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Novelle zum Thema Weihnachten


von Skala

Kowalski weinte. Zum ersten Mal, seit seine Mutter ihm als Zehnjährigen auf dem Fußballplatz voller Verachtung „Echte Männer weinen nicht“ ins Gesicht geschleudert hatte, weinte er, während er ziellos durch die tristen Straßen lief. Die Menschen, die ihm entgegenkamen, beäugten ihn misstrauisch und machten einen weiten Bogen, um ihm auszuweichen. Kowalski bemerkte es kaum, und, wenn er ehrlich war, so war es ihm völlig egal. Dass er Katharina nicht früher erkannt hatte! Wie oft hatte er vor der Tür gelauscht, wenn sie bei seiner Mutter zu Besuch war und sich mit Etüden und Fingerübungen abplagte. Sieben Jahre lang hatte sie Unterricht bei seiner Mutter genommen, und dann – Katharina mochte etwa achtzehn Jahre alt gewesen sein – war sie plötzlich nicht mehr wiedergekommen. „Sie hatte einfach nicht das gewisse Etwas“, hatte seine Mutter schnippisch auf seine Nachfrage hin erwidert. Kowalski war über seinen Schatten gesprungen, hatte nach Katharinas Adresse gefragt, einer Telefonnummer, aber seine Mutter hatte sich geweigert, ihm auch nur Katharinas Nachnamen zu verraten, und so hatte Kowalski irgendwann resigniert, sich auf seine Arbeit konzentriert und Katharina aus seinen Gedanken verbannt. Bis heute.

Wütend trat Kowalski gegen einen Mülleimer. Das blecherne Ding löste sich aus seiner Verankerung, flog auf den Boden und kullerte ein paar Meter weit, wobei es seinen Inhalt auf dem Gehweg verstreute. Kowalski zuckte zusammen und entfernte sich, so schnell er konnte – das Letzte, was er gebrauchen konnte, war, im Jahr 2003 wegen Vandalismus eingebuchtet zu werden.

So aufgebracht stapfte Kowalski durch die Stadt, immer wieder aufschluchzend, bis es allmählich anfing, zu dämmern. Kowalski schaute sich um und versuchte, herauszufinden, wo genau er auf seiner ziellosen Wanderschaft gelandet war. Ein Straßenschild verriet ihm, dass er nicht allzu weit von seinem Elternhaus entfernt war, und so machte er sich mit schmerzenden und eiskalten Füßen wieder auf den Weg.

Eine halbe Stunde später stand er vor dem Haus, in dem er seit über vierzig Jahren wohnte. Alles war dunkel, und Kowalski zögerte, das Haus zu betreten. Offensichtlich waren seine Mutter und er bereits zur Heiligen Messe aufgebrochen. Als plötzlich die Weihnachtsbeleuchtung im Vorgarten zu leuchten begann, zuckte er erschrocken zusammen und entschied sich, lieber ins Haus zu gehen, bevor ein neugieriger Nachbar ihn noch auf dem Gehweg herumlungern sah. So schnell und unauffällig wie möglich huschte Kowalski zur Haustür und fragte sich, ob seine Mutter seit 2003 das Schloss hatte erneuern lassen. Er konnte sich nicht erinnern, verspürte aber dennoch eine Erleichterung, als sein Schlüssel sanft und geräuschlos ins Schloss glitt. Kowalski trat ein und holte tief Luft. Ein vertrauter Duft nach Mutters Parfüm, den getrockneten Kräutern, die in der Küche von der Decke hingen und den alten Sofapolstern und Gardinen, in denen im Jahr 2003 noch der Geruch des Zigarrenrauchs seines vor einigen Jahren verstorbenen Vaters hing, empfing ihn. Kowalski hustete, dann wandte er sich nach links und ging in die Küche. Die Uhr über dem Herd sagte ihm, dass es halb Sechs war, es würde also noch mindestens zwei Stunden dauern, bis seine Mutter und er selbst aus der Kirche nach Hause kehren würden. Kowalski seufzte, dann, einer plötzlichen Eingebung folgend, ging er vor dem Kühlschrank in die Hocke, öffnete die Tür, lud sich beide Arme voll mit Nahrungsmitteln und begann, sich nützlich zu machen.


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Dies ist ein Strophe des mehrteiligen Textes Die vier Weihnachtsfeste des Herrn Kowalski.
Veröffentlicht am 15.12.2016. Textlänge: 537 Wörter; dieser Text wurde bereits 361 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 07.04.2020.
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