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Ruhmeshalle der Unzulänglichkeit

Erzählung zum Thema Jugend


von Willibald

Spoiler:
Langtext:  2500 Wörter, nun ja.
Bonus für belastbare Leser: Zwei aufschlussreiche Bilder ganz am Ende.


Grauzonen

Der alte Mann saß in der Früh leicht verkatert in der Küche. Ach ja, die halbe Flasche Wein von gestern Abend. Oder doch eine ganze?  Er war halt nicht mehr der Jüngste.  Gedächtnis, Kondition. All das.  Was soll´s.  Er blätterte  die Zeitung durch, griff dann zur Kaffeetasse daneben. Politik, Feuilleton,  Sportteil. Seriös wie immer  diese NZZ, staubtrocken, schweizerisch-penibel, nüchtern, ernüchternd. Sowas brauchte er jetzt.  Vorsichtig schlürfte er den  heißen Kaffee und setzte  aufmerksam geworden die Tasse ab.

An manchen Tagen entzieht sich der Fußball gängigen Erklärungsmustern. Er verabschiedet sich für einen Augenblick aus dem Reich der Logik und wandert in jene Grauzone, in der vermeintliche Gewissheiten mit einer Wucht erschüttert werden, dass man noch Jahre später darüber reden wird.

Es ging – der Folgetext verriet es bei kursorischer Lektüre - um  den FC Barcelona.

Ein solcher Abend war der Mittwoch im Stadion Camp Nou von Barcelona. Barça gewann gegen Paris St.-Germain 6:1, nach einem 0:4 im Hinspiel. Es ist das, was manche als Sensation und andere als Wunder bezeichnen werden; ein Ereignis, das den Fußballplatz wie ein magisches Kraftfeld erscheinen lässt, dessen Zauber aber nur die Reserven eines Team speist, das andere dagegen lähmt. Ein Match gegen alle Wahrscheinlichkeiten.

Match gegen alle Wahrscheinlichkeiten, Wunder, magisches Kraftfeld. Johannes Wenzel  schloss  die Augen, sah  - zuerst in Umrissen, dann immer klarer –  diesen  Schulhof damals, Jungen und Mädchen. Gleich würde sie ablaufen, die kurze  Szene. Am Anfang die Demütigung, dann  der Wurf und  schließlich  Jubel, Triumph, Musik, Tanz, das große Drama. Das übermächtige, das erhabene, das Zittern machende Tremendum. All dies hatte man im Studium beredet und beackert und seziert,  in dieser Szene aber war es rauschhaft greifbar und lebendig. Davon musste man erzählen, unbedingt.

Vor langer Zeit, damals im Januar 1959, als sich die Tage noch nicht dahinschleppten, hatte sich der Auftritt zugetragen vor dem Gymnasium  in Miltenberg, einer unterfränkischen Kleinstadt. Von Stadtbaumeister Ludwig Frosch war das Gymnasium zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts errichtet worden, drei Flügel, drei Geschosse, mit Walmdächern, ein Dachreiterhäuschen. Im dampfenden Untergeschoss ein Schwimmbecken mit warmem Wasser und einem Löwen als Wasserspeier. Unten am Main der Sportplatz mit der Aschenbahn. Eine kleine Welt für sich.

In der großen Pause  standen Schüler  beieinander, lachten und redeten, bissen in  ihre  Butterbrote oder kauften  Wurstsemmeln beim  Hausmeister. Schüler reiferen Alters waren in Diskussionen vertieft und  wanderten  auf und ab oder standen gestikulierend in kleinen Gruppen beisammen. Der Schüler  Erwin Eicker aus dem Kilianeum, einem kirchlich-katholischen Internat mit Askese fordernden Präfekten („Wer hier eintritt, legt sich die Priesterbinde um die Stirn“),  biss in eine Käsesemmel und schimpfte über die freundlichen  bis verzagten Küchen-Schwestern ("Immer der Käs von dene, ewig der Käs, Scheißkäs. Scheißkilianeum") – sie verdienten  solchen Tadel nicht. 

Alfred Mechler, ebenfalls Kilianist,  wirkte glücklicher, er hatte ein Wurstbrot dabei und einen großen Winterapfel, seine Eltern aus dem Odenwalddorf Preunschen nahe bei Parzivals Burg Wildenberg hatten ihm eine Salami mitgebracht, das Obst kam  von den Küchenschwestern – wenn die wüssten – Wurst im Brot statt Käse.

Würfe und Mehr

Der junge Wenzel, ein Stadtschüler von fünfzehn Jahren -  nahe bei der Kilianei  bewohnten  seine Eltern den  ersten Stock einer roten Sandsteinvilla -  stand neben Erwin und Alfred, blinzelte über den Brillenrand  in die funkelnde, blendende Wintersonne,  hörte die Durchsage des Lautsprechers („Schneeballwerfen ist zu unterlassen …“) und  dachte voll Wehmut an den Sommer und das Sportfest im Juli. Die Viermal-400-Meter-Staffel.  So wie sie lief, an ihm vorbeilief,  petrarkisch um die Wette funkelnd mit den Sternen am Himmel,  war  sie unvergleichlich schön, sie hatte am Ziel tief geatmet, wurde von allen heftig beklatscht: Ute Zehelein.  Zwei Jahre älter als er. Aach, ach, es blieb ihm nur Verzückung, Bewunderung,  Sehnsucht. Träumerische Verschlossenheit.

Wumm.  Wie aus dem Nichts – eiskalte Explosion. Kopf, Hals  und Brille in der detonierenden Wolke glitt  Schnee in den Kragen,  über die Haut den  Hals und  den Rücken hinab, so frostig feucht, dass  er  wütend aufschrie.  Ringsum  gackerndes Lachen, murmelnder Spott, glucksendes Mitleid.

Der Werfer, etwa zwei Jahre älter als Wenzel und entsprechend stärker,  war kein Raufbold, aber er  hatte Wenzels Vater vor einem Jahr als Lehrer gehabt, fühlte sich immer noch  ungerecht benotet  und behandelte den Lehrersohn, wie  es dem gehörte.  Sein Laufweg führte an Johannes vorbei, dann von ihm weg. Nunmehr – bereits in einiger Entfernung – blieb er stehen und genoss ruhig atmend das Bild, das Wenzel bot:  Von dem dort war ja wohl keine Reaktion mehr zu erwarten. Und wenn  doch ... was hatte er zu fürchten von diesem nassen, bewegungslosen  Neuntklässler?

Lächelnd drehte er sich von Wenzel weg und schritt betont langsam zum Portal des Gymnasiums. Vor ihm die Menge teilte sich bereitwillig, einzelne Schüler wiesen Unwissende auf das beschneite Opfer weiter hinten  hin, das so erbärmlich  aufgeschrieen hatte,  sich gerade heftig  schüttelte und dann an den Kopf tappte,  wahrscheinlich die Brille vermissend. Sie war nicht mehr da.

Doch statt sich zu bücken und  mit der Hand die Brille im Schnee zu suchen,  stieß  Wenzel den Arm nach vorn,  entriss dem Kilianisten Alfred Mechler  den großen, weichen Winterapfel, den jener gerade angebissen hatte,  schrie „Du Arsch“ und holte weit zum Wurf aus.  Arm Hand Apfel wurden eins,  dann katapultierte die Frucht  rotierend nach oben und zog – zang zang zang -  über den  Köpfen der Zuschauer in gleißender  Helle durch den Hof.

Die Umstehenden, die Pausenbrote auf Brusthöhe,  verstummten. Der Täter wurde aufmerksam,  wandte sich um, sah etwas heranfliegen, duckte sich blitzschnell. Genau in die Bewegung hinein prallte auf seinen Schädel  der weiche, angebissene Winterapfel, barst  in faserig-glitschige Teile, sie spritzten links und rechts vom Kopfe weg,  fielen wie in Zeitlupe zu Boden. Es überlief Johannes ein Freudenschauer. Den Kopf getroffen, weil sich sein Feind geduckt hatte.

Gelächter, Rufe des Staunens,  beifälliges Klatschen für den spektakulären Wurf hallten über den Schulhof und von den Sandsteinmauern zurück. Der Gründerzeitbau des Gymnasiums verlor für zwei, drei Momente seine rote Schwere, der weiß verputzte Neubau daneben mit seiner Sonnenuhr und dem Fresco  „Hora-ruit“ samt drei fliegenden Schwänen  strahlte auf. Sehnsüchtig sucht man  wider alle Vernunft bis zur Erschöpfung  nach dem Übernatürlichen. Plötzlich und für ein paar kurze Momente erscheint es, das magische Mehr.

Als nun  der Getroffene, vom Publikum gebannt beobachtet, zornrot  zurückeilte,  Wenzel  anbrüllte und ihm einen heftigen Boxhieb vor die Brust versetzte, da empfand Johannes keinen Schmerz, obwohl er einknickte und nach  Luft rang. Es gab ja gegen alle Wahrscheinlichkeiten diesen perfekten Apfelwurf, seinen Apfelwurf. Und irgendeine Gottheit  hatte doch wohl den Wurfarm geführt und die Flugkurve vorgezeichnet, die der rasende Apfel nutzte  bis hin  zu seinem Ziel?  Dieser mächtige  Gott und Artifex hatte die Frucht  am Ende  der Flugbahn auratisch platzen und den Gründerzeitbau levitieren lassen. Und dieses göttliche, numinose Etwas, schrieb es  nicht in das Skript dieses Tages für alle Zeiten hinein,  dass  der Schlagende  geschlagen war trotz seines Boxhiebes und des Schneewurfes?

Disput

Am Abend saß der alte Johannes Wenzel im Wohnzimmer. Die gewohnte Flasche Wein fast leer. Im Lichtkreis der Stehlampe hörte er zwei  Lieder von Udo Lindenberg („Plötzlich bin ich wieder der kleine Junge, ganz spitz auf Lakritz“, „Und ich schreib diesen Brief, an den Jungen, der ich vor dreißig Jahren war“).  Als auch  „Standing in the Hall of Fame“ zu Ende ging, erhob er sich mit dem letzten, halbgefüllten Glas, schritt ins Arbeitszimmer und nahm  vor dem Computer Platz. Dort wartete der junge Johannes Wenzel auf das abendliche Selbstgespräch.

„Pass  mal auf“, sagte der junge Wenzel und verzog ein wenig den Mund, „du und ich, wir haben zwar diese Szene erlebt, die Schneekaskade, die Freude beim Apfel-Wurf, das Aufstrahlen der Schulfenster, das Leuchten im Hof ….“
„Ja, eben, wenn  alles passt und klingt  und schwingt und leuchtet, dann erlebst du diese herrlichen Augenblicke, die jeder, der dabei war, nicht vergisst. Das ist Epiphanie, doch, das wag´ ich zu sagen, Epiphanie. Ein emotionales Apriori, oftmals gefeiert in Musik und Tanz und Worten der Kunst. Du willst es später unbedingt  erzählen, einmal und immer wieder." Er holte Luft: "Das Unzugängliche, hier wird´s  …“.
Sein Gesprächspartner unterbrach ihn: „Halt mal die Luft an. Jetzt mal ganz unter uns:  FC Barcelona. Sechs Bälle in´s Tor. Magisches Kraftfeld. Die solide Schweizer Zeitung wird flippig. Und du wirst  Johannes Wenzel Wilhelm Tell.“
„Sehr witzig.“
„Witzig? Naja. Gymnasiale  Pause, eine Idylle: plötzlich  ein  Angriff auf den Lehrersohn, un-, aber artgerecht.  Der Apfel rotiert über den Schulhof und trifft den Täter, perfekte Revanche.  Emotionale Eruptionen ringsum, alles flippt aus. Und der  alte  Johannes Wenzel flippt noch jetzt aus.“
„Na und?“
„Numinosum! Apriori! Gott und Artifex!  Fette, alte Wörter machen  doch deine Sätze  nur fett und alt, nicht gut.“
„Magerkost soll besser sein?“
“Und  dann dieser popkulturelle Schauplatz mit den drei Schwänen!“
„Ach Gottchen!“
„Ja. Bemühter, gefährlicher Höhenflug. Komische Fallhöhe. Bauchlandung.“
„Du übertreibst.“
Bruchlandung sogar. Hör mal zu. Falls etwas Magisches aufscheint, kann man es nicht objektiv erkennen. Und selbst wenn man es erkennen könnte, kann man es kaum jemand anderem überzeugend mitteilen. Und wenn man es doch versucht, dann wird es eben, nun ja,  komisch, vor allem in deiner altväterlichen Ausdrucksweise.“

„Meine Schüler“, der alte Wenzel straffte sich, „meine Jungen und Mädchen haben vor einem Jahrzehnt in der Abiturfeier  am Ende einen Song platziert. Standing in the Hall of Fame. Eine Hymne, von einer Gruppe, nannte sich The Script. You can throw your hands up, you can beat the clock, you can move a mountain. You can  break the rocks. You can be a master.  Hier, schau es dir auf dem Bildschirm an, fette, pralle,  rührende Lyrik.  Kein alter Wein in neuen Schläuchen. Heroischer Pop in jungen Lungen.“
„Sag ich später was zu. Sieh mal auf die Credits:  Ist ein William dabei, William Adams. Nennt sich will.i.am.“
„Komisch, gestelzt,  pathetisch?  Was da gesungen wird, wie da gesungen wird, glaub´ mir, das gehört zu den  anthropologischen  Konstanten, das findest du  in allen Lebensphasen, zu allen Zeiten. Man darf das. Ich darf das. Wir dürfen das.“

Sepiabraunes Bild

Der junge Wenzel schwieg. Der alte Wenzel saß vor dem Bildschirm aus Flüssigkristall,  hörte sich atmen.  Weggleiten, Entrückung, tätige Trance:

Im Computerarchiv  fand sich ein Bild des Brückentors am Main. Der Löwenkopf dort! Als kleiner Junge  hatte er die Brücke hinter dem Tor zerstört gesehen. Zusammen mit seinem Vater, der ihn an der Hand hielt, war er damals zum Fluss gegangen. Ein grauer, regennasser Tag, Pontons, die im Wasser schwammen. Sein Vater trug den breitkrempigen schwarzen Hut wie ihn manchmal Priester trugen. Wenn Mutter gute Laune hatte, sprach sie ihn mit Hochwürden an. Ein Bagger an der Arbeit, Vorarbeiten für den Wiederaufbau der alten, zerstörten Brücke. An einem Seilzug Wannen, mit denen man den feuchten, schweren Aushub wegtransportierte. Bevor sie heimgingen, verneigten sich Vater und Sohn vor dem Löwenkopf über dem Becken.

Ein zweites Bild hochladen: Johannes mit fünfzehn Jahren, die Haare im Mecki-Bürstenschnitt, ein „Stiftenkopf“. Die Brille, dünne Gläser, dicke Fassung, einmal geklebt beim Optiker Lachnit, 0,5 Dioptrien. Ein Schlupfhemd mit weitem Kragen vom Kaufhaus für Herren- und Knabenbekleidung Oehmann. Unsicherheit, Verlegenheit, Trotz, Fragilität und Zartheit:  Da war sie. Die komische Erhabenheit  der jungen Jahre.

Dann das dritte Bild, komplexer im Motiv:  Hohes Mauerwerk unter dem breitbeinigen Brückenturm am Main, im Mauerwerk eine  Nische, fast der Ansatz zu einer Halle. In ihr – kaum zu erkennen -  ein Wasserbecken und dann: der Löwe. König der Tiere, Beherrscher  des Rudels,  im Maul ein Rohr spie er das  Wasser.  Auch im  kleinen Hallenbad unter dem Gymnasium fand sich der Löwe. Sein lächelnder Kopf ragte  dort aus der blauen Kachelwand, spuckte  Wasser hinab auf die Schüler im blau-grünen Bassin, in der sechsten Stunde am Freitag auf die Jungen. Und auf die Mädchen in der vierten Stunde am Samstag.

Standing in the hall of fame
And the world's gonna know your name
'Cause you burn with the brightest flame

And the world's gonna know your name
And you'll be on the walls of the hall of fame.


Blau glimmender Monitor. Johannes färbte die drei Bilder braun ein, dann, dann schob er sie hin und her, neben- und ineinander, bis sie eins wurden.  Eine dreigliedrige  Collage, eine sepiafarbene Hommage an die Vergangenheit: Sehr groß in der Mitte der  Löwenkopf über dem Wasserbecken. Flankiert von zwei Bildern:  Auf der linken Seite  der breitbeinige Brückenturm und – ganz klein – noch einmal der Löwe. Auf der rechten Seite Johannes, fünfzehn Jahre,  Stiftenkopf, Brille. The Famous Master of a Famous  Apple Throw.

Johannes  Wenzel lächelte, hob  feierlich grüßend das Weinglas zum Bildschirm:  Drama, Erzählung, Lied, Collage. Schimmerndes Halbdunkel von  Raum und Zeit.  Spagat von  Erhabenheit und  Komik. Was gab es  Schöneres als sich so in aller Unzulänglichkeit und Löwenhaftigkeit gespiegelt zu sehen?

willibald wamser


Hall of Fame

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