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IntroInhaltsverzeichnisNancy

Clarisse

Roman zum Thema Magie


von Nismion

Sie genoss es, den Wind ihren Flügeln zu spüren. Denn ebenso war das Erscheinen lassen der Flügel, verboten. Sie hatte es erst ein paar mal in jungen Jahren gemacht.

Ihre Flügel waren das Heiligste der Elfe. Sie färbten sich im Ton ihrer inneren Stimmung und waren genau so verletzlich wie das Innere selbst. Kam Schaden an ihre Flügel, so zog es sich in die ganze Existenz. Verlor sie ihre Flügel, so verlor sie ihre Macht und unter Umständen sogar ihr Leben. Durch die Flügel aber, konnte sie wie mit Antennen, mit der Natur sprechen und ihre innere Macht in die äußere Welt entlassen.

Sicher konnte sie auch so zaubern. Aber das führte nur zu kleinen Kunststückchen. Für die große Magie ihres Volkes brauchte sie ihre Flügel.

Es gab auch andere Elfen. Welche ohne Flügel, dafür mit magischem Nebel. Andere, die nur im Wasser und wieder solche, die nur in der Luft leben konnten. So, wie die Natur ihre eigenen Regeln im jeweiligen Bereich hatte, ebenso viele Elfen gab es, die die Sprache eben Jener beherrschten. Sie selber gehörte einem Zwischenstamm an. Sowohl Wasser als auch Luft. Sie konnte sich in jedem Element bewegen. Ja, sogar im Feuer.

Natürlich gab es nicht nur die guten Elfen. Es gab noch Blutelfen, die einem immer währenden Hunger und Durst versklavt waren. Dieses Volk hier und die Menschen würden innerhalb kürzester Zeit vernichtet sein. Es gab Nachtelfen, Dunkelelfen und Schwarzelfen. Wozu genau diese fähig waren, hatte Alvira nie erfahren und ehrlich gesagt, wollte sie es auch gar nicht.

Sie landete weit oben auf dem Gerüst einer Brücke. Aber dieser Begriff kam diesem Bauwerk nicht mal nahe. Dachte sie an Brücken, so erinnerte sie sich an die Bauwerke aus ihrer Heimat. In Kleinstarbeit geschnitztes Holz, mit Verzierungen verfeinert und als Torbogen der Herrlichkeit über dem Fluss angebracht. Nun, es war hinfällig. Denn Elfen brauchten keine Brücken. Sie waren eins mit der Natur und als solches konnten sie einfach über das Wasser schreiten. Brücken waren in ihrer Welt nur zur reinen Verzierung. Sah sie sich dagegen dieses Monster hier an, so wirkte es mächtig, kollosal und erdrückend. Riesige Stahlseile, ein Bogen aus rostendem Eisen und darunter der Steg aus kaltem Beton. Brücke war eben nicht gleich Brücke, wie es sich offensichtlich zeigte. Überhaupt schien es, als seien ihre Begriffe und die dieser Welt, vom Ursprung gleich, aber dann verschieden weiter entwickelt worden.

Woher sie die Begriffe dieser Welt bekam?

Die Dinge, die Menschen als leblos betrachteten, sprachen zu ihr. Der Stein, das Beton, all das war Masse, die nach Außen Tod und erstarrt aussah. Im Innern aber die Essenz der Existenz besaß. Verwandelt, der Natur Form an Stein, Sand und Wasser entrückt, aber innerlich vom gleichen Feuer, gleicher Magie, wie vom Ursprung einst selbst. Sie war fähig in genau dieses Innere zu lauschen. Die Wahrheit zu erfahren, die mit einfachem Blick nicht mehr offensichtlich war.

Genau diese Überlegung führte sie zu einem ersten Konflikt, der ihre Welt von dieser Unterschied. Das Problem mit den Begriffen. Brücke, vom Aussehen unterschiedlich, vom Zweck ähnlich. Genau so verhielt es sich mit dem Begriff ihres Volkes. Elfen, so nannten die Menschen sie. Vor Jahrzehnten waren es Elben, aber vom Ursprung her Alb und Alben. Die wenigsten Menschen kannten die ersten Begriffe. Sie sprachen noch von Albträumen, aber war dies alleine die letzte Spur, die die Elfen in dieser Welt hinterlassen hatten. Natürlich, nur der Fehl eines Stammes des Volkes der Elfen von damals, der in dieser Welt übrig blieb. Das Gute aber von damals, daran erinnerte sich keine Menschenseele mehr.

War das das Problem dieser Welt?

Das Vergessen an sich? Der verschollene Ursprung, versunkenes Wissen, das die Menschen einst besaßen?

Sie würde es in Gedanken behalten. Vielleicht fanden sich noch mehr Hinweise?

Sie saß nun hier, weit oben auf dem eisernen Gerüst und ließ ihren Blick in die Ferne schweifen. Direkt unter sich, unter diesem Bauwerk, zog sich gischend und spuckend ein breiter Fluss entlang. Ab und an tuckerte ein eiserner Koloss vorbei. Auch er stieß prustend seine Abgase in die freie Natur.. Die Wellen tanzten umher, fingen das Spiel der Sonnenstrahlen glitzernd ein und bildeten einen wankenden Teppich an tausend Funken. Zu beiden Seiten dieses mächtigen Flusses, der die Stadt in zwei Teile zu spalten schien, erneut nur wieder steinerne Bauten.

Aber in mitten dieser ganzen Eindrücke, diesen groben Beschränkungen dieser Welt, wirkte etwas so gar nicht kalt und klar strukturiert. In Entfernung spazierte ein Paar über die Brücke. Hand in Hand und schweigend im Einvernehmen. Auf der anderen Straßenseite aber, da taumelte und schwankte eine junge Frau entlang. Phasenweise blieb sie stehen, schaute über die Brüstung des Geländers und tat einfach nichts. Die Hände umklammerte sie um das Eisen der Beschränkung, wippte mit dem Oberkörper hin und her und wischte sich dauernd Haarsträhnen aus dem Gesicht. Dann ließ sie das Geländer los, stolperte wie trunken weiter und wiederholte das gleiche Schauspiel wie zuvor. Auf den ersten Blick schien es belanglos und unbedeutend. Aber Alvira konnte tiefer blicken. Und wenn eine Seele so offensichtlich um Hilfe rief, dann konnte sie es nicht einfach ignorieren.

Das Leben um die junge Frau herum ging weiter. Wie im Strom eines Flusses, umspülte es sie wie den Kieselstein als Fremdkörper. Die Autos strömten unabänderlich über die Brücke. Vereinzelte Passanten gingen gewohnt wie eh und je zu einem Ziel oder einfach spazieren. Sie zogen weiter und flossen an der jungen Frau vorbei, ohne sie zu berühren, zu beachten oder Kenntnis von ihr zu nehmen.

Die junge Frau blieb erneut am Brückengeländer stehen, umklammerte es und blickte in die Ferne dieses am Horizont endenden Flusses. Eben noch hatte sie innerlich gekämpft. Um ihr Leben, einen Sinn, irgendeinen Grund um weiter zu machen. Gequält hatte die Seele im verloschenen Feuer des Lebensmutes aufgeschrien. Jetzt aber schwieg sie. In der Frau fand kein Kampf mehr statt und sie hatte ihr Ende akzeptiert.

Dort erhob sich krächzend eine weiße Möwe zum Himmel. Woanders stoben Tauben, in
ihrem Versteck aufgeschreckt, flügelschlagend in die Höhe. Hier aber beugte sich eine junge Frau über das Geländer und stürzte sich selbst in die Tiefe des Todes.

Alvira durfte es nicht.

Sie durfte es auf keinen Fall riskieren, sich den Menschen zu zeigen. Das konnte sie verändern, diese Welt und vielleicht sogar ihre eigene. Aber sollte sie das zulassen?

Einfach mitansehen, wie eine menschliche Seele sich aufgab und selbst auslöschte?

Sie durfte ebenso nicht einmal hier sein und hatte auch das dennoch getan.

Sie musste sich ja nicht als Elfe zeigen?

Auch Alvira sprang nun in die Tiefe. Im freien Fall bewirkte sie noch, dass ihre Gestalt sich änderte und tauchte bereits in das satte Blau des Wassers. Die Frau trieb einige Meter entfernt mit der Strömung. Sie lebte noch, kämpfte aber nicht gegen die Welten, um an der Oberfläche zu bleiben, sondern wartete nur darauf, dass es sie in den Bauch der Tiefe schickte. Wie der Spielball des unendlichen Flusses einer Ewigkeit, tanzte sie auf und nieder. Und bald schon, verlor sie dankbar die Besinnung. In dieser Welt gab es nichts mehr für sie, dass sie wach wahrnehmen wollte.

Alvira legte sich ins Zeug. Strengte die menschliche Form ihres Körpers an, wie er es zuließ und erreichte den besinnungslosen Körper der Frau in dem Moment, in dem der nimmersatte Fluss sie verschlingen wollte. Sie zog ihn mit sich, kämpfte gegen jede Welle, mit jeder Bewegung ihres Körpers und versuchte dennoch weiter zu kommen. Schier unermüdliche Minuten, die Stunden gleich vergingen, bis sie endlich das Ufer erreichte. Sie zog die junge Frau an einen Strand aus Sand und Kies. Erleichtert bemerkte sie, dass die junge Frau noch lebte. Sie war besinnungslos, aber die Seele war noch im Körper.

Mit pochendem Herzen, keuchendem Atem ließ auch Alvira sich neben der jungen Frau in den Sand fallen. Was für eine Aufregung, erfrischendes Knistern eines gerade gewonnenen Kampfes. Es war ihre erste richtige Tat in dieser Welt. Nicht, als magische Elfe. Sondern als Wesen mit einfachem Körper als Hülle. Und sie hatte sogleich ein Leben gerettet. Ein kleines bisschen beschlug ihre heitere Stimmung. Denn sie würde es Keinem erzählen können. Sie würde es alleine für sich behalten müssen.

Die junge Frau richtete sich hustend auf. Sie spuckte Wasser aus, ihr Blick streifte gehetzt durch die Gegend. Sie schien noch benommen, verunsichert und auch verängstigt. Alvira legte ihr die Hand auf die Schulter, versuchte sie zu beruhigen, aber die Frau schreckte vor der Berührung zurück. „Es ist alles gut. Du brauchst keine Angst vor mir zu haben. Ich will Dir nur helfen.“ Sprach Alvira im besänftigenden Ton.

Die junge Frau schien sich wieder zu erinnern, was geschehen war. Aber sie sprach keinen Ton, eher zog sie sich zurück. Umklammerte sich selber und schaute Alvira nur kurz mit gesenktem Blick an. Dann schweifte sie ab und schaute nur auf das Wasser hinaus. Nach einigen Minuten des Schweigens sagte sie fast nicht zu hören: „Ich wollte Deine Hilfe nicht.“

Alvira wusste nicht, was sie darauf antworten sollte und so sagte sie gar nichts. Sie versuchte so, in der Frau zu lesen, aber auch das gelang ihr nicht. Die junge Frau schien irgendwo zu sein, aber nicht hier. Unter den schwarzen langen Haaren, in diesem zarten, verletzlichen Körper befand sich ihr Geist in den Gedanken. Vielleicht in einer Erinnerung?

Und während sie dort schweigend saßen, zwei junge Frauen neben der Gicht dieses mächtigen Flusses, traf Alvira die Entscheidung, dass sie ihr helfen wollte. Egal, wie es weiterging. Sie wollte an der Seite dieser Frau bleiben. Sie wollte und vielleicht musste sie es auch, herausfinden, was diese Frau dazu gebracht hatte, den Tod zu wählen. Was so gravierend in ihrem Leben war, dass es keinen Ausweg mehr gab, als einfach alles aufzugeben. Sie konnte diese Frau nicht einfach gehen lassen. Denn gerettet war sie noch lange nicht, das hatte Alvira bereits verstanden. Und so wartete sie erstmal ab.



„Es war ihr erster Tag in diesem Land gewesen. Sie war mit etlichen anderen Frauen vom Hafen her, direkt hier in diesen Club gebracht worden. Hier trennte man sie von den Anderen und zwang sie, die vorbereitete Kleidung an zu ziehen. Clarisse tat dies ohne Widerspruch. Es war klar, dass man ihr auch keine Wahl ließ. Die strenge Miene der Bodyguards mit den Waffen musste dafür kein einzelnes Wort aussprechen.

Nein, sie wurde nicht offensichtlich bedroht.

Aber sie war einen Pakt eingegangen, um in dieses Land zu kommen. Sie tat, was man ihr auftrug und dafür brachte man sie in die moderne Welt. Zu Anfang sah sie dies als einmalige Chance und willigte sofort ein. Nach dem Tod ihrer Eltern, die ihr nichts hinterlassen hatten, stand sie vor einem Aus in Ihrem Leben. Eine Frau alleine, überlebte nicht lange in ihrem Land. Ausgeraubt, vergewaltigt und getötet. Das stand auf der Tagesordnung. Und keine Frau blieb alleine, wollte sie wenigstens das Ende der Woche erleben.

Als man sie ansprach, hatte sie es als das Geschenk des Höchsten angesehen. Und so war sie mit den Männern gegangen. Des Nachts über die Grenze, weiter zum Meer und zu den Schiffen, wo sie in eisernen Containern hinübergebracht wurden.

Und jetzt war sie hier.

Trug eine Kleidung, für die sie in ihrem Land getötet worden wäre. Musste auf eine Bühne in grell leuchtende Scheinwerfer, zwischen riesigen Boxen und Tischen voll geifender Männer, tanzen. Den einzigen Stil, den sie beherrschte, war der des Bauchtanzes. Aber dieser war rein, war ruhig und voll der Grazie. An diesem Ort nur Fehl am Platz. So, wie sie selber, so schien es ihr.

Sie tanzte nicht alleine. Zwei weitere Frauen, eine rothaarig und üppig ausgestattet, die andere blond und schlank. Sie guckte sich deren Stil an und ahmte nach. Den Männern an den Tischen schien es zu gefallen. Sie drängten näher an die Bühne. Wild geifernd, die Augen in Lust geweitet und Geldnoten, die sie ihr entgegenstreckten. Ein erster Arm berührte sie und sie sprang angeekelt zurück. Sofort traf sie der mahnende Blick des Anführers der Männer, die sie in das Land gebracht hatten.

Und sie ließ es zu. Dass wilde Finger über ihre Haut streiften, ihr Geld hinwarfen oder in das Strumpfband am Bein steckten. Sie ekelte sich, sie wollte es nicht und wusste doch, dass sie keine Wahl hatte.

Wieviel Zeit verging, bevor sie von der Bühne weg durfte, das wusste sie nicht. Aber es waren nie endende Minuten einer dreckigen Folter.

Tage vergingen und Wochen folgten. Zeit spielte keine Rolle mehr. Sie bekam Essen, ein Zimmer und ab und an etwas Geld. Dafür musste sie jeden Tag auf die Bühne.

Sie lernte schnell, wie sie mit den Männern umzugehen hatte. Wie sie lockte, mit den Reizen spielte und dann gerade genug heran ließ, dass die Scheine flogen. Ihr Boss ließ sie in Ruhe, anscheinend war er zufrieden mit ihr.

Von den anderen Mädchen erfuhr sie, dass das Tanzen noch lange nicht alles war. Einmal im Monat bekamen die Mädchen Besuch in ihren Zimmern, von Männern in Anzügen. Reiche Männer von gehobener Stellung, denen sie zu gefallen hatten. Sie mussten tun, was sie von ihnen verlangten.

Clarisse war Jungfrau.

So wollte es das Gesetz, ihr Glaube, an dem das Heil ihrer Seele hing. Niemand außer ihrem zukünftigem Ehemann, durfte sie auf diese Weise berühren.

Und in diesem Moment war ihr klar geworden, dass es nicht der Himmel gewesen war, der ihr diese Chance geschickt hatte. Es war der Scheitan gewesen, der sie verführt hatte.

Ihr blieben nur Tage, bis auch sie Besuch bekommen würde. Nur Stunden, bis ihre Seele verdammt sein würde. So suchte sie nach einem Weg der Flucht, einer Möglichkeit zu entkommen.

Und es gelang …

Sie irrte durch die Straßen. Wusste nicht wohin, wie es weiter gehen sollte. Hilflos, einsam, stolperte sie auf die Brücke.

Dann erkannte sie, wie sie ihre Unschuld erhalten konnte und sprang.

Aber sie starb nicht, sondern wurde gerettet."

Alvira konnte in den Geist, in die Seelen von Menschen blicken. Und so unterschiedlich ein jedes Lebewesen auch war, so verschieden Sprache und Gedankenmuster sein mussten, so ähnlich waren sie auch. Es spielte keine Rolle, aus welchem Land jemand stammte und woran er glaubte, Alvira konnte dennoch in ihnen lesen und sie verstehen.

Bis jetzt glaubte sie das auf jeden Fall.

Doch es war nicht schwer zu begreifen, dass nicht alle Menschen über einen Kamm zu scheren waren. Für die Menschen eben in dem Stau reichte ein Regenbogen. Dieser jungen Frau würde es nicht nutzen.

Und ebenso bemerkte Alvira eine Veränderung an sich selbst. Ihre eigene Sprache, ihre Art zu denken, veränderte sich durch alles, was sie aufnahm. Bestand darin die Gefahr für das Volk der Elfen?

Im Moment war das nicht von vorrangiger Bedeutung uns sie schob es erstmal bei Seite.

Das würde sie mit der Zeit hier schon herausfinden.

Wie konnte sie dieser Frau helfen?

Alvira hatte Magie und die Macht über Natur und Energie dieser Welt. Es musste doch etwas in ihrer Möglichkeit stehen, mit dessen Hilfe sie der frau das geben konnte, was sie glücklich leben lassen konnte.

Dann plötzlich hatte sie eine Idee. Es gab nur eine Weise, wie sie die junge Frau in ihr altes Leben bringen konnte, in dem es ihr besser ging.

„Versprich mir, dass Du hier wartest, bis ich zurück bin und ich kann Dir einen Wunsch erfüllen.“ Sagte Alvira zu ihr.

Clarisse blickte vom Fluss weg und sie an. Nicht voll Hoffnung und Freude, eher resigniert und gleichgültig. „Welchen Wunsch? “ Fragte sie nur. Aber es war keine Neugier, nur vorherrschende Teilnahmslosigkeit, die bereits akzeptiert hatte, dass sie nur eine ungenügende Antwort bekommen würde.

„Ich bin so etwas, wie ein Engel.“ Sagte Alvira. Das kam der Wahrheit am Nächsten und war doch genug Lüge, dass sie nicht das oberste Gesetz ihres Volkes brach. „Und ich kann in das Reich der Toten reisen, um manchmal Jemanden zurück zu bringen.“

Für einen ganz kurzen Moment huschte ein Zug von Hoffnung über die Miene Clarisses. Dann verdunkelte und erstarrte sie sofort wieder. Sie hatte schon einmal geglaubt, dass der Himmel ihr eine Chance geschickt hatte und es war doch nur der Teufel gewesen. Dieser Engel konnte auch nur wieder ein Teufel mit einer schönen Maske sein. Wobei er doch nur wie ein Mädchen aussah.

Also warum sollte Clarisse das glauben?

Warum auch nicht?

Fuhr ihr inneres Zwiegespräch fort.

Sie hatte nichts zu verlieren und tun musste sie auch nichts, als nur zu warten.

Also nickte sie nur.

Mehr Einverständnis brauchte Alvira nicht und so machte sie sich an ihr Werk.


Jede Seele auf dieser Welt, war und ist einzigartig. Dabei war es unwichtig, ob ihr Träger sie verkommen ließ oder ihr die Freiheit der Entfaltung gab. Es gab keine unvollkommenen oder fehlerhaften Seelen. Nur den Umgang des Wirtes mit ihm.

Denn gleichermaßen, wie sein Träger sich in ihr und durch sie entfalten konnte, so sehr war sie nur für die Zeit eines Lebens geliehen. Der Mensch bekam sie bei der Geburt und verlor sie wieder bei seinem Tod. Wer welche bekommen würde und was dem Körper durch sie ermöglicht sein würde, das konnte keine Macht, die Alvira kannte, voraus sehen.

Die Seele, der Kern der Wesen, war so etwas wie eine private Handschrift. Eine Note in dieser Welt, die so viel Gleiches erschaffen hatte. Eine Essenz der Macht einer Natur, die die Menschen längst vergessen hatten.

Alvira verfolgte die Schwingungen nur einer Seele. Denn ebenso ähnelte sich diese bei Eltern und Kindern in manchen Facetten.

Es war ihr unmöglich, das genau in Menschen Worten zu erklären. Aber es ähnelte den Tieren, die einer Fährte folgten. Eine Gabe ihres Volkes, um Seelen ausfindig zu machen. Ein Überbleibsel aus alter Zeit, als sie noch die Wächter dieser Welt und dieser Leben gewesen waren.

Alvira benutzte jetzt genau diese Fähigkeit, um an den Ursprung der Reise Clarisses zu kommen. Aber sie bewegte sich nicht in der normal feststofflichen Welt, sondern glitt durch die Sphären des Zwischenreiches. Eine Welt, die neben der Wirklichkeit der Menschen existierte. Geister, verlorene Seelen und auch manches Naturwesen trieben hier ihr Unwesen. Sie schwebten umher, mit oder ohne Sinn, mit oder ohne Aufgabe. In diesem Reich existierte alles nur als reine Energieform. Die erste Welt, die sterbende Seelen betraten. Hier verging keine menschliche Zeit, die Regeln der normalen Welt waren aufgehoben und nur die Wenigsten, konnten im lebenden Zustand überhaupt hierher gelangen.

Alvira ermöglichte das Betreten dieses Raumes, eine überaus schnelle Möglichkeit, um in Clarrisses Heimat zu kommen. Und noch schneller fand sie die Spuren ihrer toten Eltern. Und sofort entdeckte sie auch den Angelpunkt. Der Angelpunkt war die Stelle im Zwischenreich, der den Ort des Übergangs einer Seele markierte. An diesem Punkt wechselte die Seele die Form der Energie und glitt hinüber in das Bewusstsein einer eigenen Wirklichkeit. Ein Ort, an dem sie sich nach dem Tod auflöste und nur ein letztes Mal noch wirkte. Um nämlich einen Himmel oder eine Hölle zu erschaffen. Der Angelpunkt war der Ort, der einer Markierung gleich, dem Tor ähnelte durch das nur einmal eine Seele gelangen konnte. Danach dann gab sie ihre Macht ab, um sich ihren eigenen Traum erschaffen zu können. Der Angelpunkt konnte beliebig, an jedem Ort gewählt werden. Und hindurch gelangen konnte niemand außer der Seele selbst.

Ganz selten gab es Mächte, die stark genug waren, um doch hinein zu kommen. Aber das geschah fast nie.

Einer Elfe war der Zutritt im Grunde auch verwehrt. Außer die besaß die Markierung der spezifischen Seele. War im Auftrag der Seele selbst oder eines nahen Verwandten unterwegs. Dann bekam sie durch den Kontakt eine besondere Signatur, die wie ein Schlüssel in diesem Angelpunkt wirken konnte. Nur deswegen brauchte sie die Erlaubnis von Clarisse eben. Sonst wäre auch sie nicht hinein gelangt.

Alvira selber kannte dies nur aus den Archiven des Elfenreiches. Seit Jahrhunderten hatte das keine Elfe mehr gemacht, seit sie sich aus der Welt der Menschen zurückgezogen hatten. Vieles mehr hatte sie in den Archiven gelernt. Über die alte Göttin, die einst den Menschen diente. Die Reiche der Feen in dieser Welt. Das große Zeitalter der Nebel von Avalon. Heute kannten die Menschen sie nur noch in Legenden, Mythologie und Märchen. Die Zauberer, die magischen Kanäle in dieser Welt. All das war vergangen und vergessen. Aber wie konnte so etwas Herrliches einfach verschwinden? Die Menschen wünschten es sich, sehnten sich danach und doch kam es nicht wieder.

Sie wusste noch nicht, was sie gleich erwarten würde. Wäre es die Hölle oder die Vorstellung eines Himmels? War es das Reich des Vaters oder der Mutter? Auch das konnte sie nicht voraussehen. Als Erstes galt es, die Seele da heraus zu holen und sie dann zurück in die Welt der Sterblichen zu bringen. Wie genau sie dies vollbringen wollte, nun, leider stand davon nichts in den Archiven. Aber auch in dieser Richtung hatte sie eine Ahnung. Das musste reichen, wollte sie Clarisse helfen.

Und so tauchte sie ohne weitere Überlegung, ohne weiteres Zögern, in den Eingang. Sie wurde von Wirbeln erfasst, hin und her geschickt, bis sie in der Wirklichkeit wieder auftauchte.

Sie tauchte einfach auf und wurde so gleich von einer sommerlichen Brise begrüßt. Bis zum Horizont in weiter Ferne zogen sich grünende Gräser und dazwischen prächtig leuchtende Blütenknospen in jeder Farbe. Ab und an tanzte ein Schmetterling in die Höhe, senkte sich auf einen Halm hernieder, um dann nur kurz darauf seinen Flug fort zu setzen. Ein brauner Pfad zog sich in Mitten dieser prächtigen Landschaft hindurch und Alvira folgte ihm nun einfach. Es war eine Freude für ihr Inneres, die Freiheit dieser Natur genießen zu können. Sie wusste, dass dies nicht die reine Wirklichkeit war. Aber es fühlte sich verdammt echt an. Könnte sie sich einen Himmel formen, so würde er diesem sicher ähneln.

Sie erreichte zur Linken einen kleinen See. Reines Blau, in dessen Tiefe sich die Fische tummelten. Auf der anderen Seite des Wassers ein kleines Lamm, das die Schnauze hinunter senkte, um einen Schluck zu trinken. Dann drehte es sich abrupt weg und verschwand im hohen Gras. Zur Linken ein paar Kaninchen, die vergnügt an den Halmen knabberten. Die Schnurrbarthaare fiebernd in die Höhe gesenkt, als sie Alvira bemerkten. Aber sie ließen sich nicht von ihrer Anwesenheit stören, sondern verrichteten weiter das Tagewerk ihrer Muße.

Auf die Entfernung spürte sie die Präsenz eines Menschen. Diese Fähigkeit war ihr also auch in dieser Wirklichkeit erhalten geblieben. Das war interessant. Denn so sehr in die Tiefe gingen die Archive nicht. Vielleicht sollte sie selber neue Bücher über ihre Erfahrungen führen? Das war es wert in Erinnerung zu behalten. Sie schob es bei Seite, denn sie erreichte den Menschen, dem diese Wirklichkeit entsprang.

Er lag mit einer weißen Tunika bekleidet in Mitten dieser grünen Wiese und starrte in den blauen Himmel. Ein Grashalm hing aus seinem Mundwinkel und er lutschte genüßlich daran.

Alvira ging nah an ihn heran und setzte sich ihm gegenüber. Er schien nicht überrascht sie zu sehen, überhaupt reagierte er gar nicht auf ihre Anwesenheit. Wie sollte sie ihn ansprechen? Wie ihm erklären, dass sie ihn zurück in das Leben bringen wollte? Er ersparte ihr den Anfang, denn er sprach sie plötzlich an.

„Ich konnte dich in dem Moment spüren, als du hier herein kamst.“ Er zog den Halm aus dem Mund und richtete sich auf. Nachdenklich blickte er sie an, musterte sie von oben bis unten. Als wenn ihr Aussehen ihm alles über sie verraten. „Ich weiß, dass ich tot bin.

Gestorben in dem Feuer. Die Frage ist nur, wer Du bist und warum Du das Paradies betreten kannst? Es kann nicht der Himmel hier sein, denn wie Du unschwer erkennen kannst, bin ich der einzige Mensch hier. Und es ist doch fragwürdig, dass ich der erste Mensch im Paradies sein soll? Also, wo bin ich und wer bist Du? Vielleicht auch, was bist Du?“

Ein rationaler Mensch, das war auf den ersten Blick offensichtlich. Er versuchte zu verstehen, anstatt einfach zu erschaffen, zu probieren. Aber nichts desto trotz, ein neugieriges Wesen.

„Es ist der Himmel,“ antwortete Alvira. „Dein Himmel. So, wie Du ihn dir vorstellst. Du alleine erschaffst dieses Paradies. Wenn Du hier alleine bist, dann nur, weil Du es so wolltest.“

Er blickte sich um, versuchte augenscheinlich zu verstehen, was sie ihm gerade gesagt hatte. „Und wer bist Du dann? Ein Engel? Eine der himmlischen Jungfrauen, die dem Gerechten versprochen sind?“

Bei dieser Vorstellung musste Alvira lachen, sie konnte einfach nicht anders. „Nein, ganz sicher bin ich keine himmlische Jungfrau.“

„Wer bist du dann?“ Hakte er nach.

„Nenn mich so etwas, wie einen Mittler der Welten. Ich bin hier, weil Clarisse in Schwierigkeiten steckt. Sie braucht Dich, braucht Deine Hilfe.“

„Aber ich bin gestorben. Was kann ich schon für sie tun? Ihr als Geist erscheinen? Meinst Du so etwas?“ Fragte er.

„Ich kann Dich zurückbringen. Zurück in die Welt der Lebenden. Zurück zu Deiner Clarisse.“

Er reagierte nicht. Alvira war etwas verwundert. Musste ihn diese Möglichkeit nicht freuen? Musste er nicht glücklich sein, weil sie ihm so etwas anbot?

„Ich bin tot. Gestorben, weil es an der Zeit war. Daran etwas zu ändern, heißt sich gegen Gott und seinen Plan zu stellen. Und nebenbei bin ich im Himmel. Würde ich Dir folgen, würde ganz sicher mein erneuter Tod mich in die Hölle bringen. Und das bin ich nicht bereit zu riskieren.“ Sagte er.

„Und was ist mit Clarisse? Mit ihrem Schicksal, ihrer Zukunft? Sie braucht Deine Hilfe. Ohne Dich, wird sie vielleicht des Todes sein.“

Er schwieg, blickte sie einige Sekunden an und sagte dann nur: „Ich bin tot. Gestorben, weil es meine Zeit war.“

Es war klar, dass er ihr nicht helfen würde. Alvira war nicht verärgert, eher verwundert. Sie bot ihm die Freiheit an und er lehnte ab, weil es seine Zeit gewesen war. „Du schreibst Deine Zeit,“ probierte sie es noch einmal. Das konnte doch nicht sein? „Du formst Deinen Himmel, Deine Hölle im Tod. Im Leben bestimmst Du alleine über Deine Pfade. Kein Gott, keine höhere Macht, die sich da einmischt. Es liegt alleine nur an Dir und was Du willst.“

Sie sah sofort, dass sie zu weit gegangen war. Über seinen Gott hätte sie nicht sprechen dürfen. Seine Miene versteinerte sich, wie auch sein Innerstes, für jedes Mitgefühl. In seinen Augen war sie doch die Dämonin, die sich gegen seinen Gott stellte.

„Geh und behellige mich nie mehr wieder !“

Es war nur ein kurzes Gespräch gewesen und doch so verlaufen, wie es das nicht gedurft hätte. Hier konnte sie nichts mehr tun.

Sie wandte sich ab und ging den Weg zurück.

Sie konnte ihn nicht verstehen, aber sie musste seine Wahl akzeptieren. Wenn auch gleich es nur bedeutete, dass er seine Freiheit einem Glauben unterwarf, der nicht real war. Nur so real, wie er es sehen wollte. Es war seine Entscheidung und die musste sie ihm lassen.

Es blieb noch die Mutter und die Hoffnung, dass sie ihrer Tochter helfen würde. Sie kam ohne Probleme durch den Angelpunkt und wandte sich zum Nächsten, zu dem ihre innere Macht sie führte.

Das Zwischenreich war in Aufregung. Seelen und Mächte tanzten im dünnen Schleier umher. Verklingende Seufzer und nur halb beginnendes Jammern. Man hatte ihr Eindringen bemerkt. Und die Seelen mussten begriffen haben, dass sie eine Macht besaß, die es ihr gestattete hier herein zu kommen, als auch dieses Reich wieder zu verlassen. Und so, wie sie es alleine konnte, so sehr bestand auch die Möglichkeit, dass sie es den anderen Wesen ermöglichen konnte.

So ganz falsch, lagen sie mit ihrer Vermutung als auch Hoffnung nicht. Sie könnte die Nebel lichten und diese Wesen, die einst Kreaturen der Welt gewesen waren, durch die Barriere schicken. Nicht in die lebende Realität, sondern in das Land der Freiheit. Das Land, das einst der Magie diente, den alten Göttern und der längst vergangenen Wahrheit. Durch die Nebelbarriere würden sie in das magische Land Avalon zurück kehren und ihre Energie dem Ursprung zurück führen.

Denn vor mehreren hundert Jahren hatte dieses Zwischenreich nicht existiert. Ebenso wenig, wie diese Angelpunkte. Es gab keinen Himmel und keine Hölle. De Menschen hatten nur begonnen es zu formen, da ihr menschliches Wesen es verlangte. Eine andere Art des Gefängnisses, das Glück oder Verdammung versprach, aber niemals Freiheit.

Diese Wahrheit war den Wenigsten ihres Volkes bekannt. Einige der Ältesten kannten es noch aus dem Erleben selber. Alvira, war nur durch Zufall darüber gestolpert. Sie hatte Aufzeichnungen des Merlin gefunden, die ihr diese Welt beschrieben, wie sie einst war.

Er schrieb nicht von Elfen, sondern rein von Feen. Aber im Grunde waren es ähnliche Völker.

Diese Welt war einst der Ursprung der Magie aller Welten. In ihr war der Lebensbaum gewesen, der durch den Kreislauf von sterben und Wiedergeburt, die Energie im Fluss hielt.

Aber die Menschen entschieden anders. Das Land entglitt ihrer Vorstellung. Die Magie verschwand aus ihrer Welt. Die alten Götter wurden vergessen und alle toten Seelen waren dazu verdammt, niemals mehr in das magische Land zurück kehren zu können.

Mit nur einer Bewegung könnte Alvira genau das jetzt ändern und rückgängig machen. Aber noch war die Zeit dafür nicht gekommen. Sie sollte erst die Mutter besuchen und sehen, was sie dort erreichen konnte.

Sie erreichte den nächsten Angelpunkt und glitt hindurch. Auf der anderen Seite begrüßte sie keine sommerliche Brise, sondern der Hauch eines Fegefeuers. Brennende Gischt aus lodernder Lava, so weit das Auge blicken konnte. Meterhohe Fontänen, die ihre brodelnde Lava ausspuckten und wieder zur Erde fallen ließen.

Es konnte die Form eines Himmels für Jemanden sein. Aber der erste Eindruck vermittelte doch das Abbild einer Hölle. Genau so, wie sie im Lehrbuch, besser im Glaubenschriftstück beschrieben wurde.

Der Himmel war von schwarzen, dichten Rauch bedeckt. Die Luft angereichert vom Ruß der brennenden Feuer. Hitze und schwellende Luft, eingeengtes Atmen und der beklemmende Takt der brennenden Welt. Hier wollte Alvira keine Sekunde mehr als nötig zubringen.

Auch hier schlängelte sich ein Pfad entlang. Umgeben von den dicken Kratern der aufgerissenen Erde, säumten mächtige Steinbrocken seinen Weg.

Immer steiler ging es hinauf, bis an den Gipfel eines Berges, an dem Alvira eine kleine Hütte entdecken konnte. Eine einfache Behausung. Flammen schlugen aus dem Dach, die Glasscherben der Fenster brachen und die Behausung wurde Nahrung für ein gieriges Feuer.

Davor entdeckte sie eine Frau, die weinend und vor Schmerz schreiend an die Wände des Hauses schlug. Alvira beeilte sich, so schnell es ging, zu dieser Frau zu gelangen. Sie verfiel in Laufschritt und war in nicht einmal einer Minute bei ihr.

Sie kniete sich neben die Frau, berührte sie nicht an der Schulter, damit sie nicht vor Schreck zurückwich, wie ihre Tochter zuvor. Statt dessen näherte sie ihr sich nur so weit, dass sie sie gerade bemerken musste.

Und sie tat es. Die Frau blickte sie an und nun musste Alvira den Drang beherrschen, nicht zurück zu weichen.

In die Miene dieser Frau, in den Augen, war eine Form des Wahnsinns gezeichnet, von dem Alvira gelesen hatte und auch gehört, aber noch nie gesehen.

Der Blick der Frau peitschte umher, die Hände umspielten sich selber in dauernder Bewegung und auch vom Verstand konnte Alvira nur noch Spuren erahnen. Es war die Hölle. Die eigene Hölle der jungen Frau.

Für einen kurzen Moment konnte Alvira einen Schemen hinter den Glasscheiben erahnen. Und jetzt sprang die Frau auf, hämmerte gegen die noch nicht gesprungenen Glasscheiben. Unaufhörlich trommelte sie mit den bloßen Fäusten dagegen und rief „Clarisse, Clarisse. Komm raus, du stirbst. Bitte, komm raus.“

Alvira ging heran, versuchte die zu beruhigen. Aber die Frau fuhr nur herum, blickte sie an und für einen kurzen Moment konnte sie den wütenden Zorn des Irrsinns spüren, der sich gegen sie richten würde, ließe sie sie nicht in Ruhe.

Es gab nichts, das Irrsinn heilen konnte. Nichts, das Wahnsinn auslöschen konnte. Außer einem. Nämlich Erinnerung. Erinnerung an das, was man einst war. Erinnerung an Gefühle, ein altes Leben, das den Regeln der Vernunft unterjocht gewesen war. Das hatte Alvira nicht in dieser Welt gelernt, dafür war sie zu kurz erst hier.

Sie hatte es in der Zeit der Beobachtung gelernt und erfahren. In der Zeit, wo sie des Nacht heimlich dem Leben der Menschen und ihren Bahnen gefolgt war. Und vielleicht hatte sie auch da längst eine Spur gefunden, wo das Problem des menschlichen Geistes bestand. Sie würde später Beatrize besuchen. Eine Frau, die sie weit mehr über Menschen gelehrt hatte, als es die Bibliothek der Elfen jemals gekonnt hätten.

Die Frau kniete nur am Boden. Hilflos, in Trauer zerstreut und in Tränen aufgelöst. Das kleine Haus vor ihr verbrannte nun ganz. Und sie beide konnten nur zu sehen. Die Frau alleine wusste, was sie dort drinnen sah. Und welche Dämonen ihre Seele plagten. Aber es musste eine grausame Folter sein, die sie sich selbst zufügte.

Und das alles resultiert nur aus Einem. Aus reiner Schuld, die sie empfand. Aus Reue und der damit einhergehenden Buße. In Sekunden verstand Alvira, was sich hier abspielte. Und als sich plötzlich diese Welt veränderte und das abgebrannte Haus verschwand, um nur wieder ein Neues entstehen zu lassen, das ebenso immer wieder verbrennen würde, wurde sie nur darin bestätigt.

Erneut fing das Haus Feuer und erneut sah die Frau den Schatten einer jungen Frau hinter der Glasscheibe. Und wieder nur konnte sie nichts tun, als die Todesschreie zu vernehmen und mit anzusehen, wie die Person im Haus verbrannte.

Es war die Hölle. Es war die Folter. Ein Fegefeuer aus dem es keine Befreiung gab. Immer mehr Leid, immer mehr Trauer und kein Ausweg, nur ewig währendes Aushalten und Ertragen. In alle Ewigkeit die Folter der toten Seele und das nur rein durch sich selbst.

Der Mann hatte sich seinem Glauben verschrieben und den Gesetzen der Religion und durfte deswegen keine Freiheit akzeptieren. Diese Frau sah ihre Schuld und die verdiente Strafe so hoch, dass sie selber sich keine Befreiung gestatten konnte. Zwei Punkte, zwei Denkweisen, die sie dem Problem näher brachten. Es sah noch nicht so aus und noch verstand sie nicht, wie es zusammen hing, was sie daraus schließen konnte und durfte. Aber mit der Zeit würde sie es sicher verstehen. Jetzt galt es erstmal diese Frau aus ihrem selbst gewählten Gefängnis zu befreien.

Diese Frau war so sehr abgetrieben in sich selbst und ihrem Leid, dass sie es nicht verwunderte, dass Alvira hier war. Nichts, als dieses groteske Schauspiel ihrer immer wieder sterbenden Tochter, hatte eine Bedeutung für sie. Es stärkte ihren Hunger nach Strafe, nach Buße und ließ sie gleichzeitig als Opfer erscheinen, das der Folter ausgeliefert war.

Aber Clarisse war nicht tot.

Noch nicht gestorben in der realen Welt.

Alvira ging nahe an sie heran. So nahe, dass die Frau sie in den Bereich der Wahrnehmung aufnehmen musste. „ Es gibt Rettung. Es gibt Hoffnung. Für Clarisse. Sie ist nicht tot und ich kann dich zu ihr bringen, da Du ihr helfen musst.“ Sprach Alvira im beruhigenden Tonfall.

Doch erneut erschien das schmerzverzehrte, gepeinigte Abbild Clarisses hinter den Fenstern dieser kleinen Behausung. Und hinfort war jeder andere Gedanke. Die Frau schrie gepeinigt auf und stürmte nach vorne. Erneut hämmerte sie gegen das Holz, das Glas. Wimmernd sank sie zu Boden und musste erneut den Tod ihrer Tochter mit ansehen und mit fühlen.

Alvira konnte keine Gewalt anwenden, um die Mutter von hier weg zu schaffen. Sie durfte es nicht und konnte es nicht. Jede Gewalt, außer zur Verteidigung, war ihrem Stamm verboten. Sie durfte nur Einfluss nehmen, aber niemals körperliche Gewalt anwenden.

Zum ersten Mal seit sie lebte sah sie sich hier dazu getrieben. Zum Wohle der Mutter hätte sie sie gerne gepackt und aus ihrem Elend geschleift. Aber das durfte sie nicht. Da gab es keine Ausnahme.

Leider …

Und so musste sie warten, bis das kleine Häuschen abgebrannt war, um erneut einen Versuch zu wagen, an den Verstand der Mutter zu appellieren.

Aufgelöst, erschöpft, kniete die Mutter am Boden und betrachtete die Asche des Unheils genau vor sich. Sie hob die rußbeschmutzten Hände und betete wohl zum Himmel um Vergebung.

Wie viele Wochen machte sie diese Folter schon durch?

Ohne Pause, ohne Mitleid oder Rücksicht, zermarterte es ihr Gehirn, ihren Verstand, ihr Selbst. Und es würde für immer so weiter gehen, konnte Alvira sie nicht da heraus holen.

Eine Ewigkeit in der Hölle.

Dafür brauchte es keinen leibhaftigen Teufel.

Es reichte nur ein Dämon aus dem eigenen Innern, der die Rolle der Kontrolle übernahm.

„Clarisse lebt und sie braucht jetzt Deine Hilfe.“ Alvira musste sie davon überzeugen, dass sie noch kämpfen konnte. Dass noch nicht alles verloren war. Der Mutterinstikt musste erweckt werden. Er stand über jedem anderen Gedanken. Er hatte die Macht, jeden Teufel zu besiegen, denn er reichte tiefer.

Alvira fuhr mit der Hand durch die Luft und ließ ein Fenster entstehen, das Clarisse nun zeigte. Hilflos, verloren, am Boden kniend, vor sich der Fluss der verlorenen Seelen. Kurze Bildabschnitte huschten über das Fenster. Clarisses Sprung, ihr Tanz in dem Club und der letzte Seufzer, den sie ausstieß, bevor sie sich in den Tod stürzte. „Sie lebt noch. Und nur Du kannst ihr jetzt noch helfen. Komm sofort mit, sonst ist alles verloren.“ Alvira ergriff ihre Hand und bemerkte erleichtert, dass die Frau sich führen ließ.

So langsam klärte sich ihr Blick, sie kam zurück. „Meine Clarisse. … Oh Nein „ Stieß die Mutter aus und verfiel in einen Lauf, der ihrerseits nun Alvira mit sich zog. Alvira blickte noch einmal zurück. Das Häuschen bildete sich gerade neu und fing sofort Feuer. Das Höllenwerk ging weiter, obwohl die Mutter nicht mehr hier war. Bereits mit ihr durch den Angelpunkt stürmte.

Sie bildeten sich neu im Zwischenreich. Die Mutter hatte nun die feste Form eines Körpers verloren. Als reine Hülle von Energie, stand sie neben ihr. Alvira betrachtete den Angelpunkt.

Er war noch da …

Das durfte er nicht sein.

Irgendetwas war hier falsch.

Die Mutter, ihre Seele, hatte den Raum, die Wirklichkeit, verlassen. Sie alleine, hatte sie für sich erschaffen. Verließ die Seele nun ihr Reich, so musste auch das Reich aufhören zu existieren.

Aber es tat es nicht …

Das hieß, diese kleine Hölle bestand weiterhin. Die Energie arbeitete von alleine, ohne dass eine Seele in ihr war.

Das konnte und durfte so nicht sein ??

Das widersprach Allem, was die Bibliothek des Elfenreiches sie gelehrt hatte.

Dieser Umstand beunruhigte sie zu tiefst. Und sie wäre dem am Liebsten sofort auf den Grund gegangen. Aber sie musst erst die Mutter zurück in die Welt der Lebenden bringen. Sonst wäre sie auf ewig dazu verdammt im Zwischenreich als verlorener Geist umher zu wandern. Deswegen führte sie die Mutter erst einmal zur Nebelbarriere.

Wie von selbst tauchte diese magische Wand vor ihr auf. Keine Seele, kein Geist, kam von alleine, aus sich heraus, durch sie hindurch. Es war eine Barriere zwischen der wirklichen Welt und dem Zwischenreich. Durch sie, kam eine Seele mit dem richtigen Führer zurück in die Realität. Sie war durch zwei Seiten betretbar.

Damals, im alten Glauben und anderer Religion, wurden die Toten auf dem Wasser zur Ruhe gebettet und dem Fährmann auf einem Floß überlassen, dass er sie durch die Nebel in das heilige Land brachte. Das eine Volk verbrannte seine Leichen. Ein Anderes bezahlte den Fährmann mit einem Silberling. Damals hatte es den Fährmann noch gegeben, so wie den Glauben an ihn.

Aber, wie alles aus diesem Bereich, war auch das verloren und vergessen worden. Jetzt bettete diese Welt ihre Toten in der Erde oder verbrannte sie. Die Seelen, sich selber überlassen, mussten alleine einen Weg hinüber finden. Dies war so, aber nicht möglich. Und so strandeten sie im Zwischenreich und erschufen sich eine eigene Realität im Angelpunkt. Ein dankbarer Umstand, denn nur nur diese Entwicklung, konnte Alvira die Mutter zurück in die Welt bringen. Das magische Ritual, die Seele in die Freiheit des Universums zurück zu führen, war nie ganz vollzogen worden. Und so, waren die Verstorbenen Seelen noch immer mit der Welt der Lebenden verbunden.

Es gab keine Komplikationen, keine Schwierigkeiten oder Probleme, als sie die Mutter durch die Barriere führte. Das zeigte nur zu offensichtlich, wie wenig die toten Seelen vom Leben wirklich getrennt waren.

Sie tauchte mit der Mutter aus den Nebeln auf und sogleich materialisierte sich ihr Körper. Wie von selbst, suchte die Existenz sich seinen eigenen Bestand wieder. Als wäre sie nie weg gewesen. Selbst die Spuren des Brandes, die Verletzungen, die es eigentlich noch geben sollte, waren am Körper der Mutter nicht zu sehen.

Also ging die Fähigkeit der Seele noch weiter?

Hatte sie auch hier Macht, sich ihre Wirklichkeit zu erschaffen?

Nur, musste sie dafür erst gestorben sein, oder ging das auch so?

Eine erste Spur von doch vorhandener Magie, die unbewusst wirkte. Und außer Alvira hatte sie nicht einmal jemand bemerkt. Nicht einmal die Mutter selber.

Die Mutter drehte sich tanzend um sich selber, lachte glücklich und bestaunte ihren Körper. „Ich lebe wieder? Aber wie ist das möglich? Das ist ein Wunder.“ Sie stoppte ihren Tanz und wandte sich an Alvira. Sie ließ sich vor ihr auf die Knie fallen. „Was ist mit Clarisse? Wo ist sie? Kann ich sie sehen?“ Die Mutter schäumte über vor Lebensmut und Aufregung.

„Gib mir einen Moment und warte hier. Ich bringe sie dir gleich zurück.“ Sagte Alvira und reiste erneut durch das Zwischenreich. Es verging keine messbare Zeit als sie nun am Fluss wieder auftauchte und zu Clarisse eilte. Sie saß, wie Alvira sie verlassen hatte am Boden und schaute nur auf das Wasser hinaus. Sie bemerkte das Auftauchen Alviras, reagierte aber nicht darauf.

Alvira kniete sich neben sie und blickte ihr in die Augen. „Deine Mutter wartet auf Dich. Sie hat eine Hölle durchgestanden, nur um dich wieder zu sehen.“ Alvira streckte Clarisse die Hand entgegen und diese ergriff sie und ließ sich noch leicht zurückhaltend führen.

Mit Clarisse konnte sie nicht durch das Zwischenreich reisen. Dafür war sie zu einfach nur Mensch und kein bisschen an Geist. So öffnete Alvira ein kleines Portal mit einer Handbewegung und führte sie hindurch. Clarisse schien es nicht zu verwundern. Sie war über den Punkt des Verstehens hinaus und akzeptierte nur noch ohne zu hinterfragen oder gar anzuzweifeln.

Sie tauchte mit Clarisse wieder in der Wirklichkeit auf. Als die Mutter ihre Tochter erblickte, stürmte sie sofort nach vorne und umarmte sie. Keiner der beiden Frauen sprach. Sie lagen sich nur schweigend in den Armen. Aber innerlich konnte Alvira sehen, wie die zwei Seelen sich fand und wieder vereinten. Beide leuchteten im grellsten Rot der Freude und auch des Glücks. Eine vereinzelte Träne rann Clarisse die Wange hinunter, die ihre Mutter sanft wegwischte. „Mein armes Kind. Mein armes, armes Kind,“ sagte sie flüsternd dabei.

Alvira reiste durch das Zwischenreich zurück. Die beiden Frauen, Mutter und Tochter, sollten ihre Zeit alleine haben. Sie wollte sich da nicht weiter einmischen. Was jetzt geschah, ging nur die Beiden etwas an. Aber das Werk war vollbracht. Solange die Beiden sich gegenseitig hatten, würde Clarisse sicher nicht mehr den Tod dem Leben vorziehen. Aber ab und an, von Zeit zu Zeit, würde Alvira mal nach den Beiden sehen. Nur um für die Zukunft sicher zu sein.

Sie saß nun wieder am Strand des Flusses. Betrachtete die plätschernde Strömung, die unabänderlich der einen Richtung folgte. So, wie der Strom an Millionen Seelen, der über den Erdball floss, so gering war im Grunde die tat für Clarisse. Sie hatte einem einzelnen Regentropfen geholfen, in einem Meer an unendlich Weiteren.

Und so gering die Tat von Außen auch schien. So sehr befriedigte sie sie. Sie fühlte sich gut, fast euphorisch, dass sie eine Seele vor dem Freitod bewahren konnte und eine weitere Seele zurück in die Welt der Lebenden gebracht hatte.

Die Frage war, wie es jetzt weiter gehen sollte.

Sie hatte im Grunde drei Möglichkeiten, die sie weiter in die Welt und das Verstehen bringen würden.

1.) Sie konnte zurück in das Zwischenreich reisen und die Angelpunkte untersuchen. Warum
bestanden sie weiter, obwohl die Seele nicht mehr in ihr war? Welche Energie hielt ihre Existenz und eigene Wirklichkeit weiter aufrecht? Und sollte sie es wagen, jetzt schon die Nebel zu lüften?

2.) Sie würde weiter durch die Welt der Menschen reisen, um ihre Seele, ihren Glauben und ihre Existenz zu verstehen. Wie konnten sie ihr Herrlichstes einfach aufgeben? Die Freiheit der Seele alles zu bewirken? Die Magie? Avalon?

3.) Sie hatte aus dem Reich der Elfen Beatrize sehr lange beobachtet. Sie wusste mehr über den Verstand der Menschen, ihre Psyche, wie sie es nannte, als jeder Andere sonst, den Alvira beobachten konnte. Wollte sie mehr in die Tiefe, mehr verstehen, so musste sie zu dieser Frau.

Es dauerte nicht lange, bis sie eine Entscheidung traf. In das Zwischenreich musste sie so oder so. Aber sie sollte vorher mehr über das Innere des Menschen lernen, um zu begreifen, warum sie sich so manches Gefängnis freiwillig erschufen. Ebenso würde sie diese Welt bereisen, aber sollte und wollte sie dabei nicht unwissend sein. Also entschied sie sich für Beatrize. Es wurde Zeit, mehr zu lernen, zu verstehen, zu begreifen, bevor sie weiteren Einfluss auf die Welt nahm.

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