweis dafür rumzulaufen, dass man einen Jungen sehr gut ohne Vater erziehen kann. Das sollte es doch sein.“ (p. 23). In dieser Kritik steckt die Meinung, dass ein intaktes Familienleben auch in der sozialistischen Gesellschaft von fundamentaler Bedeutung ist, dass also die Gesellschaft nicht ersetzen kann, was die Familie für sie leistet (vgl. Dierl).
Die Diskussion über den Widerspruch zwischen erziehungswissenschaftlichen Erkenntnisse und der ihnen entgegengesetzten ideologischen Praxis begann interessanterweise allererst in der CSSR (1961) und wurde in den Jahre nach 1967 auch in der DDR heftig ausgefochten (der einzige Hinweis auf dieses Faktum findet sich – nach mündlicher Auskunft von Prof. Hanuš Papousek, Max-Planck-Institut für Psychiatrie München, in Th. Hellbrügge, Sozialisation und Sozialentwicklung des Kindes, München 174, S. 119).
In diesen Zusammenhang gehören einige Analogien zum „Werther“:
(1) Charlie, die wichtigste Nebenfigur in Plenzdorfs Text, ist Kindergärtnerin; Edgar lernt sie inmitten einer Kinderschar kennen.
(2) Edgars Meinung über Kinder (p. 60) entspricht einer Stelle im Brief Werthers vom 4. September 1772: „Wir Gebildeten – zu Nichts Verbildeten!“. Rothmann, Erl. 48: „Werther stellt sich hier ganz auf die Seite Rousseaus, der in seinem Roman Emile, ou de l’éducation (1762) die Kultur als Entartung des natürlichen Zustandes abtut und darum dem unverdorbenen Kind Emile statt (miss-)bildender Erziehung nur Gelegenheit zur Entfaltung seiner natürlichen Kräfte geben will.“ Vgl. auch Werthers Brief vom 29. Juni 1771: „Wenn ihr nicht werdet wie eines von diesen (sc. Kindern) …“.
(3) Werthers Brief vom 9. Mai 1772: „Im Hingehen bemerkte ich, dass die Schulstube, wo ein ehrliches altes Weib unsere Kindheit zusammengepfercht hatte, in einem Kramladen verwandelt war. Ich erinnerte mich der Unruhe, der Tränen, der Dumpfheit des Sinnes, der Herzensangst, die ich in diesem Loche ausgestanden hatte.“ Das gleiche Gefühl hatte Werther bei den „Akademien2 (Brief vom 17. Mai 1771). – Analoge Stellen bei Plenzdorf sind z.B. p. 15 (Edgar über Lehre, Schule, Selbstkritik); p. 21, 23 ff. (Edgars abstrakte Malerei und seine misslungene Vorstellung bei der Berliner Kunsthochschule; Edgars abstraktes Malen, zuletzt p. 51 f. für den Kindergarten, endet schließlich in der konkreten bei der Anstreicherbrigade). – Sogar der Schattenriss (dies nur am Rande) in Werthers Brief vom 24. Juli 1771 wird bei Plenzdorf p. 52-55 in der Szene mit Charlie aufgenommen.
109 Vgl. Lukács 201
110 p. 94, vor allem p. 98: „Interessiert mich nicht.“
Die Bedeutung Zarembas als Ersatz für den positiven Helden im sozialistischen Realismus resultiert aus dieser Szene; sie wird im Übrigen von Plenzdorf dadurch gewürdigt, dass er Zaremba in seinem Text einen breiten Raum zu seiner Darstellung lässt.
Was die DDR-Kritik verkennt: Zaremba ist für Plenzdorf ein möglicher positiver Held, Dieter – und das karikiert er in scharfen Zügen – nicht.
111 Lukács 195 und besonders 199; Scherpe 62-67. Vgl. auch Schiller 36: „Rechnet man hinzu, wie wenig empfehlend, ja wie feindlich die Wirklichkeit dagegen gestellt ist und wie von außen her alles sich vereinigt, den Gequälten in seine Idealwelt zurückzudrängen, so sieht man keine Möglichkeit, wie ein solcher Charakter aus einem solchen Kreise sich hätte retten können.“
(Werther, 30. November 1772: „Ich soll, ich soll nicht zu mir selbst kommen!“)


112 Damit schließt Edgar jenen Kompromiss, von dem Lukács 203 spricht; aus der Sicht des marxistischen Autors Plenzdorf ist dies allerdings ein notwendiger (und möglicher) Kompromiss, weil Edgar in einer kollektivierten Gesellschaft lebt und nicht, wie Werther, in einer bürgerlichen. – Vgl. Scherpe 105: „.. die Idealwelt ist prima causa seiner Leiden.“
113 Rumler. Vgl. die sehr pointierte Formulierung dieses Gedankens bei Schönemann 245 f. und Kohlhaase 247.
24 114 Die metaphorisierte Entwicklung von der „Werther-Pistole“ Edgards zur „NFG“-Spritze ist sicherlich nicht rein zufällig.
115 Vgl. Schumann 157 und 158 f.; Weimann 228 und 232; Münder 16 f.; Michaelis, Roter W.; Reich-Ranicki, Der Fänger.
116 Grundsätzlich geht auf diese Problem Lukács 191 ein, wo es ihm in Goethe’schen Sinn um die Versöhnung von kollektiven und individualistischen Ansprüchen geht.
Goethe in „Dichtung und Wahrheit III“, 12: „Alles was der Mensch zu leisten unternimmt, es werde nun durch Tat oder Wort hervorgebracht, muss aus sämtlichen vereinigten Kräften entspringen; alles Vereinzelte ist verwerflich. Eine herrliche Maxime! Aber schwer zu befolgen.“
Plenzdorf bestreitet dies mit seinem Text nicht, sodass die Kritik vieler DDR-Beiträge, wie die von Biele 1290 oder Hager 75 f. (und gar Weimann 233), an seiner positiven Auffassung vom Kollektivgedanken vorbeigeht; die Verfasser solcher Beiträge entlarven sich unmittelbar als orthodoxe Ideologen.
117 Großklaus 80-99 vertritt den Standpunkt, dass Plenzdorf mit Edgars Erfindertätigkeit eine „Versöhnung“ zwischen beiden Standpunkten andeutet. Diese Formel ist zu einfach – die Fülle ambivalenter Relativierungen und ironischer Verfremdungen inhaltlicher und formaler Art in Verbindung mit dem Ausgang der Erzählung (diese Verbindung ist ja ein dialektisches Kontinuum) zeigt, dass Plenzdorf keine klare Lösung anbietet, sondern lediglich _Anstöße dafür geben will. Plenzdorf sagt in der Diskussion um P. 242, er „… halte es für zu früh, da zu verallgemeinern ... Im Moment bin ich einfach in der Situation, da zu sitzen und zu sammeln und glücklicherweise auch Dinge interpretiert zu hören, von denen ich nicht dachte, dass sie drinstehen.“, und S. 243: „… Der Text ist bewusst auf Auslegbarkeit geschrieben. Ich meine auch vielmehr Publikumsreaktionen und weniger Professor Weimanns Analyse.“ – Gerade der letzte Satz zeigt deutlich die Ambivalenz seines „appell-strukturierten“ Textes: Möglich, dass er den politischen Verantwortlichen eine „Versöhnung“ vorschlägt – direkter aber scheint mir sein Appell an die Jugendlichen und ihre Mutbereitschaft; diesen Appell verpackt er in verfremdeter Analogie zum „Werther“-Motto von 1775 in die Warnung, den Kollektivgedanken nicht durch übertriebene Individualitätsansprüche zu zerstören; er will ihn im ursprünglichen Sinn des Marxismus erneuern.
Reich-Ranicki, Der Fänger, äußert sich im Gegensatz zu Großklaus vage und daher unergiebig, zumal er wie Flaker zu stark an der Vorstellung von einem „Salinger-Paradigma“ hängt. Michaelis „Jetzt leidet der junge W.“ Schließt sich R.-R. an: „Plenzdorf hat kein Stück literarischen Widerstandes geschrieben. Sein jugendlicher Held Edgar Wibeau spricht nur öffentlich aus, was drüben viele bislang nur denken.“, widerspricht sich aber ein paar Sätze später selber: „Auf dieser Aufklärungsfunktion beruht die große politische Wirkung des Stücks, von der die literarische nicht zu trennen ist.“
Für den „Versöhnungsaspekt“ interessant ist Werthers Brief vom 8. August 1771, wo Werther noch versucht, sich „… zwischen dem Entweder – Oder durch zu stehlen …“. Diese Stelle bezeichnet im Sinne von Lukács 200-203 die Unmöglichkeit einer Versöhnung der individualistischen mit den bürgerlich-gesellschaftlichen Prinzipien (vgl. auch Göres 20f f.!). – Edgars „Lösung“ und sein ironisch verfremdeter Tod beziehen sich auf dieses „Durchstehlen“ Werthers; aber Edgards Durchstehlen gelingt trotz des versöhnlichen Ansatzes auch nicht, weil es aufgrund der ideologischen Wirklichkeit in der DDR immer noch nicht realisierbar ist. In diesem Scheitern offenbart sich in Plenzdorfs Text erneut ein allgemein gültiger Grundgedanke, der die Verwendung der „Werther“-Vorlage erneut sinnvoll erscheinen lässt.
Vgl. Scherpe 52, 69 (Selbstmord als Metapher der Unversöhnlichkeit) und 104: „Dagegen steht die idealistische Spekulation von der Aufhebung des Endlichen um Unendlichen, dem Streben von Wirklichkeit und Ideal.“
Bei Plenzdorf steht diese Metapher so nicht; sie wird Raddatz, Flucht 1178 zufolge ersetzt durch einen „gesellschaftlichen Mord“ an Edgar. Diese Formel bezeichnet die gesellschaftlichen und ideologischen Unzulänglichkeiten in der DDR wohl doch zu krasse. Denn dann morden die Gesellschaften in Ost wie West all jene Charaktere, die konsequent ihr Recht auf Selbstverwirklichung durchzusetzen versuchen und an Widerständen scheitern, die in allen Gesellschaftsverfassungen „archetypisch“ vorhanden sind. So würde etwa eine Formel wie „Vergewaltigung“ des Individuums in einer verwalteten Welt (Marcuse)die von Raddatz ins Allgemeine erhobenen Widersprüche zwischen Einzelwesen und Gemeinwesen den Sachverhalt schon angemessener treffen.
118 Vgl. für „Werther“ Scherpe 27 und 89 ff. (ausführlich in Anmerkung 171).
25 119 Michaelis, „Jetzt leider der junge W.“, schränkt diesen Gedanken ein: „Der von Anspielungen lebende, auf Einverständnis mit dem Publikum spekulierende Zwinker-Text verlangt Zuschauer-Zuhörer, die verstehen, was zwischen den Zeilen gesagt wird.“ (Raddatz. Flucht 1175 widerspricht der Verharmlosung des Plenzdorf-Textes als „Blinzel-Kassiber“). – Auch wenn Plenzdorf selber sagt (Rumler), die „… Leiden…“ „… seien nicht 1:1 übertragbar“, ergeben sich doch durch den „Werther“-Bezug auch für uns gleichartige grundsätzliche Fragestellungen – wenn dabei der Kollektivgedanke für unsere Gesellschaftsform in versöhnlicher Weise berücksichtigt würde, könnte dies durchaus zu ihrer Bereicherung beitragen.
120 Allgemein geht darauf Weimann 233 f. und 236 ff. ein; ausführlicher im Zusammenhang mit einzelnen Motiven: Flaker 145-174 („Zivilisationskomplex“, „Die Welt der Technik als Evasion und als Drohung“). Die von Plenzdorf rezipierten Motive des Sturm und Drang bilden – auch wenn sie in meiner Untersuchung ein wenig gegliedert behandelt werden – einen untrennbaren Gesamtkomplex, der letztlich wieder auf das Grundproblem vom Widerspruch Einzelwesen / Gemeinwesen reduzierbar ist (vgl. Lukács, „Das Rätesystem“ 166, wo er von einer „Renaissance des Marxismus“ spricht).
121 Vgl. Scherpe 45-62 und 71; Lange 261 und 267 sowie Werthers Briefe vom 4. Mai, 10. Mai und 21. Juni 1771.
122 Vgl. Scherpe 55, 60 und 62; Lange 264 f. sowie Werthers Brief vom 18. August 1771: „… ewig wiederkäuende Ungeheuer“.
123 Vgl. Scherpe 49 f. und Werthers Briefe vom 26. Mai, 21. Juni und 24. Juli 1771.
124 Scherpe 61
125 Vgl. Scherpe 61f.; zum sozialutopischen Idealismus Werthers: Hotz 12 f., Lange 264 und P. Müller 254; vgl. auch: Flaker 184.
126 Vgl. aber Anmerkung 108 (1-3); vor allem p. 69 f. in Verbindung mit der Werther-Pistole (P2): „Wie wohl ist mir’s, dass mein Herz die simple harmlose Wonne des Menschen fühlen kann, der ein Krauthaupt auf seinen Tisch bringt, das er selbst gezogen.“ – Die Laube hat ihre Entsprechung in Werthers Brief vom 26. Mai 1771 (gleich die ersten Sätze). Darüber hinaus die Analogie des Brunnens im „Werther“ (12. Mai 1771: „Wenn ich da sitze, so lebt die patriarchalische Idee so lebhaft um mich, wie sie alle, die Altväter, am Brunnen Bekanntschaft machen und freien …“) zu Edgards Pumpe (p. 35 und p. 46 f., wo er Charlie kennenlernt). – Vgl. Lange 265 und Scherpe 50 f. sowie Flaker 145-164.
127 Werther am 15. September 1772: „Ja, wenn ich Fürst wäre, was kümmerten mich die Bäume in meinem Lande!“ – Dazu vgl. Raddatz, Flucht 1176: „Das sorgfältige Nachziehen dieser Entwicklungslinie bis in die Details – Kinderliebe, zeichnerische Gabe, Lektüre von Robinson Crusoe und Salingers Fänger im Roggen statt Homer und Ossian – endet in der Erkenntnis, dass der neue Fürst VEB heißt, der volkseigene Betrieb“. Vgl. auch Lepenies 96-99.
26 128 Vgl. Scherpe 49 und 50 ff. sowie Werthers Briefe vom 4. und 26. Mai  1771. – Für Plenzdorf sehr aufschlussreich ist hier Flaker 38 ff., 43 und 58 (!)
129 Das ist der zentrale Gedanke im Hinblick auf „Werther“ bei Lukács 181-186; vgl. auch Hauser 637-640.
Vgl. für Plenzdorf: Flaker 172 f., 207, 227 und 248; ebenso aufschlussreiche Parteien aus dem Dierl-Interview (auf S. 22 ff. meiner Arbeit nicht zitiert): „In der lebensfreundlichen Atmosphäre moderner Wohnhäuser mit ihrem Komfort, in der die meisten Menschen ohne ökonomische Sorgen leben, fallen frühere Faktoren und Probleme ihrer Auseinandersetzung mit einer unbefriedigenden Umgebung weg.“ – Das hier angesprochene Problem: Mensch und Zivilisation sieht Plenzdorf durch Edgars Augen nicht so, eher stellt er die Fragwürdigkeit dieses Problems zur Diskussion. Das ganze Laubenbild steht ja auch für die Bedrohung menschlicher Individualität durch technisch-planmäßige Umweltveränderung (vgl. Flaker 165-173), wobei vor allem die Rationalismus-Gläubigkeit infrage gestellt wird. Der Bezug auf Werther, der sich in der Natur aufgehoben fühlen konnte, erhält hieraus – in metaphorischer Anlehnung – zusätzliche Impulse in der Transformierung in die Gegenwart.
130 Vgl. Lukács 188-199; Lange, Die Sprache 261, 264 und 267 ff.; Scherpe 49-52 und 71-74 sowie 90 f.; allgemeiner: Hauser 637-640. – Vgl. auch Göres 15-21 und Münder 27.
131 Vgl. Lukács 188-189 und 203; Löwenthal 32, 36 und 38; Wapnewski 543 f. und Ullrich 249 f.
132 Storz 40; Scherpe 31, 53, 62, 65, 69 und besonders 71; Lange, Die Sprache 280.
Schumann 157; Menge; Reich-Ranicki, Der Fänger; Riese 876; Münder 42 f.
133 So Scherpe 61 f. und 71, vor allem 90 f., 98 und 105; vgl. Lukács 197 f. und 203 (einschränkend).
Schneider 334; Schumann 156-160; Raddatz, Flucht 1177; Reich-Ranicki, Der Fänger; Riese 877; Flaker 38-41 und 184 spricht statt von Flucht von „Evasion“. Der fremdsprachliche Terminus ist umfassender (er schließt auch negative Besetzungen des Begriffs ein, z.B. Evasion als Verweisung von Pflicht und Verantwortung und als Ausweichen vor Konflikten) und wird bei Flaker aus Gliederungsgründen verwendet: räumliche Evasion, soziale und psychische Evasion. Solche Differenzierungen sind nützlich, wenn sie als zusammengehörende, sich gegenseitig bedingende Momente eines Aspekts verstanden werden; das aber ist bei Flaker nicht zu erkennen und als methodischer Mangle zu kritisieren.
134 Vgl. Storz 40; Göres 21 und Raddatz, Flucht 1177 f. – im Gegensatz dazu: Plavius 449 f. und Flaker 44 und 136.
135 Scherpe 33, 38 f. und 71, auch 40-53 (vgl. Werthers Briefe vom 24. Dezember 1771, 8. und 20. Januar 1772).
Vgl. Raddatz, Flucht 1176 ff. – Flaker deutet dies an sehr vielen Stellen als Opposition der Jugendlichen gegen die Erwachsenenwelt im verflachten Sinne eines allgemeinen Generationenkonflikts (S. 36 gibt er ein Variantenschema als Grundlage prinzipieller Textwertungen, z.B. S. 127, 227 und 248).
136 Vgl. Scherpe 55 und 87; Löwenthal 36 und 38.
Raddatz, Flucht 1176; Schneider 333; Michaelis, Roter W.
137 Lukács 181-187; nicht so: Wapnewski 535-540
138 Wapnewski 543; Göres 21. Großklaus relativiert zu Recht den Begriff der Innerlichkeit für Plenzdorf im Unterschied zu Goethe.
27 139 Vgl. Wapnewski 543; Göres 231 f.; Michaelis, Für zwei deutsche Staaten.
140 Göres 21 f. – Den Denkanstoß hierfür gab in der DDR auch Ullrich 249 f.; vgl. Raddatz, Flucht 1174-1178 (sehr entschieden!); Niehoff, Gab ihm zu sagen …
141 z.B.: Hager, Diskussionsreden; Girnus, Lachen über Wibeau (dies ist der traurigste Fall unter allen DDR-Kritiken: die gerade von Girnus offenherzig initiierte Diskussion wird von ihm selbst noch im gleichen Jahr sarkastisch abgewürgt); Klatt; Neubert, Niete in Hosen; die Redakteure der NDL-Diskussion „Der neue Werther“; Biele; Plate und als erste Kaul. – auf deren durchsichtige Kritiken gehe ich hier im Einzelnen nicht weiter ein, da sie aufgrund vorgegebener, tagespolitisch bedingter Treue zur gerade geltenden Ideologielinie unergiebig sind. – Andererseits stützen sie sehr gut meine These, dass Plenzdorfs Techniken der Verfremdung grundsätzlich nichts von den jeweils kritisierten „Leiden“ zurücknehmen, dass also die Verwendung des „Werther“ eine absichtsvolle inhaltliche Funktion besitzt.
Die Diffamierung der Neuen leiden verlief im orthodox-marxistischen Lager auffallend ähnlich wie seinerzeit die Diffamierung des „Werther“ im orthodox-aufklärerischen Lager (vgl. Scherpes eindrucksvolle Schilderung S. 76-82).
142 Scherpe 31 und 55
143 Lukács 203; Löwenthal 36 und 38; Scherpe 54 ff., 62, 88. Scherpe 90-105 zeigt, wie sich Werther den Weg zu einer aktiven bzw. produktiven Entfaltung seiner individualistischen Position verbaut und verbauen lassen muss, und so liegt Werthers Tragik darin, dass er dieses Dilemma nicht überwindet, denn: „… mit dem Bewusstsein individueller Freiheit wächst die Notwendigkeit zur Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse“. (S. 91)
144 Vgl. Schumann 157 ff.; Weimann 228: „Das Moment der Nichtentsprechung dominiert; an die Stelle der Selbstaufgabe tritt eine selbstgestellte Aufgabe und die Subjektivität des Helden gewinnt vor der Folie der bürgerlichen Individualitätsproblematik den ganz andersartigen Inhalt einer produktiven Vergegenständlichung im Prozess der Arbeit an seiner Erfindung.“ Schon, aber Weimann tut so, als gäbe es in der DDR keine Individualitätsproblematik; das aber ist sein Hauptargument, in den Neuen Leiden ein Gegenmodell zum „Werther“ zu sehen.
145 Nach Lukács (188-191, 192, 199 und 203) konnte Werther in der bürgerlich-feudalistischen Epoche und ihren von der inzwischen entarteten Aufklärung geschürten Hemmnissen gesellschaftlich überhaupt nicht produktiv werden.
146 Vgl. Großklaus insgesamt.
147 Vgl. Scherpe 69
148 Das scheint auch für das Kollektiv der Anstreicherbrigade zu gelten, denen die Entwicklung der NFG-Spritze ja ebenso wenig wie Edgar gelang.
In diesem Vergleich kann man zu der Deutung gelangen, dass die kollektiven Gruppen einer Gesellschaft, die für sich das Prinzip des kollektiven Gedankens in Anspruch nimmt, von eben dieser Gesellschaft bzw. ihrer ideologisch überbauten Praxis genauso zum „individualistischen Alleingang“ getrieben werden wie das Einzelwesen selbst. Beide – die kollektive Gruppe und das möglicherweise kollektivierte Einzelwesen – ruhen eben nicht in der Geborgenheit einer wirklich kollektivierten Gesellschaft.
28 149 Sehr gut veranschaulicht auf p. 75! Erst Dieters Kommentar zu Edgars Bildern (der in sich schon anspielungsreich ist), dann Edgards Werther-Pistole: „Man kann zum Vorteile der Regeln viel sagen, …“.
Die ganze induzierende Technik erinnert an Wolf Biermanns Ballade von dem Drainage-Leger Frede Rosmeisl aus Buckow – in der 5. Strophe heiß es: „Er ist für den Sozialismus/Und für den neuen Staat/Aber den Staat in Buckow/Den hat er gründlich satt“ (Biermann, Die Drahtharfe 13)
150 Nimmt man die Entwicklung der NFG-Spritze als Metapher, in der sich die Ideologiekritik verdichtet (vgl. Anmerkung 148), wäre die Methode einer induzierenden Kritik plausibel an Edgars letztem Gedanken vor seinem Tod zu illustrieren: „Es war normalerweise technisch nicht vertretbar. Aber mir kam es auf das Prinzip an.“ (p. 145) Zur Metaphorisierung der Gesellschaftskritik, die ich hier als induktives Prinzip in Plenzdorfs poetischer Technik auffasse, vgl. Flaker 175, 178 f. und 225 ff.
151 p. 10, 23 f., 30, 31, 33, 44, 77, 83, 86, 109, 111, 114, 119, 140 und 145
152 p. 71
153 p. 25, 30, 49, 74, 111, 136: „unsterblich“
(Für Anmerkung 151 bis 153 weise ich auf Michael Neumayer, „Die neuen Leiden des jungen W.“ de U. Plenzdorf, Analyse sémantique et communication, in Revue d’Allemagne 7 (1975), 68-84, hin.)
154 Hier, wie im Folgenden, ist zu beachten, dass Plenzdorf mit den Begriffen (Idiot, vor allem aber mit dem Wortfeld der Leiden) viele Möglichkeiten des Wortspiels ausschöpft (vgl. Neumayer 68-84) – dieser artistische Kunstgriff bedeutet an den meisten Stellen jedoch keine Zurücknahme des ursprünglichen Wortsinne, da alle Wortspiele miteinander korrespondieren und von Edgars sprachlichem Gestus determiniert sind. – Man darf keinesfalls zu dem Schluss gelangen, dass die verfremdenden Wortspiele die „Werther“-Vorlage karikieren oder gar als verzichtbar hinstellen.
155 Im Folgenden werden die Korrespondenzen von derartigen Motiven immer wieder deutlich, so z.B. p 31  (Idiot / Hugenotte / adlig); p. 33 (Idiot / gegen empfohlene Literatur); p. 36: „Das war meine Art“; p. 66: „Wenn ich arbeite, dann arbeite ich und wenn ich gammle, dann gammle ich.“; p. 81: „Zum Dafürsein gehört kein Mut …“
Werther-Analogien sind in diesem Zusammenhang: p. 75 / 26. Mai 1771 (Regeln), p. 32 f. / 13. Mai 1771 (gegen Bücher als lästige Behinderung der Selbstverwirklichung – gemeint sind bestimmte Bücher; sowohl bei Goethe wie bei Plenzdorf wird dies, verschieden, relativiert: Edgar liest Werther, Crusoe und Salinger; Werther liest vor allem Homer und Ossian), p. 38-43 / 17. Mai 1771 (gegen Aufklärertypen).
Zum Geniebegriff im „Werther“: Scherpe 49 ff.


156 Das illustrieren die beiden Szenen Edgars mit den Kindern (p. 4750 und p. 63 f.) – vgl. Werther am 4. September 1771: „Wir Verbildeten – zu Nichts Verbildeten!“ (siehe Anmerkung 107, 2) mit Bezug auf Rousseaus Emile, ou l’éducation und am 17. Mai 1771 mit Bezug auf die Auseinandersetzung, „… ob Regeln oder natürliche Begabung die größten geistigen und künstlerischen Leistungen hervorbringen …“ (Rothmann, Erl. 11).
Plenzdorf rezipiert auch diese Auseinandersetzung: Die beiden Kinderszenen nehmen die wichtige Szene mit Dieter p. 75 vorweg, wo in wortspielerischer Weise der Zusammenhang zwischen Kunstregeln und gesellschaftlichen Regeln hergestellt wird.
Zur Kindheitsmetapher vgl. Hotz 19; Kraucauer 52; Max Horkheimer sah im Kind den Träger der Hoffnung (in „Es geht um die Moral …“ 97).
Die Kindheitsmetaphorik bildet bei Plenzdorf mit den übrigen rezipierten „Werther“-Momenten – Genie, Natur, Individualismus und Ich-Verabsolutierung etc. – insgesamt eine Art Naivitätskomplex (Naivität im Sinne Schillers, Über Naive und sentimentalische Dichtung), der seinen formalen Ausdruck in Edgars Sprache (und Kommunikation) findet. Die in diesem Sinnzusammenhang zu sehende naive Sprachlichkeit übernimmt dann auch inhaltliche Funktionen. – Hierfür sind die Arbeiten von Victor Lange (für den „Werther“)  und Aleksandar Flaker (für Plenzdorf) besonders wichtig.
30 157 Das begriffliche Missverständnis wird nicht den Erzählfiguren bewusst, sondern dem kritischen Leser.
Übrigens wird hier die Ursache für Edgars Kommunikationsschwierigkeiten mit seiner Umwelt (von der Werther-Sprache einmal abgesehen) schon angedeutet – Kommunikation und  Weltverständnis, Sprache und Ideologie sind zusammengehörende Begriffe. – Vgl. dazu die Dieter-Szene p. 85, in der diese Zusammenhänge plastisch hervortreten; Dieter und Edgar reden in verschiedenen Sprachen aneinander vorbei – allerdings beherrscht Edgar in dieser Szene beide Sprachen, während Dieter nur die eine versteht.
Zu solchen Schlussfolgerungen kommt beispielsweise Adelheid Schumann deswegen nicht, weil sie die von mir skizzierten Zusammenhänge, methodisch unzulässig, ausklammert.
158 p. 7 – Vgl. Scherpe 46 und Werthers Brief vom 22. Mai 1771 über den „… Bürger, dem es wohl ist, sein Gärtchen zum Paradies zuzustutzen…“
159 p. 138
160 p. 32: „… ich wollte nicht Sachen von früher mit rumschleppen.“
Symbolisch wird der Name des Provinzorts Mittenberg (vgl. Michaelis, Roter W.) für die Mittelmäßigkeit einer Neuen Bürgerlichkeit in der DDR zu deuten sein. An späterer Stelle in Plenzdorfs Text wird dies deutlicher im Vergleich mit Berlin, der Hauptstadt der DDR, verallgemeinert (p. 144: „Überhaupt sah Berlin nach acht genau wie Mittenberg aus. Alles hockte vor der Röhre.“). – Indem Edgar alle Brücken zur Vergangenheit abreißt und versucht, ins seiner Laubenidylle sein Leben aus eigener Kraft neu zu gestalten, rückt er in die Nähe eines seiner literarischen Vorbilder. Reich-Ranicki, Der Fänger, spricht von einer „Robinsonade inmitten einer Großstadt“. So wird auch Daniel Defoes Roman in das Bezugssystem der Goethe- und Salinger-Rezeption gestellt (vgl. Flaker 225 ff.).
Zugleich ergibt sich hier eine wichtige Analogie in der Rezeption Werthers: Lektüre als Begleiter eines zu Irrfahrten (Homer bzw. Salinger) und zur irreversiblen Flucht in die verabsolutierte Innerlichkeit (Ossian bzw. Robinson Crusoe und Werther) getriebenen Helden; sie begleitet aber nicht nur die Helden, sondern ebenso die Leser beider Romane, weil die Literatur in der Literatur einerseits Zustände der Romanhelden widerspiegelnd ermittelt, andererseits gedanklich Widerspiegelungen (= Reflexionen) im Leser provoziert. Romanheld und –leser werden auf diese Weise solidarisiert (Lange, Die Sprache 267 ff.; vgl. Scherpe 58-60); das bedingt allerdings den gebildeten Leser, der die hermeneutische Voraussetzung für das Gesagte mitbringen muss (vgl. Wapnewski 539 und Lange, Die Sprache 264 und 267).
Ein solcher Kommunikationseffekt wird in beiden Romanen durch die Sprache der Helden intensiviert. Analogie und Rückgriffe Plenzdorfs auf dies poetischen Techniken im „Werther“ beweisen in ihrer Vielfalt erneut, dass Plenzdorfs „Die neuen Leiden des jungen W.“ kein bloß locker hingeworfenes Werkchen mit Werther als Gag und journalistischer Aufhänger (Reich-Ranicki, Der Fänger) ist, sondern aus einer sehr intimen und sublimen Kenntnis des gesamten „Werther“-Stoffs resultiert.
161 p. 29
162 p. 29: Im Vergleich zur pedantischen Ordnung in Dieters Appartement (vgl. p. 78-81) bedeutet dies eine bildhaft vorweggenommene Anspielung gegen Orthodoxie und Planungsgläubigkeit.
163 p. 29 f.
164 p. 58 ff. – Edgar spielt unwissentlich auf die religiöse Wurzel der Musikformen des ursprünglichen Beat, Soul und Jazz im Allgemeinen an – vgl. Anmerkung 91 (6).
165 p. 61 ff. Vgl. Anmerkung 91 (4) und Anmerkung 154 und die Wortspielvariante p. 78: „Unaufgeräumtheit konnte ich leiden“ mit p. 70: „Gleichförmigkeit machte mit krank“, „… tat mir ekelhaft leid“.
Hinsichtlich Kritik an (zu) langen Haaren siehe auch p. 47.
166 p. 47: „Bloß stank es mich immer fast gar nicht an, wenn einer gleich ein Wüstling oder Sittenstrolch sein sollte, weil er lange Haare hatte, keine Bügelfalten …“
167 p. 27: „Ich hab überhaupt manchmal gedacht, man dürfte nicht älter werden als siebzehn – achtzehn. Danach fängt es mit dem Beruf an oder mit irgendeinem Studium oder mit der Armee und dann ist mit keinem mehr zu reden. Ich hab jedenfalls keinen gekannt.“
Das derart politisierte Jeans-Symbol wird p. 28 dadurch gesteigert, dass nach Edgars Meinung das einzige sozialistische (unorthodoxe!) Vorbild in der gegenwärtigen Erzählebene Jeans hätte tragen können: „Zaremba war edel.“ Auf diese Weise gibt das Jeans-Symbol, das auch für Edgars Innerlichkeit und Individualität fungiert, einen (zumindest potentiellen) Solidarisierungseffekt her. Flaker geht auf diese Frage detailliert ein – für Plenzdorf auf S. 148 f. und 152. Vgl. auch Biele 1289: „Die in Blue Jeans werden zum Politikum … „ (!); Michaelis, Roter W. in Blue Jeans (sic!); Schneider 333 sieht in den Jeans dagegen u.a. nur ein „Plagiat auf die westliche Underground- und Hippie-Szene …“; Schumann 156: „Blue Jeans als Symbol einer freien Welt …“; vgl. schließlich Marschall McLuhan (in Jeans 174): „Jeans sind Ausdruck des Protests gegen das Establishment, denn diese Hose stellt die Werte der Mittelklasse infrage.“
31 168 p. 75 f. Dazu Edgars Kommentar: „Dieser Werther hatte sich wirklich nützliche Dinge aus den Fingern gesaugt.“
Im Werther verläuft der Prozess gegenläufig: Die Kritik an den Regeln der Gesellschaft wird ausgeweitet auf die Regeln in Kunst, Wissenschaft und Religion (vgl. Scherpe 44 und Werthers Brief vom 22. Mai 1771).
An dieser gegenläufigen Rezeption (Goethe deduziert, Plenzdorf induziert) wird Plenzdorfs Technik einer metaphorisch und zum Teil symbolistisch verkleideten Gesellschaftskritik erneut deutlich.
169 Abschnitt 2.1
170 p. 187 f. (= T6)
171 Auch der Werther bot keine Lösungen an. Scherpe sagt S. 27, dass der „Roman in sich keine Orientierungshilfe“ bietet; noch deutlicher S. 76: „Goethes Roman löst Hoffnungen und Forderungen aus, deren Berechtigung … auf ein Reservoir unterschwelliger Unzufriedenheit und Bedrückung … durch exemplarische Darstellung ins Bewusstsein …“ trifft. S. 91: „Verkündet der Werther eine Lehre, so allein die, dass persönliche Freiheit nicht ohne soziale und politische Freiheit zu verwirklichen ist … Man kann Werthers Versuch der Selbstverwirklichung als Akt der Antizipation interpretieren: mit dem Bewusstsein individueller Freiheit wächst die Notwendigkeit zur Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse.“ – Aus dieser Sicht wird Plenzdorfs Goethe-Rezeption erst sinnvoll, zumal der Held der Neuen Leiden nicht bis zuletzt den Weg der alten Leiden geht – wenn Scherpe 102 sagt: „Die Werther-Problematik“ als die eigene zu empfinden, hätte letztlich geheißen, Werthers Leiden als Aufforderung zur Tat zu begreifen, die bedrückenden gesellschaftlichen Zwänge zu überwinden“, so scheint mir, als hätte es Plenzdorf genau darauf abgesehen: Edgar Wibeau zeichnet zumindest den Ansatz einer versöhnlichen Lösung zwischen konsequenter Behauptung der eigenen individuellen  Freiheit und den kollektiven Ansprüchen vor. Dieser Ansatz schien 1972 im Gegensatz zu 1772 durchaus möglich, er wurde aber – deutlicher als es die Wirkungsgeschichte des „Werther“ zeigt – von der herrschenden Gesellschaftsklasse in der DDR ermordet. Hierin liegt eine zusätzliche „ironische Verschiebung“ im Ausgang der Rezeption der Neuen Leiden Plenzdorfs in der DDR-Obrigkeit.
(Zur „Werther“-Problematik vgl. auch Walter Benjamins knappe Ausführung in seinem Essay „Goethes Wahlverwandtschaften“ 274 f.)


172 Vgl. p. 109: „meine Spritze … mein NFG“. Beachte hier das scheinbar widersprüchliche Beiwort „selbstlos“! Mit beinahe unmerklichen Kunstgriffen expliziert Plenzdorf das dialektische Umschlagen in Edgars Entwicklungsprozess auch in der Sprache selbst!
173 p. 118 f.: „… Und das alles bloß, weil ich dachte, ich hab diese Spritze in der Hinterhand, ich Idiot.“ – Vgl. Anmerkung 117 (Durchstehlen durch das Entweder – Oder).
An dieser Stelle fällt die Doppeldeutigkeit der enklitischen Wendung „ich Idiot“ auf: Ist es idiotisch, an eine ideologische Reformation in der DDR zu glauben oder ist es idiotisch, den ideologischen Überbau des Kollektivgedankens überhaupt infrage zu stellen?
32 174 Genau dies: das Fehlen einer solchen transzendentalen Sinngebung, kreidet Scherpe 91 „Werther“ an.
In Edgar Wibeaus naivem Reflektieren kann  man eine Chiffre für einen positiven Neuansatz sehen, welcher konkretisiert worden wäre, hätte Plenzdorf seinen Helden weiterleben lassen können.
175 Die letzten Zitate: p. 135 f.
176 Vgl. Ullrich 249: „Das emotional ungeheuer starke Bekenntnis zum Subjekt, der Geniekult, die Behauptung (bis Überschätzung) der eigenen Persönlichkeit – das sind einige der Punkte gewesen, die die Stürmer und Dränger der für sie rational überbetonten Aufklärung entgegensetzten. Und unsere heutigen jungen Menschen stehen in einem ähnlichen Verhältnis zur Realität.“ (Auch die weiteren sehr offenen Ausführungen Ullrichs sind außerordentlich beachtenswert.)



Seite 4.2 Anmerkungen zu Handke
36 1 Max Horkheimer in einem „Spiegel“-Gespräch: „Was wir Sinn nennen, wird verschwinden“, in: Der Spiegel 1-2 (1970), S. 83
37 2 Peter Handke in einem Interview: Materialien Peter Handke, Falsche Bewegung, in: Suhrkamp-Literatur-Zeitung Nr. 1 / 2. Programm. Frankfurt/Zürich/Wien September 1975 (Beilage, S. 4)
38 3 Schütte
4 Pütz behandelt die Frage des Kontrasts in Handkes Rezeption knapp, aber treffend:
„Einige Anlehnungen an den Goethe’schen Wilhelm Meister sind so klar erkennbar, dass es überflüssig erscheint, sie im Einzelnen zu nennen …“ – Dem schließe ich mich insofern an, als ich in meiner Untersuchung auf die Herausarbeitung aller, auch der subtileren, Anlehnungen in explizite verzichte; denn – so Pütz weiter:
„Die Analogien sind … in den wenigsten Fällen deckungsgleich, sondern verschieben und überschneiden sich … Handke übernimmt gleichsam (…) ein vorgeformtes Geflecht und verändert es so, dass zwar das Grundmuster und damit die Tatsache der Übernahme ständig sichtbar bleibt, dass aber immer mehr Fäden dieses Geflechts in andere Richtungen gelenkt, zu neuen Sinnbeziehungen verknüpft werden. Daher sind auf dem Hintergrund der Entsprechungen Kontraste vielsagender als Analogien. … im scharfen Kontrast zum Goethe’schen Wilhelm Meister nicht nur als Vehikel der Parodie, sondern gleichsam als photographisches Negativ, das es umzukehren gilt, will man die wirklichen Erscheinungen sichtbar werden lassen. Die Mechanismen tradierter Formen  bieten die Kontrastfläche, von der sich die neuen Dinge allererst abheben und profilieren. Damit wird Tradition als Mittel der Gegenwartserkenntnis rezipiert und verwertet.“
5 Vgl. Storck 229, Janz 340, Lukács 61 f. und 69
6 Dieser gedankliche Ansatz wird vage angedeutet bei Buselmeier 60: „Weil aber das Paradies der Einheit aller Gegensätze verriegelt ist, rettet sich Handke, wie mancher vor ihm, in den Versuch einer Neubegründung des poetischen Denkens, das gegenüber dem politisch-wissenschaftlichen absolut gesetzt wird …“ (B. rückt Handke damit allerdings zu sehr in die Nähe von Novalis, was mir nicht angemessen erscheint. – Ich versuche, dies in meinen folgenden Ausführungen zu widerlegen).
Pütz 2 lässt die Frage offen, verweist aber sehr ausdrücklich auf Handkes „Neues Sehen“ von Dingen hin und erwähnt in diesem Zusammenhang auch Husserls Phänomenologie. Pütz hätte diesen Gedanken (als Begründung dafür, dass Handkes Wilhelm einen anderen Weg zu gehen hat als Goethes) daher ruhig expliziter und entschiedener ausführen können – vgl. auch Anmerkung 4.
7 Benno von Wiese: Ist die Literaturwissenschaft am Ende?, in Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.10.1973. (Handke schrieb „Falsche Bewegung“ im Juli/August 1973, schon zuvor hatte er sich im „Kurzen Brief zum langen Abschied“ mit der Rezeption traditioneller, wenn auch nicht gerade klassischer Texte beschäftigt.)
8 Erschienen im Suhrkamp-Verlag, Frankfurt/M. 1976
(rezeptive Grundlage: Goethes „Wahlverwandtschaften“)
39 9 Pütz bezieht sich in seiner Handke-Besprechung zweimal auf Plenzdorf und schient dessen „Werther“-Rezeption, zumindest unter dem allgemeinen Aspekt eines „Grundmusters“ der Rezeption, der Handke‘schen als vergleichbar gegenüberstellen zu können.
10 Vgl. Storz 197
11 Ein formaler Vergleich zwischen Plenzdorf und Handke wird hier nicht angestrebt. Zwar ist Plenzdorfs Text auch als Filmszenario (und Theaterstück) geschrieben, und das allein würde einen Vergleich mit Handkes Filmdrehbuch herausfordern und begründen, doch sind die Techniken in beiden Szenarien zu grundverschieden (im Übrigen ist in meiner Arbeit die Prosafassung Plenzdorfs als die verbindliche anerkannt und behandelt worden). Bei Plenzdorf spielt das „Werther“-Zitat eine äußerst wichtige Rolle – bei Handke wird einmal ein Eichendorff-Zitat eingeblendet (der Drehbuchleser müsste die Stelle erst einmal bei Eichendorff selbst suchen …) und das eigentliche Zitieren ist hier im Wesentlichen sekundär. Die Verfremdungstechniken Plenzdorfs haben in Handkes Drehbuch in keiner Weise ein Äquivalent. Das alles ist nicht etwa in irgendeiner Richtung abwertend festgestellt.
So bleiben inhaltliche Aspekte der beiden Rezeptionen, sofern man sie vergleicht, in erster Linie wichtig: Das gilt für die je unterschiedliche, je gemeinsame Verwertung der Goethe-Vorlagen wie für den Effekt, den die Rezeption auf die literarische oder poetische Programmatik beider deutscher Schriftsteller hergibt. Dieser Effekt wird – das kompliziert und strapaziert den Vergleich allerdings übermäßig – zusätzlich in den unterschiedlichen gesellschaftlichen Verfassungen beider deutscher Staaten gebrochen. Ich erkenne nirgend ein methodisches Prisma, das für beide Brechungen als Vergleichsinstrument herangezogen werden könnte.
12 Dazu vgl. den Plenzdorf-Teil meiner Arbeit.
13 z.B. Buselmeier 60
40 14 Storck 213: Die Selbstfindung ist nur im gesellschaftlichen Zusammenhang möglich.
15 Lukács 60
16 Storz 198; Storz 199 meint (nicht unangemessen im Sinne Handkes), dass weder Leitung noch Theorie Wilhelm auf den ihm gemäßen Weg bringen, sondern die Natur, das Unmittelbare. Vgl. auch  Dürr 203-205
17 Storck 216
41 18 Vgl. Pütz 2
19 Nach Storz 192 könnte man auch im Falle Handkes hier von einer „Vor-Erscheinung“ sprechen.
20 Pütz 2
21 Schütte
22 Storck 224 f.: Gegenwelt gesellschaftlichen Außenseitertums
23 Storck 216
42 24 Pütz 1; Friedrich Luft in: Materialien Peter Handke, Falsche Bewegung, S. 8
25 Janz 321
26 Pütz 2
27 Dürr 203 – Dürr stellt dies bei den „Lehrjahren“ vor allem im Kontrast der ersten 5 Bücher zu den letzten beiden fest. Stilistisch zeige sich dies bei Goethe auch darin, dass er in den Bücher 1-5 (bei Beschreibung konkreter Dinge) parataktische, in den Bücher 7 und 8 dagegen hypotaktische Satzperioden verwende: Stil und Gehalt des Beschriebenen korrespondieren jeweils miteinander.
28 Dürr 204 – vgl. hinsichtlich Handke: Pütz 2
29 Vgl. Pütz 1, der auf Husserls Phänomenologie verweist, zumal Handkes Wilhelm (p. 58) selbst den Begriff „Wesensschau“ verwendet.
Vgl. auch Buselmeier 60: „.. dieses Sichversenken in die reine Dingwelt …“ (Buselmeier bespricht gerade Handkes „Die Stunde der wahren Empfindung“, leitet dann aber gleich über zur „Falschen Bewegung“). „Ich selbst habe beim Lesen zuerst an Edmund Husserl und die Phänomenologie gedacht: ad res, ad fontes, zu den Sachen selbst; eine rein deskriptive Wissenschaft, die sich ontologisch auf das naive Erschauen der Erscheinungen fixiert. Die Phänomenologie will die Dinge so wahrnehmen, wie sie sich selbst zeigen, unter Abstraktion von ihren geschichtlich-gesellschaftlichen Qualitäten. Zu dieser Philosophie des autonomen Gegenstandes scheint Handke ein poetische Äquivalent zu liefern.“ Im Folgenden soll gezeigt werden, dass Handke in seinem „poetischen Äquivalent“ geschichtlich-gesellschaftliche Qualitäten durchaus impliziert – gerade durch seine Rezeption der „Lehrjahre“ und deren Inbezugsetzung zur Gegenwart.
43 30 Vgl. Blumenberg
31 Dürr 207
32 Lukács 69
33 Blumenberg
34 Blumenberg; Zürcher 44 f. verweist auf eine dazu korrespondierende Stelle in Handkes „Der kurze Brief zum langen Abschied“ (Frankfurt/M. 1. Aufl. 1972, S. 190 f.), wo der Gesprächspartner des Ich-Erzählers (der sich ironischerweise einmal mit dem Namen Wilhelm vorstellt), der Filmregisseur John Ford sagt: „Bis vor einem Jahrhundert haben noch die Leute für den Fortschritt gesorgt, die die Macht hatten, ihn auch herbeizuführen: von der Neuzeit an bis vor kurzem gingen die Heilslehren immer von den Machthabern selber aus: von den Fürsten, den Fabrikherren, den Wohltätern. Jetzt sind aber die Machthabe keine Wohltäter der Menschheit mehr, höchsten gebärden sie sich als Wohltäter an einzelnen und nur noch die Armen, die Mittellosen und Machtlosen denken sich etwas Neues aus. Die, die allein etwas ändern könnten, machen sich keine Gedanken mehr und so muss alles beim Alten bleiben.“
35 Jeremias
36 Schütte
37 Storck 226 f.; Dürr 209
38 Vgl. Lukács 61 f.: „Der Gestaltung eines in der bürgerlichen Gesellschaft notwendig utopisch bleibenden Ideals wie des Humanismus muss notwendig ein gewisser Fluchtcharakter anhaften. Denn kein Realist kann diese Verwirklichung mit der realistischen Gestaltung des normalen Ablaufs der Geschehnisse in der bürgerlichen Gesellschaft vereinen.
39 Dürr 207
40 Goethes Werke. Herausgegeben von Erich Trunz. 14 Bde. (Hamburg 1948-1960), 8. neubearbeitete Auflage München 1973, Bd. 7, S. 405
44 41 Vgl. Peter Handke: Die Tyrannei der Systeme, in: Die Zeit, 02.01.1976: Der Schriftsteller muss „… sich selber ohne Erbarmen erforschen – als ob er noch nichts über sich selbst wüsste“.
42 Vgl. Dürr 208 f. Ich münze diesen Begriff so auch auf Handke.
43 Goethes Werke. Herausgegen von Erich Trunz. 14 Bde. (Hamburg 1948-1960), 8. neubearbeitete Auflage München 1973, Bd. 7, S. 83. – Vgl. Janz 323, der mit diesem Bild die soziale Unbestimmtheit des Dichters in Wilhelm Meisters Wunsch charakterisiert findet.
45 44 Pütz 2
45 Schütte spricht von einer „eigenwilligen, subjektiven Auseinandersetzung mit Deutschland (der BRD)“, hinter der „der klassische Stoff des Bildungsprogramms“ zurücktritt.
46 46 Vgl. auch p. 32: „Ich möchte nichts Bestimmtes sehen, bevor ich etwas schreiben will … und zum Schreiben muss ich mich ungestört und genau erinnern, sonst schreibe ich nur was Zufälliges.“ – Diese Bemerkung Wilhelms korrespondiert zu Handkes „ordentlicher Beschreibung unordentlicher Verhältnisse“ in Deutschland (Blumenberg).
47 Vgl. dies mit p. 13: Wilhelm zu Janine: „Ich möchte mich in jemanden verlieben.“ – Die Zusammenhänge werden Wilhelm später klarer: an die Stelle des Wünschens tritt das als Wollen definierte Bedürfnis.
47 48 Vgl. p. 72: Wilhelm will eine Geschichte schreiben, in der er beweisen will, „… dass Gutmütigkeit und Erbarmungslosigkeit zusammengehören. Ich glaube, es wird eine politische Geschichte werden.“ – Die Versöhnung von Politik und Poesie ist Wilhelms Sehnsucht bis zum Schluss, bevor er die richtige Bewegung macht, indem er auf der Zugspitze zuerst die in ihm selbst verankerten, hemmend-subjektiven Prämissen für seine Selbst- und Weltfindung erforscht, ordnet und klärt.
49 Alle Zitate p. 52
50 Siehe p. 28
51 Pütz
52 Siehe p. 9; vgl. Pütz


53 p. 56: „… fürs Schreiben ist es besser, dass einem was auffällt, statt dass einem was einfällt.“ Vgl. damit p. 58, wo von der Wesensschau die Rede ist.
54 Vgl. Arnold 26 f.
55 „In der Kontemplation ist mehr Bewegung, als wenn jemand aufspringt und sich mit Zwischenrufen Luft macht … Nur die strenge und genaue Abstraktion wendet der Zuschauer auf sich und seine Umwelt an.“ (Peter Handke 1969 in der RIAS-Sendung „Prominente zu Gast“; zitiert nach Michaelis 96).
56 Das betrifft auch Handkes Selbstverständnis als Schriftsteller. Vgl. Arnold 32: „Warum wird nicht versucht zu denken, dass die Art Literatur, die ich schreibe, ja nichts Gegensätzliches ist zu der aktionistischen oder rein begrifflichen Auffassung von Gesellschaft, Individuum usw.? Als ob die Literatur, die ich mache, nicht auch dazu beitragen könnte, dieses ganze System von Begriffen, von Aktionen mitzubewegen. Als ob die subjektivistische Literatur, die ich mache, nicht auch als Korrektur, als ein Modell von Möglichkeit, Leben darzustellen, akzeptiert werden kann.“ (Vgl. auch Michaelis 84 über Handkes Aufsatz von 1967 „Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms“)
Vielleicht ein wenig überspitzt möchte ich hinzufügen: Der Turm der „Lehrjahre“, den Handke als realistisches Symbol in der „Falschen Bewegung“ rezipiert, gehört zum richtigen Verständnis dessen, was Handke mit seinem Elfenbeinturm auch heute noch in Bewegung  zu bringen versucht.



5.0 Literaturverzeichnis

5.1 ZU PLENZDORF

1. Primärliteratur – Ulrich Plenzdorf

Die neuen Leiden des jungen W., Rostock (Hinstorff) 1973
(Originalbuchausgabe der Prosafassung, Copyrights)

Die neuen Leiden des jungen W. Frankfurt/M. (Suhrkamp)
1973 (Lizensierte Original-Buchausgabe für die Bundesrepublik Deutschland, die Schweiz und Österreich; Prosafassung. Gleichzeitig mit der DDR-Ausgabe erschienen.)

Die neuen Leiden des jungen W., in Sinn und Form. Beiträge zur Literatur. Herausgegeben von der Akademie der Künste der Deutschen Demokratischen Republik. Berlin (Rütten & Loening), Jg. 24 (1972) H. 1, 254-310. (Erstveröffentlichung der Prosafassung)

Die neuen Leiden des jungen W. – Stück in zwei Teilen.
In: Spectaculum 20. Sechs moderne Theaterstücke, Frankfurt/M. (Suhrkamp) 1. Aufl. 1974, S. 237-283 (Westdeutscher Erstabdruck der Theaterfassung mit Materialien, S. 299-303: Daten zu Ulrich Plenzdorf und ein geringfügig gekürzter Nachdruck einer Besprechung von Rolf Michaelis, Roter Werther in Blue Jeans, Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 07.10.1972)

Die neuen Leiden des jungen W., Frankfurt/M. 51977
(Unveränderte, in Seitenzahlen mit der Erstausgabe übereinstimmende Auflage, erstmals als Taschenbuch, 126.-175. Tausend.)

2. Primärliteratur – Johann Wolfgang Goethe

Die Leiden des jungen Werther, Erster/Zweyter Theil.
Leipzig, in der Weygandschen Buchhandlung, 1774 (erschienen zur Michaelismesse in Leipzig im September, ohne Nennung des Autors. – Faksimiledruck dieser Ausgabe mit Beiheft von Walther Migge: Frankfurt/M. (Insel) 1967)

Die Leiden des jungen Werther, Zweyte Aechte Auflage
Erster/Zweyter Theil. Leipzig, in der Weygandschen Buchhandlung. 1775 (mit den Motto-Versen)

Goethes Schriften, Erster bis Achter Band
Leipzig, bey Georg Joachim Göschen, 1787-1790. 1. Verzeichnis der Subscribenten. Zueignung. Werther. 1787 (Erstausgabe der Zweitfassung)

Die Leiden des jungen Werther
Neue Ausgabe, von dem Dichter selbst eingeleitet, Leipzig: Weygandsche Buchhandlung. 1825 (Zweitfassung mit dem Gedicht „An Werther“ als Einleitung)



Die Leiden des jungen Werther. Text 1. und 2. Fassung
Hg. v. Erna  Merker, Berlin 1954
(= Werke Goethes. Hg. v. der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin unter Leitung von Erst Grumach)

Goethes Werke
Hg. v. Erich Trunz, 14 Bde. Hamburg 1948-1960. Bd. 6: Die Leiden des jungen Werther, Hamburg 1951

Die Leiden des jungen Werther
Frankfurt/M. 11973
(Insel-Taschenbuch), S. 7-166
(2. Fassung. Mit einem Essay von Georg Lukács: „Die Leiden des jungen Werther“, S. 181-206 und einem Nachwort von Jörg Göres: „Zweihundert Jahre Werther“, S. 207-226)

3. Sekundärliteratur zu Plenzdorf und Goethe

Dell’Agli, Anna Maria: Die neuen Leiden des jungen W.
In: Annali, Sez. germ. 16 (1973) N.3, 326-329

Bach, Anneliese: Über Goethes Werther
Eine Studie zum Aufbau der Dichtung, in: Dem Tüchtigen ist dieser Welt nicht stumm. Jena 1949, 51-63

Barber, Dieter: Die Leiden des jungen Werther
In: Kindlers Literaturlexikon im dtv. München 1974, Bd. 13, 5584-5586

Baruch, Gertrud: The Catcher in the Rye
In: Kindlers Literaturlexikon im dtv. 25 Bde. München 1974 Bd. 5, 1825

Baumgart, Reinhard: Das Erbe des jungen Werther
Frankfurt/M. 1966

Benjamin, Walter: Was ist das epische Theater?
In: Versuche über Brecht, hg. v. Rolf Tiedemann. Frankfurt/M. 2. Aufl. 1967, 22-30

Goethes Wahlverwandtschaften, in: Johann Wolfgang Goethe, Die Wahlverwandtschaften. Frankfurt/M. 1. Aufl. 1972, 253-333
(zuerst in: Neue Deutsche Beiträge 2 (1925) H. 1, 38-138; auch in: W.B. Illuminationen, Frankfurt/M. 1969, 70-147)

Biele, Peter: Nochmals – „Die neuen Leiden …“
In: Sinn und Form 25 (1973) H. 6, 1288-1293

Bielschowsky, Albert: Goethe, sein Leben und seine Werke
In zwei Bänden, Bd. 1 München 29. Aufl. 1914

Biermann, Wolf: Die Drahtharfe
Balladen, Gedichte, Lieder. Berlin 1. Aufl. 1965



Bungert, H.: J.D. Salinger „The Catcher in the Rye“
Isolation und Kommunikationsversuche der Jugendlichen, in: Die neueren Sprachen. Zeitschrift für Forschung und Unterricht auf dem Fachgebiet der modernen Fremdsprachen. 1960, 208-217

Corino, Karl: Gespräch mit U. Plenzdorf
In: Süddeutsche Zeitung vom 08.12.1973

Costello, D.P.: The Language of „The Catcher in the Rye“
In: American Speech 34 (1959), 172-181

“Cremer fühlt sich angeblich überfahren – Zwanzig weitere DDR-Künstler protestieren”, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 20.11.1976, S. 3

David, Wolfgang (siehe: Diskussion im Plenzdorf, 674-676)

Dierl, Wolfhilde (siehe: Landestheater Halle)

Diskussionsreden 9. Tagung des ZK der SED, 28./29. Mai 1973, Berlin (Dietz) 1973

Diskussion um Plenzdorf
In: Sinn und Form. Beiträge zur Literatur, Jg. 25 (1973) H. 1, 219-254 und H. 3, 672-676

„Es geht um die Moral der Deutschen“. Professor Max Horkheimer über die Zukunftsgesellschaft, in: Der Spiegel 29 /1973), 9598

„Fall Biermann: Honecker im Teufelskreis“, in: Der Spiegel 48 (1976), 30-34

Feldmeyer, Karl: Biermann und die westdeutschen Linken
In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 18.11.1976

Fischer-Lamberg, Hanna: Das Bibelzitat beim jungen Goethe
In: Gedenkschrift für F.J. Schneider. Weimar 1956, 217-219

Flaker, Aleksandar: Modelle der Jeans Prosa. Zur literarischen Opposition bei Plenzdorf im osteuropäischen Romankontext. Kronberg/Taunus 1975 (256 Seiten. Aus dem Kroatischen von Heide Zimmermann)

Forum 8 (1973), Seite 15 (Ergebnis einer Fragebogen-Umfrage bei 284 Jugendlichen über Plenzdorfs Edgar Wibeau)

Friedenthal, Richard: Goethe, sein Leben und seine Zeit, München 1963

Girnus, Wilhelm: Diskussion um Plenzdorf
In: Sinn und Form, Jg. 25 (1973) H. 1, 219-221; 242 f.; 254 (redaktionelle Anmerkung)

Lachen über Wibeau … Aber wie?
In: Sinn und Form, Jg. 25 (1973) H. 6, 1277-1288



Göres, Jörn: 200 Jahre Werther
In: Insel Almanach auf das Jahr 1973. Die Leiden des jungen Werther. Frankfurt/M. 1972, 5-22 (auch in: Johann Wolfgang Goethe, Die Leiden des jungen Werther. Frankfurt/M. 1. Aufl. 1973, 207-226)

Großklaus, Götz: West-östliches Unbehagen. Literarische Gesellschaftskritik in U. Plenzdorfs „Die neuen Leiden des jungen W.“ und Peter Schneiders „Lenz“, in: Basis. Jahrbuch für deutsche Gegenwartsliteratur, Bd. 5 (1975), 80-99

Gugisch, Peter (siehe: Diskussion um Plenzdorf, 250-252)

Harich, Wolfgang: Der entlaufene Dingo, Das vergessene Floß, in: Sinn und Form, Jg. 25 (1973) H. 1, 189-218

Hauser, Arnold: Deutschland und die Aufklärung
In: Sozialgeschichte der Kunst und Literatur, München 1953, 637-640

Havemann, Robert: „Biermann muss Bürger der DDR bleiben.“
Robert Havemann appelliert an Erich Honecker, in: Der Spiegel 48 (1976), 49-50

Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Wissenschaft der Logik
In: Sämtliche Werke. Jubiläumsausgabe, hg. v. Hermann Glockner, 20 Bde. Stuttgart 1927-40, Bd. 8

Hermand, Jost: Das Gute-Neue und das Schlechte-Neue: Wandlungen in der Modernismus-Debatte in der DDR seit 1956
In: Peter Uwe Hohendahl/P. Herminhouse (edts.), Literatur und Literaturtheorie in der DDR. Frankfurt/M. 1976, 73-99

Hermlin, Stephan (siehe Diskussion um Plenzdorf, 244)

Herzfelde, Wieland (siehe Diskussion um Plenzdorf, 238-240)

Heynacher, Max: Goethes Philosophie aus seinen Werken, Leipzig 1905

Hirsch, Arnold: Die Leiden des jungen Werther. Ein bürgerliches Schicksal im absolutistischen Staat.
In: Etudes Germaniques  13 (1958), 229-250

Hohendahl, Peter Uwe/Herminghouse P. (edts.): Literatur und Literaturtheorie in der DDR, Frankfurt/M. 1976

Holtzhauer, Helmut: Von sieben, die auszogen, die Klassik zu erlegen
In: Sinn und Form Jg. 25 (1973) H. 1, 169-188

Hotz, Karl (Hg.): Goethes „Werther“ als Modell für kritisches Lesen. Materialien zur Rezeptionsgeschichte. Zusammengestellt und eingeleitet von Karl Hotz. Stuttgart 1974
(darin: „Werther“-Rezeption und „Werther“-Wirkung 1973, 189-204; über Plenzdorfs Neue Leiden auch auf den Seiten 5, 15, 35, 42 und 47)

Jeans. Gut für Rettichbeine, in: Der Spiegel 37 (1973), 174-175

Jentzsch, Bernd: Offener Brief. Bernd Jentzsch an Erich Honecker, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 24.11.1976

Kaiser, Joachim: Schwarzes Schaf mit gutem Kern
In: Süddeutsche Zeitung vom 24.09.1973

Karasek, Hellmuth: Ein Beatnik aus der DDR
In: Süddeutsche Zeitung vom 07./08.04.1973

Kaschuge, Heidrun: Die (neuen) Leiden des jungen (W.) Werther
Vergleich und Untersuchungen, Hollfeld (Beyer) 1976

Kaul, Friedrich Karl
(siehe Diskussion um Plenzdorf, 219-220. Auszugweiser Abdruck seines Briefes an Wilhelm Girnus vom 12.06.1972)

Kayser, Wolfgang: Die Entstehung von Goethes „Werther“
In: Deutsche Vierteljahresschrift Bd. 19 (1941) H. 4, 430-457
(Wiederabdruck in: W.K., Kunst und Spiel. Fünf Goethe-Studien. Göttingen 1961, 5-29)

Kersten, H.U.: „Die neuen Leiden des jungen W.“  Ein Stück DDR-Gegenwart.
In: Die Rheinpfalz vom 17.05.1973
(auch in: Hotz, Karl: Goethes „Werther“ als Modell … S. 193)

Kimpel, Dieter: Entstehung und Form des Briefromans in Deutschland. Interpretation zur Geschichte einer epischen Gattung des 18. Jahrhunderts und zur Entstehung des modernen deutschen Romans. Diss. Wien 1962 (Masch. – Darin: Goethes Werther-Roman als persönlichkeitsbildender Dialog des jungen Dichters mit dem eigenen Ich, S. 153-186)

Klatt, Gudrun: DDR-Dramatik am Beginn der 70er Jahre
In: Weimarer Beiträge 3 (1973), 117-130

Klunker, Heinz: Zeitstücke und Zeitgenossen, München 1975

Kohlhaase, Wolfgang (siehe: Diskussion um Plenzdorf, 247-248)

Korff, H(ermann) A(ugust): Geist der Goethezeit. Versuch einer ideellen Entwicklung der klassisch-romantischen Literaturgeschichte. 5 Bde., Leipzig 1923-157, 8. Aufl. 1966, Bd. 1: Sturm und Drang, Leipzig 1923, 296-307

Kummer, Jochen: „Die Sache mit Edgar poppt“
In: Stern 22 vom 24.05.1973 (auch in: Karl Hotz, Goethes „Werther“ als Modell …, 193-195)

„Kuss von Charlie“, in: Der Spiegel 13 vom 26.03.1973

Labroisse, Gerd: Überlegungen zur Interpretationsproblematik von DDR-Literatur anhand von Plenzdorfs „Die neuen Leiden des jungen W.“
In: Amsterdamer Beiträge zur neueren Germanistik 4 (1975), 157-181



Landestheater Halle (Hg): „Die neuen Leiden des jungen W.“
(Programm-)Heft 10, Spielzeit 1971/72
„Zur Uraufführung des Stücks im „Theater des Friedens“ am 18.05.1972, ohne Seitenzahlen. Das Heft enthält ein „Interview mit einem wortkargen Autor, ein Interview mit der Juristin Dr. Wolfhilde Dierl, der Plenzdorfs Text zur Begutachtung vorgelegt worden war, sowie einzelne Unterhaltungen mit „Menschen aus der Umgebung, in der das Stück produziert wurde“. Darüber hinaus Auszüge aus Heft 48, 1967, der Zeitschrift Sonntag mit Fragen und Antworten an Studenten zur Aktualität der Werther-Problematik, vermischt mit Zitaten aus Werther-Briefen, die in Plenzdorfs Stück verarbeitet sind: 10., 15., 17. und 22. Mai; 16. und 21. Junius; 13. und 30. Julius; 22. August; 10. September; 24. Dezember 1771; 24. März und 22. November 1772. – Intendant und Regie: Horst Schönemann; verantwortlich für den Text: Ingrid Seyfarth)

Lange, Victor: Die Sprache als Erzählform in Goethes „Werther“
In: Formenwandel, Festschrift zum 65. Geburtstag von P. Böckmann, Hg. von W. Müller-Seidel und W. Preisendanz, Hamburg 1964, 261-272

The language of die poet: Goethe 1772 – 1774
In: Wächter und Hüter, New Haven (1957), 67-76

Lepenis, Wolf: Melancholie und Gesellschaft, Frankfurt am Main 1969

Lewerenz, Walter (siehe Diskussion um Plenzdorf, 243 f.)

Löwenthal, Leo: Erzählkunst und Gesellschaft, Neuwied und Berlin 1971

Lukács, Georg: Die Leiden des jungen Werther
In: Johann Wolfgang Goethe, Die Leiden des jungen Werther, Frankfurt/M., 1. Aufl. 1973, 181-206
(1936 geschrieben. Erstveröffentlichung in: Georg Lukács, Goethe und seine Zeit, Bern 1947, 17-30 – Wiederabdruck in: Georg Lukács, Deutsche Literatur in zwei Jahrhunderten, Neuwied 1964 = Georg Lukács, Werke, Bd. 7, 53-68)

„Macht Sozialismus sinnlich?“
Interview mit Plenzdorf in: Der Spiegel vom 12.04.1975, 224-226

Mann, Dieter: Über Kollegen, die Kritik, das Publikum und ein Stück
In: Theater der Zeit 6 (1073), 9-11

Menge, Marlies: Der Tod des Sozialisten. Schwierigkeiten mit dem Sterben in der DDR-Literatur
In: Die Zeit 27 vom 29.06.1973, S. 20 (auch in: Karl Hotz, Goethes „Werther als Modell …, 195-197)



Michaelis, Rolf: Für zweit deutsche Staaten
In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 02.06.1973

Jetzt leidet der junge W. auch im Westen. DDR-Autor Ulrich Plenzdorfs Stück im Berliner Schlossparktheater, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung 108 vom 10.05.1973

Rother Werter in Blue Jeans, in: Frankfurter Allgemeine Zeit vom 07.10.1972 (geringfügig gekürzt auch in: Spectaculum 20. Sechs moderne Theaterstücke, Frankfurt/M. 1. Aufl. 1974, S. 299-303).

Migge, Walther: Goethes „Werther“. Entstehung und Wirkung
In: Insel Almanach auf das Jahr 1973. Die Leiden des jungen Werther. Frankfurt/M. 1972, 23-69

Mittenzwei, Werner: Brecht und die Probleme der deutschen Klassik
In: Sinn und Form, Jg. 25 (1973) H. 1, 135-168
(Dieser Artikel beruht auf Material aus dem gleichnamigen Abschnitt in: W.M., Brechts Verhältnis zur Tradition, Berlin Dezember 1972)

Müller, Peter: Zeitkritik und Utopie in Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werther“
Diss. Berlin (Humboldt-Universität) 1965

Nawrocki, Joachim: Kommt doch nicht mit Politik! Ausgeflippte gibt es nicht nur bei uns – Diskussion über ein Theaterstück in Halle: „Die Leiden des jungen W.“
In: Die Zeit 33 vom 18.08.1972, S. 38 (Beachte die absichtsvolle Auslassung Nawrockis im Plenzdorf-Titel)

Neubert, Werner: Niete in Hosen – oder …?
In: Neue Deutsche Literatur, März 1973, 130-138

(siehe: Stimmen zu den neuen Leiden des jungen W., 854-860; dieser Beitrag ist weitgehend identisch mit: Niete in Hosen – oder …?)

„Der neue Werther. Ein Gespräch“
In: Neue Deutsche Literatur, März (1973), 139-149
(Diskussion zwischen Schülern, Lehrlingen und Studenten. Leitung des Gesprächs: Die beiden NDL-Redakteure Eduard Klein und Henryk Keisch)

Neumayer, Michael: „Die neuen Leiden des jungen W.“ de U. Plenzdorf. Analyse sémantique et communication
In: Revue d’Allemagne 7 (1975), 68-84

Niehoff, Karena: Gab ihm zu sagen, was er leidet?
In: Süddeutsche Zeitung vom 15.05.1973

Nivelle, A.: Kunst und Dichtungstheorien zwischen Aufklärung und Klassik, Berlin 1960



Nössig, Manfred: Plenzdorf und die Bühne
In: Theater der Zeit 8 (1972), 16-18

Nachdenken über Edgar W.
In: Theater der Zeit 5 (1973), 4-8

Olan, L.A.: The Voice of the Lonesome. Alienation from Huck Finn to Holden Caulfield
In: Southwest Review 48 (1963), 143-150

Papousek, Hanuš: Soziale Interaktion als Grundlage der kognitiven Frühentwicklung
In: Sozialisation und Sozialentwicklung des Kindes, hg. v. Theodor Hellbrügge, München 1974, 117-141

Plate, Friedrich: siehe Stimmen zu den neuen Leiden des jungen W., 850-854

Plavius, Heinz: Freuden an Leiden
In: Sinn und Form, Jg. 25 (1973) H. 2, 448-453

Plenzdorf, Ulrich: siehe Diskussion um Plenzdorf, 242 und 243

Siehe: Landestheater Halle

Siehe: „Macht Sozialismus sinnlich?“

Pütz, Peter: Schläft ein Lied in allen Dingen
In: Suhrkamp Literatur Zeitung Nr. 1/2. Programm September 1975, Frankfurt / Zürich / Wien, S. 1-2

Raddatz, Fritz J.: Traditionen und Tendenzen, Materialien zur Literatur in der DDR, Frankfurt/M. 1972

Ulrich Plenzdorfs Flucht nach Innen
In: Merkur 12 (1973), 1174-1178

„Das Rätesystem ist unvermeidlich“
SPIEGEL-Gespräch mit dem Philosophen Georg Lukács in: Der Spiegel 17 (1970), 153-166

Reich-Ranicki, Marcel: Der Fänger im DDR-Roggen. Ulrich Plenzdorfs jedenfalls wichtiger Werther-Roman
In: Die Zeit 19 vom 04.05.1973, S. 27 f.
(auch in: Karl Hotz, Goethes „Werther“-Modell … Zur Literatur der DDR. Frankfurt/M. 1974, 131-138)

Zur Literatur der DDR, Frankfurt/M. 1974

Biermanns Vertreibung. Anmerkungen zu einem aktuellen Fall.
In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 18.11.1976

Solidarität der DDR-Schriftsteller. Eine außergewöhnliche Folge der Ausbürgerung Biermanns
In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 19.11.1976



Reiss, H.: Goethes Romane, Bern/München 1963
(Zum Werther S. 14-71)

Riese, Utz: siehe Stimmen zu den neuen Leiden des jungen W., 874-882

Rischbieter, Henning: Die  neuen Leiden des jungen W.
In: Theater heute 6 (1973), 33-35

Rothmann, Kurt (Hg): Erläuterungen und Dokumente. Johann Wolfgang Goethe, Die Leiden des jungen Werther, Stuttgart 2. Aufl. 1976
(über Plenzdorf S. 158 f.)

Roquette, Otto von (Hg): Johann Peter Eckermann: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Stuttgart (Cotta) o.J., Bd. 3

Rumler, Fritz: „Dem Menschen seinen Stolz lassen“
SPIEGEL-Reporter Fritz Rumler über den DDR-Dramatiker Ulrich Plenzdorf
In: Der Spiegel 20 vom 14.05.1973, Seite 166

Salinger, Jerome D.: The Catcher in the Rye, New York (Little, Brown & Co.) 1951
Dt.: Der Mann im Roggen, Zürich 1954 (übersetzt von I. Muehlon), Stuttgart / Konstanz 1954. Der Fänger im Roggen. Nach der ersten Übersetzung neu durchgesehen und bearbeitet von Heinrich Böll, Köln / Berlin 1962.
(Bölls Neuübersetzung ist die für Plenzdorf maßgebliche)

Scherpe, Klaus R.: Werther und Werther-Wirkung. Zum Syndrom bürgerlicher Gesellschaftsordnung im 18. Jahrhundert. Bad Homburg 1970, mit Anhang: Vier Werther-Schriften aus dem Jahre 1775 in Faksimile.

Schiller, Friedrich: I Die sentimentalischen Dichter
In: Die Horen, erster Jahrgang, zwölftes Stück, Tübingen (Cotta) 1795
(zum „Werther“ S. 35 f.)

Schmidt, Hartmut: Goethes „Werther“ als Schule der Leidenschaften. Werther-Rezensionen im Horizont der Popularästhetik um 1775
In: Insel Almanach auf das Jahr 1973. Die Leiden des jungen Werther. Frankfurt/M. 1972, 70-122

Schmitt, Albert R.: Ulrich Plenzdorfs „Die neuen Leiden des jungen W.“ im Spiegel der Kritik
In: Views and reviews of modern German literature (1974), 257-276

Schmitt, Hans J. / Schramm, G. (Hg): Sozialistische Realismus-Konzeptionen, Frankfurt/M. 1974

Schneider, Michael: U. Plenzdorfs „Werther“-Roman: Neues proletarisches Lustprinzip oder privatistischer Rückzug aus der sozialistischen Arbeitsgemeinschaft? (1973)
In: M.S., Die lange Wut zum langen Marsch, Reinbeck 1975, 330-334

Schöffler, Herbert: Die Leiden des jungen Werther. Ihr geistgeschichtlicher Hintergrund
In: Wissenschaft und Gegenwart, Nr. 12, Frankfurt/M. 1938 (Wiederabdruck in: H.S., Deutscher Geist im 18. Jahrhundert. Essays zur Geistes- und Religionsgeschichte. Göttingen 2. Aufl. 1967, 15-181)

Schönemann, Horst: siehe Diskussion um Plenzdorf, 244-247

Schumacher, Ernst: siehe Diskussion um Plenzdorf, 240-242

Schumann, Adelheid: U. Plenzdorf, Die neuen Leiden des jungen W., Versuch einer linguistisch-pragmatischen Interpretation
In: Recherches Germaniques 4 (1974), 153-160

Schütte, Wolfram: Zu spät fällt die Figur dem Autor ins Wort
In: Frankfurter Rundschau vom 12.05.1973

Seyfarth, Ingrid: Fragen an Horst Schönemann
In: Theater der Zeit 8 (1972), 18-19
(Ein Interview mit dem Regisseur der Uraufführung der Neuen Leiden in Halle/Saale)

Slabery, R.M.: „The Catcher in the Rye“, Christian Theme and Symbol
In: College Language Association Journal 6 (1963), 170-183

Staiger, Emil: Goethe, 3 Bde., Zürich / Freiburg i.B. 1952-1959, Bd. 1, 147-173

Stimmen zu den „Neuen Leiden des jungen W.“
In: Sinn und Form, Jg. 25 (1973) H. 4, 848-887

Storz, Gerhard: Der Roman „Die Leiden des jungen Werther“
In: Goethe-Vigilien oder Versuche in der Kunst, Dichtung zu verstehen, Stuttgart 1953, 19-41

Tabah, Mireille: Die neuen Leiden des jungen W.
In: Etudes Germaniques 1975, S. 335-344

Trunz, Erich (Hg): Goethes Werke, 14 Bde., Hamburg 1948-1960, Bd. 6, Hamburg 1951, S. 578 ff.

Ullrich, Peter: siehe Diskussion um Plenzdorf, 248-250

Wapnewski, Peter: Zweihundert Jahre Werthers Leiden
In: Merkur 29 (1975), 530-544

Weimann, Robert: Goethe in der Figurenperspektive
In: Sinn und Form, Jg. 25 (1973) H. 1, 222-238 (vgl. Diskussion um Plenzdorf)

Wiegenstein, Roland H.: Hetzjagden und Überlegungen
In: Frankfurter Rundschau v. 15.03.1973 (Darstellung der „Diskussion um Plenzdorf“ in Sinn und Form, Jg. 25, H. 1, 219-254)

4. Die „Sinn und Form-Debatte“ im Gesamtüberblick

Sinn und Form, Jg. 25 (1973):

H. 1, 219-254: Diskussion um Plenzdorf
219-221: Wilhelm Girnus, Kaul-Brief v. 12.06.1972
222-238: Robert Weimann: Goethe in der Figurenperspektive
238-240: Wieland Herzfelde
240-242: Ernst Schumacher
242-243: Wilhelm Girnus/Ulrich Plenzdorf
243-244: Walter Lewerenz
244: Stephan Hermlin
244-247: Horst Schönemann
247-248: Wolfgang Kohlhaase
248-250: Peter Ullrich
250-252: Peter Gugisch
253-254: Anmerkungen der Redaktion (Girnus)

H. 2, 448-453: Heinz Plavius, Freuden an Leiden

H. 3, 672-676: Diskussion um Plenzdorf
672: Regina Laurich, Schülerin (17 J.)
673-674: Elke Hirschmann
674-676: Wolfgang David

H. 4, 848-887: Stimmen zu den „Neuen Leiden des jungen W.“
848-850: Gerda Kohlmey (28.03.1973)
850-854: Friedrich Plate (28.04.1973)
854-860: Werner Neubert (= NDL: Niete in Hosen …)
860-861: Werner Standfuß (20.03.1973)
861-863: Heinz Dieter Schweikert (18.03.1973)
863-866: Günter Striegler (22.03.1973)
866-867: Gerd Adloff (18.03.1973)
867-869: Detlev Siegel (02.04.1973)
869-872: Madeleine Bartsch (24.03.1973)
872-874: Gudrun Draheim (11.03.1973)
874-882: Utz Riese (23.03.1973)
882-887: Frauke Schaefer / Klaus Werner (10.04.1973)

H. 6, 1277-1288: Wilhelm Girnus, Lachen über Wibeau … - Aber wie?

H. 6, 1288-1293: Peter Biele: Nochmals – „Die neuen Leiden …“


5.2 Zu Handke

1. Primärliteratur – Peter Handke

Falsche Bewegung, Frankfurt/M. (Suhrkamp) 1975
(Drehbuch, geschrieben in Venedig, Juli/August 1973, für den gleichnamigen Film von Wim Wenders, Herbst 1974. – Siehe im Literaturverzeichnis bei: Fernsehspiele Westdeutscher Rundfunk)

Veröffentlicht auch in:
Suhrkamp-Literatur-Verzeichnis Nr. 1 / 2. Programm, Frankfurt / Zürich / Wien September 1975, S. 4-25 (vollständiger Abdruck mit Standfotos der Wim Wenders Verfilmung – siehe im Literaturverzeichnis: Materialien Peter Handke, Falsche Bewegung)

2. Primärliteratur – Johann Wolfgang Goethe

Wilhelm Meisters Lehrjahre, Berlin 1795/96, 4 Bde.

Goethes Werke, herausgegeben von Erich Trunz, 14 Bde.
(Hamburg 1948-1960), 8. neubearbeitete Auflage München 1973, Bd. 7)



3. Sekundärliteratur zu Handke und Goethe

Arnold, Heinz Ludwig: Gespräch mit Peter Handke
In: Text + Kritik, Zeitschrift für Literatur, Heft 24/24a, 3. Aufl. September 1976, 15-37 (Das Gespräch fand am 29.09.1975 statt.)

Baumgart, Wolfgang: Goethes „Wilhelm Meister“ und der Roman des 19. Jahrhunderts
In: Zeitschrift für deutsche Philologie, Bd. 69 (1944/45), 132-148

Blumenberg, Hans C.: Deutschlands tote Seelen. Film: Peter Handke und Wim Wenders auf Wilhelm Meisters Spuren
In: Die Zeit, 21.03.1975

Buselmeier, Michael: Das Paradies ist verriegelt
In: Text + Kritik, Zeitschrift für Literatur, Heft 24/24a, 3. Aufl., September 1976, 57-62

Dürr, Volker: „Wilhelm Meisters Lehrjahre“: Hypotaxis, Abstraction and the „Realistic Symbol“
In: Versuche zu Goethe. Festschrift für Erich Heller zum 65. Geburtstag am 27.03.1976, hg. von Volker Dürr und Géza  von Molnár, Heidelberg 1976, 201-211

Fernsehspiele Westdeutscher Rundfunk. Januar – Juni 1976. WDE-Pressestelle Köln.
(Auf Seite 155 ausführliche Daten zum Film „Eine falsche Bewegung)

Fink, Gonthier-Louis: Die Bildung des Bürgers zum „Bürger“. Individuum und Gesellschaft in „Wilhelm Meisters Lehrjahren“
In: Recherches Germaniques 2 (1972), 3-37

Gerhard, Melitta: Der deutsche Entwicklungsroman bis zu Goethes „Wilhelm Meister“, Halle/Saale 1926

Gockel, Heinz: Wilhelm Meisters Lehrjahre
In: Kindlers Literatur Lexikon im dtv. München 1974, Bd. 23, S. 10225-25

Gräf, Hans Gerhard / Leitzmann, Albert (Hg): Der Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe, Leipzig 1912, Bd. 1

Grafe, Frieda: Erhebungen überm Meeresspiegel. „Falsche Bewegung“ von Wim Wenders nach Handke und Goethe
In: Süddeutsche Zeitung, 11.04.1975

Haffner, Hellmut: Falsche Bewegung. Sehr frei nach Goethes „Wilhelm Meister“. Ein Film von Peter Handke und Wim Wenders
In: Deutsches Sonntagsblatt, 27.04.1975

Hass, Hans-Egon: „Wilhelm Meisters Lehrjahre“
In: Der deutsche Roman, herausgegeben von Benno von Wiese, Bd. 1, Düsseldorf 1963, 132-210

Heselhaus, Clemens: Die Wilhelm-Meister-Kritik der Romantiker und die romantische Romantheorie
In: Nachahmung und Illusion, hg. v. H.R. Jauß, München 1964, S. 113-127; 201-218

Ignée, Wolfgang: „Meister Quintett“
In: Stuttgarter Zeitung, 29.04.1975

Isani, Claudio: Hand ins Herz, Peterchens Seelenfahrt: Die Blindekuh-Spiele des Poeten Handke
In: Der Abend, 22.03.1975

Janz, Rolf-Peter: Zum sozialen Gehalt der „Lehrjahre“
In: Literaturwissenschaft und Geschichtsphilosophie, Festschrift für Wilhelm Emrich, hg. v. Helmut Arntzen, Bernd Balzer, Karl Pestalozzi und Rainer Wagner, Berlin / New York 1975, 320-340

Jeremias, Brigitte: Die hoffnungslose Jugend der siebziger Jahre
In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.03.1975

Lukács, Georg: Wilhelm Meisters Lehrjahre (1936)
In: G.L., Goethe und seine Zeit, Berlin 1955, 55-73

Materialien Peter Handke: „Falsche Bewegung“
In: Suhrkamp-Literatur-Zeitung Nr. 1 / 2. Programm, Frankfurt/Zürich/Wien September 1975 (Beilage mit 8 Seiten)

Michaelis, Rolf: Ohrfeigen für das Lieblingskind. Peter Handke und seine Kritiker. Eine Beispielsammlung
In: Text + Kritik, Zeitschrift für Literatur, Heft 24/24a, 3. Aufl., September 1976, 80-96

Müller, G.: Gestaltung – Umgestaltung in „Wilhelm Meisters Lehrjahre“, Halle 1948

Niehoff, Karena: Tote Seelen, blutendes Fleisch. „Falsche Bewegung“, ein Film von Wim Wenders nach einem Drehbuch von Peter Handke
In: Der Tagesspiegel, 23.03.1975

Pascal, Roy: The German Novell, Toronto 1956

Pütz, Peter: Schläft ein Lied in allen Dingen
In: Suhrkamp-Literatur-Zeitung Nr. 1 / 2. Programm, Frankfurt/Zürich/Wien September 1975, S. 1-2 (auf S. 4-25 Abdruck von Peter Handkes Filmerzählung „Eine falsche Bewegung“)

Radbruch, Gustav: Goethe: Wilhelm Meisters sozialistische Sendung
In: G.R., Gestalten  und Gedanken, Leipzig 1944

Rehm, Walther: Der Todesgedanke in der deutschen Dichtung vom Mittelalter bis zur Romantik, Halle/Saale 1926

Röder, Gerda: Glück und glückliches Ende im deutschen Bildungsroman. Eine Studie zu Goethes „Wilhelm Meister“, München 1968

Ruprecht, Erich: Das Problem der Bildung in Goethes „Wilhelm Meister“
In: E.R., Die Botschaft der Dichter, Stuttgart 1947, 183-209

Schütte, Wolfram: Träumerei oder Weg nach Innen. „Falsche Bewegung“ von Wim Wenders nach Handkes Wilhelm-Meister-Drehbauch
In: Frankfurter Rundschau, 25.04.1975

Staiger, Emil: Goethe, 3 Bde., Zürich/Freiburg i. B. 1952-1959, Bd. 2, 475-515

Steiner, Jacob: Sprache und Stilwandel in Goethes „Wilhelm Meister“ (Zürich 1959), 2. Aufl. Zürich 1966

Storck, Joachim W.: Das Ideal der klassischen Gesellschaft in „Wilhelm Meisters Lehrjahren“
In: Versuche zu Goethe. Festschrift für Erich Heller zum 65. Geburtstag am 27.03.1976, hg. v. Volker dürr und Géza Molnár, Heidelberg 1976, 212-234

Storz, Gerhard: Wieder einmal die „Lehrjahre“
In: Versuche zu Goethe, Festschrift für Erich Heller zum 65. Geburtstag am 27.03.1976, hg. v. Volker Dürr und Géza von Molnár, Heidelberg 1976, 190-200

Zürcher, Gustav: Leben mit Poesie
In: Text + Kritik, Zeitschrift für Literatur, Heft 24/24a, 3. Aufl., September 1975, 38-56


5.3 Weitere Hilfsmittel

Braubach, Max: Vom Westfälischen Frieden bis zur Französischen Revolution
In: Gebhardt, Handbuch der deutschen Geschichte, hg. v. Herbert Grundmann, 4 Bde., 9. Auflage Stuttgart 1970, Bd. 2, 241-356 (daraus §§ 87-89, S. 347-360)

Von der Französischen Revolution bis zum Wiener Kongress
In: ebd., Bd. 3, 2-94 (daraus §§ 1-6, S. 2-21 und § 10, S. 34-38)

Brockhaus Enzyklopädie, 24 Bde., 17. Aufl., Wiesbaden 1966-1976

Brockhaus‘ Konversationslexikon, 17 Bde., 14. vollständig neubearbeitete Aufl., neue revidierte Jubiläumsausgabe, Leipzig, Berlin und Wien 1901 – 1904

Buch, Hans Christoph (Hg.): Von Goethe lernen? Literaturmagazin 2. Reinbek 1973

Hoffmeister, Johannes: Wörterbuch der philosophischen Begriffe, Hamburg 1955

Treue, Wilhelm: Wirtschaft, Gesellschaft und Technik in Deutschland vom 16. bis zum 18. Jahrhundert
In: Gebhardt, Handbuch der deutschen Geschichte, hg. v. Herbert Grundmann, 4 Bde., 9. Aufl., Stuttgart 1970, Bd. 2, 437-541 (daraus § 127, S. 532-545)

Die Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik vom 06.04.1968
In: Neues Deutschland, 27.03.1968 vom 07.10.1974
In: Neues Deutschland, 28.09.1974
(Synopse der beiden Fassungen vom 06.04.1968 und 07.10.1974, in: Die Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik, hg. v. der Bundesanstalt für gesamtdeutsche Aufgaben, o. J.)

Wiese, Benno von: Ist die Literaturwissenschaft am Ende?
In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.10.1973

Zimmermann, Hans Dieter: Vom Nutzen der Literatur
Vorbereitende Bemerkungen zu einer Theorie der literarischen Kommunikation, Frankfurt/M. 1977

6.0 Anhang: Zeittafel zu Plenzdorf
(Ausgewählte Daten 1934 – 1977)

Jahr Daten
1934 Am 26.10. In Berlin-Kreuzberg geboren, Eltern: Kommunisten, die während der Nazi-Zeit inhaftiert waren. Jugendzeit in Berlin.
Heutige Familienverhältnisse: P. lebt in Berlin-Lichtenberg; verheiratet seit 1955 mit einer gelernten Lehrerin, die jetzt als Redakteurin im Verlag „Volk und Wissen“ arbeitet. Kinder: Rainer (1956), Morten (1961) und Ulrich (1966)
1951 MAR 5. Plenum des ZK der SED: „Aufbauwerke“ im Sinne eines orthodoxen Sozialistischen Realismus gefordert (positiver Held und Erziehungsgedanke)
Salinger: The Catcher in the Rye. New York
1953 P. erste “Werther”-Lektüre, obwohl nicht im Lehrplan
1954 Herbst Abitur
1954-1955 Drei Semester Philosophiestudium im Leipzig
1955-1958 Bühnenarbeiter bei der DEFA (Berlin)
1956 FEB XX. Parteitag der KPdSU: Entstalinisierung durch Chruschtschow. Kulturpolitische Tauwetter-Phase: Auch „Nichtrealisten“ akzeptiert
1958-1959 Wehrdienst bei der Nationalen Volksarmee
1959 APR 1. Bitterfelder Konferenz: Ulbricht: „Künstler an die Basis!“, „Schreibt, wie wir sind!“ als Losungen einer beginnenden restriktiven Kulturpolitik zugunsten einer vordergründigen Realismus-Konzeption: Sozialistisches Biedermeier (F.J. Raddatz)
1959-1963 Filmhochschule (Berlin)
1962 Salinger: Der Fänger im Roggen (Böll-Übers.)
1963 Böll: Ansichten eines Clowns
1964 APR 2. Bitterfelder Konferenz. Ulbricht: Bewahrung des klassischen Erbes, Ablehnung der Forderung nach „abstraktem Realismus“: Verschärfung der seit der 1. Bitterfelder Konferenz eingeleiteten Restriktionen
1965 Aksvenov: Fahrkarte zu den Sternen (1961)
Apfelsinen aus Marokko (1963)
1965 DEC 11. Plenum des ZK der SED: Öffentliche Verurteilung von Wolf Biermann, Peter Hacks und Stefan Heym
1966 Aksenov: Auf halbem Weg zum Mond (1962)


1966 Volker Braun: Die Ballade vom Kipper Paul Bauch
(„Die DDR ist das langweiligste Land der Welt“; obwohl vom Berliner Ensemble auf den Spielplan gesetzt und trotz Veröffentlichung des Texts: Aufführung des Stücks erst 1972 nach politisch entschärfender Umarbeitung unten dem Titel „Die Kipper“. – Der ursprüngliche Text ist thematisch für Plenzdorfs Neue Leiden wichtig.)
1968 Eingehende Beschäftigung P.‘s mit „Werther“
Bis 1971 Entstehung der Neuen Leiden „für die Schublade“
1969 Christa Wolf: Nachdenken über Christa T.
MAI VI. DDR-Schriftstellerkongress. Restriktionen gegen oppositionelle DDR-Schriftsteller: M. Bieler, Wolf Biermann, Stefan Heym, Peter Huchel, Rainer Kunze, Christa Reinig
1970 AUG Erich Segal: Love Story (dt. 1972)
12.08. Moskauer Vertrag (BRD/SU)
07.12. Warschauer Vertrag (BRD(Polen)
1971 03.05. Erich Honecker löst Walter Ulbricht als 1. Sekretär des ZK der SED ab
JUN VIII. Parteitag der SED. Honecker: Bereitschaft zum künstlerischen Experiment, zur „schöpferischen Suche nach neuen Formen“
03.09. Berlin-Abkommen (SU/USA, GB, F)
DEC 4. Plenum des ZK der SED. Honecker: Keine weitere Tabuisierung in der Literatur
1972 APR „Die neuen Leiden des jungen W.“, in: Sinn und Form, Jg. 24 (1073) H. 2, 254-310 (unkommentierter Vorabdruck als Prosafassung)
18.05. Uraufführung der Theaterfassung in Halle
Regie: Horst Schönemann (Intendant). Der Text wurde zuvor von der Juristin Dr. Wolfhilde Dierl auf ideologische Verträglichkeit hin geprüft.
1. Plenzdorf-Interview (im Programmheft zur Uraufführung)
12.06. Brief von Friedrich Karl Kaul an Wilhelm Girnus, Chefredakteur von „Sinn und Form“: Massive Kritik an Plenzdorf
AUG Die Redaktion von „Sinn und Form“ regt in H. 4 eine Diskussion um Plenzdorf an
31.10. Diskussion um Plenzdorf in der Akademie der Künste der DDR, Ost-Berlin, Arbeitsgruppe Literatur und Kritik
21.12. Grundvertrag (BRD/DDR)
1973 FEB Ungekürzte Wiedergabe der Diskussion um P. vom 31.10.1972, in: Sinn und Form, Jg. 25, 1973, H. 1, S. 219-254 (siehe Literaturverzeichnis: 5.1.4)
MAR Buchveröffentlichung der Prosafassung: Rostock (Hinstorff) und Frankfurt/M. (Suhrkamp)
26.03. Spiegel-Artikel: „Kuss von Charlie“
„Der neue Werther. Ein Gespräch.“ In: NDL 3, 1973, 139-149
Heinrich-Mann-Preis der Akademie der Künste für Ulrich Plenzdorf
Kinopremiere „Die Legende von Paul und Paula“ (Plenzdorfs 4. Produziertes Filmbuch)
APR Sinn und Form, H. 2: Heinz Plavius, Freuden an Leiden
08.05. West-Berliner Erstaufführung der Neuen Leiden im Schlossparktheater in Anwesenheit von U. P., Regie: Horst Siede
14.05. Zweiter Spiegel-Artikel: „Dem Menschen seinen Stolz lassen“ (Fritz Rumler über U. P.)
28./29.05. 9. Plenum des ZK der SED. Erich Honecker und Kurt Hager kritisieren die Verfälschung des Sozialistischen Realismus – indirekte Rübe an den Neuen Leiden
JUN Fortsetzung der „Diskussion um Plenzdorf“ in: Sinn und Form, H. 4, 672-676
03./07.07. KSZE: Helsinki-Beschlüsse
AUG „Stimmen zu den Neuen Leiden des jungen W.“, in: Sinn und Form, H. 4, 848-887 (verschärfte Kritik an u. P.)
Forum-Umfrage, in: Forum 8, 1973, S. 15 publ.
08.08. Weltjugendfestspiele in Ost-Berlin
21.09. Westdeutsche Erstaufführung der Neuen Leiden in München, Kammerspiele
NOV VII. DDR-Schriftstellerkongress: Kritik an U. Plenzdorf, Volker Braun u.a.
„Sinn und Form“  beendet die Diskussion um P., in H. 6, 1277-1293 (siehe Literaturverzeichnis 5.1.4)
08.12. Karl Corino: Ein Gespräch mit U. Plenzdorf
1974 Theaterfassung der Neuen Leiden, in: Spectaculum 20, 1. Aufl. 1974, 237-283
1975 A. Flaker: Modelle der Jeans Prosa (erste größere Untersuchung über Plenzdorf in einem sozialistischen Land außerhalb der DDR)
01.08. Schlussakte von Helsinki (KSZE)
NOV Uraufführung „Buridans Esel“ in Leipzig (Plenzdorfs Bühnenbearbeitung einer Romanvorlage von Günther de Bruyn)
1976 12.04. Spiegel-Interview: „Macht Sozialismus sinnlich?“ mit Ulrich Plenzdorf
APR Westdeutsche Erstaufführung von Buridans Esel im Hamburger Theater in der Kunsthalle (TIK), Regie: Tom Toelle
20.04. Fernsehspiel „Die neuen Leiden des jungen W.“ (SWF, 1. Programm ARD), Regie: Eberhard Itzenplitz
JUN Berliner Konferenz der Kommunistischen und Arbeiterparteien Europas
NOV Reiner Kunzens Ausschluss aus dem DDR-Schriftstellerverband
13.11. Liederabend Wolf Biermanns in Köln
16.11. Biermanns Ausweisung aus der DDR
17.11. Protestbrief der ersten 13 DDR-Künstler gegen Biermanns Ausweisung: Als erster Jürgen Fuchs sowie Christa Wolf, Sarah Kirsch, Stephan Hermlin, Erich Arendt, Stefan Heym, Günter Kunert, Heiner Müller, Franz Fühmann, Jurek Becker, Volker Braun, Rolf Schneider und Fritz Cremer (Cremer zieht am 18., offiziell am 19.11. seinen Protest unter Druck zurück)
Proteste der PEN-Zentren der VRD und Schwedens
18.11. Nach ADN-Verlautbarung: Unter weiteren 20 DDR-Künstlern schließt sich dem Protest auch Ulrich Plenzdorf an.
Havemann-Brief an Honecker
19.11. Vorübergehende Verhaftung von Jürgen Fuchs
Robert Havemann unter Hausarrest
Protest von Peter Weiss (Mitglied der Akademie der Künste der DDR)
23.11. Stellungnahme in „Neues Deutschland“
(einige Protestzurücknahmen, z.T. in vager Form, positive Stellungnahmen zum Beschluss der Biermann-Ausweisung. Insgesamt: Anhalten der Solidarisierungswelle in der DDR und Zerspaltung der Intellektuellen in der DDR)
24.11. Das Neue Deutschland bricht die Diskussion ab.
27.11. Böll-Protest gegen die Verhaftung von Jürgen Fuchs (Brief an MfS-Minister Wolf)
29.11. „La Republica“ (Italien) ruft zum kulturellen Boykott gegen die DDR auf; 60 frz. Intellektuelle (Aragon, Sartre, de Beauvoir) protestieren
1977 01.04. Ulrich Plenzdorf wird nicht wieder in den Vorstand des DDR-Schriftstellerverbandes gewählt (ebenso: Volker Braun, Sarah Kirsch, Günther de Bruyn und zwei weitere Schriftsteller)

 
 

Kommentare zu diesem Text


Kommentar von Mondscheinsonate (40) (11.03.2016)
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Bergmann meinte dazu am 11.03.2016:
Seit dem Fall der Mauer ist Plenzdorf als Schullektüre out. Das Buch war im Westen ohnehin nicht hoch angesehen, die östliche Mentalität machte so manchen Schwierigkeiten, die gesamtdeutschen bzw. allgemeinen Jugendprobleme erschienen auch nicht so spannend, und: Goethe-Kenntnisse fehlten allmählich nachwachsenden Lehrer-Generationen.
Immerhin ist der "Werther" 'unumbringbar' geblieben ...
Das Zentral-Abitur (zum Beispiel in NRW) ist - so gesehen - gut, es rettet die besten alten Schinken vor der Ignoranz so mancher Deutschlehrer, die lieber US-amerikanische Bücher lesen (auch dies nur 1 Beispiel für Deutschlehrer-Haltungen).
Bölls "Katharina Blum ..." / Werther / Die neuen Leiden: Assoziationen sind so eine Sache. Vergleichspunkte sind rar: vielleicht die unmögliche Liebe ...
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AZU20
Kommentar von AZU20 (11.03.2016)
Ja, Werther liebe ich, von Plenzdorf habe ich nun einiges erfahren. Danke. Nun fehlt mir noch der Bonner Werther. Na ja. LG
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Bergmann antwortete darauf am 11.03.2016:
Mein "Werther" (das meinen Sie doch?) - der entsteht tatsächlich gerade! Im Ernst. Also - natürlich noch besser als der alte Werther ... :-)
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AZU20 schrieb daraufhin am 12.03.2016:
Davon gehe ich doch aus. LG
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Theseusel
Kommentar von Theseusel (11.03.2016)
Anfang der 80er waren beide "Werther" Thema in meiner gymnasialen Oberstufe ... Plenzdorf fand ich so dermaßen langweilig, dass ich den (nicht die;) echten Werther von Goethe geradezu verschlungen habe! Für den "montierten Werther" hatte ich eine Mitschülerin die kurze und aussagekräftige Zusammenfassungen hatte.
Jetzt, aus der zeitlichen Distanz, finde ich in Deinem Text sehr hilfreich obwohl mir die Montage von Plenzdorf immer noch fern ist ... Vater und Sohn lernen sich wohl nie richtig kennen!;)
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Bergmann äußerte darauf am 11.03.2016:
Lieber Gerd,
dass Plenzdorfs neuer Werther für westliche Bubis, wie du einer in den 80er warst, nicht spannend war, ist klar. Ein westdeutsches Söhnchen hatte, am Gymnasium, ganz andere Probleme ('Probleme'). Mitleid für deine Langeweile damals habe ich nicht. - Andererseits: Mit Krull hatte ich als Lehrer wesentlich größere Erfolge, weil Schein und Show für westliche Heranwachsende wesentlich 'substantieller' war/ist.
-
Ob wir uns in Weimar wiedersehen? Schön wärs!
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Bergmann ergänzte dazu am 25.05.2017:
Ob wir uns in Artern 2017 wiedersehen? Schön wär’s!
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Veröffentlicht am 11.03.2016, 1 mal überarbeitet (letzte Änderung am 11.03.2016). Dieser Text wurde bereits 1.728 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 17.08.2018.
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