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Elegie

Elegie zum Thema Selbstbild/Selbstbetrachtung


von peregrino

Ach! Wie schnell wich die Frische dir kraftvoller Jugend,
träumen zu können und lieben im wechselnden Bade
großer Gefühle aus dürstendem Sehnen nach Sinn.
Schweigend verbirgt sich dir nun die Mutter der Tugend,
und auf konturlos ausgelaufenem Pfade
schleppt dich im Dämmer satte Gewohnheit dahin.

Reife begehrt es zu sein; doch ist reif es zu nennen,
wenn das Herz du verlierst, nicht aus Drang und aus Liebe,
sondern indem es dir stirbt im erstickenden Dunst?
Einst zogst du aus, begierig, die Welt zu erkennen,
ließest dich rühren vom Elend im harten Getriebe,
rühren von menschlicher Größe und Schönheit der Kunst.

Einst stand dein Sinn nach Gemeinschaft, nach Freunden und Nähe;
freudig genossest du Stunden tiefer Begegnung.
Leicht fiel der Glaube, als Hoffnung die Zukunft noch bot.
Nun aber zagst du, ob je dich einer verstehe,
fliehst in die einsame Burg und beraubst dich der Segnung
offener Tore zum Herzen, zum Andern, zu Gott.

War es nicht Leichtsinn, dem Guten so schlicht zu vertrauen?
Ist es nicht klug, die Gefühle wie Tiere zu zähmen?
Hat dich nicht Glück nur vor schlimmeren Wunden bewahrt?
Zweifel türmen sich um dich wie trennende Mauern,
drohen der Seele gänzlich den Atem zu nehmen,
dass ihr der Garten verödet, steril wird und hart.

Wenn nicht der Schmerz zuweilen Risse dir schlüge,
heilsam nagende Spalte, durch welche der Regen
tief aus der Erde Leben zu locken vermag.
Wenn nicht erlösend in weitende Räume dich trüge
Orgelklang, der dich erhascht auf vergrabenen Wegen
und dich zurückruft zum lichten, ergriffenen Tag.

 
 

Kommentare zu diesem Text


Roger-Bôtan
Kommentar von Roger-Bôtan (11.02.2018)
Exzellent, lyrisch, tiefsinnig, philosophisch, technisch einwandfrei.
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peregrino meinte dazu am 11.02.2018:
Vielen Dank, das freut mich sehr!
diese Antwort melden
eiskimo
Kommentar von eiskimo (12.02.2018)
Tolle Sprache, sehr bildhaft - gefällt mir!
Eiskimo
diesen Kommentar melden
peregrino antwortete darauf am 15.02.2018:
Danke, das freut mich!
diese Antwort melden
Dieter Wal
Kommentar von Dieter Wal (14.02.2018)
Herzlich willkommen!

Nicht nur die metrische Gestaltung finde ich sehr beeindruckend. Hölderlin ist dein Lieblingspoet?
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peregrino schrieb daraufhin am 15.02.2018:
Vielen Dank für den Kommentar! Nein, Hölderlin nicht so sehr, sondern vor allem Rilke.
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peregrino
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Veröffentlicht am 10.02.2018. Dieser Text wurde bereits 157 mal aufgerufen; der letzte Besucher war Karlo am 22.02.2018.
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