Ungeordnete Thesen zu den Ereignissen in Berlin und darüber hinaus

Kommentar

von  autoralexanderschwarz

1. Statistisch betrachtet ist die Gefahr in Deutschland Opfer eines terroristischen Anschlags zu werden weiterhin ähnlich groß wie die Gefahr von einem Blitz getroffen und entschieden kleiner als die Gefahr bei der Fahrt durch den morgendlichen Berufsverkehr Opfer eines tödlichen Verkehrsunfalls zu werden.

2. Der überwiegende Teil der in den letzten Jahren auf deutschem Staatsgebiet verübten terroristischen Akte ging von Rechtsradikalen, sog. besorgten Bürgern und Rechtsterroristen aus.

3. Die Gefahr für unsere „freie“ Gesellschaft besteht aktuell mitnichten in einer vermeintlichen „Islamisierung“ oder „kulturellen Überfremdung“ sondern vielmehr in dem Schüren von Angst in den Medien und der Zerstörung eines pluralen, freiheitlichen Diskurses im Gewand des Populismus bei gleichzeitig fortschreitender Totalüberwachung der Bürger.

4.  Vorverurteilungen, Lügen und Diffamierungen werden zunehmend salonfähig. Spontane (wenn nicht bereits seit langem einstudierte) Reaktionen der Politik in diesen Tagen evozieren Feindbilder, Angst und instrumentalisieren die Opfer.

5. Die dabei zur Schau getragene Empathie, das Mitgefühl mit Opfer und Opferfamilien bei gleichzeitig konstanter Empathielosigkeit mit anderen „nichtdeutschen“ Opfern in anderen Ländern, ist - insbesondere für eine sog. „christliche“ Partei - nicht rational begründbar (wie so vieles nicht). Die Instrumentalisierung von Opfern von Gewalt zur Diskreditierung und „Bestrafung“ anderer – geflüchteter – Opfer ist zynisch.

6. Medienwirksam installierte Betonpoller vor Weihnachtsmärkten können nicht darüber hinwegtäuschen, dass sog. weiche Ziele nicht flächendeckend geschützt werden können, ohne das Deutschland sich über Nacht in einen Polizeistaat verwandelt; und selbst dann nicht.

7. Die Gründe, die einen Menschen dazu bewegen andere Menschen zu töten, liegen immer (!) in der individuellen Biographie dieses Menschen. Damit soll mitnichten ein katalysierender Einfluss von Religion oder Ideologie (sofern man diese unterscheidet) ausgeschlossen werden, aber am Ende ist es ein einzelner Mensch, der sich zu einer Tat entscheidet.
Jegliche Pauschalisierung ist ebenso naiv wie gefährlich.

8. Bei einer Analyse der vermeintlichen Gründe für den aktuellen Erfolg populistischer Bewegungen (gerade auch bei jungen Menschen) sollten auch die vergangenen - neutral formuliert - Veränderungen im deutschen – und europäischen – Bildungsraum in den Blick genommen werden. In diesem Sinne wäre es hilfreich wieder stärker in Bildung und weniger in Humankapital zu investieren.


Anmerkung von autoralexanderschwarz:

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Kommentare zu diesem Text


 Oskar (21.12.16)
Ich bezweifel, dass Bildung den Beelzebub austreiben wird. Bildung hat letztlich auch nur eine Progammierung. Sich selbst erhalten und Dokumente ausspucken.

Moral erreicht man nicht mit Bildung (falls du diesen Begriff klassisch benutzt).

Moral?

Wahrscheinlich auch nur ein Virus, der in Konkurrenz mit anderen steht.

 autoralexanderschwarz meinte dazu am 21.12.16:
Danke für deinen Kommentar, an den Beelzebub glaube ich nicht.

Es geht mir nicht um moralische Kategorien, wohl aber um eine Korrelation von Bildung (und nicht bloßem Wissen) und Diskussionsbereitschaft, Bewusstsein für die Relativität der eigenen Argumentation, die Anerkennung wissenschaftlicher Prinzipien (wie bspw. die Falsifikation obskurer Theoriekonstrukte), kurz: die Erkenntnis wie kompliziert, verwickelt und komplex die Welt und all ihre Zusammenhänge sind und wie klein in Relation hierzu der eigene Horizont und daraus resultierend eine grundsätzliche Skepsis gegenüber scheinbar einfachen, monokausalen und emotionalen Argumentationen. Das hat wenig mit „gut“ oder „böse“ zu tun.

 Oskar antwortete darauf am 21.12.16:
Ich auch nicht. Dennoch ein schönes Wort

Da setzt du viel Hoffnung in die Formbarkeit, bzw. Steuerbarkeit von Entwicklungen.

Mir passt dein Begiff von Bildung trotzdem nicht. Falls ich nicht irre, impliziert er, dass Ungebildetete (als Gegenkonstrukt zu deinem Begriff) eher dazu neigen, sich den Rattenfängern anzuschließen. Das ist aber falsch.

 autoralexanderschwarz schrieb daraufhin am 21.12.16:
Ist ein schönes Wort. In dem Punkt sind wir uns einig. Ich werde hier nicht versuchen Bildung zu definieren, aber empfinde die benannten Aspekte als elementare Bestandteile (neben anderen), die – so hoffe ich doch – die Resistenz gegen „Vereinfacher“ erhöhen. So gesehen denke ich schon, dass der „Ungebildete“ (oder – in einem humanistischen Sinne – der „einseitig“ Gebildete) eher den „Rattenfängern“ folgt und um allen Missverständnissen vorzubeugen: Bildung manifestiert sich m. E. nicht in irgendwelchen Titeln oder wie auch immer gearteten Privilegien sondern bspw. im freien, eigenständigen (und in diesem Sinne) kritischen Denken.

 Oskar äußerte darauf am 21.12.16:
Ich verstehe deine humanistische Maschine, sie funktioniert aber nur auf dem Papier.

Bildung ist immer eine Komplexitätsreduktion. Vereinfachung ist ihr Job. Wer oder was sagt dir, dass kritisches Denken nicht der Beelzebub ist?

Es sind nicht Bildungsgrade die einen Unterschied machen, es sind Bedürfnisse und Wünsche.

 autoralexanderschwarz ergänzte dazu am 22.12.16:
 externer Link
(Antwort korrigiert am 22.12.2016)
Zwibelrohr (42)
(21.12.16)
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 autoralexanderschwarz meinte dazu am 22.12.16:
Also deutlich wird auf jeden Fall, dass du Franziska Drohsel nicht magst. Inwieweit das ein Kommentar zu den obenstehenden Thesen ist, erschließt sich mir nicht. Bislang ist bei mir noch keine kritikwürdige Positionierung der SPD zu den Vorfällen hängengeblieben, was aber – da ich wenig Zeit hatte – nichts heißt. In Reaktion auf deinen Kommentar hab ich den Namen oberflächlich recherchiert, hab aber gerade weder Zeit noch Raum mich tiefergehend damit zu beschäftigen. So oder so missfällt mir, dass du hier die Kommentarfunktion nutzt, um eine einzelne Person zu diskreditieren, die ich nicht kenne. Ungeachtet dessen passt die mangelnde Geradlinigkeit, die du ihr vorwirfst, aber doch (falls das so stimmt) ganz gut zur SPD.
Zwibelrohr (42) meinte dazu am 22.12.16:
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 autoralexanderschwarz meinte dazu am 22.12.16:
So so, ich unterstelle dir also Drohsel nicht zu mögen, habe einen „strukturell plagiatsnahen Text“ verfasst, der aber hoffentlich nicht zugleich der Text ist, den du in Kopie auf deine HP gestellt hast, denn dies wäre dann tatsächlich ein Plagiat. Irgendwie ist das meiste von dem, was du schreibst, für mich (abgesehen von dem in Absatz 1 geäußerten Selbstärger) in vielerlei Hinsicht unverständlich.
Nichts für ungut. Verwirrte Grüße. AlX
Zwibelrohr (42) meinte dazu am 22.12.16:
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