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54 - NachtInhaltsverzeichnis56 - 1948

55 - Ardnamurchan

Erzählung zum Thema Krieg/Krieger


von TrekanBelluvitsh

Was bisher geschah ...
Ein britischer Offizier kehrt im Frühjahr 1944 nach England zurück. Nach unerfreulichen Besuchen bei seinen Eltern und einem Kameraden während des Urlaubs lernt er in einem Landgasthaus eine junge Frau kennen. Danach begibt er sich zur neuaufgestellten 129th Rifle Brigade in Cornwall, in der er eine  Kompanie als Chef übernimmt. Mitte Juni 1944 wird die Brigade in die Normandie verlegt. Der Vormarsch gestaltet sich zäh. Den ersten Schuss, den er abgibt, gilt einem eigenen Mann, um ihn von einem qualvollen Feuertod zu erlösen. In einem erbitterten Kampf um ein Waldstück mit Truppen der Waffen-SS wehrt die Kompanie unter Verlusten die Gegenangriffe ab. Auch der Kampf um ein weiteres Dorf fordert Tote. Es folgt eine  kurze Erholungspause. Während der kommt es zu einem Angriff eines Zugführers auf den Captain, den dieser jedoch ungesühnt lässt. Schließlich wird die Kompanie wieder an die Front gebracht. Zwei dem Offizier nahestehende Zugführer werden bei den folgenden Kämpfen getötet. Schließlich wird er selbst schwer verwundet.




Als ich soweit wieder hergestellt war, dass ich als transportfähig galt, brachte man mich in ein Sanatorium an der Westküste Schottlands. Es lag auf der Halbinsel Ardnamurchan und das nächste Dorf hieß Grigadale. Dorf war eigentlich der falsche Name. Grigadale sah so aus, als habe ein Riese auf dem Weg ins Inland eine Handvoll Häuser aus einem großen Sack verloren. Es war ein elendes Nest mit keinem halben Dutzend Häusern, die auch bald nach dem Krieg wieder verschwunden waren. Habe ich mir sagen lassen. Das Sanatorium befand sich auf halbem Weg zwischen Grigadale und Ardnamurchan Point. Dort wies ein alter Leuchtturm den Atlantik in seine Schranken. Auch Sanatorium war nicht der richtige Name. Die Einrichtung war eher das, was man landläufig ein Irrenhaus nennt. Es war nicht so, dass die Insassen des Sanatoriums irgendwem gefährlich werden konnten. Dort hatte man einfach Männer untergebracht, denen das Schlachtfeld den Verstand geraubt hatte. Zumindest wenn sie Offiziere waren. Diesen Anblick wollte man der Bevölkerung aus verständlichen Gründen ersparen. Er passte einfach nicht zu dem Heldenlied über die tapferen britischen Soldaten, die Hitlerdeutschland in die Knie gezwungen hatten, das jeder sang.

Im Gegensatz zu den meisten anderen durfte ich mich frei bewegen. Ich galt als leichter Fall. Während meines Aufenthalts in einem Militärhospital in Namur hatte mein Leben an einem seidenen Faden gehangen. Die Kugeln der Maschinenpistole meines Widersachers waren in meine Hüfte, meinen Bauchraum und in mein rechtes Knie eingedrungen, bevor Mr Bush ihn mit einem gezielten Schuss in die Stirn tötete. Er verband mich notdürftig, auch mit seinem eigenen Verbandszeug, und trug meinen leblosen Körper drei Meilen bis zum nächsten Verbandsplatz. Das ich da noch lebte, war ein Wunder. Das ich überlebte ausgeschlossen. Niemals hätte ich gedacht, dass so viel Lebenswille in mir steckt. Doch irgendwie konnte ich die Attacke des anstürmenden und siegesgewissen Todes abwehren. Im Hospital angekommen operierte man mich unzählige Male und nicht selten stundenlang. Womöglich hätte man sich kaum die Mühe gemacht. Eine Schwester, Faith Goodfellow, konnte die Ärzte jedoch überzeugen, dass ich leben wollte und es sich lohnen würde. Es kann aber auch sein, dass sie, als sie mich wusch entdeckte, dass ich beschnitten bin und Mitleid oder ein schlechtes Gewissen sie antrieb. Nichtsdestotrotz verdanke ich auch ihr mein Leben. Ich dankte es ihr, in dem ich beim schmerzvollen Verbandswechsel heftig nach ihr schlug und sie auch traf. Danach wurde ich fixiert. Obwohl das die meiste Zeit gar nicht nötig war. Mein von Morphium umnebelter Geist fand den Weg in die Wirklichkeit nicht.

Faith Goodfellow war eine blonde, üppige und ausgesprochen schöne Frau. Immer wenn es an der Zeit war, die Verbände zu wechseln, war sie zur Stelle. Sie setzte sich stets für mich ein. Mein Geist entwickelte mit der Zeit etwas, das die Ärzte Generalisierung nennen. Er setzte schönen Frauen mit Schmerzen gleich. So konnte selbst ein einfacher Spaziergang durch die Gänge des Militärhospitals zur Höllenqual werden, je nach dem wer mir begegnete. Als Behandlung verschrieb man mir Abgeschiedenheit von der Welt. Meine Seele sollte zur Ruhe kommen. Zeit war das einzige Medikament, das man mir verabreichte und davon gab es in diesem Sanatorium reichlich. Nach dem Frühstück, nach dem Mittag- und vor dem Abendessen unternahm ich meine langen einsamen Spaziergänge durch die baumlose Gegend. Nach dem Abendessen las ich Shakespeare. Oder ich spielte Schach gegen den Colonel, der kein Wort mehr sprach, mit den einfachsten menschlichen Verrichtungen Schwierigkeiten hatte, aber elegant, schnell und unbezwingbar jede Partie für sich entschied. Wenn ich ihm die Hand reichte, um ihm zu seinem Sieg zu gratulieren, nickte er heftig und blickte in die Vergangenheit.

Bis auf eine Schwester bestand das Personal nur aus Männer. Sie war weit über fünfzig Jahre alt und sie war ausgesprochen hübsch. Für mich war sie eine große Herausforderung. Zunächst ging ich ihr aus dem Weg und auch danach brauchte ich alle Beherrschung, um nicht laut loszubrüllen. Eine Unterhaltung war gänzlich unmöglich. Irgendwann nickten wir uns stumm zu. Das war ein Erfolg.

An einem Wochenende besuchte mich Mr Bush und es tat mir sehr gut, meinen alten Freund wiederzusehen. Glücklicherweise rief sein Erscheinen in mir nur gute Erinnerungen hervor. Die Melancholie kam erst nach seiner Abreise. Das lag daran, dass er mir von Horatio Fitzmaurice erzählte. Auf der Überfahrt zurück nach England war er einfach verschwunden. Sie hatten das ganze Schiff nach ihm abgesucht, aber nichts gefunden. Die See war spiegelglatt, also konnte er nicht über Bord gespült worden sein. Schließlich fanden sie unter seinen Sachen eine Bibel, die er von Carrick erhalten hatte. In ihr steckte ein Zettel. Auf dem stand: "Es tut mir leid, Ray."

Mir das mitzuteilen, war ein Grund für seine Reise gewesen. Außerdem suchte Mr Bush mich als eine Art Spähtruppführer auf, sondierte Lage und Gelände. Er sollte herausfinden, wie es mir ging. Ob ich bereit war. Offensichtlich hatte ihm gefallen, was er sah und kurz darauf besuchte mich Renee.

Es war ein Fiasko.

Ich liebte sie über alles, schätzte sie und bewunderte ihre Klugheit. Doch ist sie die schönste Frau die ich kenne, die ich je gesehen habe. Es dauerte keine halbe Stunde bis ich aufbrüllte wie ein verwundeter Löwe. Die Gegenwart der Frau, nach der ich mich so sehr sehnte, war mir unerträglich.




- Fortsetzung folgt -

 
 

Kommentare zu diesem Text


Habakuk
Kommentar von Habakuk (17.11.2018)
Ausführlichere Verlautbarungen gabs ja schon von mir. Daher diesmal nur: Liest sich gut.

H.
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TrekanBelluvitsh meinte dazu am 17.11.2018:
Liest sich gut lese ich dennoch gern. Denn wie soll ich das, was ich sagen will, denn rüberbringen, wenn der Leser sich fragen muss. Hä? Handwerkliches gehört auch zum Schreiben. Darum: Danke dafür.
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EkkehartMittelberg
Kommentar von EkkehartMittelberg (17.11.2018)
Die Begegnung mit der schönen Krankenschwester erinnert ein wenig an "Wem die Stunde schlägt." Aber mit dem Motiv `Schmerzen beim Anblick einer schönen Frau´ hast du etwas ganz Neues gefunden. Jetzt ist der Leser natürlich sehr gespannt, ob die Beziehung zu der schönen Renee dennoch hält.
Funktionieren eigentlich Sanatorien in einer gottverlassenen baumlosen Gegend zur Gesundung der Seele?
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TrekanBelluvitsh antwortete darauf am 17.11.2018:
Danke.
Ich habe mir von jemandem, der sehr viel mehr Ahnung von Psychologie hat als ich, bestätigen lassen, dass solch ein Phänomen real ist und vorkommt. Es tritt hier in sehr akuter Form auf.

Ich möchte meinen, dass es wenig Sinn macht, psychisch Kranke an den verlängerten Rücken der Natur zu schicken. Natürlich ist es oft einen gute Idee, chronisch Kranke aus ihrem Alltag zu holen. Dies geschieht ja z.B. auch bei einen Kur. Aber die Menschen ganz aus dem Leben zu zu nehmen, ist sicherlich kontraproduktiv. Es hat etwas von wegsperren. Darum spricht der Protagonist ja auch von einem "Irrenhaus". Weil man - zumindest in meiner Vorstellung - bei einem "Irrenhaus" an "aus den Augen, aus dem Sinn" denkt.

Ich habe bei dieser Episode auch an einen bestimmten Vorfall gedacht. Nach dem Falkland-Krieg gab es in London eine Siegesparade. Die britische Veteranenorganisation forderte, dass auch im Krieg verwundete Soldaten auf ihr mitmarschieren durften. Die Thatcher-Regierung lehnte dies ab. Der öffentliche Druck wurde dann so groß, dass sie letztlich doch einlenken musste. Ganz am Ende der Parade durften einige Verwundete auftreten. Das geschah im Jahre 1982.

Hier wollte eine konservative Regierung also die Verwundeten vor der Öffentlichkeit verstecken. Ob so ein Verhalten der Vergangenheit angehört, oder heute immer noch üblich ist? Das soll jeder selbst entscheiden...
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TassoTuwas
Kommentar von TassoTuwas (25.11.2018)
Darüber erfährt man wenig von den offiziellen Stellen.
Wenn das Kämpfen zu Ende ist, dauert der Krieg noch an, auch für die äußerlich Unverletzten und schlimmer noch für die, die an Körper und Geist versehrt wurden.
Ein bedrückendes Kapitel!
TT
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TrekanBelluvitsh schrieb daraufhin am 26.11.2018:
Solche Menschen verstecken die Verantwortlichen gerne. Und was ist für die englische Regierung weiter weg als Schottland...
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54 - NachtInhaltsverzeichnis56 - 1948
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Dies ist ein Teil des mehrteiligen Textes Am Rande des Verstands.
Veröffentlicht am 17.11.2018. Textlänge: 1.030 Wörter; dieser Text wurde bereits 150 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 19.06.2020.
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