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Homo retroversus

Text zum Thema Mensch und Tier


von wa Bash

Dies ist die Rede von Prof. H. Winterstein auf einem Kongress des Vereinten Wissenschaftlichen Councils zur Aufarbeitung des Wandels der Gesellschaft und globalen Veränderung Mitte des 21. Jahrhunderts in gekürzter Fassung:

Meine sehr geehrten Damen und Herren […]. Günter Rück war der erste Mensch mit einem Affengenom. In der einschlägigen Fachpresse wurde er unter dem wissenschaftlichen Namen Homo retroversus bekannt und blieb bis zum heutigen Zeitpunkt, dass uns bekannte und einzige Lebewesen seiner Art. Phänotypisch betrachtet war Günter Rück immer der gleiche, wenn man von gewissen Alterserscheinungen absieht. Sein Genom hingegen glich dem des Menschenaffen, d.h. er hatte 24 statt 23 Chromosomenpaare. Die Enden der Telomere waren mit 23 statt 10 Basenpaaren unlängst länger als die beim Menschen und die Chromosomen Y und 21 wiesen erhebliche Unterschiede im Vergleich zu den humanen Analogon auf.

Die Tatsache, dass Herr Rück ein Affengenom hatte, war aber unter einem anderen Gesichtspunkt noch weitaus interessanter. Herr Rück wurde nicht mit diesem Genom geboren. Die Veränderung des genetischen Materials seiner Körperzellen erfolgte erst viel später, im Alter von ca. 30 Jahren. Eine nähere Datierung konnte nicht vorgenommen werden, da die wissenschaftliche Entdeckung: Hr. Rück musste sich zweimal einem Vaterschaftstest unterziehen, genauso zufällig erfolgte, wie die Mutation in Form von Duplikationen etc. Unter Berücksichtigung dieser Tatsache, also des Alters von Hr. Rück, wurde angenommen, dass die Änderung der genetischen Information beziehungsweise die Vervielfältigung des genetischen Materials durch einen plötzlichen äußeren Einfluss hervorgerufen wurde, wie zum Beispiel einer Strahlung oder einem chemischen Einfluss. Manche Forscher gingen sogar so weit in der Annahme, dass es sich um spezielle Retroviren oder Transposons handeln könnte, die stillgelegt und aktiviert einen kompletten Wechsel des Genmaterials verursachen könnten. Welchen Nutzen eine solche Vervielfältigung des genetischen Materials hätte oder ob es überhaupt ein Vorteil für den Organismus wäre, darüber war man sich unschlüssig. Wie im oberen Absatz erwähnt veränderte sich Hr. Rück phänotypisch nicht sichtbar, seine innere Einstellung zu seiner Umgebung veränderte sich jedoch zunehmend drastischer.

Hr. Rück wurde menschenscheuer oder anders ausgedrückt, er wurde vorsichtiger und mied vor allem abgeschlossene und schwer zugängliche Räume. Im Umgang mit fremden Menschen war er zunächst zwar neugierig, jedoch immer darauf bedacht eine gewisse Distanz zu wahren. Die größte Veränderung war jedoch, dass er nicht mehr auf dem Boden bleiben wollte. Ja er klammerte sich nahezu an allem was ihn vom Boden fernhielt. Er tippelte und machte sich klein. Er sprang die Bäume hoch und hangelte sich durch den Park. Er sog den Geruch des Abends auf und fühlte sich unendlich frei, womöglich nahezu befreit, in jedem Sinne nicht mehr menschlich und spürte, kostete alles um sich herum in einem neuen, offeneren Blick. Als wären bei ihm irgendwelche Kanäle aufgeplatzt, hörte er den Wald oder besser gesagt den Park, die Bäume in steter Kommunikation mit sich, mit allem was ihn jetzt umspannte. Man könnte fast meinen Hr. Rück hätte sein Gehör für die ihn umgebende Natur wiedergefunden. Andererseits spürte er nunmehr auch sich beziehungsweise sein Innenleben in einer völlig anderen Weise. Er fühlte sich wie ein unschuldiges Kleinkind mit dem Verstand eines Erwachsenen. Er machte sich keine Gedanken mehr über moralische Werte oder Regeln, wusste im Umkehrschluss jedoch auch, dass es diese gab. Wobei diese sogenannten Schranken nun aber nicht mehr in den Vordergrund rückten, da, so wie Hr. Rück vermutete, er überhaupt keine Verantwortung für jemanden und etwas übernehmen musste. Hr. Rücks Gehirn glich somit nahezu dem eines unter LSD Rausch stehenden Menschen. Er war eben anders und es gab niemanden mit dem er es hätte teilen können. Hr. Rück war eben der einzige seiner Art. Und dies war auch das ganze Dilemma.

Sexuell fühlte sich Hr. Rück wie ein Affe und sein ganzes Triebverhalten ähnelte dem eines Affen (wobei sich die Wissenschaft hier unschlüssig ist, da das eigentliche Sexualverhalten oder die sexuelle Kommunikation nur mit einer Partnerin schlüssig interpretierbar wäre). Diese Verhaltensanalysen waren jedoch zu keiner Zeit möglich, da sich Hr. Rück zwar sehr zu weiblichen Menschen hingezogen fühlte, durch seine Affenart aber  eher abstoßend auf diese wirkte. Dieses Abwehrverhalten bemerkte natürlich auch Hr. Rück und es kam zu kleinen Veränderungen in der Werbemethodik, die jedoch auch in weiteren Versuchen erfolglos blieb, so dass Hr. Rück seinen Trieb durch Pseudokopulationen versuchte zu steuern. Diese Pseudokopulationen drückten seine Phantasie aus, mit einem menschlichen Weibchen zu kopulieren, dies aber eher aus dem Wunsch heraus, sozial zu interagieren. Diese soziale Interaktion konnte, wie schon erwähnt, durch Menschen leider nicht kompensiert werden, da die Andersartigkeit, unbewusst oder bewusst, offen zu Tage trat. In der Folgezeit mehrten sich die Probleme von Hr. Rück auch auf anderen Ebenen zunehmend drastischer.

Da das äußere Erscheinungsbild von Hr. Rück nicht dem Genotyp seiner Zellen entsprach, kollabierte sein System im Laufe der Zeit. Es ist nicht leicht dies wiederzugeben, geschweige eine plausible Antwort oder Erklärung dafür zu finden, aber es hatte den Anschein, dass seine Sicht auf die Außenwelt nicht mehr mit seiner inneren Welt übereinstimmte, dies aber auf einer ganz verdrehten, subtilen Ebene. Um es auf den Punkt zu bringen: „Er mutete sich zu viel zu“. Das heißt zum Beispiel, dass sein Körper dachte, dass der Körper ein Affe ist, dies der Wirklichkeit aber keineswegs entsprach. Sein Geist oder Hr. Rück selbst wussten, dass er ein Mensch ist, dennoch fühlte er sich wie ein Affe. Ein in diesem Sinne sehr markantes Verhaltensbeispiel soll dies näher erläutern:
Hr. Rücks  Fortbewegung am Boden war das Gehen auf allen Vieren. Dieses angeborene Verhaltensmuster ist bei allen Menschenaffen ausgeprägt, bei einigen mehr und bei anderen weniger. Als Beispiel hält sich der Orang-Utan überwiegend in Bäumen auf und nur der Gorilla bewegt sich überwiegend am Boden fort. Die Bodenfortbewegung ist phänotypisch betrachtet jedoch äußerst unpraktisch für Hr. Rück, da sein Becken viel kürzer und seine Wirbelsäule viel länger als die eines Menschenaffen sind. Nach einer gewissen Strecke und Zeit in der Fortbewegung auf allen Vieren, schmerzten weite Rückenbereiche Hr. Rück so sehr, dass er in seiner Bodenfortbewegung zunehmend apathischer wurde. Dieses Bewegungsmuster jedoch zu brechen und andere Fortbewegungsmöglichkeiten zu erlernen fielen dem Probanden hinsichtlich seines Phänotypus sehr schwer und war ganz realistisch betrachtet auch nahezu unmöglich. Dies lag aber nicht daran, dass Hr. Rück sich nicht hätte auf diese Weise Fortbewegen wollen, nein, sein Gleichgewichtssystem schien hinsichtlich dieser Fortbewegungsform zu intervenieren. Hr. Rück torkelte, sobald er im aufrechten Gang ein bis zwei Schritte getätigt hatte, wie ein besoffener Seemann durch den Raum. Die Forscher nahmen demzufolge an, dass es hinsichtlich der Rückkopplung zwischen angeborenem Verhalten und ausgeführtem Verhalten zu Fehlfunktionen kam beziehungsweise kommen musste und es innerhalb dieses Bewegungsmusters zu falschen Programmentwürfen kam. Die willentliche Ausübung einer Bewegung war demzufolge konträr zu den rhythmisch gesteuerten Bewegungsmustern. Möglicherweise aber auch schon aufgrund von Fehlinformationen im Bereich des Rückenmarks, wo die rhythmischen Bewegungsmuster gleich an die Muskeln weitergeleitet werden. Wir erinnern uns, dass der unterschiedliche Phänotypus hinsichtlich dessen, intervenieren könnte.

Durchaus schmerzhafte Schäden fügte sich Hr. Rück jedoch beim Klettern zu. In den Bäumen klettern Menschenaffen entweder mit allen vier Gliedmaßen oder bewegen sich auf hangelnde Weise fort. Teilweise balancieren die Tiere auch mit den Hinterbeinen auf den Ästen. Der große Vorteil bei einem Menschenaffen, hinsichtlich des Klettervorgangs, ist der Greiffuß, der dem Tier eine weitere Stabilisierung beim Klettern bietet. Bei Hr. Rück war dieser Greiffuß leider nicht vorhanden und es kam zu fatalen Fehlentscheidungen seiner selbst, die möglicherweise selbst zu seinem Tod geführt hätten. Nach etlichen beobachteten Fehlversuchen wies man Hr. Rück daraufhin am 21.07.2049 zu seinem eigenen Schutz in eine Isolationsstation ein. Allen möglichen Freiheiten beraubt, starb Hr. Rück kurze Zeit später auf dieser Isolierstation an einem Herzversagen. Als Ursache dafür  wurde eine chronische Stressreaktion festgestellt.

Als ich vom Tod von Hr. Rück und den Ursachen erfuhr, fiel mir als erstes ein altes Gedicht von Rainer Maria Rilke wieder ein:  "Sein Blick ist vom Vorübergehen der Stäbe so müd geworden, dass er nichts mehr hält. Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt […] Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille  sich lautlos auf, dann geht ein Bild hinein,  geht durch der Glieder angespannte Stille -  und hört im Herzen auf zu sein". Ich persönlich dachte mir sofort, dass sich Hr. Rück mitunter sehr ähnlich gefühlt haben muss, wie dieser Panther „Im Jardin des Plantes“ den Rilke so vortrefflich beschrieb.

 
 

Kommentare zu diesem Text


Kommentar von Gerhard-W. (78) (23.08.2018)
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wa Bash meinte dazu am 23.08.2018:
ja, es sollte so eine Art Freiheitsraub herauskristallisiert werden. freut mich wenns gefällt
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Kommentar von LottaManguetti (59) (23.08.2018)
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wa Bash antwortete darauf am 23.08.2018:
ja, diesen bösen Finger immer )

jetzt aber im Ernst, stimmt Kafka die Verwandlung war auch so eine Art Anreiz zu dem Werk, obwohl dort ja eher eine Form der sozialen Isolation aufgrund von zunehmender Deprivation zu beobachten ist, natürlich ist Gregor Samsa schon Erwachsen, dennoch scheint das Umfeld ihn ja in irgendeiner Weise zu verformen. Eine moderne Auslegung dieser selbstauferlegten sozialen Abkapselung wird wohl heute am treffensten mit dem japanischen Begriff Hikikomori umschrieben.

dies jedoch sollte hier in diesem Werk nicht unbedingt zum Ausdruck kommen. Vielmehr wird hier die genetische (mitunter künstliche) Veränderung der Natur kritisch betrachtet und die Frage somit beantwortet werden muss, ob ein anfänglicher Nutzen, wie wir im Fall des Saatherstellers Monsanto sehen, nicht durch spätere Schäden später schnell wieder aufgewogen wird und mitunter nicht mehr rückgängig gemacht werden kann etc. berauben wir uns möglicherweise uns nicht selbst unserer Freiheit, weil wir Nachfolgeschäden erst gar nicht sehen, nicht sehen wollen, nicht nachhaltig genug arbeiten usw.

Antwort geändert am 23.08.2018 um 19:06 Uhr
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EkkehartMittelberg
Kommentar von EkkehartMittelberg (23.08.2018)
Ich habe mich in das faszinierende Thema sofort eingelesen, ohne dich als Autor zu registrieren. Als ich es später bemerkte, war ich überrascht, dass dir auch fingierte wissenschaftliche Texte so gut gelingen. Ich bin beeindruckt.
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Kommentar von Sin (53) (23.08.2018)
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Sin (53) schrieb daraufhin am 23.08.2018:
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wa Bash äußerte darauf am 23.08.2018:
ja Sin, ab und zu zwinge ich mich immer mal wieder selbst etwas längere Texte zu schreiben, gerade wenn mal wieder eine Ausschreibung auf dem Programm steht. aber mal ein Buch oder wenigstens eine kurze Novelle zu schreiben, dies könnte schon ganz reizend sein. stimmt die fiktive Wissenschaft bietet da eigentlich ganz gute Ansätze, der Houllebecq (hoffe habe den Namen jetzt richtig geschrieben) schreibt ja dazu immer ganz gute und interessante Bücher. klar probier das doch mal, ich werde mal auch darüber nachdenken... danke dir
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Habakuk
Kommentar von Habakuk (23.08.2018)
Erstaunlich realitätsnah, sodass ich gar nicht in die Verlegenheit kam, Begriffe wie „absurd, abstrus, ominös, kafkaesk“ zu bemühen.
Schade, ich kann dem Herrn Rück nun nicht mehr sagen, dass unser viele sind, viel mehr, als er sich vermutlich vorgestellt hat.
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wa Bash ergänzte dazu am 23.08.2018:
"dass unser viele sind"? ähm, ich bin mir jetzo nicht sicher was du dort herausgelesen hast, aber der Text ist rein fiktiv, so ist das...wie hast du denn den Text verstanden?
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Habakuk meinte dazu am 23.08.2018:
Ist mir schon klar. Ich hätte drei Smileys dahinter machen sollen. Ist ironisch gemeint.
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wa Bash meinte dazu am 23.08.2018:
ach so, alles klar, ich habe mir nämlich schon Sorgen gemacht )
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