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Novelle zum Thema Weihnachten


von Skala

„Autsch“, murmelte Kowalski. In seiner Erinnerung war vor dem Esstisch in die Knie gegangen, hatte die kleine Schatulle mit dem Ring, Weißgold, 0,1 Karat, aus der Tasche gezogen und geschmeidig, mit einem zugleich verführerischen und flehenden Blick ein wohlartikuliertes „Willst du meine Frau werden?“ gehaucht.
Kowalski spitzte die Ohren, denn was jetzt kam, meinte er, noch gut in Erinnerung zu haben.
„Was?“, fragte Tatjana. Kowalski stutzte. Auch diesen kleinen Ausruf hatte er ganz anders in Erinnerung. Viel zittriger, fassungsloser, und vor allem weniger schneidend.
„Ich meine es ernst“, haspelte jetzt sein Doppelgänger in der Wohnung. „Bitte, lass uns heiraten. Wir sind seit fast einem Jahr glücklich miteinander, also warum besiegeln wir das nicht mit dem Bund der Ehe?“
„Ehe“, wiederholte Tatjana zögerlich. „Dich heiraten, nun ... na ja, warum eigentlich nicht?“

Eine Weile drang kein Wort mehr durch den Fensterspalt, aber dieses Mal wusste Kowalski sicher, was sich drinnen abspielte. Der Ring, der ein wenig zu eng war, der Kuss, der sich nicht ganz richtig anfühlte, weil sich eine störende Fleischfaser in Kowalskis Backenzahn festgesetzt hatte ... Kowalski seufzte. Eigentlich hatte er sich auf dieses dritte Weihnachtsfest gefreut, mehr noch, als er gemerkt hatte, dass er sein letztes Weihnachtsfest noch einmal würde beobachten können – aber nun war ihm gar nicht mehr weihnachtlich zumute, im Gegenteil, dieses ungelenke, stammelnde Gespräch und diesen verkorksten Heiratsantrag mitanhören zu müssen, bereitete ihm tatsächlich Magenschmerzen. Vielleicht lag es aber auch nur daran, dass er wieder Hunger hatte. So gut das Essen im Restaurant und abends bei seiner Mutter auch gewesen war – wenn er es genau nahm, war das auch schon wieder zwölf Jahre her. Kowalski verzog das Gesicht. Er hatte den Eindruck, völlig sein Gefühl für die Zeit zu verlieren. Er musste dringend wieder in die Gegenwart zurück.

Vorsichtig spähte er noch einmal über die Fensterbank hinweg ins Wohnzimmer. Der kaum jüngere Kowalski und Tatjana saßen wieder am Esstisch und widmeten sich dem Dessert.
„Guten Appetit auch“, murmelte Kowalski. Egal, welche bitter-saure Laune Tatjana auch verbreiten mochte, ihre Kuchen waren immer ausgesprochen schmackhaft. Sie war gelernte Bäckerin, und beim Gedanken an den Weihnachtskuchen vom Vorjahr, lief Kowalski das Wasser im Mund zusammen. Er beschloss, sich nicht länger auf dem zugigen Balkon aufzuhalten. Leise, in der Hoffnung, niemand möge ihn hören können, schwang er sich wieder über das Balkongeländer und sprang in den Garten. Er landete unerwartet sanft und fragte sich, zu welchem Zeitpunkt seiner Reise er eigentlich diese erstaunliche Sportlichkeit entwickelt hatte.

Im Gras lag noch seine Aktentasche. Kowalski hob sie auf und wischte sie mit dem Ärmel seines Mantels ab. Dann rückte er seinen Hut zurecht, schlich über die Kellertreppe zurück durch den dunklen Hausflur und trat auf die Straße. Als wäre er ein ganz gewöhnlicher Bürger auf einem kleinen Verdauungsspaziergang, schlenderte er zurück zum Bahnhof, während sich in seinem Kopf die Gedanken überschlugen.


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Kommentare zu diesem Text


sandfarben
Kommentar von sandfarben (22.12.2016)
bin immer gespannt, wie es weitergeht....
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Dies ist ein Strophe des mehrteiligen Textes Die vier Weihnachtsfeste des Herrn Kowalski.
Veröffentlicht am 21.12.2016. Textlänge: 470 Wörter; dieser Text wurde bereits 433 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 17.05.2021.
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