Uralter Imperativ

Erörterung zum Thema Moral

von  loslosch

Ab alio exspectes, quod feceris (Publilius Syrus, 1. Jh. v. Chr.; Sententiae). Vom Anderen erwarte (dasselbe), was du (ihm) getan.

Kants kategorischer Imperativ (1785) hat die Gemüter erregt, Legionen von Denkerstirnen bewegt, auch in Sorgenfalten gelegt (Hegel, Schopenhauer u. a.) und Dissertationen beflügelt. Allein dieser Satz, auch in mancherlei Varianten:

"Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde."

Der konkurrierende ältere, noch heute gebräuchliche Spruch "Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem anderen zu!" (sog. goldene Regel) hat logische Nähe, die Kant nicht bestritt. Aber eine Gleichsetzung mit seinem Imperativ war ihm zuwider: "Man denke ja nicht, daß hier das triviale: quod tibi non vis fieri etc. zur Richtschnur oder Princip dienen könne ..." (zitiert nach Wiki.) Kannte der kauzige Philosoph den Spruch des Publilius Syrus? Vermutlich ja; denn er publizierte manches in Latein, und die Sententiae waren eine in Lateinschulen beliebte Lektüre. Gegenüber der goldenen Regel hat die alte Sentenz den Vorzug, dass sie positiv formuliert ist.

Kant brachte seine klaren Gedanken stets in professoraler und ihm eigentümlicher girlandenhafter Diktion zu Papier. Was kompliziert klingt und schwer verstanden wird, muss einer Denkerstirn entsprungen sein. Wie anders der ehemalige Sklave P. S., der die Spruchweisheiten der Antike sammelte und auf Papierrollen schrieb. Für seinen kategorischen Imperativ benötigte er, im ohnehin knappen, spröden Latein, ganze fünf Wörter.

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Kommentare zu diesem Text

Graeculus (69)
(01.10.16)
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 loslosch meinte dazu am 01.10.16:
kant war schon ein kantiger kauz. auf seine spezielle weise schopenhauer aber auch.

 niemand (01.10.16)
Das klingt für mich vernünftig, denn ich kann nicht Güte, Anstand, Solidarität, soziales Verhalten etc. von anderen erwarten, wenn ich mich selber an keines davon halte und halten will. Eine andere Interpretation, eine privat-knickrige wäre, wenn ich jemandem etwas für z.B. 10 Euro schenke
[Geburtstag etc.] knickerig darauf zu achten, dass ich [auch Geburtstag] nichts für nur 9 Euronen bekomme
Solche gegenseitigen Aufrechner gibt es nicht wenige.
In unserer Verwandtschaft war es nicht selten. Die Generation meiner Eltern [da musste ich immer innerlich grinsen] hat sich gegenseitig genau auf Heller und Pfennig beschenkt & zurückgegeben. Nichts Spontanes, oder gerne Gegebenes aus Freude am Schenken, sondern immer: Wie du mir, so ich dir ...
LG Irene

 loslosch antwortete darauf am 01.10.16:
ja, wörtlich genommen, kann man ein gut gemeintes prinzip zu tode reiten. als meine eltern in die jahre kamen, drehte der berühmte fuffziger seine geburtstagsrunden.

nicht immer, aber immer öfter! lo

 niemand schrieb daraufhin am 01.10.16:
Ist das denn wahr ... bei meinen waren es auch Fuffziger.
Ich wußte immer, auch bei meiner Oma dass es ein Fuffziger wird, damals zu ihrer Zeit waren es noch 50,- DM.
Scheint ein magischer Schein zu sein

 loslosch äußerte darauf am 01.10.16:
irgendwie ein kreisender falscher fuffziger.

mein 5-jähriger enkel schenkte mir heute 1 €. ich muss ihm morgen wohl 2 € schenken ...

 niemand ergänzte dazu am 01.10.16:
Der Kleine ist ja ein kluges Bürschchen, der ahnt sowas ganz bestimmt

 loslosch meinte dazu am 01.10.16:
ich teste ihn. morgen kriegt er 2€. dann frage ich ihn, wieviel er "unter dem strich" (natürlich anders formuliert) bekommen hat. da muss er mit minuszahlen hantieren.
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