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NancyInhaltsverzeichnis

Die Namenlose Insel

Roman zum Thema Magie


von Nismion

Keiner der beiden Frauen hinterfragte die Bedeutung dieser Insel. Keiner zweifelte an, dass diese Insel etwas Besonderes war. Es gab auch keinen Grund dafür. Denn seit dem ersten Anblick dieses kleinen Paradieses, waren die Frauen von ihr gefesselt. Und auch Alvira war dankbar dafür, dass die Insel die beiden Frauen akzeptierte. Es hätte auch anders kommen können.

Statt der kleinen Schmetterlinge, die azurblau im Sonnenlicht funkelten, hätten sich Drachen und Fledermäuse hier sehen lassen können. Statt des klaren Wassers, das sich in Strömen von oben aus den Bergen in die tiefe Landschaft ergoss, hätte sich kochende Lava den Weg ebnen können. Diese Insel wechselte ihr Erscheinungsbild so, wie sie die Seelen akzeptierte oder abstieß. Nun, die beiden Frauen nahm sie an. Schon einmal ein erster Schritt in die richtige Richtung.

Die namenlose Insel war weit mehr als nur eine Insel. Sie besaß die Größe eines Landes, wie die Menschen Ländereien aufteilten und betitelten. Und dennoch befand sie sich im Strom der Gezeiten. Was sie umspülte, war auf den ersten Blick nur Wasser. Aber dahinter, hinter der offensichtlichen Oberfläche verbarg sich der Fluss einer Ewigkeit. Niemand hatte bis jetzt dieses Meer betreten, beschifft oder war auch nur in ihm geschwommen. Es hätte auch keinen Sinn gemacht. Denn was man fand, das war rein die Ewigkeit ohne das Ende einer Zeit.

Jetzt galt es, den Frauen die eine Regel der Insel zu erklären.

„Es gibt nur Eines, was ihr beachten müsst. Ansonsten seid ihr hier frei und sicher. Was ihr Euch wünscht, das geschieht. Nur müsst ihr es dafür aussprechen. Und habt ihr Euch nur einmal einen Wunsch erfüllen lassen, so könnt ihr hier nie mehr weg.“ Sprach Alvira und legte die Betonung in jedes einzelne Wort, damit die Frauen auch sicher verstanden.

Die beiden Frauen schwiegen. Sie blickten sie nachdenklich an, dann nach ein paar Minuten nickten sie einstimmig. Sie hatten verstanden.

„Es gibt ein Portal auf dieser Insel. Wenn ihr es seht, werdet ihr es sofort erkennen. Es steht Euch frei zu versuchen, hindurch zu kommen. Das ist der einzige Weg, der von dieser Insel noch weg führt. Vor diesem Portal steht ein Wächter mit einem Flammenschwert. Will das Portal Euch, ruft das magische Land nach Eurer Seele, so wird er Euch passieren lassen. Ist Euch der Zutritt verweigert, so versperrt auch der Wächter Euch den Weg. So ist es seit Jahrtausenden von Jahren und so wird es in Ewigkeit wohl bleiben.“

Auch dazu nickten die beiden Frauen nur.

„Ihr könnt tun, was ihr wollt. Hingehen, wo es euch beliebt. Die freie Wahl, die habt ihr. Ich muss nun weg, es gibt ein paar Dinge in Eurer Welt, denen ich folgen muss. Ich bin bald zurück und kann Euch dann die Fragen beantworten, die mit Sicherheit folgen werden.“ Alvira wartete nach den Worten auf eine erste Frage. Aber es kam keine. Die Frauen schienen vom Anblick der Insel mit Ehrfurcht und Schweigen erfüllt zu sein.

Und so reiste Alvira erneut in die Zwischenwelt. Sie musste noch zu Nancy und dann auch zu diesem fragwürdigen Umstand im Angelpunkt. Sie entschied sich als erstes für den Angelpunkt. Denn Nancy war so lange in Sicherheit. Aber diese nicht geschlossene Hölle der Mutter war ein gravierendes Problem, das sie erst untersuchen musste, bevor es weiter ging.


Sie ließ sich diesmal Zeit, als sie durch das Zwischenreich reiste. Sie ließ ihren Empfindungen freien Lauf, streckte die Fühler ihrer Sinne aus. Vielleicht war der Umstand dieses nicht verschwundenen Angelpunktes nicht das Einzige, was nicht richtig lief?

Die Geister, die Seelen der Verstorbenen, die keine Ruhe fanden, schwebten durch diese eigene nicht feststoffliche Welt. Ohne Sinn, ohne Zweck und losgelöst vom Schicksal des Rades. In alten Zeiten, da gab es sie auch. Doch waren sie nicht in dieser Welt gefangen gehalten und halfen den Menschen, wo sie nur konnten. In Ritualen, Weissagungen der Seher und manchmal auch als Schutzgeister. Die Menschen wussten, wie sie die Geister erreichen konnten und die nicht loslassenden Seelen dienten ihnen nur all zu gerne, bekamen sie so erneut eine Aufgabe, die ihrer Existenz einen Sinn gab. Natürlich waren es nicht nur gute Geister, Wesen, die helfen wollten. Aber so bekam Gut als auch Böse seine ausgleichende Gerechtigkeit im Reich der Toten unter den Lebenden.

All das, dieses einst starke Gefüge, gehörte der Vergangenheit an. Bald aber, würde es Zukunft als auch Gegenwart wieder sein. Die Entscheidung dazu hatte Alvira bereits getroffen, als sie entschied, die Hexe in Nancy zu erwecken. Was genau das bewirken würde, wusste Alvira noch nicht. Aber Stein um Stein, Werk um Werk, würde der Zyklus des Lebens wieder erweckt, bis er in voller Kraft wieder in Gang gebracht wurde.

Die Geister hier und auch die Wesen, die sich aus ihrer Existenz gebildet hatten, waren nicht mehr in Aufruhr als sonst. Noch hatten sie Alviras erneutes Eindringen nicht bemerkt. Aber nicht mehr lange, dann würden sie einer unbewussten Ahnung folgen und sie suchen. Das wollte sie nicht herausfordern, denn sie selber wusste nicht, zu was diese Geister in ihrem Reich fähig waren und wie sehr sie ihr vielleicht sogar schaden konnten.

Sie erreichte den Angelpunkt. Er war da, wie eh und je. Er hatte sich nicht aufgelöst und ebenso wenig an Kraft verloren. Das hieß, irgendetwas oder auf irgendeine Weise wurde er weiter mit Energie versorgt. Nur wie?

Ohne Probleme kam Alvira wieder durch ihn hindurch. Er war also immer noch auf die Seele der Mutter geprägt. Im Innern existierte noch immer die Hölle, die die Mutter sich erschaffen hatte. Alvira durchquerte die Welt aus kochender Lava, feuerspeiender Berge und dem Werkzeug der Qual, in dem die Mutter Clarisse immer und immer wieder verbrennen gesehen hatte. Es war nichts Ungewöhnliches zu finden. So sehr Alvira auch ihre Sinne ausstreckte, zu erfühlen versuchte als auch mit dem Innern zu folgen. Hier war nichts anders, als es sein sollte. Außer, dass dieses kleine Reich weiter existierte, auch ohne dass die Seele hier drin gefangen war und sich selber erschuf, was es unbewusst wollte.

Hier, war keine Antwort zu finden. So sehr es auch Alvira enttäuschte, es gab hier nichts zu entdecken, das nicht hier sein sollte, wie eh und je. Sie musste auf andere Weise herausfinden, was hier geschah. Und sie hatte auch schon eine Idee. Dafür musste sie aber wieder aus dem Zwischenreich hinaus und in die Welt der Lebenden. Und ohne zu Zögern, tat sie dies nun auch.

Nicht einmal Minuten später, war sie wieder auf der gleichen Brücke, an der sie Clarisse vor dem Tod bewahrt hatte. Aber diesmal streckte sie ihre Sinne weitaus mehr aus, als das Auge zu sehen vermochte. Es musste Glück sein, Zufall oder Schicksal. Sie musste nur genau eine Begebenheit entdecken, die ihr weitere antworten liefern konnte. Die Nacht senkte sich bereits über diese Seite der Welt. Am Himmel glomm es glutrot auf, während die Sonne hinab hinter den Horizont tauchte. Ein goldener Schleier tanzte über die unruhigen Wellen des Flusses, bis der leuchtende Planet ganz versank und der Nacht die Toren öffnete.

Dort unten, in nicht zu weiter Ferne, erlosch ein Licht nach dem Anderen hinter blank polierten Glasscheiben. Rolladen wurden herunter gelassen, Gardinen vorgezogen und eines um das andere Mal, wurde ein kleines Kind in den Schlaf gesungen. Andere bekamen Märchen und Erzählungen, in denen Feen und auch Elfen auftauchten. Alvira musste unweigerlich lächeln, als sie dies aufnahm. Märchen, Legenden, Sagen, mehr war ihr Volk nicht mehr für diese Welt. Aber das würde sich in baldiger Zukunft wieder ändern. So, wie Vieles Andere ebenso. Keine Gute Nacht Geschichten mehr als reine Träume, sondern neu erwachte Magie, um die Welt nur neu zu bezaubern.

In anderen Häusern flammten tausende an Bildern, Farben und Lichtern über den Bildschirm eines technischen Gerätes. Gefesselt und gebannt sahen Menschen darauf. Erweckte Gefühle der Sehnsucht, Liebe, Trauer und selbst auch Angst. Fast schon traurig, dass nicht das Leben diesen Seelen das gab, was sie am Meisten begehrten, sondern rein die Illusion erschaffener Wirklichkeit.

Dann spürte Alvira es. Es konnte nicht weit weg sein und sie machte sich erneut auf den Weg. Diesmal ließ sie ihre Flügel erscheinen, denn wer sollte sie bei Nacht schon finden, sehen oder entdecken? Ihr Ziel war ein weißes hochstöckiges Gebäude, in dem sich mehr Schmerz an leidenden Seelen gefangen hielt, als sonst im weiten Umkreis. Doch hier entsprang das Leiden körperlicher Gebrechen. Und ebenso war dies ein Gebäude, in dem weiß bekittelte Männer und Frauen, den Schwachen und Kranken halfen.

Ihr Ziel war ganz am Fuß dieses Gebäudes. Eine eigene Station, wie sie den Begriff aus den Seelen der Menschen empfing. Eine Station des Lebens und der Neugeburt. Hier waren weitaus mehr leuchtende Seelen zu finden, als oben in den höheren Stockwerken. Und ebenso viel an der reinsten Unschuld. Aber deswegen war Alvira nicht hier. Ihr Ziel war von Trauer, Leid und seelischem Schmerz zerrissen. Ihr Kind, ihr Baby, hatte trotz Kampf um einen Platz in dieser Welt verloren und die Seele verließ gerade den neugeborenen Körper.

Aber so, musste es nicht kommen. Denn ebenso, wie Alvira Antworten brauchte, war sie auch hier, um zu helfen. So verband sich eines mit dem Anderen und jeder bekam seinen Anteil. Doch zuerst, wie immer, da erzählte die Seele der Betroffenen eine Geschichte.

Und wie eh und je, berührte sie dabei Schicksal als auch Bestimmung des menschlichen Lebens.






Wäre es nach ihrer Mutter gegangen, Gott habe sie selig, so hätte sie in ein Kloster gehen müssen.
Dabei war ihre Mutter keine fromme Frau gewesen.

Nein, das war sie wirklich nicht.

Sie war in den Slums der Stadt groß geworden. Und wie jede der anderen Frauen in dem Viertel, hatte sie einen anständigen Job. Morgens bis Abends in der Textilfabrik. Ein Knochenjob für ein Taschengeld. Kein ehrbarer und angesehener Job.

Aber ein Anständiger.

Und wie jede der anderen Frauen, die tagein, tagaus in der Hölle an unbezahlten Rechnungen, väterlosen Kindern und verkauften Seelen, ihr Dasein fristeten, war auch sie von etwas abhängig. Bei ihr, waren es die Schmerztabletten.

Sauber genug, um nach Außen nicht so verdorben zu wirken, wie der innere Verfall bereits seine Spuren zog.

Ihre Mutter fand zu Gott. Dabei war sie nie ein Anhänger der Gebote der Kirche gewesen. Eher konnte sie ihr Mundwerk bei den Ansprachen des Papstes nicht halten und wetterte donnernd ihre Schimpflitanei herunter.

Ihr Weg zurück zu Gott, war ein weit leiblicherer Weg gewesen.

Pastor Jeffrey war ein ansehnlicher Mann im besten Alter. In diesem Viertel war sein sanftmütiges Auftreten, dem der Engel gleichzusetzen. Und jede der alleinerziehenden Frauen wollte ihn.

Ihre Mutter bekam ihn. Natürlich wurde dies nie öffentlich zugegeben, geschweige denn, diskutiert. Aber ihre Besuche jeden zweiten Tag zur Beichte, waren längst schon Futter für Gerüchte und Lästerei. Die Wahrheit erfahren, das hatte nie jemand. Denn ihre Mutter starb an einer Überdosis und nahm schweigend ihre Lasterhaftigkeit mit in das Grab.

Sie selber verließ das Viertel, bekam einen angesehenen Job in einer Anwaltskanzlei. Eine Karriere wäre ihr sicher gewesen. Aber sie entschied anders.

Sie heiratete, wurde schwanger und bekam ein Baby.

Ein Baby, ihr Baby, das gerade die Grenzen dieser Welt verlassen hatte. Sie war zu geschockt, um ein Wort heraus zu bekommen. Die Trauer ging tiefer, als dass Tränen ihr gerecht geworden wären.

Und immer wieder drängte sich ihr der Gedanke auf, dass dies die Strafe für die Taten ihrer Mutter war. Dennoch, da betete sie schweigend zum Himmel. Sie konnte doch nichts für ihre Mutter?

Sie wusste bereits, dass auch ein Gebet nichts mehr ändern konnte. Und dennoch, da wollte sie einfach nicht glauben, dass unweigerlich nichts mehr geschehen konnte, um ihr Baby zu retten. Aber Sekunde um Sekunde verstand sie mehr und mehr, dass das Schicksal bereits fest stand. Und nichts und niemand würde dagegen noch etwas tun können. Letztendlich übermannte sie doch der Schmerz und sie stürzte schreiend, weinend, mit krampfenden, hilflosen Gebarden zu Boden.




Es war kaum auszuhalten, den Schmerz dieser leidenden Seele zu empfangen. Und so versuchte Alvira sich gegen die ausgesendeten Emotionen abzuschotten. Es gelang ihr nicht ganz, aber es machte es etwas erträglicher.

Sie konnte sich noch nicht der Frau zeigen. Ihr noch nicht etwas Hoffnung bringen, denn es liefen dafür zu viele Menschen umher. In Eile, in Hetze, um der leidenden Frau die Schmerzen erträglicher zu machen. Sie bekam eine Spritze und wurde nun selber in ein Bett des Krankenhauses gebracht. „Ruhig gestellt,“ wie eine der Schwestern es ihrem Mann erklärte.

Noch hatte sich nicht die Seele des Kindes aus dem Körper gelöst. Dies würde aber in den nächsten Minuten geschehen. Alvira blieb also nicht mehr viel Zeit. So beobachtete sie dankbar, dass alle Anwesenden nun endlich den Raum verließen und die Frau in den tiefen Schlummer wirbelnder Träume versank.

Es wurde Zeit für ihren Auftritt.

Es war ihr möglich in die Träume der Menschen einzutauchen und dort mit ihnen zu sprechen. In Wahrheit war dies damals sogar so üblich gewesen. In Träumen waren die Menschen empfänglicher für die Anwesenheit magischer Wesen. In ihren Träumen war einfach alles möglich. Und so verwirrte es den menschlichen Geist nicht, durchbrach nicht ihre Regeln und Gesetzmäßigkeiten des rationalen Verstandes, sondern betete sich sanft in die Traumlandschaft ein.

Die Menschen nannten es damals Visionen, Eingebungen oder auch Besuche von Engeln.

Ja, was der Mensch aus dem Traum in seine Realität mitnahm, das blieb ihm selbst überlassen.

Die Welt, in die Alvira nun eintauchte, war dunkel, grau und einsam. Ein eisiger Wind fegte durch die Steppe einer Berglandschaft. Am Himmel keine Sterne, kein Mond, nur ein undurchdringbares Schwarz. Schon alleine in der Anwesenheit hier, fröstelte es Alvira.

Wie aber musste es einer Seele ergehen, die sich so etwas als Traum formte?

Sie fand die Frau nach nur einigen Schritten am Hügel eines Berges. Als Alvira ihr immer näher kam, empfing sie von dieser Seele nichts. Langsam näherte sich Alvira der Frau, um sie nicht zu verschrecken. Aber so, wie es aussah, war das auch nicht so leicht möglich. Alvira stand bereits neben ihr und setzte sich dann zu ihr und die Frau reagierte kein bisschen. Alvira blickte auch erst noch nur schweigend in die Ferne. Dort gab es nichts zu sehen. Nur ein Horizont der im tiefen Schwarz verschwand. Die Frau blickte nicht in die Ferne. Nein, sie blickte nach Innen, war in den Kreisen der Gedanken gefangen.

Vielleicht in Erinnerung? In Träumen von dem, was sie sich ersehnt hatte? Und nun zu Asche zerfallen war?

Alvira hätte es gerne getan.

Die Frau in Ruhe gelassen und ihr die Stille der Trauer gestattet. Aber erstens konnte sie ihr die Trauer nehmen, das große Unglück ungeschehen machen und zweitens blieb ihr nicht so viel Zeit um geduldig abzuwarten. Es musste jetzt gleich, in den nächsten Minuten etwas passieren, wollte sie dem Weg der Seele folgen, die gerade verstorben war.

Und so blickte sie erst die Frau von der Seite an, aber darauf reagierte diese auch nicht. Dann nahm Alvira behutsam ihre Hand und umschloss diese mit beiden Händen. Die Frau blickte sie immer noch nicht an, aber Alvira spürte, dass die Frau sie immerhin wahrnahm. Sie spürte nun die Anwesenheit der Elfe und würde zuhören, das wusste Alvira. Und die Neuigkeit, das Thema, um sie aus der Trance zu holen, das besaß Alvira ohne Zweifel.

Und so begann sie einfach nur zu sprechen. Die Frau würde schon zum passenden Zeitpunkt in das Gespräch einsteigen.

„Ich weiß, dass Du sehr trauerst. Das ist Dein gutes Recht und es ist richtig so. Ohne Zweifel … Dir wurde eines Deiner wertvollsten Dinge Deines Lebens genommen. Das ist nicht gerecht, aber es ist leider so. Und unter normalen Umständen, würde es genau so, unveränderlich geschehen.

Aber, ich bin aus einem bestimmten Grund hier. Ich will und kann Dir helfen.“ Alvira machte eine Pause von ein paar Sekunden, bevor sie fort fuhr. Sollte das gerade Gesprochene, erstmal in das Innere der Frau einsinken.

Dann fuhr sie fort: „Ich kann Dir helfen. Ich kann Dein Kind wieder in diese Welt zurück bringen. Es sollte noch nicht sterben und ich kann genau das, rückgängig machen. Alles was ich brauche, ist Deine Einwilligung.“

Schon bei den letzten Sätzen war die Seele und der Geist der Frau aus der Trance erwacht. Ihre Starre löste sich und sie umschloss nun ebenfalls die Hände Alviras.

„Bitte, wenn Du das kannst, so tu dies. Bitte …“ Kam es flehentlich aus ihrem Innern hervor.

Kein Zweifel an Alviras Fähigkeiten, keine Frage des Warums, nur einfach das Bitten zu erfüllen, zu ermöglichen.

„Dann soll genau das, auch geschehen. Träume noch etwas, bleibe noch einen Zeitraum hier und wenn Du erwachst, dauerte es nicht mehr lange, bis Dein Kind wieder in dieser Welt ist.“

Alvira konnte die Aufregung im Innern der Frau spüren. Und so machte sie sich so schnell wie möglich auf den Weg zurück in die Wirklichkeit. Sie hatte die Erlaubnis der Frau. Es konnte jetzt weiter gehen.

Sie glitt wieder hinaus in die Wirklichkeit dieser Welt. Gerade rechtzeitig, so wie es aussah, denn die Seele begann bereits den Körper zu verlassen. Es gab darüber keine genaue Beschreibung im Elfenreich. Keiner hatte es jemals niedergeschrieben oder beschrieben. Genau deswegen wollte Alvira es mit eigenen Augen sehen. Nur dann konnte sie verstehen, was mit dem Zwischenreich los war oder warum dieser Angelpunkt weiter bestand. So hoffte und glaubte sie zumindestens.

Alvira hielt sich bedeckt, besser versteckt. Sie wusste nicht, welche Mächte hier am Werk waren. Und ebenso wenig mussten diese Kräfte wissen, dass sie sie beobachtete. Sie
holte sich aus dem Schwesternzimmer einen weißen Kittel, schlüpfte hinein und machte sich bereits auf den Weg zurück zum Zimmer. Aber sie machte vorher Halt, setzte sich auf einen Stuhl im Flur und behielt das tote Baby wie beiläufig im Blick. Es lief fast genau so ab, wie man erwartet hätte, bis auf eine alles entscheidende Kleinigkeit, die aus dem Rahmen fiel.

Die Seele des Babys löste alle Bindungen zum weltlichen Körper. Sie befreite sich von der Last der Weltlichkeit und schwebte dann sanft nach oben. Daher auch der Glaube an den Himmel. Alle Seelen strebten in ihrem Tod immer in die Höhe, als wendeten sie sich ihrem Ursprung dort oben zu. Doch bevor die Seele den Körper ganz verlassen hatte, geschah es. Die Wirklichkeit schien selber zu erzittern und verschob sich leicht in ihren Bahnen. Ein Portal wurde geöffnet und hindurch kam eine andere Präsenz. Alvira konnte die Macht davon spüren und ebenso erkannte sie sofort, dass das nichts menschliches war. Und obgleich es ihr bekannt vorkam, konnte sie es absolut nicht einordnen.

Diese Präsenz gewann keine Form. Sie blieb als Energiewolke ohne Bestand und wirkte einen Zauber auf die Seele. Es leuchtete kurz feuerrot auf und verlor sogleich wieder jegliche Farbe. Alvira wusste, was hier gerade geschehen war.

Und doch, das durfte nicht sein?

Siegelzauber, die reine Siegelmagie …

Sie war seit Jahrhunderten vergraben und eingeschlossen in den Geheimnissen des Elfenreiches. Merlin selber hatte damals die Elfen darum gebeten und den Schwur verlangt, sie niemals Jemandem wieder zugänglich zu machen. Die Siegelmagie führte ihren Zauber direkt in und an einer Seele aus und zeichnete sie für immer. Niemand außer dem Zaubernden konnte das jeweilige Siegel erkennen oder wieder aufheben.

Alvira selber wusste nicht, was dort gerade geschehen war. Das Siegel trug das Zeichen der gefaltenen Schwingen des Phönixs. Sie kannte sich in den Siegeln und ihrer Bedeutung nicht aus. Die Elfen hielten ihre Versprechen und sei es, dass es manchmal auch den Tod zur Einhaltung erforderte.

Die magische Präsenz verschwand, löste sich auf und hinterließ keine Spur ihrer Existenz. Die Seele des Babys verschwand ebenso und machte sich auf die Reise in das Zwischenreich.

Und Alvira hängte sich an ihre Spur und folgte ihr. Hätte sie nicht gesehen, was sie beobachtet hatte, so wäre ihr nichts an der Seele aufgefallen. Und auch jetzt, wo sie wusste, dass ein Zauber auf sie gewirkt worden war, konnte sie nichts Ungewöhnliches an ihr entdecken.

Sie musste auf jeden Fall herausfinden, was für ein Zauber das gewesen war.

Nur wie?

Wie sollte sie an die Quellen kommen, in dieser Welt?

Sie wusste absolut nicht, wen sie hier in magischen Dingen um Rat fragen konnte.


Sobald die Seele durch ihren neu erschaffenen Angelpunkt glitt, folgte auch Alvira ihr. Was sie dort erwartete, verwunderte sie kein bisschen. Die Seele des Babsy, das Neugeborene, hatte sich den Mutterleib neu erschaffen, in dem sie vor ihrer Geburt den Himmel erlebt hatte. Wärme, Geborgenheit und der Schutz vor der Wirklichkeit da draußen. Und sofort begriff Alvira das nächste Problem, was aber nicht gravierend genug war, um es nicht auch, lösen zu können.

Sie konnte nicht mit der Seele sprechen !

Denn auch wenn es eine menschliche Seele war, so war sie noch nicht so weit entwickelt, dass sie die Sprache wirklich verstehen oder begreifen konnte. Und so hatte diese Seele sich eine Realität erschaffen, in der es keine Worte geben konnte. Aber auch dieses Problem ließ sich kinderleicht lösen. Alvira schickte ihr einfach Bilder und ließ sie so verstehen, warum sie hier war.

Das junge Wesen begriff sehr schnell. Und als Alvira ihr verständlich machte, wie sehr ihre Mutter litt und sie vermisste, folgte die Seele ihr sofort. Sie glitt mit ihr wieder hinaus und war jetzt schon nicht mehr überrascht, als der Angelpunkt weiterhin bestand. Das Problem war dieser Zauber.

Bevor Alvira die Seele zurück in den menschlichen Körper begleitete, machte sie ihr noch verständlich, dass sie auf keinen Fall schreien dürfte. Dann würde sie auffallen und man würde sie mit Sicherheit nicht zu ihrer Mutter lassen. Die Seele begriff schnell und tat bereitwillig alles, was die Elfe von ihr verlangte. Hauptsache, sie konnte und durfte bei ihrer Mutter bleiben.

Und so ergab es sich, dass nur Minuten später, Alvira durch den Flur des Krankenhauses eilte, ein Baby im Arm. Sie rief bereits die Mutter durch die Gedanken, bevor sie bei ihr ankam und so erwartete sie die beiden in neu erwachter Freude. Als sie ihr Baby sah, leuchteten ihre Augen und ihr Innerstes schien vor Dankbarkeit zu bersten.

Im Stillen schwor die Mutter sich, nie wieder an ihrem Gott zu zweifeln und ihr Baby in seinem Glauben zu erziehen. Sie glaubte, Alvira wäre ein Engel, den ihr Gott ihr zur Hilfe gesandt hatte. Alvira ließ ihr den Glauben und als sie verschwand, so tat sie dies mit gleißendem Licht, um sie darin zu bestätigen.

Es bewirkte Gutes, gab der Mutter den Frieden einer heilen Welt. Also warum sollte Alvira sie mit etwas aufklären, das ihr sorgsam erdachtes Gefüge zerstören konnte?

Alvira blieb noch in dieser Welt, an diesem Ort, nur körperlos vor der Nebelbarriere. Wie sollte sie die Bedeutung dieses Siegels erfahren?

Sie beobachtete die Mutter, ohne dass diese sie sehen konnte. Für die Mutter schien die Ewigkeit neu geboren worden zu sein. Sie wiegte ihr Baby im Arm und ließ die Zeit bedeutungslos vorbei streichen.

Wen konnte Alvira fragen? Welches magische Wesen in dieser Welt wusste über so etwas Bescheid?

Die ernüchternde Antwort war, dass sie es simpel nicht wusste. Bis jetzt war sie nur einem Menschen begegnet, der die Magie in sich trug. Noch nicht erwacht, aber
immerhin als Spur.

Nancy

Und vielleicht hatte sie eine Ahnung, wie sie Antworten bekommen konnte?

Solche Seelen wie Nancy standen unter dem Schutz der großen Mutter. Suchten sie etwas, was mit ihrer Bestimmung zu tun hatte, so wurden sie unscheinbar zu den gesuchten Ergebnissen geführt.

Das konnte Alvira vielleicht ausnutzen?

Denn so oder so, gehörte die Siegelmagie zu dem Wissen, das Nancy erhalten würde, wenn sie als Hexe erwachte. Wenn nicht jetzt, dann nach dem Ritual, würde Nancy ihr helfen können. Ansonsten gäbe es noch den Kristall in Avalon.

Die Seherkugel, wie sie damals genannt wurde, als noch Priesterinnen auf dem alten Pfad unterrichtet und den alten Göttern geweiht wurden. Reihenweise wurden Opfer dargebracht, um Zukunft und Schicksal zu erfahren. Bis die neuen Religionen kamen und alles Andere verdrängten.

Sie reiste erneut durch die Zwischenwelt und tauchte an der Bank, wie eben schon, wieder auf. Nancy war nicht zu entdecken. Sie musste bereits wieder in das Haus gegangen sein und so folgte Alvira der unsichtbaren Spur.

Um so näher sie dem Gebäude kam, um so stärker vernahm sie den Ruf der Seelen. Viel mehr war es ein Mix aus verwirrten Geistern und gequälten Seelen. Beides zusammen ergab eine Mischung aus reinstem Chaos, wie es Alvira bis jetzt noch nicht untergekommen war. Jedes funktionierte, jedes existierte, aber es wirbelte so umher, dass nichts Sinnvolles so einer Existenz entspringen konnte. Verloren, im Raum der Wirklichkeiten, Versionen in der Tiefe des freien Falls, gerade in Richtung des Abgrunds der existenzlosen Form. Dazwischen die Abstufungen und auch rein trauernden Seelen, die einfach jeglichen Sinn im Leben verloren hatten.

Es war extrem viel, dass da auf sie einströmte. Und so stellte Alvira die empathische Wahrnehmung nicht ganz ab, sondern dimmte sie nur auf ein Minimum. Sie musste mit dieser Fähigkeit immerhin noch Nancy finden.

Vorne am Eingang saß ein älterer Mann, der bei ihrem Eintreten durch die elektrische Eingangspforte einen Schalter betätigte. Sofort schwangen die dick verglasten Türen auf und gaben ihr den Weg in das Innere frei.

Nein, das war kein Glück oder Zufall gewesen. Eine der praktischen Fähigkeiten, die sie besaß, hatte ihr den Weg geebnet. Was die Menschen in ihr sehen wollten, dazu konnte sie ihr Äußeres formen. Der Mann erwartete eine Doktorin und so trug Alvira nun einen weißen Kittel mit entsprechendem Namensschild. Ihr tatsächliches Auftreten veränderte sich dadurch nicht, nur das Bild, das ein Mensch in ihr sah. Menschen erschufen ihre Wirklichkeit wie im Himmel oder der Hölle. Und als Mittler zwischen den Welten, besaß das Volk der Elfen so einige Fähigkeiten, die der Mensch als übernatürlich bezeichnete. Dies, was eine davon.


Als sie drinnen war, streckte sie ihre inneren Fühler aus, um Nancy ausfindig zu machen. Sie erhaschte auch sofort eine Spur, der sie folgen konnte. Und so ging sie diesen Flur entlang, an dessen Seiten zu links als auch rechts, unzählige Türen waren. Hinter jeder befand sich ein Schicksal an menschlichem Leben, das sich gerade abseits der Norm und zu meist an einem Tiefpunkt befand. Das Interessante daran war, dass es ihnen selber zu meist nicht bewusst war. Sie bekamen Tabletten, um die verrückt spielenden Emotionen und Geistesflüsse in Zaum zu halten. Unendliche Geschichten an Hoch und Tief, Freude und Trauer, Hass und Liebe. Alvira konnte sie spüren und hätte sie es zugelassen, so hätte sie die Geschichte einer jeden Seele empfangen.

Aber so sehr sie diese Welt auch verstehen und begreifen wollte, so sehr hatte sie bereits erkannt, dass ihr nicht jede Seele hilfreich dabei war. Sie durfte den Überblick nicht verlieren, sondern musste das große Ganze im Blick behalten. Tat sie dies, so würde es irgendwann auch allen anderen Seelen dieser Welt helfen. So tröstete sie sich darüber hinweg, dass sie jetzt das Schicksal so vieler Seelen ignorieren musste.

Sie folgte dem Gang weiter, spürte auf Entfernung bereits die Seele deret wegen sie nur hier war. Einige Meter noch, dann klopfte sie an dieser kalten Eisentür an und öffnete sie.

Nancy schaute direkt auf, als sie den Raum betrat und ihre Miene erhellte sogleich den Schein der Freude. Aber Alvira konnte nur zu genau spüren, dass eben erst der Raum noch von Trauer getränkt gewesen war. Und ebenso sah sie das verflossene Bild wie eine Erinnerung vor dem inneren Auge. Nancy, verloren, fast zu einsam in einer Welt, in der noch kein Platz für sie war. Ausgestoßen, gebrandmarkt, da ihr wahres Potential keiner außer Alvira erkennen konnte.

Aber das war vorbei. Es war Vergangenheit und die Zukunft erwartete Nancy bereits. Die Zukunft der Allmöglichkeit, in die Alvira sie bringen wollte. Im Grunde auch erst ermöglichen für alle Menschen, durch Nancy alleine.

Alvira streckte ihr die Hand entgegen und Nancy ergriff sie sogleich. Sie führte sie den Flur entlang. Langsam, im gemütlichen Schritt Richtung Ausgang. Sicher hätte sie mit Nancy einfach in das Zwischenreich reisen können. Aber Alvira hatte erkannt, dass Nancy den realen Weg aus ihrer Vergangenheit, dem Gefängnis und den schlechten Erinnerungen, gehen musste. Und so begleitete Alvira sie durch diesen Pfad der dunklen Bilder, die nun in Nancys Geist aufleuchteten und wieder verschwanden. All das, war jetzt vorbei. Und das begriff Nancy gerade auf sehr emotionale Weise.

Sie kamen ohne Probleme vorne am Pförtner vorbei und durchschritten den Eingang.

Noch immer sah er in Alvira die Ärztin und so stellte er auch keine Fragen.

Draußen dann führte sie Nancy in das Zwischenreich und direkt zur namenlosen Insel. Nancy kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Sie drehte sich tanzend und hüpfte eine Weile umher. Endlich frei und viel mehr noch als das, hatte sie ihren Platz gefunden, der sich alleinig mit ihrer Bestimmung verband. Sie war genau dort, wo sie sein sollte. Und das spürte sie nur all zu deutlich.

Die Insel selber, schien ebenso nur zu bemerken, dass endlich ein Teil von ihr zurück
gekommen war. Der Himmel erstrahlte im klarsten Blau, die Sonne schickte ihre goldenen Strahlen hinunter und die Natur ringsum erwachte zum Leben. Trabend kam eine Herde von der anderen Seite der Insel hinüber, um das magische Wesen zu begrüßen, das die Zukunft ihrer Welt im Innern trug.

Stolz, prächtig, mit hoch erhobenem Haupt, trabte der Anführer der Herde zu Nancy und hieß sie mit kräftigem Wiehern willkommen. Nancy lachte vor Freude und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. „Ein Einhorn,“ schrie sie laut hinaus in kindlicher Bewunderung. „Es gibt sie wirklich. Ich wusste es.“

Aber damit war noch lange nicht Schluss. Die Wesen der Natur fanden sich am Waldrand wieder. Noch zu schüchtern, um daraus hervor zu treten. Waldgeister, Feen und was sich sonst noch hier vor der Wirklichkeit der Menschen versteckt hielt.

Es wärmte Alvira das Herz, zu sehen, wie Nancy aufblühte und wie sehr man sie willkommen hieß. Sie war heimgekehrt, ja, genau so war es. Sie setzte sich auf einen Stein und ließ Nancy ihre Zeit, um alles zu bewundern und aufnehmen zu können.

Die Wesen hielten für einen Moment inne, erstarrten und lauschten gleichzeitig in den Wind. Es kam jemand, das konnte auch Alvira spüren. Für die Wesen fremd, für Alvira ganz und gar nicht. Clarisse und ihre Mutter kamen auf Entfernung immer näher. Und so wenig sie eine Gefahr waren, so sehr fixierte Alvira sie jetzt mit ihrem Blick. Denn sie kamen angerannt, in Hetze und Eile und ganz sicher nicht in Frieden, wie man es erwartet hätte.

Die magischen Wesen sprengten davon. Zurück in den Wald und versteckten sich im Halbdunkel zwischen den Bäumen. Auch Nancy eilte nun zu Alvira und warf ihr fragende Blicke zu. „Sie sind keine Gefahr. Ich habe sie hierhin gebracht. So, wie Dich.“ Sagte Alvira und Nancy entspannte sich sichtlich. Aber Alvira konnte es noch nicht. Denn was die magischen Wesen hinfort gejagt hatte, das war wie ein Gift für die namenlose Insel. Der Duft der Angst, der gerade hier absolut nichts zu suchen hatte. Unruhe, erwachende Panik und ganz klar Ängstlichkeit, wehte aus den Seelen der beiden Frauen.

Was nur, war los?

Alvira würde es gleich erfahren, denn schon waren die beiden Frauen heran, stoppten ihren Lauf und wollten direkt keuchend erzählen. Alvira hob beschwichtigend die Hände. „Holt erstmal Luft. Atmet in Ruhe durch. Dann erzählt mir, was ihr habt oder auch zu sehen bekamt.“ Denn was auch immer es war, es hatte den Frauen einen riesigen Schrecken eingejagt.

Es dauerte einen Moment, bis die Frauen die Spuren der Hetze hinter sich gelassen und sich so sehr beruhigt hatten, dass sie sprechen konnten. Nancy stand neben Alvira und musterte sie argwöhnig. Sie misstraute ihnen, das war zu offensichtlich. Zu gegebener Zeit würde Alvira ihr alles erklären. Jetzt aber hatte Anderes Vorrang.

„Wir haben etwas gesehen.“ Begann Clarisse und ihre Mutter nickte dazu. „Hinten am Horizont über den Berg hinweg.“ Sie zeigte nach Norden, wo sich in der Ferne die Spitzen der Berge abzeichneten. „Etwas dunkles, schwarzes zieht von dort über die Insel. Und es ist ganz sicher nicht gut, eher die Ausgeburt des Teufels. Seine wachsende Macht, die verschlingt und auffrisst.“

Alvira konnte nichts erkennen oder auch nur erahnen. Und es bestand die Möglichkeit, dass sich dort etwas manifestiert hatte, was die Frauen sich gewünscht hatten.

Unbewusst vielleicht nur?

Die Mutter war immerhin schon in ihrer eigenen Hölle gewesen. Sie hatten keine Wahl.

Sie mussten dahin, um es sich anzusehen.

„Wir müssen es uns ansehen.“ Sagte Alvira nun laut an Nancy gewandt. „Wenn es hier schädliche Mächte gibt, dann müssen wir herausfinden, woher sie kommen und wer sie hierhin gebracht hat.“ Extra vermied Alvira es, Clarisse und ihre Mutter anzusehen. Waren sie der Ursprung für diese Manifestation, so durften sich ihre Seelen nicht mit Schuldgefühlen beladen. Wer wusste sonst, was sie hier noch erschaffen würden?

Und so machten sie sich auf den Weg in den Norden der Insel. Quer durch die Ländereien an Wiesen, Seen und kleineren Wäldern, die die Oberfläche dieses kleinen Paradieses schmückten. Auf dem Weg erzählte Alvira Nancy, wie sie die Frauen kennen gelernt hatte. Und den Frauen stellte sie Nancy vor. Mal hier, mal dort, ließ sie Kleinigkeiten weg. Dass Nancy ihre Auserwählte war, dass die Mutter sich eine Hölle erschaffen hatte, dass Clarisse den Freitod wählte. Sie tat dies instinktiv und wunderte sich selber darüber. Es durften eben nicht alle, alles wissen. Eine Lektion, die sie mittlerweile gelernt hatte.

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