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Der Puppenspieler

Kurzgeschichte zum Thema Angst


von HerrU

"Lass doch einfach los", sagte der Mann im schwarzen Anzug und schlug lässig die Beine übereinander. Aus der Innentasche seines Jacketts zog er ein silbernes Feuerzeug und zündete sich eine Zigarette an, ehe er etwas tiefer in den bequemen, braunen Ledersessel rutschte. Er zog entspannt und mit offensichtlichem Genuss an seiner Zigarette und betrachtete den Puppenspieler, der auf einer leicht erhöhten Bühne stand.

Der Mann auf der Bühne sah den Mann im schwarzen Anzug nicht an. Er schwitzte und versuchte angestrengt und konzentriert, fünf Marionetten synchron und gefällig zu bewegen, ohne dass die zahllosen Fäden sich ineinander verhakten. Es  mochte den Anschein haben, ein derart komplexes und vielschichtiges Bewegungsmuster sei unmöglich zu bewältigen, ohne dabei die Kontrolle zu verlieren, aber der Puppenspieler meisterte den Tanz der Holzfiguren virtuos.

"Du schlägst Dich tapfer, Puppenspieler. Dein Spiel ist nahezu perfekt und die hölzernen Figuren tanzen einen gar vortrefflichen Tanz", sagte der Mann im schwarzen Anzug und ließ die Asche achtlos auf den Boden fallen. "Aber wie lange wirst Du noch so spielen können? Eine Stunde? Einen Tag? Ein ganzes Jahr? Das Geflecht der Fäden wird immer komplizierter. Der Tanz der hölzernen Menschen immer schneller und schneller. Die Geschichten, die sie erzählen, immer fantastischer. Ist es nicht furchtbar anstrengend? Bist Du nicht unsagbar müde?"

Er zündete sich eine zweite Zigarette an und rutschte so tief in den Sessel, dass man den Eindruck bekam, der Mann in dem schwarzen Anzug läge mehr, als dass er säße. Er zog an der Zigarette und blies eine graue Dunstwolke in den Raum. "Lass alles los und komm mit mir", sagte er zu dem Puppenspieler. "Ein Wagen steht vor der Tür und alles was Du tun musst, ist, diese vermaledeiten Holzpuppen fallen zu lassen. Komm mit mir und ich bringe Dich, wohin Du willst."

Der Puppenspieler hörte seine Worte und sie drangen in seinen Kopf wie ein heisser Löffel durch Vanilleeis. Sie durchbohrten seine Gehirnwindungen wie ein Vollmantelgeschoss eine reife Melone. Schweiß ran seinen Hals herab, sein Hemd klebte nass auf der Haut und beengte ihn, nahm im Luft und Raum und er versuchte, dagegen anzukämpfen, zu verhindern, dass der Tanz stoppt und das Schauspiel endet...

Dann ließ er los.

Seine verkrampften, harten Finger verloren jegliche Spannung und wurden weich und warm, und die Marionetten sackten in sich zusammen, als er Trageschlaufen, Bein- und Handschaukeln los ließ. Die Fäden, einst kunstvoll und trickreich verknüpft, begruben, verstreut und ohne Ordnung, die nun nicht mehr tanzenden Puppen.

Der Mann im schwarzen Anzug richtete sich auf, klopfte sein Jackett gewissenhaft ab und wartete. Der Puppenspieler kam von der Bühne und drehte sich nicht mehr um.

"Wohin fahren wir?", fragte er den Mann im schwarzen Anzug.

"Wohin Du willst", antwortete er und warf ihm den Schlüssel zu. "Es ist Dein Auto!"

HerrU
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Veröffentlicht am 19.10.2018, 4 mal überarbeitet (letzte Änderung am 20.10.2018). Textlänge: 455 Wörter; dieser Text wurde bereits 78 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 21.02.2019..
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