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51 - Namen

Erzählung zum Thema Krieg/Krieger


von TrekanBelluvitsh

Was bisher geschah ...
Ein britischer Offizier kehrt im Frühjahr 1944 nach England zurück. Nach unerfreulichen Besuchen bei seinen Eltern und einem Kameraden während des Urlaubs lernt er in einem Landgasthaus eine junge Frau kennen. Danach begibt er sich zur neuaufgestellten 129th Rifle Brigade in Cornwall, in der er eine  Kompanie als Chef übernimmt. Mitte Juni 1944 wird die Brigade in die Normandie verlegt. Der Vormarsch gestaltet sich zäh. Den ersten Schuss, den er abgibt, gilt einem eigenen Mann, um ihn von einem qualvollen Feuertod zu erlösen. In einem erbitterten Kampf um ein Waldstück mit Truppen der Waffen-SS wehrt die Kompanie unter Verlusten die Gegenangriffe ab. Auch der Kampf um ein weiteres Dorf fordert Tote. Es folgt eine  kurze Erholungspause. Während der kommt es zu einem Angriff eines Zugführers auf den Captain, den dieser jedoch ungesühnt lässt. Schließlich wird die Kompanie wieder an die Front gebracht. Zwei dem Offizier nahestehende Zugführer werden bei den folgenden Kämpfen getötet.




Um meinen Gedanken zu entkommen drehte ich mit der Öllampe in der Hand eine Runde durch die nächtliche Scheune, stets darauf bedacht, nicht auf einen schlafenden Soldaten zu treten. Ein durchdringendes, vielstimmiges, männliches Schnarchen hing in der Luft und wenn es auch keine Erlösung verhieß, so war es doch die lautmalerische Unterstützung von ein wenig Erholung, die diese Männer so nötig hatten. In einer Ecke, etwas Abseits von den anderen, lag Sergeant Horatio Fitzmaurice. Auch er schlief. Er tat das auf gespenstische Weise: mit geöffneten Augen, stumm und mit einem angestrengten Gesichtsausdruck. Die Zeltbahn, in die er sich gewickelt hatte, war von seinen Füßen, die auch jetzt in Bewegung waren, fortgetreten worden. Ich nahm sie und deckte ihn vorsichtig zu. Auf dem Weg zurück zu meinem Strohsitz im Kompaniegefechtsstand blieb ich vor Schreck in der Mitte der Scheune stehen.

Ich kannte diese Männer. Ich kannte sie alle!

Da war mein Freund Mr Bush. Fitzmaurice. Der hagere Adamson und Carrick, zu dem inzwischen einige gingen, um sich mit ihm über Gott zu unterhalten. Er war mit dem Leichnam im Ort und schon vermisste ich ihn. Lieutenant Dallwitz, den wir als Ersatz für den Salonlöwen Heathen bekommen hatten, ein Mann ohne Eigenschaften, der aber ein hervorragender Soldat war. Watson, Butler und Brzezicki, die als Freunde gekommen, alle Kämpfe ohne einen Kratzer überstanden hatten und noch immer Freunde waren. Toleman-Head, ein Großmaul, den die Kämpfe Bescheidenheit gelehrt hatten. Seaman, der so viel Angst hatte, einen Kameraden zu verlieren, dass er sich mit niemandem anfreundete. O'Leary, der darauf bestand, ein Waliser und kein Ire zu sein. Davies und Carruthers, die nur deshalb ständig zusammen waren, weil in einem vierzig Jahre alten Roman zwei Hauptfiguren gleich hießen. Alle anderen waren der Überzeugung, dass sie gar nicht zusammenpassten. Newton, der ein erbeutetes MG 42 bediente, als habe er sein Leben lang nichts anderes getan. Kirkland, der ein hoher Adeliger war, seinen wirklichen Namen aber niemandem verriet. McNulty, der acht Sprachen beherrschte, leider weder Deutsch noch Französisch. Mullins, der eine Stimme hatte wie ein zwölfjähriges Mädchen. Gallagher, noch ein Schotte, der eine Handgranate doppelt so weit werfen konnte wie jeder andere. Kemp, der  so unendlich viel Angst vor jedem Kampf hatte und immer noch am Leben war. Gunter, zweimal verwundet, zweimal wiedergekommen. McLeary und White. Lonergan und Painter. Moore und Balkenstein, der hölländische Vorfahren hatte. Turnbridge und Cain. Ash, Brunt, Belford und Sweeney. Bane und Fisher und Jenkins. Lloyd, der mich hasste, ich wusste nicht warum. Bristle, dessen ständiges Lächeln eine undurchdringliche Mauer war. Newday, der sich auf seinen Namen verließ.

Ich kannte diese Männer. Ich kannte sie alle.

Wenn in meiner Erinnerung auch viele Namen verblassen mögen, sehe ich, wenn ich die Augen schließe, doch stets ihre Gesichter vor mir.
"Wie viele Nazis hast du getötet?"
Nun kannte ich die Antwort.
Lautlos schlich ich zu Mr Bush und zog ihm vorsichtig den Block aus der Tasche, auf den er sonst Nachrichten und Befehle kritzelte. Zurück im Kompaniegefechtsstand setzte ich mich an den Kistentisch und begann zu schreiben:




- Fortsetzung folgt -

 
 

Kommentare zu diesem Text


EkkehartMittelberg
Kommentar von EkkehartMittelberg (11.11.2018)
In dem Lied "Wildgänse rauschen durch die Nacht" heißt ein Vers " Wir sind wie ihr ein graues Heer und fahrn in Kaisers Namen". Es ist tröstlich, dass es Zugführer gab, deren Männer Namen und Gesichter hatten und die für jeden, der fiel, litten. Ich denke, die gab es ohne Unterschied in jeder Armee.
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TrekanBelluvitsh meinte dazu am 12.11.2018:
Es gab (und gibt) eben "solche" und "sonne". Ein guter Vorgesetzter kennt - meiner Ansicht nach - aber seine Untergebenen. Im Krieg muss ihn das nahezu verrückt machen.
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Kommentar von Graeculus (69) (14.11.2018)
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TrekanBelluvitsh antwortete darauf am 14.11.2018:
Es halt doch nicht nur "die Kompanie".
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TassoTuwas
Kommentar von TassoTuwas (19.11.2018)
Bedrückend, ein zusammengewürfelter Haufen, eine Gemeinschaft auf Zeit, wie viele werden eines Tages nach hause entlassen.
Lernt man im Krieg die Kunst nicht an morgen zu denken?
TT
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TrekanBelluvitsh schrieb daraufhin am 20.11.2018:
Ich konnte nicht die Geschichte jedes einzelnen Soldaten erzählen. Aber zumindest konnte ich einen Teil von ihnen nicht namenlos lassen,

Der Krieg ist ein "gelebter Episodenroman" - Tod inbegriffen.
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50 - Die FrageInhaltsverzeichnis52 - Der Brief
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Dies ist ein Teil des mehrteiligen Textes Am Rande des Verstands.
Veröffentlicht am 11.11.2018. Textlänge: 661 Wörter; dieser Text wurde bereits 127 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 23.05.2020.
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