Wunden

Gedanke

von  autoralexanderschwarz

Wenn man älter wird, verschorfen die Wunden langsamer und die Kruste, die sich auf ihnen bildet, wächst tiefer in das Fleisch hinein, es dauert länger bis sie sich von der Haut löst. Narben bleiben zurück. Dies gilt für jede Art von Wunde, insbesondere für die psychischen.

Hierbei entsteht nur ein scheinbarer Widerspruch zu der (Binsen)Weisheit, dass man mit dem Alter gelassener werde, da der Grad der Gelassenheit so eng mit der Art des Angriffs verbunden ist, wie die Kruste mit der Haut.

Man verletzt sich nicht mehr so schnell, weil man die breite Palette von Wunden und Grausamkeiten, die das Leben reißen kann, kennengelernt hat, man trägt irgendwann einen Harnisch aus Vorurteilen, Überzeugungen und Beispielen, die man entweder selbst erlebt oder von denen man zumindest gehört hat. Irgendwann kennt man zu viele von denen, denen es noch schlechter ging, die es noch härter getroffen hat, irgendwann hat man für alles ein Beispiel, das das Leben schrieb, aber wenn es dem Leben gelingt den Gelassenen zu verwunden, dann dringen seine Krallen tief und es bedarf einer Menge an Schmerz, um eine solche Wunde zu verschließen; solche Wunden verheilen nicht mehr, sie vernarben nur noch.

Als Kind beweint man den Tod eines Haustiers mit einer Verzweiflung, die man in dieser Intensität vielleicht nie wieder empfinden wird, gewöhnt sich dann aber doch recht schnell an den neuen Hund, die neue Katze, das neue Meerschweinchen, man akzeptiert so schnell die brutalsten Erschütterungen der tiefsten Gewissheiten, wie dass es nicht alle Menschen gut mit einem meinen, dass man doch nicht alles werden kann, was man will oder dass der Gott, zu dem man Nacht für Nacht mit gefalteten Händen gebetet hat, eine lächerliche Fiktion ist, dass Wünsche nicht in Erfüllung gehen, wenn man Kerzen ausbläst oder Sternschnuppen sieht, dass man nur einer von Milliarden ist und gar nicht so besonders, wie Mami es einem immer erzählt hat, dass man mit rasender Geschwindigkeit auf einem Gesteinsklumpen durch ein endloses Weltall rast und sich dabei um eine Gassonne und um die eigene Achse dreht.

All das nimmt man hin, solche Wunden verheilen. Meistens bleibt nicht einmal ein Kratzer zurück.

Je relativer einem aber das Leben und das eigene Glück erscheint, desto kostbarer sind dem – gealterten – Menschen die wenigen Gewissheiten, die er sich erhalten konnte, die Hautpartien, die noch unberührt sind. Nicht blutet heftiger als eine Illusion, die nach Jahrzehnten zersplittert, nichts schmerzt mehr als die Aufgabe einer liebgewonnene Gewissheit, die man sich durch die Zeit hindurch bewahrt hat. Manch einer verblutet über die Jahre hinweg an solchen Wunden.

Möchtest Du einen Kommentar abgeben?
Diesen Text kommentieren

Kommentare zu diesem Text

toltten_plag (42)
(24.01.18)
Dieser Kommentar ist nur für eingeloggte Benutzer lesbar.
matwildast (37)
(03.02.18)
Dieser Kommentar ist nur für eingeloggte Benutzer lesbar.
Möchtest Du einen Kommentar abgeben?
Diesen Text kommentieren
Zur Zeit online:
keinVerlag.de auf Facebook keinVerlag.de auf Twitter keinVerlag.de auf Instagram