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So auf Erden

Lied zum Thema Aufmerksamkeit


von Isaban

Der greifvogelköpfige Alte,
das engelsgesichtige Kind,
das Blumen an Hauswände malte,
gegangen sind sie mit dem Wind.

Vorm Dorfe, da streunen die Hunde.
Im gelben Haus wohnt keiner mehr.
Die Turmuhr schlägt Tags jede Stunde.
Der Garten dort bleibt immer leer.

Den greifvogelköpfigen Alten
traf letztes Jahr lautlos der Schlag;
beim Leichnam, dem  ewig schon kalten,
fand man auch das Kind, denn es lag

verhungert in des Alten Arm.
Ich hoffe, beim Herrgott im Himmel
sind beide behütet und warm.

 
 

Kommentare zu diesem Text


TassoTuwas
Kommentar von TassoTuwas (13.02.2018)
Wenn ich mich "so auf Erden" umschaue, denke ich, es wäre richtig gut, wenn es einen Himmel samt Gott gäbe, damit wenigstens nach dem Tode eine Gerechtigkeit hergestellt wird.

Ich tue mich schwer zu sagen, ein schönes Gedicht!
Liebe Grüße
TT
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Isaban meinte dazu am 13.02.2018:
Hallo Tasso,

die Frage ist, ob es jemals einen Gott gegeben hat und - falls das der Fall war - ob er noch lebt. Eine Frage, die mich nicht zum erstenmal beschäftigt.

Falls es ihn gab oder gibt, besitzt er ein erstaunliches Laissez-faire.
Falls er einfach nur ein unbestätigtes Gerücht ist: Manchmal kommt mir die Vorstellung eines ewigen schwarzen Nichts nach dem Tode gar nicht so schrecklich vor. Endlich Ruhe und Frieden ohne diese dämliche lebensnotwendige Abstrampelei.

Wie dem auch sei, ich freue mich, dass dich mein Text angesprochen hat. Vielen Dank für deine Rückmeldung.

Liebe Grüße

Sabine
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Irma
Kommentar von Irma (13.02.2018)
Dein Gedicht klingt tatsächlich wie so ein Singsang, fast anheimelnd beruhigend (der auftaktische Daktylus verleitet quasi dazu, das Ganze leise vor sich hinzusummen). Ein Schlaflied, ja, aber ein trauriges. Ein alter Opa, der sein Enkelkind zu versorgen hatte? Er ist in aller Abgeschiedenheit lautlos (beim Turmuhrschlag) dahingeschieden. Die Doppelung mit dem „greifvogelköpfigen Alten“ in Z.1+9 lässt diesen tatsächlich als jemanden erscheinen, der das, was er sich einmal gekrallt hat, nicht mehr hergibt. Das Kind war zum Englein erkoren („engelsgesichtig“, Z.2), es hatte nie eine reale Chance zum (Über-)leben, nachdem es der Alte unter seine Fittiche genommen hatte („in des Alten Arm“, V.13).

Die vierte Strophe ist um einen Vers verkürzt, so wie das Leben des Kindes viel zu kurz war. Im Grunde lief alles viel zu schnell ab (generell nur drei Hebungen). Allein Vers 13 bricht mit allem. Hier wird der auftaktische Daktylus zum auftaktischen Jambus – ein Metrumbruch, wie er auffälliger nicht sein könnte: „verhungert in des Alten Arm“. Plötzlich vier Hebungen. Es scheint ein langes, langsames, qualvolles Dahinsterben für das Kind gewesen zu sein.

„Unser täglich Brot gib uns heute“, beten wir im Vaterunser. Hier ist ein Kind verhungert, in den kalten Armen eines alten Vaters oder Großvaters. „So auf Erden“ lautet der Titel des Gedichts. „Wie im Himmel, so auf Erden“ heißt es im Vaterunser. Ich drehe das jetzt mal für mich um: „Wie auf Erden, so im Himmel“. Damit wäre dem armen Kindlein auch dort droben kein gutes Los beschieden. So wie dem „Himmel“-Reim (Z.14) das entsprechende Pendent fehlt, wäre alles Hoffen vergebens und verläuft ins Leere.

„Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“, heißt es. Das Gedicht steht unter der Überschrift „Aufmerksamkeit“. Wenn wir nicht aufmerksam hinschauen auf das, was um uns herum geschieht, machen wir uns dann nicht auch allesamt schuldig? Nachdenkenswert. LG Irma

Kommentar geändert am 13.02.2018 um 13:39 Uhr
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Isaban antwortete darauf am 13.02.2018:
Hallo Irmchen,

willkommen zurück!

Menschin, du hast - und bestimmt nicht nur mir- hier bei KV ganz schön gefehlt!

Zu deinem Kommentar: Boah! Hab ich schon erwähnt, dass du mir gefehlt hast? Eine tolle Interpretation! Du hast - wie immer - verflixt viel von dem herausgelesen, was ich versteckt hatte, Hut ab!

V 13 kann man übrigens auch (mit unbetontem Alten) im Daktylus lesen, wenn man denn so will. Deine jambische Auslegung gefällt mir allerdings so gut, dass ich ihn ab heute auf jeden Fall mit alternierenden Betonungen lesen werde!

Wenn wir nicht aufmerksam hinschauen auf das, was um uns herum geschieht, machen wir uns dann nicht auch allesamt schuldig?


Zu deiner Frage: Und wenn wir nicht hinschauen, wenn wir es an Aufmerksamkeit mangeln lassen, kommen wir dann nicht mehr in den Himmel?

Reicht bei einer Unterlassungssünde das Ave-Maria-Beten oder kann eine Unterlassungssünde auch eine Todsünde sein?

Und ist die Aussicht auf den ausgleichenden Himmel nicht einfach nur die Ahnung einer Karotte vor Nase, die uns Esel immer weitertraben lässt, bis wir dann schließlich "abberufen" werden?

Zu viele Fragen - und keine einzige eindeutig zu beantworten.

Ich freue mich auf jeden Fall sehr, dass du meinem Text so viel Aufmerkamkeit schenken mochtest. Herzlichen Dank!

Liebe Grüße

Sabine
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