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Novelle zum Thema Weihnachten


von Skala

Kowalski war den ganzen Weg lang zügig vorangeschritten, doch auf der Treppe hinauf zum Bahnsteig wurden seine Schritte zögerlicher. Was, wenn der Zug nicht dort stand, wo er ihn vermutete? Was sollte er dann im Jahr 1997 anfangen, so ganz ohne Geld, Arbeit und Kontakte? Sollte er etwa sich selbst auf den Geist gehen, nur um eine warme Mahlzeit am Heiligabend abzustauben? Kowalski schluckte und spähte scheu die Treppe hinauf – und selten hatte er so eine Erleichterung verspürt, wie beim Anblick seines altbekannten Regionalexpresses, der nach wie vor auf Gleis 17 stand – mit leuchtenden Lampen und nach wie vor völlig unbesetzt, was Kowalski aber jetzt alles andere als seltsam erschien. Mit großen Schritten sprang er die letzten Stufen hinauf, zur Zugtür und hinein in den nächstbesten Waggon. Dieses Mal hielt er sich nicht mit der Suche nach einem bequemen Sitzplatz auf, nein, er musste den Schaffner finden, und sonst nichts.

„Hallo?“, rief er laut durch den Zug. „Hallo? Wo sind Sie? Ich muss dringend mit Ihnen sprechen!“
Auf der Treppe zur zweiten Etage tauchten zwei schwarze, glänzende Schuhe in Kowalskis Blickfeld auf. Diesen Schuhen folgte eine viel zu weite, dunkelblaue Hose und schließlich der Rest des alten Schaffners, der gemächlich Stufe für Stufe zu Kowalski hinunterstieg. „Immer mit der Ruhe. Ich höre Sie ja!“
„Immer mit der Ruhe!“, grunzte Kowalski und griff mit beiden Händen an den Kragen der Schaffneruniform. Am liebsten hätte er den unliebsamen Gesell geschüttelt, und seine Krawatte so lange enger gezogen, bis er jedes kleinste Körnchen Wahrheit aus ihm herausgepresst hatte, aber Kowalski war sich nicht ganz sicher, ob dieser hutzelige Greis eine solch harsche Behandlung unbeschadet überstehen würde. So beließ er es bei einem festen Griff und den Worten: „Ich gebe Ihnen gleich Ruhe! Sie sagen mir jetzt augenblicklich, welches Spiel hier gespielt wird, oder ich ziehe ganz unruhige Seiten auf, das verspreche ich Ihnen!“

Gut gelaunt, als hätte Kowalski nur eine flapsige Bemerkung über das Wetter gemacht, tätschelte der Schaffner die fremden Hände auf seinem Revers und fragte im Plauderton: „Und, wie war Ihr Ausflug?“
„Ausflug?“, polterte Kowalski. „Unter Ausflug verstehe ich aber etwas ganz Anderes!“
Der Schaffner zog die struppigen, weißen Augenbrauen hoch. „War es etwa nicht interessant?“
Kowalski ließ den Alten los und hob die Hände hilflos über den Kopf. „Interessant? Das beste Wort, das Ihnen dazu einfällt, ist interessant? Sagen Sie – warum bin ich hier? Was tun wir hier?“
Wieder ignorierte der Schaffner gekonnt Kowalskis Fragen und erwiderte: „Wie geht es Stappert? Wollen Sie ihn immer noch feuern?“
Kowalski starrte den Alten an. „Mehr, als jemals zuvor“, gab er dann zu. „Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ...“
Der Schaffner runzelte die Stirn und schnitt ihm das Wort ab. „Sie haben also gar nichts von diesem Ausflug mitgenommen?“
Kowalski setzte seinerseits eine böse Miene auf. „Was außer einem Stapel unbearbeiteter Akten hätte ich denn mitnehmen sollen?“
Der Schaffner seufzte. „Ein harter Brocken sind Sie, das muss ich Ihnen lassen.“

Kowalski wusste nicht, ob er lachen, weinen oder sich schreiend über den Boden wälzen sollte. Er entschied sich für letzteres, aber ohne den Teil mit dem Wälzen. „Ich werde gleich noch ein viel härterer Brocken wenn Sie mir nicht endlich verraten, wie ich in diesem gottverdammten Zug und – was noch viel schlimmer ist – im Jahr 1997 gelandet bin!“
Der Schaffner kratzte sich an der Schläfe. „Zeigen Sie mir doch bitte noch einmal Ihr Ticket“, bat er. Kowalski verdrehte die Augen, kramte in seinem Portemonnaie nach seinem Monatsticket und hielt es dem Alten unter die Nase. „Bitteschön“, sagte er giftig. „Aber ich glaube nicht, dass Ihnen das sonderlich weiterhilft.
Der Schaffner sah ihn mitleidig an. „Das tut es tatsächlich nicht“, gab er zu. „Ich meine Ihr anderes Ticket. Das in Ihrer Mantelinnentasche.“
Kowalski ließ die Hand mit seiner Monatskarte sinken und starrte ihn an. „In meiner ...“ Mit der Linken griff er in seinen Mantel und stieß auf ein zusammengefaltetes Papier. Er zog es heraus und reichte es weiter. Der Schaffner griff nach dem Zettel und faltete ihn auf.
Stappert feuern“, zitierte er. „Hatten wir bereits. Mutter absagen – dazu kommen wir noch. Und hier: Schluss machen. Einen Doppelmord – das hatten wir hier lange nicht mehr!“

Kowalskis Kopf ruckte hoch. „Einen – was?“
„Na, die Pillen – waren die denn nicht für Ihre Verlobte und Sie gedacht?“
Kowalski schüttelte fassungslos den Kopf. Der Schaffner starrte ihn verdutzt an.
„Mit denen hätten Sie eine Elefantenherde ins Jenseits befördern können.“ Er schüttelte fassungslos den Kopf und las noch einmal die Worte auf Kowalskis „Ticket“, als stünde dort das Versteck des Heiligen Grals beschrieben. Dann schnaufte er plötzlich auf. „Oh, verflucht.“
Kowalski zog die Augenbrauen hoch. Der Schaffner lächelte zerknirscht, räusperte sich und meinte dann: „Wie es aussieht ... ja, ich bin Ihnen wohl eine Erklärung schuldig. Anscheinend hat es eine Verwechslung gegeben – das passiert, wenn die Verwaltung überlastet ist, vor allem so kurz vor den Feiertagen. Um es mit anderen Worten zu sagen: Es tut mir leid, aber Sie sitzen im falschen Zug!“


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Kommentare zu diesem Text


sandfarben
Kommentar von sandfarben (07.12.2016)
ich freue mich schon, wie es weiter geht... sehr spannend.
christa
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Dies ist ein Strophe des mehrteiligen Textes Die vier Weihnachtsfeste des Herrn Kowalski.
Veröffentlicht am 07.12.2016. Textlänge: 822 Wörter; dieser Text wurde bereits 435 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 17.05.2021.
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