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Erwachsen werden

Sonett zum Thema Erwachsen werden


von EkkehartMittelberg

Ich brachte als Junge „Die ehrbare Dirne“ ins Haus,
„Der Ekel“, Ende häuslicher Idylle,
vorbei Behaglichkeit der Bürgerstille,
jedoch ich lernte jetzt „Das Spiel ist aus“.

Der freie Mensch ist auf sich selbst gestellt,
gestaltet ohne Religion sein Leben,
er wird im Sein mit schmutzgen Händen streben,
allein verantwortlich für diese Welt.

Du inspiriertest in Paris die Linke,
für Proteste gabst du weltweit Winke,
dein Treffen mit Herrn Baader, ein Fanal,

doch auch für Kommunisten ein Skandal.
Nicht eine Eskapade war zu arg,
fünfzigtausend folgten deinem Sarg.

06.12.2018

 
 

Kommentare zu diesem Text


TrekanBelluvitsh
Kommentar von TrekanBelluvitsh (07.12.2018)
Der freie Mensch ist auf sich selbst gestellt,
Weshalb er auch eifrig Gemeinschaften konstruiert. Nation, "Glaubens"-genossen, gesellschaftliche Stände... Letzteres verrät, warum in jenen Gemeinschaften die Marktschreier den Ton angeben...
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EkkehartMittelberg meinte dazu am 07.12.2018:
Merci, unser Dichter hatte mit den eifrig konstruierten Gemeinschaften wenig im Sinn, aber er distanzierte sich erst nach der Intervention der Russen in Ungarn von den Kommunisten.
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ManMan
Kommentar von ManMan (07.12.2018)
Die Jüngeren unter uns werden Camus und Sartre nicht kennen, aber es lohnt sich die Auseinandersetzung mit ihren Thesen.

Kommentar geändert am 07.12.2018 um 01:42 Uhr
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EkkehartMittelberg antwortete darauf am 07.12.2018:
Danke, das darf man wohl sagen. Ihre Dichtung ist spannend, ihre Philosophie gut nachvollziehbar.
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Eta schrieb daraufhin am 07.12.2018:
Ich kenne mich weder aus mit Camus und Sartre. Aber das Sonette finde ich spannend und lehrreich.
Herzlichst Heike
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EkkehartMittelberg äußerte darauf am 07.12.2018:
Merci, Heike, du findest es spannend, ein anderer langweilig. das belebt die Diskussion.
Beste Grüße
Ekki
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fdöobsah
Kommentar von fdöobsah (07.12.2018)
VORSICHT: MEINUNGSÄUßERUNG!

Die zweite Strophe finde ich gelungen. Aus der ersten Strophe hätte man echt etwas machen können, wenn man die Buchtitel nicht wörtlich zitiert und auch noch in Anführungsstriche gesetzt hätte. Auf die Schnelle:

Ich brachte als Junge die Dirne ins Haus,
es ekelte Bürgers Idylle,
ein Ende der häuslichen Stille
und existentiell besehn: Das Spiel war aus.


Schon klar, das könnte maximal Rohentwurf sein, soll aber verdeutlichen, was ich meine. Ich finde es total langweilig, wenn, wie dann später ähnlich in den Terzetten, nur brav aufgezählt wird. Kann man machen, benötigt dann aber keine Lyrik dafür und sollte man dann schon gar nicht ein Klanggedicht so sang- und klanglos (bis auf die 2. Strophe) wie einen Brockhaus-Eintrag abnudeln. Ein Link auf Wikipedia hätte ähnlichen Dienst geleistet.

Vorbild muss die zweite Strophe sein. Der Rest ist gut gemeint.

Kommentar geändert am 07.12.2018 um 06:43 Uhr
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EkkehartMittelberg ergänzte dazu am 07.12.2018:
Hallo fdöobsah, dein Kommentar erschöpft sich in geschmäcklerischen Behauptungen, ein Verriss-Versuch, nicht mehr. Warum sollte man die Titel nicht nennen und in Anführungszeichen setzen, um dem Leser eine Chance zu geben? Schließlich ist Sartre nicht mehr in der Diskussion. Hätte ich die erste Strophe deinem Vorschlag gemäß geschrieben, wäre sie metrisch total verunglückt, denn ein Sonett hat nun mal eine festgelegte Zahl von Hebungen, die man nicht von Zeile zu Zeile beliebig wechseln kann.
Die Behauptung, dass die Terzette eine brave Aufzählung seien, ist einfach böswillig. Sie enthalten das, was für den späten Sartre typisch war. Ich habe in diesem Gedicht nichts abgenudelt. Im Gegenteil, ich habe mehrfach korrigiert, immer wieder umgestellt, mir viel Mühe gegeben. Dass es dir nicht gefällt, verbuche ich unter: Man merkt die Absicht. Er hat den Versuch nötig.

Antwort geändert am 07.12.2018 um 11:45 Uhr
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fdöobsah meinte dazu am 07.12.2018:
Ist mir ehrlich Latte, was du aus und mit meiner Meinung machst. Und wenn du mit deinem Metrum zufrieden bist, bitte sehr. Welche Absicht du meinst, bleibt schleierhaft. Warum sollte ich absichtlich schlecht machen, was ich eigentlich gut finde? Und wenn, warum sollte ich das dann nicht bei allen Werken tun, die ich hier kommentiere? Die meisten Texte lobe ich ja sogar. Und deine zweite Strophe lobte ich auch. Der Rest ist leider vermurkst. Shit happens.

Souverän wäre gewesen, wenn du dich artig für das Lob bedankt und was den Rest angeht bedauert hättest, dass es mir nicht gefallen mag.
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EkkehartMittelberg meinte dazu am 07.12.2018:
Tja, manchmal bin ich nicht artig.
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EkkehartMittelberg meinte dazu am 07.12.2018:
Die ursprüngliche Antwort wurde am 07.12.2018 um 13:09 Uhr wieder zurückgezogen.
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fdöobsah meinte dazu am 07.12.2018:
Beim Schreiben bist du leider zu artig.
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EkkehartMittelberg meinte dazu am 07.12.2018:
Ich folge deinem Knigge nicht.
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Dieter Wal meinte dazu am 07.12.2018:
Das solltest Du, Ekki..
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Dieter Wal meinte dazu am 07.12.2018:
Hab leider grad kaum Zeit. Sehe ich mir baldestmöglich an und mache Vorschläge.
diese Antwort melden
Dieter Wal meinte dazu am 08.12.2018:
Mir gefällt nicht einmal die zweite Strophe wirklich. Doch der Text als Rohentwurf sollte sich in ein Gedicht verwandeln lassen. Ich mag bisher einzig den Schlussvers. Den finde ich perfekt.

"Ich brachte als Junge „Die ehrbare Dirne“ ins Haus,
„Der Ekel“, Ende häuslicher Idylle,
vorbei Behaglichkeit der Bürgerstille,
jedoch ich lernte jetzt „Das Spiel ist aus“.

Der freie Mensch ist auf sich selbst gestellt,
gestaltet ohne Transzendenz sein Leben,
er wird im Sein mit schmutzgen Händen streben,
allein verantwortlich für diese Welt.

Du inspiriertest in Paris die Linke,
für Proteste gabst du weltweit Winke,
dein Treffen mit Herrn Baader, ein Fanal,

doch auch für Kommunisten ein Skandal.
Nicht eine Eskapade war zu arg,
fünfzigtausend folgten deinem Sarg.

06.12.2018"

Und bringst du „Die ehrbare Dirne“ ins Haus,
zersetzt „Der Ekel“ jegliche Idylle.
Wie leicht zerschlägt er deine rosa Brille.
Dein Sterbenswort lautet: „Das Spiel ist aus“.

Sein dernier cri ist die entgötterte Welt.
Befreie dich, es gilt die Zeit zu leben,
auch du wirst Kameraden Freiheit geben.
Erhebe dich, Mensch, so dein Gott grade fällt.

Weltweites Vorbild bist du für Linke,
Proteste folgen, gibst du winz'ge Winke,
dein Treffen mit Baader ist wie ein Fanal,

zieht Kreise und Wellen, es ist ein Skandal.
Ich finde dich ätzend, du warst einfach stark.
Es folgten fünfzigtausend deinem Sarg.
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EkkehartMittelberg meinte dazu am 08.12.2018:
Du hast dir viel Mühe gegeben, Dieter. Danke. Aber verzeih, die Formulierung "Doch der Text als Rohentwurf sollte sich in ein Gedicht verwandeln lassen" halte ich für anmaßend. Ich finde dein Gedicht zu pathetisch. Es ist nicht mein Stil.
Ich werde mich künftig nicht mehr so bemühen, den 5hebigen Jambus durchzuhalten und so inhaltlich mehr Freiheit gewinnen, denn auch du gehst sehr großzügig damit um.
Du hast die beiden Versionen einander gegenübergestellt. Das ist in Ordnung. Der Leser möge sich sein Urteil bilden.
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fdöobsah meinte dazu am 08.12.2018:
"Zwischen Irrtum und Verblendung", war das nicht auch ein Titel einer Denkschrift Sartres? Oder verwechsele ich jetzt etwas?
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Dieter Wal meinte dazu am 08.12.2018:
@ Ekki: Wahrnehmungen über Lyrik sind oft dermaßen subjektiv und mit teilweise sogar spontan wechselnden Filtern ausgestattet, dass unser Misstrauen unserer eigenen diesbezüglichen Wahrnehmungen mehr als berechtigt ist, falls vorhanden. Nach Lektüre deines Kommentares las ich dein Sonett mit plötzlich ganz anderen Augen und auf einmal - gefiel es mir. Wahrscheinlich könnten wir uns mit Isaban bestens darüber in Details verständigen, die heute sehr interessant anderenorts über die Nutzung von Elisionen und die Wirkung möglichst natürlicher gesprochener Sprache beim Dichten schrieb. Und zwar unter einem Sonett Piroschkas.
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EkkehartMittelberg meinte dazu am 08.12.2018:
Das stimmt, Dieter, die Wahrnehmung von Lyrik ist sehr subjektiv und es ist deswegen sehr schwierig, sich intersubjektiv zu verständigen. Vielleicht hilft bei der Beurteilung ein wenig, sich über das Genre klar zu werden. Wenn ich zum Beispiel eine asklepiadeische Ode schreibe, ist schon von dem vorgegebenen Metrum her eine natürliche gesprochene Sprache unmöglich, weil solche Oden auf gehobene feierliche Sprache angelegt sind
Aber selbst wenn ich ein schlichte Volksliedstrophe wähle, gibt es Meinungsverschiedenheiten, die schwierig auszuräumen sind. Ich bin anders als Isaban der Meinung, dass Inversionen und Elisionen gerade in der natürlichen gesprochenen Sprache häufig vorkommen und empfinde sie keineswegs als gestelzt.

Inversion
Gedicht zum Thema Freiheit/ Unfreiheit
von EkkehartMittelberg

Wenn es Lyrer einmal packt
und die Leidenschaft ihn zwackt,
gibt er Raum der Inversion,
spricht der braven Regel Hohn.

„Dich sah ich“ (1); und milde Freude
floss per Inversion auf mich,
weiß wohl, mancher ärgert sich,
dass ich Worte hier vergeude.

Lyrik lässt sich nicht dressieren.
Geht es manchem auf die Nieren,
sag ich hier und bleib dabei:
Zwanglos stell ich Worte frei.

© Ekkehart Mittelberg, März 2012

Ich habe gleichwohl keine Schwierigkeiten damit, wenn meine Lyrik jemandem nicht gefällt. Aber ich werde empfindlich, wenn der Beurteilende eine Sprache wählt, die Irrtum ausschließt und zeigt, dass er auf einem hohen Ross sitzt. Dieser Hinweis gilt nicht für dich.

Antwort geändert am 08.12.2018 um 20:59 Uhr


Antwort geändert am 08.12.2018 um 21:02 Uhr
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Eta
Kommentar von Eta (07.12.2018)
Ich hatte mich eben in der Zeile vertan. Pardon dafür.
Herzlichst Heike

Kommentar geändert am 07.12.2018 um 07:47 Uhr
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Piroschka
Kommentar von Piroschka (07.12.2018)
Was ich hier besonders mag, ist die zweite Strophe, Ekki. Jeder hat das Recht, seine Erfahrungen selbst zu machen. Sie räumt auch ein, eine Meinung zu ändern, das gesamte Gedicht fordert dazu auf, die Dinge unvoreingenommen zu betrachten, sich damit auseinanderzusetzen und daraus Schlüsse zu ziehen. Diese müssen nicht feststehend sein, das Lernen ist ein andauernder Prozess, alles andere scheint mir geistiger Leerlauf. Gerade diese Klugschieter, die alle Weisheit für sich selbst in Anspruch nahmen, sind mir oft im Leben begegnet. Noch heute erinnern sie mich gern an Aussagen, die dreißig Jahre her sind. Und bemängeln, dass ich hin und wieder meine Ansichten geändert habe. Und bemerken dabei nicht, dass das Starre oft das Unwissende, Lethargische und damit Hinderliche ist. Dein Gedicht ist mir der ungestüme Tanz des Lebens, der eben nicht im Gleichklang und Ebenmäßigkeit seine Erfüllung findet. Sehr gelungen!
Lieben Gruß von Piroschka
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EkkehartMittelberg meinte dazu am 07.12.2018:
Liebe Piri,
ich freue mich darüber, dass du den Mut hattest, dein Lob hinter einen Verriss-Versuch zu setzen. Ich versuche meinerseits Lob und Tadel abzuwägen und unvoreingenommen zu bleiben. Hier sehe ich keinen Grund, etwas zu ändern und freue mich deshalb über deine Anerkennung.
Liebe Grüße
Ekki
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fdöobsah meinte dazu am 07.12.2018:
Wie ich sagte, die zweite Strophe ist gut. Der Rest ist Murks und wenn du ein kleines Kind wärst, dann hätte ich das so wie Piroschka ausgedrückt. Aber das ist ein erwachsener Mann, dachte ich, der wird das schon ertragen können, wenn man ihm die ehrliche Meinung sagt. Wie man sich täuschen kann!
diese Antwort melden
Piroschka meinte dazu am 07.12.2018:
Ich wusste bis dato nicht, dass Erwachsensein bedeutet, großartige Reden zu schwingen, um unter Beweis zu stellen, wie schleu man doch ist. Und vor allem: das eigene Maß für das ultimative zu propagieren.

Siehe: Zitat Anfang "Kann man machen, benötigt dann aber keine Lyrik dafür und sollte man dann schon gar nicht ein Klanggedicht so sang- und klanglos (bis auf die 2. Strophe) wie einen Brockhaus-Eintrag abnudeln." Zitat Ende

Fdöobsah, so schwer kann es doch nicht sein, lernst Du es nie?
Iss das nervig!
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EkkehartMittelberg meinte dazu am 07.12.2018:
@ fdöobsah: Warum wiederholst du deine Behauptungen, wenn du dir ihrer so sicher bist?

Antwort geändert am 07.12.2018 um 13:23 Uhr
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Piroschka meinte dazu am 07.12.2018:
Entschuldigung, es muss heißen: zum ultimativen Maß erklären …
Manchmal bin ich so genervt, dass solche hübschen Aussetzer passieren … :)
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fdöobsah meinte dazu am 07.12.2018:
Nicht ich wiederholte, sondern Piroschka. Nur drückte sie es halt kindgemäß aus und schonte dein Ego, was du offensichtlich goutiertest.
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EkkehartMittelberg meinte dazu am 07.12.2018:
@fdöobsah: Verarschen kann ich mich alleine. Ich überlasse es dem Leser zu sehen, ob du dich wiederholt hast oder nicht.
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Didi.Costaire
Kommentar von Didi.Costaire (07.12.2018)
Ekki kam nach Haus mit einer Dirne,
denn er hatte etwas in der Birne. ;-)

Liebe Grüße, Dirk
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EkkehartMittelberg meinte dazu am 07.12.2018:
Die Dirne ärgerte das ehrenwerte Haus.
Verloren schien der Sohn, welch Graus.
Grazie Didi.
Liebe Grüße
Ekki
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Echo
Kommentar von Echo (07.12.2018)
Ein Rätsel, wie schön!





Die Kommentare mit der Auflösung las ich erst später : ))))
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EkkehartMittelberg meinte dazu am 07.12.2018:
Merci Echo,
du verstehst etwas von Rätseln. Ich bin froh, dass du es nicht als zu plump empfindest.
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Echo meinte dazu am 07.12.2018:
Für mich war es nicht zu leicht.
Ich kenne ihn auch nicht so besonders gut, mag ihn nicht. Seinem Pakt mit de Beauvoir kann ich keine Sympathie abgewinnen. Ein feudales Herrscherpaar, Liebhaber und Mätressen um sich scharend.

Bei deinem Gedicht hatte ich einfach Spaß am Raten : )

Antwort geändert am 07.12.2018 um 13:17 Uhr
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loslosch
Kommentar von loslosch (07.12.2018)
es fehlt die kritische distanz: "Nicht eine Eskapade war zu arg, ..."

beim besuch von baader in der haftanstalt 1974, so lese ich erstaunt bei wiki, war er fast völlig erblindet (seit 1973!). damals empfand ich die fernsehbilder höchst peinlich, als ausweis seiner politischen blindheit ...
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EkkehartMittelberg meinte dazu am 07.12.2018:
Ja, so sehe ich es noch heute. Zumindest was Baader betraf, ging wohl bei dem späten Sartre politische Blindheit mit physischer Erblindung einher. Danke.
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fdöobsah meinte dazu am 07.12.2018:
Wie jetzt, die anderen Mörderinnen waren okay? Nur Baader war nicht okay?
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loslosch meinte dazu am 07.12.2018:
extra nachgeguckt. er hat nur den baader besucht, nicht ulrike und gudrun. dann hat er vor der presse schwadroniert, wie sehr doch baader abgenommen habe und wie tief seine falten im gesicht lägen. dabei war er fast völlig erblindet. (muss ihm wohl cohn-bendit zugeflüstert haben.)
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AZU20
Kommentar von AZU20 (07.12.2018)
Ja, so war es. Stimmt genau. LG
diesen Kommentar melden
EkkehartMittelberg meinte dazu am 07.12.2018:
Lieber Armin,
wir sind etwa gleich alt und haben geminsam schon in den Fünfziger Jahren die Wirkung Sartres erlebt. Ich gebe etwas auf die Zustimmung eines Zeitzeugen. Gracias.
LG
Ekki
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Habakuk
Kommentar von Habakuk (07.12.2018)
Was ich von Sartre halte, steht hier nicht zur Debatte. Ein großer Denker war er allemal. Ob ich dem zweiten Quartett inhaltlich zustimme, steht ebenfalls nicht zur Diskussion.
Der einzige Satz, der mir von ihm in ewiger Erinnerung geblieben ist: „Die Hölle, das sind die anderen”. Darüber lässt es sich trefflich grübeln. ;-)
Ein interessantes Gedicht, Ekki, welches ich gerne las.

BG
H.
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EkkehartMittelberg meinte dazu am 07.12.2018:
Lieber Habakuk,
mir fällt nicht zum ersten Mal positiv auf, dass du darauf verzichtest, deine eigene Meinung zur Basis von Akzeptanz oder Ablehnung der Texte anderer Autoren zu machen. Danke!
BG
Ekki
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autoralexanderschwarz
Kommentar von autoralexanderschwarz (07.12.2018)
EkkehartMittelberg meinte dazu am 07.12.2018:
Ich danke dir, Alexander, dass du das Statement Sartres hier zitiert hast. Es verdeutlicht, dass das Treffen mit Baader aus Sartres Sicht logisch war, weil er nur an eine revolutionäre Veränderung der bürgerlichen Gesellschaft geglaubt hat, die er sich ohne Gewalt nicht vorstellen konnte.
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MichaelBerger meinte dazu am 12.12.2018:
Hat den Sartre sich auch ausgiebig mit dem gewaltlosen Widerstand a la Henry David Thoreau, Gandhi (der durch Thoreau inspiriert wurde) und M. L. King (der durch Thoreau und Gandhi inspiriert wurde) beschäftigt? Oder vertrat er die Ansicht Niebuhrs, mit denen sich auch King beschäftigte der dann Niebuhrs Ansicht nicht teilte: "Wahrer Pazifismus ist nicht, wie Niebuhr behauptet, unrealistische Unterwerfung unter die böse Macht. Er ist eher eine mutige Konfrontation des Bösen mit der Macht der Liebe, in dem Glauben, dass es besser sei, Gewalttätigkeit hinzunehmen als selbst gewalttätig zu sein. Der Gewalttätige vermehrt nur die Gewalttätigkeit und Grausamkeit in der Welt, während der, der sie hinnimmt, ein Gefühl der Scham bei seinem Gegner wecken und dadurch eine Umwandlung und Änderung seines Herzens bewirken kann." Quelle: Martin Luther King, Mein Weg zur Gewaltlosigkeit.

In diesem Zusammenhang etwas bemerkenswertes über Thoreau: Am 4. Juli 1845, dem Unabhängigkeitstag, bezog er eine selbsterbaute Blockhütte (Walden Hut) bei Concord am Walden-See, auf einem Grundstück Emersons. Hier lebte er etwa zwei Jahre zwar allein und selbständig, aber nicht abgeschieden. In seinem Werk Walden. Or life in the Woods (deutsch: Walden. Oder das Leben in den Wäldern) beschrieb er sein einfaches Leben am See und dessen Natur, aber er integrierte auch Themen wie Wirtschaft und Gesellschaft. Das Experiment "Walden" machte Thoreau klar, dass sechs Wochen Lohnarbeit im Jahr ausreichend sind, um seinen Lebensunterhalt zu sichern. Die verbleibende Zeit konnte er nutzen, um zu lesen, zu schreiben, nachzudenken und die Natur zu erkunden. Quelle: Wikipedia

LG von Michael Berger
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autoralexanderschwarz meinte dazu am 12.12.2018:
Sartre hat m. E. Recht. Bezüglich der Hilflosigkeit des Pazifismus empfehle ich Hannah Arendts "on violence", in dem sie am Beispiel Gandhis zeigt, dass dessen pazifistischer Widerstand nur aufgrund spezifischer Rahmenbedingungen (die hier den Rahmen sprengen würden) möglich war. (Ähnliches gilt für King, der aber ja auch nicht lange lebte). Ein solcher Pazifismus bspw. im Angesicht des deutschen Faschismus wäre ohne Frage erfolglos gewesen. Ein schönes Beispiel ist m. E. auch einer der traurigsten Pazifisten, Salvador Allende, der dann (mit tatkräftiger Unterstützung der US-Amerikaner) gestürzt wurde, weil er den Unidad Popular nicht bewaffnen (und einen Bürgerkrieg verhindern) wollte. Zuletzt blieb ihm nichts, als sich in den Kopf zu schießen; was folgte, war Pinochet.
diese Antwort melden
autoralexanderschwarz meinte dazu am 12.12.2018:
@Michael Berger

Noch ein kleiner Nachtrag, damit das nicht so aussieht, als würde ich Kapitalismus und Faschismus gleichsetzen (so wie bspw. Brecht das ja zeitweise getan hat). Eigentlich wird der neuralgische Punkt des pazifistischen Widerstandes bereits in deinem Zitat deutlich. Der Faschismus marginalisiert jene Scham durch die Entmenschlichung seines Feindes, der Kapitalismus durch das (im Zuge der Globalisierung mögliche) „Unsichtbarwerdenlassen“ seiner Opfer. Niemand würde wohl die Elendsprodukte kaufen, für welche die Nachbarskinder bluten mussten. Und für die oben erwähnten Alt-68er:

Protest ist, wenn ich sage, das und das passt mir nicht. Widerstand ist, wenn ich dafür sorge, dass das, was mir nicht passt, nicht länger geschieht. Protest ist, wenn ich sage, ich mache nicht mehr mit. Widerstand ist, wenn ich dafür sorge, dass alle andern auch nicht mehr mitmachen.
« So ähnlich - nicht wörtlich - konnte man es von einem Schwarzen der Black-Power-Bewegung auf der Vietnam-konferenz im Februar in Berlin hören. Die Studenten proben keinen Aufstand, sie üben Widerstand. Steine sind geflogen, die Fensterscheiben vom Springerhochhaus in Berlin sind zu Bruch gegangen, Autos haben gebrannt, Wasserwerfer sind besetzt worden, eine BILD-Redaktion ist demoliert worden, Reifen sind zerstochen worden, der Verkehr ist stillgelegt worden, Bauwagen wurden umgeworfen, Polizeiketten durchbrochen - Gewalt, physische Gewalt wurde angewendet. Die Auslieferung der Springerpresse konnte trotzdem nicht verhindert werden, die Ordnung im Straßenverkehr war immer nur für Stunden unterbrochen. Die Fensterscheiben wird die Versicherung bezahlen. An Stelle der ausgebrannten Lastautos werden neue ausfahren, der Wasserwerferbestand der Polizei wurde nicht verkleinert, an Gummiknüppeln wird es auch in Zukunft nicht fehlen. Also wird das, was passiert ist, sich wiederholen können: Die Springerpresse wird weiter hetzen können, und Klaus Schütz wird auch in Zukunft dazu auffordern können, »diesen Typen ins Gesicht zu sehen« und die Schlussfolgerung nahelegen, ihnen reinzuschlagen - was am 21. Februar bereits geschehen ist -‚ schließlich zu schießen.
Die Grenze zwischen verbalem Protest und physischem Widerstand ist bei den Protesten gegen den Anschlag auf Rudi Dutschke in den Osterfeiertagen erstmalig massenhaft, von vielen, nicht nur einzelnen, über Tage hin, nicht nur einmalig, vielerorts, nicht nur in Berlin, tatsächlich, nicht nur symbolisch - überschritten worden. Nach dem 2. Juni wurden Springerzeitungen nur verbrannt, jetzt wurde die Blockierung ihrer Auslieferung versucht. Am 2. Juni flogen nur Tomaten und Eier, jetzt flogen Steine. Im Februar wurde nur ein mehr amüsanter und lustiger Film über die Verfertigung von Molotowcocktails gezeigt, jetzt hat es tatsächlich gebrannt. Die Grenze zwischen Protest und Widerstand wurde überschritten, dennoch nicht effektiv, dennoch wird sich das, was passiert ist, wiederholen können; Machtverhältnisse sind nicht verändert worden. Widerstand wurde geübt. Machtpositionen wurden nicht besetzt. War das alles deshalb sinnlose, ausufernde, terroristische, unpolitische, ohnmächtige Gewalt?
Stellen wir fest: Diejenigen, die von politischen Machtpositionen aus Steinwürfe und Brandstiftung hier verurteilen, nicht aber die Hetze des Hauses Springer, nicht die Bomben auf Vietnam, nicht Terror in Persien, nicht Folter in Südafrika, diejenigen, die die Enteignung Springers tatsächlich betreiben könnten, stattdessen Große Koalition machen, die in den Massenmedien die Wahrheit über BILD und BZ verbreiten könnten, stattdessen Halbwahrheiten über die Studenten verbreiten, deren Engagement für Gewaltlosigkeit ist heuchlerisch, sie messen mit zweierlei Maß, sie wollen genau das, was wir, die wir in diesen Tagen - mit und ohne Steinen in unseren Taschen - auf die Straße gingen, nicht wollen: Politik als Schicksal, entmündigte Massen, eine ohnmächtige, nichts und niemanden störende Opposition, demokratische Sandkastenspiele, wenn es ernst wird den Notstand. - Johnson, der Martin Luther King zum Nationalhelden erklärt, Kiesinger, der den Mordversuch an Dutschke telegrafisch bedauert - sie sind die Repräsentanten der Gewalt, gegen die King wie Dutschke angetreten sind, der Gewalt des Systems, das Springer hervorgebracht hat und den Vietnam-Krieg, ihnen fehlt beides: Die politische und die moralische Legitimation, gegen den Widerstandswillen der Studenten Einspruch zu erheben.
Stellen wir fest: Es ist dokumentiert worden, dass hier nicht einfach einer über den Haufen geschossen werden kann, dass der Protest der Intellektuellen gegen die Massenverblödung durch das Haus Springer ernst gemeint ist, dass er nicht für den lieben Gott bestimmt ist und nicht für später, um einmal sagen zu können, man sei schon immer dagegen gewesen, es ist dokumentiert worden, dass Sitte & Anstand Fesseln sind, die durchbrochen werden können, wenn auf den so Gefesselten eingedroschen und geschossen wird. Es ist dokumentiert worden, dass es in diesem Land noch Leute gibt, die Terror und Gewalt nicht nur verurteilen und heimlich dagegen sind und auch mal was riskieren und den Mund nicht halten können und sich nicht bange machen lassen, sondern dass es Leute gibt, die bereit und fähig sind, Widerstand zu leisten, so dass begriffen werden kann, dass es so nicht weiter geht. Es ist gezeigt worden, dass Mordhetze und Mord die öffentliche Ruhe und Ordnung stören, dass es eine Öffentlichkeit gibt, die sich das nicht bieten lässt. Dass ein Menschenleben eine andere Qualität ist als Fensterscheiben, Springer-LKWs und Demonstranten-Autos, die bei der Auslieferungsblockade vor dem Springerhochhaus in Berlin von der Polizei in Akten blanker Willkür umgeworfen und beschädigt wurden. Dass es eine Öffentlichkeit gibt, die entschlossen ist, das Unerträgliche nicht nur unerträglich zu nennen, sondern dagegen einzuschreiten, Springer und seine Helfershelfer zu entwaffnen.
Nun, nachdem gezeigt worden ist, dass andere Mittel als nur Demonstrationen, Springer-Hearing, Protestveranstaltungen zur Verfügung stehen, andere als die, die versagt haben, weil sie den Anschlag auf Rudi Dutschke nicht verhindern konnten, nun, da die Fesseln von Sitte & Anstand gesprengt worden sind, kann und muss neu und von vorne über Gewalt und Gegengewalt diskutiert werden. Gegengewalt, wie sie in diesen Ostertagen praktiziert worden ist, ist nicht geeignet, Sympathien zu wecken, nicht, erschrockene Liberale auf die Seite der Außerparlamentarischen Opposition zu ziehen. Gegengewalt läuft Gefahr, zu Gewalt zu werden, wo die Brutalität der Polizei das Gesetz des Handelns bestimmt, wo ohnmächtige Wut überlegene Rationalität ablöst, wo der paramilitärische Einsatz der Polizei mit paramilitärischen Mitteln beantwortet wird. Das Establishment aber, die »Herren an der Spitze« - um mit Rudi zu reden -‚ in den Parteien, Regierungen und Verbänden haben zu begreifen, dass es nur ein Mittel gibt, »Ruhe & Ordnung« dauerhaft herzustellen: Die Enteignung Springers. Der Spaß hat aufgehört. »Protest ist, wenn ich sage, das und das passt mir nicht. Widerstand ist, wenn ich dafür sorge, dass das, was mir nicht passt, nicht länger geschieht.

Ulrike Meinhof, 1968
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MichaelBerger meinte dazu am 13.12.2018:
@ autoralexanderschwarz

Mich macht es aber doch sehr stutzig, wenn jemand so tut, als wüsste er schon von vornherein was richtig oder falsch ist. Hängt es von besonderen Umständen der jeweiligen Situation ab, ob Gewaltanwendung gerechtfertigt ist oder nicht oder darf sie prinzipiell nie angewandt werden, oder muss sie prinzipiell immer angewandt werden, um eine notwendige gesellschaftliche Veränderung herbeizuführen? Dass sich so etwas durch philosophische Denkformeln abhandeln läßt, bezweifle ich.
diese Antwort melden
autoralexanderschwarz meinte dazu am 13.12.2018:
@MichaelBerger

Mit dem „darf“ hebst du das Ganze auf eine andere Ebene. Weder Arendt noch Meinhof haben eine schlüssige moralphilosophische Begründung. Sartre kann (und muss) diese aber – aus einer existentialistischen Sicht – auch gar nicht führen (wenn es keine „Essenz“ gibt, kann es auch keine
– intersubjektive – Moral geben; alle (später ja durchaus vorhandenen) Argumentationen Sartres, die in diese Richtung gehen, laufen ins Leere). Ein schönes Beispiel ist folgende Geschichte Sartres:


"Um Ihnen ein Beispiel zu geben, welches erlaubt, die Verlassenheit besser zu verstehen, führe ich den Fall eines meiner Schüler an, der mich unter folgenden Umständen aufgesucht hat: Sein Vater lebte in Zwiespalt mit seiner Mutter und neigte übrigens zur Kollaboration, sein ältester Bruder war bei der deutschen Offensive 1940 getötet worden; und jener junge Mann wünschte in seinem etwas primitiven, aber hochherzigen Gefühl, ihn zu rächen. Seine Mutter lebte allein mit ihm, sehr betrübt durch den halben Verrat seines Vaters und durch den Tod ihres ältesten Sohnes, und fand nur Trost an ihm.

Dieser junge Mann hatte in dem gegebenen Augenblick die Wahl, entweder nach England zu gehen und sich in die Freien Französischen Streitkräfte einzureihen - das heißt, seine Mutter zu verlassen - oder bei seiner Mutter zu bleiben und ihr leben zu helfen. Er gab sich gut Rechenschaft davon, daß diese Frau nur durch ihn lebte und daß sein Verschwinden - und vielleicht sein Tod - sie in die Verzweiflung stürzen würde. Er gab sich auch Rechenschaft, daß im Grunde, konkret gesprochen, jede Handlung, die er aus Rücksicht auf seine Mutter unternahm, ihre Entsprechung haben werde in dem Sinne, daß er ihr zu leben verhalf, während jede Handlung, die er unternahm, um wegzureisen und zu kämpfen, eine zweideutige Handlung war, die im Sande verlaufen und zu nichts dienen könnte. Zum Beispiel, indem er nach England reiste, konnte er unbestimmte Zeit in einem spanischen Lager verbleiben […]; er konnte in England oder Algier ankommen und in ein Büro versetzt werden, um Schreibarbeiten zu machen. Folglich befand er sich angesichts zweier ganz verschiedener Typen von Handlungen: einer konkreten, unmittelbaren, die sich aber nur an ein Individuum richtete; oder aber einer Handlung, die sich an ein unendlich weiteres Ganzes, eine nationale Gemeinschaft wendete, die aber eben deswegen zweideutig war und unterwegs unterbrochen werden konnte.
Und gleichzeitig zögerte er zwischen zwei Typen von Moralen. Auf der einen Seite eine Moral der Sympathie; der individuellen Hingabe, auf der anderen Seite eine umfassendere Moral, die aber von einer fragwürdigeren Wirksamkeit sein konnte. Es mußte zwischen den beiden gewählt werden. Wer konnte ihm helfen, zu wählen?
Die christliche Lehre? Nein. Die christliche Lehre sagt: Seid barmherzig, liebet euren Nächsten, opfert euch für die andern, wählt den rauhen Weg usw. Aber welcher ist der rauheste Weg? Wen soll man lieben wie seinen Bruder: den Kämpfer oder die Mutter? Welches ist die größere Nützlichkeit: jene unbestimmte, in einer Gesamtheit zu kämpfen, oder jene sichere, einem genau bestimmten Menschen leben zu helfen? Wer kann a priori darüber entscheiden? Niemand. Keine aufgezeichnete Moral kann es sagen. Die kantische Moral erklärt: Behandle die anderen nie als Mittel, sondern als Zweck. Sehr gut; bleibe ich bei meiner Mutter, so behandle ich sie als Zweck und nicht als Mittel, aber ich laufe Gefahr, diejenigen als Mittel zu behandeln, die um mich her kämpfen; und umgekehrt, wenn ich mich denen anschließe, die kämpfen, so behandle ich sie als Zweck und laufe dementsprechend Gefahr, meine Mutter als Mittel zu behandeln.
Wenn die Werte unbestimmt sind und immer zu weit gespannt für den bestimmten und konkreten Fall, den wir eben betrachten, so bleibt uns nichts, als uns auf unseren Instinkt zu verlassen. Das hat jener junge Mann versucht zu tun; und als ich ihn damals sah, sagte er: Das, was im Grunde wichtig ist, ist das Gefühl; ich sollte das wählen, was mich wirklich in eine bestimmte Richtung drängt. Fühle ich, daß ich meine Mutter genügend liebe, um ihr alles andere - meinen Wunsch nach Rache, meinen Tatendrang, meinen Trieb nach Abenteuern - zu opfern, so bleibe ich bei ihr. Wenn im Gegenteil ich fühle, daß meine Liebe für meine Mutter nicht genügend ist, so gehe ich. Aber wie den Gradwert eines Gefühls bestimmen? Was macht den Gradwert seiner Liebe zu seiner Mutter aus? Genau die Tatsache, daß er für sie da blieb. Ich kann wohl sagen, ich liebe den und den Freund genügend, um ihm die und die Summe Geldes zu opfern; aber ich kann es nur sagen, wenn ich es tatsächlich getan habe. Ich kann sagen: ich liebe meine Mutter genügend, um bei ihr zu bleiben - wenn ich bei ihr geblieben bin. Den Gradwert dieser Zuneigung kann ich erst bestimmen, wenn ich eine Tat vollbracht habe, die ihn bestätigt und definiert. Da ich aber von diesem Gefühl verlange, meine Handlung zu rechtfertigen, so finde ich mich in einen circulus vitiosus hineingezogen. [...]
Mit anderen Worten gesagt: das Gefühl baut sich auf aus den Handlungen, die wir vollziehen; demnach kann ich es nicht befragen, um mich von ihm leiten zu lassen. Was wiederum bedeutet, daß ich weder in mir selber den authentischen Zustand suchen, der mich zum Handeln treibt, noch einer Moral die Begriffe entlehnen kann, die mir erlauben, zu handeln.
Wenigstens, werden Sie sagen, hat der junge Mann einen Professor aufgesucht, um ihn um Rat zu fragen. Aber, wenn Sie sich z. B. bei einem Priester Rat holen, so haben sie den Priester selbst gewählt, so wußten Sie im Grunde schon mehr oder minder, was er Ihnen raten würde. Anders gesagt, einen Ratgeber wählen heißt, wieder sich selbst binden. Der Beweis dafür ist, daß, wenn Sie Christ sind, sie sagen werden: Fragen Sie einen Priester um Rat. Nun gibt es aber kollaborationistische Priester, attentistische1 Priester, Widerstands-Priester.
Welchen wählen? Und wenn der junge Mann einen Widerstands-Priester oder kollaborationistischen Priester wählt, so hat er selbst schon über die Art des Rates entschieden, den er empfangen wird. Somit, indem er zu mir kam, wußte er die Antwort, die ich ihm erteilen würde, und ich hatte ihm nur eine Antwort zu geben: Sie sind frei, wählen Sie, das heißt erfinden Sie. Keine allgemeine Moral kann Ihnen angeben, was Sie zu tun haben. Es gibt keine Zeichen in der Welt ...

Quelle: Jean-Paul Sartre: Ist der Existenzialismus ein Humanismus? In: Drei Essays. Europa Verlag. Zürich, 1976.

."



Obenstehend meine ich nur, dass der pazifistische Widerstand (mit dem ich wie du ohne Frage sympathisiere) nicht notwendig erfolgreich sein muss. Ob dies eine ausreichende Begründung sein kann, um Gewalt anzuwenden, ist eine individuelle Abwägung nach individuellen Maßstäben. Sartre vertritt – ähnlich wie bspw. Marx oder Bakunin – die Position, dass der Kapitalismus nicht reformierbar sei, was sich durchaus soziologisch (bspw. im Rekurs auf Althusser) aber auch psychologisch (bspw. im Rekurs auf Foucault) stützen und begründen ließe. In dem Zitat sagt Sartre ja auch eigentlich nur, dass es aus seiner Sicht keinen anderen Weg gebe, diese Gesellschaftsform zu überwinden. Das ist keine moralphilosophische Begründung, sondern lediglich eine Feststellung bzw. ein (logischer) Schluss. Nicht mehr, nicht weniger.

Gruß
AlX
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Dieter Wal
Kommentar von Dieter Wal (09.12.2018)
"Der freie Mensch ist auf sich selbst gestellt,
gestaltet ohne Transzendenz sein Leben,"

Transzendenz können auch atheistische Trauerredner versprühen, wenn sie zB statt Jenseitshoffnungen und Wiedersehensfreue einfach Naturgleichnisse für Trauernde bringen.

Es geht Sartre meines Wissens nicht um Abkehr von Transzendenz, über die seine Schriften überreich verfügen, sondern von Religion.
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EkkehartMittelberg meinte dazu am 10.12.2018:
Ja, Dieter, das ist eine feine und richtige Unterscheidung, die ich gerne übernehme.
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Dieter_Rotmund
Kommentar von Dieter_Rotmund (10.12.2018)
Es geht um den 68er-Held Sartre, vermute ich.

Hoppla, sehr erst jetzt, dass dies bereits festgestellt wurde.

Entschuldigung.

Kommentar geändert am 10.12.2018 um 13:43 Uhr
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EkkehartMittelberg meinte dazu am 10.12.2018:
Ich bin nicht böse drum, Dieter. In einem Sonett muss man Schwerpunkte setzen und es ist mir wichtig, dass du ihn noch einmal festgehalten hast.
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TassoTuwas
Kommentar von TassoTuwas (10.12.2018)
Hallo Ekki,
da kann ich leider nicht mitreden. Der Gute war ja auf dem "Index" und den scheut der Gläubige wie der Teufel das Weihwasser :-)))
Herzliche Grüße
TT
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EkkehartMittelberg meinte dazu am 10.12.2018:
Hallo Tasso, ich vermute, dass dich heute kein Weihwasser mehr aufhalten könnte.
Herzliche Grüße
Ekki
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Oggy
Kommentar von Oggy (16.12.2018)
Von Jean-Paul Sartre ist kurz vor dem Abflug aus Stuttgart am selben Tag der Ausspruch überliefert:

"Ce qu’il est con ce Baader."
("Was für ein Arschloch, dieser Baader.")

https://www.deutschlandfunk.de/literatur-zeitschrift-spuren-sartre-in-stammheim.700.de.html?dram:article_id=270394
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EkkehartMittelberg meinte dazu am 16.12.2018:
Merci, Oggy. Vielleicht war die Begegnung notwendig, dass Sartre zur Vernunft kam.
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