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Selene - Kapitel 1

Roman zum Thema Fantasie


von BluesmanBGM

Kapitel I - Das Ende der Welt (im übertragenen Sinn)

Lachende Gesichter und winkende Hände im Rückfenster. Das war das Letzte, was Rick von seinem Schulbus zu Gesicht bekam.
Offenbar hatten seine Freunde auf den hinteren Plätzen einen Heidenspaß mit seinem Unglück.
Rick blickte dem knatternden Bus für einige lange Sekunden mit einem letzten Funken Hoffnung nach, bis dieser an einer Kreuzung um die Ecke bog und hinter einer dichten Baumreihe verschwand.
Spätestens, als sich das Motorengeräusch im leisen Rauschen der Blätter verlor und sich auch die hellgräuliche Abgaswolke im Morgenwind zerstreute, dämmerte in Rick die Erkennis heran, daß es tatsächlich passiert war.
Er hatte den Schulbus versäumt. Trotz der Abhetzerei, trotz des Rennens durch sämtliche Abkürzungen und Geheimwege über Stock und Stein und durch Hecken und Dornbüsche. Und das ausgerechnet heute.

Rick ließ sich erschöpft auf die Bank der einsamen Haltestelle fallen und holte tief Luft.
Erst jetzt bemerkte er den heftigen Herzschlag in seiner Brust durch das minutenlange Rennen.
Nach ein paar weiteren Atemzügen beruhigte sich seine etwas angegriffene Kondition wieder.
Ob es tatsächlich so ist, daß man seinen Elan aus Kindertagen schon mit gerade mal 16 verliert?
Oder hatte sich Rick in den letzten Monaten einfach zu selten von seinen Büchern und seinem Bildschirm als Portal zum Internet weg nach draußen bewegt?
Die Kindheit mit der großen Freiheit in einer Abenteuerwelt zwischen verzaubertem Wald und Pirateninsel im alten Weiher war irgendwie bereits in große Ferne gerückt.
Solche Dinge gab es schließlich nicht wirklich und ordentliche Schulnoten waren wichtig, wenn er eine Karriere mit seiner eigenen Internetfirma beginnen wollte.
Und spätestens mit 18 dann endlich raus aus dieser Provinz mit ihrer Weltferne und Rückständigkeit.

Rick spähte die schmale Straße rauf und runter, um sich seine Optionen für den weiteren Vormittag abzuwägen.
Seit der Bus um die Ecke verschwunden war, gehörte die Landschaft wieder der Stille.
Die von Rissen und Schlaglöchern durchzogene Landstraße war leer und verlassen und es würde sicherlich eine Weile dauern, bis sich wieder ein Auto hierher verirrte. Der nächste Bus war jedenfalls erst in einigen Stunden fällig.
Im kniehohen Gras zirpten irgendwo Grillen und eine Hummel summte gemütlich durch den Holunderbusch neben der Haltestelle.
Selbst auf dem rostroten Wellblechdach der Haltestelle spriesste auf angewehter Erde zwischen Moos und Farn ein kleiner Busch.
"Scheiß Einöde..." fluchte Rick, der im Moment kein Auge für die Natur hatte.

Er schielte auf seine Armbanduhr. Sieben Uhr fünfundzwanzig.
Rick begann zu kalkulieren.
Auf der normalen Busstrecke sind es etwa sieben Kilometer bis zur Schule. Der Weg zurück nach Hause wäre querfeldein etwa anderthalb Kilometer.
Aber was sollte er dort? Seine Eltern waren beide zur Arbeit gefahren und sein Mofaroller stand in Einzelteile zerlegt in der Garage.
Würde er zurück nach Hause laufen, wären es zudem anderthalb Kilometer in die falsche Richtung.
Sieben Uhr siebenundzwanzig. Ausgerechnet heute.

In der vierten Stunde stand die allerletzte Matheprüfung des Schuljahres auf dem Terminplan.
Und Rick wollte diese Prüfung unbedingt heute mitschreiben.
Zum Einen war ein gute Note wichtig, weil sie seine Gesamtnote im Zeugnis als Zünglein an der Waage in die richtige Richtung biegen würde. Und Internetmilliardäre hatten bestimmt alle gute Mathenoten für ihre Karriere gehabt.
Zum Anderen hatte er aus normalerweise gut unterrichteter Quelle erfahren, welche Art von Aufgaben drankommen und genau diesen Kram gebüffelt.
Würde er heute nicht mitschreiben und bekäme später eine Ersatzarbeit präsentiert, dann würde das vermutlich seinen schönen Plan richtig vermiesen.
Und eine verbockte Note abzuliefern wäre quasi das Ende der Welt - naja, im übertragenen Sinn.
Es musste also etwas getan werden.

Rick blickte auf die ruhig brummelnde Hummel, die sich von dem Busch inzwischen ab und einem Büschel Klee zugewendet hatte, der aus einer Spalte im Asphalt nach oben strebte.
Für einen langen Moment folgte Rick dem Hummelflug in einem Versuch, zu stoischer Gelassenheit zu finden.
Wie konnte ein summselndes Insekt mit einer vermutlich kurzen Lebensspanne nur so träge und beiläufig seinem Tagwerk nachgehen?
Sieben Uhr Dreißig.
Rick hatte nicht soviel Zeit wie die Hummel (die sicher kein großes Ziel im Leben hatte) sondern musste sich schnell entscheiden.
Er blickte erneut die leere Straße hinunter und ließ seine Augen dann nach links in die weitläufige Landschaft schweifen.
Hinter der Straße erhob sich nach wenigen Kilometern ein begrünter Hügel mit vielen Hecken, Trockenwiesen und steil aufragenden Kalkfelsen, die vor langer Zeit einmal Korallenriffe auf dem Grund eines Ozeans gewesen sind.
So bildete eine zackige Kante dieser uralten Relikte auch den oberen Rand des Hügels, auf dem weiter hinten auch die Ruine einer Burg thronte.
Es war der sogenannte Felsenberg.
Nicht der offizielle Name in den Karten, aber so ziemlich jedes Kind und jeder Naturwanderer in der Region nannte den Höhenzug so.
Durchzogen von Höhlen, alten Schächten und sogar natürlichen Labyrinthen aus Fels und Hecke war er *der* originale Abenteuerort in der ganzen Gegend für Generationen von Kindern.

Rick war früher oft dort oben unterwegs gewesen, hatte den Berg aber in den letzten Jahren wegen Lernstress doch etwas aus dem Blick verloren.

Ein Ort der Kindheit, die zu Ende ging und vom Hort der Abenteuer zu einem beiläufigen Hintergrund für die Bus- oder Autofahrt in die Stadt geworden war.
Nun aber dämmerte ihm eine Erkenntnis.
Sieben Kilometer bis zur Schule auf der normalen Schulbusstraße.
Direkt über den Berg querfeldein und über die alten Entdeckerpfade können es aber kaum mehr als drei oder vier Kilometer sein.
Dann noch ein paar Nebenstraßen und über den Bach und er käme vom hinteren Pausenhof her zum Schulgelände.
Das wäre zufuß doch leicht bis zur vierten Stunde zu schaffen.

Er holte nochmal Luft, traf eine Entscheidung, sprang auf, schulterte seinen Rucksack und machte sich dann zuerst mit zaghaften Schritten, aber schließlich immer energischer auf den Weg.
Seine Turnschuhe klapperten auf dem rauen Asphalt und nach kurzer Zeit hatte er die Kreuzung erreicht, an der der Schulbus nach rechts abgebogen war.
Das war aber der lange Weg außen herum und Rick lief stattdessen auf der schmalen Straße nach links, damit er weiter oben über einen Trampelpfad direkt zum Felsenberg abbiegen konnte.
Vor sich sah er auf einer Straßenseite ein brachliegendes Feld und auf der anderen Seite eine bunt schillernde Blumenwiese mit einer großen Auswahl an Blüten und Gräsern aller Arten. Ein Artenreichtum, wie er ihn sonst nur von uralten Fotos kannte.
Was eigentlich seltsam war, denn hier fiel nur wenig Regen, und selbst dieser versickte rasch in den kalkigen Böden.
Man sah also eher nur Gras und Büsche mit ein paar einzelnen Blüten und Beeren, aber eine so reichhaltige und belebte Wiese war selten.
Für einen Moment überkam Rick beinahe der Wunsch, sich einfach ein wenig zwischen die vielen Blumen zu legen, auszuspannen und sich die Wolken zu betrachten, die über den weiten Himmel zogen. Der leichte Wind wehte ein Gemisch verschiedener Gerüche herüber. Warme Blüten und Kräuter und trockenes Gras.
"Keine Zeit..." sagte er laut zu sich selbst.
Außerdem saßen in diesen verfilzten Wiesen doch jetzt überall Zecken und man holte sich die übelsten Krankheiten. Seine Schritte klapperten noch ein Stück schneller, um die haptische Ablenkung aus seinen Gedanken zu verbannen.

Warum nur hatte er ausgerechnet heute verschlafen?
An einem so wichtigen Tag. Er hätte gestern eher ins Bett gehen müssen.
Aber da waren die Lichter am Himmel gewesen und die ständigen Sternschnuppen und dann das Geräusch spät in der Nacht.
Es hatte von irgendwo hier vom Felsenberg herübergehallt und der Boden hatten vibriert. Und als er gegen 2 Uhr nachts aus dem Spalt seines Rollladens gespäht hatte, war ein unirdisches blaues Leuchten über dem ganzen Berg gehangen.
Fast so als ob...

Ein anderes Geräusch riß ihn wieder aus den Gedanken.
Es war ein helles Niesen und Schneuzen, gefolgt von einem lauten Geraschel in der Blumenwiese.
Nahe des Randes bewegten sich Gräser und Blüten in einer gerade Linie, so als ob etwas auf allen Vieren durch die Vegetation kroch.
Rick blieb verdutzt stehen und spähte in die Richtung. Er meinte, etwas hellrötliches im Farbengewirr zu erspähen. Ein Fuchs? Aber seit wann niesen und schneuzen Füchse?
Erst jetzt fiel ihm auf, daß die bunten Flecken nicht alle zur Natur gehörten, sondern zum Teil die Muster auf Klamotten in einem Modegeschmack von vor 30 Jahren waren. Und er kannte nicht viele Leute, die sich so anziehen und kurz vor Beginn der Schule auch noch irgendwo im Unterholz herumkriechen würden.
Er hatte ja gehofft, jemand Hilfreiches zu treffen, den er kannte. Nur war diese Person leider absolut nicht hilfreich...

Das Mädchen mit den langen und ungekämmten rotblonden Haaren und dem Kleidergeschmack Marke Molly Ringwald rappelte sich aus dem Gras auf, und musterte Rick mit einem freundlichen Lächeln. Sie legte den Kopf ein wenig schief.
"Äh. Guten Morgen..." sagte Rick nach einigen Sekunden Zögern.
"Morgen, Morgen..." antwortete das Mädchen fröhlich und winkte ihm kurz.
In ihrem dichten Gewirr aus Haaren hingen zahlreiche Blüten und Grashalme. Ein Ring aus sieben weißen Blüten, die ungewöhnlich hell in der Morgensonne strahlten, bildeten eine Art von natürlicher Krone.
"Was machst du hier?" fragte sie und schien über ihre eigene Überraschung verwundert zu sein.
"Das Gleiche könnte ich dich auch fragen..." Rick versuchte trotz seiner Verwunderung über das seltsame Spektakel dezent sarkastisch zu klingen "Wobei sich die Frage eigentlich erübrigt. Was wird die Königin der Faulenzer hier schon tun? Sich im Gras herumrollen und vermutlich wieder Schule schwänzen."

Es wurmte Rick in der Tat, daß das Mädchen zwar in seine Klasse ging, aber offenbar nur dann zum Unterricht erschien, wenn ihr danach war.
Sie war einer jener Leute, mit denen man zwar das ganze Schuljahr im selben Raum sitzt, von denen man aber am Ende oft nicht einmal den Vornamen weiß, weil man nur desinteressiert den Nachnamen benutzt oder gleich nur "die Dings da drüben" und ähnliches gesagt hatte.
Man sah die Dings kaum mitschreiben und am Unterricht selbst beteiligte sie sich bestenfalls mit naiven oder seltsamen und oft provokanten Fragen, gerade in Fächern wie Mathe, Physik oder Religion. Rick erinnerte sich an eine lebhafte Streiterei mit dem Physiklehrer darüber, daß das Schulbuch einfach falsch war, weil es keinerlei Verständnis für die in sich gefalteten Nanodimensionen und Fundamentalkräfte in der Quantenphysik enthielt. Der Lehrer hatte am Ende erschöpft aufgegeben.
Rick vermutete einfach mal, daß sie das ganze Gebabbel aus irgendwelchen StarTrek-Romanen aufgesogen hatte.

Kein Respekt für das Wissen der Lehrer, die doch um einige Jahre älter waren, als sie.
Nervigerweise lieferten sie in den Arbeiten dann jedoch immer gute Noten ab, was vermutlich der Grund war, warum ihr die Lehrer alles durchgingen ließen.
Trotzdem schien es manchmal so, als hätte sie einen Freibrief zum Faulenzen oder Rumalbern und die Lehrer würden das gar nicht beachten.
Fast so, als ob ihr Platz ein leerer Platz wäre.
Und das irritierte Rick, der sich nach einem Durchhänger im Schuljahr zuvor nun immer mehr auf Leistung für seine Zukunft und Karriere eingestellt hatte. Warum sollte er für gute Noten arbeiten und andere mogelten sich einfach so durch?
Ja, das wurmte ihn mächtig und er wollte ihr eigentlich schon längst mal die Meinung sagen. Dieses sorglose Rumfrohlocken in der Blumenwiese war ein guter Anreiz.
Es war schließlich wieder mal kurz vor Schulbeginn.

"Faulenzen? Königin? Moi?" fragte sie mit einem französischen Wort und einer koketten Geste.
"Wem die Krone passt..." entgegnete Rick und deutete vage auf ihren blumigen Kopfschmuck.
"Stimmt" lächelte sie und musterte Rick intensiv "Aber was machst du dann hier? Ich befürchte, du wirst auch zu spät zum Unterricht kommen. Besonders dann, wenn du noch mehr Zeit mit mir vergeudest, anstatt weiter zu laufen. Die Stadt ist in dieser Richtung und du hast noch einen langen Weg vor dir. Tut tut. Avanti..."
Sie deutete zuerst für Rick in Richtung Berg und dann nach hinten auf die Wiese, als wolle sie ihm damit sagen, daß sie ihre wichtigste Aufgabe für den Tag eher als Blumenkind sehen würde.
Rick wollte sich wortlos abwinkend umdrehen und weiterlaufen, hielt aber dann wieder inne. Er war mit seiner Standpauke noch nicht fertig.
"Es würde dem arbeitsscheuen Fräulein Wiedenbrink auch nicht schaden, wenn sie sich aufrafft und zur Schule mitkommt. Oder hast du die Mathearbeit heute vergessen? Willst du die etwa auch verbummeln?"
Dann hatte er eine weitere Idee mit dezentem Eigennutz. "Sag mal, hast du vielleicht bei dir zuhause jemanden, der uns beide schnell mit dem Auto in die Stadt fahren könnte?" Er wusste, daß sie hier irgendwo in der Gegend wohnte.

"Nope. Ich benutze keine Autos...." Das Mädchen schüttelte den Kopf und pflückte sich einige der Blüten aus den Haaren.
Sie kam einige neugierige Schritte durch die Wiese auf Rick zu und musterte ihn mit amüsiertem Interesse, so als wäre gerade ein exotisches Tier vorbeigelaufen.
"Was ist?" fragte Rick, dem plötzlich auffiel, wie intensiv ihre grünen Augen in seinem Gesicht zu lesen schienen. Und woher kam dieses Licht?
Sie rückte sich ihre Brille nach unten auf die Nase und spähte über die Oberkante. Mit einem Mal schien ein abrupter Stimmungswechsel über alles zu kommen. Über das Mädchen und die ganze Landschaft, aus der plötzlich die Leichtigkeit des Sommermorgens wich.
Sie wedelte mit der Hand vor seinem Gesicht, als ob sie ein Insekt verscheuchen wollte. Was sollte das?
War gerade eine dunkle Wolke vor die Sonne gewandert? Die Farben der Umgebung wurden immer blasser. Eine raue Brise lief in langen Wellen durch die Gräser und Blumen. Die weiße Blütenkrone wehte im Wind davon. Ein Schaudern wie ein Strom kaltes Wasser lief an Ricks Wirbelsäule empor, teilte sich an den Schultern in zwei eisblaue Pulse und traf sich dann irgendwo oberhalb seiner Augen an der Stirn.
"Du hast gesagt, ich bin die Königin der Faulenzer. Das ist irgendwie unhöflich als Begrüßung. Wie kommst du darauf? Eine ehrliche Antwort, bitteschön. Gehorche..."

Rick schluckte und erläuterte dann wortreich seine ständigen Eindrücke von ihrem Desinteresse am Unterricht und den seltsamen und provokanten Fragen.
Und obwohl sie kaum mitarbeitete oder ernsthaft das Schulwissen und die Autoritäten akzeptierte, mogelte sie sich einfach so durch das Schuljahr.
Es wäre ungerecht, und er wäre richtig sauer und es würde sein männliches Ego irritieren und er würde ihr zu gerne mal in ihren faulen kleinen Hintern treten und es würde ihr auch gar nicht viel helfen, daß sie hinter ihren doofen Klamotten und der billigen Kassenbrille doch eigentlich sehr hübsch wäre und er schon ein paar mal gerne auf ihre langen Beine geschaut hatte.
Was? Moment? Hatte er das alles gerade wirklich gesagt? Er biss sich auf die Lippen.
Irgendwie war ihm ungefiltert jetzt all das rausgesprudelt, was er sich so über das faule Fräulein Wiedenbrink gedacht hatte. Verdammich.
Er fühlte, wie ihm eine leichte Wärme über das Gesicht lief. Wurde er gerade rot?

Sie schien ihm die Tirade und das ungelenkte Kompliment nicht übel zu nehmen, sondern lächelte wieder.
Die Landschaft strahlte erneut in goldenem Morgenlicht. Die Luft war windstill.
"Das ist dir also alles aufgefallen? Faszinierend..."
Ihre Mimik und Betonung war eine perfekte Kopie von Mr. Spock. So perfekt, wie es wohl nur ein kleiner SciFi-Geek wie sie konnte, inklusive der einzelnen linken Augenbraue steil nach oben. Wahrscheinlich hatte sie auch einen Altar für Captain Kirk daheim stehen.
"Ich achte auf sowas..." erklärte ihr Rick und versuchte dabei, besonders erwachsen und weltkritisch zu wirken.
"Und auf meine langen Beine..." warf sie mit gespielter Empörung ein und grinste dann mit einem tadelnd erhobenen Finger. "Was du in Zukunft bitteschön ohne meine Zustimmung unterlassen wirst, denn mein Körper gehört nur mir. Er ist mein Gefäß. Gehorche..."
Sie wedelte wieder mit der Hand herum und zeichnete etwas mit dem Zeigefinger in die Luft. Was sollte das bedeuten?

Rick nickte kurz und verlor dann irgendwie für einen Moment den Faden. Etwas streichelte sein Bewußtsein. Was hatte er gerade sagen wollen? Ach ja.

Die leichte Röte auf seinen Wangen war nicht hilfreich, aber er fuhr trotzdem erwachsen belehrend fort.
"Hör mal, ich denke einfach, daß du mehr auf dem Kasten hast, und dein Talent vergeudest, wenn du immer nur so rumbummelst oder blaumachst oder dich mit den Lehrern anlegst. Du solltest an deine Karriere denken. Streng dich an, dann wird mal etwas Wichtiges aus dir. Und heute mit zur Schule zu kommen und die Arbeit zu schreiben, wäre ein guter Anfang. Außerdem müsste ich dann nicht die ganzen Kilometer über den Berg allein latschen..."
Seli sagte einige Sekunden lang nichts, sondern schien immer noch nachdenklich in seine Augen zu sehen. Rick stellte erstaunt fest, daß ihn soviel Nähe eigentlich nervös machen sollte, er aber im Moment eigentlich nur eine gewisse Leichtigkeit in seinen Gedanken fühlte. So als ob der ganze Stress des Tages plötzlich für einen kurzen Augenblick wie weggeblasen war, und eine große warme Hand in seine Seele griff. Häh? Was dachte er da wieder für komisches Zeug?

"Gut. Gut. Gut. Guter Rat...." nickte Seli schließlich. "Du hast mich überzeugt. Gehen wir gemeinsam zur Schule. Ich meine, falls es dir nicht peinlich ist, mit einem Mädchen mit doofen Klamotten zu wandern. Und über den Felsenberg ist es tatsächlich viel näher, als über die Straße. Wir sollten es leicht bis zur vierten Stunde schaffen. Aber vorher schauen wir noch kurz bei mir daheim vorbei. Ich brauche meine Schulsachen. Außerdem nehme ich an, du hast bei all dem Verschlafen und der Hetzerei keine Zeit mehr zum Frühstücken gehabt, hmmm? Ich richte dir schnell was her..."
Rick war plötzlich wieder mit allen Sinnen zurück auf der Erde und fühlte in der Tat ein leichtes Grummeln in seiner Magengegend. Er hatte zweimal von einer Banane abgebissen, bevor er über Stock und Stein losgerannt war, aber das war es dann auch.
"Vielleicht. Aber wir haben keine Zeit. Wir müssen den direkten Weg gehen..." Er deutete auf die felsigen Gipfelzacken und dann auf seine tickende Armbanduhr.
"Kein Problem..." Seli winkte sorglos an. "Mein Haus liegt direkt auf dem Weg rauf zum Berg. Und die paar Minuten halten uns nicht groß auf. Eine Tasse warme Milch und selbstgebackene Kekse haben vor einer Wanderung und einer Mathearbeit noch keinem geschadet. Wenn ich dir zu langsam bin, kannst du mir ja immer noch gerne in meinen faulen kleinen Hintern treten, eh?"

"Ähm. Tschuldigung für das..." Rick kratzte sich verlegen am Hinterkopf.
Was hatte er sich nur dabei gedacht? "Da ging mein Mundwerk etwas mit mir durch. Es macht mich halt einfach nervös, wenn ich so spät dran bin, und dann rede ich Blödsinn. Aber wenn es etwas geholfen hat, um dich ein wenig zum Nachdenken zu bringen, dann war es doch vielleicht ganz gut so. Also Entschuldigung angenommen, hochverehrtes Fräulein Wiedenbrink?"
"Jederzeit..." nickte sie. "Und hör auf mit den Förmlichkeiten. Davon mag ich im Moment nichts hören. Nenn mich Selene oder kürzer einfach Seli."
Sie streckte ihm die Hand altmodisch zur offiziellen Vorstellung hin, so als ob sie sich zum ersten Mal sehen würden.
Vielleicht taten sie das ja irgendwie wirklich und dies könnte der Anfang für eine neue Freundschaft sein?
Seli war vielleicht doch ein ganz normales Mädchen mit ein paar kleinen charakterlichen Fehlern und Naivitäten. Wer hatte die nicht. Vielleicht brauchte sie auch nur jemanden, der ihr zeigte, wo es langgeht und wo der richtige Weg wäre. Einen gebildeten und netten Mann. Einen Freund. Einen...
Er ergriff ihre warme Hand und schüttelte sie etwas zu zaghaft.

"Selene Wiedenbrink ist irgendwie ein komischer Name. Was haben sich deine Eltern dabei gedacht? Viel zu pompös. Das klingt so, als ob man in ein teures Restaurant geht, und sich dort eine Tüte Pommes mit Mayo bestellt..." meinte Rick mit einem schrägen Grinsen.
Nachdem sie ihm sein Genörgel nicht übel genommen hatte, wollte er einfach mal ausprobieren, wie weit er mit seiner Sorte von Humor gehen konnte.
Das hatte er bei Mädchen bisher nie rausgefunden. Oder vermutlich immer verbockt.

"Tatsächlich?" Selene kratze sich nachdenklich am Kinn "Also ich mag den Namen. Ich hatte schon Schrägere. Und sehr viele davon. Wenn ich da zum Beispiel an die Priesterkaste der Berserker von Nuum denke. Bei denen hieß ich..."
Und hier folgte ein langgezogener, kehliger Laut, der sich anhörte, als hätte sich ein asthmatischer Elefant mit Keuchhusten an einer Fischgräte verschluckt. Rick machte erschrocken einen Satz nach hinten und starrte das Mädchen nur wieder verwundert an. Und sie war doch seltsam.

"Das heißt übersetzt soviel wie..." fuhr Seli nostalgisch lächelnd fort. "Neunfaltige Blutkönigin der 12 Milliarden Schmerzen, Herrin der ewigen Schlachten, Mutter des blutgetränkten Ackerbodens. Grob übersetzt. Es war eine raue Welt auf Nuum..."
Sie wurde nachdenklich und Rick war erneut überrascht von dem abrupten Stimmungswechsel, als sie kryptisch fortfuhr.
"Was ist es nur immer mit Berserkern und diesem ganzen Opferkram und Blutgedöns? Ich meine, sieh sie dir an - fünfzehn Jahrhunderte lang haben sie gemordet und geopfert, nur um für ihr trostlos im All treibendes Stückchen Felsen ein wenig fruchtbaren Ackerboden für die nächsten Generationen zu erflehen. Und als sie endlich begannen, so etwas wie Zivilisation und ein moralisches Gesetz Kantscher Ausprägung in sich selbst zu finden, wurde ihr Planet von einem Asteroiden zerschmettert."
Sie schwieg für einige lange Sekunden und betrachtete die Blumen.
"Der Asteroid hätte natürlich auch vorbeifliegen können, aber fünfzehn Jahrhunderte monotheistisches Dogma mit Blutgedöns hatten mich verärgert. Was meinst du?"
Seli blickte ihn fordernd an, fast so als erwarte sie ein moralisches Urteil.

Rick hatte absolut keine Ahnung, wovon die seltsame Trulla jetzt wieder babbelte.
SciFi-Fantasy-Gaming-Serien-Bücher-Geek halt. Und Mädchen dazu. Das machte sie gleich zu einem doppelten Rätsel für Rick.
Er beobachtete, wie Seli sich zurück in den Rand der Wiese kniete, und mit ihren zarten Fingern leise lächelnd eine einzelne Ameise anstupste, die einen Grashalm heraufkletterte.
"Ähm..." sagte Rick "keine Ahnung. Weiß nicht. Ich habe das neue Add-On noch nicht runtergeladen und gespielt. Klingt aber ganz gut. Wie ist die Grafik?"
Das war hoffentlich die passende Antwort. Er wollte schließlich nicht als weltfremder Bücherwurm dastehen, der das gerade bei allen angesagte Onlinerollenspiel über irgendwelche Berserker vom Planeten Dings nicht kannte.
Wovon sonst sollte sie reden? Sie blickte ihn von unten grübelnd an und sprang dann mit einem kurzen Lachen wieder aus der Hocke auf.
"Gute Antwort. Nein. Eigentlich dämliche Antwort, aber ich habe sie nicht kommen sehen. Und das ist gut. Gehen wir..."

Sie sprang aus der Wiese auf den Asphalt der Straße und lief mit weiten Schritten ein Stück voraus.
Rick zuckte mit den Achseln und folgte hinterher. Es war doch eigentlich sein Plan gewesen. Sollte er nicht die Aktion anführen?
Mit einem resignierenden Schnaufen schloß er auf.
Was nicht allzu schwierig war, weil Seli immer wieder stehenblieb, und sich hinkniete, wenn irgendeine Blume, ein Insekt oder auch nur ein vom Tau benetztes Spinnennetz am Wegesrand ihre Aufmerksamkeit anlockte.
Sie sprachen für einige Minuten nichts, und Rick fühlte sich irgendwie unwohl dabei.
Er ging mit einem Mädchen zur Schule, aber es kam kein Gespräch zustande. Verbockte er die Sache gerade?
Würden sie in der Schule zwar zusammen ankommen und trotzdem Unbekannte bleiben, die im Unterricht dann wieder keine zwei Worte pro Woche wechseln? Die schräge Wiedenbrink und die Dings da drüben? Was würden seine Kumpels eigentlich sagen, wenn er plötzlich mit Geeks herumlief? Egal.
Konversation. Konversation. Gute Ratschläge und Wissen. Ja.

"Du solltest mit dem Naturkindleben und Wiesenkram aufpassen..." warf er mit Dozententon ein. "Liest du keine Zeitungen? Von den ganzen Zecken und infizierten Mücken mit asiatischen Viren holt man sich alle möglichen Krankheiten. Das kam sogar schon im Fernsehen, und die haben da Leute gezeigt, die ganz schlimm dran waren, weil sie einmal nicht aufgepasst hatten."
"Zecken? Mücken? Böse Tiere? Jedes Tier hat seinen Zweck..." Seli begann, an ihrer Haut und Kleidung herumzutasten. "Sowas gibt es bei mir nicht. Ich habe es ihnen verboten. Oder ist da doch noch jemand? Hallo?"
Sie zerrte den Halsausschnitt ihres Oberteils nach vorne und nach unten und warf einen prüfenden Blick in die entstehende Höhlung.
Dann rollte sie den buntgefleckten, knielangen Rock nach oben auf, um auch die Haut der Oberschenkel zu prüfen.
Rick drehte seinen Kopf hastig in die andere Richtung, und fühlte schon wieder die Wärme der aufsteigenden Röte im Gesicht.
Er wunderte sich trotzdem für einen kurzen Moment, denn eigentlich hatte er doch vorher im Klassenzimmer oder auf dem Sportplatz gerne mal auf ihre Beine geschielt. Aber es fühlte sich nun irgendwie kategorisch falsch und unhöflich an, und er studierte lieber die vorbeiziehende Landschaft auf der anderen Straßenseite.
Resignierend stellte Rick fest, daß er vermutlich wirklich alt wurde, wenn er nun schon der Etikette den Vorzug vor seinen jugendlichen Hormonen gibt.

"Früher hast du aber doch auch gerne in der freien Natur gespielt..." sagte Seli, nachdem sie endlich fertig mit der leicht schamlosen Leibesvisitation war.
Rick drehte den Kopf vorsichtig zurück und sah sie an. Sie schlenderte sorglos neben ihm her, nur um alle paar Schritte ein paar tänzelnde Hüpfer einzuflechten.
Seli hatte an oder in ihrer Kleidung offenbar einen blauen Schmetterling gefunden, den sie nun auf ihrem Zeigefinger sitzend vor sich hertrug. Der Schmetterling bewegte die Flügel auf und ab, flog aber nicht davon. Wahrscheinlich hatte sie Zuckerwasser auf dem Finger.
"Wie fühlte sich jener Tag an, als du beschlossen hattest, ab jetzt nicht mehr ohne Zweifel im Gras herumzurollen? Der Tag, an dem die Angst aus der Erwachsenenwelt über die natürliche Freiheit des Kindseins triumphierte? Was ist besser - die Freiheit, den Duft und Klang einer Sommerwiese mit allen Sinnen zu genießen? Oder ständig die Ängste mit sich zu tragen, was dabei alles passieren könnte? Wer lebt in der größeren Welt - der Erwachsene oder das Kind?"
Sie schüttelte nachdenklich den Kopf.
"Eure Medien leben doch davon, Menschen mit der täglichen Dosis informeller Angst zu versorgen. Soll man den wahren Herzschlag des Lebens in Form einer belebten Blumenwiese nur noch aus der sterilen Distanz des Beobachters betrachten, weil man in einer Zeit zu leben glaubt, in der alles eine Gefahr sein könnte - selbst das Leben in all seinen Facetten?"
Rick zuckte unschlüssig mit den Achseln. "Gute Fragen. Denke ich..."

"Eure Welt hat Probleme..." gab Seli knapp zurück und fuhr dann nach einigen Sekunden fort.
"In gewisser Weise sind sich Menschen und Planeten gar nicht unähnlich. Menschen bewegen sich durch die Jahreszeiten und Zonen der Natur und holen sich dabei eventuell kleine Bewohner, die ihnen irgendwann schaden könnten. Planeten bewegen sich durch ihren Lebenszyklus und durch Zonen, in denen die Gefahr besteht, daß sie sich kleine Bewohner holen, die dann ebenfalls großen Schaden anrichten können. Vielleicht sollten sich Planeten von lebensspendenden Umlaufbahnen genauso fern halten, wie Menschen von gefährlichen Blumenwiesen. Dann würde kein Ding Schaden nehmen. Dann würde aber auch keine Seele aufblühen..."

Rick schwieg eine Weile.
Das Gespräch wurde ihm doch etwas zu esoterisch und abgehoben.
Wie konnte ein kleiner Schulschwänzer und Faulpelz wie Fräulein Wiedenbrink nur ständig mit solchen Ideen und Phrasen um sich werfen?
Waren es solche Dinge, über die sich Mädchen gerne unterhielten? Konnte doch nicht sein.

Die trendigen Girlies aus den Serien im Fernsehen redeten immer nur über süße Jungs und über Herz und Schmerz und Liebesleid. Oder darüber, daß sie Models und Tierärztinnen auf dem Pferdehof werden wollten. Oder gerne einen Vampir als süßen Boyfriend hätten.
Irgendwie pickten ihre realen Gegenstücke doch auch genau diese Themen auf, die ihnen von den Medien und en Rollenklischees vorzitiert wurden.
Konnte das so richtig sein? Selene war anders. Aber sie war Rick schon wieder ein wenig zu anders.

Sie waren die Straße ein ganzes Stück entlanggelaufen und hatten fast die Stelle erreicht, an der ein schmaler Trampelpfad rechts abzweigte und den Berg hinaufführte. Hier begann der wirklich "wilde" Teil der Landschaft und selbst die alte Teerstraße zerbröselte immer mehr in Schlaglöchern und Pfützen vom letzten Gewitterregen.
Rick wunderte sich jetzt doch darüber, daß Seli davon gesprochen hatte, daß sie noch kurz bei ihr daheim vorbeigehen würden.
Hier draußen gab es doch gar keine Häuser und die Straße ging noch etliche Kilometer weiter bis zum nächsten Dorf. Wohin also gingen sie?
Oder hatte sie die Idee, nach Hause zu gehen, schon wieder aufgegeben? Und was war mit dem versprochenen Frühstück? Er hatte keine Zeit für Irrwege.
"Wir sind gleich da..." sagte sie als Antwort auf seine unausgesprochene Frage und deutete die Straße entlang. "Gleich da vorne kommt die Abzweigung zu meinem Haus..."
Rick wollte etwas Gegenteiliges erwidern, denn er kannte diese Straße von früher her sehr gut. Da kam überhaupt nichts. Keine Abzweigung und kein Haus.
Nur Trockenwiesen und Hecken und Felsen. Da sagten sich Fuchs und Hase sprichwörtlich gute Nacht. Es gab hier draußen ja nicht mal Elektrizität.
Bevor er den Einspruch erheben konnte, lenkte ihn ein seltsames Geräusch ab.

Seli hatte es auch gehört, und war wie angewurzelt stehengeblieben.
Sie starrte angestrengt über die Wiese in Richtung einer Hügelkette, die sich als Ausläufer quer vom Felsenberg audehnte.
Rick erinnerte sich, daß es dort versteckte Höhlen gab, und er früher einmal ganz stolz darauf war, einen Eingang zu einer schmalen Felskammer hinter einem überhängenden Busch entdeckt zu haben. An diesen Tag (und noch viele Wochen danach) fühlte er sich wie Indiana Jones höchstpersönlich.
Er kannte die Gegend und er kannte die Laute der Tiere und die dezenten Geräusche, die sich in das Säuseln des Windes im Gras mischten.
Das fremdartige Geräusch, das sie gerade hörten, war neu. Ein tiefes, niederfrequentes Brummen mit einem leichten Pulsieren im Unterton.
Es klang technisch. Beinahe elektronisch und mit hochfrequenten Nuancen. So mochte es sich bei Nikola Tesla im Wohnzimmer angehört haben.
Für einen Moment schien das Vibrieren selbst in feinen Wellen durch den Boden zu laufen, bevor es wieder abebbte.
Das Pulsieren wie eine Art elektrischer Herzschlag wehte aber weiter mit dem Wind heran. Von woher genau?
Es war schwierig, die Richtung zu finden, da die vielen Felsflächen Geräusche auch sehr leicht umleiteten und zurückwarfen, so daß Auge und Ohr manchmal unschlüssig wurden und die Akustik trügerisch war.

"Da..." deutete Rick schließlich mit ausgestrecktem Arm und Zeigefinger.
Ein runder, dunkler Punkt bewegte sich oberhalb des Gipfelgrates des Felsenberges von links nach rechts. Bewegte?
Der Punkt eierte seltsam auf und ab und schien beinahe abrupt von Ort zu Ort zu springen.
An der Unterseite schien sich ein helles Licht zu befinden, dessen Farbton ständig zwischen Weiß und Violett herumschimmerte.
Der Eindruck erinnerte Rick plötzlich an den Flug der Hummel, den er vor ein paar Minuten beobachtet hatte.
Aber das Ding dort in der Ferne musste groß sein. Sehr groß sogar. Wie ein mattschwarzer Fesselballon.
Solche Freizeitballone sah man in der Tat ab und zu über der Landschaft schweben, da die weiten Wiesen günstig für Aufwinde waren, aber solche Ballone waren als Werbeträger in der Regel knallbunt und flogen völlig anders.
Das Ding am Horizont wirkte irgendwie wie eine Art von Maschine. Metallisch schwarz. Eiförmig. Mit so einer Art von Landefüßen an der Unterseite? Insektoid? Robotisch? Transformer-Hummeln?

Rick stellte fest, daß seine geekige Fantasie gerade mit ihm durchging. Trotzdem. Er war schließlich in Begleitung des vermutlich größten SciFi-Geeks der Klasse. Da konnte er mit wilden Theorien doch eigentlich nur punkten.
"Hey..." sagte er und stupste Seli an. "Meinst du, das ist sowas wie ein UFO?"
Seli blickte noch immer in die Richtung des dunklen Objekts. Dieses verschwand wie ein trudelndes Blatt hinter dem Berggrat und das Pulsieren verebbte. Stille lag erneut über der Gegend. Fast etwas zu still. Erst nach und nach hörte man wieder vereinzelte Vögel zwitschern, so als ob auch die Natur kurz in eine Schockstarre verfallen war. Ein ungewöhnlicher Geruch wie nach Ozon wehte heran.
"Ich weiß nicht..." Seli kniff die Augen zusammen und spähte angestrengt zum Felsenberg hinauf, wo das Objekt abgetaucht war. War es hinter den Berg getaucht, oder war es in den Berg geflogen? Dort oben waren viele breite Spalten im Kalkfels. "Es fühlte sich seltsam an, so als ob es nicht hierher gehörte..."
Sie schloß die Augen und Rick hörte sie leise und melodisch zu sich selbst sprechen.
"Wer bist du? Erkläre dich..." Einige Sekunden Pause. "Das ist mein Vorgarten. Erkläre dich. Ich bin dein Licht. Du wirst gehorchen. Du wirst..."
Seli öffnete ihre Augen abrupt wieder und holte kurz Luft.
"Wie frech..." sagte sie erstaunt.
Sie rückte ihre Brille zurecht und Rick hatte den Eindruck, daß sie vielleicht ein paar Dioptrien mehr brauchen könnte, um wieder scharf zu sehen.
Dann schien sie die Sache mit einem Achselzucken abzustreifen. "Vielleicht war es doch nur ein Ballon. Wie auch immer, das ist sowieso die Richtung, in die wir gehen werden. Vielleicht entdecken wir ja oben am Berg noch was..."

"Ob das Ding was mit letzter Nacht zu tun hat?" fragte Rick, nachdem sie weitergegangen waren.
"Letzte Nacht?" Seli drehte sich zu ihm um, und sah ihn fragend an. Eine leichte Irritation schien sich in ihre Stimme geschlichen zu haben.
"Du wirst das Spektakel doch nicht verschlafen haben? Oder hast du etwa Star Trek geguckt, während das wahre kosmische Theater draußen ablief?"
"Ich war letzte Nacht nicht da..." sagte sie. "Ich war auf einen kurzen Abstecher daheim..."
"Aber du wohnst doch hier?" Rick kratzte sich am Kopf und deutete die Straße entlang. Wo auch immer dieses ominöse Haus sein sollte, zu dem sie gingen.
"Nicht das daheim hier. Das daheim auswärts. Ganz auswärts..." konterte Seli.
"Also hast du nicht hier in der Gegend geschlafen?"
"Doch. Geschlafen habe ich hier daheim. Aber wo man schläft, muß man ja nicht bleiben...." erklärte sie kryptisch. "Aber du hast recht. Ich hatte einen kleinen Teil von mir hier gelassen, und dieser Seli war tatsächlich etwas aufgefallen. Etwas Fremdes. Kaltes. Augen aus Metall. Das violette Licht...." Sie schüttelte den Kopf mit einer entschuldigenden Geste. "Allerdings war sie als Bewußtsein zu rudimentär, um der Sache nachzugehen. Ihre Funktion war eigentlich nur das Atmen und der Herzschlag und ein wenig Träumen. Ich hätte heute morgen trotzdem auf sie hören sollen..."

Rick hatte mal wieder keine Ahnung, wovon sie sprach. Irgendwelche fernöstlichen Meditationsübungen wahrscheinlich. Oder sie hatte gestern abend ein paar ganz üble Kräuter geraucht. Oder zum Frühstück. Oder beides. Wie auch immer. Ihr war letzte Nacht offenbar einiges entgangen.
"Der Metoritenschauer..." erklärte Rick und wies nach oben. "All die vielen Sternschnuppen und Lichtschweife am Nachthimmel. Das hatte von den Astronomen wohl keiner kommen sehen. Ich bin mit dem Teleskop dann bis spät abends bei uns im Garten gewesen. Fotos und alles. Und dann später in der Nacht ging es nochmal rund. Das ist ja auch der Grund, warum ich heute verschlafen habe. Außerdem war dann am Morgen noch mein Wecker durchgeschmort..."
"Es ging nochmal rund?" fragte Seli.
"Da muß noch ein großer Brocken runtergekommen sein. Wahrscheinlich die Mutter der Sternschnuppen...." Rick setzte zu einer theatralischen Erklärung an, als müsste er einen Vortrag vor der Royal Astronomical Society halten. "Ein lautes Rumpeln und Donnern und Wusch, wie von Gewitter. Als ich durch die Rolläden geschaut habe, war noch eine Art von blauem Schweif aus funkelnden Partikeln am Himmel, so wie dieses kitschige Glitzerzeug auf dem Weihnachtsschmuck, und dort über dem Berg hing für ein paar Minuten so eine Art Nordlicht. Voll komisch. Irgendwas Elektrisches in den Partikeln. Eisenmeteorit oder so. Vielleicht finden wir ja einen Krater..."
Er dachte kurz nach und klopfte sich dann mit einem lauten Klatschen gegen die Stirn.
"Achjeh. Vielleicht ist das die Erklärung für das komische Ding, daß wir gerade gesehen haben. Vielleicht war es ein spezieller Hubschrauber und die Wissenschaftler suchen jetzt oben am Berg nach einem Krater und nach dem Meteoriten für das Museum?"
Seli blickte wieder zum Berg. "Augen aus Metall..." wiederholte sie betrübt. "Wäre ich doch nur vollständig hier gewesen..."

Im nächsten Augenblick schien die Betrübtheit aber schon wieder verflogen zu sein, und sie lächelte ihn an. "Wie auch immer. Wir werden sehen. Jetzt ist es erst mal Zeit für ein kurzes Frühstück. Kekse und Milch gehen auf mich. Da vorne links..."
Rick kratzte sich schon wieder verlegen an der Stirn. Wie sagte man einem netten Mädchen am Besten, daß sie völlig neben der Spur war.
Wie konnte jemand, der doch scheinbar so viel in der freien Natur herumlief, einen so schlechten Orientierungssinn haben? Aber er würde sie schon retten.
"Ähm. Sag mal..." begann er zaghaft. "Kann es sein, daß du dich auf dem Heimweg verlaufen hast? Hier draußen kommt überhaupt kein Haus mehr für die nächsten paar Kilometer. Hör mal, wir haben keine Zeit für Irrwege. Lass uns rüber auf den Berg gehen und dann zur Stadt. Ich kenne mich hier schon aus..."
Er deutete auf seine Armbanduhr. Es war bereits 8 Uhr geworden und der Unterricht hatte begonnen.

Seli schüttelte amüsiert den Kopf und ergriff dann spontan seine Hand. Wieder diese Wärme und Leichtigkeit der Gedanken. Rick schluckte kurz. Er schluckte gleich nochmals, als er bemerkte, wohin sie ihn mit ungeahnter Kraft gerade zog. Direkt von der Straße runter und in einen steilen Graben, der mit Brennessel und sehr garstig wirkenden, kahlen Dornhecken gefüllt war.
"Was zum..." begann er seinen Protest und versuchte sich aus ihrem Griff zu lösen, aber es war zu spät. Sie war nicht nur neben der Spur, sie war völlig plemplem. Seine Füße gingen bereits über den Rand des Grabens, und er kniff nur noch die Augen zusammen.
Ein Gefühl wie beim Abwärtsfahren in einem Lift stellte sich kurz in seinem Magen ein, als er zu fallen vermeinte. Aber er fiel nicht. Und plötzlich fühlte er wieder den harten Boden unter seinen Füßen. Eben und sicher.
Rick öffnete erstaunt die Augen, und stellte fest, daß er auf einer schmalen Auffahrt stand, die geteert war. Der Teer war alt und rissig, aber es war eine richtige kleine Straße, die nach links abzweigte. Die hohen Dornenhecken liefen beiderseits entlang und bildeten einen Baldachin über der Straße. Von dem steilen Graben war nichts mehr zu sehen, die Auffahrt zweigte einfach von der normalen Straße ab. Deutlich sichtbar ab. Wie hatte ihm das entgehen können? All die Jahre.

Rick rieb sich die Augen. Etwas war anders. War das Licht hier anders, als noch vor ein paar Sekunden? Frischer und kühler und...älter? Wie konnte Licht ein Alter haben? Humbug. Sonnenstrahlen fielen durch das Gewirr der Dornenäste und Insekten glitzerten in der Luft.

Weißrosa Blüten hingen an allen Ästen. Waren die nicht gerade von der Straße aus noch kahl gewesen?
"Jetzt brauche ich wirklich ein Frühstück..." jammerte Rick und fühlte sich irgendwie wacklig auf den Beinen.
"Dafür sind wir hier..." grinste Seli und deute die leicht kurvige Straße hinauf. Sie ließ seine Hand los und lief mit tänzelnden Schritten den Weg entlang.
Ein Stück weiter oben konnte man hinter den Hecken eine Mauer erkennen und sie liefen die Straße entlang darauf zu. Rick blickte auf den Zustand des Bodens. War es vielleicht eine neue Auffahrt, die erst vor wenigen Wochen angelegt wurde? Aber nein, der rissige Boden musste schon seit Jahrzehnten hier sein.

Als er wieder nach vorne blickte, fiel ihm noch etwas Komisches auf. Sie waren der Mauer nun näher gekommen, und diese wirkte für ein paar Wimpernschläge fast so, als wäre sie nur ein flacher Aufsteller aus Pappe. Unreal. Eine Kulisse? Hauchdünn wie Papier oder sogar ohne jede Tiefe.
Rick blinzelte und ging noch ein paar Schritte weiter. Die Mauer schien sich plötzlich in die Dreidimensionalität aufzufalten. Er strauchelte ein wenig in die Büsche.
"Pass auf..." rief ihm Seli warnend zu. "Bleib auf der Straße. Die Büsche sind teilweise ein ganz klein bißchen rekursiv. Etwas schlampige Arbeit. Mein Fehler. Sorry. Ich habe so selten Gäste zum Frühstück, da war mir die Mathematik der Geometrie eurer Raumzeit nicht ganz so wichtig, wie meine Ruhe..."
"Cheaten ist doof..." antwortete Rick halb verwirrt und hoffte, daß das eine angemessene Antwort war.
Seli nickte. "Jepp..."

Sie erreichten die bemooste und mannshohe Mauer mit einem großen schmiedeeisernen Tor. Dieses wirkte rostig und ließ sich nur mit einem lauten Quietschen und einer gewissen Kraftanstrengung öffnen. Womit Rick seine Probleme hatte. Er konnte doch nicht schwach wirken. Ein Mädchen sah zu.
"Feste drücken..." empfahl Seli. "Müsste mal geölt werden. Ich benutze den Eingang so selten..."
Wie kommt sie dann in das Haus rein? Rick schüttelte den Gedanken ab und beschloß, sich über gar nichts mehr zu wundern. Eine Frage hatte er aber dann doch.
"Sag mal, diese selbstgebackenen Kekse, die ich essen soll...sind das zufällig Haschkekse?"
"Die habe ich selber gebacken..." erklärte Seli stolz und hielt ihre Hände hoch. "Mit diesen beiden Händen. Und alle Zutaten aus dem Supermarkt. Ganz echt..."
"Schön..." nickte Rick mit einer Grimasse. Sie hatte seine Frage nicht beanwortet.

"Naja..." sagte er. "Bei all den unmöglichen Dingen die ich heute schon vor dem Frühstück getan habe, kann es nur besser werden."
"Der beste Zeitpunkt für unmögliche Dinge. Vor dem Frühstück..." erklärte Seli und drückte das rostige Tor mit einem Finger auf. Das Quietschen war verschwunden. Sie traten beiden hindurch in einen verwilderten Garten. Ein Pfad führte an altgriechisch wirkenden Statuen und kleinen Brunnen vorbei. Alles wirkte verwunschen und lange verlassen, eine Welt aus Moosen und Farnen und Dornenranken. Und am Ende des Gartens erhob sich ein Haus. Und Ricks Kinnlade fiel nach unten.

"Willkommen zum Frühstück..." lächelte Seli. "Willkommen in Xanadu..."

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Veröffentlicht am 12.12.2018. Textlänge: 6.748 Wörter; dieser Text wurde bereits 55 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 17.05.2019.
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