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Party im Hinterhof

Erzählung zum Thema Dunkelheit


von pondo

»Tell me is it better, tell me everything he met her,
ain’t the start of the situation gettin all fucked up?«





Ein Besucher neben uns hob eine Augenbraue, als Nora eine kleine Tüte aus ihrem BH zog.
»Geld? Quatsch, ich versteck da nur manchmal meine Drogen«, sagte sie und lachte. »Ey, ey!«, sagte sie dann, schlug mir auf den Oberschenkel und zeigte zur Tanzfläche. »Guck mal, die dicken Busen tanzen wieder!«
»Ja, solche waren das«, sagte ich und grinste. Als ich mir gestern Nachmittag mein Frühstück beim Bäcker hatte holen wollen, hatte ich fasziniert gesehen, wie die Kundin vor mir – sehr beleibt und offensichtlich auf Sicherheit bedacht – aus ihrem riesigen Dekolleté ein relativ großes Portemonnaie zog, das ich dort niemals vermutet hätte. Wozu ein großer Busen so alles taugte, imponierte mir ja. Nora indes hatte vergleichsweise kleine Brüste, was ihrer Attraktivität allerdings keinen Abbruch tat. Sie war nicht unbedingt schön im klassischen Sinne; sie war einen Hauch zu stark geschminkt, hatte eine Topffrisur, die Berliner Hipster vielleicht neidisch, sonst aber auf kaum jemanden Eindruck machte, und sie war etwas dünn geworden. Aber ihre Ausstrahlung war körperlich erfahrbar; ich hätte darauf geschworen, ich konnte mit geschlossenen Augen spüren, wenn sie den Raum betrat.
»Ich versteh ja, dass man dick wird. Oder werden kann«, sagte sie. »Doch wirk-lich«, setzte sie hinzu, als sie meinen Blick sah. »Nach Essen kann man genauso süchtig werden wie nach Nikotin, oder nicht, und so’n Suchtpotenzial kann ich nachvollziehen, wenn auch so’n Gefresse vielleicht nicht. Ich kann nicht hundertprozentig verstehen, wieso man nicht«, sie deutete mit ihren Zeige- und Mittelfingern Gänsefüßchen in die Luft, »’so einfach Sport macht und gesünder isst’, aber sag mir mal, ich soll aufhören zu rauchen. Na ja. Aber wie man sich die Nägel so lackieren und sich derart unvorteilhaft anziehen kann, also sorry, aber da hört’s ’n bisschen bei mir auf.« Sie zog ihre Knie zu sich und guckte mitleidig zu den beiden korpulenten Mädels.
»... na, wir wollen alle hübsch sein und Bestätigung und Anerkennung. Manche haben da offenbar nicht so das Gespür fürs richtige Maß«, sagte ich.

Nora und ich kannten uns nun schon eine ganze Weile. Wir hatten zusammen studiert, sie war inzwischen fertig und auf Jobsuche und ich, na ja, ich geizte nicht mit der Zeit, die ich den Dingen schenkte. Wir pflegten das Ritual »Abschießen, genießen«, das besagte, dass wir uns an jedem ersten Samstag eines Monats trafen, uns mit allem, was den Verstand ausschalten konnte, abschossen und uns ins Nachtleben unserer Stadt stürzten. Heute war so ein Samstag und Nora und ich hatten uns schon am Mittag getroffen, nach Quasi-Bayrischer Art Brez’n, vegetarische Weißwurst und Weißbier gefrühstückt, dann den Tag in Kneipen und Biergärten vertrödelt und saßen nun im Club One, einem langweilig sterilen Nachtclub im Zentrum der Stadt.
Noras Aufmerksamkeit galt immer noch mit einerseits interessierter, andererseits besorgter Miene einem der Mädels auf der Tanzfläche, dessen Top so transparent war, dass man den Büstenhalter sehen konnte. »Sich tagsüber beim Binge-Watching fettfressen und nachts in solche seelenlosen Kackschuppen gehen... Okay, so ganz raffen tu ich’s nicht.« Sie runzelte die Stirn.
»Und wir sind auch hier.«
»Jaa, aber wir haben ’ne Entschuldigung.«
Das stimmte. Wir warteten hier auf Tobi und Kathi, die unbedingt noch Keta kaufen wollten, das ging in näherer Umgebung am besten in diesem seelenlosen Kackschuppen. Kathi und Tobi waren ehemalige Kommilitonen von uns; von Anfang an hatten wir uns einfach gut verstanden. Als wir in unserem ersten Semester unsere letzte Klausur zum Ende der Vorlesungszeit geschrieben hatten, es war da an diesem Tag in etwa neun Uhr morgens gewesen, waren wir diejenigen, die kurzerhand den Supermarkt plünderten, um einen Tag voll Schnaps, Bier und guter Laune einzuleiten. Wir waren ja frei, Rock’n’Roll!, das wollten wir feiern. Seither waren wir eine Gang – schließlich schweißt nur wenig so zusammen wie ein exzessiver gemeinsamer Absturz. Die Abstürze wurden Ritual, und Drogen und viele gute wie miese Erfahrungen kamen hinzu. In letzter Zeit übertrieben es Kathi und Tobi gelegentlich mit dem Ketamin, aber wer war ich, ihnen etwas vorzuschreiben. Das gemeinsame Studium jedenfalls ging vorüber, aber nicht unsere Freundschaft.
»Wenn die Musik wenigstens nur halb so scheiße wäre.« Nora verdrehte die Augen. »Wo bleiben die denn?«
»Keine Ahnung. Tobi hat vor über einer Stunde geschrieben, dass sie los sind. Meinst du, die haben wieder was miteinander?«
Nora sah mich nur an, mit einem Lächeln im Mundwinkel.
»Jedenfalls find ich, wir könnten auch schon aufbrechen und die kommen nach.«
»Jap, stimmt.«
»Und wohin?«
»Zur Party von den Sechsern?«
»Ah shit, die ist heute? Ja klar, von mir aus gern.«
»Jo.«
»Ich hab allerdings nichts mitzubringen, das hab ich damit verplant.«
»Ja, ach, ich auch nicht. Wir können auf dem Weg doch noch ne Flasche Schnaps kaufen.«
»Ganz klassisch.«
Ich war froh, aus dem Yuppie-Laden zu verschwinden.

Draußen fiel es mir schwer, Nora nicht scherzhaft in die Arme zu schließen oder sie auf andere Weise anzuschäkern. Ich war schon früher in sie verknallt gewesen, aber damals war sie leider mit einem bescheuerten Vollidioten namens Philipp zusammengekommen und das bis vor drei Wochen auch geblieben. Ich hatte das Gefühl, wenn ich ihr jetzt zu nahe käme, würde sie das sofort durchschauen.
»Bist du noch fit?«, fragte sie.
»Was denkst du von mir? Es ist elf. Mein erste Post-Rausch-Müdigkeit hatte ich schon so um sieben überwunden, ich bin fit«, entgegnete ich unbekümmert. »Find ich gut, dass die Party heute ist.«
»Find ich auch«, sagte sie gutgelaunt und hakte sich bei mir unter. Die Sechser, bei denen die Party stattfand, nannten wir so, weil sie zu sechst eine überaus luxuriöse WG über zwei Etagen im Südviertel bewohnten, mit zwei Kickertischen, zwei großen Wohnzimmern und einer Dachluke in einem der Zimmer in der oberen Etage, durch die man aufs Dach des Hauses kam. Von dort konnte man über halb Finsterstein schauen und hunderte Meter weit über die Dächer des Südviertels laufen. Die Partys waren immer brechend voll, und immer liefen sie Gefahr, von einer Kavallerie Bullen gestürmt und gestoppt zu werden. Sie waren immer ein Ereignis.
»Sag mal, wie geht’s dir eigentlich mit Philipp und allem?« Die Durchsichtigkeit meiner Frage schien mir zum Greifen offensichtlich, aber auch als Freund hatte ich schließlich Interesse.
»Mh. Lass uns heute nicht drüber reden, okay? In den Jahren ist so viel Scheiße passiert, ich hab so oft zu ihm gestanden und dabei so oft eure Ratschläge ignoriert, ich will das heute nicht aufwärmen und mir die Laune verderben. Heut war so ein schöner Tag, machen wir, dass es so bleibt.«
»... nur, wenn wir sofort einen Korn drauf trinken!«
»Bäh.«
»Und du zahlst!«
»Arschloch! Okay«, sagte sie und knuffte mich. Beim Späti kauften wir Whisky, Korn und ein paar Biere und schlenderten weiter im Mondschein am Waldweg entlang, trinkend und quatschend.

Als wir bei den Sechsern ankamen, war die Hütte bereits voll, das hörten wir schon von weitem. Wir gingen die Straße hinunter, betraten den Häuserblock und durchquerten den ersten Hinterhof. Im zweiten trafen wir von den Sechsern Ben und Anja, wie sie mit einem Polizisten diskutierten.
»Ehrlich? Es ist doch erst halb zwölf«, rief ich halblaut.
»Psschh«, machte Nora und zog mich an den Diskutanten vorbei. »Das hat’s noch nie besser gemacht!«, flüsterte sie und konnte sich ihr Lachen kaum verkneifen.
Wir begrüßten ein paar Leute, stießen hier und dort an und waren gerade im Begriff, uns mit einem Bier aufs Dach zu verziehen, als Nora ihn sah. Den einen, den weder sie sehen wollte noch ich. Sie sagte ihm nicht Hallo, doch oben auf dem Dach angekommen, lächelte sie bitter.
»Na ja, dass die Chance bestand, wusst ich ja. Aber ich find’s scheiße, dass er hier auftaucht; die Leute hier hat er doch nur durch mich kennengelernt.«
»Na ja, das fairerweise aber auch schon vor über vier Jahren.«
Sie seufzte. »Ja trotzdem.«
»Wir haben immer noch die hier«, ich zog den Whisky hervor und zwei Gläser, die ich aus der Küche der oberen Etage mitgenommen hatte. »Abschießen, genießen, die Dame.«
Nora hob das Bier. »Abschießen, genießen, der Herr!«

Zwei Stunden später fanden wir uns auf der Tanzfläche wieder, Arm in Arm Eye Of The Tiger und andere Lieder grölend. Irgendwann mussten Tobi und Kathi eingetroffen sein, denn plötzlich standen sie in einer Ecke mit Ben und ein paar anderen und drehten. Als Nora das sah, drückte sie mir einen Schmatzer auf die feuchtwarme Wange und ging zu ihnen. Ich blieb noch ein bisschen dort – gerade erklangen die ersten Akkorde von Gogol Bordellos Start Wearing Purple –, anschließend gesellte ich mich aber zu ihnen. Ich saß eine ganze Weile neben Tobi und quatschte mit ihm über dies und das. Mit Kathi lief tatsächlich wieder was, vertraute er mir im Geheimen an, deswegen seien sie – nun ja – auch etwas spät dran gewesen. Er grinste. Idiot, dachte ich gutmütig. Tobi kam sich oft sehr subtil vor, dabei war er meist so subtil wie ein Leopard-Panzer. Die Stimmung war gut, ich fühlte mich ganz wohl. Im Laufe der Zeit wurde nur Nora, die in einer hinteren Ecke auf einer Couch saß, immer ruhiger und bleicher. Tobi und ich redeten, bis mir auffiel, dass sie nicht mehr da war. Ich drehte mich zu Tobi um, um mich kurz zu entschuldigen, doch der hing schon wieder mit seiner Zunge in Kathi, also machte ich mir gar nicht die Mühe.

Ich fand Nora unten im Hinterhof, wie sie in einer Ecke kauerte. Ich setzte mich zu ihr.
»Mhwa? Ach, du bist’s.«
»Mhm.«
Ihre Schminke war verlaufen, doch hatte ich sie selten schöner gesehen.
»Mir ist schlecht«, sagte sie. »Und alle hier«, sie deutete vage um sich, »machen mir irgendwie Angst. Sehen aus wie Ungeheuer. Ich wär fast heimgefahren, aber dann hab ich mich nicht auf die Straße getraut.«
»Muss vom Kiffen kommen.«
Sie blickte säuerlich drein. »Ja, ich hab aber eigentlich schon länger keine Paras mehr davon geschoben.«
Ein Moment verging.
»... ich auch?«
»Hä?«
»Seh ich auch aus wie’n Ungeheuer?«
»Ach Tom... manchmal bettelst du zu sehr um Bestätigung.«
Autsch, das saß.
Sie stocherte mit einem Stock auf dem Boden herum. »Tom, versprichst du mir was?«
»Um was gehts?«
»Ich will noch nicht gehen. Aber«, ihre Augenlider flatterten ein wenig, »pass auf mich auf«, nuschelte sie.
»Das mache ich«, sagte ich und hoffte, dass sie den etwas zu pathetischen Unterton nicht hörte.
Sie lächelte. Wir blieben noch ein Weilchen so sitzen, dann standen wir auf und gingen wieder hinein. Auf dem Weg nach oben verlor ich sie im Gewimmel; ich blieb Leute herzend hier und da stehen, der Beat wummerte, und als ich wieder in der oberen Wohnung angekommen war, war von Nora schon nichts mehr zu sehen. Ich kannte diese Stimmung, in der sie sich befand, und mir schwante nichts Gutes. Aber wir waren frei, Rock’n’Roll. Was sollte ich tun.

Darüber frustriert, wie sich die Nacht entwickelte, klinkte ich mich in ein Trinkspiel ein, das ein paar Leute in der dunstverhangenen Küche spielten. Es war eine bescheuerte Idee, aber ich konnte mich bescheuerten Ideen nicht gut erwehren. Ich neigte dazu, mit Verdruss und Melancholie auf Unstimmigkeiten zu reagieren, gerade wenn ich getrunken hatte. Da war es leicht, sich in jovialer Runde mit Schnaps abzulenken. Leicht, und bittersüß.
Unter den Spielenden erkannte ich Julie, die Exfreundin von Ben, die in der einen Hand ein leeres Schnapsglas und mit der anderen ihren Magen hielt mit einer Miene, die Unsicherheit darüber ausdrückte, ob sie zu Klo oder Spüle eilen musste. Sie fing sich und lachte. »Oh Scheiße!«
Es war ein simples Kartenspiel, Busfahren, und ich verlor jämmerlich. Irgendwann sackte ich etwas zusammen und stieg aus; beim nächsten Bärwurz hätte ich auf der Stelle auf den Tisch gebrochen. Ich stand schwankend auf und lief – sicherheitshalber – erstmal zum Klo. Als ich zurückkam, sah ich Nora mit glasigen Augen und seligem Lächeln auf der Couch im Flur sitzen.
»Eyy Tom!«
Ihr schien es ganz gut zu gehen. Ich setzte mich zu ihr.
»Wo warst du denn so lange?!«, fragte sie.
»Busfahren, in der Küche.«
»Ha, ich wette, Vincent hat dich abgezogen!«, sie kicherte, und ich musste unwillkürlich lächeln.
»Ja, ich hätt’s besser wissen sollen, fürcht ich.« Mein Magen war immer noch flau. »Und wo warst du?«
»Ich hab einen kleinen Glücksbringer von Ben bekommen.«
»Hattest du keinen mehr?«
»Nee. ... Tom?«
»Ja?«
»Ich hab dich lieb.« Sie lehnte sich mit geschlossenen Augen an meine Schulter.
In mir regte sich etwas. »Ich dich auch«, flüsterte ich und legte einen Arm um sie.
Eine Weile saßen wir so.
Dann...
».... Ähm, hey, Nora, entschuldige. Können wir uns mal kurz sprechen?«, erklang da eine verhasste Stimme.
Nora schlug die Augen auf. »Philipp.« Ihre Züge wurden steif. Sie fragte: »Muss das sein?«, aber ich sah, sie würde sich erweichen lassen. »Na schön«, sagte sie, als er nickte.
Er bot ihr seine Hand, um ihr beim Aufstehen zu helfen; sie ergriff sie und ich sah ihnen mit einem Gefühl mittelschwerer Hilflosigkeit hinterher, als sie ins Wohnzimmer verschwanden. Ich legte den Kopf in den Nacken, schloss die Augen und rief innerlich eine mir nicht weiter bekannte Gottheit an, dass Nora die Stärke haben möge, sich nicht wieder auf diesen Drecksack einzulassen. Diesen verdammten Drecksack. Ich rang mit mir darum, mich herauszuhalten, und verlor. Ich stand auf und folgte ihnen in halbseidener Verfassung ins Wohnzimmer.

Es war inzwischen halb vier nachts; die drückende Enge war einer angenehm lockeren Grüppchenbildung gewichen. Yussuf winkte mich zum Kickern, aber ich konnte mich nicht konzentrieren, mir war schlecht und ich musste immer wieder zu Nora und Philipp schielen.
»Au!«, sagte ich, als Yussuf mich boxte.
»Alter, das war das dritte billige Ding in Folge, einen noch und wir müssen kriechen! Fokus, Tommi, FOKUS!«
»Ja doch!«
Wir machten immerhin noch drei Tore, doch dann besiegelte ein Treffer unserer Gegner unser Schicksal.
»Na ja, wenigstens kein Kriechen«, seufzte Yussuf.
Ich hatte kein Interesse an einer Revanche oder dergleichen, gerade hatte ich gesehen, dass Philipp Nora sanft schüttelte, die mit etwas verträumtem Gesicht in sich zusammengesunken dasaß. Trotzdem hatten wir noch ein Spiel begonnen.
Er rüttelte stärker an ihr.
Was sollte das?
Dann zog er leicht, aber bestimmt an ihr, um sie von der Couch zu bekommen.
... was sollte das?
Ich wandte mich vom Spiel ab. Meine Beine steuerten auf die beiden zu. Philipp stand vor der halb erhobenen und ziemlich benommenen Nora und ermunterte sie zum Gehen, als ich ihm auf die Schulter schlug.
Ich konnte es mir ja denken. Bilder schossen mir durch den Kopf; eine weinende Nora, die an unsere WG-Tür klopfte. Eine traurige Nora, die verzagt unsere Treffen absagte. Eine leise Nora, die nicht erklären wollte, woher sie die Verletzungen hatte. Besoffen überlagerten viele Bilder mein geistiges Auge.
Philipp drehte sich zu mir um, Nora sank indes verdattert auf die Couch zurück.
»Was willst du denn?«, fragte Philipp, der zwei Köpfe größer war als ich.
»Das gleiche könnte ich dich fragen, Mann.«
»Das geht dich ’n Scheiß an. Lass uns in Ruhe.«
»Nein«, sagte ich schlicht. »Ihr seid nicht mehr zusammen. Ich bin mit Nora befreundet und sie ist nicht mehr zurechnungsfähig. Es geht mich was an.«
»Alter, das kann sie immer noch selbst entscheiden, und jetzt hau ab.«
»Alter, wenn du nur einen Funken Anstand in dir hättest, würdest du nach der ganzen Scheiße zwischen euch keine völlig benebelte Nora abschleppen, sondern warten, bis sie nüchterne Entscheidungen trifft!«
Er kam mir näher. »Weißt du was? Im Wein liegt die Wahrheit, Tommiboy, und jetzt verzieh dich«, zischte er, gab mir einen leichten Stoß und wendete sich wieder Nora zu.
»Nein«, sagte ich wieder, diesmal mit Nachdruck, und gab ihm einen kräftigen Schubser. Sein Kopf fiel in den Nacken, er stolperte nach vorn. Seine Arroganz machte mich sauer.
»Junge!«, rief er aus, drehte sich um und boxte mir in den Magen. Ich kippte. Mir war speiübel, ich verlor den Halt und riss einen Tisch um. Schmerz und Scham brannten in mir, und als ich mir etwas Feuchtes vom Gesicht wischte, realisierte ich nur langsam, dass er nach mir gespuckt hatte. Ich starrte meine Hand an.
Da rastete irgendetwas in mir aus.
Im Augenwinkel sah ich, dass Philipp mir wieder den Rücken zuwandte. Ich drehte mich um die Achse, griff nach einer herumliegenden leeren Flasche und schmetterte sie so fest ich konnte gegen Philipps rechtes Knie. Er knickte ein und schrie auf. Er fuhr herum, boxte mir ins Gesicht, griff mir ins Haar und schlug meinen Kopf auf den Dielenboden, dass es knackte. Dumpfer Schmerz pochte in meinen Ohren. Ich zuckte, die Geräusche wurden von einem Rauschen übertönt. Ohne Orientierung schlug ich mit der Flasche um mich. Ich traf etwas, schlug wieder und wieder darauf und trat danach; ich trat ins Leere, dann traf ich ihn, dass er fiel. Hemmungslos trat ich hinterher, erst spürte ich etwas Weiches, dann knirschte etwas unter meinem Schuh. Mein Herz brannte. Ich presste meinen Schuh dagegen. Sein Gesicht? Etwas – oder jemand – griff nach mir, aber ich trat nochmal zu in wilder Aggression. Und nochmal... und nochmal.
Die Lichter flackerten über mir, ich versuchte, mich etwas aufzurichten. Am Rande meiner Wahrnehmung registrierte ich, dass Brave New Girl aus den Boxen scholl. Blut sickerte aus meinem linken Ohr. Dann kippte ich zur Seite und wir blieben beide liegen.

Die Musik war aus. Ob ich bewusstlos war, konnte ich im Nachhinein nicht mehr sagen. Ein paar Leute standen herum, aber ich nahm nur Nora wahr, die über mir stand und mich entgeistert ansah.
»Scheiße, brauchen wir einen Krankenwagen?«, fragte einer.
»So wie die bluten...«, ein anderer.
Ich mühte mich aufzustehen. »Nich nötig...« Irgendjemand wollte, dass ich sitzen blieb, aber ich stieß die Hand fort und raffte mich auf. Alles drehte sich. Ich konnte nicht mehr sagen, wie und wieso die Situation so schnell derart eskaliert war. Meine Knie waren butterweich. Dass mich Nora so die Fassung hatte verlieren sehen, im eigenen Blut badend, war mir unerklärlich. Was war da los gewesen? Ich wusste nicht, wo mir der Kopf stand, und sah nur die trostlose Schar vor mir. Der letzte Dunstschleier verzog sich. Ich murmelte, dass ich frische Luft bräuchte, und schleppte mich zur Tür, die Treppe hinunter.
Unten im Hof brach ich geräuschvoll in eine Ecke und atmete tief durch. Es dämmerte schon leicht, und die beschissenen Vögel sangen ihre Lieder. Da stand ich also, schweißnass, mit gerissener Kleidung, Kotze auf den Schuhen und blutverkrustetem Haar. Was für eine Scheiße, dachte ich. Ich stützte mich auf einem Fenstersims ab, roch die kalte, frische Morgenluft und hatte Mühe, stehen zu bleiben. Was für eine Scheiße.
Irgendwann erschien Nora neben mir und reichte mir wortlos ein paar nasse Tücher und eine Flasche Wasser. Ich wusch mir notdürftig das Gesicht, trank einen Schluck und sah sie an.
»Ich hatte auch nicht mit ihm gehen wollen, also ...«, sie hatte unsere Sachen dabei und nestelte am Griff ihrer Tasche herum, »...danke.«
Ich blieb stumm.

Wir verließen den Hinterhof und gingen wortkarg die Straßen entlang. Unsagbar, wie lange wir brauchten, bis wir schließlich vor dem Haus angekommen waren, in dem Nora wohnte.
Dann stand ich vor ihr, mit immer noch vom Blut verkrustetem Haar und einem schweren Gefühl der Endgültigkeit in mir. Und sie sah mich an, wie sie mich noch nie angesehen hatte.
»Nora, ich...«
Da legte sie mir eine Hand auf die Wange, kam meinem Gesicht mit ihrem ganz nahe und sagte leise: »Was auch immer du mir sagen willst, sag’s nicht.« Sie ließ ihre zierliche Hand auf meiner Brust ruhen, sah mich ernst an und küsste mich halb auf Wange, halb auf Mund. »Morgen Abend, du und ich. Und ich freu mich drauf, Tom.« Sie sah mir noch einmal in die Augen, dann drehte sie sich um und ging ins Haus hinein.

Mir schwindelte, als ich heimlief und die ersten zarten Sonnenstrahlen den Horizont erweckten.

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