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56 - 1948Inhaltsverzeichnis58 - Engländer

57 - Uhr

Erzählung zum Thema Krieg/Krieger


von TrekanBelluvitsh

Was bisher geschah ...
Ein britischer Offizier kehrt im Frühjahr 1944 nach England zurück. Nach unerfreulichen Besuchen bei seinen Eltern und einem Kameraden während des Urlaubs lernt er in einem Landgasthaus eine junge Frau kennen. Danach begibt er sich zur neuaufgestellten 129th Rifle Brigade in Cornwall, in der er eine  Kompanie als Chef übernimmt. Mitte Juni 1944 wird die Brigade in die Normandie verlegt. Der Vormarsch gestaltet sich zäh. Den ersten Schuss, den er abgibt, gilt einem eigenen Mann, um ihn von einem qualvollen Feuertod zu erlösen. In einem erbitterten Kampf um ein Waldstück mit Truppen der Waffen-SS wehrt die Kompanie unter Verlusten die Gegenangriffe ab. Auch der Kampf um ein weiteres Dorf fordert Tote. Es folgt eine  kurze Erholungspause. Während der kommt es zu einem Angriff eines Zugführers auf den Captain, den dieser jedoch ungesühnt lässt. Schließlich wird die Kompanie wieder an die Front gebracht. Zwei dem Offizier nahestehende Zugführer werden bei den folgenden Kämpfen getötet. Schließlich wird er selbst schwer verwundet, was auch psychische Folgen hat. Zur Genesung wird er in ein Sanatorium in Schottland verlegt.




Ich schrie laut auf, als sie mich im Sanatorium zum ersten Mal besuchte. Ich brüllte sie an. Dabei stand ich ihr nicht aggressiv gegenüber. Aus der Ferne und ohne Ton hätte man sich gewundert, warum eine der beiden Gestalten so seltsam mit den Armen fuchtelte. Lag es an einer fremden Sprache?. Aber ich brüllte. Nur ein Teil von dem, was ich schrie, waren Worte, war zumeist unverständlich, war auf jeden Fall aber zusammenhangslos. Renee hielt all das aus. Sie hatte zuvor mit den Ärzten gesprochen und die warnten sie, dass so etwas passieren könne. Allerdings war sie eine starke Frau. Und unwiderstehlich. Wenn sie sich etwas in den Kopf setzte, ließ sie sich nicht abbringen. Sie hatte sich mich in den Kopf gesetzt. Sie trat einen Schritt auf mich zu und nahm mich in den Arm. Es dauerte eine ganze Weile, aber schließlich verstummte ich. Ich verstummte, zitterte dafür aber fürchterlich.
Das war der Anfang.
Es war der Anfang eines Weges, für den ich fast zwanzig Monate brauchte. Eine verdammt kurze Zeit, wie die Ärzte mir versicherten. Am Ende waren wir zusammen. Ich liebte sie so sehr.



Renee ging in die Küche und Gerald schaute ihr mit einem Lächeln nach.
"Man, sie is wirklich verdammt hübsch. Ich staun jedes Mal."
"Ich bin ein Glückskind", erwiderte ich.
"Yep, das bis Du wirklich. Manchmal frag ich mich, ob Du das überhaupt weiß."
"Doch, glaube mir, ich weiß es."
Sie kam zurück und brachte zwei Teetassen mit. Eine gab sie Gerald, die andere tauschte sie gegen meine aus.
"Wo hast Du Emma gelassen?", wollte sie wissen.
"Du kenns sie doch. Sie kann nich ohne ihren Laden. Musste unbedingt noch Mal nachsehn, ob auch alles läuft. Eine Woche Frankreich! Ich glaub, das is für sie die Hölle."
"Aber ihr habt gepackt?"
"Yep, alles gepackt und im Wagen verstaut. Ich bin zu Fuß gekommn."
"Aber das sind doch mehr als drei Meilen!"
"Ich bin in meinem Leben schon sehr, sehr viel mehr gelatscht. Alter Infanterist. Nach den ersten tausend Meilen fällt der Rest nich mehr so schwer." Ein stolzes Lächeln machte sich auf Geralds Gesicht breit.
"Damals hattest Du auch nicht so viel Marschgepäck", meinte ich trocken.
Renee und Gerald lachten laut los. Als sie sich wieder beruhigt hatten, sagte sie "Na, ich will Euch dann mal alleine lassen" und verschwand.

"Sie is wirklich verdammt hübsch. Und eine tolle Frau. Gut, dass Du sie geheiratet hast."
Dem konnte ich nur zustimmen. Ich holte die Taschenuhr hervor. Es war Viertel nach Zehn. Wir würden bald aufbrechen müssen.
"Von deinem Vater?", fragte Gerald ernst. Er hatte die Schule früh verlassen, nicht viel gelernt. Er war aber klüger als eine Menge gebildete Leute, die ich in meinem Leben kennengelernt habe. Weil er die richtigen Fragen im richtigen Moment und im richtigen Tonfall stellte. Ich mochte ihn auch im Frieden.
"Ja", antwortete ich.
"Dann habt ihr euch versöhnt?"
Ich musste lange überlegen. "Wenn Du mit versöhnen meinst, dass er billigt, was ich getan habe, dann lautet die Antwort Nein. Aber er kann damit leben, hat sich mit der Situation arrangiert. Irgendwie. Und Renee hat er jetzt kennengelernt. Wenn ich dich zitieren darf: 'Eine tolle Frau!' Dem würde er sofort zustimmen. Das hat es ihm bestimmt leichter gemacht. Und zum Schluss hat er mir die Uhr geschenkt."




- Fortsetzung folgt -

 
 

Kommentare zu diesem Text


EkkehartMittelberg
Kommentar von EkkehartMittelberg (20.11.2018)
Was hat sich der Autor bei dem Brüllen gedacht? Ich deute es als eine vorweggenommene Verlustangst. Er glaubt, Renee damit vor einer Vereinigung abzuschrecken, was nicht gelingt, weil sie es richtig deutet.
Lässt ein guter Roman das hier geschilderte Glück in der Liebe ohne Kitschverdacht zu?
Ich meine ja, es ist ein Äquivalent zu den schweren Wunden, die der Krieg dem Erzähler geschlagen hat.
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TrekanBelluvitsh meinte dazu am 20.11.2018:
Ich hoffe, ich kann den Kitschverdacht weiterhin ausräumen.

P.S.: Es geht jetzt ohne Pause bis zu Schlussteil 61 weiter.
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TassoTuwas
Kommentar von TassoTuwas (26.11.2018)
Nach so viel Schlachtgetümmel, Verwundungen an Leib und Seele, Blut und Tod, tut die Wendung, hin zu einem bürgerlichen, beschaulichem Leben, gut.
Was kann jetzt noch Schlimmes passieren?
TT
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TrekanBelluvitsh antwortete darauf am 27.11.2018:
Schlimmes? Das kommt drauf an, wie man es sieht. Aber die Abwesenheit des Krieges bedeutet ja nicht automatisch Frieden. Schon gar nicht für das Individuum.
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56 - 1948Inhaltsverzeichnis58 - Engländer
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Dies ist ein Teil des mehrteiligen Textes Am Rande des Verstands.
Veröffentlicht am 20.11.2018. Textlänge: 727 Wörter; dieser Text wurde bereits 146 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 19.09.2020.
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