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53 - KriegsendeInhaltsverzeichnis55 - Ardnamurchan

54 - Nacht

Erzählung zum Thema Krieg/Krieger


von TrekanBelluvitsh

Was bisher geschah ...
Ein britischer Offizier kehrt im Frühjahr 1944 nach England zurück. Nach unerfreulichen Besuchen bei seinen Eltern und einem Kameraden während des Urlaubs lernt er in einem Landgasthaus eine junge Frau kennen. Danach begibt er sich zur neuaufgestellten 129th Rifle Brigade in Cornwall, in der er eine  Kompanie als Chef übernimmt. Mitte Juni 1944 wird die Brigade in die Normandie verlegt. Der Vormarsch gestaltet sich zäh. Den ersten Schuss, den er abgibt, gilt einem eigenen Mann, um ihn von einem qualvollen Feuertod zu erlösen. In einem erbitterten Kampf um ein Waldstück mit Truppen der Waffen-SS wehrt die Kompanie unter Verlusten die Gegenangriffe ab. Auch der Kampf um ein weiteres Dorf fordert Tote. Es folgt eine  kurze Erholungspause. Während der kommt es zu einem Angriff eines Zugführers auf den Captain, den dieser jedoch ungesühnt lässt. Schließlich wird die Kompanie wieder an die Front gebracht. Zwei dem Offizier nahestehende Zugführer werden bei den folgenden Kämpfen getötet. Schließlich wird er selbst schwer verwundet.




Die Nacht beginnt.

Es ist eine grausame, unendliche und einsame Nacht. Ich hasse sie. Sie und ihre bizarren Bilder, die kommen und gehen. Nur der Schmerz bleibt. Lässt er ein wenig nach, ist er zu ertragen. Aber dann kommt die graue See. Ich schwimme in der grauen See. Graue Wellen schlagen über meinem Kopf zusammen. Ich kriege keine Luft mehr. Es geht zu Ende. Immer wenn ich das denke, hebt eine unsichtbare Hand mich empor. Mein Kopf durchstösst die Wasseroberfläche und ich versuche tief einzuatmen. Doch die Luft, die graue Luft, sie widersetzt sich. Trotzdem ersticke ich nicht. Noch nicht. Hinter den grauen Wellen sehe ich den grauen Horizont und darüber den endlosen grauen Himmel. Eine Welle trägt mich, die nächste will mich ertränken. Ein Boot kommt vorbei. Es ist ein kleines Boot. Es wird von einem ausgemergelten alten Mann gerudert. Er ist nackt und er ist abgrundtief hässlich. Im Bug des Bootes steht ein Soldat. Mit einer Hand deutet er nach vorn und er hat keinen Kopf. Den trägt er unter dem anderen Arm. Ein irres Gelächter dringt an mein Ohr und ich benötige eine Weile um zu begreifen, dass der Kopf lacht. Dann hält der Soldat mir den Kopf hin und sein zahnloser Mund sagt:
"Fünf Pfund. Das ist nicht viel. Fünf Pfund halt."

Seine irren, grauen Augen rollen wie zwei Murmeln. Schließlich treffen sie sich und sprengen den Kopf bis auf den Schopf auseinander. Ich versinke wieder, doch diesmal bin ich froh darum. Als ich wieder auftauche, ziehen graue Schiffe den grauen Horizont entlang. Ich weiß, dass es Kriegsschiffe sind und darum mache ich mich ganz klein, damit man mich nicht sieht. Plötzlich ist der Earl da. Ich sage etwas zu ihm und obwohl ich meine Stimme nicht hören kann, verstehe ich jedes Wort. Der Earl lacht nur.
"Die Deutschen greifen an?“, fragt er spöttisch. „Das sollte sie doch nicht kümmern, oder? Außerdem: Seit fünf Uhr fünfundvierzig wird zurückgeschossen. Schwester! Schwester!"

Ich erhebe mich aus der grauen See, steige empor ins Licht. Und dann sehe ich sie. Zunächst ist sie unscharf. Dann wird langsam alles deutlich. Sie hat wunderschöne volle Lippen, hohe Wangenknochen und himmelblaue Augen. Außerdem ist sie blond und ich muss zugeben, dass ich mich immer schon nach blonden Frauen umgedreht habe. Dabei stehe ich gar nicht auf blond. Ich mag dunkelhaarige Frauen und rothaarige. Ich liebe Rotschöpfe. Und ich liebe diese Frau. Anfangs. Denn ihr Lächeln verwandelt sich auf einmal in eine Fratze des Schmerzes. Ihre Gesichtszüge zerfließen, jemand schreit, viele schreien, der Earl lacht und ich will mich aufbäumen. Etwas hält mich zurück. Ich kann meine Arme nicht bewegen. Der Blitz ist wieder da, ist wieder in meinem Kopf.

Blitzkrieg. Blitzschlag. Blitzableiter. Blitzlicht. Blitzkrieg! Blitzkrieg!

Die blonde Frau legt ihre Hand auf meine Stirn. Sie brennt wie Feuer.
Ich bringe euch um! Ich bringe euch alle um!
Und dann: Nacht. Tiefe, endlose, schlafraubende Nacht. Sie quält mich solange, bis die graue See zurückkehrt. Der graue Horizont, der graue Himmel. Wieder kommt ein Boot vorbei. Es ist derselbe Ruderer, aber im Bug steht Sergeant Fitzmaurice.
"Sieg Heil! Fick dich, du Scheißheld! Fick dich! Bandagen! Frische Bandagen!"

Die wunderschöne blonde Frau ist zurück und sie quält mich wieder. Sie ist schlimmer als Adolf Hitler. Der Schmerz ist unerträglich, besonders in meiner Hüfte. Sie schneiden mir mein Glied ab. Jedes Mal. Und diese Sonne! Schickt die Sonne fort, ihr Teufel! Ich bin kein Jude, versteht ihr? Der Earl, die graue Sonne, Morphium, Bandagen, Mr Bush. Ich lerne die Nacht zu lieben. Obwohl sie keine Erholung bringt. Keinen Luftzug. Kein Vogelgezwitscher. Nichts ist so unendlich, so hoffnungsvoll, so üppig und so vergebungsvoll wie die Nacht. Ich lehren sie zu schätzen und ich hasse diese blonde Abgesandte des immerwährenden Schmerzes. Stirb! Mr Bush, wo ist meine Sten? Staff Sergeant Shaw soll mit seinen Männern vorrücken. Mr Bush? Mr Bush?




- Fortsetzung folgt -

Anmerkung von TrekanBelluvitsh:

Die Sprache der Protagonisten ist Englisch. Kursiv gesetzte Worte sind deutsche Worte.


 
 

Kommentare zu diesem Text


Kommentar von michaelkoehn (76) (15.11.2018)
Dieser Kommentar ist nur für eingeloggte Benutzer lesbar.
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Habakuk
Kommentar von Habakuk (15.11.2018)
Diesen Romanauszug finde ich sprachlich und erzähltechnisch sehr gelungen. Treibt der Protagonist wirklich im Wasser und lässt uns mittels eines inneren Monologs aus der Innensicht an seinen Gefühlen und Gedanken teilhaben, wobei sich die Außensicht mit der Innensicht zu verweben scheint, oder ist es ein Albtraum, den der Protagonist irgendwo an Land traumatisch erlebt bzw. wiedererlebt? Beides wäre schlüssig, spielt aber letztlich keine Rolle Die Szene mutet surreal-wahnhaft an. Literarisch gut umgesetzt.

H.
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TrekanBelluvitsh meinte dazu am 15.11.2018:
Danke H.!

Und wie mein Fahrlehrer schon immer sagte: Die erste Idee ist meistens die Richtige
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EkkehartMittelberg
Kommentar von EkkehartMittelberg (15.11.2018)
Die Schilderung des Traums ist hervorragend. Du verwendest dabei relativ viel Adjektive. Davor wird immer wieder gewarnt. Mir wurde hier aber bewusst, wie relativ alle Regeln sind. Entscheidend ist, ob die Adjektive genau zutreffen und ob sie die Fantasie des Lesers bevormunden oder nicht. Ich empfinde sie als passgenau.
Bei der blonden Frau, die so große Schmerzen verursacht, musste ich an die Todesfuge von Celan denken: Dein blondes Haar, Margarete.
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TrekanBelluvitsh antwortete darauf am 15.11.2018:
Danke für dein Lob Ekki. Das zählt etwas für mich.

Mit den Adjektiven sollte man vorsichtig sein. Wobei es grundsätzlich besser ist, auf die Wertenden zu verzichten und besser solche zu benutzen, die beschreibend sind. So muss die Nacht nicht "angsteinflößend" sein, "stockdunkel" ist besser. Das beschreibt und hat als Subtext dennoch etwas bedrohliches. und so wird der Leser dann auch gleich mehr in die Geschichte hineingezogen.

Ansonsten ist hier ja viel von grau die Rede. Passt das? Hm, ich denke derartige Schmerzen erlebt jeder anders. Also antworte ich mit einem entschiedenen "vielleicht".
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EkkehartMittelberg schrieb daraufhin am 15.11.2018:
Ja zu der Bevorzugung beschreibender Adjektive
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TassoTuwas
Kommentar von TassoTuwas (21.11.2018)
Träume decken auf was der wache Verstand verschlossen hält!
Eine packend beschriebene, bizarre Gruseligkeit.
TT
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TrekanBelluvitsh äußerte darauf am 21.11.2018:
Danke. Das ich sonst viel Fantastik schreibe, hat mir bei diesem Teil sicherlich geholfen. Und so real ist das Leben ja auch oft nicht...
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53 - KriegsendeInhaltsverzeichnis55 - Ardnamurchan
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Veröffentlicht am 15.11.2018. Textlänge: 806 Wörter; dieser Text wurde bereits 154 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 04.12.2019.
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