Reisen ohne Elfenbeinballon (1) - Auf der Suche nach der verlorenen Hybris

Lyrischer Prosatext

von  autoralexanderschwarz

I
Nach einigen Wochen sind wir der Schwerkraft müde geworden,
wir fühlen hier alles viel zu stark,
alles drückt uns nach unten
und wir erkennen,
dass wir nur noch kriechen werden,
wenn wir nicht mehr schweben können.
Dies hier unten sind nicht mehr unsere Gefilde.

Wir denken zurück,
wir versuchen uns zu erinnern,
wie und wo alles begann,
warum wir stürzten,
warum alles zerbarst.

Dann, auf einmal: unsere erste Erkenntnis seit dem Sturz, ein Flackern im Nebel:
es war nie der Elfenbeinballon, der uns trug,
es war das, was ihn füllte:
es war unsere Elfenbeinhybris, unser innerster Kern, der es uns erlaubte,
so hoch über allen Anderen zu schweben.

Wir erkennen:

Wir haben uns umsonst Zacken aus der Krone gebrochen,
wir haben gar keine blauen Blumen gesucht,
wir sind nur abgestürzt,
weil wir unsere kostbare Hybris verloren haben!
Wie konnte uns das passieren?

Wir wissen nicht, wo wir sie verloren haben,
aber sie leuchtet so hell, dass unsere Chancen nicht schlecht stehen:
nachts werden wir sie schon aus weiter Ferne leuchten sehen
und bis dahin werden wir eine Weile nach den Sternen navigieren.

Wir packen unsere Siebensachen,
wir sammeln all unsere verbliebene Kraft,
wir atmen, fühlen, atmen
und schweben
etwa einen halben Zentimeter über dem Boden.

Selbst das vermögen heute nur noch die Wenigsten.


II
Wir müssen von nun an prosaischer werden,
um all die Tragik glücklich zu überwinden.
Peripetien sind uns von nun an verhasst,
den Tartarus werden wir vergessen
und stattdessen nach den Ewigen Jagdgründen suchen.
Wir müssen uns rekonstituieren:
dort wo unsere Hybris uns entfleuchte,
werden wir uns mit bloßer Impertinenz zu verteidigen wissen,
unsere Prosa wird kämpferisch sein
und über alle Maßen pejorativ:
solange wir noch nicht hoch genug schweben,
sollen sich wenigstens die Anderen
in Grund und Boden schämen.

Wir predigen von nun an einen neuen Defätismus:
wir werden vom Kothurn aus
unsere Exkremente
in ein begeistertes Publikum schleudern
und bis wir unsere Hybris wiedergefunden haben,
werdet ihr von nun an häufig unsere Haare
in euren Suppen finden.


Anmerkung von autoralexanderschwarz:

Der obenstehende Text ist Teil der Textsammlung „Reisen im Elfenbeinballon“, die im Athena-Verlag erschienen ist.  Reisen im Elfenbeinballon

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Kommentare zu diesem Text


 Dieter_Rotmund (27.03.18)
Was soll das sein, ein Elfenbeinballon?

Also der "Elfenbeinturm" ist als Metapher und Bild fest etabliert und bekannt, aber "Elfenbeinballon"? Neee, das funktioniert nicht, finde ich.

 autoralexanderschwarz meinte dazu am 10.04.18:
Die Antwort ist etwas komplexer:
https://www.keinverlag.de/411673.text

 Dieter_Rotmund antwortete darauf am 10.04.18:
Ach du grüne Neune, das ist ja ein ganzer Elfenbeinballon-Zyklus!

Ich habe in die anderen Texte mal reingeschaut: Also mir ist das zu steif, zu gedrechselt, zu gewollt bedeutungsschwanger.

 autoralexanderschwarz schrieb daraufhin am 10.04.18:
Also "gewollt bedeutungsschwanger" stimmt schon, "gedrechselt" schreibst du immer, wenn du was nicht magst und "steif" verstehe ich nicht? Meinst du sowas wie formverliebt?

 Dieter_Rotmund äußerte darauf am 25.11.19:
Es ist ja fast nur Form, kaum Inhalt.

 autoralexanderschwarz ergänzte dazu am 25.11.19:
Würde ich nicht sagen, „fast nur Form“ denke ich immer bei den Dadaisten (die ich nicht mag), es hat m. E. schon durchaus eine narrative Struktur, lässt sich (insbesondere wenn man die einzelnen Teile aufeinander bezieht) durchaus interpretieren, aber es hat ohne Frage einen kryptischen oder besser symbolistischen Kern, der wohl für die meisten Rezipienten nicht verständlich ist.

 Dieter_Rotmund meinte dazu am 25.11.19:
Nun ja, mit viel Phantasie lässt sich in jedem Text irgend etwas lesen. Aber gute Literatur sind solche wirren Gebilde sicherlich nicht. Ich verstehe nicht, wieso es hier so ehrenrührig für fast alle ist, eine Geschichte klar zu erzählen, jeder will die ganz große Kunst schaffen, in dem er grauslige Metaphernasalate anrichtet. Nichts für ungut!

 autoralexanderschwarz meinte dazu am 25.11.19:
Ich glaube da machst du den doch sehr verbreiteten Fehler ausgehend von einem Textschnipsel auf ein gesamtes Œuvre zu schließen. Darüber haben wir auch schon einmal diskutiert und ich schrieb damals, dass ich dich herzlich einlade einmal eine längere Erzählung von mir zu lesen und dann halt keine lyrischen Prosatexte.

Lieben Gruß
AlX

 autoralexanderschwarz meinte dazu am 25.11.19:
... oder vielleicht eine von den Novellen.
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