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Otto Weiningers "Geschlecht und Charakter"

Kommentar zum Thema Betrachtung


von Jack

Ein heiter-satirischer Kommentar.




I. Kein Transgender!


"Trotz allen sexuellen Zwischenformen ist der Mensch am Ende doch eines von beiden, entweder Mann oder Weib", so Weininger in "Geschlecht und Charakter". Bei gleichgeschlechtlichen Paaren teilt sich ihr Gender in männlich und weiblich auf. Butch und Femme. Kein Entkommen. Weiningers Gesetz der sexuellen Anziehung: jeder sucht sein Komplement. Wer zu 90% männlich ist, sucht einen Partner, der zu 90% weiblich ist - und zu 10% männlich. Welch ein hoffnungsloser Dualismus, welch eine Ignoranz den anderen möglichen Geschlechtern gegenüber! Macht der Computer ein weibliches Gesicht noch weiblicher, wird es noch schöner - macht er ein männliches Gesicht noch männlicher, wird es hässlicher, aber: wird ein weibliches Gesicht kindlicher gemacht, wird es auch schöner. Schön. Drei Geschlechter mindestens - männlich, weiblich, frisch. Aber nein, Weininger hat Recht, denn Recht hat, wer jünger stirbt.



II. Sex als Sinn des Daseins


"Der Zustand der sexuellen Erregtheit bedeutet für die Frau nur die höchste Steigerung ihres Gesamtdaseins. Dieses ist immer und durchaus sexuell", erdreistet sich Weininger zu sagen. Sex als Sinn des Daseins der Frau - nein, nicht nur aus männlicher Sicht, sondern überhaupt ist die Frau einzig und allein für den Sex da. Wird hier die männliche Sicht von einem gedanklichen Kurzschließer verabsolutiert, der, als er das schrieb, so geil war, wie ich gerade, oder steckt mehr dahinter? Die Frau ist für Weininger nur Weibchen, der Mann Männchen und darüber hinaus. Was der Mann darüber hinaus ist, ist unter der Bezeichnung "Mensch" etwa bei Kant nachzulesen. Frauenfeindlich ist das keineswegs - er schreibt es ja nicht aus einer Motivation wie Frauenhass, sondern ist auf der Suche nach der Wahrheit über die Frage, weshalb der Mensch ein biploares Wesen ist, und was diese Bipolarität konkret bedeutet. Nur tut er sich selbst widersprechen - er sagt ja, niemand sei zu 100% Mann oder Frau, und es gäbe Männliches im Weibe wie Weibliches im Manne. Gender und Geschlecht weiß er auch zu trennen. Aber ich bin wahrscheinlich nur neidisch, dass er sich schon mit 23 umgebracht hat, und ich noch lebe.



III. Liebe und Unzucht


"Es gibt also »platonische« Liebe, wenn auch die Professoren der Psychiatrie nichts davon halten. Ich möchte sogar sagen: es gibt nur »platonische« Liebe. Denn was sonst noch Liebe genannt wird, gehört in das Reich der Säue", weiß Weininger. Im Reich der Säue bin ich nie gewesen, aber über die Liebe kann ich aus Erfahrung sagen: Liebe hat mit Sex nichts zu tun. Liebe ist Anbetung, Vergötterung, Idealisierung. Und so kann der Mitmensch von der Liebe nur als Projektionsfläche missbraucht werden - Weininger entdeckt gar, dass man in der geliebten Person nur sich selbst vergegenständlicht, um sich lieben zu können. An die geliebte Person stellt der Liebende den Anspruch, sie möge seinen Idealen entsprechen, um ihm ihn selbst geben zu können, - so unmoralisch ist Liebe. Sie benutzt den anderen Menschen genauso wie die Sexualität. Da will ich gar nicht widersprechen, sondern sehe unmittelbar ein, dass er Recht hat.



IV. Mutter und Dirne


"Daß Mutterschaft und Prostitution einander polar entgegengesetzt sind, ergibt sich mit großer Wahrscheinlichkeit allein schon aus der größeren Kinderzahl der guten Hausmütter, indes die Kokotte immer nur wenige Kinder hat, und die Gassendirne in der Mehrzahl der Fälle überhaupt steril ist", schreibt Weininger über "Mutterschaft und Prostitution". Er betont, dass eine Frau nicht sowohl Mutter als auch Dirne ihrem Wesen nach sein kann. Die Mutter will das Kind, die Dirne will den Mann. Nun ist "Dirne" keine moralische Bezeichnung, denn auch eine Mutter ist kein Engel, - nur die Jungfrau, sagt Weininger, gibt es nicht. Die Mutter ist der Mensch als Gattungwesen, sie ist die Gattin des "egoistischen Gens", das gut 70 Jahre nach Weininger in einem bekannten Buch von Dawkins die Ideenwelt erblickte. Die Dirne ist ein Gattungsvernichtungswesen, sie will den Menschen im Manne zerstören und das Männchen in ihm zur Entfaltung bringen. Ein interessanter Gedanke, denn was heute gemeinhin als Traummann gilt, ist das männliche Ideal der Dirne. Ob jedoch die Dichotomie Mutter/Dirne dem reduktionistischen "tertium non datur" vieler Denker geschuldet ist, ist die erste Frage, und die zweite, warum denn eine Frau nicht beides zugleich sein kann. Aber im Gegensatz zu meiner Wenigkeit war Weininger sicherlich ein Frauenversteher, - er muss es wissen.



V. Weibliche Jungfrauenverachtung


Weininger schreibt mit gar nicht so spitzer Feder: "...der Zustand der Nicht-Verheirateten wird von den Frauen selbst sehr tief gestellt. Ja es ist eigentlich der weibliche Zustand, den das Weib negativ bewertet. Die Frauen schätzen jede Frau überhaupt erst, wenn sie verheiratet ist; auch wenn sie an einen häßlichen, schwachen, armen, gemeinen, tyrannischen, unansehnlichen Mann »unglücklich« verheiratet ist, sie ist doch immerhin verheiratet, will sagen, hat Wert, hat Existenz empfangen". Ist die Jungfrau eine männliche Erfindung? Ist dieser Zustand für die Frauen ein peinlicher, den es so rasch wie möglich zu überwinden gilt? Um 1900 galt die Jungfernschaft und das Nichtverheiratetsein ja in der Regel als dasselbe. Niemand würde heute problematisieren, dass eine Frau mit 30 Jahren immer noch nicht verheiratet ist. So sehr die Wertschätzung des Ledigseins unter den Frauen zugenommen hat, kann man das von der Jungfräulichkeit nicht behaupten. Hauptsache Sex, so früh wie möglich, egal mit wem, - würde Weininger heute wohl zu konstatieren wissen. Die Einseitigkeit, welche in der Beleuchtung nur der Frau, und nicht zugleich des Mannes besteht, macht solche Aussagen anfällig für den Vorwurf der Misogynie. Dumm nur, dass jeweils modische Empörungskataloge den Wahrheitsgehalt der Aussage selbst nicht tangieren. Aber woher will Weininger denn wissen, dass nicht jede Frau im Herzen Jungfrau sein will, - schließlich ist es das Kind im Manne (die Zurückstellung bzw. Sublimierung der Sexualiät zugunsten des Forschergeistes), das den gesamten Fortschritt der menschlichen Zivilisation zu verantworten hat.



Exkurs: Was pervers ist


Mit dem Keuschheitsideal ist keineswegs ein Rückfall in eine reaktionär klerikale Moral gefordert, kein mittelalterlich-asketisches Menschenbild mit dem entsprechenden Jammertal-Weltbild, keine leibfeindliche Sexualethik. Vielleicht wird an den folgenden Beispielen deutlich, was Keuschheit mit Würde und Selbstachtung zu tun hat: eine 19-jährige Abiturientin, die eine schöne Kindheit hatte und nun im Begriff ist, die Schule mit einer Durchschnittsnote von 1,3 abzuschließen, - macht sie sich darüber Gedanken, ob sie aufgrund ihrer musikalischen Begabung vielleicht Musik anstatt BWL studieren sollte? Ja, aber nebensächlich. Denkt sie darüber nach, wie sehr sie als Mensch von ihren vielen Freunden geschätzt wird? Nein, stattdessen fragt sie sich, warum sie noch nie einen Kerl im Bett hatte und fühlt sich deswegen minderwertig. Sie versteht sich zuallererst als Weibchen, erst dann als Mensch. Ein 17-jähriger Junge, ein Hobbybastler, der Flugzeugbauer werden will und nebenbei hervorragend Tennis spielt, kommt sich als "Loser" vor, weil er noch nie eine Freundin hatte. Er schämt sich so sehr, wie man es normalerweise nur von einem Alkoholiker, einem Pädosexuellen oder einem feigen und hinterlistigen Mörder erwarten würde, und wofür? Dafür, nie mit einer Frau "geschlafen" zu haben. Das ist die pure Perversion, die den Menschen ins Blut übergegangen ist, - den Menschen, die sich selbst (und andere) umso mehr achten, je mehr sie Tiere sind, und die sich für ihre menschlichen Eigenschaften, für alles Sein über das Tierische hinaus, eher verachten als wertschätzen.



VI. Asexistische Konsequenzen


Wäre nun wissenschaftlich bewiesen, dass die Frauen die bessern (beliebiges Wort einsetzen) sind, und die Männer eigentlich Affen, oder aber dass der Mann der eigentliche Mensch ist, und die Frau nur da, um Männer auszutragen, - was wären die ethischen Konsequenzen? "Aber die rechtliche Gleichstellung von Mann und Weib kann man sehr wohl verlangen, ohne darum an die moralische und intellektuelle Gleichheit zu glauben. Vielmehr kann ohne Widerspruch zu gleicher Zeit jede Barbarei des männlichen wider das weibliche Geschlecht verworfen, und braucht doch der ungeheuerste, kosmische Gegensatz und Wesensunterschied hier nicht verkannt zu werden", stellt Weininger klar. Ist er ein Gutmensch, bei dem Ethik nichts mit Wirklichkeit zu tun hat? Nein, vielmehr ein Idealist im wahren, nicht umgangssprachlichen Sinne: da beide Geschlechter zur menschlichen Gattung gehören, steht beiden Geschlechtern die gleiche Menschenwürde zu. "Der tiefststehende Mann", liest man aber einen übersprungenen Satz weiter, "steht also noch unendlich hoch über dem höchststehenden Weibe, so hoch, daß Vergleich und Rangordnung hier kaum mehr statthaft scheinen; und doch hat niemand das Recht, selbst das tiefststehende Weib irgendwie zu schmälern oder zu unterdrücken". Nun, heute weiß man es, nachdem uns Beauvoir, Butler und Schwarzer aufgeklärt haben, natürlich besser, - aber dass der Mann ein Affe ist, ist wahrlich kein Grund, feministisch zu werden. Nicht Weininger, sondern wer aus Biologismen moralische und rechtliche Konsequenzen zieht, ist ein Sexist.



VII. Kein Ich?


"Das absolute Weib hat kein Ich", urteilt Weininger im Anschluss an die stärksten Seiten von "Geschlecht und Charakter", - er folgert dies aus seiner Untersuchung dessen, was das Ich eigentlich ist. Dass er im Ergebnis sowohl mit dem Christentum als auch mit dem Deutschen Idealismus übereinstimmt, spricht für ihn, und ist kein Zufall. Aber darum geht es nicht. Wir erinnern uns, dass für Weininger ein Mensch entweder männlich oder weiblich sein kann, aber nicht beides zugleich. Sobald ein Mensch weiblich ist, handelt er ichlos: "Das vollkommen weibliche Wesen kennt weder den logischen noch den moralischen Imperativ, und das Wort Gesetz, das Wort Pflicht, Pflicht gegen sich selbst, ist das Wort, das ihm am fremdesten klingt". Die ästhetische Indifferenz der Frau gegenüber ihrem Sexualpartner wäre damit leicht erklärt (die sexuelle Anziehung ist reine Biologie und hat nichts mit Ästhetik zu tun, wobei selbst da das mächtigste, nicht das physisch attraktivste Männchen bevorzugt wird), jedoch hätte dies unfassbare Konsequenzen: "Also ist der Schluß vollkommen berechtigt, daß ihm auch die übersinnliche Persönlichkeit fehlt". Auf Gutdeutsch: die Frau hat keine Seele. Muss, kann, darf man so weit gehen? Nehmen wir doch statt Mann und Frau ein abstraktes Gegensatzpaar - würden wir nicht schnell zum Ergebnis kommen, dass es sich beseelt und unbeseelt verhaltende Menschen gibt? Gewiss, aber nicht in einem Verhältnis von 1:1, sondern eher von 1:1000. Selbst ein radikaler männlicher Sexist würde Weininger hier nicht zustimmen können, denn dieser schleppt ja alle Schimpansen unter den Männern in die den Besseren vorbehaltenen höheren Sphären mit, indem er sagt: "Der tiefststehende Mann steht also noch unendlich hoch über dem höchststehenden Weibe". Nein, das tut er nicht, er steht vielmehr auf vier Beinen und wartet, bis ihm sein Frauchen endlich einen Knochen hinwirft.



VIII. Das Mädchen als Bild


Als ich vor Jahren in einer anregenden Unterhaltung über Ästhetik und Erotik mein Schönheitsideal beschrieb, bekam ich als Antwort, es sei wie ein Bild und vertrage keinerlei Veränderung: kaum berührt, schon zerstört. Die Antwort war zutreffend. Umso interessanter, wie treffend Weininger dies behandelt: "Schönheit ist das Symbol des Vollkommenen in der Erscheinung. Darum ist Schönheit unverletzlich, darum ist sie statisch, und nicht dynamisch, darum hebt jede Änderung im Verhalten zu ihr sie schon auf und vernichtet ihren Begriff". Mit einer schönen Frau kann man nicht schlafen, man kann sie nur lieben. Wo von Schönheit die Rede ist, spreche ich stets vom Mädchen, und nie von der Frau, da Schönheit Unschuld und Keuschheit notwendigerweise mit einschließt; Schönheit ist zu Eis erstarrte Unschuld, im schüchternen Blick geronnene Keuschheit. Schönheit ist transzendent, das schöne Mädchen ist eine platonische Idee: statisch, ewig, realer als die veränderliche physische Gestalt. Aufgrund solcher Einsichten, von denen Weiningers Buch übervoll ist, kann ich ihn nicht einfach als Sexisten abstempeln und sein Buch dem Feuer übergeben. Nicht alles mag einem darin gefallen, auch mir nicht, aber es gibt zu viele niemanden beleidigende Bücher, deren geistiger Wert mit Null angegeben noch an der fünften Nachkommastelle gerundet wäre.



Schieflage: Freundin und Schluss überhaupt


"Ich habe nun", sagt einer, "Otto Weiningers Buch gelesen, und es hat mich so nachhaltig überzeugt, dass ich für mich beschlossen habe, nie wieder etwas mit einer Frau anzufangen". Eine Welle der Empörung überschwemmt das geistige Flachland, viele Surfer reiten auf ihr mit Baseballschlägern und einfachen Keulen. "Frauenfeind!" heißt es laut. Doch man versuche es andersrum: eine Frau, für die alle Männer gestorben sind, wird sowohl bei Frauen wie - gar noch mehr - bei Männern nur auf Verständnis treffen. Mehr noch: die Männer fühlen sich nicht selten noch schuldig, wenn eine Frau so etwas sagt. Lest das Buch, Jungs, lest das Buch.



Altternative: Misslungene Ehrenrettung


In ihrem ein Menschenleben nach Weiningers Buch geschriebenen Bestseller "Der dressierte Mann" versucht Esther Vilar, so sie selbst, eine Ehrenrettung des weiblichen Geschlechts. Die meisten Frauen seien hässlich, sagt die Argentinierin. Eine Banalität. Die meisten Männer sind es auch, und ab 15 so gut wie alle Menschen. Weshalb macht Hässlichkeit bei Männern nichts aus? Warum muss ein Mann bloß schöner als ein Affe sein, und darf nicht wirklich schön sein (Anmerkung von mir persönlich: weil er das nicht kann: er hat einen Körperbaufehler, was das Schöne angeht, das nunmal zart und zerbrechlich sein muss)? Esther Vilar weiß die Antwort: "Ein Mann ist ein Mensch, der arbeitet". Weil der Mann später arbeiten muss, lernt er als Kind, und wird intelligent; weil die Frau ihr Leben lang versorgt wird, spielt sie als Kind mit Puppen, und bleibt dumm. Eigentlich aber, beschwört Vilar, sind bei der Geburt Jungen und Mädchen vollkommen gleich. Ist das die Ehrenrettung? Möglicherweise. Was aber, wenn diese Behauptung nicht stimmt?



Seitenstich: Der gewollte Unterschied


Als Kind lernte ich in einer "patriarchalen" Gesellschaft: "Du musst deine Gefühle unterdrücken, weil du ein Mann bist". Als Jugendlicher in einer "liberalen" Gesellschaft bekam ich zu hören: "Du hast keine Gefühle, weil du ein Mann bist". Die "patriarchale" Gesellschaft lehrte mich: "Du musst deine Interessen auf das Nützliche beschränken, und darfst keine Lüftschlösser bauen, weil du ein Mann bist". In der "liberalen" Gesellschaft sagte man mir: "Du bist primitiv, und besitzt weder Kreativität noch Phantasie, weil du ein Mann bist".

Ob nun Mädchen und Jungen "eigentlich" bei der Geburt gleich sind oder nicht, - nicht überall, ja fast nirgendwo, ist Gleichheit gewollt. Gleichheit ist nur eine politisch korrekte Umbenennung der Ungleichheit. Gleich gemacht werden die Menschen, wo sie es von Natur nicht sind. Wo Frauen und Männer - vielleicht/vermutlicherweise/wenn schon irgendwo, dann doch hier - gleich sind, werden sie künstlich und gar gewaltsam ungleich gemacht. So lernt ein Junge, seine Gefühle verkümmern zu lassen, während ein Mädchen sich Gefühle einzubilden lernt, wo gar keine sind. Ein Junge lernt, dass Phantastereien Quatsch und Unfug sind, einem Mädchen geht der größte Quatsch als reiche und kreative Phantasie durch. Wer will diesen gewaltsam herbeigeführten Unterschied? Wer drillt die Seelen auf den Geschlechtsunterschied? Oder ist die Frage falsch. Ist diese etwa richtig: Werden bei fortschreitender Zivilisierung verlorene natürliche Geschlechtsunterschiede durch künstlich erzeugte kompensiert?



Übrigens: eine alte Weisheit


Als vor wenigen Jahren eines der ältesten Schriftstücke der Menschheit entschlüsselt wurde, dachten die Archäologen, auf den ältesten Witz der Welt gestoßen zu sein. Leider war die Hochkultur, von der das Schriftstück stammte, nicht für ihren Humor bekannt, was nicht heißt, dass es dieser an Zivilisation und Kultur fehlte, - es war eben ein Bisschen wie mit den Deutschen. Der entschlüsselte Text lautete, grob übersetzt: Frauen sind geschmacksverirrt, schön und lesbisch, aber von diesen Eigenschaften kommen immer nur zwei zusammen vor. Ich rechnete mir die Möglichkeiten durch und schaute demütig zu Boden.



IX. Erotik pur


"Liebe und Begehren sind zwei so verschiedene, einander so völlig ausschließende, ja entgegengesetzte Zustände, daß in den Momenten, wo ein Mensch wirklich liebt, ihm der Gedanke der körperlichen Vereinigung mit dem geliebten Wesen ein völlig undenkbarer ist. Daß es keine Hoffnung gibt, die von Furcht ganz frei wäre, ändert nichts daran, daß Hoffnung und Furcht einander gerade entgegengesetzt sind. Nicht anders verhält es sich zwischen dem Geschlechtstrieb und der Liebe. Je erotischer ein Mensch ist, desto weniger wird er von seiner Sexualität belästigt, und umgekehrt", ist Weininger klug. Es wäre auch höchst seltsam, die Geliebte anstatt zu verehren verzehren zu wollen. Was man liebt, das soll ja bleiben. Dennoch entscheiden sich viele dafür, ihren Schatz selbst zu verzehren, bevor dieser - so ihre Furcht - von einem Anderen verzehrt wird. Wenn Erotik - so wie Weininger diesen Begriff gebraucht - Begierde ist, dann eine, die davon lebt, niemals befriedigt zu werden. Erotik ist lebendige Unendlichkeit, Bewusstsein des Mangels (des Unbefriedigtseins) als höchstes Glück. Bei aller Be- (und bei manchen gar Verwunderung), zu welchen Gefühlen der Mensch fähig ist, sollte nicht vergessen werden, dass schlussendlich auch die reine Liebe ein höchst selbstsüchtiges Unterfangen ist.



X. Das Schönfinden


"Die Schönheit des Weibes kann", so Weininger, "kein bloßer Effekt des Sexualtriebes sein; sie ist ihm vielmehr geradezu entgegengesetzt. Männer, die ganz unter der Gewalt des Geschlechtsbedürfnisses stehen, haben für Schönheit am Weibe gar keinen Sinn; Beweis hiefür ist, daß sie ganz wahllos jede Frau begehren, die sie erblicken, bloß nach den vagen Formen ihrer Körperlichkeit". Die beim gemeinen Mann so beliebten vagen Formen sind bekanntlich die Rundungen: der Po und die Brüste. Die daran schön gefundene Frau ist ein austauschbares Sexualobjekt. Schön ist das nicht. So sagt Weininger: "In der Liebe des Mannes, die stets schamhaft ist, liegt nach alldem der Maßstab für das, was am Weibe schön, und das, was an ihm häßlich gefunden wird".

Erst einem liebenden Blick erschließt sich also die Schönheit, doch Weininger geht noch weiter: "...in der Ästhetik, wird die Schönheit erst von der Liebe geschaffen; es besteht keinerlei innerer Normzwang, das zu lieben, was schön ist, und das Schöne tritt nicht an den Menschen mit dem Anspruch heran, geliebt zu werden". Ist Schönheit etwa relativ und geschmacksabhängig? Begibt sich der sonst so kluge Mann in die ihm verhasste Psychologisiererei? Nein: "Alle Schönheit ist vielmehr selbst erst eine Projektion, eine Emanation des Liebesbedürfnisses; und so ist auch die Schönheit des Weibes nicht ein von der Liebe Verschiedenes, nicht ein Gegenstand, auf den sie sich richtet, sondern die Schönheit des Weibes ist die Liebe des Mannes, beide sind nicht zweierlei, sondern eine und dieselbe Tatsache. Wie Häßlichkeit von Hassen, so kommt Schönheit von Lieben". Schönheit ist nicht relativ, vielmehr hat sie mit dem Aussehen des Schöngefundenen nichts zu tun. Nicht was wir schön finden, lieben wir, - was wir lieben, finden wir schön. Was intuitiv als verkehrt erscheint, erweist sich als richtig, sobald man einsieht, dass alle Liebe Projektion ist.



XI. Er liebt dich nicht!


Staubtrocken stellt Weininger fest: "...die Geliebte ist nur zu oft ein Backfisch, nur zu oft eine Kuh, nur zu oft eine lüsterne Kokette, und niemand nimmt für gewöhnlich an ihr überirdische Eigenschaften wahr als eben derjenige, der sie liebt", und stellt die rhetorische Frage: "Ist es also zu glauben, daß diese konkrete Person geliebt werde in der Liebe, oder dient sie nicht vielmehr einer unvergleichlich größeren Bewegung nur als Ausgangspunkt?"

Auch die, die man liebt, liebt man also nicht, - wen liebt man dann? "In aller Liebe liebt der Mann nur sich selbst. Nicht seine Subjektivität, nicht das, was er, als ein von aller Schwäche und Gemeinheit, von aller Schwere und Kleinlichkeit behaftetes Wesen wirklich vorstellt; sondern das, was er ganz sein will und ganz sein soll, sein eigenstes, tiefstes, intelligibles Wesen, frei von allen Fetzen der Notwendigkeit, von allen Klumpen der Erdenheit", ist Weininger nicht naiv, und erklärt das Wesen der Liebe mit den Worten: "Er projiziert sein Ideal eines absolut wertvollen Wesens, das er innerhalb seiner selbst zu isolieren nicht vermag, auf ein anderes menschliches Wesen, und das und nichts anderes bedeutet es, wenn er dieses Wesen liebt". Keine einzige Frau ist also je geliebt worden.



XII. Ach!


"Der Mann verlangt Keuschheit von sich und von anderen, am meisten von dem Wesen, das er liebt; das Weib will unkeusch sein können, und es will Sinnlichkeit auch vom Manne, nicht Tugend", lehnt sich Weininger weit aus dem Fenster. Wer hat denn diesen keuschen Mann gesehen? Wo lebt er? Auf dem Mond? Mag ja sein, dass er, wenn er je auf Erden lebte, von seinen Erzieherinnen ausgerottet wurde, denn: "Die Frau will den Mann sexuell, weil sie nur durch seine Sexualität Existenz gewinnt". Frauen wollen auch existieren, und da das Weib - Weiningers Grundthese - durch und durch sexuell ist, will es das Männchen, den unkeuschen Mann. Aber weshalb nicht die unkeusche Frau? Weil ja nur der Mann existiert. Zwei miteinander unkeusch verkehrende Frauen hätten vielleicht jede Menge Spaß, aber nunmal keine Existenz. Unzucht treiben macht keinen Spaß, wenn es einen nicht einmal gibt. Und deshalb: "Selbst die höhere platonische Liebe des Mannes ist ihnen im Grunde nicht willkommen; sie schmeichelt ihnen und sie streichelt sie, aber sie sagt ihnen nichts." Der Phallus hingegen steht auf und sagt zum Weibe: Sei! Eine göttliche Komödie: am Anfang erschuf der Teufel das Weib.



XIII. Negexistenz


Gerade hielten wir fest, dass die männliche Sexualität dem Weibe angeblich seine Existenz verleiht, und nun: "Im Koitus liegt die tiefste Heruntersetzung, in der Liebe die höchste Erhebung des Weibes. Daß das Weib den Koitus verlangt, und nicht die Liebe, bedeutet, daß es heruntergesetzt und nicht erhöht werden will". Wie bitte? Sagtest du nicht selbst, dass die Frau durch die Sexualität des Mannes ihre Existenz verliehen bekommt? Und dann zugleich erniedrigt wird? Heißt das, dass die Existenz ein negatives Vorzeichen hat? Man wird immer wieder überrascht, wie viel Weisheit in solchen milde gesagt irre anmutenden Aussagen stecken kann. Die geliebte Frau bleibt idealisiert, kann sich der Existenz, der Erniedrigung, enthalten, während das beglückte Weib ins Unglück des Dasein stürzt. Warum will die Frau dann existieren, wenn es besser wäre, nicht zu existieren? Weil das Weib ja kein Ich hat. Alles rein Triebhafte will existieren. Alles Kluge abstrahiert von empirischen Frauen und Männern, und denkt den ruhig abstrakt genannt werden könnenden Gedanken mit, anstatt hysterisch durch die realen oder virtuellen Korridore zu rennen, alles kleinzuschlagen, und jeden, der diese barbarische Gewalt nicht verherrlicht, frauenfeindlich zu nennen.



XIV. Was an Sex so böse ist


Sex ist doch etwas Tierisches, die Lust der Karnickel. "Nicht weil der Koitus lustvoll, nicht weil er das Urbild aller Wonne des niederen Lebens ist, nicht darum ist er unsittlich". Weshalb dann? Jedenfalls muss man sich enthalten, man muss seine niedere Natur förmlich dazu zwingen. "Die Askese, welche die Lust für das Unsittliche an sich erklärt, ist selbst unsittlich; denn sie sucht den Maßstab des Unrechtes in einer Begleiterscheinung und äußeren Folge der Handlung, nicht in der Gesinnung: sie ist heteronom". Auch die Askese ist falsch? Klar: der Asket ist fremdbestimmt. Wo sind dann Problem und Lösung? "Der Mensch darf die Lust anstreben, er mag sein Leben auf der Erde leichter und froher zu gestalten suchen: nur darf er dem nie ein sittliches Gebot opfern". Sprich, man darf weder sich selbst noch seine Mitmenschen als bloßes Mittel zum Zweck behandeln, denn alle vernünftigen Wesen sind Zwecke an sich. "In der Askese aber will der Mensch die Moralität erpressen durch Selbstzerfleischung, er will sie als Folge eines Grundes, die eigene Sittlichkeit als Resultat und Belohnung dafür, daß er sich so viel versagt hat". Der Asket versklavt seinen Willen unter ein ihm äußerliches Gebot, um, wie ein Hund, die Belohnung zu erheischen. Wenn die sexuelle Lust also verwerflich ist, dann nicht, weil Sex so viel Spaß macht, sondern weil man beim Sex offenbar nicht umhin kann, den kategorischen Imperativ zu verletzen, und sich und andere als bloße Mittel, anstatt als Selbstzwecke, zu behandeln.



XV. Was an Liebe so gut ist


Wer sich zur Liebe verliebt, der liebt. Er will den anderen nicht flachlegen, er liebt ihn. Weininger weiß: "Es gibt nur »platonische« Liebe. Denn was sonst noch Liebe genannt wird, gehört in das Reich der Säue". Ein großes Fragezeichen hinter dem Und? Nicht so nichtumdieeckedenkerisch! Diese Tatsache, dass es nur reine Liebe geben kann, da Liebe an sich immer rein ist, und Sexualität ausschließt, ist im Alltag sehr nützlich. Ein Junge, der sich in einen Jungen verliebt, ist nicht schwul. Ein Mädchen, das ein Mädchen liebt, ist nicht homosexuell. Egal wie versaut die Erwachsenen sein mögen, die ihre Kinder über »Liebe« »aufklären«, sie haben damit Unrecht, dass der Sohn eine Schwuchtel ist und die Tochter homo, - nicht, dass es ein Verbrechen wäre, wenn dem so wäre, nur ist einer, der liebt, gegenüber der Person, die er liebt, überhaupt nicht sexuell. Die Kindlein lieben »nur«, da ist nichts Versautes dabei. Und wenn sich ein Erwachsener in ein wildfremdes Kind verliebt, ist seine Liebe, sofern sie Liebe ist, per definitionem edel, und verflucht sei jener, der seinen Sexualtrieb hinter dem großen Wort »Liebe« verbirgt.



UV: Strahlung oder Mythos


Unschuldiges Verliebtsein - ist das möglich? Durchaus: jemand, der (noch) kein Ich-Ideal hat, hat auch nichts in die geliebte Person zu projizieren, das Kind ist einfach verknallt. Darum ist die erste Liebe etwas Besonderes, hat die Aura des Perfekten und den frischen Geruch der Unschuld.

Unschuldiges Verliebtsein repräsentiert die vorbewusste Stufe des einfachen Monismus, der unterschiedslosen Einheit von Ich und Nicht-Ich, welcher sich das Ich allerdings noch nicht bewusst ist, denn sobald es sich dieser bewusst wird, löst es sie auf, und steigt auf die bewusste Stufe der einfachen Negation auf. Hier geschieht das, was Weininger Liebe nennt: die Projektion des Ich-Ideals in die geliebte Person. Das Ich weiß sich auf dieser Stufe vom Nicht-Ich getrennt, und ebenso von seinem Ich-Ideal. Es ist die Stufe des unglücklichen Bewusstseins, und die Liebe endet hier immer tragisch, ja sie wird noch vor ihrem Ende zur Tragödie. Auf der noch höheren Stufe des Selbstbewusstseins vereinigt sich das Ich mit seinem Ich-Ideal wieder, und hat es nicht mehr nötig, dieses zu projizieren; das Ich des Selbstbewusstseins ist auch nicht mehr von der Transzendenz getrennt, und kann autonom, ohne äußere Ursachen, Glückseligkeit erlangen. Verliebt sich so jemand noch?



Wozu: Sich lieben lassen


Man verliebt sich, um sein inneres Wesen in eine andere Person zu projizieren, und somit sein Ideal-Ich vor den Niederungen des Alltags zu schützen. Welchen Zweck hat es aber, sich lieben zu lassen? Keinen für einen, der ein Ich hat. Das idealtypische Weib ist Weininger nach ichlos, und somit daran interessiert, dass der Mann ihm Wert verleiht, indem er sein Ideal-Ich darein setzt. Das Weib will empfangen, ob Wert oder Samen. Der Samen an sich hat keinen Wert, was dadurch erkennbar wird, dass ein physisch fittes Männchen beim empfangenden Geschlecht keine Chance hat, wenn eine physisch eher mittelmäßige, aber ihrem Status nach große Persönlichkeit vors Weib tritt.

Eine Frau, die so gar nicht Weiningers Weib ist, sondern mit einem stolzen Ich gesegnet, sähe keinen Sinn darin, sich von einem Mann lieben zu lassen. Sie will ihren Wert nicht von einem Mann verliehen bekommen, sondern selbst erarbeiten, weshalb sie sich - ohne hysterisches Geschrei um als Gleichberechtigung getarnte Privilegierung, sondern vielmehr mit dem Bestreben, gänzlich vom Mann unabhängig zu sein - emanzipiert.



Mühgrund: Liebe und Begierde


Liebe ist die Projektion des eigenen Ich-Ideals in eine andere Person. Hiermit ist freilich nicht durchaus alles erfasst, was etwa in esoterischer Hinsicht als Liebe verstanden wird, sondern ganz konkret das, was ein Mensch meint, wenn er sagt, dass er einen anderen Menschen liebt. Der Satz, Gott sei Liebe, bedeutet also nicht, dass das Wesen Gottes sich mit Projektion und Illusion beschreiben lässt.

Weshalb musste in diesem Kontext dreifach durchdestilliert werden, was das Wort Liebe in der konkreten menschlichen Lebenswelt bedeutet? Der schwerwiegendste (und unter seinem eigenen Gewicht im Boden versinkende) Grund dafür ist die Unerlässlichkeit einer Trennung von Liebe und Begierde. Bisher lernten wir, Liebe sei egoistisch aber edel, Begierde egoistisch und auch sonst nichts als unmoralisch. Dem ist nicht ganz so.

Das Herzrecht behauptet die Liebe als heilig und nimmt die geliebte Person symbolisch in Besitz. Weil du jemanden liebst, ist dieser jemand für dein Schicksal mindestens mitverantwortlich, wenn nicht gar allein der Richter über dein Glück und Unglück. Weil du jemandin liebst, gehört sie nach einem heiligen Recht dir, und verbricht einen Betrug an dir, wenn sie dein Herz bricht. Dabei hat die Person, in die du dein Ich-Ideal projiziert hast, nicht das Geringste mit deiner Liebe zu tun: diese ist ein Geschäft zwischen dir und dir selbst.

Die Begierde geht archaisch ehrliche Wege: du willst zubeißen, vernaschen, konsumieren. Du weißt von Beginn an, dass du weder ein heiliges noch ein profanes Recht auf die begehrte Person hast, - du betrügst dich selbst nicht, du leidest an deiner eigenen Gier, nicht an der kosmischen Ungerechtigkeit, dass deine ach so reinen Gefühle nicht erwidert werden. Du willst nicht nur eine bestimmte Person verzehren, du willst viele konsumieren, am Besten alle, die dir gefallen. Die Begierde spielt mit offenen Karten. Man kann nicht hinterher sagen, man hätte nicht gewusst, dass man sich getäuscht hatte. Man wusste von Anfang an, was man wollte, und dass es moralisch nicht fragwürdig, sondern eindeutig verwerflich war.



Idiotenfangfrage: sind Frauen Menschen?


Ja. Aber meine Meinung beiseite. Ich meine ja, wer anderes behauptet, ist wohl selber keiner. Was sind das also für Wesen, die im öffentlichen Bewusstsein in einem Atemzug Frauen als Engel (immer unschuldig) und als Tiere (nicht schuldfähig) darstellen, wenn sie sich jeweils als Opfer und Verbrecherinnen erweisen? Feminismus und Misogynie gehen erst diametral auseinander, jedoch treffen sich ganz unten wieder: wer nicht schuldfähig ist, ist nunmal ein Tier, und da selbst in der geschminkten Verbrechensstatistik immer noch Frauen als Täter auftauchen, behauptet jeder, der sie als alles mögliche, aber nicht für ihre eigenen Taten verantwortlich hinstellt, Frauen seien Tiere.

Sind Männer Tiere? Aber ja doch. Männer sind Verbrecher. Die Männlichkeit an sich ist kriminell, menschenfeindlich, das Kernübel dieser Welt. Das lernt auch der kleine Junge, der bereits im Kindergarten als Mann kriminalisiert wird. Wenn jeder Mann ein Verbrecher ist, dann ist ein Mann, der kein Verbrecher ist, kein richtiger Mann. Durch die Kriminalisierung der Männlichkeit werden Männer aufgefordert, Verbrecher zu werden, sonst sind sie ja keine richtigen Männer. Aber können Tiere überhaupt Verbrecher sein? Nein. Der Mann ist ein Tier, und das ist gut so. Nichts kann man einem Mann übel nehmen, wie man einem Affen nichts übel nehmen kann. Vielleicht gibt es gar keine Menschen, sondern nur Engel (Frauen) und Tiere (Männer), und am Rande dämliche Schwuchteln (menschliche Männer) und selbstbewusste emanzipierte moderne Frauen (sich wie Männer, sprich wie Tiere benehmende Frauen).



Lithia: freies Volk


Der junge Hegel hatte ein Konzept des freien Volkes entworfen, in welchem die Interessen des Einzelnen mit den Interessen der Allgemeinheit vollkommen harmonieren. Im Mannesalter musste Hegel diesen Konzept verwerfen: die Interessen des Einzelnen gehen niemals gänzlich im Ganzen auf, sondern stehen immer in einem Spannungsverhältnis mit der Allgemeinheit. Im Alterswerk, der Rechtsphilosophie, zeichnete Hegel den Grad der Vitalität eines Staates gerade durch die Höhe der Spannung zwischen dem Allgemeinen und dem Individuellen aus, die der Staat aushalten kann, ohne an diesem Widerspruch zugrunde zu gehen.

Es ist lange her, als ich die Outer-Limits-Folge "Lithia" gesehen habe, dieses von einer Mystery-Serie meisterhaft in Hass gegossene Bild des aggressiven und zum friedlichen Zusammenleben in einer Gemeinschaft unfähigen Mannes. Das männliche Individuum reibt sich immer an der Gesellschaft, es bleibt stets ein unauflöslicher Rest von Eigensinn. Die Frau scheint - die Folge müsst ihr gucken - hingegen ein friedliches und harmonisches Wesen zu sein, das in einer Gemeinschaft bestens, sprich restlos, aufgehoben ist. Weininger hätte diese Episode der kanadischen Moralserie zwei- oder dreimal sehen können, denn er hätte jedesmal, sobald es um weibliche Moral und männliche Unmoral ging, so laut gelacht, dass er hätte immer wieder zurückspulen müssen: habe ich, der junge aber weise Wiener Jude euch denn nicht gleich gesagt, dass das Weib kein Ich hat? Und wo es kein Ich gibt, da kann auch nichts mit dem Gemeinwohl in Widerspruch geraten! Oh, Otto, ich hoffe für dich, weil ich es dir gönne, dass du die Wahrheit erkanntest, bevor du dich umbrachtest, und dennoch hoffe ich - für mich - , dass du damit Unrecht hattest!



Opfer: Zwangsobjekt


Wer gut aussieht, ist in einer präkeren Lage mitnichten zur Prostitution gezwungen, sondern kann, wie jeder andere auch, normale, schlecht bezahlte, und niedrig angesehene Arbeit verrichten. Ein kluger Kopf ohne Geld ist ja auch nicht genötigt, Urananreicherungsanlagen für Despoten zu entwerfen. Ein versierter Kampftechniker muss nicht töten, ein armer Hundebesitzer muss nicht betteln. Sofern sich diese Menschen als Subjekte betrachten, die immer eine Wahl haben.

Ein Nicht-Subjekt hat kein Ich. Weiningers Idealtypen zufolge gibt es eine bestimmte Art von Menschen, die Nur-Objekte, aber keine Subjekte sind. Dass es solche Menschen gibt, ist zu offensichtlich, als dass es nicht peinlich wäre, es mit politisch korrekter Tinte zu vertuschen. Wer diese Menschen sind - darüber gehen meine und Weiningers Meinungen weit auseinander. Ich will hier nur verdeutlichen, was für Menschen das sind: das ist die Schöne, die aus armen Verhältnissen kommt, und sich mit einer fast schon gruseligen Selbstverständlichkeit zur Prostitution gezwungen fühlt; das ist der Recke, der es in der Schule nicht gepackt hat, und den die Umstände angeblich dazu zwingen, in die Kriminalität abzudriften; das ist der Sonderling, der zum Außenseiter wurde, und mit einem Maschinengewehr in einer Imbissbude Rache an der Gesellschaft nehmen will.



Die Null als des Mannes Höchstes: Mathematik des Grauens


Schöne Frau heiratet reichen Mann. Das ist das ganze Wesen der menschlichen Gesellschaft, das diesseitige, erreichbare Ideal. Was hat dies für Konsequenzen? Fast alle Frauen denken fast jeden Tag fast 100 mal selbstkritisch über sich nach. Man ahnt, worauf sich ihre Selbstkritik fast ausschließlich bezieht - ob sie vielleicht nicht gut genug aussehen. Sprechen wir es offen aus: ob sie vielleicht nicht gut genug aussehen, um einen reichen Mann zu heiraten. Auch die meisten Männer strotzen in ihrer Innenwelt nicht gerade vor Selbstvertrauen, und zerfleischen sich jeden Tag den ganzen Tag mit Selbstkritik: bin ich vielleicht ein Versager? schaffe ich es? kriege ich noch die Kurve? Kurz: werde ich doch noch reich, oder habe ich bereits alle Chancen verspielt?

Nun zu den Konsequenzen. Weininger sagt, der niedrigste Mann würde höher stehen, als die beste Frau. Geben wir diesem Satz etwas mehr Phantasie. Erinnern wir uns daran, welchen Status erfolgreiche, aus eigener Leistung reiche, dabei jedoch nicht schöne Frauen in unserer Gesellschaft haben: sie sind Exotinnen, Randphänomene, etwas, was sein kann, aber nicht sein soll, Frauen auf Abwegen, die intuitiv spüren, dass sie das soziokulturelle Ideal verfehlen. Ist eine Frau nicht schön, ist Polen verloren. Eine Frau kann - so werden wir unterbewusst erzogen - für ihr Schicksal nichts: ist sie schön, kommt sie der Prinz holen, ist sie nicht schön, kann sie bei Schlecker arbeiten, wo sie keiner sieht. Ein Mann, jeder Mann, jeder Faulpelz, jeder Verbrecher und jeder Alkoholiker kann durch eine glückliche Fügung zum Multimillionär werden, und so das soziokulturelle Ideal doch noch erreichen. Es gibt keine hoffnungslose Situation für den Mann.

Was folgt, ist eiskalte Berechnung, Mathematik des Grauens. Eine Frau kann aus eigener Kraft für ihr Glück nichts tun, also lässt sie es ganz. Ist sie schön, investiert sie in ihr Leben nichts (Null), und erhält den Erfolg (1) umsonst. Ist sie nicht schön, investiert sie, sofern sie sich nicht für eine gesellschaftlich eher unerwünschte Lebensführung entscheidet, ebenfalls nichts, und bekommt auch nichts zurück. Die Lebensformel der Frau lautet: 0 (eigene Investition) + 1 (Erfolg durch Schönheit) = 1 (Erreichen des soziokulturellen Glücksideals), oder 0 (eigene Investition) + 0 (Misserfolg durch fehlende Schönheit) = 0 (nichts gegeben, nichts erhalten). Der Mann kann wie der einfältige Iwan aus dem russischen Märchen sein Leben lang auf der faulen Haut liegen, um schließlich durch eine Heldentat unsagbar reich zu werden und die schöne Wassilissa zu heiraten. Ja, Glück gehört dazu, aber zu einer Heldentat gehört zunächst Mut und Kühnheit, sprich eine aktive Investition ins eigene Glück. Der gewöhnliche Mann investiert nicht durch eine einzelne Heldentat, sondern durch jahrelange mühevolle Arbeit in sein Glück. Dabei kann er es erreichen oder verfehlen. Somit ergibt sich die Formel für den Mann: -1 (Minus 1, weil die eigene Investition ein Geben, und kein Nehmen ist) + 1 (Erfolg durch eigene Hartnäckigkeit und glückliches Gelingen) = 0 (das Erreichen des soziokulturellen Glücksideals erweist sich als eine Nullnummer: die Welt verteilt ihm keine Schönheitspreise - wenn er sein Ziel erreicht, so ist es nur das Resultat seiner Lebensarbeit), oder -1 (eigene Investition) + 0 (Misserfolg durch Scheitern und fehlendes Glück) = -1 (alles gegeben, und doch verloren). Der Mann ist als Lebensform eindeutig im Nachteil. Dass hier von Idealtypen ausgegangen wurde, versteht sich von selbst.



Nebenbey: Anmerkationen


Rein biologistisch kann er nur sinnvoll erscheinen, wenn Frauen Männer attraktiv finden, doch ästhetisch ist es eine Katastrophe: wie kann man ernsthaft jemanden begehren oder lieben, der größer, stärker und gröber ist, als man selbst? Wenn der starke Mann die schöne Frau, die er begehrt, endlich im Arm hält und küsst, so kann jedes empfindende Wesen das Glück des Mannes nachvollziehen, - sobald man aber denkt, dass auch die schöne Frau diesen Kuss genießt, dreht sich einem der Magen um. Es könnte jedoch sein, dass die schöne Frau gar nicht so geschmacksverirrt ist, wie es in diesem Fall scheint, ja es ist sogar sehr wahrscheinlich, dass sie nur sich selbst genießt, wobei sie den Mann als Mittel zu diesem Zwecke gebraucht: wenn die zarteste Schönheit bloß deine eigene ist, kannst du sie nicht sinnlich genießen, denn das Objekt dieses Genusses muss dir von Außen gegeben werden, und so genießt die Frau sich selbst durch den Mann.

Eine Liebesgeschichte mit einer Frau als Hauptperson kann nur banal sein, wenn sie einen Mann liebt, und daran kann keine Dramaturgie etwas im Wesentlichen ändern. Liebt eine Frau eine andere Frau, so erscheint die banalste Geschichte - etwa zwei Mädchen auf einer Klassenfahrt beim Zelten, und die Nacht, in der sie feststellen, ungeahnte Gefühle füreinander zu empfinden - erhebend und entzückend. Eine (auch physisch) enge Männerfreundschaft, aufopferungsvolles Füreinanderdasein, Nähe der starken Arme und unerschrockenen Herzen, wirkt ebenfalls erhebend auf den Betrachter, solange sich kein Verdacht der sexuellen Nähe beimischt. Wird die bewunderswerteste Männerfreundschaft zur homosexuellen Beziehung, sinkt sie sofort in den Rang der Banalitäten herab, und für das Herz und die Moral des Betrachters lässt sich ihr nichts mehr abgewinnen.



Leider: Leere Lehre


Mein Junge, du fühlst dich minderwertig, weil du keine Frau hast, zerbrichst dir den Kopf, wie du eine bekommst, zerstörst dich selbst durch die Fixierung deines Lebens auf das Eine, wirfst die Zeit deines Lebens und mit der Arbeit, die du verabscheust, verdientes Geld einer Beliebigen zu Füßen. Du studierst verbissen Balzratgeber, anstatt dich charakterlich zu entwickeln, und dir eine emotionale Basis für eine von Innen kommende, nicht von äußeren Umständen abhängende Lebensfreude zu errichten, - Millionen sind wie du, und du siehst ihnen täglich beim Scheitern zu, und dir bleibt nicht verborgen, wie viele von Ihnen in die Drogensucht abdriften oder sich erhängen. Doch deine Tragödie besteht nicht darin, dass du meine weisen Worte und klugen Belehrungen nicht versteht, - du verstehst sie gut, und würdest sie gern befolgen, aber sie können für dich nicht mehr sein, als eine von Außen an dich herangetragene Lebenshaltung, die nicht aus den Tiefen deiner Selbst kommt, für die du charakterlich noch nicht reif genug bist, und die du letztlich nur verwerfen kannst, denn das, was du - auf der Stufe deiner Entwicklung, auf der du jetzt stehst - wirklich willst, ist der Erfolg bei deinen Balzgeschäften, und nichts anderes.



Antiwille: Aktion = Reaktion


Würden Männer schwanger werden, so gäbe es fast keine Abtreibungen: ein Mann, der das Kind will, weiß, was er will, und gut ist. Ein Mann, der kein Kind will, würde todsicher verhüten. Leider werden Frauen schwanger, und sie lassen es fahrlässig bis mutwillig dazu kommen, ohne überhaupt erst zu wissen, ob sie ein Kind wollen. Keine Frau darf zu einer Schwangerschaft gezwungen werden - das versteht sich von selbst. Doch vom selben Selbst versteht es sich, dass auch keine Frau mit einem Ungeborenen Spielchen spielen darf: auch ein ungeborener Mensch ist kein Spielzeug.

Spielchen gibt es viele. Da sitzt dieser Backfisch, kaum 15, in einer Diskothek, und geizt nicht mit Reizen, kokettiert mit einem miesen gewalttätigen Arschloch dort drüben, vor dem die Göre nicht zu knapp gewarnt worden ist. Aber sie lässt es darauf ankommen: vielleicht Vergewaltigung, maybe baby. Weininger würde sofort seine gnadenlose Dichotomie Willenwesen Mann - ichloses Wein aufziehen, aber wir wollen nicht so weit gehen, zumindest nicht heute, wo das Wetter so schön ist, morgen vielleicht. Beiseite Spaß: es gibt offenbar in der menschlichen Psyche einen Gegenspieler des Willens, der - das wäre zu einfach - gerade nicht immer das Gegenteil dessen anstrebt, was der Wille für sein erklärt.

Was ist der Antiwille? Er ist kein Wille, er ist der Nichtwille, ein Wedernoch, ein Fahrenlassen. Je intensiver sich ein Kriminalist mit Sexualverbrechen befasst, umso stärker wird das Böse in ihm, wobei es an Schwachsinn grenzte, anzunehmen, er würde durch die neu entdeckten Möglichkeiten sexuellen Genusses zum Verbrechen stimuliert werden: wenn die Anlage zur Ausübung sexueller Gewalt da ist, braucht sie keine Lektion, sondern nur ein leichtes Opfer. Die Abneigung gegen das Sexualverbrechen behält der Kriminalist bis zum Ende seiner Tage, er wird mit Opfern mitfühlen, und die Todesstrafe für Verbrecher wollen. Der Antiwille in ihm wird es ihm freilich nicht so leicht machen: er wird den Kriminalisten dazu bringen, das Verbrechen insgeheim zu bewundern, es herbeizusehen; der Antiwille wird dem Willen nicht die Stirn bieten, sondern ihn umschmiegen, verführen, ihm seinen Willenscharakter nehmen. Nein, auch Männer würden, wenn es ihnen möglich wäre, schwanger zu werden, mit dem Ungeborenen wie mit einem Spielzeug umgehen, denn überall dort, wo Verantwortung ist, ist auch der Unwille zur Verantwortung, das lauwarme weiche feuchte Vielleicht.



Kohle und SM: Crunchy Nutt


Ein Mann, der eine Frau - ob Freundin oder Ehefrau - misshandelt, ist ein Verbrecher, oder? Nicht wenn er reich ist, will uns offenbar ein ach so phantasievoller Roman sagen. Wie bitte? Ob etwas ein widerliches Verbrechen oder guter Sex ist, hängt davon ab, wie reich der Mann ist? Genau. Wenn diese Denkungsart Feminismus ist, dann der Bodensatz dieses Denkgebäudes; wenn dieser Schwachsinn antifeministisch sein soll - politisch inkorrekt sein ist ja derzeit in Mode - , dann bin ich Radikalfeminist.

Geld ist Geld, Sex ist Sex, und BDSM ist BDSM, eine durchaus bewusstseinserweiternde Art, Sex zu treiben. Doch wie nuttig wird es, wenn der Mann, als Entschuldigung dafür, gemeine Sachen einer Frau anzutun, unbedingt reich sein muss? Ein armer Schlucker darf sowas nicht - warum nicht? Ist es nicht ein Roman, eine Phantasiegeschichte? Ja, schon, aber wie erklärt man dem Leser, dass ein Mann so etwas darf, wo doch der Mann in dieser Gesellschaft gerade nichts darf? Nuttentum macht jede Art von Sex kaputt, insbesondere eine so sensible Art wie BDSM.

http://www.heise.de/tp/artikel/37/37223/1.html



XVI. Thymos


Erinnern wir uns, dass die Liebe bei Weininger keusch ist. Und dass die Summe der Winkel in einem Dreieck im euklidischen Raum für Weininger 180 Grad beträgt, - der Zusatz "für Weininger" soll nichts relativieren, sondern die gesagte Wahrheit als Weiningers Erkenntnis würdigen. Der Liebende setzt sein Ich-Ideal in die Geliebte, verleiht ihr einen absoluten Wert. Liebe ist thymotisch, "stolzhaft", eine Tathandlung wie aus Sloterdijks "Zorn und Zeit". Sexualität ist hingegen erotisch, begierig, bedürftig, "will was" von ihrem Objekt.

Liebe gibt, Sexualität nimmt. Deshalb ist es eine schockierende Infamie für einen Verliebten, wenn man ihm unterstellt, das Objekt seiner Liebe angebaggert zu haben. Er will sie nicht ins Bett kriegen, er will sie in den Himmel hochheben. Ungefragt? Gewiss. Aber Liebe ist Projektion, - erstens projiziert der Liebende seine Geliebte für sich in den Himmel, d. h. er hat es immer nur mit einer Projektion, mit einem Idealbild von ihr zu tun, das er selbst erschafft, dadurch, dass er sein Ich-Ideal in sie setzt, und zweitens findet diese Projektion nur in seinem Kopf statt, und stört die Geliebte nicht beim Ausführen ihrer täglichen Belanglosigkeiten.

Man kann sich sogar in eine nicht physisch existierende Person verlieben - in eine Romanfigur (ich verliebte mich als Kind darüber hinaus gar in ein bloß schematisch dargestelltes Mädchen aus einem Lehrbuch), in eine Theaterrolle (wohlgemerkt unabhängig von der Person, und sehr wohl abhängig von der Kunst der Schauspielerin), in ein Lächeln von einem Poster oder Plakat. Als thymotische, "gebende", "stolzhafte" Handlung ist die Liebe zwar nicht solipsistisch, denn ein Anstoß von Außen ist für sie konstitutiv, aber durchaus unabhängig von der Außenwelt, in die sie sich zwar soweit traut, wie die Außenwelt es zulässt und ermöglicht, aber auch gänzlich ohne Äußerung bestehen könnte.



XVII. Der Mann als Verbrecher


Das Verbrechen ist männlich: unabhängig von der vorherrschenden Ideologie in einer zu einer bestimmten Zeit existierenden Gesellschaft lässt sich feststellen, dass die Zurordnungen Verbrecher = männlich/Opfer = weiblich, und hieraus folgend Mann = Täter/Frau = Opfer stets der gesunden Inuituion entsprochen haben, und deshalb nie schwer durchzusetzen waren. Wer sich als Leistung anrechnet, ein uraltes Klischee ins allgemeine Bewusstsein gerufen zu haben, muss ein Hochstapler oder Radikalfemist sein. Die Frage, weshalb die Intuition solche Ansichten begüngstigt, ist indes interessant. Weininger bemerkt bezüglich des Unsinns von Kriminalstatistiken: "Ich habe schon die Notwendigkeit der Distinktion zwischen amoralischem und antimoralischem Verhalten betont, und wiederhole, daß nur von ersterem, welches eben gar keinen Sinn für die Moral und gar keine Richtung mit Bezug auf dieselbe involviert, beim echten Weibe die Rede sein kann. Es ist eine aus der Kriminalstatistik wie aus dem täglichen Leben wohlbekannte Tatsache, daß von Frauen unvergleichlich weniger Verbrechen begangen werden als von Männern. Auf diese Tatsache berufen sich denn auch immer die geschäftigen Apologeten der Sittenreinheit des Weibes".

Treibt man alle deutschen Knackis zusammen, ergibt sich eine Kleinstadt wie Lüneburg mit etwa 60000 Einwohnern. Während jedoch im echten Lüneburg knapp über 50% der Bevölkerung weiblich sind, wären es in Knastheim gerade 5%. Woran liegt das? Das Verbrechen ist männlich: "Kein Verbrecher hat noch wirklich geglaubt, daß ihm Unrecht geschehen sei durch die Strafe; die Frau

hingegen ist überzeugt von der Böswilligkeit ihrer Ankläger; und, wenn sie nicht will, kann ihr niemand beweisen, daß sie Unrecht getan habe. Wenn ihr jemand zuredet, so kommt es freilich oft vor, daß sie in Tränen ausbricht, um Verzeihung bittet und »ihr Unrecht einsieht«, ja wirklich glaubt, dieses Unrecht aufrichtig zu fühlen; aber immer nur, wenn sie dazu Lust empfunden hat; denn diese Auflösung im Weinen bereitet ihr stets ein gewisses wollüstiges Vergnügen. Der Verbrecher ist verstockt, er läßt sich nicht im Nu umdrehen, wie der scheinbare Trotz einer Frau in ein ebenso scheinbares Schuldgefühl sich verkehren läßt, wenn der Ankläger sie entsprechend zu behandeln versteht". Der Mann hat, so Weninger, einen Begriff der Schuld, und kann sich dem Schuldspruch des Gesetzes nicht entziehen, sondern feigstenfalls vor dem Gesetz weglaufen: "...er geht vielmehr dem Gedanken des Rechtes hastig aus dem Wege, weil es ihn an seine Schuld erinnern könnte: und hier liegt auch der Beweis, daß er ein Verhältnis zur Idee hatte, und nur an seine Untreue gegen sein besseres Selbst nicht erinnert werden will".

Die Frau könne prinzipiell keine Verbrecherin sein, denn sie fühle sich immer im Recht: "Das Weib hingegen behauptet oft im vollen Rechte zu sein, wenn es die denkbar größte Gemeinheit begangen hat; während der echte Verbrecher stumpfsinnig auf alle Vorwürfe schweigt, kann eine Frau empört ihrer Verwunderung und Entrüstung darüber Ausdruck geben, daß man ihr gutes Recht, so oder so zu handeln, in Zweifel ziehe". Das subjektive Gefühl, im Recht zu sein, auch wenn er ein Unrecht begeht, kennt auch der Mann, aber, so Weininger, der Mann hat ein Begriff des Rechts über das Gefühl hinaus, und kann objektiv einsehen, dass er im Unrecht ist. Nur wer das Recht begrifflich erfassen kann, ist auch schuldfähig. So schließt Weininger diese Passage mit: "Ich behaupte also nicht, daß die Frau böse, antimoralisch ist; ich behaupte, daß sie vielmehr böse gar nie sein kann; sie ist nur amoralisch, gemein". Man sieht, auch so lassen sich die eingebildete Unschuld der Frau und die zu weiblichen Gunsten ausfallenden Kriminalstatistiken deuten. Weiningers Ansatz ist weitaus anspruchsvoller, als das primitive Gerede vom asozialen, aggressiven und gewalttätigen Mann, denn wäre der Mann an sich ein solches Monstrum, so könnte der Verbrecher gar nicht vom Nichtverbrecher unterschieden werden, und folglich säße kein Mann deshalb im Gefängnis, »weil Männer nunmal so gewalttätig sind«. Während der intuitive Ansatz des Alltagsverstandes wie der radikalfeministische Ansatz, der nur die billigsten Klischees vereinfacht und übertreibt, offensichtlich männerfeindlich ist, ist Weininger keineswegs frauenfeindlich, denn für ihn hat nur das "ideale Weib" kein Rechtsbewusstsein, und nicht die empirische Frau, d. h. während der moderne Gutmensch jeden Mann in Sippenhaft für alles Böse auf dieser Welt nimmt, lässt Weininger der Frau jede Menge Spielraum, selbst angesichts seiner aus weiblicher Sicht ziemlich trostlosen Metaphysik.



Oh: Erotoman


Der Erotoman ist nicht der "liebeswahnsinnige" Franzos, und auch nicht der immergeile Hypersexuelle, nein, im 21. Jahrhundert bedeutet dieses Wort, in Anlehnung an eine legendäre russische Erotik-Seite, dass jemand ganz in Ruhe einen Tee trinkt, und dabei erotische - nicht pornografische - Galerien im Internet anschaut. Das Paradigma des Galerien-Erotomans basiert darauf, dass der Mensch ein Augentier ist. Ein Blick genügt, und alle anderen sinnlichen Eigenschaften eines Objekts der Sinne werden automatisch mitkonstruiert. Nun ist die Frau evolutionsgeschichtlich so alt wie der Mann, und weiß, dass ihrer sexuellen Attraktivität beim Manne die Maskulinität der Erscheinung entspricht, sinnliche Schönheit aber inkommensurabel ist: es gibt keine männliche Entsprechung einer schönen Frau. Die Frau gebietet über das Material der Sinne, der Mann aber, als Arbeiter am Begriff, kann dieses Material nur zufällig empfangen, und nicht selbst herstellen. So ist das größte Genie sinnlich auf einen Backfisch angewiesen, denn ohne das Material der Anschauung ist die Objektseite leer. Der Erotoman verfügt nun über eine Selbstdisziplin, die ihm ermöglicht, nicht am sinnlichen Material zugrunde zu gehen, sondern dieses 1) am versinnlichten Ideal zu prüfen, 2) in seiner vollen Zeitlichkeit vorzustellen, 3) mit anderem sinnlichen Material zu kombinieren. Sieht ein Erotoman eine hübsche Frau, so denkt er nicht gleich: "Oh, welch eine hübsche Frau", sondern vergleicht das sinnliche Material mit der eigenselbstlich auf den Begriff gebrachten Sinnlichkeit, womit er a) von der konkreten Frau abstrahiert, und b) sie somit als Menschen sieht, und nicht als bloßes Objekt der Sinne. Wer den Umweg der Reflexion nicht nötig zu haben glaubt, kann sich ja vorlügen, nicht ständiig geil zu sein, - seine Selbstdisziplin ist jedoch stets nur Zwang, und niemals Ruhe und Weisheit. Was bringt eine ruhige Hand, wenn das Auge keine Ruhe kennt?



XVIII. Ich und Moralität im Kommunismus


Moralität ist das Verhältnis zwischen dem empirischen und dem transzendentalen Ich. So gibt es auch für Weininger nur Pflichten gegen sich selbst (eine später für Wittgenstein grundlegende Erkenntnis: selbst im Solipsismus verliert das Moralische keineswegs seine Bedeutung, denn Moralität ist ein inneres, kein äußeres Verhältnis). Wenn jemandem das moralische Urteil abgenommen wird, und er nur Befehle von Außen empfängt, anstatt auf sein Gewissen zu hören, kann er nicht moralisch handeln (und die Frage, ob er gut handelte, wäre sinnlos), sprich nicht in einem Verhältnis zu seinem transzendentalen Ich stehen. Er kann sich auch nicht verlieben, denn er steht in keiner Beziehung zu seinem Ich-Ideal. Die hier hypothetisch angenommenen Zustände hatten durchaus historische Realität, und zwar in den kommunistischen Diktaturen des Ostblocks. Wohlgemerkt, nicht alle Totalitarismen standen für moralische Entmündigung: manche realisierten die Unfreiheit auf anderen Wegen.

Der Kommunismus und die tradierte Buchreligion hatten einen transzendenten Vater an der Spitze (den allmächtigen Gott oder den Führer, der von sich in der dritten Person sprach, sprich Genosse Stalin statt ich zu sich sagte), und ein unter einer universalistischen Idee gewaltsam vereinheitlichtes Volk. Die schrecklichste Sünde war, ein Ich zu haben; die Menschen wurden "enticht" bzw. im wörtlichen Sinn demoralisiert. Der Nationalsozialismus hatte ein Muttersöhnchen an der Spitze, einen verweiblichten Führer, der einen Mutterkult betrieb. Die Gattung, nicht die Idee stand über allem, weshalb der Nationalsozialismus sektiererisch, und nicht universalistisch war. Er scheiterte an seinen inneren Widersprüchen, nicht an der militärischen Macht seiner Gegner, denn er hätte auch in anderen Ländern entstehen können, die größer und militärisch mit besseren Rahmenbedingungen ausgestattet waren, als das Deutsche Reich. Der enorme Erfolg der nationalsozialistischen Gesellschaft (Aufbruchstimmung, Blitzkriege mit schnellen Siegen) ließe sich dadurch erklären, dass das Volk nicht "enticht" wurde, sondern aus freien Stücken die Ideologie lebte. Natürlich handelte es sich um eine Diktatur, um kein "freies Volk", und dennoch war der relative Entichungsgrad an der Basis erheblich geringer als im Kommunismus. Die übergeschnappten Iche vollbrachten große und schrechliche Taten für die Gattung, während die kommunistischen Völker bloßes Material waren, das der Führer nach der Idee formte und entwickelte. Die übersteigerte Ichhaftigkeit an der Basis und das Fehlen einer universalistischen Idee verurteilten den Nationalsozialismus zum schnellen und schillernden Untergang. Nur eine universalistische Ideologie konnte mit der freien Gesellschaft in Konkurrenz treten, und so scheiterte der Kommunismus nicht als Ideologie, sondern überlebte sich durch die apathische Erschöpfung an der Basis, den "Massen-Burnout" um modern zu sprechen.



An sich: für mich


Weininger kennt nur die eine oben ausführlich dargestellte Figur: das Verlieben als ein Setzen des Ich-Ideals in die geliebte Person. Und diese ist oft "nur ein Backfisch" wie Weininger so sagt, sie kann mit dieser Liebe gar nichts anfangen, diese Liebe sagt ihr nichts. Die Geliebte ist in diesem Verhältnis ein Mädchen nur an sich, aber nicht für sich, - sie ist als Mädchen nicht in sich reflektiert. Und so auch bei Weininger: eine möglichst glatte Benutzeroberfläche, die das Ich-Ideal nicht daran hindert, von ihr zum empirischen Ich des Verliebten zurückzuscheinen. Das Mädchen muss jung und unschuldig sein, und das ist weitaus wichtiger, als Schönheit: man erlebt es nur zu oft, dass man sich fragt, was der gute Freund an diesem lustig, aber keineswegs hübsch ausschauenden Mädchen denn findet. Es geht darum, was er in, besser: an ihr nicht findet, nämlich ein Hindernis, eine Störung, eine Verschmutzung der Benutzeroberfläche für die Projektion seines transzendentalen Ich.

Das bloß ansichseiende Mädchen ist also eine beliebige Projektionsfläche, und eine 14-Jährige, die mit großer Wahrscheinlichkeit noch keinen Sex hatte, ist viel geeigneter als eine 16-Jährige, und noch besser ist die kindliche 12-Jährige, doch irgendwann wird es zu kindisch, und die Niedlichkeitsperfektionierung bricht abrupt ab. Dies ist der gesuchte Hinweis darauf, dass das ansichseiende Mädchen nicht Mädchen genug ist, denn das Mädchen ist nicht nur an sich, sondern auch für mich, wenn ich verliebt bin, also in meiner Vorstellung bereits ein Reflektiertes, Konkretes, Festes, nur ist sie all dies noch nicht für sich selbst. Das Verlieben fordert also ein anderes Objekt, und in dieser Forderung greift es über bloße Projektion hinaus, d h. der Verliebte will die Person selbst lieben, kann aber nur sich selbst in ihr lieben, solange sie nur an sich und nicht für sich ist, sprich nicht in sich reflektiert ist. Erfordert das in sich Reflektiertsein, das Fürsichsein, ein Ich? Bei Menschen schon.



Definition: Liebe


Definieren bedeutet begrenzen. Wenn ich sage, dass ich ein bestimmtes Mädchen liebe, schließe ich damit aus, dass ich zugleich noch andere Mädchen liebe. Romantische, sprich ich-gemäße Liebe bedeutet, eine bestimmte Person exklusiv zu lieben.

Liebe ist keusch. Sie will ihr Objekt nicht verzehren, sie ist, im Gegenteil, an der Unveränderlichkeit ihres Objekts interessiert. Die Begierde will verzehren, und kann deswegen nicht exklusiv sein, denn Verzehrtes ist verzehrt, die Begierde aber erneuert sich wieder, und will ein neues Objekt. Weil sexuelle Begierde nicht exklusiv sein kann, gibt es keine erotische Liebe; eine sexuelle Liebe ist ein hölzernes Eisen.

Begierde kann sich zu einem bestimmten Zeitpunkt nur auf ein Objekt stürzen (so wird selbst in einer Massenorgie letztlich nur ein Objekt bewusst vernascht, während die anderen Körper nur zusätzlich für Stimmung sorgen), ist deswegen aber nicht exklusiv: im reflektierten Moment, dem nicht unmittelbaren, sondern durch das Selbstbewusstsein vermittelten Jetzt weiß ich immer, dass ich potentiell alle Frauen begehre, die der Frau, die ich im Augenblick begehre, ähnlich sind, oder sie an begrehrenswerten Eigenschaften übersteigen.



Megamind: Film und Wirklichkeit


Der klassische Held im Film ist der Gute, der Schurke ist entsprechend böse. Wenige Filme zeigen einen Schurken, der eigentlich ein guter Mensch war, aber durch Schicksalsschläge auf einen falschen Weg geleitet wurde. Einige Filme zeigen einen Schurken, der in Wahrheit ein Held ist, so der lustige Zeichentrickfilm "Megamind" (2010). Das Moralische aber ist das Entscheidende, egal aus welcher Perspektive eine Geschichte gezeigt wird, und welche Botschaft beim Zuschauer ankommen soll.

Der unbefangene Zuschauer im Kino fiebert zunächst mit dem Guten mit. Meist sind aber Filmcharaktere, die die Guten sein sollen, so flach gezeichnet, und deren Moral so primitiv oder gar verlogen, dass der Zuschauer beginnt, für den Bösen zu sein: dieser steht wenigstens dazu, nicht der Gute zu sein, und das macht ihn im Gegensatz zum scheinheiligen Helden sympathisch. So musste der Typus des Antihelden entstehen: ein desillusionierter Held, dem keine Moral moralisch genug ist, und der für nichts mehr kämpft, sondern nur noch gegen etwas - gegen die Heuchelei.

Der Gute ist derjenige, der von der Frau in der Hauptrolle geliebt wird. Die weibliche Hauptperson ist oft der moralische Richter, und ihre Liebe das moralische Urteil. Der Böse, denn sie verabscheut, und dem gegenüber der Gute zunächst wohlwollend gleichgültig ist, ist in der Regel in die weibliche Hauptperson verliebt, und versucht, mit allen Mitteln ihre Liebe zu gewinnen. Der Gute ist meist auch in die Frau verliebt, aber sie ist ihm nicht das höchste Ziel. Vortrefflich! Der Gute liegt der Frau nicht zu Füßen, er ist von ihrer Gunst nicht abhängig. Genau diese Eigenschaft macht ihn für die Frau so attraktiv, und eben nicht seine moralische Güte. Dies ist prinzipiell so, weil die weibliche Hauptperson ja erst selbst darüber entscheidet, wer der Gute ist, - und ihr Urteil ist für den affirmativen Zuschauer verbindlich.

Wenn der Zuschauer den Erfolg eines Helden oder Schurken bei Frauen mit moralischen Kategorien bewertet - als hätte der Gute Erfolg bei Frauen, weil diese herzensgut seien, oder als würden Frauen die Guten verachten, weil Bad Boys attraktiver seien - , hat er den Köder gefressen. Der Held im Film wird erst dadurch gut, dass die weibliche Hauptperson ihn liebt, und nur wenige Zuschauer beurteilen seine Handlungen moralisch objektiv, ohne sich von den im Film bereits mitschwingenden Wertungen beeinflussen zu lassen. Sind Filme nun Märchengeschichten, Illusionen, oder vielmehr die auf den Punkt gebrachte Wirklichkeit? Wahrheit, nicht Wirklichkeit. Und diese drückt Weininger so aus: "Ich behaupte also nicht, daß die Frau böse, antimoralisch ist; ich behaupte, daß sie vielmehr böse gar nie sein kann; sie ist nur amoralisch, gemein".

Ob die Frau amoralisch, sprich weder gut noch böse, sondern jenseits der Moral ist, soll hier nicht diskutiert werden. Aber auch nicht, ob die Frau den Mann nach moralischen Kategorien anziehend oder abstoßend findet, denn dass moralische Kategorien hierbei überhaupt keine Rolle spielen, ist unbestritten. Weil aber im Film wie in der Wirklichkeit das Werturteil über eine Person stets moralischer Art ist, wird der der Frau gefallende Mann im Nachhinein zum Guten stilisiert, und der der Frau nicht gefallende Mann zum Bösen verdammt.



XIX. Ein besserer Kantianer als Kant


In der "Metaphysik der Sitten" enttäuscht Kant den moralisch nicht-indifferenten Leser, indem er viele moralisch relevanten Fälle menschlichen Miteinanders in den feucht-schwülen Schoß der Natur zurückschickt. Dabei sagt derselbe Kant in demselben Buch, dass sich der Mensch selbst zu vervollkommnen habe, sprich sich von seiner triebhaften Natur emanzipieren und immer geistiger werden soll.

Die Natur ist amoralisch, warum soll sich also die Moral um die Natur sorgen? Kant erlaubt Sexualität nur in der Ehe, aber er erlaubt sie, denn ohne Unzucht keine Menschenzucht. In der Sexualität wird nicht bloß ein veräußerlicher Teil einer Person als Ding behandelt, sondern die Person selbst, denn man hat nicht Sex mit einem Körper, sondern immer mit einem Menschen. Das "auf dingliche Art persönliche Recht" überschreitet also bei der Sexualität auch in der Ehe die Grenzen des moralisch Erlaubten. Eine menschliche Person ist niemals als bloßes Mittel zum Zweck, als Ding zu behandeln, heißt das moralische Universalgesetz. Weininger ist konsequent: "Also widerspricht der Koitus in jedem Falle der Idee der Menschheit; nicht weil Askese Pflicht ist, sondern vor allem, weil das Weib in ihm Objekt, Sache werden will, und der Mann ihm hier wirklich den Gefallen tut, es nur als Ding, nicht als lebenden Menschen, mit inneren, psychischen Vorgängen anzusehen". Kant leider nicht.



Sage: Alles Käufliche ist billig


Die dekadenten Europäer schimpfen schon seit Jahren auf die puritanischen Amerikaner, und der Stein des Schimpfstoßes ist die Twilight-Saga einer dubios-religiösen Autorin. Was ist das Problem unserer Landsleute, was bringt unsere Kontinentalaffen auf die Palme? Dass die Puritaner eine "strenge" Sexualmoral predigen, z. B. Sex nur in der Ehe, und auch da anständig, sprich ohne übertriebene Sauerei. Was jedoch nur die Quantität eines Lasters vermehrt oder verringert, darf sich nicht Moral nennen. Alle Moral ist ein innerer Wert, keine äußerliche Vorschrift. Für die Amis ist eine Schlampe, die sich teuer verkauft, eben keine billige Nutte mehr, die sich billig verkauft. Das ist die ganze "Moral". Die Europäer stoßen sich nicht an der grundsätzlichen Falschheit (weil Amoralität) dieser heuchlerischen Sexualethik, sondern daran, dass nicht jedes Verhalten gleich bewertet wird: es gibt den anständigen Kerl und den Dreckskerl, die tugendhafte und die verdorbene Frau, und dieser Unterschied wird auf der Ostseite des Atlantiks übel genommen, nicht weil er ein falscher Unterschied ist, sondern weil überhaupt ein Unterschied gemacht wird.



Achtung: Konsequentialistischer Imperativ


Auf die Frage, warum Prostitution grundsätzlich verwerflich sei, antwortete ich Esel noch vor Kurzem, mich auf den kategorischen Imperativ berufend: kannst du denn die von dir behauptete grundsätzliche Vertretbarkeit von Prostitution so verallgemeinern, dass du wollen können müsstest, dass auch deine Schwester oder deine Tochter sich prostituierte? Dieses Beispiel trifft den Begriff nicht. Noch ein Beispiel: wenn alle schwul wären, würden bald alle aussterben, und keiner mehr schwul sein können, also kann man als Schwuler nicht wollen, dass alle schwul sind, und damit muss man auch sein eigenes Schwulsein konsequenterweise ablehnen.

Weininger irrte nicht, als er davon sprach, dass es egal sei, wenn die Menschheit infolge moralisch gebotener Keuschheit ausstürbe. Kants kategorischer Imperativ: "Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde" ist nicht als eine Anleitung, an die Folgen einer Handlung zu denken, zu verstehen. "Darum kann es auch nicht sittliche Pflicht sein, für die Fortdauer der Gattung zu sorgen, wie man das so oft behaupten hört", wusste Weininger. Wenn die physischen Mittel zum Fortbestehen der Menschheit den Begriff der Menschheit vernichten, dann ist es ein kategorischer Imperativ, sich dieser Mittel zu enthalten.

 
 

Kommentare zu diesem Text


Dieter_Rotmund
Kommentar von Dieter_Rotmund (30.07.2018)
Ochnö, Jack, jetzt sitzt Du schon wieder diesem beknackten Weiniger auf! Das ist einfach nur ein misogyner Spinner, echt jetzt! :-o
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Jack meinte dazu am 30.07.2018:
In dieser satirischen Rezension von 2011-2012 vertrete ich übrigens hin und wieder dieselbe Ansicht wie in deinem Kommentar.
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Dieter_Rotmund antwortete darauf am 30.07.2018:
Ach so, ja? Gut zu hören!
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Kommentar von Sin (30.07.2018)
Ich gebe ja zu: Als ich in den 80igern Renate Rasp (Chinchilla) las, war ich auch reichlich desillusioniert. Aber meine weiteren Erfahrungen haben gezeigt, dass die Autorin Rasp in der Frauenwelt so gut wie unbekannt war. Bei Herrn Weniger wird es noch schlimmer sein. Insofern ist doch alles in bester Ordnung. :-) LG Sin
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Jack schrieb daraufhin am 31.07.2018:
"Insofern ist doch alles in bester Ordnung. :-)"

Das klingt nach dem Teufel bei Dostojewskij: Die Menschen sind eigentlich so glücklich, nur wissen sie es nicht, insofern ist doch alles in bester Ordnung.

Die meisten Männer sind SIMPs (sucker(s) idealizing mediocre pussy), Manginas, schwanzgesteuerte Deppen, und sie rennen mit dem falschen Frauenbild, das ihnen unsere Kultur vermittelt, mit jeder Generation aufs Neue in ihr Unglück. Was mir mit der Zeit immer egaler wird. Irgendwann hört das Mitleid auf bei so viel Idiotie.

Renate Rasp kannte ich nicht. Eine Erziehungskritikerin, die mit sadomasochistischer Literatur Sympathien verspielt haben soll: klingt interessant.
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toltec-head
Kommentar von toltec-head (14.09.2018)
Being one with the Ocean.

Mythische Worte von Jack, bevor er sich von einem Dampfer in das Nordmeer schmiss: Eine sehr, sehr schmerzhafte Wandlung zur Frau steht an :):):)
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Jack äußerte darauf am 14.09.2018:
Sollte ich mich in den Ozean schmeißen, wäre der Monodialog folgend:

- To be, or not to be: that is the question.
- The question is: what is the question?

Nicht eins sein mit irgendwas, auf keinen Fall! Dihairesis, Zertrennung, das Setzen absoluten Unterschieds bis zur Selbstvernichtung. Frauen gibt es mehr als genug. Aber Männer, von denen gibt es, so leid es mir tut, womöglich nur zwei; Gott ist der zweite.
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InhaltsverzeichnisZynisch-gruseliger Essay über den Suizid
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