Endening

Kurzgeschichte zum Thema Horror

von  RainerMScholz

Sie sitzt da auf diesen banalen Terrakottafliesen und scheint mich aus den Augenwinkeln zu fixieren. Das eine Bein zittert krakelig, und wie ein Schnurren vibriert die Luft filigran unter dem Getöse des sich am Himmel zusammenbrauenden Gewitters. Ein greller Blitz schnellt lautlos unter dem schwarzen Wolkenungetüm hervor, dann folgt das murmelnde Donnern, das sich zu einem bebenden Crescendo des Untergangs auftürmt, um dann schweigend zu verebben wie eine sich von der Bühne stehlende griechische Schimäre.
Die Spinne lauert immer noch scheinbar regungslos, ein Bein ist abgerissen oder abgebissen worden, eins der verbliebenen und die Pedipalpen zittern und zucken, als würde die Spinne geheime Morsezeichen an unbekannte Verbündete weitergeben; einige ihrer Facettenaugen sind eingedrückt, milchig weiß, verdorrt, doch mit den anderen starrt sie mich an und wittert mit ihren feinen Kapillarhärchen in der Luft nach einer Beute, einer Gefahr oder der Elektrizität in der Atmosphäre. Über uns grollt der umgekehrte Abgrund bedrohlich, letzte Lichtstrahlen stürzen auf die Erde, tauchen Sträucher, Baumwipfel und totes Geäst in sirrende Klarheit, während der Rest des Landes in Dunkelheit versinkt. Ein weiteres Gleißen schießt über den schwarzen quellenden Schimmer und das Krachen zertrümmert die gespannte Stille. Sie hat sich bewegt. Für den Bruchteil eines Augenblicks. Wir starren einander an. Der Körper der Spinne wogt unter den Pulsschlägen ihres Nitroherzens. Die kratzigen sieben Beine scharren auf der Linie des Bodens. Ein eiskalter Tropfen fällt aus dem Himmel und schlägt auf die Tischkante. Dann schreien wir und weinen und kreischen und verbeißen unsere Hauer ineinander, lassen die Klauen auf Fleisch treffen, Chitin und Gewebe, ich starre in die schwarzglänzenden Facettenaugen und die Siebenbeinige wird in meiner Iris versinken.
Als die Wolken uns einhüllten und der schwarze kalte Regen fiel, waren wir beide schon fort und verloren in der Tiefe.


© Rainer M. Scholz

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Kommentare zu diesem Text


 Habakuk (19.10.18)
Früher, viel früher, als ich noch Absinth aus Eimern gesoffen habe, da hatte ich solche Erlebnisse öfter.

 RainerMScholz meinte dazu am 19.10.18:
Mahlzeit!

Hast du die auch aufgeschrieben?
;(..);:...

Antwort geändert am 19.10.2018 um 22:57 Uhr

 RainerMScholz antwortete darauf am 23.10.18:
2. Antwort:
Keine Ahnung, ich bin Abstinenzler.

 RainerMScholz schrieb daraufhin am 23.10.18:
Oder hier, Achtung, Uffpasse: 1 - 2 - Gsuffa!
Die dritte.
Groß- und Kleinschreibung macht dann Dörte.

 RainerMScholz äußerte darauf am 23.10.18:
Die ursprüngliche Antwort wurde am 26.10.2018 um 14:43 Uhr wieder zurückgezogen.
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