Zu viel

Kurzprosa zum Thema Psyche

von  BeBa

Er steht am Fenster. Alles ist ihm zu viel. Er ist gesättigt vom Leben, von der Welt, von denen, die er die da nennt. Dieses Problem muss er angehen. Nicht heute, nicht hier, nicht an diesem Fenster. Festlegen will er sich nicht, denn Planen ist nicht seine Sache, Kalender versetzen ihn in Panik. Überhaupt ist er kein Freund der Zeit. Selbst gegen die tickende Wanduhr im Wohnzimmer ist er allergisch. Seiner Frau verschweigt er das, denn sie hat ihm diese Uhr damals aus London mitgebracht. Sie hat ihm danach laufend von London erzählt. Erst als sie später in Paris gewesen war, hörte das auf, weil sie fortan von Paris schwärmte. Aber die Wanduhr tickt bis heute.
Ob er nicht mal mit ihr verreisen wolle, hat sie letztens gefragt. Nach Madrid vielleicht oder New York. Zum Big Apple, hat sie sich ausgedrückt. Sie möge doch bitte New York sagen, hat er gemeint, was solle denn die Big Apple – Scheiße? Aber verreisen wolle er nicht. Ihm sei doch die Stadt hier schon zu viel, ob ihr die Fremde, die Kälte hier nicht reichen würde?
Jetzt will sie nach Hongkong fliegen. Das Ticket liegt schon auf ihrem Nachttisch. Soll sie doch, denkt er, wenn er im Bett auf ihr liegt und sein Blick auf den Nachttisch fällt. Dieses Ticket, ihr Stöhnen, das gar kein Stöhnen ist, auch das ist ihm zu viel. Und sie kann nie genug bekommen, von allem. Bringt dann eine Wanduhr als Verzeih mir bitte aus London mit. Aus Paris hat sie nichts mitgebracht. Vielleicht wird sie bei ihm ausziehen, wenn sie aus Hongkong wiederkommt. Wer weiß? Aber damit will er sich im Moment nicht beschäftigen. Er muss gegen seine Probleme angehen: Uhren, Paris und Tickets nach Hongkong. Vielleicht sogar die Frau. Madrid geht gar nicht, dann schon eher New York.

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Kommentare zu diesem Text


 TrekanBelluvitsh (30.10.16)
Morgens Frühstück bei McDonalds in Barcelona, Mittags shoppen bei H&M in Paris, Abends ein neues IPhone vom Applestore in London. -Europatour.
Aber verreisen wolle er nicht. Ihm sei doch die Stadt hier schon zu viel, ob ihr die Fremde, die Kälte hier nicht reichen würde?
Obwohl man das alles auch in Wanne-Eickel haben kann.

 Es hat keinen Zweck, in die Welt hinauszuziehen. Trottel und Ehrgeizlinge findest du genauso vor deiner eigenen Türschwelle wie anderswo. ... sag ich mal ...

Schmerz und Einsichten einer depressiven Verstimmung hast du auf den Punkt gebracht, das ist ganz nah an dem, was man "Wahrheit" nennt.

 BeBa meinte dazu am 30.10.16:
Danke, sag ich mal! Freut mich, dass der Text rüberkam wie geplant. Interessant übrigens der Link zu deinem Text. Passt!
Graeculus (69)
(30.10.16)
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 BeBa antwortete darauf am 30.10.16:
Danke auch dir, Graeculus.
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