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Kapitel 3 - Harley

Roman zum Thema Abenteuer


von Broom87

„The Imitation Game“
Alexandre Desplat

3
Harley

Berlin, Deutschland

Dieses Land kotzte sie an. Überall schlecht gelaunte Menschen. Dabei hatten sie doch alle in Europa das, was sie wollten. In Ihrer Heimat sah das anders aus. Wenn man da ein wetterfestes Dach über dem Kopf hatte, war man ein glücklicher Mensch. Hier in Deutschland regten sich die Leute über zu wenig Geld auf, während sie ihren Wagen in die Garage fuhren, über Medikamentenpreise, während sie dabei waren ein Formular für die Krankenkasse auszufüllen und vor allem motzten sie übereinander, kurz nachdem sie sich freudestrahlend ins Gesicht gelächelt haben. Es gab hier alles, was in Ihrer Heimat undenkbar war und doch wollte sie so schnell wie möglich hier weg. Es war eben doch nicht alles Gold, was glänzt und was sie anging, glaubte sie sowieso nur daran, dass jeder selbst zusehen musste, wo er bleibt. Auf dieser Welt gab es kein Miteinander, auch wenn es viele gerne so hätten, doch am Ende des Tages dachte jeder nur an seinen eigenen Vorteil. Und genau deswegen war sie hier.
Sie hatte noch immer nicht begriffen, wie es möglich war, dass ein Kerl in ihr Leben trat und es innerhalb einer Woche so auf den Kopf stellte. Sie hatte sich ihren Gefühlen hingegeben und das sollte nun der größte Fehler in ihrem Leben sein. Ihr Vater hatte immer gesagt, die Liebe sei entweder die Rettung oder der Untergang für die Menschheit. Mittlerweile glaubte sie eher an die zweite Variante. Ihr Vater war generell ein sehr nüchterner Mensch. Es ging ihm immer nur ums Geschäft und der Erfolg sollte ihm Recht geben. Als er jedoch vor 3 Jahren starb, gab er im Sterbebett unmissverständlich zu verstehen, dass er so nicht von ihr dachte. Zum einen war sie eine Frau. Wie sollte sie sich also in dieser Branche gegen all die Männer zur Wehr setzen? Und zweitens hatte sie Gefühle. Die hatte zwar jeder Mensch, aber ihr Vater war der Meinung, dass man Gefühle ausknipsen kann und muss. Skrupel oder Mitleid konnte man sich eben nicht leisten, wenn man ein Drogenimperium leiten wollte. Bisher hatte das auch ganz gut geklappt. Nachdem Sie Happy Feet entwickelt hatten, wurde diese Pille zum nächsten großen Ding in den Staaten. Diesen dämlichen Namen hatte Sie sich natürlich nicht selbst ausgedacht. HF stand eigentlich für Harley Felipe. Die letzte Ehrerweisung an ihren Vater. Aber gut, damit musste sie ja leben und nicht er. Und das konnte sie gut, denn jeder wollte diese Pillen haben und der Absatz war gigantisch. Die Großabnehmer legten sich reihenweise gegenseitig um, nur um das größere Stück am Kuchen zu bekommen. Nun war Amerika wieder einmal gepflastert von toten Drogenclans und überschwemmt von einer Szenedroge, wie sie es vorher noch nie gab. Allein das Suchtpotential genügte, um den Markt über Jahrzehnte zu beherrschen. Hinzu kam, dass die Abnehmer dort riesigen Respekt vor ihr hatten. Daher gab man ihr den Beinamen Harley. Barbara klang aber auch eher bescheiden. Ein paar Leichen hier, ein paar Verstümmelte dort und schon hatte man sich den Respekt erarbeitet, auf den alle so unschätzbaren Wert legten und einen extravaganten Ruf hatte man außerdem. Scheinbar zogen die Menschen Vergleiche mit dem Joker. Sie hatte nie viel Comics gelesen, wusste aber, dass das ein krasser Motherfucker für diese ganzen Nerds war. Seine Freundin hieß Harley Quinn und stand ihm in nichts nach. Ihr einziges Problem? Sie war verliebt und abhängig vom diesem Geisteskranken. Pure Ironie, wenn man bedenkt, dass genau das ihr auch zum Verhängnis werden sollte. Nick Plommer hieß die Prüfung, die Gott ihr auferlegt hatte und binnen einer Woche hatte sie diese verkackt. Er hatte sie gefickt, sinnbildlich wie auch wortwörtlich. Und das wichtigste, er war irgendwie an das Rezept für Happy Feet gekommen und hatte angefangen das Zeug in Deutschland zu verticken. Ihr Baby. Ihr Vermächtnis. Nicht allein das machte sie so wütend, nein auch die Tatsache, dass es sie angreifbar und lächerlich machte, wenn jemand erfuhr, dass man ihr Zeug halt einfach selber herstellen und verkaufen konnte. Und das alles wegen einer Nacht, paar Drinks und einem Schwanz, der zwar ordentlich war, aber einem Besitzer gehörte, der nicht recht wusste, was er damit anfangen sollte. Sie war einfach unvorsichtig gewesen. Hätte sie ihn nicht in Ihr Haus mitgenommen, wäre das alles nicht passiert.
Und nun saß sie hier in der Lobby, einen Cognac in der Hand und wartete. Seit mittlerweile 30 Minuten, in denen sie 2 mal angesprochen wurde. Ob man ihr vielleicht einen Drink spendieren könne? Sie hatte beide Male höflich abgelehnt. Insgeheim hätte sie beiden Typen lieber eine Kugel in den Kopf gejagd. Männer sind doch alle gleich. Sahen sie vermeintliche Beute, abgeschottet vom Rudel, nahmen sie die Fährte auf und losging die wilde Jagd. Der Ablauf war immer derselbe. Ein nettes Lächeln, ein dummer Spruch und natürlich der Anreiz, den man bieten musste. In diesem Fall Alkohol. Der Klassiker. Aber sie hatte Besseres zu tun. Viel Besseres. Und da kam er auch schon durch die Tür. Schulz. Was für ein beschissener Name, aber sein Ruf eilte ihm voraus. Hierbei ging es nicht darum jemanden kalt zu machen. Da kannte sie ganz andere Leute. Dieses Exemplar sollte Informationen beschaffen und ihr den Ursprung allen Übels lebendig liefern. Am besten zusammen mit dem Rezept und der Adresse für die Küche.
Schulz trug auch keinen Anzug, wie in diesen Mittelklassefilmen, in denen die Profis immer einen feinen Zwirn zur Schau stellten und einen Aktenkoffer durch die Gegend schleppten. Leon war da die Ausnahme. Aber der hatte Gefühle und die waren in diesem Geschäft nicht von Vorteil. Also war er auch ein Idiot. In Jeans und Hoody lief Schulz die Lobby entlang und strahlte eine Ruhe aus, die Sie selten an einem Menschen Mitte 30 gesehen hatte. Ein gepflegter Vollbart und ein Basecap von Limp Bizkit rundeten das Ganze ab. Er hätte in jeder Menge problemlos untertauchen können. Nicht das Geringste an ihm war auffällig. Seine Fähigkeiten waren jedoch aussergewöhnlich, sollten die Geschichten stimmen, die man ihr erzählte. Mit einem lockeren "Hey" setzte er sich neben sie.
"Ich denke, wir sollten uns da rübersetzen", antwortete Harley und deutete auf eine Sitznische im hinteren Teil des Foyers. Sie setzten sich gegenüber an den Tisch und sahen sich erstmal in die Augen. Schulz verzog keine Miene, Harley war innerlich eher amüsiert und konnte sich ein kleines Schmunzeln nicht verkneifen. Respekt war nie ihre Stärke. Sie legte auch keinen Wert darauf von Ihrem Gegenüber selbst welchen zu erfahren. Am Ende ging es sowieso immer ums Geschäft und da zählte kein heuchelrisches Getue, sondern Taten, Geld und Handlungsbereitschaft in Sachen Konsequenzen. Ihr war es scheiss egal, ob jemand sie leiden konnte. Angst war da schon weit effektiver.
"Also worum gehts?" Begann Schulz das Gespräch und machte dabei den Eindruck, als ob ihn das nichtmal groß interessieren würde.
"Ich möchte diesen Mann haben, lebend, egal wie." Harley schob ein Foto von Nick über den Tisch.
"Ausserdem brauche ich Informationen von ihm. Zum einen eine Formel. Der Idiot hat sie sicher irgendwo notiert. Zum anderen den Aufenthaltsort seiner Drogenküche und Daten aller Leute die etwas damit zu tun haben"
"Sie wollen aber ziemlich viel. Ich hoffe, ihnen ist bewusst, dass ich keine Angebotspreise habe. Den Typen bekommen sie für eine Million. Je nachdem was er mir erzählt, steigt der Preis." Schulz redete ohne Emotionen. Seine Klangfarbe verriet nichts über seinen derzeitigen Geisteszustand oder einer Motivation. Ob er den Job bekam oder nicht, war ihm egal. Er hatte viele potentielle Auftraggeber. Sie war nur einer von vielen.
"Das ist mir bewusst und mir ist Geld egal. Ich will diesen Typen. Sein Name ist..."
"Nick", fuhr Ihr Schulz ins Wort. "Er vertreibt diese neue Droge in der Stadt. Er ist nicht der Hellste, hat aber scheinbar eine gewisse Wirkung auf Frauen. Zumindest hat es für eine Hochzeit in Las Vegas und einen Drogenabsatz in Millionenhöhe gereicht."
"Sie sind scheinbar bestens informiert." Harley lächelte ihn an. Sie war beeindruckt und auch ein wenig fasziniert. Das geschah nur selten.
"Was haben sie erwartet? Sobald ich das Geld habe, grabe ich tiefer." Schulz schob ihr eine Karte hin, stand auf, blinzelte ihr trocken mit einem Auge zu und verließ das Hotel.
Ihre Informanten hatten ihr nicht zu viel versprochen. Das konnte noch lustig werden. Sie nahm die Karte in die Hand und betrachtete eine weisse Visitenkarte mit einer Kontonummer drauf. Sie erkannte sofort, wo sich das Konto befand. Cayman Islands. Sie konnte nicht zählen, wie oft sie sowas schon in der Hand hatte. Musste aber zugeben, dass dieser Kerl ein Unikat war. Zufrieden steckte sie die Karte ein und lief zum Fahrstuhl. In Ihrem Zimmer angekommen, klappte sie ihren Laptop auf und öffnete einen Videochat. Nach etwa 10 Sekunden erschien eine Person auf dem Bildschirm. Im Hintergrund war eine Lagerhalle zu sehen.
"Ihr könnt jetzt aufhören. Der Typ hat wirklich keine Ahnung."
Der Mann auf dem Bildschirm nickte kurz, stand vor dem Bildschirm auf und gab den Blick auf einen Mann frei, der kopfüber an einem Seil hing. Er sah übel zugerichtet aus. Die Nase schien gebrochen, etliche Schnittwunden zierten seinen Körper. Vor lauter Blut war nicht auszumachen, wie viele es waren. Er winselte vor sich hin und zitterte am ganzen Körper. Links und rechts standen 2 weitere Männer und blickten stur nach vorne. Der Kerl, der gerade noch vor der Cam gesessen hatte, zückte nun ein Messer und ging auf den am Seil baumelnden Mann zu.
"Sorry Gregor, die Party ist leider vorbei." Mit diesem Satz setzte er das Messer an den Hals seines Gegenübers und durchtrennte, was nötig war. Das Blut spritzte zunächst nach allen Seiten und lief dann wie ein Sturzbach über Gegor Schmadtkes Gesicht. Blubbernd und röchelnd, dachte dieser nur daran, dass er im Knast hätte bleiben sollen. Die scheiss Bullen hatten ihn aber aus Mangel an Beweisen wieder laufen lassen. Das letzte was er vor Augen hatte, waren neonfarbene Golfschläger.

Kapitel 2 - RobertInhaltsverzeichnisKapitel 4 - Rückkehr
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Dies ist ein Kapitel des mehrteiligen Textes Im Finden verloren.
Veröffentlicht am 27.11.2018, 2 mal überarbeitet (letzte Änderung am 07.12.2018). Textlänge: 1.642 Wörter; dieser Text wurde bereits 76 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 07.07.2019.
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