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Nation und Stolz

Interpretation zum Thema Nationalismus


von TrekanBelluvitsh

Nationalstolz bedeutet, sich mit - zuweilen zweifelhaften - Dingen und Taten zu brüsten, die Menschen vollbrachten, die in der Regel schon lange tot sind, zu denen man keinerlei Beziehung hat, außer einer Behaupteten. Dabei dachten diese Menschen, bei dem was sie taten, bestimmt nicht an mich. Ihre Sprache ähnelte der meinen zumeist nur. Oft sprachen sie in gänzlich fremden Zungen, oder kamen gleich von woanders. So verlebte Kaiser Friedrich II. 28 seiner 39 Herrschaftsjahre in Italien. Tatsächlich verbindet mich mit dem geborenen Österreicher Adolf Hitler mehr, als mit ihm.

Soll ich auf Adolf Hitler darum etwa stolz sein? Oder anders gefragt: Wenn mir Friedrich II. so fern ist, warum gehört er vorgeblich zu dem, auf das ich als Deutscher stolz sein sollte? Verbindet mich nicht eben soviel mit El Cid, William the Bruce, Snorri Sturlurson, oder Alexios I.?

Doch selbst der andere Friedrich II., genannt Friedrich "der Große", war kein Deutscher. Nicht nur das er die deutsche Sprache für profan hielt und Französisch bevorzugte. Er selbst  hätte sich niemals als Deutscher bezeichnet. Er war ein Preuße und das aus tiefster Überzeugung. Und wie würde heute wohl jemand aufgenommen, der Deutsch verabscheut und sich nicht als Deutscher bezeichnet, hier in unserem Land?

Die Nation ist ein Konstrukt. Dieses wurde nur aus einem einzigen Grund entwickelt: Um das Leben zu strukturieren. Ein strukturiertes Leben hat Vorteile. Es ist sehr viel einfacher. Wer will schon jeden Samstag auf dem Markt mit dem Standbetreiber über die verwendeten Gewichte verhandeln. Das scheint ein banales Beispiel zu sein. Jedoch noch vor 150 Jahren waren einheitliche Gewichte und Maße in Deutschland nicht die Regel. Ein Pfund war in den seltensten Fällen 500 Gramm. Mal war es mehr, zumeist weniger. Um diesem Durcheinander ein Ende zu bereiten, wurde das Pfund als offizielle Maßeinheit verboten. Ironie des Ganzen: Weil es nicht mehr benutzt wurde, setzte sich die Ansicht durch, ein Pfund sei 500 Gramm. Zumindest in Deutschland. In den USA ist ein Pfund 454 Gramm schwer, ganz offiziell.

Natürlich ist das ein einfaches Beispiel. Die Regeln der Straßenverkehrsordnung wären ein weiteres. Die Strukturierung der Lebenswelt durch die Nation geht allerdings tiefer. Das bezeichnet man als Politik. Dabei ist die Politik nicht nur ein Teil der Struktur, sie verändert diese auch ständig. Vor 100 Jahren gab es noch kein Wahlrecht für Frauen. Der Reichstag war durch und durch eine Männersache. Wollen wir vor lauter Stolz auf die deutsche Nation das Frauenwahlrecht wieder abschaffen?

Viel Menschen behaupten, Deutschland habe eine 1.000jährige Geschichte, auf die man stolz sein könne. 1.000 Jahre? Historiker streiten bis heute - ohne auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen - ob das von Bismarck kreierte Kaiserreich ein Staatenbund oder ein Bundesstaat war. Meiner Meinung nach zeigt allein die Tatsache, dass es diese Diskussion gibt, dass wir es als einem Staatenbund einordnen sollten. Wenn das stimmt, dann beginnt die deutsche Geschichte im November 1918. Kulturell betrachtet gibt es natürlich Verbindungen zwischen dem Deutschland von heute und der Zeit vor 1918. Aber wenn wir uns dann Karl den Großen anschauen, so betrachten auch die Franzosen Charlemagne als den Vater ihrer Nation. Was hätte der Vater für bittere Tränen vergossen, wenn er geahnt hätte, wie oft und wie erbittert seine zwei Kinder - Deutschland und Frankreich - sich in dem nächsten Jahrtausend bekämpfen würden.

Bei all dem wird mir schnell deutlich, was eine Nation zusammenhält: Oberflächlichkeit. Das ist wie mit Vorbildern. Eine zu genaue Kenntnis zerstört alles, was jemand für bewundernswert hält. Lieber glauben, nicht so genau hinschauen und glücklich sein, statt wissen und zweifeln? Natürlich muss man jede Figur stets im Kontext seiner Zeit betrachten. So sind z.B. auch Luthers antisemitischen Ausfälle zu verstehen. Aber gerade darum eignet sich Luther eben weder als Vorbild noch als deutsches  Stolzobjekt. Niemand will heute so leben wie zu Luthers Zeiten. Dabei hatte er zweifellos einige revolutionäre Gedanken - natürlich nicht nur er alleine - und es war gut, dass diese sich durchsetzen. Denn auch für die gesellschaftliche Entwicklung gilt das, was Newton über die Physik sagte: "We are standing on the shoulders of giants"*. Dabei begriff Luther die revolutionäre Sprengkraft dieser Gedanken in seiner Gesamtheit gar nicht. Wenn jeder Mensch einen direkten Zugang zu Gott besitzt, vor ihm alle gleich sind, warum sollte das auf Erden nicht ebenso sein? Schließlich ist die Erde doch Gottes Werk. Aber Luther predigte eben auch den Erhalt des Ständesystems. Er ätzte gegen die Bauernbefreiung.

Die misslungene Bauernbefreiung und die gescheiterten Bauernkriege zeigen deutlich, wie tief die Spaltung in den deutschen Landen damals war. Denn das aufstrebende Bürgertum unterstützte die Bauern nicht. Stand war wichtiger als das Deutschsein. Noch im 19. Jahrhundert hatte sich daran nichts geändert. Die deutsche Revolution von 1848 scheiterte. Sie scheiterte nicht nur, weil sich die herrschenden Schichten gegen sie wandten. Es war eine hauptsächlich bürgerliche Revolution. Fast möchte man meinen, dass die unteren Schichten es dem Bürgertum heimzahlen wollten, dass diese sie 300 Jahre zuvor so schmählich im Stich gelassen hatten. Natürlich war das kurzsichtig. Die nächsten 50 Jahre stellten das Leben, gerade der ländlichen Bevölkerung, völlig auf den Kopf und ließ sie verarmen. Was seinerseits wieder das Bürgertum völlig unberührt lies. Heinrich Manns "Der Untertan" oder "Die Budenbrooks" sind Beispiele dafür (entscheidend ist in diesem Zusammenhang, was nicht in den Romanen auftaucht), gelten sie doch als herausragende Romane ihrer Zeit. Sie beschreiben eine durch und durch bürgerliche Erlebniswelt.

Was sollte mich dazu veranlassen, aus diesen Dingen Stolz zu beziehen? Die meisten werden bestimmt anders über die beiden oben genannten Werke von Heinrich Mann urteilen. Aber auch von denen hat keiner die Bücher geschrieben. Und in diesem Fall ist es eindeutig: Wer stolz auf diese Bücher ist, hat gute Chancen als Spinner bezeichnet zu werden. Mit der Schlacht auf dem Lechfeld sollte es sich ähnlich ähnlich verhalten. Hätte ich dort gekämpft, überlebt und gesiegt, ja dann wäre ich stolz gewesen. Allerdings kaum, weil sich jemand auf mich berufen würde... irgendwann.

Die Nation ist ein Konstrukt. Und die deutsche Nation ist eines der besseren Konstrukte. Das liegt nicht an dem, was 1.000 Jahre zurückliegt. Es liegt einzig und allein an dem, was nach 1949 geschah. Ein nicht unwesentlicher Teil geschah erst in den letzten Jahrzehnten. Männern können ihren Ehefrauen nicht mehr verbieten zu arbeiten. Die Nationalität wird nicht mehr allein durch den Vater vererbt. Es wurde die erste Stufe  eines vorbehaltlosen Grundgehalts eingeführt (ohne das die Verantwortlichen es wollten oder bemerkten und nun wehren sie sich mit Händen und Füßen gegen die Weiterentwicklung dessen, was sie selbst erschufen). Ich lebe auch gerne in Deutschland. Nicht weil ich auf Deutschland stolz bin. Aber es gibt nur wenig andere Nationen auf der Erde, wo ich so viele Freiheiten genieße und zugleich sozial gedacht wird. Dahinter steckt Faktisches und nicht ein Mythos vom Deutschsein der Stolz erwecken könnte.

Anmerkung von TrekanBelluvitsh:

* We are standing on the shoulders of giants, Eng., "Wir stehen auf den Schulter von Giganten"
Newton meinte damit die Tatsache, das aller wissenschaftliche Fortschritt auf der Arbeit aufbaut, die Forscher in vergangenen Zeiten geleistet haben.


 
 

Kommentare zu diesem Text


Kommentar von Graeculus (69) (16.06.2018)
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TrekanBelluvitsh meinte dazu am 16.06.2018:
Na ja, wenn das eigene Vermögen nicht mehr hergibt, muss die Nation eben die Lücke füllen. Nation = Lückenfüller.
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Kommentar von Jack (36) (16.06.2018)
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TrekanBelluvitsh antwortete darauf am 16.06.2018:
Ich würde sagen, dass eine Gesellschaft immer funktional ist, ganz gleich ob in der Steinzeit oder heute. Die Techniken der Funktionalität mögen sich unterscheiden, aber das eine Gesellschaft nur funktioniert wenn ein Rädchen ins andere greift - bis zu einem gewissen Grad, Reibungsverluste sind die Regel - ist eine Grundvoraussetzung, damit Gesellschaft funktioniert.

Aber ich denke auch, dass du eher meinst, dass in modernen Gesellschaften - auch weil es sich um Massengesellschaften handelt - der Einzelne durch die große Spezialisierung in allen Bereichen des Lebens, vom Ergebnis seiner Arbeit sehr weit entfernt ist. So kann leicht das Gefühl entstehen, ausgeschlossen zu sein. Und, ja, der Taumel, wenn einer, der den gleichen Pass wie man selbst hat, ein Tor erzielt, kann das ausgleichen, temporär. Denn an dem eigentlichen Problem ändert das nichts.

Da stellt sich dann die Frage, ob im Nachlauf eines solchen Ereignissen wie einer Fußball-WM nicht Frustrationen eine zwangsläufige Erscheinungen sind und die Folge Frustration-Wut-Aggressivität droht.
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loslosch
Kommentar von loslosch (16.06.2018)
schon kohl wusste: wir stehen auf den schultern unserer vorfahren. schultern = schulden. (kohl sprach pfälzisch.)
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TrekanBelluvitsh schrieb daraufhin am 16.06.2018:
Hat Kohl nicht einmal vor "der Intellektualisierung Deutschlands" gewarnt? Kein Wunder, dass er - wie die CSU-Oberen - mit Victor Orban gut auskam. Hatte in seinen letzten Lebensjahren bestimmt viel Freude an seiner Nation. Deutschland, ein Winternachttraum.
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EkkehartMittelberg
Kommentar von EkkehartMittelberg (17.06.2018)
Stolz ist in jeglicher Form fragwürdig , aber Nationalstolz ist besonders gefährlich, wenn er sich mit Aggressionen verbindet.
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TrekanBelluvitsh äußerte darauf am 17.06.2018:
So manche Nationalhymne gibt da erschreckend Auskunft.
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Veröffentlicht am 16.06.2018, 3 mal überarbeitet (letzte Änderung am 17.06.2018). Textlänge: 1.113 Wörter; dieser Text wurde bereits 204 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 11.12.2019.
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