Nachmittag mit Tochter

Kurzgeschichte zum Thema Freude

von  RainerMScholz

Die Sonne schien, und ich dachte, lass uns doch ein paar kurze Hosen kaufen gehen. Wir hatten nämlich keine mehr im Schrank, die gepasst hätten. Und meine kleine Tochter braucht doch kurze Hosen für den Sommer, wenn die Sonne scheint. Außerdem war ihr langweilig und sie wusste, dass da vielleicht auch ein Eis für sie drin sei. Also schnappte ich mir Sandra, wir stiegen in den klapprigen Citroen Berlingo und fuhren los ins Gewerbegebiet zu KiK. Da gibt es eben die billigsten Sachen. Was soll ich machen. Wir traten durch die halbblinde Glasschiebetür, ich und meine Tochter an der Hand, und sahen uns um. Nicht viel los, wie mir schien. Wir drehten eine Runde, hielten uns einige Kleidungsstücke vor die Bäuche, lachten und verließen den Laden wieder. Sandra kann sehr wählerisch sein. Wie Kinder eben so sind. Ich erinnerte mich, dass um die Ecke noch ein Takko sein musste, also stiegen wir in den von der Sonne aufgeheizten Berlingo und fuhren die wenigen Meter an den Verkaufs- und Lagerhallen vorüber zu Takko. Der Parkplatz war total überfüllt und ich musste das Fahrzeug wegen der engen Parklücke auf der Beifahrerseite verlassen, sehr zu meinem Leidwesen und zum Vergnügen meiner Tochter – guck ihn dir an, die alte Schildkröte -, doch das Ladeninnere schien wie leergefegt zu sein, bis auf die Verkäuferinnen, die, jung und gelangweilt, sich augenblicklich eine Beschäftigung suchten wie Um- oder Wegräumen von Klamottenteilen, die übliche Prozedur bei Kundenaufkommen eben (ich würde es auch nicht anders machen). Gleich bei der Tür fielen mir khakifarbene Bermudashorts in einer sandfarbenen Aufstellbox ins Auge, die ich so hässlich fand, dass sie schon wieder cool wirkten. Cool: benutzt man dieses Adjektiv zur Klassifizierung von Allem, was nicht, ich sag´ `mal über vierundzwanzig Jahre alt ist, heute noch? Jedenfalls schnappte ich mir Größe dreißig und lief meiner Tochter hinterher, die sich brombeerjoghurtfarbene, viel zu kurze Beinkleider am Drehständer anschaute. Ich wusste Sandras Größe nicht, also drehte ich sie, damit ich ihr hintenrein sehen könnte, aber sie schlug mir flugs die Hand böse weg und versuchte sich selbst Klarheit über ihre Hosengröße zu verschaffen, indem sie anfing sich im Kreis zu drehen, um in ihren Hosenbund schauen zu können, mich mit einem bösen Seitenblick musternd. Na also, hundertvierundsiebzig, habe ich doch gewusst. Sie schnappte sich eine zitronengelbe und eine erdbeerfarbene Kurze und verschwand Richtung Umkleidekabine. Ich wartete draußen. Eine Frau im Rollstuhl schien ebenfalls auf ihre Begleitung zu warten. Wir ignorierten einander. Sie war ebenfalls jung. So wie alle in diesem Geschäft jünger waren als ich. Ich weiß, wegen fehlender Übung, auch gar nicht so richtig, wie das geht, das Lächeln und anerkennend Gucken und angedeutete Kopfnicken, die ganzen sozialen Umgangsformen, die zu einem Kleiderkauf wie selbstverständlich zu gehören scheinen. Wie auch immer. Sandra passten die Sachen auf die eine oder andere Art nicht und sie ging, um sich andere zu ergattern. Ich lief hinterher. Dann fiel mir ein, dass auch ich meine Hose anprobieren könnte. Ich rief Sandra zu, dass ich es auch einmal versuchen wolle und suchte mir eine Kabine aus, zog den Vorhang zu und ließ die Hose herunter. Und ich war nackt. Wieso hatte ich keine Unterhose an? Keine Ahnung. Draußen war es warm und anscheinend war der Plan heute eher ein anderer gewesen, und zwar auf dem Balkon in der Sonne sitzen, vielleicht mit ein, zwei Bier und so, und da reicht doch eigentlich die alte abgeschnittene Armeehose mit den ausgefransten Seitentaschen völlig aus. Und so hatte ich jetzt eben keine Unterwäsche. Ist doch nicht so schlimm. Wir sind nicht im Schuhgeschäft, wo man Socken tragen muss wegen der Schweißfüße der anderen Kunden. Gut, hier ist der Vorhang zugezogen und ich … ach, scheiß der Hund drauf, ich probierte die hässliche Hose, die so hässlich war, dass sie wieder gut aussah, einfach an, und sie passte nicht. Größe dreißig war einmal, wie es ausschaut. Ich machte, dass ich wieder in meine alte abgetragene `reinkam und schwitzte jetzt schon ein wenig. Draußen saß die junge Frau in dem Rollstuhl und sah in die andere Richtung. Sandra kam mit einer neuen Ladung Hosen und ich ging, um mir Größe zweiunddreißig oder dreiunddreißig zu angeln. Für vierunddreißig war ich noch nicht bereit. Ich fragte Sandra, wie es ausschaue und ging in meine Kabine. Ich ließ die abgetragene Hose zu Boden gleiten, kratzte mich am Sack und schlüpfte in zweiunddreißig. Naja, die kniff schon noch ein wenig. Hose `runter, Hose `rauf und ich blickte in den Spiegel. Warum nicht, wirkt auch ein wenig jugendlich, dachte ich. Ich ging in die Hocke, sie passte, nichts platzte ab, sie saß perfekt für meine Verhältnisse und drückte auch nichts ab für diesen Sommer. Ich drehte mich ein wenig in den Hüften, bückte mich, wölbte den Bauch nach vorne - und da sah ich ihren Blick im Spiegel, wo ich gerade die Hosen wechselte. Wir hatten uns beide ertappt. Sie sah schnell in die andere Richtung. Doch die Position aus dem Rollstuhl heraus ließ keinen Zweifel daran, dass sie durch den Spalt zwischen Vorhang und Kabinenwand gelinst und das ganze Schauspiel hatte verfolgen können. Ich knöpfte die Hose zu und versuchte, mir nicht den Penis im Reißverschluss einzuklemmen oder dass da Schamhaare vorne herausgucken. Ganz kontrolliert und gedankenleer im Kopf zog ich den Vorhang zur Seite und versuchte eine möglichst seriöse Erscheinung abzugeben. Sandra war schon fertig. Ich fragte laut und vernehmlich, ob die Hosen in Ordnung seien. Als sie bejahte, beschloss ich auf direktem Wege zur Kasse zu schreiten. Wir sahen uns nicht an. Irgendwie war es sehr intim. Die Rollstuhlfahrerin und der Vater einer Tochter. Sie war eine hübsche junge Frau. Ein nettes Gesicht. Ich lächelte, aber das wird sie nicht gesehen haben. Ihre Begleiterin kam nach uns aus der Kabine. An der Kasse zahlte ich, kam mir immer noch ein wenig underdresst vor und wir stiegen zur Beifahrertür in den Berlingo ein.
Bei der Eisdiele musste ich auch noch halten. Ich bekam einen Eiskaffee. Und Sandra nahm … ich weiß es nicht mehr. Meine Frau wird wieder sagen, weshalb ich denn überhaupt ohne Unterwäsche auf der Straße herumlaufe. Doch vielleicht erzähle ich ihr die Geschichte gar nicht.



© Rainer M. Scholz

Möchtest Du einen Kommentar abgeben?
Diesen Text kommentieren

Kommentare zu diesem Text

mannemvorne (58)
(10.05.16)
Dieser Kommentar ist nur für eingeloggte Benutzer lesbar.

 RainerMScholz meinte dazu am 10.05.16:
Ich bin der Typ rechts.
Grüzi,
R.
mannemvorne (58) antwortete darauf am 11.05.16:
Diese Antwort ist nur für eingeloggte Benutzer lesbar.

 Dieter_Rotmund (11.05.16)
Habe das ganz gerne gelesen, dennoch möchte ich auf ein paar Sachen hinweisen, und damit wäre wir auch schon beim ersten Punkt: Ein paar kurze Hosen kaufen und ein Paar kurze Hosen kaufen sind unterschiedliche Dinge und als Leser weiss man nicht so recht, ob die gewählte Form mit Minuskel nicht doch ein Rechtschreibfehler ist, denn wer kauft schon mehrere kurze Hosen auf einmal?
Ich hielt den "Berlingo" zunächst für ein besonderes Angebot im Berliner ÖPNV-Netz, das ist er aber nicht, oder? Ich bin zwar Autofahrer, aber die meisten Autofahrer kennen nicht alle sinnigen und unsinnigen Markennamen, das bitte ich zu bedenken.
Mit persönlich ist der Teil mit dem Umziehen zu lange geraten und will zu sehr mit der Holzhammer-Methode lustig sein. Hier wäre weniger mehr, finde ich.
(Kommentar korrigiert am 11.05.2016)

 RainerMScholz schrieb daraufhin am 12.05.16:
Das waren wirklich viele paare, hat mich auch verwirrt - im Sinne von einige. Man möchte ja mehr als eine kurze Hose für die warme Jahreszeit, denke ich. Im Winter reicht dann Wenden, wenn es sich um dunkles Material handelt. Berlingo ist kein Mustang, ist klar, hab´ ich erweitert, für die, die keine Familienschüssel fahren.
Und so lang ist der Text ja auch wieder nicht. Wenn ich da etwas kürze, was meiner Meinung nach den Plot vorbereitet, bleibt nicht mehr viel.
Gruß und Dank,
R.
(Antwort korrigiert am 12.05.2016)
Möchtest Du einen Kommentar abgeben?
Diesen Text kommentieren
Zur Zeit online:
keinVerlag.de auf Facebook keinVerlag.de auf Twitter keinVerlag.de auf Instagram