Login für registrierte Nutzer
Benutzer: Passwort:

Noch nicht bei KV registriert?
Jetzt registrieren!
KV ist kostenlos und werbefrei!

Neu bei uns:
Kolja (16.03.), Gandha (09.03.), Ebenholz (08.03.), Thero (07.03.), zoe (07.03.), Phoenix (05.03.), Frontiere-Grenzen (04.03.), DeenahBlue (03.03.), stromo40 (26.02.), AvaLiam (24.02.), NiceGuySan (22.02.), Nadel (20.02.)...
Übersicht aller neuen Autoren und Leser
Wen suchst Du?

(mindestens drei Buchstaben)

Zur Zeit online:
KeinVerlag.de ist die Heimat von 725 Autoren und 113 Lesern. Was es sonst noch an Neuem gibt, steht hier.
Genre des Tages, 19.03.2019:
Satzung
Schriftlich niedergelegtes gesetztes Recht von Verbänden
... und was wir daraus machen:

Ziemlich neu:  Alles was man über das Recht wissen muß von AlmÖhi (06.08.18)
Recht lang:  Die Verfassung von Aipotu von Dart (522 Worte)
Wenig kommentiert:  Alles was man über männlichen Sex-Appeal wissen muß von AlmÖhi (noch gar keine Kommentare)
Selten gelesen:  Der Satz des Arabicus von LotharAtzert (nur 73 Aufrufe)
alle Satzungen
Lest doch mal ...einen Zufallstext!
Unser Buchtipp:

Verendlichkeiten und so
von Isaban
Projekte

keineRezension.de
KV woanders

keinVerlag.de auf Facebook
Eine Meinung: "Ich bin bei keinVerlag.de willkommen, weil Gleichgesinnte gern beisammen sind." (JDvGoethe)

Selene - Kapitel 3

Roman zum Thema Fantasie


von BluesmanBGM

Kapitel III - Guptenfeld

Wie Rick mit leichter Resignation feststellte, hatte sie nicht auf seinen Rat gehört und trug immer noch die selben Klamotten mit den papageienbunten Neonklecksen und den locker-flockigen Turnschuhen für den Mädchen-Sportplatz.
Das einzig neue Element war ein zerschlissener Schulrucksack mit vielfarbigen Flicken und 70er Jahre Protestaufklebern über ihrer Schulter. Rettet die Wale. Keine Startbahn West. Weniger Mann ist mehr Mensch. Und dergleichen mehr.
Wahrscheinlich ein Flohmarktkauf, der die letzten 40 Jahre auf einem Dachboden verschlafen hatte. Ein perfektes Abbild seiner Besitzerin.
Er wunderte sich wieder, warum ein eigentlich so hübsches Mädchen sein Licht so unter den Scheffel stellte. Würde sie sich nur ordentlich kleiden, könnte sie bestimmt alle Jungs in der Klasse spielend um den Finger wickeln. Aber so würde sie nur die komische Dings bleiben.
Er überlegte sich, ob er ihr nicht mal ein überdrehtes TV-Team vom Privatfernsehen vorbeischicken sollte. Solche Knalltüten mit dem Motto "Wir verwandeln jedes Mädchen in ein Topmodel und machen es dadurch glücklich..." Komplett mit Realityskript, daß genau vorschrieb, wo Tränen der Rührung zu fließen hatten.
Naja, lieber nicht. Die Fernsehleute müssten dann wahrscheinlich auch funny Milch trinken und Kekse essen und das würde gegen den Jugendschutz verstoßen.

Wie auch immer. Es gab auch praktische Abwägungen.
Ihr aktuelles Outfit mochte zwar ihre flippige Persönlichkeit unterstreichen, war aber nicht gerade die perfekte Kleidung für die anstehende Tour.
Dort oben gab jede Menge steinige Pfade, schmale Passagen zwischen dornigen Hecken und sogar ein wenig Balancieren und Klettern über bröckelige Felstürme.
Zumindest wenn man den schnellsten Weg für abenteuergewohnte Jungs gehen wollte. Oder für solche, die es einfach eilig hatten. Da konnte er keine Rücksicht auf modische Belange oder eingerissene Fingernägel nehmen.
Das letzte Stück Weg vor der Burgruine führte zum Beispiel durch eine eingebrochene Kalkhöhle ohne Dach, und dann über eine provisorisch aus Brettern genagelte Trittleiter über einen Baum wieder nach oben direkt zum alten Brunnenschacht in der Burg. Die Drachentreppe, wie sie die Kinder der Gegend nannten.
Er hoffte insgeheim, es war noch alles so, wie damals.

Damals. Es war einmal. Das klang in seinen Ohren nun so lange her, und war doch nur vor 3 oder 4 Jahren gewesen.
"Keine Sorge. Ich komme zurecht..." beantwortete ihm Seli seine unausgesprochene Frage. War seine Mimik so aufschlußreich gewesen? Wie zum Beweis sprang sie mit wenigen flinken Schritten trittsicher eine brüchige Gartenmauer hinauf und von dort direkt auf die ausladenden Äste einer der beiden Eichen vor dem Haus.
Ehe sich Rick versah, war sie wie ein zwischen den Blättern rötlich-bunt schimmerndes Eichhörnchen über die Äste bis auf eine Höhe von mehreren Metern geklettert und balanciert. Sie steckte den Kopf grinsend aus einem dichten Büschel grünem Laub und winkte herausfordernd nach unten.
"Okay. Ich glaube es dir ja. Ganz nett. Wenn ich Zeit hätte, würde ich dir sogar zeigen, wie man sowas richtig macht..." Rick deutete demonstrativ auf einige weiter oben liegende Äste und beugte dann seine Arme, um seinen Kletterbizeps zu betonen. "Und jetzt komm wieder runter..."
Raschelnd landete sie im Gras neben ihm. War sie tatsächlich aus dieser Höhe gesprungen? Rick wusste nicht, ob er erschrocken oder beeindruckt sein sollte.
Seine Zweifel, ob sie mit ihm Schritt halten können würde, waren jedenfalls verflogen.

Sie gingen durch den Garten zurück in Richtung Außenmauer und durchquerten dabei ein früher einmal streng geometrisch angelegtes Heckenlabyrinth, daß nun versunken in dicht miteinander verwachsenen Ästen und buschigen Farnen immer mehr von seiner ursprünglichen Kontur verlor.
Auch eine Art, wie ein System von menschlicher Ordnung zu einer nur noch von seinem natürlichen Rhythmus bestimmten Unordnung übergehen konnte.
Kosmos zum Chaos. Das Ende aller menschlichen Planung.
Rick mochte den Garten dennoch, wie er sich eingestehen mußte. So sehr er immer vom geordneten Leben und der zukünftigen Karriere fabulierte, so sehr schätzte er tief drin doch all jene Dinge, die aus dem Rahmen fielen. Die unserer geradlinigen Existenz zuwider liefen und ihren eigenen Weg gingen.
Er blickte mit einem Gefühl dezenter und nur leicht ungewollter Bewunderung auf Seli, die beschwingt ein paar Schritte vor ihm lief.

Man sollte ihr dieses ökoliberale Aussteigerleben trotzdem nicht zu leicht machen. Ein wenig Bodenständigkeit konnte nie schaden.
"Was für ein Durcheinander..." nörgelte er entgegen seinen wahren Gedanken, und deutete mit versuchter Geringschätzung auf den Garten. "Da stammt wohl auch deine Abneigung gegen alle Regeln und Gartenarbeit her. Wenn man hier so aufwächst, dann muß Schule und Beruf und Karriere doch sehr weit entfernt sein..."
"Welches Durcheinander..?" Seli runzelte die Stirn. "Tsssss. Guck doch mal genau hin..."

Rick hatte zuerst keine Ahnung, wovon sie sprach, aber er folgte ihrem Fingerzeig und auf einmal leuchtete eine Erkenntnis in seinen Gedanken auf.
Die verästelten Muster der Zweige. Die Struktur der Farnblätter. Die Symetrie der Blüten. Selbst die Gräser und das Unkraut. Alles eine höhere Form der Ordnung.
Ein Garten aus Fraktalen. Die Formen der Natur. Kein Chaos. Vielmehr die Vielfalt in der Einheit und die Einheit in der Vielfalt.
War das Universum wirklich so simpel? War die gewichtige Mathearbeit, die er heute in der vierten Stunde unbedingt schreiben wollte, der völlig falsche Pfad?
Für einen Moment dämmerte eine Art von großer Welterkenntnis in seinen Gedanken herauf, die er schon fast berühren konnte, als sie ihm wieder entglitt.
"Für euch ist ein Garten nur dann geordnet, wenn das Gras akkurat auf den Zentimeter geschnitten, und die Blumen und Bäume schön in parallelen Reihen gepflanzt sind. Ein lebendiges und in sich schlüssiges Universum kann aber nur dann in verborgener Ordnung entstehen, wenn man sich als Schöpfer mit dessen Ursprung arrangiert. Und der Same eines jeden Universums ist das Zerbrechen von Ordnung...." erklärte Seli in einer weiteren kryptischen Anwandlung. "Das hat nichts mit einer Abneigung gegen Regeln und Gartenarbeit zu tun. Allerdings wird man niemals eine kosmische Ordnung mit Lineal und Gartenschere begründen..."
"Hübsches Motto für Faulenzer..." grinste Rick. "Passt leider nicht auf ein T-Shirt gedruckt..."
Er musste an den öden Garten seiner Eltern daheim denken. Ein Prestige-Objekt, bei dem der Rasen immer ein wenig gepflegter sein mußte, als bei den Nachbarn.
"Besteht das Universum nicht im tiefsten Inneren ohnehin aus Chaos?" zitierte er den Wissenschaftsonkel aus der ganz erstaunlich lehrreichen TV-Sendung.
"Das kommt immer auf die Distanz des Beobachters an..." korrigierte ihn Seli, ohne dies weiter auszuführen.

Sie verließen den Garten durch das große Tor, daß sich mit einem lauten metallischen Krachen hinter ihnen schloß.
Rick wollte sich eigentlich nochmal näher umschauen. Vor allem wollte er sich merken, wo genau die gut versteckte Auffahrt zu soviel Privatsphäre abzweigte, aber irgendwie war er dann doch zu sehr in Gedanken versunken.
Seli hatte einige Vorschläge über die Route und den Zeitplan gemacht. Er dachte darüber nach und kam zu der Einsicht, daß sie wohl tatsächlich recht hatte.
Was ihn schon wieder ein wenig wurmte, denn eigentlich wollte er doch der große Anführer sein. Und klammheimlich hoffte er, daß er sie mit seiner Erfahrung als Pfadfinder ein wenig beeindrucken könnte. Aber wo das Mädel recht hatte, hatte sie recht. Er war wohl zu lange nicht mehr hier draußen unterwegs gewesen und musste sich auf ihr Urteil verlassen.
Der Weg an den berühmten "Neun Bodenlosen Löchern" vorbei war die beste Wahl. Außerdem hatten Sie dort oben vorhin auch das komische UFO gesehen.
Natürlich waren die Löcher nicht wirklich bodenlos, aber es waren ziemlich tiefe Dolinen, die sich auf einer großen Kalkfläche unterhalb des Gipfels in den Boden gefressen hatten. In einigen davon hörte man in der Tiefe Wasser rauschen, und es gab wohl auch eine Verbindung zu dem alten Minenschacht.

"Okay. Machen wir so. Ausnahmsweise..." gab er nach und kratzte sich an der Stirn. Er nahm sich vor, daß er auf jeden Fall noch seinen eigenen Kopf durchsetzen würde. Später. Schließlich war die ganze Tour sein Plan und er war der einzige Anwesende, der ernsthaft zur Schule wollte.
Als er sich umsah, bemerkte er, daß sie bereits an der Abzweigung waren, an der sie die schmale Teerstraße verlassen musste. Das Haus und die Auffahrt waren irgendwo hinter einer weitläufigen Kurve verschwunden.

"Wir sind gut in der Zeit. Dann führe mal an, großer Pfadfinder..." riß ihn Seli aus den Überlegungen und deutete auf den schmalen Trampelpfad, der wenige Meter vor ihnen zwischen zwei Felsbrocken rechts von der Straße abzweigte und dann mit zunehmender Steile den Berghang hinauf führte.
Die Wiesen wirkten hier sehr trocken und sonnengebräunt, vereinzelt schaukelten aber kleine hellblaue Blüten und roter Mohn im Morgenwind.
Sie waren am Fuß des Felsenbergs. Endlich der richtige Weg. Keine Abweichungen. Keine Nebentouren. Keine Abenteuer. Kein Kinderkram. Auf gerader Strecke über den Berg und dann runter zur Schule.
"Richtig. Jetzt nehmen wir die Sache mal wieder ernst..." erklärte er, und lief ein paar stürmische Schritte voran zu einem verwitterten Wegweiser aus krummem Holz, der halb in einem Schlehenbusch versunken war. In von der Sonne ausgebleichten Buchstaben konnte man die Worte "Zur Burg" entziffern.
"Hmmm Hmmm..." stellte Rick mit aller gebotenen Autorität fest. "Dieser Weg führt zur Burg."
"Wie allein und verloren ich doch ohne dich wäre..." kommentierte Seli trocken.

Rick bemerkte noch ein weiteres Schild, daß irgendjemand abgerissen hatte, und das zwischen den Büschen lag. Er hob es auf und las auf dem Wegweiser aus Plastik die Aufschrift "Hotel & Cafe 60 Minuten - Gutbürgerliche Küche - Traumhafte Aussicht".
Richtig. Irgendwann in den 80er Jahren hatte sich ein Unternehmer aus der Region eingebildet, er könnte den Felsenberg für seinen Profit touristisch erschließen und dann mitten in die Wildnis einen häßlichen Betonblock gestellt. Mit mediterraner Aussichtsterasse und allem Schnickschnack.
Zuerst waren die Gäste ausgeblieben. Danach war man bei Arbeiten im Keller durch den Boden in einen Hohlraum gebrochen. Zuletzt hatte sich das ganze Fundament gesenkt und der Prestigebau war zur Ruine geworden.
Früher hatten die Kinder dort oben "Spionagezentrale" oder "Superschurkenversteck" in den Hotelgängen mit ihren laut widerhallenden Wänden gespielt. Nach einem Unfall mit mehreren verletzten Kindern war das Hotelgelände dann besser abgeriegelt worden.
Rick würde doch zu gerne mal wieder dort vorbeischauen. Später. Später. Nicht heute.

Sie waren einige Schritte bergan gelaufen und hatten nun einen Überblick über die schmalen Wege und Teerstraßen, die sich in einem dünnen Netz aus bräunlichen und ausgebleicht asphaltgrauen Linien durch die Landschaft zogen.
Seli dachte kurz nach und sprang dann behende auf einen Felsblock neben dem Weg. Sie hielt die Hand über die Augen und spähte in die ganze Umgebung.
"Kommt es dir nicht auch komisch vor, daß uns heute noch niemand sonst begegnet ist?" fragte sie mit einem Stirnrunzeln.
"Keine Ahnung. Um die Zeit bin ich unter der Woche sonst in der Schule. Da solltest du besser Bescheid wissen..." entgegnete Rick.
Er musste aber trotzdem innerlich zugeben, daß es ungewöhnlich war.
Sicher, man lebte hier im hintersten Winkel der Provinz, wie er schon oft lamentiert hatte, und gerade diese Seite der Höhenzüge war für ihre Abgeschiedenheit bekannt. Außerdem war es wie gesagt ein stinknormaler Wochentag und noch immer recht früh.
Trotzdem schien es ihm unerwartet, überhaupt niemanden zu treffen. Radfahrer und Wanderer schätzten die Gegend für Touren, gerade in der kühleren Morgenluft.
Einige brachliegende oder mit Mais und Raps bewachsene Felder säumten die Straßen, also würde man fleißige Bauersleute und Landmaschinen erwarten.
Außerdem befuhren zumindest einige Autos trotz so mancher Engstellen und Schlaglöcher regelmäßig die Gegend, sei es, weil die Fahrer in den Dörfern wohnten oder weil man einfach die überfüllten Hauptstraßen mittels Schleichpfaden umgehen wollte.
Aber heute war niemand unterwegs. Gar niemand. Seit der Schulbus um die Ecke gebogen war, hatte Rick - abgesehen von dem komischen Flugobjekt und dessen Geräusch - nur die Stille der Natur gehört. Nicht einmal aus der Ferne mischten sich Laute der Zivilisation darunter.

"Es ist kein lebender Mensch auf diesem Berg außer uns. Wir sind hier allein für viele Kilometer Umkreis..." stellte Seli spontan eine gewagte Behauptung auf.
Mit einem Ton, der nach fester Überzeugung klang.
Sie sprang nach unten und lief weiter. Rick zog eine ungläubige Grimasse. So gut war der Ausblick von hier nun auch nicht, da sie noch ziemlich weit unten am Hang waren. Oben an der Burg konnten sich ganze Touristenhorden tummeln. Was aber ungewöhnlich wäre, da es keinen Parkplatz für bequeme Bustouren gab.
Aus leichter Verärgerung über Selis Dickkopf drehte sich Rick beim Laufen mehrfach um, und ließ seine Augen über die tieferliegenden Straßen schweifen.
Beim dritten Versuch hatte er endlich Glück. Eine dunkle Gestalt bewegte sich langsam auf einer der Straßen.
"Hah..." erklärte er triumphierend "Jetzt hattest du aber auch mal Unrecht. Damit mußt du jetzt leben. Da unten läuft einer..."
Er kniff die Augen zusammen und versuchte trotz der größeren Entfernung Details zu erkennen. Es war kein bunt gekleideter Tourist oder Wanderer. Es war auch kein Bauersmann auf dem Weg zur Arbeit. Es war überhaupt irgendwie ungewöhnlich und zu dunkel. Schemenhaft. Eine Kontur wie ein Schattenriss.
Wo hörte der Körper auf und wo fing der Kopf an? Erst nach einigen Sekunden dämmerte Rick, welche Art von Kleidung die Gestalt dort unten trug.
"Ei gugge mal. Ein Kuttenfutz..." rief er, und drehte sich zu Seli um. Diese war erstaunt stehengeblieben und kam zurück.
Rick deutet mit dem Finger triumphierend nach hinten und drehte sich dann wieder zurück. Und die Gestalt war verschwunden. Spurlos.
Neben der leeren Straße war nur ein brachliegendes Feld und ein flacher Graben. Keine Orte, an denen sich jemand verstecken konnte. Und doch hatte sich die Figur in den paar Sekunden, die er sich kurz weggedreht hatte, einfach ins Nichts verflüchtigt.

"Also das ist doch..." murmelte Rick und schüttelte den Kopf. "Der war doch gerade noch da..."
"Wer war das?" fragte Seli mit einer hörbaren und ungewohnten Anspannung.
"Ein...Mönch..." sagte Rick, und es wurde deutlich hörbar, wie unglaubwürdig er sogar für sich selbst klang. "Ja. Echt. So ein Kerl mit einer schwarzen Kutte über dem Kopf. Ich dachte mir noch, daß der doch bald schwitzen muß, wenn es jetzt wärmer wird und er hier so rumwandert. Und nu isser weg..."
Seli schloß die Augen kurz. "Es ist wie ich gesagt habe. Im Umkreis von etlichen Kilometern ist kein lebender Mensch auf dem Berg."
"Ach ne. Dann war das wohl der Spuk höchstpersönlich..." murrte Rick. "Oder so eine Art magischer Tarnkappenmönch mit Superkräften..."
Und er musste zugeben, daß irgendetwas Seltsames an der Gestalt dran war.
"Das sehen wir uns später an. Wenn er wirklich da war, dann wird er uns sicher nochmal über den Weg laufen..." nickte Seli und ging weiter.
Rick starrte noch ein paar Sekunden auf die leere Landschaft und lauschte in den Wind. Dann folgte er ihr.

Sie erreichten eine unbeschilderte Weggabelung, an der ein breiter und gut begehbarer Schotterpfad nach links abzweigte und ein eher ruppiger und mit Steinen übersähter Graspfad nach rechts durch eine magere Wiese anstieg. Rick wollte den linken Pfad nehmen, aber Seli war anderer Meinung.

"Wir sollten hier rechts raufgehen. Das ist der bessere Weg und führt uns schneller zum Ziel..."
"Ernsthaft?" Rick runzelte die Stirn. "Früher war es immer so, daß man hier am Schotterpfad bis fast direkt unter die Burgmauern gekommen ist. Schneller geht es natürlich, wenn wir weiter oben dann hinter der Hecke durch die Gucklochhöhle und über die Drachentreppe gehen. Aber der Weg hier rechts führt nur zu einer Felsenkanzel mit Geländer. Das ist eine Sackgasse. Da kann man zwar rüber auf die Steilabbrüche gucken, aber weiter geht es dort nicht."
"Vertrau mir einfach..." sagte Seli mit sanfter Freundlichkeit. "Der Überblick von dort wird uns die nächsten Schritte erleichtern."
Rick dachte kurz nach. Ein wenig Überblick konnte ja wirklich nicht schaden. Trotzdem wurmte es ihn, daß er schon wieder nachgeben sollte. Es war doch seine Tour.
"Na gut. Ausnahmsweise..." sagte er stattdessen und trottete hinterher. Würde er ihr halt noch einmal den Gefallen tun. Sie hatte ja vermutlich wieder Recht.
Wenn sie ihn aber mit ihrer ständigen Besserwisserei weiterhin nerven würde, könnte er sie irgendwann einfach mal allein in der Gegend stehen lassen.
Jawohl. Ganz sicher. Aber nicht jetzt. Später.

Er blickte sich um, und suchte die Wege hinter ihnen nochmal nach dem Mönch ab. Dieser blieb weiterhin verschwunden und die Wege lagen leer und verlassen da.
Nach einigen Minuten Aufstieg hatten sie die Kanzel erreicht und Rick lehnte sich an die eisernen Geländerstreben, die seltene Besucher vor dem Absturz schützen sollten. Der ganze Hang fiel hier etwa 20 Meter steil nach unten ab.
Ein verschrammtes altes Münzteleskop war in den Boden betoniert. Eine eingeprägte Aufschrift verlangte "1 DM" für das Aktivieren des Fernrohrs. Auf der anderen Seite des Tales, in dessen Grund ein kleiner Fluß rauschte, stiegen weitere Felswände noch höher an und bildeten eine Geländestufe.
Das war ein berühmtes Vogelschutzgebiet und wahrscheinlich sollte man mit dem Fernglas auf die Nistplätze spähen.
Aber wer zum Geier hatte heutzutage noch 1 Deutsche Marke dabei?

Seli grinste und hob demonstrativ beide Hände. Sie machte einige Gesten wie ein Bühnenzauberer und - voila - zog ein silberglänzendes Markstück aus dem Nichts.
Es wanderte über die Fingerknöchel der rechten Hand, verschwand dort wieder und tauchte mit ein paar weiteren theatralischen Gesten in der linken Hand auf.
"Nicht übel..." Rick klatschte brav höflichen Applaus für die Vorführung. "Kennst du Sven aus der Nachbarklasse? Der macht sowas immer mit Kond...ich meine mit Zeug aus seiner Hosentasche."
Er musste aber zugeben, daß Selis Trick gut wahr. Die Münze verschwand schneller, als das Auge folgen konnte. Da könnte der ungelenke Sven aber was lernen.
Vielleicht noch ein paar Kaninchen aus dem Hut und den Trick mit der Tasse und der warmen Milch dazu, und man hätte eine nette Show.
"Wie macht man sowas? Ich meine Dinge aus dem Nichts auftauchen zu lassen..." fragte Rick.
"Ist ganz einfach. Für Münzen reichen ein paar weite Ärmel und flinke Finger. Für größere Sachen braucht man ein Quantenvakuum..." erklärte Seli.
Sie reichte Rick das Markstück in einer großen Geste und nickte in Richtung Teleskop.
"Kannst du das beim nächsten Mal auch mit richtigem Geld machen?" Rick nahm die Mark. "Dann spendier mir später in der Schule eine Wurstsemmel..."
Er steckte die Münze in das vermutlich defekte Teleskop. Dieses begann zu seiner Überraschung zu klicken und zu surren und Tageslicht flackerte im Objektiv auf. Leise tickend lief die Zeituhr bis zur nächsten Dunkelblende.

Rick drehte das Teleskop nach links und spähte über die Felswände an der Ostseite des Berges. Er suchte nach Vogelnestern, konnte aber auf Anhieb keine entdecken. Dann fiel ihm etwas anderes auf und er blinzelte mit den Augen.
Irgendetwas schien dort zu flimmern, so als ob heiße Luft aufstieg. Es war jedoch ein Touch von violettem Licht in diesem Flimmern, was es unnatürlich wirken ließ.
Wie einen Fehler in der Matrix. War es ein Fehler in der alten Teleskoplinse.
Er blickte über den Rand des Teleskops und konnte das verwaschene Flackern jetzt auch mit bloßen Auge wahrnehmen.
Seli hatte es auch bemerkt. Wahrscheinlich schon eher als er, denn sie hatte vorher schon in diese Richtung geblickt.

"Nette Blasphemie am frühen Morgen. Die Flegel haben ein Guptenfeld..." sagte sie mit einer Mischung aus Erstaunen und Verärgerung. "Ich hatte mir doch vorhin schon sowas gedacht. Das bekommt man auch nicht auf jedem galaktischen Schwarzmarkt..."
"Aha..." Rick kratzte sich am Hinterkopf. Der SciFi-Geek brach mal wieder bei ihr durch und sie schrieb verbale Fanfiktion mitten beim Wandern. Hoffentlich keine Slashstories mit Kirk und Spock.
Er würde einfach mal mitspielen und sich amüsiert die ganze Show anhören. "Und das bedeutet was?"
"Die Gupten sind eine ausgestorbene Spezies. Sie lebten am anderen Ende eurer Milchstraße und waren euch etliche Tausend Jahre in der Entwicklung voraus. Durch all ihre Forschung und Theorien über das Wesen der Realität kamen die Gupten zu der Erkenntnis, daß sie ihre Götter nicht mehr brauchten und diese als archaische Relikte obsolet geworden waren..."

"Aha. Die wurden also richtig schlau und hielten sich dann für Richard Dawkins?" nickte Rick und kam sich eloquent vor. So langsam stellte er sich auf die obskuren Gespräche mit Seli ein. Sie nickte bedächtig und Rick fühlte sich richtig gut dabei. Sie fuhr fort.
"Präzise. Aber die Gupten gingen noch weiter. Ihr Menschen habt doch dieses Konzept, daß euer...ähem...Gott der Herr im Himmel all eure Gedanken kennt und das sein Wille auf Erden geschieht und so weiter. Die Gupten wollten all das nicht mehr. Sie wollten der Schmied ihres eigenen Schicksals sein. Keine Schachfiguren. So entwickelten ihre Forscher eine Technologie auf kristalliner Basis. Eine Branenschwingung, die etwas Neues in das Universum brachte - das Guptenfeld..."
"Ich nehme mal an, sie haben es nicht zum Heißmachen von Popcorn verwendet?"
"Das Guptenfeld ist eine Sperrzone, daß selbst höhere Wesen quasi aussperren kann. Auch ein göttliches Wesen kann es nicht ohne Weiteres durchdringen, dahinter sehen oder gar seinen Willen innerhalb des Feldes geschehen lassen. Das kann frustrierend sein, wenn man die Allmacht gewohnt ist. Da kommt so eine Spezies von physischen Trantüten daher und wirft einem quasi einen blinden Fleck in das Bewußtsein. Aber das war leider noch nicht alles..."
Sie schwieg für einen Moment und blickte von den Felsen zum wolkenlosen Himmel hinauf. Rick war neugierig und wollte nachhaken, aber dann sprach sie weiter. Und eine seltsame Traurigkeit schwang wieder mit.

"Die Gupten hatten eines nicht bedacht. Sie haben sich von ihren Schöpfern abgekapselt und wähnten sich frei. Dabei haben sie aber auch den Kontakt zu jenem Funken verloren, der ihnen von außen gegeben war. Leben jenseits des Physischen. Ein Funke, der aus dem göttlichen Feld kam, und einen Finger quasi auf einen winzigen Teil all ihrer individuellen Bewußtseine gelegt hatte. Der Funke sprach zu ihnen: denke und erkenne dich selbst. Er war die Quelle der Inspiration. Des Verlangens nach Kreativität und Wissen. Der Fähigkeit, ästhetische Schönheit als Wunder zu empfinden. Liebe. Gut und böse zu erkennen." Sie schwieg kurz.
"Sie lebten in ihrer schützenden Blase und verloren all das. Krieg und grausame Jahrhunderte waren die Folge. Meere voll Blut. Und anders als etwa die Berserker von Nuum konnten die Gupten die Tragweite ihres Tuns intellektuell weiterhin erfassen. Mit einem kalten und logischen Verstand. Die Götter wollten dies nicht mehr mit ansehen und das Feld zerbrach. Einer der ihren kam. Mit dem flammenden Schwert, wie es eure kulturelle Symbolik ausdrücken würde..."
"Was haben die Götter dann getan?" Rick war irgendwie fasziniert von der Fiktion und wollte auch den Schluß hören.
Seli pflückte sich einen kleinen grünen Apfel von einem wildwachsenden Apfelbaum an der Felskante und biss hinein.
"Wie ich schon sagte..." entgegnete sie kühl. "Die Gupten sind eine ausgestorbene Spezies..."
"Blimey..." Rick fand den Schluß etwas düster. "Das hat Captain Picard bestimmt nicht gefallen...."

Als Fanfiktion war die Story durchaus akzeptabel und würde online bestimmt relativ gut ankommen. Popularität 7 von 10 Punkten. Naja, ein bißchen zuviele Fremdwörter und Babbelkram vielleicht. Wobei man für die größere Zielgruppe noch einen erotischen Schluß hinzufügen sollte, bei dem der Captain anschließend Commander Riker und Mr. Data mit in sein Quartier nimmt, um sie in die Geheimnisse der Liebe einzuweihen.
Rick schauderte kurz über seine eigenen Gedanken. Er war wirklich zuviel im Internet unterwegs.
"Kannst du mit dem Trek-Gebabbel einen Gang runterschalten. Mein Fehler. Ich und meine große Klappe..." murrte Seli und verpasste Rick eine Kopfnuß. "Die Sache ist ernst. Wer immer ein Guptenfeld verwenden kann, ist zumindest auf einem technischen Level, der für euren Planeten eine echte Gefahr darstellt."
Rick überlegte für seine Antwort kurz, um irgendwelche fiktiven Bösewichter aus dem Weltraum zu finden, die nichts mit Star Trek zu tun hatten.
Klickend schaltete sich das Teleskop ab, als die Zeit abgelaufen war. Vor lauter Gebabbel hatte Rick völlig vergessen, noch weiter durchzuschauen.
Aber es war ja nicht seine Mark gewesen. Überhaupt hatte der ganze Abstecher hierher nichts gebracht, außer...
Seli drehte den Kopf plötzlich zur Seite und spähte nach oben in den Hang. Dann sprintete sie los und rief kurz "Schnell. Komm mit. Sie sind dort..."

Nach einem atemlosen Sprint quer den Hang hinauf und mitten durch ein paar haklige und stechende Büsche und Hecken stolperte Rick tollpatschig auf eine flache Ebene, an der mehrere Pfade zusammenliefen. Er konnte gerade noch schlitternd bremsen und lehnte sich nach Luft schnappend an einen Baum.
Seli kniete bereits am Boden und betrachtete grimmig eine größere Menge an grauer Substanz, die in ungewöhnlicher Form auf dem Boden und im Gras ausgebreitet war. Es war Asche. Der Boden und das Gras in der Umgebung waren aber nur geringfügig angeschwärzt, so als ob die Hitze extrem konzentriert gewesen war.
"Was soll das sein?" fragte Rick und konnte den Grund für die ganze Rennerei und Aufregung nicht nachvollziehen.
"Das war einmal ein Mensch..." murmelte Seli und rührte mit den Fingern in dem grauen Staub. "Wir sind zu spät. Er ist in wenigen Sekundenbruchteilen verbrannt. Selbst seine Astralsubstanz ist schwer geschädigt und überall im Raum verteilt..." Sie deutete in verschiedene Ecken der Umgebung, in denen nichts zu sehen war. "Vielleicht wird er jetzt nie den Pfad aus der Welt finden und sein Licht sehen. Das ist eine völlige Auslöschung. Nicht akzeptabel..."
Rick betrachtete den Aschehaufen. Nun fiel ihm auch auf, was an der Form so ungewöhnlich war.
Die grauen Häufchen wirkten in ihren Anordnung verteilt wie ein menschlicher Körper. Beine, Rumpf, Arme, Kopf. Wie lang ausgestreckt auf dem Boden und dann in Asche verwandelt. Aber das war natürlich Zufall und Einbildung.
"Da hat sich halt jemand ein Lagerfeuer gemacht..." zuckte er mit den Achseln.

Seli wühlte weiter in der Asche und zog ein Stückchen weißgrauer Substanz hervor. Es war so groß wie ein Kieselstein und zerbröselte in ihrer Hand noch weiter. Zwischen den gekohlten Rändern blitzte noch perlmuttfarbene Substanz hervor. Es war ein Knochenstück.
"Da hat sich halt jemand ein Hühnchen in seinem Lagerfeuer gebraten..." fügte Rick erklärend hinzu, und hoffte, daß Selis dunkle Fantasie dadurch beruhigt würde.
Die Hoffnung war aber vergebens.
Sie rieb das Knochenstück zwischen ihren schlanken Fingern und schloß die Augen.
"Es war ein alter Mann. Er wäre nächste Woche 75 Jahre alt geworden. Er hatte sich auf seinen Geburtstag gefreut, weil seine Tochter aus Australien zu Besuch gekommen wäre und die Enkel mitgebracht hätte.

Er hatte in seiner eigenen kleinen Werkstatt im Keller zwei wunderbare rote Rennwagen aus Holz für die Enkel gezimmert. Er war sehr stolz gewesen. Er war auf den Berg gegangen, um früh am Morgen Brennholz zu sammeln. Und über das Alter und das Leben nachzudenken. Er war ein Stück weiter oben, als es kam. Es kam. Näher. Näher. Ein großes Krachen in den Büschen. Ein schreckliches Ding. Er rannte. Und rannte. Aber er war alt. Es war schneller. Es kam wie eine donnernde Lawine hinter ihm her. Schwarz. Klingen aus Metall krachten auf den Boden. Das violette Licht. Er fiel hin. Er wollte sich umdrehen. Er wollte es sehen...." Sie machte eine lange Pause und verzog das Gesicht wie von Schmerz getroffen. "Nichts mehr..."
Sie ließ das zersplitterte Knochenstück zurück in die Asche fallen, in die es geräuschlos eintauchte und versank.
"Gute Story. Schön dramatisch..." Rick deutete auf seine Armbanduhr. "Wenn ich einen Titel vorschlagen darf - Großes Requiem für Hühnerknochen."

Seli legte ihre rechte Hand auf die Asche und murmelte etwas. "Das ist alle Hilfe, die ich dir geben kann. Viel Glück und gute Reise..." fügte sie hinzu.
Rick verdrehte die Augen und trottete leise vor sich hin nörgelnd ein paar Schritte den Weg hinauf.
Er musste sich irgendwie ablenken, bevor ihm endgültig der Geduldsfaden riß und er Dinge sagen würde, die er gar nicht sagen wollte.
Am Boden waren seltsame Spuren zu sehen. Er kniete sich hin. Tiefe keilförmige Abdrücke im Erdreich. Vielleicht von den Gehstöcken einer Wandergruppe?
Tiefe Schleifspuren am hartgepressten Sand und auf Steinen, als hätte jemand ein großes Gewicht darüber gezogen.
In einer trockenen Wasserrinne direkt daneben waren Büsche und Pflanzen geplättet und mitsamt den Wurzeln aus dem Boden gerissen. Als ob eine tonnenschwere Lawine vor Kurzem darüber hinweg gerauscht wäre. Hatte Seli nicht gerade etwas von einer Lawine fantasiert?
Ein seltsamer Geruch nach Chemie stieg auf und Rick beugte sich ein wenig in die Rinne und brach einen der zerfetzten Äste ab.
Schmierige Fäden aus einer Art von schwarzem Öl trieften von dem Zweig nach unten. Auch das Gras in der Rinne schien von einer Schmier- und Schleimspur bedeckt zu sein, als wäre eine Schnecke quer durch eine Ölpest gekrochen.

"Bläh..." sagte Rick und warf den Zweig weg. "Wer immer das wilde Feuerchen gemacht hat, war ein Umweltferkel. Zuerst seinen Dreck in die Gegend schmeißen und dann auch noch frech am Tatort Mittagessen kochen. Das haben wir gern. Ich hoffe, sie schnappen ihn..."
Seli putzte sich die Hände an ihrer Kleidung ab und verschmierte ein wenig Asche. Rick schüttelte den Kopf. So wird das nix mit der Eleganz.
"Können wir jetzt weiter?" fragte er, und versuchte dabei, so freundlich wie nur möglich zu klingen.
Seli hatte wieder eine ihrer weiblichen Stimmungsschwankungen durchlaufen und war von Melancholie zu einer beinahe grimmigen Überzeugung gewechselt.
"Hier entlang..." deutete sie in die Richtung der Schleifspuren. "Es ist dort oben. Es wird bezahlen..."

Sie waren etwa Hundert Meter bergauf gesprintet, als ein lautes Krachen und Bersten von Holz aus den Büschen links des Weges zu hören war.
Vielleicht eine Rotte schlecht gelaunter Wildschweine? Rick war mal so einem Haufen Schwarzkittel im Wald begegnet, und die waren sehr stinkig gewesen. Sowohl vom Temperament, als auch vom Geruch her. Er hoffte also, solchen Begegnungen und dem damit verbundenen Weglaufen entgehen zu können.
Das laute Schleifen und Splittern kam immer näher und nun konnte Rick auch Bewegung im Unterholz ausmachen. Ein Baum neigte sich zur Seite und fiel um.
Fiel um? Woah. Das waren aber große Wildschweine. Sehr große Wildschweine. Wo war Obelix, wenn man ihn brauchte?

"Ich glaube, wir sollten besser..." begann Rick einen Satz und deutete in Fluchtrichtung nach hin.
Weiter kam er nicht, denn plötzlich explodierte die ganze Heckenzeile vor ihm in einem Regen aus zerfetzten Ästen und Blättern.
Ein großes schwarzes Etwas wuchtete sich nach oben und blieb für einen Moment sitzen. Dann begann es, langsam näher zu kriechen.
Und Rick rieb sich verwundert die Augen.

Die Kreatur, die direkt vor ihnen auf dem Weg saß, war das bizarrste Ding, daß Rick je gesehen hatte.
Es war eine Maschine in etwa der Größe eines Kleinbusses. Es war eine Maschine, die aussah wie eine Art von groteskem Insekt. Wie eine riesengroße Zecke.
Ein dicker schwarzer Hinterleib, der lebendig zu pulsieren schien. Acht dünne metallische Beine mit scharfen Klauen, die viel zu klein für den massigen Körper wirkten. Insektoide Augen aus Metall. Greifende und schnappende Zangen und Kiefer. Alles geprägt von einer für das Auge höchst ungewohnten Asymetrie.
Als ob H.R. Giger und Jules Verne und ein paar durchgeknallte Entomologen zusammen eine wilde Party in einer Roboterfabrik veranstaltet hatten, und jeder das bauen und konstruierten durfte, was ihm gerade durch seine Fantasie gewandert war. Oder seine Alpträume Am Ende war dann alles zusammengeworfen und zu einem einzigen Wesen verschweißt worden. Eine Mischung aus moderner Kybernetik und viktorianischer Dampfmaschine, verziert mit öligem Dreck und Unreinheit.
Und dieses insektoide Wesen aus Flickwerk saß nun direkt vor ihnen und bewegte sich träge, aber zielbewußt in ihre Richtung.

Das ganze Ding war tiefschwarz. Und obwohl es vollständig aus Metall bestand, wirkte es fast organisch.
Was vermutlich durch den feuchten Glanz entstand, der wie eine dicke und triefende Schmierschicht aus stinkendem Öl auf dem ganzen Körper verteilt war. Bunte Schlieren glänzten in allen Farben des Spektrums im Sonnenlicht, als sie über das schwarze Metall floßen und zu Boden tropften.
Ein elektronisches Klopfen wie ein durch Hochspannung gefilterter Herzschlag wurde hörbar. Wie ein Herz in einem überlasteten Transformator.
Es wirkte wie das Geräusch, daß sie vorhin über die Landschaft schweben gehört hatten. Mit jedem Pochen flackerte das violette Licht, daß aus allen offenen Spalten und Scharnieren des Wesens glimmte, kurz heller auf und verblasste wieder. Rythmisch. Als ob ein Feuer aus jenem fremdartigen Licht in einem Kessel tief drin in dem Wesen brannte. Wie eine archaische Dampfmaschine, nur kälter und künstlicher. Synthetische Anima aus violetter Glut.

Die maschinelle Zecke war nun auf wenige Meter herangekommen und blieb schnaufend und ächzend stehen.
Bläulicher Rauch spieh zischend aus Druckventilen, gefolgt von pneumatischen Geräuschen und dem Klicken und Surren von Zahnrädern.
Das Ding öffnete klackend die metallenen Irisblenden zweier Augen oder Scanner an der Frontseite. Grelles violettes Licht strömte in Schlierenform heraus.
Beide Augen saßen auf zueinander versetzer Höhe, eines so groß wie eine Handfläche, das andere so groß wie eine alte Langspielplatte. Augen aus Metall. Wo hatte Rick diese Worte heute schon einmal gehört?
Der Hinterleib pulsierte an biegsamen Scharnieren und presste noch mehr dunkles Öl heraus, daß an der Seite heruntertriefte.
Die Krallen und Zangen an der Frontseite schnappten leer in der Luft, und für einen Moment legte das Wesen den massigen Kopf schief, so daß es beinahe niedlich in seiner grotesken Erscheinung wirkte. Es schien nachzudenken und Rick und Seli kontemplativ zu betrachten.

"Was zum Geier ist das?" fragte Rick und versuchte, ruhig zu bleiben. Er blickte auf Seli, die zwar eine grimmige Miene zog, ansonsten aber völlig ruhig war.
Sollte sie nicht laut schreien und sich hilfesuchend an seinen Hals werfen, damit er sie beschützen konnte. Beschützen vor...was?
Es mußte doch eine logische Erklärung für all das geben. Er blickte sich um und suchte die Kameraleute und Scheinwerfer, die ganz bestimmt anwesend waren. Anwesend sein mußten. Solche Dinger liefen nicht in der Realität herum, ohne daß irgendwo ein dazu passendes Filmteam existierte. Versteckte Kamera. Haha.
Die Zweifel gingen jedoch nicht weg und jede weitere Sekunde, die Rick das komplexe Ding betrachtete, überzeugte ihn mehr, daß das real war.
Besucher aus dem Weltraum. Öltriefende Robo-Zecken aus einem UFO. Das war nun wirklich ungesund.

"Das ist ja ekliger, als bei den Borg hinterm Sofa. Was ist das?" wiederholte er. Er schien aus Selis befremdlicher Gemütsruhe herauslesen zu wollen, daß sie mit solchem Kram vertraut war und Rat wusste. Woher und warum?
"Morgresch..." zischte sie und spieh das Wort aus wie etwas mit bitterem Nachgeschmack. "Ich hätte es wissen müssen..."
Das Wesen kam noch ein paar auf dem Schotterboden hell knirschende Schritte seiner Metallbeine näher und die künstlichen Augen wurden noch heller. Weitere Klappen und Sensoren öffneten sich und schienen Informationen zu sammeln. Eine Art 3D-Messgatter mit seltsamen Symbolen erschien als Hologram in der Luft.
"Okay..." flüsterte Rick. "Lass uns einfach abhauen. Der scheppernde Kerl sieht langsam aus. Wenn ich sage lauf, dann lauf..."
"Schlechte Idee..." Seli schüttelte den Kopf. "Erinner dich an die Asche. Der alte Mann. Der wollte auch davonrennen..."
Rick schluckte. Er hatte die fantastische Story über die Asche als menschlichen Überrest wieder auf ihre schräge Fantasie geschoben. Sollte es wahr sein?
Das Ding, das Seli als Morgresch bezeichnet hatte, schnatterte in einem grellen Ton. Wie ein hyperaktives Computermodem aus den 90ern.

"Was tut es?" fragte Rick.
"Es überlegt, was es als Nächstes mit uns anfangen soll. Wer von uns beiden seine ungeteilte Aufmerksamkeit mehr verdient..."
"Du meinst, es überlegt wer von uns der Anführer ist und wem es huldigen soll? So eine Höfliche-Antwort-Ja-Nein-Sache?"
"Nope. Es überlegt, ob es den menschlichen Störfaktor mit einer simplen Einäscherung oder mit einer kurzen Autopsie beenden soll..."
"Oh..." Rick hatte sowas schon befürchtet. Wenn es Dicke kam, dann gleich richtig.
"Aber du hast recht. Es wägt auch ab, wer von uns der Anführer ist. Seine Denkstrukur ist rein hierarchisch und mit engem Horizont. Der Anführer wäre in jedem Fall interessanter für eine postmortale Analyse..."
"Dann sollten wir es ihm besser nicht sagen..." Rick sah sich in persönlicher Gefahr.
"Jawohl, mein Kapitän und Pfadfinder..." Seli grinste und salutierte andeutungsweise in seine Richtung.
Mit einem grellen Kreischen verschob sich die gesamte Aufmerksamkeit der Kreatur nun vollständig auf Rick. Die Augen flammten gleißend auf, und einer der vorderen Krallenfüße deutete mit einer scheinbar triumphierenden Geste auf das gewählte Ziel.
"Whooopsie..." sagte Seli. "Ich glaube, es mag deinen Kopf..."
Sie trat einige Schritte von ihm weg zur Seite und bugsierte sich zwischen das Ding und Rick.
"Soll ich mich jetzt geschmeichelt..." begann Rick einen Satz, den er nicht mehr beenden konnte.

Innerhalb von wenigen Sekundenbruchteilen passierten etliche neue Dinge auf einmal. Ein Gewitter aus Eindrücken und Geräuschen brach über die Sinne herein.
Die unteren Kieferzangen des Wesens sprangen auseinander. Etwas glänzte hell in der Sonne und schoß wie ein Hochdruckprojektil daraus hervor.
Ein lautes Surren und ein Knall hallten durch die Luft. Rick hatte nur noch den Eindruck, daß etwas unglaublich Schnelles und sehr Tödliches auf ihn zuraste.
Das war das Ende. Er kniff die Augen zusammen und wartete. Aber nichts geschah. Eine schreckliche Stille lag plötzlich über der Szenerie.

Als er die Augen vorsichtig wieder öffnete, bot sich ihm ein seltsames Bild.
Die Kreatur hatte mit einer funkensprühenden elektromagnetischen Entladung blitzschnell eine Art von fliegendem Kreissägeblatt mit Überschall aus seinen Kieferzangen geschleudert. Schneller als jede Pistolenkugel. Glänzend in der Sonne. Messerscharf und rotierend. Und genau auf Ricks Hals abgezielt. Zu präzise für jeden Gedanken an Rettung. Autopsie mittels Killerfrisbees.
Nur seltsamerweise hatte die unaufhaltsame Waffe ihr Ziel nicht erreicht. Sie hing bewegungslos elektrisch surrend mitten in der Luft und Rick musste zweimal hinsehen, um den Grund erfassen zu können. Er blinzelte ungläubig.
Seli hatte das scheibenförmige Projektil in einer ebenso unglaublich blitzschnellen Reaktion mitten aus der Luft abgefangen und hielt es nun zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand festgeklemmt.
"Hey. Mach das mal mit einem physischen Nervensystem, daß durch eure Lichtgeschwindigkeit begrenzt ist..." grinste Seli. "Gar nicht so einfach. Ich bin gut, eh?"
Rick konnte nur wortlos nicken und fiel dann kreidebleich nach hinten um. Alles drehte sich.

"Und jetzt zu uns..." wandte sich Seli wieder an das Maschinenwesen. Morgresch. Die Fröhlichkeit war aus ihrer Stimme gewichen.
Die Kreatur schien erneut angreifen zu wollen, als hätte sie einen Irrtum überwunden und den wahren Feind gerade eben erst erkannt, kam aber plötzlich nicht gegen eine große unsichtbare Kraft an, die sie nun metallisch knirschend und krachend zu Boden drückte. Als ob eine große Hand aus purer Gravitation auf ihr lag.
Es protestierte mit einem schrillen Kreischen, aus dem all sein kaltes, binäres Unverständnis für diese neue Situation hervorzubrechen schien.
Der kalte Zorn einer logischen Maschine, die gerade eine unlogische Situation zu verarbeiten hatte. Total Metal Breakdown.
Seli beugte sich nach unten und hielt ihr Gesicht ganz nah an die metallischen Zangen, die öltriefend in die Luft schnappten. Sie strich sich die Haare aus den Augen.
"Ich habe eine Botschaft für deine Meister..." flüsterte sie verschwörerisch. "Sag ihnen, daß wir uns kennen. Schon eine ganze Weile kennen. Sag ihnen..."

Rick konnte den Rest nicht versehen, aber es waren fremdartige und nichtirdische Worte, die das Wesen in einen Zustand höchster Agitation zu versetzen schienen.
Das elektronische Kreischen und binäre Pfeifen wurde noch lauter, und es schien fast so, als wollte das Wesen trotz seiner hilflos immobilisierten Motorik und Position wild um sich schlagen. Angreifen? Oder in größter Panik fliehen?
"Hast du die Botschaft übermittelt? Gut..." nickte Seli lächelnd und ging ein paar Schritte zurück. Sie drehte dem Wesen den Rücken zu.
Dieses schien plötzlich von seiner Erdenschwere erlöst und sprang wie von einer mächtigen Feder hochkatapultiert vom Boden auf. Es versuchte mit seinen messerscharfen Vorderbeinen nach ihr zu schlagen oder sich einfach nur mit all seinem tonnenschweren Gewicht auf sie zu werfen.
Seli drehte sich um, holte nur leicht aus und schleuderte das Kreissägeblatt in ihrer Hand beiläufig wie einen Frisbee zurück auf die Maschine.
Innerhalb von Sekundenbruchteilen zog die fliegende Scheibe eine enorme Beschleunigung aus dem Nichts. Eine Druckwelle stieb davon.
Das Sägeblatt durchschlug panzerbrechend mit extremer Wucht und hoher Geschwindigkeit den Kopf des Wesens, pflügte krachend durch den gesamten Körper und trat mit einer Wolke aus Funken und öligem Schleim an der Rückseite wieder aus.
Es bohrte sich irgendwo im Hintergrund noch quer durch einen Baum, der knirschend zur Seite kippte.
Das Wesen hatte ein klaffendes Loch im Körper. Das violette Licht in seinem Herzen verlosch und Flammen schlugen aus den Höhlungen, die rasch auf die ölige Schicht auf der Außenhaut übergriffen. Die Beine knickten ein und die Maschine kippte mit einem metallischen Dröhnen und Ächzen um.Sie fiel in sich zusammen.
Mehr Funken und britzelnde Kriechströme und Entladungen stieben auf, als das letzte Licht in den Augen verlosch.
Das violette Glühen floß wie eine Art von neonfarbener Flüssigkeit aus allen Ritzen und Nischen und versickerte im Boden.
Dann begann das Ding lichterloh auszubrennen und schwarzer, stinkender Qualm stieg in einer dicken Blumenkohlwolke hoch in den blauen Himmel.

Rick rappelte sich auf und starrte ungläubig auf das apokalyptische Szenario. "Wie...wie...zum..." stammelte er.
"Fräulein Kumotos kleiner Selbstverteidungskurs für Mädchen..." erklärte Seli. "Und die Karate-Kid-Filme. Da kann man wirklich viel lernen..."

Kein Foto vorhanden
Zur Autorenseite
Zum Aktivitäts-Index
Veröffentlicht am 12.12.2018. Textlänge: 6.681 Wörter; dieser Text wurde bereits 39 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 14.03.2019..
Was meinst Du?
Diesen Text kommentieren
Schlagworte
Fantasie SciFi Magie Jugendroman
Mehr über BluesmanBGM
Mehr von BluesmanBGM
Mail an BluesmanBGM
Blättern:
voriger Text
nächster Text
zufällig...
Weitere 10 neue Romane von BluesmanBGM:
Selene - Kapitel 15 + Epilog Selene - Kapitel 14 Selene - Kapitel 13 Selene - Kapitel 6 Selene - Kapitel 7 Selene - Kapitel 5 Selene - Kapitel 1 Selene - Kapitel 4 Selene - Kapitel 8 Selene - Kapitel 9
Mehr zum Thema "Fantasie" von BluesmanBGM:
Selene - Kapitel 15 + Epilog Selene - Kapitel 14 Selene - Kapitel 13 Selene - Kapitel 0 Prolog Selene - Kapitel 12 Selene - Kapitel 11 Selene - Kapitel 10 Selene - Kapitel 9 Selene - Kapitel 8 Selene - Kapitel 7 Selene - Kapitel 6 Selene - Kapitel 5 Selene - Kapitel 4 Selene - Kapitel 2 Selene - Kapitel 1
Was schreiben andere zum Thema "Fantasie"?
drei turn - limerix mit merke (harzgebirgler) 'gottfried sauf!' (harzgebirgler) 'gabelweihe' (harzgebirgler) die leberlaus war eiderdaus seit tagen schon nicht mehr im haus (harzgebirgler) röhren & dommeln ODER verklopfte verlegerin (harzgebirgler) ma(t)jestät (harzgebirgler) ein kobold schlug im unterholz (harzgebirgler) die post ging einst mal richtig ab (harzgebirgler) was murmelt das bächlein sich wohl in sein' bart? (harzgebirgler) ein jäger hatte bock auf elefant (harzgebirgler) und 1409 weitere Texte.
Dieser Text ist höchstwahrscheinlich urheberrechtlich geschützt. mehr Infos dazu
diesen Text melden
© 2002-2019 keinVerlag.de   Impressum   Nutzungsbedingungen 
KV ist kein Verlag. Kapiert?
© 2002-2019 keinVerlag.de