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Gesetz
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... und was wir daraus machen:

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Selene - Kapitel 5

Roman zum Thema Fantasie


von BluesmanBGM

Kapitel V - Inanna

Sie waren wieder seit einigen Minuten unterwegs und folgten nun einem Pfad, der sich nur leicht ansteigend am Hang entlangzog.
Es war der Weg, der sie zu einem flachen Plateau im Gipfelbereich bringen würde. Dort befanden sich die Dolinen und weitere Öffnungen in die Tiefe des Berges.
Soweit Rick wusste, war das ganze Gebiet aus Sicherheitsgründen eingezäunt und man konnte es nur mit Besuchergruppen oder geologischen Exkursionen besuchen.
Aber ein wackliger Maschendrahtzaun und ein paar Warnschilder dürften am heutigen Tag das geringste Hindernis sein.
Sie hatte keine weiteren Alien-Maschinen und Monster gesehen, nur ein raschelndes Kaninchen im Unterholz hatte Rick einen gehörigen Schrecken versetzt.
Seli hatte ihm daraufhin grinsend versprochen, all ihre Möglichkeiten dafür einzusetzen, ihn vor Ameisen und bösen Kaninchen zu beschützen. Haha.
Aber warum passierte nichts mehr?
Seli hatte der Drohne ihre Anwesenheit großspurig angekündigt, und die Morgresch wussten nun definitiv, mit wem sie es hier zu tun hatten.
Was würde weiter geschehen? Würden sie ihnen alles an Killerrobotern entgegenwerfen, was nur aufzubringen war? Oder würden sie sie aus Respekt einfach in Ruhe lassen, und hoffen, daß sich Seli nicht in so triviale Belange wie die Invasion der Erde einmischen würde? Oder würden sie warten, bis sie das Feld betreten hatten, und Seli dadurch irgendwie geschwächt wäre? Und falls ja, wer würde einem Menschling wie ihm dann noch gegen diese Dinger helfen können?
War das Feld die Todeszone? Das Feld, auf das sie nun schnurstracks zuliefen, weil nur dort und hindurch und dahinter die Antworten warteten?

Seli war der Meinung, daß irgendwo am Plateau der Haupteingang zur unterirdischen Basis der Morgresch zu finden wäre. Und weil es das Herz der Operation sei, müßte dort auch die Schwachstelle zu finden sein, die sie suchte.
Soweit Rick aus ihren verschwurbelten Worten herauslesen konnte, mußte es eine Art von externer Antenne geben, die das Guptenfeld erzeugte und dessen Blase in den dreidimensionalen Raum abstrahlte.
Der Feldgenerator im Inneren des Berges reichte dazu nicht aus, denn die Antenne musste an einem hohen Punkt liegen und auf den Nanometer genau eine spezifische Form und Maße haben.
Sie konnte sogar nur in dieser einen Form in der realen Welt existieren, damit sie sich nicht in sich selbst "zurückfalten" würde. Warum auch immer.
Zumindest hatten sie jetzt das Territorium von Star Trek verlassen, und waren im leicht angestaubten Standardplotmuster eines Star-Wars-Films angekommen.
Der Schutzschildgenerator musste von einem kleinen Team zerstört werden, damit der Angriff im Dienste von Frieden und Freiheit beginnen konnte.
Rick kam nicht umher, ein wenig zu schmunzeln. Da war er mitten in diesem Abenteuer mit all seinen Seltsamkeiten, höheren Wesen und komplexen Erfahrungen, und am Ende ließ sich alles auf einen einzigen Satz aus dem Popcorn-Kino herunterbrechen. Ob Seli die ungöttliche Ironie bewußt war?

Wie auch immer. In Ricks Kopf drehten sich weiterhin die Eindrücke aus seinem Traum. Er blickte auf Seli, die einige Schritte vor ihm lief, und auch ungewöhnlich stumm geblieben war, als wolle sie ihm Zeit geben, das Erlebte noch ein wenig zu verarbeiten.
Er hatte einige Male versucht, die Traumbilder und Emotionen in Worte und Fragen zu fassen, aber es war ihm nicht gelungen.
Da war so vieles gewesen. Soviele unterschiedliche Wahrnehmungen in mehr Sinnen, als er eigentlich zu haben glaubte. Konnte man zusätzliche Sinne erträumen?
Also tat er das, was er meistens tat, wenn ihn etwas in seinem Gefühlsleben zu sehr bewegte oder Dinge zu Wellen aufrührte, die er gerne ungestört als spiegelglatten und ruhigen Wasserspiegel in seiner Seele belassen möchte. Er verlagerte den Fokus auf rationale Überlegungen und greibare Pläne.
Welchen Vorteil könnte er für sich aus der ganzen Sache ziehen? Ja. Das wäre es, was ein Erwachsener tun und denken würde.
Und da war etwas, daß ihn nun im Rückblick wieder wurmte und irritierte. Ein großer Fehler, den er gemacht hatte.
Träume mögen vielleicht die einzige Möglichkeit für Menschen sein, abstrakte Zeit zu erfahren. Dummerweise waren sie aber auch jene Welt, in der man jeden Sinn für logische Zusammenhänge und Prioritäten verlor.
Er hatte in Selis Geist gesehen. War dort gewesen. Tief drin und ganz weit draußen.
Im Geist eines Wesens mit enormem Wissen. Eine intellektuelle Schatztruhe. Er war durch das Universum gereist und hatte irgendwo im Zwielicht am Rande seines eigenen Bewußtseins für einen Moment so vieles verstanden. Oder alles. Und dann hatte er sich von starken Emotionen packen und wegwischen lassen. Anstatt das Wissen festzuhalten und zu horten, waren ihm nur die Tränen über die Schönheit des Kosmos über sein Traumgesicht gelaufen.
Wissen. Fakten. Verstehen. Das wäre der Vorteil. Wenn das alles vorbei wäre, hätte er Wissen in unglaublicher Menge und Tiefe haben können.

Rick war soeben eine brillante Geschäftsidee gekommen. Er könnte danach Karriere in der Wissenschaftswelt machen. Als Entdecker.
Er ging etwas schneller und schloß zu Seli auf, um ein kleines Gespräch im besten Konversationston zu beginnen.
"Sag mal. Als du mit dem Physiklehrer darüber gestritten hast, daß die Idee von vier Fundamentalkräften kurzsichtiger Unfug wäre, weil es wenn überhaupt nur eine Einzige gäbe, und man einfach nur richtig hinschauen müsste, war das alles wirklich ernst gemeint, oder?"
"Sicher doch..." Seli wirkte leicht beleidigt. "Ein bißchen was verstehe ich ja schon von Physik. Es gibt Universen, wo ich die Regeln selber geschrieben habe. Hier nicht. Wäre mir bei dem Verhau auch peinlich..." Sie sprach den letzten Satz merklich lauter, als wäre er an jemand anderen gerichtet.
Rick rieb sich innerlich die Hände. Falls das wirklich alles stimmte, würde man ihn als Genie feiern. "Kannst du mir das irgendwie kurz aufschreiben? Vereinheitlichung. Grand Unified Theory. Nur mal so aus persönlichem Interesse..."
"Nö..." sagte Seli. "Mach deine Hausaufgaben mal ruhig selbst. Abschreiben ist doof."
"Nur ein kleiner Hinweis. Ein paar Anreize und Formeln und so..."
"Nö..."
"Würde es was helfen, wenn ich eine Ziege opfere?"
"Nö. Arme Ziege..."

"Okay. Okay. Anderes Thema..." Rick bohrte weiter. "Wie ist das mit dem Omega-Punkt?"
Seli blieb stehen und starrte ihn entgeistert an. "Also wirklich. Sowas fragt man eine Dame nicht. Ferkel..."
"Äh. Nein. Nein. Nein..." Rick wurde rot. "Ich meine Teilhard de Chardin. Frank Tipler. Diesen hypothetischen Endpunkt eines erschaffenen Universums, an dem alle Lichtstrahlen aus dem Vergangenheit zusammenlaufen und die Informationsdichte und Verarbeitung unendlich werden..."
"Wie ich schon sagte: Ferkel..." Seli lief mit schockiertem Gesicht weiter und ließ ihn zurück.
Rick hörte noch ein leise herausprustendes Kichern und kam sich irgendwie ziemlich veräppelt vor.

Er wollte einen neuen Anlauf aus anderer Richtung starten, aber Seli war plötzlich erneut stehengeblieben und blinkte mit einer leichten Verwunderung nach vorne.
Rick folgte der Blicklinie und entdeckte jetzt selbst das Ziel ihre Aufmerksamkeit.
Der Pfad schlängelte sich in einer leichten Kurve um den Hang, daher war die betreffende Stelle dem Blick bisher verborgen geblieben. Nun waren sie aber nur noch ein kurzes Wegstück davon entfernt und man konnte Details ausmachen.
Er blinzelte und sah nochmal hin. Die überhängenden Bäume am Wegrand warfen ein im Wind flatterndes Muster aus Lichtflecken auf die linke Wegseite, so daß man in den Schatten vielleicht Dinge sehen konnte, die gar nicht da waren. Aber es war keine optische Täuschung.
Auf einer der sporadisch in die Landschaft gestreuten roten Parkbänke saß eine Person. Ein dunkler Umriss einer menschlichen Gestalt.

Ein Baum stand als Schattenspender hinter der Bank und beschirmte diese mit seinem Ästen in ein schummriges Zwielicht, aber es war deutlich sichtbar, daß dort tatsächlich jemand saß. Ein Mensch. Und auf sie zu warten schien.

Rick dachte an verschiedene Dinge zugleich. Daran, daß Seli gesagt hatte, daß sie die einzigen Menschen auf dem Berg waren. Er hatte nicht mehr erwartet, daß sie wirklich unrecht hatte. Und an an den Mönch mit der Kutte, der so gar nicht in das Bild zu passen schien. Wer oder was saß dort und wartete?
Er hörte ein seltsames Geräusch aus Selis Lippen entweichen, von dem er nicht recht wusste, ob es nun freudig erstaunt oder irritiert klingen sollte.
Wahrscheinlich beides zugleich.
"Der Tag hört nicht auf, neue Überraschungen zu bringen. Rat mal, wer zum Frühstück kommt..." sagte sie und hob die Hand wie zum Gruß.
Die Person auf der Bank imitierte die Geste nach einigem Zögern.
"Wer ist das?" fragte Rick, aber Seli war bereits einige Schritte vorangelaufen.
Er trottete unsicher hinterher und folgerte aus ihrer Reaktion, daß keine unmittelbare Gefahr bestand.
Als sie näher an die Bank herankamen, glaubte Rick einige Schritte lang, daß sich der ominöse Mönch doch wieder zu ihnen gesellt hatte. Die Gestalt war schwarz gekleidet und auch der Kopf wurde von einem dunklen Rahmen eingefasst, den man auf die Distanz für das Oberteil eine Kutte hätte halten können.
Als sie auf wenige Meter herangekommen waren, erkannte Rick jedoch seinen Irrtum.
Die Gestalt auf der Parkbank war eine junge Frau mit kurzen, schwarzen Haaren. Und eine so seltsame Frau hatte Rick in dieser Gegend noch nie gesehen. Sie war auf eine sehr eigenartige Weise äußerst attraktiv, charismatisch und kosmopolitisch und wirkte gerade deshalb unglaublich deplatziert in der provinziellen Landschaft.
Wie aus dem Raum und aus der Zeit gefallen.
Rick blieb vor der Bank stehen und sog fast automatisch verschiedene Details auf, um die Diskrepanz besser erfassen zu können. Um einen Anker in der Realität für diese fremdartige Erscheinung zu finden.
Die Farbe der alten Parkbank blätterte an etlichen Stellen bereits ab, und auf dem Boden davor hatten fröhliche Zecher ihrer Plastikbierflaschen verteilt, da der drahtige Mülleimer daneben bereits am Überquellen war. Die Bank selbst war mit allerlei Brandflecken und Kritzeleien verziert. Ein Antifa-Zeichen. Kevin + Lissie. Erwin ist doof. Eine verblichene Plakette "Gestiftet vom Verein der Wandervögel". Die haben sich getrennt. Der eine Teil wollte nur noch wandern. Rick musste unwilkürlich an den alten Witz denken. Und inmitten all der Gewöhnlichkeiten saß diese...
Ein Wort und ein Verdacht kamen in Rick auf. Er wollte es nicht aussprechen. Noch eine davon?

Die Frau sah an der Oberfläche aus wie ein glamuröser Filmstar aus den 20er Jahren.
Einer jener längst gegangenen Menschen, die in unseren eigenen Gedanken immer grau getönte Schemen aus der Vergangenheit bleiben, da wir sie nur von Filmen und Fotos in Schwarzweiß her kennen. Und die seinerzeit doch farbige Leben geführt hatten.
Rick erinnerte sich an eine sehr schöne, amerikanische Schauspielerin namens Louise Brooks, die er einmal in einem Bildband über die Stars jener frühen Kinozeit gesehen hatte. Ein Bildband, der ihn seinerzeit sehr beeindruckt und beschäftigt hatte.
Und da war noch etwas. Die schwarzweißen Bilder der weiblichen Stars waren später noch einmal zu ihm in einem Traum gekommen. Und hatten ein klares Zeichen zum Fortschreiten seiner Pubertät gesetzt. Und eine solche Person saß nun leibhaftig vor ihm.
Er wunderte sich kurz über sich selbst. Jeder andere Junge seines Alters hätte weit eher an ein Idol aus Film und Fernsehen gedacht, die in steriler, photoshop-gepflegter Attraktivität von modernen Zeitschriftencovern grinsten, aber ihm kam beim Anblick dieser Frau sofort ein fast vergessener Filmstar aus der Vergangenheit in den Sinn. Er sollte wirklich öfter vor die Tür gehen und mit Gleichaltrigen abhängen.

Aber die seltsame Assoziation lag nicht wirklich an ihm, wie er nochmal feststellte.
Sie mochte etwa 30 Jahre alt sein, war aber gestylt und gekleidet, als wäre sie gerade auf dem Weg zu einer hippen Hollywood-Party irgendwann im Jahr 1924.
Das schwarze Haar im kurzen Pagenschnitt jener Zeit, blasse Haut mit dezentem Make-up, einen Ring aus mehreren Perlenketten, ein enges Abendkleid nach der letzten europäischen Mode aus Paris. Und um die neue Freizügigkeit der Roaring 20s zu feiern viel Ausschnitt und lange Beine.
Das Kleid selbst war glänzend schwarz und mit funkelnden Steinchen wie mit Diamanten besetzt, so daß es bei jeder Bewegung im Sonnenlicht schimmerte, wie ein klarer Nachthimmel. Ein selbstbewußtes It-Girl, bereit zum Tanzen des Charleston am Rande des Vulkans.
Auf dem Kopf trug sie eine Art von funkelnder Tiara mit einem großen, orange glänzenden Schmuckstein, der an einer perlenbesetzen Kette in die Mitte der Stirn hing. Es war gerade dieser aus sich selbst heraus glühende Stein, der in der puren Intensität seiner Farbe das Bild einer schwarz-weißen Leinwandgöttin zu trüben schien.
Autsch. Jetzt hatte er das böse Wort doch gedacht. Keine voreiligen Schlüsse. Rick öffnete den Mund, aber es kam kein Laut heraus.
Seli war weitaus weniger respektvoll oder beeindruckt.
"Yo, Inni. Altes Haus. Was geht...?" rief sie übertrieben flapsig und winkte nochmals mit kindlichem Überschwang.

"Selene..." sagte die schöne Frau und musterte Seli mit kühlen Augen. Dann sprach sie in einer seltsamen und vokalreichen Sprache, die Rick noch nie gehört hatte.
Seli hob die Hand, um sie zu unterbrechen. "So gerne ich mich mit dir auf Altsumerisch unterhalten würde, weil es soviele nette Nuancen hat, wäre es meinem Begleiter gegenüber doch sehr unhöflich..."
Rick schien es, als würde er zum ersten Mal überhaupt bemerkt. Die Augen der Frau ruhten für einen Moment auf ihm und er fühlte eine unerfreuliche Mischung aus Erstaunen und Mißbilligung. So, als ob er nicht hier sein sollte. So, als ob er ein uneingeladener Gast auf einer elitären Party wäre. Warum ich?
Das Gefühl wurde so stark, daß er bereits drauf und dran war, auf der Stelle umzudrehen und sich weit entfernt an den Wegesrand zu stellen und verschämt zu warten. Selis Stimme riß ihn aus diesen Gedanken und das Gefühl verblasste sofort. "Tut Tut Tut..." sagte sie. "Spiel mit deinen eigenen Sachen..."
"Wenn ich mal vorstellen darf..." fuhr sie dann in einer altmodischen Geste fort. "Mein guter Freund Rick. Wir gehen gerade gemeinsam zur Schule. Schulbus verpasst. Ganz wichtige Mathearbeit und so..."
Sie deutete zwischen beiden Personen hin und her. "Und das hier ist meine hochgeschätzte Schwester Inanna. Rick - Inanna. Inanna - Rick."
Rick schluckte hart. Er hatte also recht gehabt. Leider könnte er sich auch nicht mehr der Illusion hingeben, daß sie mit Schwester irgendeine leibliche Erdenschwester mit Cosplay-Hobby meinte. Dafür wirkte die Frau auf der Bank zu sehr wie nicht von dieser Welt.

Er dachte kurz über die bisherigen seltsamen Begegnungen dieses Morgens nach.
Zuerst eine Göttin in billigen Second-Hand-Klamotten. Dann ein unheimlicher Tarnkappen-Mönch. Dann ein Robot-Monster als Teil einer Invasions-Streitmacht körperloser Aliens. Und jetzt ein ätherisches Supermodel aus den 20er Jahren, das ebenfalls aus fremden Sphären zu kommen schien.
Es war zumindest ein echtes Kontrastprogramm zu den Leuten, die man sonst so in der Gegend traf. Übergewichtige Wanderer in zu engen Neonklamotten. Aufgestylte Mountainbiker mit dicken Markenlogos auf ihren Helmen. Ein paar seltene Naturfreunde und Ökofreaks. Und ruppige Bauersleute.
Das soziale Spektrum hatte sich heute wirklich radikal geändert. Und wäre es nicht das vermutliche Ende der Welt, könnte all das durchaus faszinierend sein.

"Ähm. M´am..." sagte er leicht irritiert und tippte sich als Gruß mit zwei Fingern an die breite Krempe eines unsichtbaren Hutes. Weil er keine Ahnung hatte, wie man eine potentiell schlecht gelaunte Göttin formgerecht begrüßte, versuchte er es einfach mal so, wie der höfliche Marshall aus dem Cowboyfilm.

Inanna gab keine Antwort und beachtete ihn nicht weiter. Ihre Augen bewegten sich zurück zu Seli und verharrten dort mit einem Ausdruck fortwährenden Tadels.
"Dir ist aufgefallen, daß dort oben im Berg ein Guptenfeld aktiv ist?" fragte sie, und sprach nun trotz ihrer abweisenden Haltung ihm gegenüber ganz normales Deutsch. Die Stimme war melodisch und verführerisch an der Oberfläche, aber mit einer eisigen Strömung in der Tiefe.
"Ernsthaft..." Seli zog ein übertrieben erstauntes Gesicht und kratzte sich am Kopf. "Das muß mir glatt entgangen sein. Ich habe ein bißchen Heuschnupfen, weißt du?".
Sie zog ein schmuddeliges Stofftaschentuch hervor und schneutzte lautstark hinein. Dann stopfte sie das Taschentuch zurück, nicht ohne sich die rotzfeuchten Finger danach an ihrem Rock abzuwischen.
Rick verdrehte ein wenig die Augen. Der Kontrast zwischen der kühlen Lady aus anderen Sphären und dem jungen flippigen Mädchen ohne Manieren konnte nicht größer sein. Jeder andere Beobachter würde es so sehen. Und trotzdem hatte er keine Ahnung, ob und welche Hierarchie hier gerade vorherrschte.
Es knisterte. Die beinahe elektrische Spannung in der Luft wurde immer greifbarer und es hätte ihn nicht gewundert, wenn aus heiterem Himmel ein Blitz in den Baum hinter der Bank gefahren wäre. Nur einfach so, um die Atmosphäre reinigend wieder zu entladen.
"Es sind die Morgresch..." erklärte Inanna weiter. "Sie sind natürlich hier, um diesen Planeten zu sterilisieren und dann zu konvertieren. Ein logisches Zielobjekt.. Die Ozeanbecken geben exzellente Datenspeicher für den hive ab..."
"Jupp. Der Gedanke war mir auch schon gekommen. Jetzt, wo du es erwähnst, ich habe da hinten einer ihrer Drohnen die Hucke vollgehauen. Nervige kleine Dinger..."
"Das menschliche Gefäß hat deine inhärente Neigung zu infantilem Verhalten offensichtlich noch verstärkt..." kritisierte Inanna scharf.
"Pfffft. You´re no fun anymore..." sagte Seli.

Rick konnte schon wieder ein neues und einmaliges Erlebnis für den heutigen Tag verbuchen, daß ihm niemand glauben würde. Er war gerade leibhaftig dabei gewesen, als ein höheres Wesen Monty Python zitiert hat. Das Universum würde nie mehr der selbe Ort sein.
"Außerdem hast du das bisher über jedes Gefäß gesagt..." fuhr Seli unbeindruckt fort. "Leg dir erst mal wieder selbst eines zu, dann reden wir weiter. Du warst nicht immer so. Denk an die Tage von Gilgamesch und Enkidu. Deine Distanz zur materiellen Welt hat dich kalt und überheblich gemacht, Schwester. Außerdem musst du hier nicht die Rolle eines Erzählers übernehmen. Das ist mir alles sehr wohl bekannt und das Problem ist bereits in Arbeit..."
"Du willst mich belehren? Ausgerechnet du? Vergiß nicht dein Versagen. Vergiß nicht deine Schuld. Und die Narben, die ich wegen dir trage..."
Inanna sprang von der Bank auf. Das mit Glitzersteinen besetzte Abendkleid raschelte laut und flackerte auf wie die Geburt eines Sternenhimmels.
Sie verlor für einige Sekunden die kühle und erhabene Fassade und Rick fühlte starke Emotionen, die in unermessliche Tiefen reichten. Der orange Schmuckstein an der Tiara schien kurz heller aufzuglimmen.
Seli nickte andeutungsweise und wurde plötzlich wieder ernst und bescheiden, als wollte sie Inanna recht geben. Oder deren aufwellenden Zorn kühlen, bevor die Dinge wirklich aus dem Ruder liefen. Um welches Versagen und welche Schuld ging es hier?

Rick versuchte, so unbeteiligt wir nur möglich zu wirken. Er blickte nach hinten in den Baum, und bemerkte dort noch mehr Seltsames. Auf den Ästen der alten Eiche flankierten jeweils links und rechts zwei große Eulen die Parkbank. Die Eulen betrachteten die Szenerie aufmerksam und mit stiller Würde.
"Wie auch immer. Zurück zum Thema. Warum bist du hier? Sicher nicht als Höflichkeitsbesuch. Hast du irgendwelche Botschaften für mich? Wir sollten nicht streiten. Wir sind das Licht derselben Quelle..." Seli sprach in eher versöhnlichem Ton. Oder zumindest mit der professionellen Distanz von Wesen, die in etwas anderen Ebenen als Geschwisterstreit denken sollten.
"In der Tat. Es geht hier um mehr als unsere Differenzen. Ich wurde gesendet, um dir eine Nachricht zu überbringen. Und einen Auftrag..." murrte Inanna, und blickte Rick zum ersten Mal wieder direkt an. Die Worte blieben aber distanziert. "Menschensohn. Geh nach dort drüben. Das betrifft dich nicht..."
"Privater Familienkram. Tu ihr den Gefallen, und warte bitte ein paar Schritte entfernt..." sagte Seli.

"Du bittest die Menschen?" schnappte Inanna. "Bist du so schwach geworden?"
Rick fühlte sich wie ein Laborhamster, der als ein Exempel in einem akademischen Streitgespräch über die korrekte Behandlung bei Tierversuchen herhalten musste. Und am Ende dann sowieso seziert wurde, weil beide Teilnehmer darin übereinstimmten, daß der Zweck die Mittel heiligt.
"Naja. Ich geh dann einfach mal..." sagte er tonlos und trottete ein paar Schritte den Weg zurück.
Er hörte noch, wie Inanna auf ihn bezogen fragte „Ist er dein Jünger?“
„Nein...“ entgegnete Seli amüsiert „Er ist doch schon 16. Ich bin jünger...“

Die Diskussion zwischen den beiden Schwestern wurde gestenreich geführt, aber Rick konnte trotz der relativ geringen Distanz kein Wort verstehen.
Eine Art von Filterzauber, die gewöhnliche Sterbliche von höheren Dingen akustisch ausschloß?
Inanna deutete mehrfach nach oben zum Himmel und dann in Richtung des Berges.
Seli nickte ebenso mehrfach mit nachdenklichem Gesicht, schüttelte aber auch einige Male den Kopf, was wiederum bei ihrer Schwester zu deutlicher Verärgerung führte. Mindestens einmal schien auch Rick Teil der Diskussion zu sein, denn beide drehten sich in seine Richtung und sahen ihn an.
Das Streitgespräch war dennoch relativ schnell zu Ende. Soweit es Rick begreifen konnte, hatte Seli am Ende mit einem leicht widerwilligen Nicken akzeptiert, was ihr gesagt worden war. Inanna setzte sich zurück auf die Parkbank. Seli kam zu Rick herüber. "Fertig. Wir können weiter..."
"Weiter?" fragte Rick.
"Was sonst? Es hat sich nichts am Plan geändert. Wir gehen hinauf zur unterirdischen Basis, schalten das Guptenfeld ab und verjagen die Morgresch von eurem netten Planeten. Was dachtest du denn?"
Rick zuckte unschlüssig mit den Achseln. Irgendwo ganz tief drin hatte er befürchtet, daß nun alles anders wäre und Seli vielleicht zusammen mit Inanna in unbekannte Welten und ferne Himmel verschwinden, und die Erde ihrem trivialen Schicksal überlassen würde.
Aber nein. Sie war nicht die Person, die so etwas tun würde. Es ging schließlich um ihre Blumenwiese und ihren Gemüsegarten. Und 7 Milliarden Menschen.

"Möchtest du nicht mit uns kommen?" fragte Seli ihre Schwester mit einem versucht gewinnenden Lächeln. "Kleine Reise in die Unterwelt und so. Ein wenig nostalgisch. Vielleicht muntert es dich auf..."
Diese schüttelte den Kopf ohne weitere Regung. "Ich habe mich hier schon viel zu lange aufgehalten. Eigentlich sollten wir uns in solche lokalen Banalitäten gar nicht einmischen. Aber du kennst nun die Gründe. Erfülle deinen Auftrag..."
Inanna wandte sich jetzt doch noch einmal an Rick und sprach direkt zu ihm. Ihre Worte waren eindringlich.
"Nimm dich in Acht, Menschensohn. Diese da, sie ist nicht unbedingt all das, was sie vorgibt zu sein. Sie spricht von ihren Blumen. Sie spricht von ihren Händen. Sie spricht von der Erde unter ihren Fingernägeln. Worte. Wir sind nicht wie ihr. Sie lebt in einer Illusion für sich und für andere. Aber hüte dich vor den Wahrheiten..."
"Okay..." nickte Rick. Mehr fiel ihm nicht ein.
"Yak Yak Yak..." sagte Seli und begann eher ziellos in ihrem Rucksack zu wühlen.

"Frage dich selbst, Menschensohn..." Inannas Stimme schien auf einmal aus großer Distanz zu kommen. "Wie lautet der verlorene Name? Wie lautet der Name, der nicht mehr ausgesprochen wird...?" Die Worte verklangen in der Leere.
Und dann war Inanna auch schon ohne Abschiedsgruß verschwunden. Einfach so. Von einem Augenblick auf den nächsten war die Bank leer. Als ob dort nie jemand gewesen wäre. Sogar die beiden Eulen waren weg.
Rick war einerseits milde verwundert, andererseits aber auch ein wenig enttäuscht.
Er hatte irgendwie gehofft, daß Götter mit mehr Rabatz verschwinden. Coole Spezialeffekte und so. Hochauflösende Partikelengine. Stattdessen hatte sie sich ohne jedes Tamtam einfach zwischen zwei Wimpernschlägen aus dem Bild gestohlen.
Sowas gab es als Kameratrick auch in jeder Amateurproduktion mit Low Budget zu sehen.

"Sie war niemals wirklich hier..." erklärte Seli. "Es war nur die Projektion einer Gedankenform. Ein paar von sich selbst überzeugte Gedankenwellen. Ein bißchen Stimulus in den Sinnen und Synapsen. Ein bißchen Archetypen und ein bißchen Input aus der Geisteswelt des Betrachters. Eine multimediale Wellenfunktion..."
Sie rieb ihre Hände aneinander, als ob sie einfach die eigene Haut spüren wollte.
"Inni hält nicht mehr viel von physischen Inkarnationen. Schade. Es würde ihr wieder etwas mehr Kontakt mit dem Leben und der Schönheit des ewigen Reigens der Umwandlung von schöpferischer Energie in Kreativität bei unseren Kindern geben. Aber sie ist noch nicht soweit. Wir haben Zeit. Viel Zeit..."
"Wo ist sie gerade wirklich?" fragte Rick, und versuchte beiläufig zu klingen. So kühl und unnahbar sie auch gewesen war, das Bild eigenartiger Schönheit hatte sich in seine Gedanken gebrannt. Selbst wenn ein Teil davon wohl nur eine Projektion aus seinen eigenen Fantasien gewesen sein mag.
"Inni? Keine Ahnung. Sie mag ihre Privatsphäre. Als ich sie zuletzt getroffen habe, war sie irgendwo in einer Galaxis weit außerhalb eures optisch erfassbaren Horizonts. Wir beide halten gerne etwas Abstand..."

"Ihr versteht euch wohl nicht so gut?"
"Ach je. Das sind menschliche Maßstäbe. Für unsere Verhältnisse lief diese Konversation eigentlich ganz gut ab. Es wird wieder. Wir hatten auch schon Meinungsverschiedenheiten, bei denen ich jedem Lebewesen zu einem Sicherheitsabstand von mehreren Lichtjahren geraten hätte..."
"Hättest du mal eher sagen sollen..." Rick versuchte zu scherzen, aber es klang etwas hohl. "Dann wäre ich noch 3 Schritte weiter zurückgegangen..."
"Was du gesehen hast, als du sie angeblickt hast..." sagte Seli nachdenklich, und schien sich auf das Spiegelbild von Louise Brooks zu beziehen. Sie schwieg kurz.
Rick schnaufte resignierend. Gab es denn keine Privatsphäre mehr in seinem Kopf? Eigentlich müsste er rot werden, aber er wollte einfach nicht.
"Was du gesehen hast, war irgendwie von einer gewissen prophetischen Klarheit. Es gibt Dinge, in die man nicht blicken sollte. So wie die Büchse der Pandora..."
Rick verstand nicht und Seli schmunzelte.

"Sie ist irgendwie kalt, oder? So ganz anders als du..." wagte sich Rick mit einer Bewertung vielleicht ein paar Schritte zuweit in das tiefe Wasser.
"Emotion is for lesser beings..." zitierte Seli einen Satz, den sie offenbar als Leitlinie ihrer Schwester ansah. Und dem auch sie sich nicht ewig entziehen konnte?
"Ist das eine Weisheit aus den tiefsten Gedanken höherer Wesen von jenseits der Zeit?"
"Nö. Marvel-Comics. Jack Kirby. Das hat Galaktus gesagt. Fantastic Four. Ausgabe 50 von 1966. Ich muß dir später unbedingt mal meine Comicsammlung zeigen.Alle mit diesen Händen selbst auf Flohmärkten gekauft und gesammelt. Da stecken manchmal mehr kosmische Einsichten drin, als in eurer Schulweisheit und den verqueren theologischen Weltbildern..."
Rick verbuchte die Absurdität einer Göttin mit Comicsammlung als Nebenschauplatz unter all den anderen Seltsamkeiten des Tages. Und nicht mal als besonders schräges Beispiel. Egal. Da war noch etwas...
"Warum war sie eigentlich hier? Was war die Botschaft für dich? "
Rick war sich bewußt, daß er vermutlich aus gutem Grund weggeschickt worden war, und die Mitteilung persönlicher Natur war. Trotzdem wollte er nachhaken. Und noch etwas. "Was meinte sie mit dem Rätselspruch mit dem verlorenen Namen?"
"Wir sollten weitergehen." sagte Seli. "Die Zeit läuft uns davon..."

Sie waren von der roten Bank aus nur wenige Minuten bergan gelaufen, und hatten gerade eines der seltenen Waldstücke aus Birken und Fichten erreicht, die sich wie spärliche Moosflecken von dunklerem Grün in die grasigen Weiten des Felsenberges schmiegten, als etwas Neues passierte.
Rick hatte sich über ein wenig Schatten im Wald gefreut, denn der Vormittag schritt voran, aber gleich beim Betreten war ihm eine ungewöhnliche Kühle und stickige Trockenheit in der Luft aufgefallen.
Es schmeckte nicht nach Wald, sondern nach klinisch reinem Großraumbüro. Wie in der hippen Softwarefirma, in der er neulich ein Praktikum gemacht hatte.
Was auch nicht das gewesen war, was er sich erhofft hatte. Niemand hatte sich wirklich für seine Pläne interessiert, man hatte dort wohl nur einen Laufburschen für Aktenordner und Kaffee gesucht. Auch das hatte ihn darin bestärkt, ein autarker Internetmillionär zu werden. Und später seinen Angestellten bessere Luft zu gönnen.
Hier im Wald schmeckte es nun genauso. Ein dumpfer Hauch auf Zunge und Lippen. Selbst die Vögel waren stumm geworden.

Er wollte Seli gerade nach dem Grund fragen, der mit Sicherheit doch wieder alien-esoterisch war, als es geschah.
Er fühlte ein leichtes Prickeln auf der Haut, so als ob er durch einen Vorhang aus lauwarmem, elektrisch leicht geladenem Wasser laufen würde. Die Härchen an seinem Arm stellten sich auf und knisterten statisch.
So wie früher, wenn man über die Bildröhre des großen Wohnzimmerfernsehers gestrichen hatte. Was immer angenehm prickelte. Das hier jedoch war schwül und fremd und überhaupt mitten in der grünen Natur völlig deplatziert.
Er ging einige hastige Schritte weiter und das klebrige Gefühl auf der Haut ebbte langsam ab. Trotzdem schien die Sonne an Kraft verloren zu haben. Die sanftgelbe Morgensonne hatte einen Stich von Neonlicht bekommen.
Der Effekt auf Seli war aber weitaus deutlicher. Sie schnappte hörbar nach Luft und stieß dann einen langen und resignierenden Seufzer aus.
Sie nahm ihre Brille ab und blinzelte in das Schattenspiel auf dem Waldboden. "Es ist soweit...".
"Das Guptenfeld...?" vermutete Rick.
Seli nickte und setzte die Brille trotzig wieder auf. "Stell dir vor, du stehst auf einem sehr hohen Berg an einem wunderbar klaren Tag. Blauer Himmel. Feinste Wolken aus Eiskristallen. Ein silberner Mond auf azurblauem Samt. Schönste Landschaft bis hin zum Horizont ohne einen Hauch von Dunst. Wälder. Flüsse. Seen. Dörfer im Tal. Menschen. Tiere. Lebenslinien. Gedanken. Tiefe. Du stehst dort, und die Welt leuchtet zu dir in intensiven Farben hinauf. Und dann kommt die sternenlose Nacht, und die Welt fällt in Dunkelheit, und alles, was du noch siehst, ist ein einsam flackerndes Lagerfeuer ein kleines Stückchen unter dir..."
"Und?" fragte Rick.
"Die Nacht ist gekommen..." stellte Seli fest und breitete die Arme aus. Sie schien das Feld in jeder Zelle ihres Körpers zu fühlen.
"Das ist seltsam..." murmelte sie, und Rick bemerkte, daß sich ihre Lippen stumm bewegten, als würde sie etwas rezitieren oder mitzählen. "Da ist ein Echo in der Struktur des Feldes. Eine komplexe Verschlüsselung in mehrdimensionaler Arithmetik. Hmmm. Ein neues Rätsel?"

Mit einem Achselzucken streifte Seli die leichte Melancholie ab, die ihr das Feld gebracht hatte, und lächelte. "Aber egal. Wir wussten, daß das geschehen wird. Darum sind wir hier. Um die Antenne zu zerstören." Sie nickte grübelnd. "Ein wenig Lob würde mich jetzt trotzdem aufmuntern..."
Sie kam einen Schritt näher und sah Rick in die Augen. Dann bewegte sie ihre Hand in einer kreisförmigen Geste. "Du wirst jetzt  meine selbstgebackenen Kekse lobpreisen. Es sind die besten Kekse, die du je gegessen hat. Ja. Sie sind so gut, daß du ihnen jetzt ein Loblied singen wirst. Gehorche..."
"Sonst noch was..." murrte Rick. "So gut sind die nun auch wieder nicht..."
"Ernsthaft?" fragte Seli und wechselte ihre Stimmung von intensiv zu höflichem Interesse. "Was stimmt nicht damit?"
"Eeeeh..." sagte Rick und wiegte die Hand abschätzend hin und her. "Bißchen mehlig im Nachgeschmack. Meine Mutter hat ein gutes Rezept für ähnliche Kekse. Da können wir gerne mal tauschen. Ich kann auch mal mitbacken. Ich meine....später. Nach all dem hier..."
Das Geplänkel über Plätzchenbacken hatte ihn für einen Moment vergessen lassen, daß das Ende der Welt bevorstand. Und mit wem er sprach.
Und wenn er recht verstand,. hatten sie gerade auch noch einen entscheidenden Vorteil verloren. Warum rechnete er weiterhin damit, diesen Tag zu überleben? Würde es morgen überhaupt noch eine Welt geben, in der sich Menschen Kekse backen?
"Nach all dem hier..." bestätigte Seli mit fester Stimme.

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Veröffentlicht am 12.12.2018. Textlänge: 5.005 Wörter; dieser Text wurde bereits 59 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 16.06.2019.
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