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59 - BeurteilungInhaltsverzeichnis61 - Gewonnen

60 - Aufbruch

Erzählung zum Thema Krieg/Krieger


von TrekanBelluvitsh

Was bisher geschah ...
Ein britischer Offizier kehrt im Frühjahr 1944 nach England zurück. Nach unerfreulichen Besuchen bei seinen Eltern und einem Kameraden während des Urlaubs lernt er in einem Landgasthaus eine junge Frau kennen. Danach begibt er sich zur neuaufgestellten 129th Rifle Brigade in Cornwall, in der er eine  Kompanie als Chef übernimmt. Mitte Juni 1944 wird die Brigade in die Normandie verlegt. Der Vormarsch gestaltet sich zäh. Den ersten Schuss, den er abgibt, gilt einem eigenen Mann, um ihn von einem qualvollen Feuertod zu erlösen. In einem erbitterten Kampf um ein Waldstück mit Truppen der Waffen-SS wehrt die Kompanie unter Verlusten die Gegenangriffe ab. Auch der Kampf um ein weiteres Dorf fordert Tote. Es folgt eine  kurze Erholungspause. Während der kommt es zu einem Angriff eines Zugführers auf den Captain, den dieser jedoch ungesühnt lässt. Schließlich wird die Kompanie wieder an die Front gebracht. Zwei dem Offizier nahestehende Zugführer werden bei den folgenden Kämpfen getötet. Schließlich wird er selbst schwer verwundet, was auch psychische Folgen hat. Zur Genesung wird er in ein Sanatorium in Schottland verlegt. Seine Genesung dauert fast zwei Jahre.




Kurz darauf brachen wir auf. Die andern verstauten unser Gepäck im Wagen, während ich mit meinem schwarzen Stock danebenstand. Dann fuhren Emma und Renee alleine los. Gerald und ich wollten die halbe Meile zum Bahnhof zu Fuß gehen. Auch wenn es mir schwer fiel, tat es meinem Bein bestimmt gut. Das war schon im Sanatorium so gewesen. Nach den ersten Schritten verspürte ich in der Regel fast keinen Schmerz mehr.

Wir schlenderten die Straße hinunter. Gerald hatte nichts dagegen, dass ich so tat, als ob ich ein höheres Tempo anschlagen könnte, wenn ich nur wollte. Am Ende der Straße, eingeklemmt zwischen einer Uhrenfabrik und der quer verlaufenden Hauptstraße, behauptete sich trotzig die kleine Kirche. Renee und ich waren hier getraut worden. Auf dem winzigen, von einer kniehohen Mauer umgebenen und mit groben Steinen gepflasterten Kirchplatz stand der junge Vikar der Gemeinde und lächelte standhaft einer älteren Dame in einem noch älterem Mantel von unbestimmter Farbe entgegen, die ununterbrochen auf ihn einredete. Wir spazierten auf der anderen Seite der Straße unserem Ziel entgegen Als er uns sah, legte der Vikar der älteren Dame die Hand auf die Schulter, ließ sie stehen, trat durch das von zwei verwundeten steinernen Löwen bewachte Tor auf den Bürgersteig und winkte uns freundlich zu.
"Guten Morgen, Sir."
Gerald grinste.
"Wie Du siehst, bin ich nich der einzige, Josh", feixte er.
"Guten Morgen, Mr Bush", hallte es ein zweites Mal über die Straße.
Wir blieben kurz stehen, ich hob meinen Stock zum Gruß und rief, weil ich wusste, dass der junge Vikar es so wollte: "Guten Morgen, Carrick."



Das Hotel war vor dem Krieg ein Wohnhaus mit einem Café im Erdgeschoss gewesen. Seine Bewohner waren im Frühjahr 1940 geflohen und nie mehr zurückgekehrt. Es wurde von einer Bauernfamilie betrieben, die in den Schlachten des Sommers 44 Haus, Hof, Tiere und einen Sohn verloren hatten. Wahrscheinlich ging es ihnen heute besser als zuvor. Doch es war unübersehbar, dass sie ihr altes Leben, ihr heiles, vollständiges Leben, vermissten. Die Zimmer waren klein und einfach eingerichtet. Ein Bett, eine Nachtkommode, ein Schrank, ein Tisch und zwei Stühle. Die gestreiften Vorhänge vor dem Fenster hatten schon bessere Tage gesehen, waren aber sauber. Das Bettzeug war weiß und frisch. Nach einiger Zeit entdeckte ich, dass sich die Rückwand des alten, dunklen, geputzten, aber dennoch staubig wirkenden Schrankes mit einiger Mühe beiseite schieben ließ und einen Hohlraum freigab, der gerade groß genug für einen kauernden Menschen war. Die Bodendielen knarrten bei jedem Schritt oder Aufsetzen meines Stocks. Das Zimmer verbreitete einen rustikalen Charme, der mir gefiel.

Die erste Zeit verbrachten wir damit, die Gegend um das Hotel zu Fuß zu erkunden. Das wir zumeist nicht sehr weit kamen, lag nicht allein an mir und meinem Stock. Emma war eine fürchterliche Fußgängerin. Noch in Sichtweite des Hotels begann sie zu schimpfen. Uns anderen störte das nicht, wir machten uns sogar über sie lustig. Aller Ärger war jedoch sofort verflogen, wenn wir gegen Mittag eine große Pause einlegten. Renee ließ sich von unser Wirtin stets einen Korb voller Leckereien mitgeben. Frisches Brot, Wurst, Wein, Käse und andere Herrlichkeiten erwarteten uns. Emma und Gerald hauten rein wie die Scheunendrescher, verputzten zusammen weit mehr als die Hälfte. Mir war das gleich. Ich begnügte mich mit ein wenig Mineralwasser und etwas Käse, schaute ansonsten den anderen beim Mittagessen zu. Am späten Nachmittag waren wir wieder im Hotel. Das Abendessen, gute normannische Hausmannskost, nahmen wir mit den anderen drei Gästen im hellen Speisezimmer ein. Den Sonnenuntergang genossen wir auf der weitläufigen Terrasse.

Am Ende des dritten Tages fragte ich nach dem Telefonbuch. Tatsächlich fand ich seinen Namen sofort. Ich zögerte. Immerhin hatten er fast ein Jahr lang nichts mehr von mir gehört und ich schämte mich ein wenig.

"Ob heute, morgen oder in einem Jahr, ruf mich an, ich kriege das schon heraus." Seine Worte.

Nach dem zweiten Klingeln nahm er den Hörer ab. Er war sehr froh, meine Stimme endlich wieder zu hören und mir ging es ebenso. Wir redeten eine ganze Weile, alte Bilder tauchten vor seinen und meinen Augen auf. Wir wurden ein wenig stiller. Er versprach, in zwei Tagen mit seinem Wagen zu unserem Hotel zu kommen.
Der nächste Tag schleppte sich dahin und in der folgenden Nacht konnte ich kaum schlafen. Ich wälzte mich im Bett hin und her und hielt so auch Renee wach. Glücklicherweise tat sie noch nicht einmal so, als würde sie nichts bemerken. Sie nahm mich in ihre Arme und allein ihr Geruch beruhigte mich.
Sobald die ersten Sonnenstrahlen durch das Fenster fielen, stand ich auf, zog mich nach einer kurzen Morgentoilette an. Ich setzte mich an den Tisch, auf dem meine Geldbörse lag, die ich anstarrte. Es war beruhigend und erschreckend zugleich.
"Bist du sicher, dass du das tun willst?"



- Fortstetzung folgt -

 
 

Kommentare zu diesem Text


EkkehartMittelberg
Kommentar von EkkehartMittelberg (23.11.2018)
Noch heute werden Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg entschärft. Trotz des immensen Fleißes der Trümmerfrauen hat es lange gedauert, bis die Vernichtungsspuren dieses Krieges entfernt werden konnten. Dein Text spiegelt die allmähliche Gesundung der Seele Joshuas. Das braucht ebenso Zeit.
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TrekanBelluvitsh meinte dazu am 23.11.2018:
Zumindest scheint er nicht allein warten, sondern auch etwas tun zu wollen. Morgen folgt der letzte Akt - der Geschichte.
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Habakuk
Kommentar von Habakuk (23.11.2018)
In der Kürze des Kommentars liegt manchmal auch Würze: Gerne gelesen.

H.
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TrekanBelluvitsh antwortete darauf am 23.11.2018:
Ich antworte auf deinen Kommentar ebenso kurz: Gern gelesen!
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TassoTuwas
Kommentar von TassoTuwas (03.12.2018)
Rückkehr an Orte, an denen sich für das weitere Leben Entscheidendes ereignet hat, sind nicht jedermanns Sache!
Mit wem trifft sich unser Protagonist?
TT
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TrekanBelluvitsh schrieb daraufhin am 05.12.2018:
Das sich der Protagonist mit siener Vergangenheit trifft, ist klar. Aber welchem Teil? Na, da muss du ja nur noch einen Teil lang warten...
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59 - BeurteilungInhaltsverzeichnis61 - Gewonnen
TrekanBelluvitsh
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Dies ist ein Teil des mehrteiligen Textes Am Rande des Verstands.
Veröffentlicht am 23.11.2018. Textlänge: 977 Wörter; dieser Text wurde bereits 155 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 19.09.2020.
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