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Kurztext des Tages

Erzählung zum Thema Güte


von toltec-head

Es gibt eine Stelle in meinem Gesicht, wo ich jahrzehntelang wusste, ich würde Mitesser ausdrücken können. Sehr schnell waren sie wieder so weit, Millimeter vielleicht verrückt. Kürzlich drückte ich und drückte, und es kam nichts. Als ich schließlich in den Spiegel schaute, musste ich feststellen, dass eine Falte derart handgreiflich geworden war, dass ich sie mit etwas Ausdrückbarem verwechselt hatte. Ich stelle mir AndreasIsensee vor, wie er mit seiner so schön sonoren inneren Stimme den heutigen Kurztext des Tages von sandfarben mit seiner neun Kilogramm wiegenden Zeit, den Sommerworten, gefalteten Schmetterlingen, den Augenblicken, die ein Segel spinnen und dem Du liest, das sagt, wir werden und dem Ich, Ich, Ich, das den Morgen trägt. Bei DM stehe ich manchmal genauso ratlos vor den reihenlangen Anthologien von Weichspülern mit Ozeanbrise. Aber gibt es leichte, beschwingte Tage, wo mich erfreut, dass es offenbar Menschen gibt, die so etwas erfreut und ich den Scheiß ja nicht kaufen muss. Ich kann das Argument, dass es auf LitForen keine richtige Literatur gebe und auf ewig nie etwas dabei rausspringe, nicht gelten lassen; das Argument ist dümmer als die Foren selbst. Ein Gedicht von sandfarben kann uns lehren wie die ekligen, pastellfarbenen Töne die Essenz jeglicher Poesie sind und das seit christlichen Angedenkens; der Abdeckstift mag andernorts noch dicker und noch professioneller aufgetragen sein, na und? Zum Beispiel gibt es doch auch bei Benn diese Blauen Stunden, wo man jetzt im Nachhinein sagen muss, das ist ganz wirklich, ganz eindeutig allerübelste Forenlyrik, das unterscheidet sich in nichts von sandfarben, außer darin, dass das Gedicht von sandfarben etwas weniger verstaubt ist. Ist es letztlich nicht so, dass hinter jedem Forenautor ein vielleicht etwas geschickterer, professionellerer, richtiger, großer Autor steht, der Forenautor wie eine Krebszelle ist, der in dem richtigen, großen Autor gelauert hat? Aber dann drückt er, der Forenautor, doch eine Wahrheit aus, die vielleicht jetzt gerade lesenswerter ist, als das Geschreibs des richtigen, großen Autors mit seiner Schminke, der nur leider vergaß, das in Betracht zu ziehen, worauf es angekommen wäre: dass es also diese Krebszelle gab, die in ihm lauerte. Denkt man sich richtig in sie hinein, sind LitForen also eine Szene, die wirklich die gesamte literarische Landschaft verändern. Die Inhalte mögen noch so dämlich oder tantig sein, man liest durch sie jetzt Literatur insgesamt mit anderen Augen, die Foren verändern den Akt des Lesens selbst. Existenz ist niemals nichts. Nochmals: ich kann das Argument, dass dabei nichts herausspringt, einfach nicht gelten lassen. Das ist einfach nur dumm, so wie Gesellschaftskritik vor den Weichspülern bei DM oder der neue große, deutsche Gesellschaftsroman mit an sich selbst scheiternden Managern.

 
 

Kommentare zu diesem Text


Dieter Wal
Kommentar von Dieter Wal (13.02.2017)
http://www.fixpoetry.com/feuilleton/lesarten/gottfried-benn/blaue-stunde/ingeborg-bachmann/die-blaue-stunde

Benns drei Gedichte zur "Blauen Stunde" sind wirklich bemerkenswert schlecht.

Die ohne einen Hauch von Kritik mit dem Bachmann-Gedicht zu erörtern, ist ein zweifaches Verbrechen für sich.

Benns megakitschiges Rosen-Du-Geschwafel in immer wiederkehrenden billigen Reimen und abgenutzten Metaphern neben Nazivokabular ist hunderttausendfach mieser, er trifft nicht nur einmal kurz einen falschen Ton, sondern spielt darin nur mit solchen in drei Gedichten, als das für Seifenwerbung hervorragend geeignete "du faltest sommerworte
zu schmetterlingen", das einem TV-Spot erst rechte Würze gäbe.


Der Kurztext des Tages: flügellos
an manchen tagen
wiegt die zeit
neun kilogramm

du faltest sommerworte
zu schmetterlingen
und augenblicke
spannen ein segel

wir werden
sagst du
und ich trage den morgen

Die Sprachqualität in dem sandfarben-Gedicht und die dieses Essays würde ich auf einer Skala von 0 bis 10 bei höchstens 3 für den Essay und 9 bis 10 für sandfarben veranschlagen.

Aber witzige Textidee.
(Kommentar korrigiert am 13.02.2017)
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toltec-head meinte dazu am 13.02.2017:
Wäre es aus deiner Sicht denn zulässig, Dieter, diesen Kommentar als sprachlich 11 bis 13 in deiner Skala zu bezeichnen?
diese Antwort melden
Dieter Wal antwortete darauf am 13.02.2017:
Vielleicht bei 5 nach mindestens drei Korrekturen. Dein Text strotzt vor Grammatik- und Satzzeichenfehlern. Die Gedankenverbindungen sind meist fahrig, aber die Grundidee, Benns "Blaue Stunde" mit dem KdT vom 13.02.17 zu vergleichen, wirkt auf mich genial. Nur die Bezugsgröße des Vergleichs ist in meinen Augen Schrott.

W i e beschissen diese von Benn sind, wurde mir erst durch dich bewusst. Ob er noch miesere schrieb? Sonst fand ich bisher das sprachliche Niveau der allermeisten Benns atemberaubend. Benn halte ich nicht allein als Lyriker für lesenswert.

Ich bin AndreasIsensee dankbar, dass sie das Interview mit dir führten, weil ich etwas über den Menschen und seine Art zu reden und zu denken erfahren durfte, das mir sonst verborgen geblieben wäre.

Ich fand dich im Interview vernünftig und human.
(Antwort korrigiert am 14.02.2017)
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toltec-head schrieb daraufhin am 14.02.2017:
Ich find dich einfach nur Scheiße.
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Dieter Wal äußerte darauf am 14.02.2017:
Sobald du in einem solchen Satz "Scheiße" klein schreibst, in Ordnung.
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Dies ist ein Text des mehrteiligen Textes Foren-Träumereien eines einsamen Literatur-Touristen.
Veröffentlicht am 13.02.2017, 5 mal überarbeitet (letzte Änderung am 13.02.2017). Textlänge: 433 Wörter; dieser Text wurde bereits 512 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 21.11.2019.
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