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Der Engel von Tiberias

Anekdote zum Thema Religion


von Peter

Wer eine Reise tut, der kann was erleben. Und wer mit einem Hyundai i10 auf einer schmalen Straße mit unbefestigtem Seitenstreifen wenden will auch...
Ehe ich mich verstehe, rollen die vorderen Reifen ins Leere und der Unterboden liegt auf. Hmpf... Aus vielen Gaffern werden wenige Helfer, um die Karre wieder flott zukriegen. Aber das Leck am Unterboden, aus dem irgendeine Flüssigkeit tropft, können weder Helfer noch Gaffer flicken. Nochmal Hmpf! Wir fahren von Kfar Nahum (Kapernaum) ziemlich unglücklich nach Tiberias zurück, ohne dass uns Warnblickleuchten anlächeln.
Dann der Anruf bei der Budget-Zentrale. Und nach der Mittagspause ein Rückruf aus Afula: Jemand, der nur hebräisch spricht. Neben mir sitzt B., ein 84jähriger Holocaust-Überlebender und einer der ersten messianischen Juden in Israel, und erklärt mein Dilemma. Kurz und gut: Sie schicken einen Schlepper mit einem Ersatzauto. Kommt in 1 1/2 Stunden, also kurz vor Sonnenuntergang/Beginn des Schabbats.
Wir warten gute zwei Stunden, und ich frage B., wie 1 1/2 Stunden in Israel definiert sind. Antwort: Die Zeit ist dehnbar. B. hatte viel Zeit. Oft war er unterwegs und sammelte Blechdosen und Altglas, um seine schmale Rente aufzubessern. Eine Tätigkeit, bei der er oft bedroht und geschlagen wurde ..., weil sein Sammelbehälter ein ausrangierter Kinderwagen war, von allen Seiten mit Hinweisen auf Jesus beklebt. Auf Deutsch, Englisch und Hebräisch.
Nach 2 1/2 Stunden wird es dann auch B. zu lang und er ruft in Afula an. Der Wagen ist unterwegs, findet aber unser Quartier nicht. B. lacht mich an. Unsere Straße wird im Ort allgemein die "Straße der Verwirrung" genannt oder "Babylonische Straße", da die Stadtverwaltung laufend deren Namen ändert. Aha, dachte ich. Darum hatte ich zuhause auf Google Maps die Adresse auch nicht gefunden, und Google hatte mich bei der Ankunft ganz woanders hingeführt ("Du hast dein Ziel erreicht!").
Dann meldet sich der Fahrer bei uns, auch er spricht nur Hebräisch. B. verabredet mit ihm, dass wir zur nächsten größeren Kreuzung gehen, unseren Standort bekanntgeben und mit weißen Plastikeimern winken (B.´s Idee!), wenn wir den Schlepper nahen sehen.
Der Schleppe kommt, Wagentausch, alles ok.
"B.", sage ich, "du bist echt mein Engel!"
"Ja", sagt er.  "Als ich heute früh betete, sagte Jesus: "Bleibe zuhause! Geh nicht Dosen sammeln! Der HERR sagte es zweimal. Ich dachte, dass er mich vor einem Überfall bewahren wollte. Und jetzt wissen wir, warum ich hierbleiben sollte."

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