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ClarisseInhaltsverzeichnisDie Namenlose Insel

Nancy

Roman zum Thema Magie


von Nismion

In den Jahren, als sie diese Welt beobachtet hatte, war ihr Blick immer wieder zu Beatrize und ihrer Arbeit gestreift. Beatrize war eine 34 jährige Blondine, die ihr ganzes Leben in den Dienst an kranken Menschen gestellt hatte.

Von Kindesbeinen an, wollte sie Ärztin werden. Sicher war das Erlebnis in ihrer Kindheit ausschlaggebend dafür gewesen. In ihrem 17. Lebensjahr beging ihre Mutter Selbstmord.

Beatrize hatte in dieser Zeit viele innerliche Kämpfe durch zu stehen. Einige Zeit lang gab sie sich selber die Schuld daran, glaubte, sie wäre eine zu anstrengende Tochter gewesen. Dann kam eine drei monatige Phase in der sie ihrem Vater die Schuld gab. Er hätte es bemerken, für ihre Mutter da sein müssen. Aber sie wurde älter und erkannte die Wahrheit, dass niemand Derer Schuld hatte, die ihren Tod überlebten.

Das Problem alleine lag in ihrer Mutter. In ihrem Verstand und vielleicht sogar der erkrankten Psyche. Im weiteren Verlauf der Jahre nahm sie auch von dem Wort „Schuld“ Abstand. Niemand konnte etwas dafür. Selbst ihre Mutter nicht. Man hätte ihr helfen können, hätte man es früher bemerkt. Aber niemand konnte es, da sie sich einfach immer mehr zurück zog, abschottete, bis sie letztendlich zu der Überdosis Tabletten griff.

Im gleichen Zug wie diese Erkenntnis, keimte auch der Wunsch in Beatrize, solchen Menschen helfen zu können. Sie zu verstehen, zu begreifen und letztendlich auch vor solchen Taten zu bewahren. Sie schloss die Schule ab und begann Psychologie zu studieren. Jahre später fing sie in einer psychiatrischen Anstalt an und kam den verwirrten Seelen näher, als jeder sonst.

Wenn also jemand die Menschen und ihr Inneres verstanden hatte, so musste es Beatrize sein, so nahm Alvira es einfach an. Die Frage war nur, wie sie auf sie zugehen sollte. Wie sollte sie Beatrize auf die Wahrheiten ansprechen, die sie suchte? Und viel wichtiger noch, welche Fragen wollte sie ihr überhaupt stellen?

Sie war bereits durch das Zwischenreich gereist und durchquerte den kleinen Park vor der Klinik, als ihr selber es überhaupt bewusst wurde. Sie wusste nicht, was sie fragen wollte. Aber wusste sie, was sie wissen wollte?

Sie setzte sich auf eine grüne Parkbank am Rande des Kiesweges, der durch diese Grünanlage sich bis zum Eingang der Klinik schlängelte. Vereinzelt gingen Patienten hier spazieren. Mal in Begleitung von Pflegepersonal, mal auch ganz alleine. Manche schienen sich frei zu fühlen, waren innerlich aber voll und ganz gehemmt. Andere dagegen, waren nur von Trauer und dunklen Gedanken gequält, so dass sie nicht einmal zu atmen wagten und jeder Schritt in der Realität ihnen innerliche Schmerzen bereitete. Von Tabletten ruhig gestellt, funktionierten sie nach Außen normal. Aber innerlich würde Beatrize noch Einiges zu tun haben.

Alvira wollte verstehen, wie es möglich war, zu vergessen. Und zwar all diese herrlichen
Dinge, die es in ihrem Reich noch gab. Was die Menschen veranlasst hatte, ihre einfache Realität über die Doppeldeutigkeit der Wirklichkeit zu legen. Eigentlich nicht zu vergessen, sondern ganz offensichtlich nur zu verleugnen. Und dies so absolut und ganz, dass sie es dadurch einfach aus dieser Welt verbannten. Dies bereist so seit Jahrhunderten. Es mussten Magier, Seher, Medien, Menschen mit dem zweiten Gesicht geboren werden. Aber selbst diese Auserwählten mussten sich so sehr gegen ihre eigene Begabung wehren, dass sie niemals erwachte. Wie also war das Ganze überhaupt möglich? Sie wurde aus den Gedanken gerissen von einer jungen, zarten Stimme, die sie im leichten SingSang fragte: „Du bist eine Elfe, nicht wahr?“

Alvira antwortete nicht, sie öffnete den Mund nur in Staunen. Das widersprach dem Allen, was sie gerade gedacht hatte. Ein Mensch konnte ihre wahre Natur sehen. Das hieß, er konnte „sehen“. Dieser Mensch war eine junge Frau von vielleicht 24 Jahren. Mit grünen, neugierigen Augen musterte sie Alvira. Unter den gelockten, lang zurück fallenden roten Haaren, arbeitete es in ihrem Verstand.

Die roten Haare , schoss es Alvira in die Gedanken. Einst waren sie das Zeichen für eine Frau der alten Göttin gewesen. Eine Frau, die dem alten Weg geweiht werden sollte. Eine Hexe, wie die Menschen sie nannten. Nun, die Sehergabe besaß sie anscheinend schon. Sie war neugierig darauf heraus zu finden, was für Gaben diese Frau auch noch besaß.

„Wie kommst Du darauf?“ Stellte Alvira die Gegenfrage.

„Ich kann es sehen, es fühlen. Ich weiß es einfach. Wie bei vielem Anderen, fliegt es mir einfach zu. “ Sagte die junge Frau und setzte sich nun neben sie auf die Bank. Sie trug ein dünnes Kleidchen mit bunten Sonnenblumen bestickt. Es fiel schlaff auf diesen hageren Körper hinunter. Die junge Frau spielte am Saum des Kleides herum, ließ ihn zwischen den Fingern hin und her gleiten, während es im ihrem Verstand zu arbeiten schien. Seltsam, Alvira konnte nicht in ihr lesen, in sie blicken. Ein ganz klares Zeichen dafür, dass in der Frau etwas weitaus magischeres noch schlummerte.

Mit einem Mal blickte sie auf, musterte Alvira nun sehr genau, als versuche auch sie nun in ihr zu lesen. „Du wirst es doch keinem erzählen?“ Fragend und zugleich auch bittend blickte sie Alvira an.

„Was soll ich nicht erzählen?“ Fragte Alvira zurück.

„Das, was ich zu Dir gesagt habe. Wenn Frau Schreuer oder eine der Pflegerinnen es erfährt, bekomme ich eine höhere Dosis an Tabletten. Und in ein paar Wochen soll ich entlassen werden. Das würde man ganz sicher verschieben, wenn es jemand erfahren würde.“

„Keine Angst, ich schweige wie ein Grab.“ Antwortete Alvira, wenn auch gleich sie den Zusammenhang noch nicht verstand. Vielleicht würde diese junge Frau es ihr gleich erzählen? Das wäre interessant zu erfahren.

Und als habe sie Alviras Gedanken verstanden, erzählte sie ihr wirklich ihre Geschichte.

Aber nicht in Worten, sondern sie entführte Alvira in die Gedanken der Erinnerung.

Ihre Geburt war in den Jahren danach immer ein Ereignis, von dem ihre Mutter oder Vater gerne erzählten. Es gab ein Gewitter, das sich auswuchs bis an die Grenzen eines Tornados. In dieser Nacht fiel schlagartig der Strom im Krankenhaus aus und es dauerte Minuten, bis der Notfallgenerator wieder ansprang. Aber in den Minuten der Dunkelheit verfiel keiner in Hektik oder Treiben. Nein, sie standen alle gebannt und gelähmt da. Die Dunkelheit manifestierte genau die Dämonen, vor denen sich jeder zu fürchten schien. Ein Jeder auf seine eigene Weise und Jeder mit den eigenen Teufeln danach.

Sicher, in den Monaten und auch Jahren danach, gab keiner seine Angst in dieser Nacht zu. Was blieb, war eine reichlich ausgeschmückte Geschichte, die aus der Geburt von Nancy einen Tripp am Rande der Hölle formte. Bevor Nancy ihren ersten Atemzug in dieser Welt tat, wurde sie schon verurteilt und abgewertet. Viel öfter noch, begegnete ihr das in ihrem weiteren Leben. Dabei war der Zusammenhang zur Hölle, noch der Harmloseste.

In den Jahren, in denen Nancy zum Kind heranreifte, machte sie den Vorurteilen alle Ehre. Sie wurde zum Einzelgänger. Verließ viel zu oft die Gruppe der anderen Kinder, um sich einfach alleine auf die Wiese zu setzen. Sie sprach mit den Tieren und es schien, als lauschte sie auf etwas. Noch mehr Futter für die Gerüchte Küche. Man machte es ihr auch in keinster Weise leicht.

Sie wurde zur jungen Frau und anders als die anderen Mädchen, schien sie sich nicht für Jungs zu interessieren. Nun, wie sollte es mit der Braut des Teufels auch anders sein? Sie war ihm doch versprochen.

Nancy verlor nie ihren Leichtglauben und die unschuldige Naivität. Sie verstand nicht, warum man sie so ausgrenzte und ebenso unternahm sie auch nichts dagegen.

Nun, einmal konnte sie ihren Mund nicht halten und sprach mit ihren Klassenkameraden über Geister, die sie sehen könne. Über das Zwischenreich und auch die Elfen. Unnütz zu sagen, dass es weiter erzählt wurde und seine Runde machte. Von Schülerin zu Schülerin. Von Schüler zu Lehrer und dann zum Rektor. Und dieser verständigte den Schulpsychologen und letztendlich auch die Eltern.

Und natürlich stritt Nancy nichts ab, sondern formulierte blumig aus, was sie in der Welt sehen konnte und in eigener Realität begriffen hatte.

Alle sahen die Chance gekommen, sie endlich abzuschieben. Weg von den anderen Kindern, weg aus dem kleinen Dorf weit ab der Stadt. Ja, selbst ihre Mutter und ihr Vater waren erleichtert, hätten dies aber nie zugegeben.

Und so kam Nancy in eine Klinik voll der Menschen die sahen, was sonst niemand sah. Die wussten, was kein Anderer wusste. Und die waren, wie niemand sonst. Im Grunde ein Platz, wo Nancy hin zu gehören schien. Aber die Aufgabe der Klinik war nicht die Entfaltung, sondern die Verbesserung, Veränderung zum Normalen.

Nancy bekam Tabletten, sie erhielt Gespräche und lernte und begriff sehr schnell. Die Dinge, die sie sah, durfte sie nicht sehen. Und auch wenn sie nicht verschwanden, so durfte sie nur nicht mehr von ihnen erzählen.

Nancy war naiv gewesen, aber nun bereits, hatte sie dazu gelernt.


„Was ich sehe, darf es nicht geben. Und wenn es das gibt, so darf ich nur nicht davon erzählen. Aber, da ich Dich sehe, als das was Du bist, so kann ich mit Dir darüber reden, denn dann gibt es auch dich nicht. Also rede ich im Grunde nicht darüber und das ist wiederum richtig, nicht wahr?“ Fragte Nancy und blickte sie aus unschuldigen Augen an.

Etwas verwirrend, was sie sagen wollte, aber im Grunde hatte sie recht. Alvira versuchte zu verstehen, was Nancy widerfahren war. Aber das konnte sie nicht. Auf diese Art zu denken, zu handeln, das war ihr fremd. Aber vielleicht lag das nur daran, dass sie kein Mensch war?

Aber noch war das Verstehen nicht von vorrangiger Bedeutung. Sie musste entscheiden, was sie mit Nancy machen wollte. Alvira konnte wie geplant Beatrize aufsuchen und unter Umständen die Antworten bekommen, die sie suchte. Oder aber sie könnte der noch im Innern schlummernden Hexe helfen zu erwachen. Dafür musste sie sie nur auf die heilige Insel bringen und der alten Mutter weihen. Eine Zeremonie, die Alvira bereits als Kind lernen musste. Schließlich war auch das, einst die Aufgabe der Elfen gewesen.

„Ich vermute Du hast Recht.“ Sagte Alvira zu Nancy.

„Was tust Du hier in dieser Welt? Hast Du eine Aufgabe, eine Pflicht, vielleicht sogar eine Mission?“ Fragte Nancy Alvira mit brennender Neugier.

Gerade, als Alvira antworten wollte, sprang Nancy von der Bank auf, fuchtelte vor ihr wild mit den Armen in der Luft herum. Ihre Augen leuchteten, wie die der Kinder am Weihnachtsbaum. „Darf ich Deine Flügel sehen? Bitte ...“

Alvira zögerte. „Ich darf sie eigentlich keinem Menschen zeigen, weißt Du. Es ist mit verboten.“

Sofort veränderte sich die Gemütslage von Nancy. Es war überdeutlich zu spüren, wie die Aufregung plötzlich in Trauer umschlug.

„Wenn Du gehst, werde ich Niemandem davon erzählen können. Und tue ich es doch, so wird man so lange auf mich einreden, bis auch ich es nicht mehr glaube, Dich gesehen zu haben. Hätte ich aber Deine Flügel gesehen, so würde ich ihr Bild in meiner Erinnerung behalten und mich daran festhalten. Dieses eine Bild würde beweisen, alleine für mich, dass ich nicht verrückt bin. Und auch, wenn mir sonst keiner glauben würde, ich alleine könnte mich daran festhalten und niemand könnte mir diese Erinnerung nehmen.“ Nancy stand da, mit gebeugten Schultern, den Blick zu Boden gerichtet. Verloren, einsam in dieser Welt, in der sie keiner verstand und von Geburt an ausgestoßen und verachtet. Alvira hatte Mitleid mit und viel mehr noch, konnte sie mit diesem Menschen, dieser jungen Frau mitfühlen.

Sie verdiente es einfach, nach 24 Jahren des sich im Innern verstecken, dass sie am Ende Recht behielt. Sie musste uns sollte belohnt werden. Für ihren Glauben, ihre Stärke und gerade diese Unschuld, die sie sich in all den Jahren bewahrt hatte. Zum ersten Mal seit Alvira nun in der Welt der Menschen war, traf sie eine Entscheidung auf Grund von Gefühlen. Derer von Nancy, als auch denen, die durch sie ausgelöst wurden.

„Ich werde Dir mehr als nur meine Flügel zeigen. Ich werde Dich in eine Welt entführen, von der Du einst geträumt hast. Eine Welt für die Du geboren wurdest. Nur Eines muss ich erledigen. Doch dann können wir aufbrechen in eine neue Welt. Die Menschen glauben nicht mehr an Magie, an die Wunder der Anderswelt. Du aber könntest sie ihnen wiederbringen und zeigen. Du kannst meine Auserwählte werden. Ein großes Schicksal, herrliche Taten, die dadurch geboren werden.

Bist Du dazu bereit? Willst Du diese Reise mit mir gemeinsam antreten?“

Tränen flossen aus den unschuldigen Augen dieser zarten Seele. Die Jahre des Aushaltens, des niemals Aufgeben, egal, wie man sie behandelte, sie bekamen endlich einen Sinn. „Ja. So unendlich ja. Ich will mit Dir gehen.“ Nancy stürmte nach vorne und umarmte die Elfe Alvira. „Danke.“ Sagte Nancy nur flüsternd.

Es war befremdlich für Alvira und doch so liebevoll, so zärtlich und voll an Geborgenheit. Zaghaft legte auch sie die Arme um Nancy und spürte, wie sich ihre Seelen in einer schier unendlichen Sekunde verbanden.

Dann ließ Nancy sie los und ging einen Schritt zurück. „Ich werde warten, so wie ich es mein ganzes Leben gemacht habe. Aber diesmal weiß ich worauf und wofür.“

Alvira nickte nur, sagte sonst nichts. Diese Nähe, diese Art der Verbindung zu einem Menschen war ihr fremd und gleichzeitig verwirrte es sie. Sie fühlte sich Nancy nahe, schon fast verbunden, obwohl sie sich doch erst sein ein paar Minuten kannten. Alvira konnte nicht verstehen, wie das möglich war und was das war.

Aber zugleich begriff sie, dass vielleicht, vielleicht auch nur, sie ebenso einer Bestimmung diente. Und es konnte sein, dass sie dem Zweck des Rades unterworfen war, das unermüdlich diese Welt im Strom hielt. Schicksal, vielleicht besaß auch sie eines?

Abwesend, in Gedanken an Fetzen, die sie nicht ordnen oder verstehen konnte, reiste sie in und durch die Zwischenwelt. Eine Seele hatte sie gerufen und so musste sie wenigstens sehen, was geschehen war.

So langsam klärte es sich in ihr wieder und sie bekam ihren rationalen Verstand wieder.

Es klang noch leise und fast zaghaft in ihr nach, aber keineswegs unangenehm.

Alvira tauchte bereits aus der Zwischenwelt wieder auf und erkannte sogleich den Ort wieder. Hier hatte sie Clarisse mit ihrer Mutter zurückgelassen. Obwohl das falsch war. Sie hatte sie nicht zurück gelassen, viel mehr in ihr Leben wieder entlassen. Haarspalterei und Begriffsspielerei. Warum ihre Gedanken darum kreisten? Unerklärlich.

Clarisse war nicht hier, ebenso wenig die Spur ihrer Mutter. Und doch konnte Alvira spüren, dass die Seelen sie brauchten. Und viel mehr als das, in Lebensgefahr schwebten. Es war nicht schwer auszumachen, wohin sie musste. Sie folgte den sandigen Wegen durch die schmalen Gassen. Kam dem Ruf der Seelen immer näher, als auch dem Geschrei von Menschen. Schon nach kurzer Zeit erreichte sei den Ort des Geschehens und konnte doch noch nicht begreifen, was hier gerade geschah.

Eine aufgeregte Masse an Menschen, die in Unruhe umher trabten, wie eine aufgeschreckte Herde an Kindern. Laute Stimmen, die miteinander diskutierten und ebenso zwischendurch laute Schimpfworte heraus schrien. Mit einem Mal wurde es ruhig. Jede Unruhe verschwand, aber die Luft füllte sich mit knisternder Spannung auf.


Ein Mann, mit langem grauen Spitzbart und einem Tuch um den Kopf gewickelt, stieg auf eine Kiste. Mit den Händen bedeutete er der Masse, die aus Frauen, Männern und Kindern bestand, zu schweigen. Dann begann er zu sprechen und endlich konnte Alvira auch Clarisse und ihre Mutter ausmachen. „Der Teufel hat viele Namen und noch mehr Gesichter.“ Sprach der alte Mann und die Menge raunte in Zustimmung. „Er hat viele Frauen und noch mehr Helfer, die sich ihm verpflichtet haben.“ Einige Sekunden des Schweigens folgten und die Masse an Menschen blickte Clarisse und ihre Mutter strafend an.

Sie knieten am Boden, die Hände und Füße gefesselt, den Mund verbunden. Neben ihnen, ein Haufen an Hölzern, wie Alvira ihn schon in der Geschichte der Menschen gesehen hatte. Scheiterhaufen, so nannten die Menschen ihn.

Beide Frauen blickten zu Boden. Spuren der Misshandlungen am Körper. Man hatte sie gefoltert, um sie zur gewünschten Wahrheit zu bringen.

„Die Toten kommen niemals zurück. Außer, sie sind einen Pakt mit dem Teufel eingegangen.“ Sprach der alte Mann weiter und sogleich wurde die Menge wieder unruhiger und die Anspannung wuchs weiter.

Alvira brauchte nicht tief in die Seelen der Menschen einzutauchen, um zu verstehen, warum. Sie wollten die Frauen brennen sehen. Das würde ihnen Befriedigung und auch grausames Vergnügen bereiten. Wie zuvor, wurde auch hier ein Teufel vorgeschoben, um Unschuld bestrafen zu können.

Aber Alvira konnte das auf keinen Fall zulassen. Nicht umsonst hatte sie Clarisse vor dem Tod gerettet und ihre Mutter zurück in das Leben gebracht. Nur, was konnte sie tun?

Sicher, sie könnte die beiden Frauen sterben lassen und dann erneut zurück holen. Aber das erschien ihr falsch. Sie musste jetzt etwas tun, um ihren Tod zu verhindern. Nur was?

Sie entfernte sich etwas von der Gruppe an Menschen, die sich darauf freute, die zwei Frauen brennen zu sehen. Alvira blickte zum Himmel und hatte sogar etwas Glück. Ohne ihr magisches Eingreifen gewann der Wind an Stärke. Nicht zu sehr, dass er die Auswüchse eines Sturms annehmen konnte. Aber genug, um Sandkörner über die Stadt zu vertreilen.

Und Alvira griff nun in die Tasche und holte nun etwas heraus, das an Sand erinnerte. Aber es war noch feinkörniger und glitzerte wie ein Meer an Scherben im Sonnenlicht. Es war Elfenstaub aus ihrer Heimat. Es hatte die Fähigkeit, Menschen für einen begrenzten Zeitraum in einem Traum gefangen zu halten. Sie sahen die schönsten Träume, spürten das höchste Glück, bis es nach einigen Minuten aufhörte zu wirken.

Damals war dies das Handwerkszeug der Elfen, wenn sie den Menschen halfen einzuschlafen. Ruhe in trostloser Nacht zu finden. Denn wenn auch die Menschen das Elfenvolk alleine im Begriff der Alpträume noch in Erinnerung behielten, so war die tiefergehende Bedeutung, dass die Elfen den Menschen damals dagegen halfen. In der Vergangenheit waren die Albträume nichts Schreckliches, sondern die wunderbarsten Träume, die ein Mensch sich wünschen konnte. Herbeigeführt durch eben jenen Elfenstaub. Und genau das benutzte Alvira nun. Sie hob die offene Handfläche in
Richtung Himmel. Der säuselnde Wind trug die feinsten Körner des Elfenstaubes in die Luft und dann direkt in die aufgeregte Masse an Menschen.

Sobald sie mit dem Elfenstaub in Berührung kamen, wurden sie still. Wie in Trance standen sie, im inneren Geist die frohlockendsten Bilder ihres höchsten Glückes.

Zum ersten Mal misgönnte Alvira ihnen das. Sie hatten zwei unschuldige Frauen töten wollen und jetzt erlebten sie die schönsten Träume? Sie scheuchte die Gedanken weg, bevor daraus reiner Ärger erwachsen konnte. Sie musste Clarisse und ihre Mutter in Sicherheit bringen. Sie stürmte nach vorne. Vorbei an den unbeweglichen Menschen und ergriff die Hände der beiden Frauen. Auch sie waren im Glück gefangen. Alvira führte sie in die Zwischenwelt und tauchte mit ihnen genau an der Stelle wieder auf, wo sie vor kurzem erst Clarisse gerettet hatte.

Noch immer unverändert tat der Strom des Flusses sein Werk. Er blubberte, er kochte hoch und sank in Welle wieder hernieder. Aber Alvira sah mittlerweile alles mit anderen Augen. Es war ihr erster Tag in dieser Welt. Noch immer die ersten 24 Stunden, wie die Menschen die Zeit einteilten. Und dennoch hatten sie bereits so viel gesehen, erlebt und zum Teil begriffen und gelernt.

Was sollte nun mit den zwei Frauen geschehen?

Zurück in ihre Heimat, ihr Dorf, konnten sie auf keinen Fall. Jetzt erst Recht würde man denken, dass sie mit dem Teufel zusammen arbeiteten. Ja, Alvira begann zu verstehen und zu begreifen. Sonst könnte sie auch nicht voraus sehen, wie sie handeln würden. Die Menschen war ihr mittlerweile weit weniger fremd, als sie es angenommen hatte.

Alvira blieben nur noch wenige Minuten, um eine Entscheidung zu treffen. So oder so drängte alles nur in eine Richtung: Avalon. So, wie es der einzige Ort noch voll der Ursprungsmagie war, so sehr schien es auch die Errettung für die verlorenen Seelen dieser Welt.

Aber die beiden Frauen konnten niemals durch das Portal gelangen. Da half kein Hoffen, kein beten oder bitten. Ihr Glaube übereinstimmte nicht einmal mit dem Ursprung. Sie besaßen keine Kenntnisse des alten Weges. Avalon würde sie niemals willkommen heißen oder eintreten lassen.

Es blieb nur die magische Insel, die Namenlose, wie sie betitelt wurde. Ein Vorort und der Weg zum Portal nach Avalon.

Die beiden Frauen regten sich bereits. Sie reckten die Arme zum Himmel, gähnten und stöhnten, als sie aus dem kurzen Traum erwachten. Seltsamerweise war ihr Herz, ihre Seele, von Freude erfüllt. Trotz der Pein, der Folter und der Schmerzen, die sie erst kürzlich erfahren hatten. Doch die Erinnerung an das höchste Glück des gerade erlebten Traumes, ließ Vergangenheit ganz einfach verschwimmen. Nun lag es an Alvira ihnen verständlich zu machen was sie vorhatte und wohin sie die die Frauen bringen würde.

Sobald die Frauen wieder zurück in die Wirklichkeit gefunden hatten und die vernebelten Nachwirkungen des Traumes verschwunden waren, fielen sie sich als erstes in die Arme. Sie weinten vor Glück und genossen etliche Sekunden einfach nur die
Nähe. Alvira wartete so lange und ließ ihnen den Moment. Das hatten sie bei Leibe verdient.

Dann lösten sie sich voneinander, hielten sich aber an einer Hand verbunden und sahen nun beide sie an.

„Ihr könnt nicht mehr zurück in Eure Heimat,“ sagte Alvira. Die beiden Frauen nickten nur. Auch ohne ein Wort sprachen die verkrusteten Wunden in den Gesichtszügen Bände.„Ich kann und ich werde Euch woanders hinbringen. Euch einen Teil der Welt zeigen, der Euch bis jetzt verborgen war.

Manches werdet ihr blind verstehen, anderes niemals ganz begreifen.“

Clarisse trat nun einen Schritt nach vorne, ließ ihre Mutter los und fiel vor Alvira auf die Knie. Sie ergriff Alviras Hände und sah sie offen an.

„Ich weiß nicht genau, was Du bist. Und doch hilfst Du uns, hilfst Du mir, wie es nur ein Engel könnte. Zur rechten Zeit bist Du da, um das Unheil abzuwenden. Im ersten Moment hielt ich Dich für einen Teufel oder auch Dämon, das tut mir leid. Wir folgen Dir, wohin Du willst. Wir vertrauen Dir … Ich vertraue Dir. Denn wie könnte ich jemals anders?“ Sprach Clarisse.

Und Alvira schluckte. Erneut berührte sie ein menschliches Wesen, eine Seele, selber innerlich. Es war ergreifend und so sehr aufwühlend. Alvira sagte nichts und nickte nur. Diese Frauen hatten es so sehr verdient, wenigstens eine erste Ahnung der verborgenen Mysterien zu erhalten. Und so führte sie die die beiden Frauen durch die Zwischenwelt zur namenlosen Insel.

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