Login für registrierte Nutzer
Benutzer: Passwort:

Noch nicht bei KV registriert?
Jetzt registrieren!
KV ist kostenlos und werbefrei!

Neu bei uns:
Sternenstaub (16.11.), Bleedingheart (15.11.), guyIncognito (12.11.), stinknormal (12.11.), PrismaMensch (11.11.), duisburger76 (09.11.), Algolagnie (09.11.), domenica (08.11.), pewa (05.11.), Benno16 (01.11.), anonwirter (01.11.), Blizzar (31.10.)...
Übersicht aller neuen Autoren und Leser
Wen suchst Du?

(mindestens drei Buchstaben)

Zur Zeit online:
KeinVerlag.de ist die Heimat von 768 Autoren und 123 Lesern. Was es sonst noch an Neuem gibt, steht hier.
Genre des Tages, 17.11.2018:
Tagebuch
Ein Tagebuch ist eine individuell geführte Aufzeichnung über die Ereignisse verschiedener Tage. Meistens wird es zum eigenen... weiterlesen
... und was wir daraus machen:

Ziemlich neu:  Scum von Oskar (16.11.18)
Recht lang:  Tagebuch des JWSCG (oder Hommage an Christian Morgenstern) von Schreiber (5470 Worte)
Wenig kommentiert:  18. Oktober: Heimkehr mit Hindernissen von Raggiodisole (noch gar keine Kommentare)
Selten gelesen:  Sonntag von Manzanita (nur 20 Aufrufe)
alle Tagebücher
Lest doch mal ...einen Zufallstext!
Unser Buchtipp:

Sichtweisen
von ViolaKunterbunt
Projekte

keineRezension.de
KV woanders

keinVerlag.de auf Facebook
Eine Meinung: "Ich bin bei keinVerlag.de willkommen, weil das hier eine Plattform für Leute wie mich ist: Menschen, die gern schreiben und gern lesen." (AmonW)
Jan Lindner (Janoschkus) und Roman Israel lasen bei periplaneta, Berlin, 23.02.2013.InhaltsverzeichnisMit Stil im Jugendstil.

Kälte im deutschen Gedicht zwischen 1804 und 2017

Essay zum Thema Sprache/ Sprachen


von Dieter Wal

1.  Friedrich Hölderlin: Hälfte des Lebens, 1804

Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.

Weh mir, wo nehm ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde ?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.



2.  Heinrich Heine: Fragen, in "Buch der Lieder", 1827

Die Nordsee, Zweiter Cyklus, S. 363–364

VII.

Am Meer, am wüsten, nächtlichen Meer
Steht ein Jüngling-Mann,
Die Brust voll Wehmuth, das Haupt voll Zweifel,
Und mit düstern Lippen fragt er die Wogen:

„O lös’t mir das Räthsel des Lebens,
Das qualvoll uralte Räthsel,
Worüber schon manche Häupter gegrübelt,
Häupter in Hieroglyphenmützen,
Häupter in Turban und schwarzem Barett,
Perückenhäupter und tausend andre
Arme, schwitzende Menschenhäupter –
Sagt mir, was bedeutet der Mensch?
Woher ist er kommen? Wo geht er hin?
Wer wohnt dort oben auf goldenen Sternen?"

Es murmeln die Wogen ihr ew’ges Gemurmel,
Es wehet der Wind, es fliehen die Wolken,
Es blinken die Sterne, gleichgültig und kalt,
Und ein Narr wartet auf Antwort.



3. Sigune Schnabel: Aussprache, in  "Apfeltage regnen" Gedichte, 2017, Kapitel "Draußen rücken die Dinge zusammen" (S. 25 bis 52), S. 31

Draußen rücken
die Dinge zusammen,
kalt
fällt dein Wort
in den Wind.

Ich versuche,
es zu fangen,
doch mein Schatten schürft sich wund
am Schotter.

Noch immer entgleitet es mir
am letzten Vokal.

Die Kälte der drei Gedichte zwischen 1804 und 2017 entstammt verschiedenen Welten.  213 Jahre zwischen dem Erst- und Letztgenannten. 1804 lässt sich Napoleon zum Kaiser der Franzosen proklamieren. Immanuel Kant stirbt 1804. Friedrich Hölderlin wird 1804 34-jährig durch Sinclairs Vermittlung zum Hofbibliothekar des Landgrafen von Homburg ernannt, während Arthur Schopenhauer eine Lehre als Handlungsbeflissener in Hamburg beginnt.

Hölderlins Geliebte Susette Gontard starb 1802. Der Anfang vom geistigen Ende des Poeten.

Friedrich Hölderlins Hälfte des Lebens, 1804 kann als symmetrisch strukturierte Markierung verstanden werden, von der an sich der Untergang ihres Dichters vollzieht. Die sprachlosen und kalten Mauern, vor denen im Winde die Fahnen klirren, ein, wer es jemals hörte, gespenstisches, fast bedrohliches Geräusch, versinnbildlichen einen tiefen Einschnitt in das von Abhängigkeit geprägte Leben Hölderlins, dessen Stipendiatentum im Tübinger Stift, der Kaderanstalt der Intelligenz Baden Würtembergs bis heute, wenn kein Pfarrdienst erfolgte, ihn in nicht nur teurer, sondern für Nichtbegüterte unbezahlbarer Abhängigkeit und Leibeigenschaft des Staates hielt. Seine "Flucht" in die Krankheit war so verstandene "Freiheit", ohne Suizid zu begehen. Dass Hölderlin jedoch alles andere als geistig frei, sondern schwer nervenkrank für den Rest seines Lebens blieb, ist wahr.

Wo bei Hölderlin die Kälte des abflauenden Idealismus vor den Mauern der Tatsachen im beginnenden Herbst und Winter des Lebens vorweggenommen wird, finden wir in Heinrich Heines Gedicht des damals 30-Jährigen andere Kälte.

Heine ironisiert einen Romantiker, Träumer, Grübler und Jugendlichen, der am Rätsel der Welt und des Menschenseins leidet. Und er ironisiert damit sehr wahrscheinlich auch sich. 1827 entstanden Heines Reisebilder und das Buch der Lieder. Ludwig van Beethoven stirbt 1827. In demselben Jahr zieht Alexander von Humboldt von Paris nach Berlin, während der 78-jährige Johann Wolfgang von Goethe 1827 aus Weimar im Gedicht "Warnung" vom Segen aufklärerischer Gedanken spricht und über seine jüngste Geliebte, die Farbenlehre reimt.

"Wer wohnt dort oben auf goldenen Sternen?
Es murmeln die Wogen ihr ew’ges Gemurmel,
Es wehet der Wind, es fliehen die Wolken,
Es blinken die Sterne, gleichgültig und kalt,
Und ein Narr wartet auf Antwort."

"Wer wohnt dort oben auf goldenen Sternen?" kann als Anspielung auf die spätere Europa-Hymne  Schillers "An die Freude", 1785, verstanden werden, in der es heißt:

"Ihr stürzt nieder, Millionen?
Ahndest du den Schöpfer, Welt?
Such’ ihn überm Sternenzelt,
über Sternen muß er wohnen."

Doch die Wogen, der Wind und die Sterne blicken kalt auf den "Jüngling-Mann", wie Heine ihn tituliert. "Und ein Narr wartet auf Antwort."  Hier herrscht Sprachlosigkeit und natürliche Kälte. Das eigentlich golden genannte Zeitalter der Aufklärung zeigt sich von ihrer so hässlichen wie klugen Seite. Denn der Mensch mit Heine weiß wenigstens, dass er närrische Fragen stellt, die niemand beantwortet, aber die  gestellt werden müssen, damit der Mensch seine Würde erhält.

Die Kälte in Sigune Schnabels Aussprache-Gedicht von 2015 der damals 34-Jährigen lässt keinen  Lebensabschnitt wie Hölderlins katastrophal kippen, noch versinnbildlicht sie ein ganzes Zeitalter mit Heine.

Während 2017 Donald Trump 45. Präsident der Vereinigten Staaten, Alexander Van der Bellen österreichischer Bundespräsident und die gleichgeschlechtliche Ehe in Deutschland gesetzlich etabliert wird, thematisiert Schnabel in ihrem Gedicht eine intime  Aussprache zwischen zwei Menschen. Ihr lyrisches Ich sucht fortgesetzte Kommunikation ("Ich versuche,/es zu fangen), doch scheint es verletzt worden zu sein ("mein Schatten schürft sich wund/am Schotter.") und das Wort des Du, das kalt in den Wind fiel, kann nicht wieder aufgegriffen werden. ("Noch immer entgleitet es mir/am letzten Vokal.") Ihr vergebliches Ringen um gemeinsame Sprache bedingt personelle Kälte.


 
 

Kommentare zu diesem Text


Kommentar von Graeculus (69) (25.10.2018)
Dieser Kommentar ist nur für eingeloggte Benutzer lesbar.
diesen Kommentar melden
Dieter Wal meinte dazu am 26.10.2018:
"Ludwig Wittgenstein zu einem behavioristischen Verständnis von Sprache geführt (vgl. sein Käfer-Gleichnis in den "Philosophischen Untersuchungen"), das jedoch 1. das Innere als irrelevant ausklammert und 2. sich nicht durchgesetzt hat.
Unabhängig von der philosophischen Reflexion wird das Problem erlebt, seit man es sich bewußt gemacht hat. Wir können einander nicht verstehen."

Herzlichen Dank für deinen insgesamt erfreulich gehaltvollen Kommentar. Mein Vater war begeisterter Wittgenstein-Leser und freute sich diebisch, wenn er anderen Liebhabern des Sprachphilosophen begegnete. Er schrieb auch philosophische Essays über Wittgenstein und erstellte Systematiken seiner Philosophie. Mein Vater liebte Systematiken über alles. Vielleicht hätte er auf Philosophischen Symposien über Wittgenstein Karl Marx-Zitate lieber weglassen sollen. Er hatte kein Verständnis für den Hass, den er sich damit auf sich zog. Danke für diese wertvollen Hinweise. Ich werde ihnen nachgehen.

"Einsamkeit sehe ich als Thema in allen drei Gedichten. Wenn auch mit unterschiedlichem Akzent:"

Auch das.

"das es m.W. in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch nicht gab, nämlich das zwangsläufige Scheitern von Kommunikation - zwangsläufig wegen der Struktur der Sprache, die ein Inneres durch Zeichen äußerlich machen will, ohne daß der Rezipient die Möglichkeit besäße, zur Absicherung seines Verständnisses etwas anderes zu tun, als die Zeichen auf sein eigenes Inneres zu beziehen, da ihm das Innere des Sprechers unzugänglich bleibt."

Verstehe. Es gibt seltene Brücken. Einmal begegnete ich einem Menschen, der grundsätzlich nicht über seine Gefühle spricht. Im Lauf vieler Jahre wurde deutlich, dass er auch nie von Beziehung sprach, obwohl eine innigere kaum denkbar war. Schriftlich tat er sich damit ansatzweise leichter. Doch auch da bestand das grundsätzliche Problem. So begann ich, mehr auf mein Inneres zu achten, wenn ich an die geliebte Person dachte und war verblüfft, welche Effekte dies für mich hatte. Es gibt Wege intuitiver "Kommunikation", die sich komplett unserer Ratio entziehen. Bei diesem Menschen "weiß" ich sehr oft intuitiv, wenn ich mit ihm spreche, was er denkt und wie er situativ empfindet, obwohl er dies mir gerade n i c h t in Worten mitteilt. Ich verstehe ihn häufig nonverbal. Dieser jedoch ist für mich diesbezüglich die absolute Ausnahme. Manche Defizite bedingen andere Mittel und Wege.

Antwort geändert am 26.10.2018 um 13:02 Uhr
diese Antwort melden

Jan Lindner (Janoschkus) und Roman Israel lasen bei periplaneta, Berlin, 23.02.2013.InhaltsverzeichnisMit Stil im Jugendstil.
Dieter Wal
Zur Autorenseite
Zum Steckbrief
Zur Fotogalerie
Dies ist ein Absatz des mehrteiligen Textes «Bienen besuchen mich» - Literatur-Essays. Literatenportraits..
Veröffentlicht am 24.10.2018, 23 mal überarbeitet (letzte Änderung am 25.10.2018). Dieser Text wurde bereits 99 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 13.11.2018.
Empfohlen von:
juttavon, unangepasste, ManMan.
Was meinst Du?
Diesen Text kommentieren
Mehr über Dieter Wal
Mehr von Dieter Wal
Mail an Dieter Wal
Blättern:
voriger Text
nächster Text
Weitere 10 neue Essays von Dieter Wal:
Eva Strittmatters Geheimer Garten der Poesie Das Toleranzverständnis Friedrichs des Großen und die Wandlung des Toleranzbegriffes in der Welt der Politik bis heute. Herbert Rosendorfers Erzählung "Mithras" Mit Stil im Jugendstil. Aron Manfelds Sonett «Veraschung» 2013. Gérard de Nervals Sonett «Delfica» des Sonettzyklus «Die Chimären» 1854. Selma Meerbaum-Eisingers Gedichte seit meiner Jugend KV-Mittwochs-Kolumne "Tragende Säulen?" Friedrich Hagens Gedichte - Ein Leben zwischen Deutschland und Frankreich in Lyrik und Prosa Zeit und Raum. 2500 Jahre in Friedrich Rückerts "Chidher".
Mehr zum Thema "Sprache/ Sprachen" von Dieter Wal:
Die Sprache Henochisch und ihre ersten Sprecher. Er dankt Circe. OP am offenen Wort
Was schreiben andere zum Thema "Sprache/ Sprachen"?
kaum grün (harzgebirgler) gonokokkenmutterschiff (harzgebirgler) schlepper (harzgebirgler) boxer (harzgebirgler) überfrauen (harzgebirgler) manche frau die fesselt einen (harzgebirgler) geschweige denn steppen (harzgebirgler) rück grat wanderung (harzgebirgler) l(i)egen (harzgebirgler) 'besen' (harzgebirgler) und 711 weitere Texte.
Dieser Text ist höchstwahrscheinlich urheberrechtlich geschützt. mehr Infos dazu
diesen Text melden
© 2002-2018 keinVerlag.de   Impressum   Nutzungsbedingungen 
KV ist kein Verlag. Kapiert?
© 2002-2018 keinVerlag.de