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Zucker

Text


von 9miles

'




Das Café liegt an einer Ecke zweier sich kreuzender Gassen der Altstadt, draußen Tische, ich sitze jedoch stets im Café.
Schrieb ich 'das Café'?
Es ist 'mein Café'; ich halte mich hier beinahe jeden Tag auf, außer Sonntags, denn dann hat es geschlossen.
Ich habe keinen Hund, keine Zimmerpflanzen und meine Frau liegt längst auf dem Hauptfriedhof, ein natürlicher Tod, Sie verstehen.
Hunde dürfen nicht ins Café, Frauen schon. Eine vernünftige Anordnung, man sollte nicht nur die Kirche im Dorf lassen, sondern auch Tier und Ungetier vor den Toren.
Es dürfte Ihnen nicht allzu schwerfallen, zu ermessen, dass ich ein recht unterhaltsamer Zeitgenosse bin.

Obwohl ich Zimmerpflanzen nicht sonderlich schätze - Schuster bleib bei deinen Leisten -  pflege ich im Café neben einer solchen zu sitzen, genauer, neben einem Gummibaum aus Echtblatt. Die Pflanze sieht dermaßen künstlich aus, dass ich Mal um Mal mit meinem Fingernagel Kerben in ihre dicken Blätter ritze, mich immer wieder aufs Neue zu vergewissern, ob sie tatsächlich natürlichen Wuchses ist. Sie hat unterdessen schon jede Menge bräunlich verfärbte Narben im Grün. Ich kann nicht sagen, dass ich das bedaure, im Gegenteil, es ist wie eine Art Signatur, mit der ich meinen Stammplatz oder überhaupt das Café markiere.
Und wirklich mögen tue ich den kargen Baum nicht.
Eigentlich ist mir das ganze Café ziemlich zuwider, seine brave Bestuhlung, die teilnahmslose Bedienung,  die albernen Tiffanylampen, der Ausblick, der nach fünf Metern an einer Betonwand zerschellt - ja sogar der Kaffee, der weder flau noch stark ist, sondern, wie ich es nennen würde: feige.
Nichts ändert sich hier von einem auf den anderen Tag, kaum etwas, alles bleibt und ich habe keine Ahnung, was mich stets und wieder in diesen mäßigen Stillstand verschlägt. Ich ertappe mich dabei, die hölzernen Beine der Tische und Stühle nach neuen Anstoßungen oder Ratschern hin abzusuchen.
Jede neue Herpeskruste der von hässlicher Routine gegerbten Bedienungen kenne ich aus dem Effeff. Den Existenzekel dieser Alleinerziehenden schmeckt man bis tief in den Mokka.

Manchmal habe ich dunkle Absichten, natürlich theoretischer Natur, nachts an diesen Ort zu schleichen, Benzin zu verschütten, eine Feuersbrunst zu entfesseln und abzuhauen.
Gut, dann wäre erstmal eine Weile Feierabend, die Versicherung würde irgendwann  überweisen, das Café komplett renoviert, neue Wände, Böden, Stühle, Tische, Tresen und Zierpflanzen.
Ein Spaß, natürlich - ich halte mich an die Regeln.
Eines, ein einziges, vielleicht genau das, weswegen ich immer wieder einkehre, das ist ...
der Zuckerstreuer. Er hat eine unglaubliche Form und Grazie, sanfte Rillen im weichen Glas, eine silberne Krone, sich keck verjüngend -  der süßeste Traum von einem Streuer!
Ich habe sinnliche Fantasien. Ich möchte ihn packen, in meinen beiden Händen halten, zärtlich, hart, ihn liebkosen, fühlen, überall belecken, vom Schaft bis zur Streuauslassung,  in wilder Lust den tropenheißen Tanz der Liebe tanzen, ihn einführen, mich mit ihm vereinigen,  verschmelzen, für immer -  auf dass das nie ende!
Der Knackpunkt: Es ist eine weibliche Fantasie, und ich bin ein Mann, ein Exporteur. Ich sollte mich, Sie lachen bestimmt schon, sollte mich für die Vase mit den authentischen PVC-Blumen begeistern.
Sie steht genau neben dem Streuer. Aber sie lässt mich mehr als kalt; stets schiebe ich sie so weit weg, wie es mir möglich ist, ans andere Tischende. Gern würfe ich sie diesem Mittdreißiger und Caféinhaber an den Schädel, einem brillentragenden Schleimbeutel mit, worauf ich wette, BWL-Vergangenheit. Oft stelle ich mir vor,  wie er im Hinterzimmer vor seiner gelangweilten Belegschaft herum doziert; Sachen wie:

'Ich bin der festen Ansicht, dass wir davon absehen können, Investitionen in das Interieur zu tätigen. Das macht nach wie vor einen guten Job.'

Gestern trug sich etwas zu, dass mich davon ferngehalten hat, heute mein Café zu besuchen. Und ich fürchte, dass ich auch nicht morgen und übermorgen und jemals wiederkehren werde.
Ich trank meinen Kaffee, hatte bereits den Baum gekerbt und untersuchte die Tischdecke auf Gewebsverschleißspuren, als die Bedienung kam, 'Ich darf doch?' mehr sagte als fragte und im Begriff war, mir den Zuckerstreuer abzuräumen. Unsere Hände erreichten ihn zur gleichen Zeit.
Zur gleichen Zeit wurde er gehalten und an ihm gezogen.
"Ich ... ", sagte ich, obwohl ich 'nein' dachte.
"Sie nehmen doch keinen Zucker zum Kaffee?", sagte die scheinbar verblüffte Schürzenfrau.
"Das ist nur die halbe Wahrheit", sagte ich, worauf sie mir hart den Streuer entwand und entgegnete: "Das ist mir bekannt, mein Herr. Und die andere Hälfte habe ich."

Es waren nicht ihre Worte, nicht nur. Es war das Gesicht, das sie sprach, der Blick, der in mich drang.
Er ist in mir. Er kerbt mir mein Hirn.



'

 
 

Kommentare zu diesem Text


Sätzer
Kommentar von Sätzer (13.03.2018)
Köstlich kreative Leiden.schafft ;-))) LG Uwe
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9miles meinte dazu am 13.03.2018:
Es gibt ja das Leid, das Leiden schafft sowie auch die Leidenschaft, die das Leiden schafft, also: ab-. Die Wahl liegt meist im BGreifradius....
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Aron Manfeld (48) antwortete darauf am 13.03.2018:
Diese Kommentarantwort ist nur für eingeloggte Benutzer lesbar.
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Dieter_Rotmund
Kommentar von Dieter_Rotmund (13.03.2018)
Hossa, 9Miles, geht doch!
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9miles schrieb daraufhin am 13.03.2018:
Nicht zu wirr und verplappert?
Okaj, ich geh noch mal drüber...
(Natürlich nicht über den Text, sondern den Streuer)
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Habakuk
Kommentar von Habakuk (13.03.2018)
Wie viele Tüten hast du dir für diesen zugegebenermaßen hochkarätigen Text reingezogen? Der kann doch unmöglich von dir sein, will sagen, der muss von deinem anderen Ich sein, das bisher noch nicht auf kV in Erscheinung getreten ist. Doppelaccounts sind doch verboten, dachte ich.

Kommentar geändert am 13.03.2018 um 12:00 Uhr
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9miles äußerte darauf am 13.03.2018:
Ich lasse neuerdings schreiben, nachdem es mir endlich gelungen ist, Port zu rauchen (ging vorher dauernd aus)
- nio
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Kommentar von Sanchina (13.03.2018)
dein erster text hier, den ich empfehle.
Gruß, Barbara
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9miles ergänzte dazu am 13.03.2018:
Das ehrt und lässt hoch gucken...
Mir war schon klar, dass ich das Niveau irgendwann nicht mehr würde halten können. (;
- 9
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Tilda
Kommentar von Tilda (13.03.2018)
Erste Assoziation: »Gib dem Affen Zucker«. Zweite Assoziation: Der singende Adriano Celentano. Vollkommenes Kopfkino ... ich bin dann mal weg ... genießen!
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9miles meinte dazu am 13.03.2018:
Freut mich, Tilda.
Ich schreibe gern mal Eintrittskarten fürs Kopfkino (aber gut kauen!)
honiglichst:
- 4 + (8 - 3)
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Tilda meinte dazu am 13.03.2018:
Werter Four plus (Eight without Three),

die ersten, mich erreichenden, Assoziationen sind lediglich das Entrée. Gerne verbunden mit einem kindlichen Lachanfall, dem andere Umstehende/Umsitzende dann manchmal folgen ohne zu wissen, woher, wieso, warum oder wohin. Es gibt freilich auch diejenigen welchen, die ihre Nasen darüber rümpfen. So what?
Nun gehöre ich auch noch zu der Spezies Menschin, die Eintrittskarten grundsätzlich nicht isst oder gar kaut, sondern sie in ein kleines Kästlein legt, um sie gelegentlich wieder daraus hervor zu kramen und dann in Erinnerungen zu schwelgen und vielleicht Anderes zu entdecken. Ähnlich einem Serienkiller, der Haarsträhnen seiner Opfer sorgfältig aufbewahrt, um sich an ihnen und dem dazugehörigen Erlebnis zu erfreuen. Aber ... ich schweife ab.
Bleiben wir ruhig beim Kopfkino ... nach dem Entrée erscheint eine Tür (war die schon immer da oder erscheint sie einfach so irgendwo vor oder neben mir?) und während ich darauf zugehe, höre ich irgendjemanden (mich?) kreischen: «Geh da nicht durch, Mädel!». Hey, wir sind hier doch nicht in einem Horrorfilm, also beruhige dich, denke ich so bei mir. Flugs die Tür erreicht, geöffnet und durchgegangen.
Und nun eröffnen sich Ebenen, die langsam in die Tiefe führen. Ähnlich der Zaubererbank Gringotts. Was sich da so alles finden lässt ... Heilige Eusebia!
Mit einem Wort:  Formidable!

Kind regards, Tilda Mirabilis.
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9miles meinte dazu am 13.03.2018:
Wir sollten die Türen öffnen, ehe wir 'tot' sind. Als Untote gäben wir einen ziemlich ziemlich

ziemlich un

un un

unschönen Eindruck ab, wenn wir Türen zu öffnen versuchen.

Was ich schreiben will, es ist vollkommen viel leichter eine Tür zu öffnen, wenn der Tod noch nicht eingetreten ist.

Was sich wohinter verbirgt, scheint mir die Frage eines Lebendigen, eben jener austerbenden Spezies ...

Antwort geändert am 13.03.2018 um 20:06 Uhr
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matwildast
Kommentar von matwildast (13.03.2018)
Ich denke ja an deinen alten Kaffeehaustext, also legten sich die beiden Texte übereinander. Ganz cooles Leseerlebnis :)
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9miles meinte dazu am 13.03.2018:
Rolig, matwildast, die Caféhaussitu, der Goldfisch - Du hast ja profundes historisches Wissen. Wie hießt'n damals, auch so?
War ich da auch 9 oder schwappte ich mit andrem Nick durch Lufträume?
Kein Plan, aber davon einen ganzen Stapel.
...freut sich
- Neunerl
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matwildast meinte dazu am 14.03.2018:
Das ist doch nebensächlich Sir, was zählt sind der Text und Text und der Subtext und der Context, du weiß schon ;)
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9miles meinte dazu am 14.03.2018:
Das 'Nebensächliche', matwildast, wird notorisch unterschätzt. Das Nebensächliche ist nämlich das, was neben der Sache sitzt. Neben der 'Sache an sich'.
Die Sache an sich, hinwiederum, ist die, die glaubt "Sache zu sein".
'Jemandem seinen Glauben [zu] lassen' - klingelt's?
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matwildast meinte dazu am 14.03.2018:
Tatsächlich ;)
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9miles meinte dazu am 15.03.2018:
Nein. (:
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Isaban
Kommentar von Isaban (14.04.2018)
Der Besuch hier war mir ein Vergnügen.
Vielen Dank für die angenehme Unterhaltung (und bitte mehr davon!).

Liebe Grüße

Sabine
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9miles meinte dazu am 14.04.2018:
Thx!
Ich schau mal (:
degleichen z'rick
- 9
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