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Novelle zum Thema Weihnachten


von Skala

Kowalski seufzte und rappelte sich von seinem Sitz hoch. Sein Rücken schmerzte, und er fragte sich, wie lange er eigentlich schon unterwegs war. Ein Blick auf seine Armbanduhr half ihm nicht weiter – sie war irgendwann im Jahr 1997 endgültig stehengeblieben. Der Zug fuhr langsam in einen Bahnhof ein, der Kowalski sehr vertraut vorkam. Er wartete, bis sich die Türen zischend öffneten und trat hinaus auf den Bahnhof, an dem er so oft in seinem Leben gestanden hatte. Es gab nur zwei Bahnsteige, keine Überdachung, und Kowalski stand nach wie vor im Regen. „Als gäbe es kein anderes Wetter in diesem Land“, murmelte er und schaute auf die alte Bahnhofsuhr. Es war elf Uhr vormittags. Kowalski klappte den Kragen seines Mantels hoch, rückte seinen Hut zurecht und machte sich auf den Weg durch die kleine Stadt, in der er seit seiner Kindheit lebte.

2003 unterschied sich nicht wesentlich von 2016, stellte Kowalski erstaunt fest. Hier und da stand ein Gebäude, das in Kowalskis Erinnerung nicht überlebt hatte, und manchmal stand er selbst vor einem Stück Wiese und fragte sich, was denn da wohl fehlte, aber im Großen und Ganzen, dachte Kowalski, hatte sich sein Zuhause in den letzten dreizehn Jahren nicht sonderlich verändert – weder zum Guten, noch zum Schlechten, eine Erkenntnis, die Kowalski seltsam frustrierte.

Er ging zielstrebig auf den Supermarkt zu, in dem er seit über vierzig Jahren mit seiner Mutter einzukaufen pflegte. Auf seinem Weg kamen ihm nur wenige Menschen entgegen, unter ihnen kein bekanntes Gesicht. Kowalski beschränkte sich auf knappes Nicken und „Frohes Fest“ im Vorbeigehen. Niemand hielt ihn auf, und kurz vor Mittag erreichte er den Laden, trat in den Eingangsbereich und steuerte die Bäckerei gegenüber der Kassen an.
„‘n Morgen“, begrüßte er die Verkäuferin, an die er sich nicht erinnern konnte, und orderte einen Kaffee und ein belegtes Brötchen. Während die Verkäuferin sich an der Kaffeemaschine im Hintergrund zu schaffen machte, kramte Kowalski in seinem Portemonnaie herum, nahm einen Schein heraus und entschied sich dann nach kurzem Überlegen doch dafür, mit Kleingeld zu zahlen. Er schob mit einer Hand die Münzen über die Theke und kreuzte nervös die Finger der anderen – es schien zu wirken, die Verkäuferin sah sich die Münzen nicht genauer an, und, so beruhigte Kowalski sein schlechtes Gewissen, in einigen Jahren würde das Geld, mit dem er bezahlt hatte, gültig sein.

Mit seinem Kaffee und dem Schinkenbrötchen richtete Kowalski sich an einem Stehtisch ein, von dem aus er einen guten Blick auf den Eingangsbereich hatte. Erst, als er in sein Brötchen biss, merkte er, wie hungrig er wirklich war, und auch, wenn das Brötchen nicht mehr ganz frisch und der Kaffee dünn war, war es Kowalski, als hätte er nie etwas Besseres gegessen. Er aß auf und trank dann seinen Kaffee langsam und genüsslich – schließlich war ihm der im ‚Preis‘ inbegriffene Kaffee im Zug wegen der plötzlichen Ankunft durch die Lappen gegangen. Dabei beobachtete er aufmerksam die Kunden, die den Laden betraten und wieder verließen. Wenn er sich nicht völlig irrte, so würde er nicht mehr lange warten müssen ...


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Kommentare zu diesem Text


sandfarben
Kommentar von sandfarben (12.12.2016)
Spannend!!!
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Dies ist ein Strophe des mehrteiligen Textes Die vier Weihnachtsfeste des Herrn Kowalski.
Veröffentlicht am 11.12.2016. Textlänge: 506 Wörter; dieser Text wurde bereits 445 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 17.05.2021.
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