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Am Ende der Welt

Text zum Thema Inspiration


von bbx

Das Wiesengelände hinter dem Haus endet übergangslos an einer Abbruchkante.
Fast senkrecht fallen die Klippen hinunter ins Meer. Einen Strand gibt es nicht. Ungehindert nagt die Brandung an scharfkantigen Felsen, die aus dem Wasser ragen.
In einer Mischung aus Faszination und Respekt wage ich mich täglich näher an den fünfzig Meter tiefen Abgrund heran. Im Falle eines Fehltritts wird mir niemand Hilfe leisten können. Ich lebe alleine, am Ende einer langen unbefestigten Straße zwischen waldbedeckten Bergen.

Früher war das Gebäude eine Jagdhütte. Auf der Suche nach einem Rückzugsort fiel mir dieses Angebot in die Hände. Die Nachteile: Es gab keinen Stromanschluss und kein fließendes Wasser. Dafür eine nie versiegende Quelle und eine Trockentoilette. Der nächste Ort und damit die nächste Einkaufsmöglichkeit ist dreißig Kilometer entfernt. Mobilfunkempfang ist nicht möglich.

Bei Sonnenaufgang wecken mich die Möwen. Ihre Schreie setzen Markierungen in den schweigenden Tag. Das unablässige Rauschen der Brandung dringt längst nicht mehr in mein Bewusstsein.
Allwöchentlich fahre ich über die holprige Piste ins Dorf, um nach der Post zu sehen und Vorräte aufzufrischen. Geheizt und gekocht wird mit Holz, welches ausreichend vorhanden ist. Bei Bedarf bringt ein Tankwagen Nachschub für den neu installierten Stromgenerator, den ich allerdings nur sparsam benutze.

Vor zwei Wochen blockierte ein Erdrutsch die einzige Zufahrt. Seitdem steht mein Jeep nutzlos diesseits einer Barrikade aus grobem Geröll.
Eines Tages taucht zu Fuß ein Mitarbeiter der Gemeindeverwaltung auf. „Kommen Sie zurecht? Brauchen Sie Hilfe? Soll ich Sie mitnehmen?“ Hinter dem drei Kilometer entfernten Schutthügel sei der Weg befahrbar. „Wir wissen nicht, wann wir die Straße räumen können“, gibt er zu bedenken. Es gebe Prioritäten. Eine Eisenbahnlinie sei bei dem Unwetter unterbrochen worden, eine Brücke unterspült...

Ich bedanke mich für sein Angebot, aber ich fühle mich versorgt und gerüstet für den kommenden Winter. „Ich liebe die Einsamkeit.“
Der Mann heuchelt Verständnis und schaut sich in meiner Behausung um.
„Ist das ein Klavier?“ Er deutet auf ein wuchtiges Möbelstück unter einer Staubschutzhülle.
„Können Sie spielen?“
„Ist lange her“, sagt er.
Ich entferne die Abdeckung.
Mit leuchtenden Augen streicht er über die Tasten. „Muss gestimmt werden.“
„Hier hört uns niemand.“


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Kommentare zu diesem Text


Kommentar von Feenja (58) (25.09.2018)
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RedBalloon (58) meinte dazu am 25.09.2018:
Diese Kommentarantwort ist nur für eingeloggte Benutzer lesbar.
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bbx antwortete darauf am 25.09.2018:
Danke!
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Kommentar von 9miles (53) (25.09.2018)
Dieser Kommentar ist nur für eingeloggte Benutzer lesbar.
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bbx schrieb daraufhin am 25.09.2018:
Ehrlich gesagt, mir selbst auch!

Ich war lange unschlüssig.
Nun mache ich’s rückgängig, setze dafür den Schluss der „langen“ Version in die Anmerkung.

bbx
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TassoTuwas
Kommentar von TassoTuwas (25.09.2018)
Ich bin noch lange nicht fertig, das muss man mehrmals lesen. Wer sucht, der findet in jedem Abschnitt Symbolik.
Und gut erzählt!
LG TT
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bbx äußerte darauf am 25.09.2018:
Danke ;)

Gruß
Rudolf
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Sätzer
Kommentar von Sätzer (25.09.2018)
Sehr gut erzählt, spannend und mit Überraschungen.
LG Uwe
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bbx ergänzte dazu am 25.09.2018:
Danke, Uwe.
Gruß
Rudolf
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Dieter_Rotmund
Kommentar von Dieter_Rotmund (25.09.2018)
Super, aber die finale Erkenntnis, dass der Ich-Erzähler Schriftsteller ist, ist zugleich sehr banal und zu klischeehaft. Würde ich weglassen, das läßt dem Leser sehr viel mehr Raum, um über die Motive des Ich-Erzählers nachzudenken. Dann ist die Geschichte gleich doppelt so gut, ehrlich!
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bbx meinte dazu am 25.09.2018:
9miles kommentierte ähnlich (es gab eine Vorversion ohne die letzten 3 Sätze).
Eigentlich mag ich offene Enden. Deshalb, zurück zum Ursprung.
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Kommentar von Graeculus (69) (25.09.2018)
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bbx meinte dazu am 08.10.2018:
Danke! - Ich wollte einen "Ausschnitt aus dem Leben" (dafür gibt es sicher einen Fachbegriff - Szene vielleicht?) darstellen.
Im "richtigen Leben" weiss man auch nicht, wie's weitergeht... wäre auch langweilig!
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IngeWrobel
Kommentar von IngeWrobel (09.10.2018)
Eine sehr stimmungsvolle Geschichte, mit klaren schönen Worten überzeugend erzählt.
Die hat meine Empfehlung verdient – und das ist keine Retourkutsche, denn sowas mache ich nicht. *lächel*
Liebe Grüße von der Inge : )
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Kommentar von Manni (38) (21.11.2018)
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Veröffentlicht am 25.09.2018, 9 mal überarbeitet (letzte Änderung am 30.12.2018). Textlänge: 349 Wörter; dieser Text wurde bereits 427 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 17.06.2019.
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